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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Entlang der Routa 40 in Südpatagonien


19. März 2003, Punta Arenas - Puerto Natales

1473 km, S 51-43-37 / W 72-30-36

Wir freuten uns auf Eduardos Frühstück: neben den in Chile obligatorischen "Schuhsohlen"-Brötchen (nur warm sind sie einigermaßen genießbar) gab es Eier und leckeren Apfelkuchen.

Das Packen brauchte dann wieder seine Zeit - Ulf und Anke warteten bestimmt eine Ewigkeit, bis wir unser ganzes Zeug endlich verstaut hatten. Die beiden sind schon um einiges geübter, aber da werden wir hoffentlich auch noch hinkommen. Wir wollen heute alle zusammen bis Puerto Natales fahren und vorher bei den Pinguinen stoppen. Wenn uns das Fährabenteuer erspart geblieben wäre, hätten wir schon gestern den Pinguinen einen Besuch abgestattet. Man kann die putzigen Gesellen am besten am späten Nachmittag beobachten - tagsüber sind die wohl beim Tauchen.

Vorher machen wir noch einen kurzen Abstecher zur Zona Franca, finden aber weder eine Bauchtasche für Hanka noch sonst irgend etwas Nützliches. Dafür lohnt sich der Besuch des Friedhofes. Wir haben schon einiges davon gehört - und die Gräber sind auch tatsächlich außergewönlich, zum Teil mit den unglaublichsten Sachen dekoriert: es gibt richtige "Schaukästen" mit Sonnenbrillen, Portemonaie oder sonstigem Krimskrams der Verstorbenen - ganz schön gruselig.

Wir haben heute unsere Premiere: zum ersten Mal muss Erik die Honda mit all unserem Gepäck fahren! Das wird allein schon in Punta Arenas so anstrengend, dass Erik zweifelt, mit dieser Ladung überhaupt mehr als 100 km zu schaffen - Schotterpisten schon gar nicht. Ratlosigkeit. Ulf bietet uns an, das Zelt auf seine BMW zu nehmen, sollten wir arge Probleme mit dem Gewicht bekommen. Mittlerweile sortiert auch Hanka schon mal in Gedanken aus, was wir alles in Puerto Natales nach Hause schicken.

Irgendwie ging es erstmal doch: selbst die schlammige Piste nach Sena Otway meisterte Erik gut, auch wenn es manchmal nur mit Absteigen weiterging. Dort warteten noch die letzten Pinguine auf uns, denn allmählich scheint es denen auch hier zu kalt zu werden. Herrlich, wie die in ihrem Frack in Reih und Glied durch die Landschaft watscheln. Hanka hat es ganz spontan hinbekommen, einen kleinen Film über einen der kleinen Kerle mit der Digi-Cam aufzunehmen - aus nächster Nähe - und ist ganz stolz auf diesen ersten "Movie". Vielleicht kann man den auf die Homepage mit einbauen.

Ziemlich spät erst kamen wir weiter. Wir hatten noch gute 200 Kilometer vor uns und die Sonne stand schon recht tief. Diese Lichtstimmung sorgte andererseits für unglaublich schöne Bilder: 4 Motorräder kurven mit Staubfahnen durch die Piste, dem Himmel entgegen - diese Bilder werden ganz sehr in uns bleiben.

Schon wieder mal im Dunkeln erreichen wir endlich unser Tagesziel. Anke und Ulf führen uns direkt zu einem richtig schönen Hostal (steht übrigens mit ganz oben auf der "Hostal-Wohlfühl-Liste). Wieder einmal sind wir total durchgefroren und die letzten 100 km kann uns nur der Gedanke an den Lachs weitertreiben, von dem uns die beiden schon vorgeschwärmt haben. Da wir den ganzen Tag seit Eduardos Frühstück nichts mehr gegessen oder getrunken haben, macht sich entsprechend Kohldampf breit. Gerade mal die Thermosflasche Tee haben wir zu fünft frierend in einer Bushaltestelle noch aufgeteilt.

Der Lachs war köstlich: eine riesige Portion frischen Fisch für umgerechnet nicht mal 4 Euro! Dazu gab es das wohl leckerste Kartoffelpü aller Zeiten! Dieses Leckerbissen hatten wir uns verdient!


