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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Carretera Austral


31. März 2003, Cochrane - Coihaique

3279 km, S 45-34-27 / W 72-04-20

Als wir uns morgens aus unseren Schlafsäcken schälen, kratzen wir erstmal die Eisblumen vom Zeltfenster. Von außen ist unser ganzes Zelt und auch das Motorrad mit einer dicken Reifschicht überzogen. Es ist eiskalt und sogar der See dampft - wir verspüren heute keinerlei Lust zum Baden und werfen stattdessen als erstes den Benzinkocher an, um warmen Tee zu kochen (Hanka hat noch immer Skrupel, einfach Seewasser zum Kochen zu nehmen, aber das wird nur eine Frage der Zeit - oder der Bauchschmerzen - sein. Jedenfalls können wir hier dem Wasser trauen).

Obwohl wir zeitig aufbrechen wollten, müssen wir erstmal unsere Ausrüstung in der Sonne auftauen lassen. Wir haben wieder was gelernt: Beim nächsten Camping sollten wir darauf achten, wo die Morgensonne steht und nicht die Abendsonne! So besteht vielleicht die Chance, dass man nicht in einem Eis-Iglu aufwacht.

Wir können uns also Zeit lassen beim Packen und verabschieden uns schon langsam von dem Plan, es heute noch bis Coyhaique zu schaffen (knapp 350 km auf der Carretera Austral). Am Mittag tauchen wieder die Hundebabies auf, die beim Zusammenpacken ordentlich mitmachen wollen. Erik hätte am liebsten einen mitgenommen.

Als wir endlich "on the road" sind, schleicht sich sogleich wieder das "Feeling" ein. Wir fahren vielleicht eine viertel Stunde, bis Erik völlig begeistert kundtut: die Strecke macht total Spaß! Die Kurven sind unglaublich und man fragt sich wirklich, wer auf die Idee gekommen ist, den Verlauf der Straße ausgerechnet so festzulegen. Die Ralley führt uns entlang tiefer Schluchten, in denen türkisfarbene Flüsse sich ihren Lauf suchen. Wir kommen an tollen Seen vorbei, im Hintergrund schneebedeckte Berge. Die Carretera Austral ist auch noch gut für Überraschungen: Während sich Gegenverkehr schon lange vor den engen Kurven mit einer heftigen Staubfahne ankündigt, stehen Pferde, Kühe, Schafe, Hunde, Füchse und Schweine einfach so vor einem. Man weiß nie, welches Vieh hinter der nächsten Kurve auftaucht. Aber was uns am meisten verblüfft, ist, dass wir keinem einzigen Motorradfahrer auf dieser legendären Piste begegnen!

Die ersten 100 Kilometer auf der Carretera Austral sollten die schönsten auf dieser ganzen Route bleiben. Wir machen halt in Puerto Bertrand und kaufen Brot. Der Ort liegt wunderschön verträumt am See. Inzwischen ist es richtig warm geworden und wir genießen die Sonne.

Noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir Cerro Castillo. Von hier sind es noch 100 km bis Coyhaique und da das Übernachtungsangebot nicht gerade erquicklich scheint, wollen wir doch noch bis Coyhaique durchfahren. Inzwischen überlegen wir uns schon, wie oft wir unser Motorrad entpacken und beladen, gerade wenn es nur für eine Nacht ist. Da wir ohnehin einige Sachen in Coyhaique erledigen wollen und vermutlich länger bleiben, ist es uns die Sache wert.

Unmittelbar nach Cerro Castillo wechselt die Straße in Asphalt - hey, wir sind bestimmt seit einer Woche nicht mehr auf Asphalt gefahren!!! Es ist eine Wohltat für die Knochen und wir kommen schnell voran. Als wir in Coyhaique ankommen, ist es finster. Als erstes fällt uns auf, was für eine Smoghaube über der Stadt hängt. Hier wird ordentlich (und anscheinend ausschließlich) mit Holz g eheizt!

