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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Feuerland
 

14. März 2003, Punta Arenas - Rio Grande (Feuerland) via Porvenir

267 km, S 53-47-22 / W 67-41-38

Die ersten Meter noch wackelig, lenkt Erik unser Gefährt durch den Verkehr in Richtung Hafen, wo wir Tickets für die Fähre nach Povenir kaufen. Die große Gepäckrolle haben wir erstmal zurückgelassen und probieren unsere erste Tour mit "leichtem" Gepäck. Unsere Campingausrüstung werden wir vorerst nicht brauchen, aber uns ist jetzt schon klar, dass die Rolle viel zu schwer für den Gepäckträger ist. Ein paar Sachen unserer sorgfältig ausgewählten Ausrüstung haben sich bereits als überflüssig erwiesen, da wird wohl bald ein Pä ckchen nach Deutschland fällig. Hanka kann sich schwer von den Sachen endgültig trennen und Erik möchte stattdessen die wertvollen Schokoladenvorräte aus Deutschland auffuttern, um Platz zu gewinnen. Na ja, vorerst stehen wir noch nicht vor dem Problem, alles auf das Moto packen zu müssen.

An der Fähre tut sich vor halb neun gar nichts, obwohl es extra hieß, man soll spätestens um 8.00 Uhr da sein! Inzwischen wechseln wir ein paar Worte mit einem amerikanischem Pärchen, die wesentlich überladener als wir auf einer Maschine ebenfalls Richtung Feuerland unterwegs sind. Der Typ ist völlig durchgeknallt: ist die ganze Strecke von Amerika in 10 Wochen durchgefahren und will jetzt unbedingt nach Cap Horn, "to show some pictures in the States". Wir klären ihn auf, dass die Fähre nach Povenir zweieinhalb Stunden unterwegs ist und dass es anschließend noch etwa 500 km bis Ushuaia zu fahren sind - größtenteils auf Schotterpisten - er kann Ushuaia noch nicht mal aussprechen! "Well, I'm from the States, I'm used to long distances" ... ohne Worte!

Die Überfahrt ist leider nicht so schön, wie wir dachten. Wir haben zwar traumhaft schönes Wetter, aber es ist sehr windig und entsprechend kämpfen wir - wie viele an Bord - gegen die Seekrankheit.

Derweil wird unser Motorrad richtig ordentlich mit Meerwasser gewaschen, so hoch spritzt die Gischt. In Povenor glitzert die Maschine voller Meeressalz-Kristalle - vielleicht regnet es ja mal ... Das zweite Motorrad ist sogar umgekippt, dem war wohl auch schlecht.

Die erste Teilstrecke nach San Sebastian kamen wir nur mühsam voran: das erste mal Schotterpiste fahren ging ganz gut. Erik musste nur höllisch aufpassen und die ganze Ladung gut ausbalancieren. Wir hatten traumhaft schönes Wetter. Entlang am Meer ging es durch endlose Weiten, ab und zu sehen wir Guanacos, Schafe, Pferde und Wildgänse. Nach 44 km Tachostand die erste Pleite: der Kühler war überhitzt und wir mussten die Maschine erst einmal abkühlen lassen. So ging das Spiel im 10-Kilometer-Rhythmus, bis wir an einem kleinen Bach Kühlwasser nachfüllen konnten. Natürlich brauchten wir entsprechend lange, um erst einmal zur Grenze zu kommen und waren inzwischen völlig durchgefroren. Der Wind hatte es ganz schön in sich : Beim ersten Anhalten haben wir das Gefühl, uns eine besonders zugige Stelle ausgesucht zu haben. Wir fahren ein Stück weiter und auch hier jagt uns plötzlich der Wind die Kälte in die Knochen. Irgendwann realisieren wir, dass uns der Rückenwind beim Fahren Windstille vortäuscht und wir immer nur beim Anhalten den patagonischen Sturm zu spüren bekommen. Aber Erik freut sich über seine Heizgriffe und Hanka träumt davon, beheizbare Fußrasten zu erfinden. Unser erster Grenzübertritt mit dem Motorrad in San Sebastian war ein Klacks. Mitten im Niemandsland stehen auf einmal ein paar Häuschen und dort holt man seine Stempel ab. Erik wollte gerade noch mal umkehren, um diese Idylle in der Abendsonne mit der Kamera einzufangen, aber er kam und kam nicht wieder. Es soll wohl Ehefrauen geben, die manchmal an der Grenze ausgesetzt werden ... Irgendwann tauchte er wieder auf - hatte aber inzwischen einen kleinen Abstecher in den Straßengraben gemacht bei der Suche nach de r besten Position für sein Foto. Obwohl die Piste ziemlich unbefahren ist, kamen glücklicherweise gleich zwei Autos vorbei, so dass sie die Maschine zu dritt auf die Piste hieven konnten. Ein teures, nichtssagendes Foto - dafür der Seitenkoffer verbeult, die Kofferhaltung abgerissen und ein paar Schrammen mehr! Was soll's, Gott sei Dank ist sonst nichts passiert!