20. - 24. März 2003, Puerto Natales

1473 km, S 51-43-37 / W 72-30-36

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Ursprünglich wollten wir nur 2 Tage hierbleiben und zusammen mit den anderen an den Motorrädern schrauben, bevor sich unsere Wege wieder trennen. Obwohl uns das Hostal total gut gefiel und wir eine schöne Zeit mit Anke und Ulf verbrachten, blieben wir doch recht unfreiwillig 2 Tage länger als geplant.

Erik war ganz fleißig: die Benzinstandsanzeige funktioniert jetzt zum ersten Mal und der Seitenkoffer ist nach dem Ausrutscher auf Feuerland wieder ausgebeult. Außerdem ist er endlich dem Kühlerproblem auf die Spur gekommen: der Thermoschalter funktioniert wohl nicht mehr, so dass der Lüfter nicht anspringt. Den Kühler kann man zum Glück jedoch auch manuell starten. Mittlerweile hat die Honda auch die erste Wäsche bekommen - wahrscheinlich hätte man anonsten kaum noch eine Schraube durch die Dreckschicht ausmachen können. Hanka hat inzwischen die Zeit ganz gut rumgebracht und war in erster Linie für's Essen zuständig - die klassische Rollenverteilung. Außerdem musste sie Schrauben auftreiben (tornillos) und Glünbirnen (bombillas) besorgen.

Endlich haben wir es auch geschafft, dass die hiesigen Computer einen USB-Stecker erkennen. Wir konnten sogar unsere Bilder hochladen, allerdings schluckte das Postfach nur 18 von 180 Fotos bei enorm langen Ladezeiten. Jetzt ist die Seicherkapazität unserer e-Mailbox erst mal völlig ausgereizt bis es Gunni gelingt, die Bilder auszulesen. Auf jeden Fall müssen wir uns eine andere Möglichkeit überlegen, wie wir unsere Reisefotos ins Internet bringen - es war jedoch einen Versuch wert.
Apropos Bilder - Erik hat es so ganz nebenbei geschafft, den Pinguin-Film aus Versehen zu löschen...

Dann packten wir sorgfältig ein Päckchen mit Krimskrams, den wir wieder nach Hause schicken wollten. Die Postfrau offenbarte uns dann, dass uns der Krimskrams etwa 25 EUR kosten würde, weil man in Puerto Natales nur mit Luftpost verschicken könnte. Die Aktion ging also völlig in die Hose und wir ließen ein paar Sachen einfach zurück. Den nächsten Versuch auf dem Seeweg werden wir in Puerto Montt machen.

Da die Herbergseltern Marcelo und Leona ganz lieb und hilfsbereit waren, nutzten wir die Gelegenheit, um mit unseren Lieben zu Hause zu telefonieren. Ein 3,25-minütiges Gespräch nach Österreich kostet 4.000 Pesos (etwas mehr als 5 EUR!!) - von zuhause nach Chile sind es sage und schreibe 6 Cent/Minute! Die stille Post funktionierte jedoch wunderbar, so dass wir mit Hankas Eltern, Mama Wien und mit Gunni telefonieren konnten. Das war wirklich schön und wir haben endlich auch in Kurzfassung einen Überblick über die Situation im Irak bekommen. Hier gibt es nur den spanischen CNN, aber wir sind leider noch weit davon entfernt, die Zusammenhänge zu verstehen.

Für uns wird es Zeit zum Weiterfahren. Hanka hat am Sonntag eine gute Stunde damit verbracht, alle Sachen zusammenzupacken. Erik versucht indessen, die Honda in Gang zu bringen. Sie springt einfach nicht an, obwohl noch einen Abend zuvor alle Macken beseitigt schienen. Leider ließ sich die Maschine auch mit Starthilfekabel nicht zum Anspringen überzeugen und Erik hatte nach 3 Tagen Schrauben die Nase gestrichen voll. Es schien, als stimme etwas nicht mit dem Benzinzufluss, aber alle Leitungen waren okay. Nachdem die Honda 3 Stunden lang Streicheleinheiten bekommen hatte, konnte Erik vielleicht 1 Kilometer fahren, um dann stehenzubleiben. Der Motor ging einfach aus. Langsam war Erik mit seinem Latein am Ende. Die ganzen Kinderkrankheiten und Zicken der letzten Zeit passten einfach nicht zusammen. Wir schoben die Honda zur Tankstelle und probierten zu guter letzt, 5 Liter mehr in den Tank zu kippen. Von da an lief sie. Blieb also nur die Möglichkeit, dass etwas mit der Benzinpumpe nicht stimmt. Das würde bedeuten, dass die letzten ca. 6 Liter Tankinhalt nicht zur Verfügung stehen. Für die nächsten Touren durch die Pampa Argentiniens könnte das kritisch werden! Jedenfalls wollte die Honda noch einen Tag länger bleiben - genau wie Anke ...