Es braucht einige Anläufe, bis wir ein passables Hostal in zentraler Lage finden. Laut Reiseführer sollen die im "Los Professores" gute Betten haben und wir freuen uns über das Doppelbett, was wir bekommen. Die meiste Zeit sind wir in getrennten Betten untergekommen und mussten uns erst ganz schön daran gewöhnen.

Gleich um die Ecke gibt es einen riesigen Supermarkt, in dem wir prompt dem Kaufrausch verfallen: da gibt es Paulaner Bier, Milka-Schokolade, Vollkornbrötchen, und, und, und. Wir fühlen uns, als gehen wir zum ersten Mal in einen Hypermercado - freuen uns über jede Kleinigkeit. Erik legt sogar von sich aus eine kleine Antihaft-Pfanne in den Korb. Nach den Eierkuchen am Lago Cardiel ist unsere Pfanne nicht mehr zu gebrauchen - die war von Anfang an zum Wegwerfen verurteilt!


01. April 2003, Coihaique

3279 km, S 45-34-27 / W 72-04-20

Heute ist der 1. April und was gibt es für ein besseres Thema für Aprilscherze, als unsere Transalp. Erik schläft das Gesicht ein, als Hanka ihn gleich morgens in den April schickt. Natürlich wäre es eine Katastrophe, wenn irgendetwas mit dem Motorrad nicht stimmte.

Es war an der Zeit, mal wieder einige Dinge in der "Zivilisation" zu erledigen. Der nächste Newsletter war überfällig, unser Postfach quoll bestimmt über, Wäsche musste gewaschen werden und Erik wollte den Seitenkoffer mal wieder ausbeulen. Den hatte es diesmal übler mitgenommen, als wir dachten. Die ganze Punktschweißnaht war auf einer Seite aufgerissen und ein richtiger Schlitz klaffte am Boden. Bei Nässe hätten wir ein echtes Problem, aber auch der Staub tat sein Bestes, in alle Ritzen einzudringen. Über kurz oder lang müssen wir wohl einen Schweißer auftreiben, der Aluminium schweißen kann. Erik klopfte den Koffer erstmal wieder in Form und veruchte provisorisch, den Schlitz mit Flüssigmetall abzudichten. Ob das die Rütteleien aushält, wird sich zeigen.

Mit dem Internet-Cafe hatten wir diesmal ein glückliches Händchen. Nach einigen Versuchen erkannte der Rechner unsere Digitalkamera, so dass wir endlich mal wieder Fotos runterladen konnten. Die Ladezeiten waren recht gut, aber dennoch stand endgültig nach diesem Versuch fest, dass wir nicht jedes einzelne Bild per e-maill verschicken können: wir verbrachten geschlagene 4 Stunden vor dem Bildschirm! Na wenigstens hat Gunni jetzt die Fotos bis zum Torres del Paine, so dass er gleich nach seinem Urlaub aktiv werden kann. Wir haben uns riesig gefreut, dass er so ziemlich all unsere Änderungswünsche noch im Vorurlaubsstress online gestellt hat. Dickes Küsschen!


02. April 2003, Coihaique - Puyuhuapi

3506 km, S 44-19-28 / W 72-33-32

Wir kommen erst spät auf die Piste: Erik hat heute unseren ganzen Krempel allein zusammengepackt, während Hanka mit deutscher Pünktlichkeit um 9 Uhr im Internetcafe auf der Matte stand. Bis halb zehn rührte sich dort aber gar nichts und sie startete einen zweiten Versuch nach dem Frühstück. War nur ärgerlich um die Zeit! Da unsere Fotos noch auf dem Rechner waren, wollte Hanka gleich noch einige an die Zeitung schicken zusammen mit einem Resumee über die letzten vier Wochen.

Wieder auf der Carretera Austral unterwegs, lernten wir ein neues Landschaftsbild kennen: Auf den H ängen und Wiesen gab es so viele tote, umgestürzte Bäume! Entweder sind hier die Biber in der Überzahl oder es hatte gebrannt - was auch immer, wir konnten die Ursache leider nicht ausmachen.