Eine schöne Episode dürfen wir nicht auslassen: an der chilenischen Grenze fragte man uns, ob wir zu den zwei Amerikanern auf einem Motorrad gehören, die vor kurzer Zeit ohne anzuhalten durch die Staatsgrenze gejagt sind? Wir wussten natürlich sofort, von wem die Rede war. Die Grenzposten lachten noch jetzt über die "Gringos", das war wohl für die das Erlebnis der Woche.

Die Argentinier jedoch ließen sich ziemlich Zeit mit der Ausstellung des Einreisepapieres für unser Motorrad. Hier im Süden ist die Dämmerung ziemlich kurz, so dass wir gleich am ersten Tag gegen einen unserer guten Vorsätze verstießen und von der Dunkelheit voll erwischt wurden. Die letzten 80 km bis Rio Grande heizten wir frierend durch (Gott sei Dank wieder auf geteerter Straße). Endlich in der Stadt angekommen, führte uns eine Anzeigetafel vor Augen, dass es sage und schreibe 2 Grad Celsius waren - wieder gegen einen unserer Vorsätze verstoßen!

Bibbernd begaben wir uns auf die Suche nach einer Bleibe für die Nacht, wurden aber einfach nicht fündig. Die im Reiseführer ausgeschriebene Hausnummer existierrte leider nicht und nach der Wegbeschreibung verschiedener Leute wurden wir erst nach langem Suchen fündig: Hotel Argentino. Dann gab es nur noch eins: heiß duschen und ab ins Bett.


15. März 2003, Rio Grande - Ushuaia

489 km, S 54-48-28 / W 68-18-55

Das erste Blinzeln am Morgen verriet Reisewetter. Zwar zogen dicke Wolken auf, aber wir wollten weiter nach Ushuaia und hatten noch 200 km vor uns. Wir hätten nie geglaubt, dass Feuerland so groß ist - und so so abwechslungsreich. In Tolhuin legten wir in der Panaderia (sonst gibt es dort nichts) einen Zwischenstop ein mit Empanadas, Donuts und hausgemachter Schokolade . Die Kalorien hatten wir nötig: selbst mit doppelten Handschuhen und Socken froren wir an Händen und Füßen und die vor uns liegenden Berge kündigten Regen an. Nach 70 km Schotterpiste im Regen hatten wir zwar eine herrliche Landschaft durchfahren und sogar einen Pass überquert, aber sahen aus wie die Schweine - das war absolut unter der Wohlfühl grenze für Motorradtouren! Noch schlimmer muss es aber für die ganzen Fahrradfahrer sein, denen wir immer wieder begegneten. Viele von ihnen strampeln sich von Peru oder Ecuardor bis hierher durch!!!

Auf jeden Fall bereuten wir die Entscheidung keinesfalls. Ushuaia gefiel ins ganz gut: total idyllisch gelegen vor schneebedeckten Bergen am Canal Beagle - el fin del mundo!

Es ist schon was Besonderes, in der südlichsten Stadt am Ende der Welt zu sein.

Wir fanden ein Hostal mit einer fantastisch großen Küche und beschlossen, den Abend kulinarisch mit Calamaris und Reis ausklingen zu lassen. Das gelang uns ausgezeichnet.


16. März 2003, Ushuaia

489 km, S 54-48-28 / W 68-18-55

Leider war die Nachtruhe in diesem Hostal nicht sehr ergiebig: Morgens um 6 Uhr bekamen wir Zuwachs von einem stinkenden, schnarchenden Franzosen, der seinen Rausch ausgerechnet bei uns in einem der Betten ausschlafen wollte. Die Ruhestörung hatte nur etwas Gutes: Draußen begann die Sonne ein wahres Farbenschauspiel zu malen, das wir sonst glatt verschlafen hätten.

Schnell war beschlossen, dass wir nicht gleich weiterhetzen wollen, sondern noch einen Tag länger in Ushuaia bleiben. Das Problem mit dem "Stinktier" war schnell gelöst: mittags konnten wir in ein Privatzimmer umziehen.

Erik wollte heute ein bisschen am Motorrad basteln, wir mussten noch rauskriegen, wann die Fähre nach Punta Delgada fährt und schließlich wollten wir auch das Schild vom Ende der Welt finden. Bis auf letzteres gelang uns alles.

Am Abend tobte draußen ein Sturm, dass wir es uns richtig gemütlich machten. Mal wieder stellten wir unser Improvisationstalent auf die Probe und zauberten unseren Lieblingssalat (Mexikanischer Salsa-Salat: weder in Chile noch in Argentinien gibt es Taco-Chips und hier noch nicht mal Salsa-Sauce, sondern nur Ketchup, was man sich scharf machen kann - wer hätte das gedacht in Südamerika!!!). Als dann auch noch Strom und Wasser für eine Stunde weg waren, fühlten wir uns wirklich am Ende der Welt.