Unseren letzten gemeinsamen Abend verbrachten wir erneut im Stammrestaurant bei Lachs und Kartoffelpü. Wer weiß, wann es so etwas Leckeres das nächste mal gibt. Die netten Abende mit Anke und Ulf werden uns richtig fehlen. Hoffentlich treffen wir uns mal wieder!

Tim hatte sich leider schon vor ein paar Tagen verabschiedet und ist mit dem Schiff nach Puerto Montt weiter: "Always keep the rubber side down!"


24. März 2003, Puerto Natales - El Calafate, via Cerro Castillo und Esperanza

1859 km, S 50-20-05 / W 72-15-39

Am Morgen kam der große Test: Springt die Honda an? Und siehe da, endlich konnte die Reise weitergehen. Anke und Ulf wollten am Nachmittag zum Torres del Paine aufbrechen, um sich dort morgen die Torres anzusehen. Sollten wir also auf den ersten 120 Kilometern liegenbleiben, können wir in ein paar Stunden mit der "fahrenden Tankstelle" und mit Starthilfe rechnen :-) Zunächst fiel uns der Abschied von den beiden ziemlich schwer. Wäre nett gewesen, wenn sich unsere Route auch weiterhin gekreuzt hätte, aber Buenos Aires liegt leider nicht gerade auf dem Wege.

Diesmal schafften wir immerhin schon 56 Kilometer bis zur nächsten Panne. Bei diesem Schnitt haben wir ja noch einiges vor uns ... Gerade als wir unseren Schwamm verloren, merkte Erik, dass sich ein Benzinhahn gelockert hat und wir Benzin verlieren. Das Problem ließ sich zum Glück schnell beseitigen, aber natürlich fragten wir uns, wieviel Sprit wir schon verloren hatten. Vamos a ver - wir werden sehen. In Cerro Castillo (gleich an der Grenze zu Argentinien) gab es dann auch tatsächlich eine "Tankstelle" - man musste sie nur finden. Das nächste mal müssen wir einfach auf eine kleine Holzhütte achten - es könnte sich ja eine Zapfsäule darin verbergen. Es war die teuersten 5 Liter Sprit, die wir je getankt haben!

Zwischen chilenischer und argentinischer Grenze kommt uns doch tatsächlich ein Landrover mit dem Kennzeichen von Stade (ist gleich bei Hamburg) entgegen - einfach so in der Prärie. Die Welt ist klein.

Auf argentinischer Seite hatten wir das Glück, durch unendliche Baustellen zu fahren. Die provisorische Ausweichpiste ist nicht gerade für Motorräder ausgelegt. Wir kamen nur sehr langsam voran und die ersten Schrauben sprangen von Bord (unser Deutschland-Kennzeichen hätten wir auf diese Weise fast verloren).

Irgendwann stießen wir auf Asphaltstraße, aber das war das sichere Zeichen, dass wir den Abstecher nach El Calafate nicht gesehen haben und jetzt 100 km Umweg über Esperanza fahren. Na ja, zumindest ist die Straße gut und wir treffen direkt auf eine Tankstelle. Leider steuerten wir jetzt aber genau auf schlechtes Wetter zu. In der Prärie ziehen die Wolken so tief, dass man die Regenvorhänge richtig sehen kann. Wir schlängelten uns mit viel Glück immer mit etwa einem Kilometer Entfernung an den dunklen Vorhängen vorbei. Für Aufregung sorgten aber noch zwei Nandus, die wir um ein Haar überfahren hätten. Die Viecher vertrauen anscheinend sehr darauf, dass sie geschützt sind...