17. März 2003, Ushuaia - Rio Grande

720 km, S 53-47-22 / W 67-41-38

Erneut galt morgens der erste Blick dem Wetter. Statt Regen stiebten heute mal die Schneeflocken vor unserem Fenster rum. So gut war also die Internet-Wettervorhersage auch nicht. Da mussten wir wohl jetzt durch, wenn wir nicht noch einen Tag bleiben wollten. Wer weiß, vielleicht war das dort draußen der Anfang vom Winter ... Also Klamotten packen, Thermoskanne auffüllen und Motorrad beladen.

Aber bevor wir Feuerland hinter uns lassen, mussten wir noch "das Schild" finden. Im Hostal wusste niemand, wo genau das Ende der Welt ist. Wir hatten eine Vermutung und fuhren zum Cerro Martial. Zwar hatte man einen tollen Ausblick über die Stadt und den Canal Beagle, aber "das Schild" fanden wir dort leider auch nicht. Was soll's, noch mal volltanken und dann sehen wir zu, dass wir nach Rio Grande kommen. Tanken war eine super Idee, denn beihnahe neben der Tankstelle befindet sich ... "das Schild": El fin del mundo.

Die Fahrt nach Tolhuin wir bitter kalt für uns. Wir freuen uns die ganze Zeit auf den Aufwärmstop in der Panaderia und arbeiten Kilometer für Kilometer ab. Die umliegenden Berge haben deutlich mehr Schnee als noch vor zwei Tagen.

Gerade als die Asphaltstraße beginnt, kurz nach Tolhuin, werden wir von heftigstem Seitenwind begleitet. Die Sturmböen drücken uns fast vom Motorrad und Erik muss die Maschine extrem schräg halten, um auf der Strecke zu bleiben. Selbst bei Vollgas sind mehr als 80 km/h nicht drin. Wir schaffen es gerade so bis Rio Grande und sind froh, nicht schon wieder nach einem Hostal suchen zu müssen (in einer Stadt, wo es offenbar keine gibt).

Wir werden freudestrahlend von der Herbergsmama begrüßt. Zehn Minuten nach uns trudeln drei weitere Motorräder auf dem Hof ein: Anke und Ulf aus Bonn zusammen mit Tim aus New York. Es wird ein sehr netter Abend, an dem wir unheimlich viel aus den 8 Monaten ihrer Südamerikatour erfahren. Tim haben sie schon einige male unterwegs wieder "aufgelesen", man trifft sich halt meistens immer wieder. Wir erzählten gleich, dass noch ein (allerdings verrücktes) amerikanisches Pärchen unterwegs sei. Anke brauchte nur zu fragen: ist denen das Motorrad auf der Fähre umgekippt und trägt die Frau knallpinken Lippenstift wie bei voller Fahrt aufgetragen? Es war sonnenklar, um wen es ging: TJ und Diane. Anscheinend waren die beiden nicht nur an der Grenze bekannt. Wir kamen erst halb zwei ins Bett mit einer kompletten Liste der besten Hostals bis Guatemala. Dort haben die beiden ihre Tour vor 8 Monaten gestartet. Ulf ist das erste Stück der Panamerikana bereits vor 4 Jahren mit dem Motorrad gefahren von Alaska bis Guatemala.


18. März 2003, Rio Grande - Punta Arenas via Manantiales

1155 km, S 53-09-48 / W 70-55-03

Kurz nach den anderen brechen wir auf. Der Sturm hat noch bis morgens um fünf getobt, doch schl agartig aufgehört. Wie wir später erfahren, sind wir gestern bei Windspitzen von 140 Stundenkilometern gefahren ... Wir müssen bis Mittag in Manantiales (Bahia Azul) sein, um die letzte Fähre vor der Ebbe zu erwischen. Das klappt auch. Hier treffen wir sie alle wieder: Anke + Ulf, Tim, TJ + Diane (sie haben es nicht bis nach Cap Horn geschafft, das Wetter war zu kalt, und auch nicht in einem "Ritt" nach Ushuaia), schließlich noch Duck + Marry aus Colorado, die mit ihren 56 Jahren wiklich zu bewundern sind. Das gibt ein tolles Bild: sechs bepackte Bikes, die alle auf die Fähre wollen.

Nachdem erst eine halbe Ewigkeit lang ein Bus repariert werden musste, der nicht von der Fähre kam, durften wir endlich drauf. Inzwischen hatte die Ebbe kräftig zugelegt, so dass wir nun nicht mehr von der Fähre runterfahren konnten.

 

Hanka und Erik
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