Die letzte Etappe nach El Calafate war traumhaft schön. Vor uns lag ein weites Tal wie in der Sierra Nevada. Auch El Calafate selbst ist um einiges schöner als Puerto Natales (wenn vielleicht auch ein bisschen zu touristisch).


25. März 2003, Ausflug zum Gletscher Perito Moreno

2030 km, S 50-20-05 / W 72-15-39

Heute hatten wir gerade mal 160 Kilometer vor uns - ein leichtes Spiel nach der gestrigen Tour. Wir waren gespannt auf ein weiteres Highlight Südamerikas, den Gletscher Perito Moreno. Wir hatten gehört, dass man so nah an den Gletscher heran kommt, dass man das Eis förmlich knacken hört. Außerdem besteht die Chance, ein Riesenstück Gletscher abknacken zu sehen.

Das Naturschauspiel begann schon wie beim Gletscher Grey einige Kilometer vorher. Trotz des wolkenverhangenen Himmels strahlte uns die riesige Eiszunge in türkisblauen Farbtönen schon von weitem entgegen. Anders als im Nationalpark Torres del Paine schien dies hier aber nicht das Mekka für Trekker zu sein - stattdessen für faule Touristen, die zu hunderten in Bussen direkt bis an den Gletscher herangekarrt werden.

Dennoch, der Perito Moreno hat uns ziemlich beeindruckt. Da steht man direkt einer 60 Meter hohen Eiswand gegenüber und es knistert und knackt wie bei einem Feuerwerk. Selbst die kleinsten Eisbrocken krachen mit einem irren Getose in die Tiefe. Von weitem denkt man, dass man gerade einen Riesenbrocken verpasst haben muss - ein unglaubliches Naturschauspiel! Dennoch finden wir es besser, dass man sich im Torres del Paine den Blick auf einen Gletscher erst "erarbeiten" muss. Für uns wird ein Gletscher immer etwas ganz Besonderes sein (demnach sind wir eigentlich "Alaska-Kandidaten", Ulf hat uns schon einiges erzählt).

Zur Abwechslung hat Hanka heute endlich auch mal was am Motorrad reparieren können. Das Meeressalz hatte mittlerweile die Kontakte im Schalter der Heizgriffe völlig aufgefressen. Nun musste das ganze Teil auseinander gefummelt und wieder zusammengefriemelt werden - das ist doch genau das richtige für eine ruhige Hand.

Schon seit Tagen freuen wir uns darauf, richtig gutes, argentinisches Steak essen zu gehen. Die beiden Jungs, die wir im Torres del Paine getroffen haben, gaben uns einen heißen Tipp für El Calafate. Tatsächlich wurde das Abendessen zum Festschmaus: Hanka probierte patagonisches Lamm vom Grill (eine Portion, die man kaum schaffen kann, kostet gerade mal 12 Pesos - 4 EUR) und Erik gab sich dem Rumpsteak hin (für sage und schreibe 8 Pesos - etwa 2,70 EUR). Das Fleisch war so fabelhaft lecker und saftig - danach wird uns wohl noch öfter der Zahn tropfen, Yummi, Yummi. Hanka hat noch nie so schmackhaft Lamm gegessen - eigentlich mag sie nicht mal welches ...


26. März 2003, El Calafate - El Chaltén

2247 km, S 49-19-55 / W 72-53-01

Gleich morgens packen wir unseren Kram zusammen und brechen auf nach El Chaltén. Dort wollen wir uns das zweite Highlight des Nationalparkes "Los Glaciares" ansehen: den "Fitz Roy". El Chaltén ist erst in den letzte paar Jahren entstanden und soll noch ein richtiger Geheimtipp für Trekker sein. Hier zahlt man noch nicht mal Eintritt in den Nationalpark (im selben Park berappt man am Perito Moreno schon 20 Pesos pro Nase!).

Wie biegen zum ersten mal auf die Ruta 40 ab, die sich gleich von ihrer schönsten Seite zeigt: vor uns breitet sich eine völlig irreale Landschaft aus. Ein glasklarer, türkisgrüner Fluss zieht sich durch gelbe Steppe ohne jegliches grün, dahinter "tiger-tatzen-ähnliche" Berge, an die sich blauer Himmel anschliesst. Das passt alles nicht zusammen und ist doch irgendwie schön. Beim Motorrad-Picknick können wir dieses Bild richtig auf uns wirken lassen.

Nach 120 km kommt der Abzweig nach El Chaltén, wo wir zwar in Richtung Berge, aber auch in Richtung dunkler Wolken abbiegen. Hier offenbart sich uns eine üble Schotterpiste - die "richtige" Straße wird gerade noch gebaut. Die Honda kämpft sich langsam durch Sand und Schotterhaufen - hier darf es nicht regnen ... Wir erhaschen von weitem einen Blick auf einen kleinen Gletscher - der Nationalpark scheint seinem Namen alle Ehre zu machen. Endlich in El Chaltén angekommen sind wir auf den ersten Blick ziemlich enttäuscht: ein kleines Nest ohne irgend etwas Nennenswertes. Wir versorgen uns mit einer Auswahl an Trekkingrouten und quartieren uns in eine der Jugendherbergen ein. Beim Thema Supermarkt scheitern wir hier schon - wir finden nur einen Souvenirladen, der auch (superteure) Lebensmittel verkauft. An Internet ist im ganzen Ort nicht zu denken - das haut uns wirklich um! Dabei hat Gunni (unser Administrator) heute seinen 25. Geburtstag und wir können noch nicht mal einen Gruß schicken!!! Lieber Gunni, wir denken an Dich!

Es fängt an zu regnen und in der Herberge ist es bitter kalt. Anscheinend scheint das aber niemanden zu stören - der Herbergsvater (ein Heavy Metal Freak) vertröstet uns, das er am Abend den Kamin anheizen wird. Wir können uns ja schon mal selbst einheizen und kochen erst mal Pasta. Nach gut einer Stunde wird es endlich warm - und leider kriegen wir auch Zuwachs in unserem Zimmer, das wir nun schon wieder mit zwei stinkenden Typen teilen. Wir werden wohl künftig erst mal auf Domitories verzichten - man weiss nie, wohin mit dem ganzen Zeug (allein unsere Helme und Motorradklamotten nehmen ordentlich Platz weg) und hat nie das Gefühl, es einigermaßen sicher wegpacken zu können.


27. März 2003, El Chaltén - Lago Cardiel

2478 km, S 49-01-41 / W 71-10-05

Der obligatorische Blick auis dem Fenster am Morgen verheisst nichts Gutes: es regnet und der Fitz Roy ist - wie all die anderen umliegenden Gipfel - nur zu erahnen. Da sich schon gestern die Wolken hier hartnäckig zu halten scheinen, sind wir recht unschlüssig, wie wir den Tag angehen wollen. Die Socken hängen frisch gewaschen noch nass auf der Leine und in Anbetracht des Packaufwandes sind wir prinzipiell dafür zu begeistern, länger als eine Nacht zu bleiben. Andererseits hält uns hier auch nicht vie: bis der Kamin wieder brennt, vergehen noch Stunden. Bis dahin frieren wir hier und der Ort hat ein gar nichts zu bieten - für Wandern im Regen sind wir mit unseren Turnschuhen auch einfach nicht ausgerüst, das hatten wir ja schon im Torres el Paine. Wir beschließen, den Fitz Roy sausen zu lassen und unseren Kram zu packen. Bis Mittag hörte sogar der Regen auf, aber die Wolken schienen sich hie einfach festgebissen zu haben.

Wir wagten die Tour zurück zur Ruta 40, aber die 80 Kilometer wurden zurm (Trans-)Alptraum. Wir hatten noch nicht mal 1/4 der Strecke geschafft, als uns bewusst wurde, dass wir uns auf eine Schlitterpartie eingelassen hatten. Die Piste war streckenweise so schlammig, dass man nur noch auf ein Wunder hoffen konnte. Uns kamen zwei Radfahrer entgegen, die wir gestern schon überholt hatten. Nach den Schlammspuren zu urteilen, müssen sich die beiden ordentlich lang gemacht haben. Wir hielten kurz, um dieses Disaster mit der Kamera festzuhalten - ein großer Fehler!!! Obwohl der Straßenrand einigermaßen trocken zu sein schien, war dieser erst recht vom Regen aufgeweicht und wir kamen einfach nicht mehr von der Stelle. Die Räder bekamen "Plateau-Profil" und schon rutschte die Honda zur Seite. Es schien fast aussichtslos, in diesem abschüssigen Gelände Halt zu finden, um die Honda wieder aufzurichten. Mit aller Kraft schafften wir es dann doch irgendwie und beschlossen, dass Erik die schlimmsten Stückchen allein fährt. Hanka war es völlig egal, ob sie 40 km in Motorradkluft zu Fuß zurücklegt - es war einfach zu gefährlich und wir wollten die Maschine nicht aufs Spiel setzen. Zum Glück wechselten die Schhlammfelder schnell wieder mit befahrbaren Schotter ab, so dass Erik immer wieder Hanka aufsammeln konnte. Obwohl uns gar nicht zum Lachen zumute war, mussten wir über Hankas schwere Stiefel schmunzeln, deren Sohlen inzwischen Plateauschuhsohlen-Niveau aus Schlamm angenommen hatten. So kamen wir jedenfalls kaum voran. Irgendwann kam ein Auto und Hanka entschied spontan, die letzten 35 km bis zur Ruta 40 zu trampen. Trotz der Schlammspuren funktionierte das und Hanka machte Bekanntschaft mit einem netten, Deutsch sprechenden Argentinier. "Hier braucht man Allrad", war eine seiner ersten Bemerkungen. Erich erzählte außerdem, dass die ganzen letzten Wochen fast nur schlechtes Wetter in El Chaltén war. Wer weiß, wann der Fitz Roy mal wieder aus seinem Wolkenmantel hervortritt. Wir haben also offensichtlich richtig entschieden. Auf unserer Tour werden wir noch viele schöne Berge sehen und ein "unbedingt" wollen wir uns abgewöhnen - schon komisch, vor vier Wochen hätten wir das bestimmt noch anders gesehen ...

Endlich auf der Ruta 40 angekommen, fahren wir Richtung Tres Lagos. Obwohl der Ort schon seit Hunderten von Kilometern angekündigt wir, erfahren wir einmal mehr, dass Entfernungen in Patagonien einfach eine andere Rolle spielen. Man denkt wunder was für eine Stadt kommt, aber wir finden ein Kaff vor, in dem es gerade mal einen kleinen Laden gibt. Von 3 Seen (Tres Lagos) hat wohl jemand mal geträumt und den Ort danach benannt. Wir decken uns erstmal mit Lebensmitteln und Benzin ein und fahren weiter.

Unser Tagesziel soll La Primera Argentina sein (am Lago Cardiel), 85 km von Tres Lagos. Noch immer fahren wir auf der Ruta 40 und sind gespannt, was uns erwartet. Einige Leute hatten uns gewarnt, dass die Ruta 40 zwischen Tres Lagos und Perito Moreno extrem gefährlich sei. Auf dieser Schotterpiste lassen angeblich jedes Jahr viele ihr Leben, da es extrem böige Winde gibt, die die Fahrzeuge von der Piste weht. Entweder haben wir einfach Glück mit dem Wetter oder wir sind zu gutgläubig. Auf jeden Fall können wir uns gar nicht vorstellen, weshalb die Strecke so berüchtigt sein soll. Aber mal sehen, vielleicht erleben wir ja noch die große Überraschung? In puncto Sprit müssen wir auf dieser Strecke nur aufpassen (gerade die Honda war ja bereits für einige Überraschungen gut und wir wissen noch immer nicht, ob die Benzinpumpe funktioniert). In der argentinischen Pampa sind die Tankstellen nur rar gesäht und in den letzten drei Stunden ist uns kein einziges Fahrzeug mehr entgegen gekommen.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir die Estancia La Primera Argentina. Hier wohnt (in the middle of nowhere) ein alter Mann, bei dem wir uns Trinkwasser abfüllen und - gut erzogen, wie wir sind - um Erlaubnis fragen, am See campen zu können. Trotz unserer wenigen Wörter Spanisch verstehen wir uns einigermaßen, aber seine freundliche Einladung in sein Haus müssen wir leider ablehnen. Wir kommen in Zeitnot, denn die Sonne geht gleich unter und wir sind spät dran für's Zelten.

In Rekordzeit enladen wir das Motorrad, bauen das Zelt und unser Nachtlager auf, kochen Wasser für Kartoffelpü und suchen Holz zusammen für ein Lagerfeuer. Zufrieden sitzen wir bei Wein am Lagerfeuer und genießen die Idylle und den Sternenhimmel. Hanka hat noch nie so viele Sterne gesehen wie hier - und siehe da, sogar Sternschnuppen.

Als wir im Zelt liegen wird uns bewusst, wie die Ruhe doch gut tut. Mit welch Geräuschkulisse man normalerweise so einschlafen muss!!!


28. März 2003, Lago Cardiel

2478 km, S 49-01-41 / W 71-10-05

Wir werden mit einem strahlend blauen Himmel und den ersten Sonnenstrahlen wach. Die Nacht war kalt, aber wir müssen trotzdem kurz in das klare Wasser des Sees eintauchen. Nach dieser erfrischenden Abkühlung sitzen wir eingemummelt beim Frühstück und recherchieren unsere Lebensmittelreserven. Wir haben noch Eierkuchenmehl und Öl, ein paar Nudeln, Milchpulver und Kakao sowie Tütensuppen. So ist schnell beschlossen, dass wir in dieser wilden Idylle bleiben und erst morgen weiterfahren. Endlich mal einen Tag ausspannen, faul in der Sonne liegen, ein Buch lesen. Kaum zu glauben, aber genau das ist in den vier Wochen unserer Reise bisher zu kurz gekommen!

Erik entdeckt am Nachmittag ein Gürteltier, leider existiert kein Foto. Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten, wir genießen einfach!


29. März 2003, Lago Cardiel - Bajo Caracoles

2737 km, S 47-26-38 / W 70-55-39

Wir können uns nur schweren Herzens vom Lago Cardiel trennen, aber die Nächte sind kalt und wir müssen weiter Richtung Norden.

Der Kurs ist noch immer die Ruta 40, wir erleben eine völlig unspektakuläre Fahrt. Die Landschaft ist weit, weit, weit und öde, öde, öde. Hanka lernt ein neues, spanisches Wort: Guardaganados (das muss wohl Viehgitter bedeuten). Selbst Verkehrsschilder sind in dieser Pampa eine willkommene Abwechslung. Als kurze Actioneinlage hat Erik ein Wettrennen mit einem auf der Piste stehenden Guanaco gestartet - das Guanaco hat natürlich gewonnen. Unglaublich, die haben ordentlich was an km" drauf!

Mit Sonnenuntergang trudeln wir in Bajo Caracoles ein. Der Tankstellenwart ist gleichzeitig Hotelier, Supermarktverkäufer und Restaurantchef in einem, was mal wieder bezeichnend ist für den Ort an sich. Aber praktisch, so sind auf einen Schlag alle Bedürfnisse befriedigt. Unter Restaurant versteht man hier, dass man das Abendessen der Familie auf den Tisch bekommt. Um neun Uhr wurde dann reichlich serviert - es gab Spaghetti Bolognese (das Hackfleisch wird hier durch "richtiges" Fleisch ersetzt, wir sind schließlich in Argentinien!).

Während wir auf das Essen warteten, machen wir Bekanntschaft mit einem deutschen Rentnerpäarchen, die seit 7 Wochen mit dem Wohnmobil in Chile und Argentinien Urlaub machen. Sie erzählen uns von einem Amerikaner, den sie als Anhalter mitgenommen haben und der gerade draußen sein Zelt aufschlägt. Der Typ reist inzwischen seit 21 Jahren durch die Welt - dass es solche Leute wirklich gibt ...!! Zu unserer Überraschung haben sie vor ein paar Tagen auch noch Anke und Ulf im Torres del Paine getroffen! Wir denken oft an die beiden.


30. März 2003, Bajo Caracoles - Cochrane via Paso Roballo

2938 km, S 47-14-47 / W 72-31-56

Heute verlassen wir die Ruta 40 und wollen über den Paso Roballo nach Chile fahren. Unser weiterer Weg nach Norden soll uns dann über die Carretera Austral führen - Erik ist schon ganz Feuer und Flamme.

Das Wetter ist - wie schon seit Tagen - traumhaft. Aus diesem Grund können wir uns gar nicht erklären, wo die riesigen Pfützen auf der Piste herkommen.

Die Pfützen wurden nach und nach zu Wasserlöchern und es dauerte nicht lange und wir erleben unseren ersten gemeinsamen Sturz - natürlich mitten in den Schlamm. Dabei sah der Boden eigentlich einigermaßen befahrbar aus. Na ja, man kann halt auf Schmierseife nicht unbedingt Motorrad fahren. Dummerweise war Hankas Fuß zwischen Seitenkoffer und Fußraste eingeklemmt, was uns beide einen ziemlichen Schrecken versetzte. Erik brachte Bärenkräfte auf und hievte das 300 Kilo schwere Geschoss allein hoch! Er konnte selbst nicht glauben, wie er das geschafft hatte! Zum Glück ist nichts passiert, wir sahen nur aus wie nach einem Schlamm-Catchen, von der Honda ganz zu schweigen! Also begann das Spiel von vorn - Hanka würde die kritischen Stücke einfach laufen. Die Chancen verbessern sich deutlich, wenn Erik sich allein mit der Honda durch die Schlammwüste wühlt.

Keine fünf Minuten nach dem Sturz (der Sternschnuppenwunsch hatte sich leider nicht erfüllt), kam Hanka den ersten Hügel hinaufgeschlurft - und traute ihren Augen nicht. Die Honda lag in der nächsten Schlammsuhle und Erik stand mit einem Grinsen daneben. Ob wir es heute noch bis zur Grenze schaffen???

Einer der Seitenkoffer hatte einiges abbekommen, da werden wir wohl doch den Hammer brauchen, den Erik im Gepäck versteckt hat. (Wir führten öfter leidige Diskussionen darüber, wieviel Werkzeug und Ersatzteile wir in Anbetracht unserer minimalen Gepäckkapazitäten mit uns rumschleppen.)

Nachdem wir die schlimmsten Schlammlöcher hinter uns ließen, zahlte sich es doch noch aus, dass unsere Auswahl gerade auf diese Route fiel. Die Landschaft hier glich einer Mischung aus "Marlboro country" und "Milka-Lila-Land". Wir konnten uns gar nicht sattsehen, nachdem uns die argentinische Pampa die letzten Tage genau das entgegengesetzte Extrem bot.

Irgendwo zwischen den beiden Grenzübergängen glauben wir an eine Fata Morgana: da stehen Flamingos im See! Langsam pirschen wir uns an, um ein paar Fotos zu schießen. Wir haben noch nie Flamingos in freier Wildbahn gesehen und schon gar keine hier erwartet (Hanka dachte immer, die fressen Shrimps ... vielleicht finden wir es noch raus). Pötzlich rennt ein Hase wie von der Tarantel gestochen auf den See zu. Wir trauen unseren Augen nicht, als er im Hoppelstil durch den See schwimmt - und damit den Flamingos regelrecht die Show stiehlt.

Die letzten Kilometer bis Cochrane legen wir erstmals auf der Carretera Austral zurück. Die Piste fährt sich vergleichsweise großartig und auch die Landschaft hier lässt unsere Herzen höher schlagen. Das scheint wirklich eine Traumstraße zu sein: staubig und kurvig schlängelt sie sich wie ein Band entlang steiler Hänge.

Nach langem Suchen finden wir endlich einen "Campingplatz". Besser gesagt eine mit Pferde-, Hunde- und Hühnermist bekleckerte Wiese am Lago Cochrane mit einer Alten, die 1000 Pesos von uns haben will. Dafür macht uns jedoch ihr Enkel schönes Feuerholz. Wir sind zwar inzwischen schon genervt von den streunenden Hunden hier, aber als einer von denen seine drei Hundebabies anbringt, wird Erik glatt zum Hundepapa. Hanka hat ihn selten mit solch glänzenden Augen erlebt!

Hanka und Erik
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