Inzwischen haben wir unsere weitere Rout beschlossen: Heute wollen wir noch so weit wie möglich Richtung Chaiten vorstossen, es wäre verlockend, wenn wir Eriks Geburtstag auf Chiloe am Strand verbringen können.

Nach 80 Kilometern kommt uns plötzlich das erste Motorrad entgegen. Spontan wird angehalten und zugleich entwickelt sich ein netter Plausch. Georg ist vor knapp einem Jahr mit seiner African Twin in New York gestartet und fährt seit Alaska auf Kurs Ushuaia. Anschließend geht es nach Hause in den Allgäu. Wir sacken ein paar gute Tipps für's Altiplanum ein und eine vage Vermutung, dass es evtl. keine Fähre mehr nach Chiloe gibt. Zunächst machen wir uns aber keine weiteren Gedanken.

Es ist schon später Nachmittag, bevor wir weiterkommen. Die nächsten zehn Kilometer behindern Riesenbaustellen unsere Weiterfahrt und wir müssen immer wieder warten, bis der nächste Laster mit Steinen vollbeladen ist. Am Nachmittag soll die Straße sogar gänzlich gesperrt gewesen sein. Beim Warten sehen wir wieder das Päarchen mit dem Wohnmobil. Wie war das doch: man trifft sich immer zweimal ...

Wir kommen heute einfach nicht voran: nach den Baustellen treffen wir schon wieder einen Motorradfahrer: Uli fährt seit Ecuador durch die Lande. Wir müssen uns langsam sputen, um nicht wieder in die Dunkelheit zu kommen. Aus diesem Grund fällt unser Schwätzchen ziemlich kurz aus.

Leider kommen wir erst in der Dämmerung durch den Nationalpark Queulat. Hier wuchert und wächst alles wie im Dschungel. Es bleibt leider keine Zeit für einen Abstecher zu den Wasserfällen - es ist schon wieder dunkel, als wir den nächsten Ort erreichen und uns ein Quartier suchen.

Wir sind überrascht, wie groß die Auswahl hier ist. Puyuhuapi liegt an einem See und alles deutet darauf hin, dass es hier reichlich Fisch geben muss. Unserem Appetit folgend wollen wir ein Restaurant finden, in dem man Fisch essen kann. Wir kommen bis zur Haustür, als uns die Hausherrinnen überzeugen, dass ein Restaurant im Hause ist - und es gibt Fisch - alles in einer halben Stunde. Während in der einen Ecke die Männer Fußball im Fernsehen schauen, gibt es in der anderen Ecke eine Talkshow on TV für die Frauen. Wir sitzen in der Mitte, essen unseren Fisch, rätseln, ob die Leute zur Familie gehören oder Gäste sind und finden das alles irgendwie witzig. Als Erik fragt, ob wir was zum Trinken bekommen können, z.B. Bier, wetzt die eine los zum Supermarkt. Wir sind längst fertig mit dem Essen, als das Bier kommt. So unterschiedlich können also die Vorstellungen von einem Restaurant sein!


03. April 2003, Puyuhuapoi- Abzweig nach Futaleufú via Chaitén

3784 km, S 43-27-02 / W 72-21-22

Am Morgen ist das Motorrad schon wieder voller Reif. Aber die Herbstsonne hat noch Kraft und das Moto trocknet schnell ab.

Die Carretera Austral schlängelt sich unentwegt am Rio Frio entlang, wo wir ein schönes Plätzchen für Picknick finden. Wir haben noch den Gedanken, dass man hier prima zelten kann ...

Weiter auf dem Weg nach Chaitén müssen wir erneut etliche Baustellen passieren. Die Straßenarbeiter leisten hier noch richtig harte Drecksarbeit: sprengen Felsen weg und sammeln von Hand Steine in Drahtdämme! In dieser wilden Landschaft muss man quasi jedes Stück Straße würdigen.

Zur Abwechslung erreichen wir schon gegen vier unser Tagesziel: Chaitén. Endlich Zeit zum Bücher lesen, Tagebuch schreiben, was auch immer - wir freuen uns auf einen entspannten Abend.

Leider erfolglos klappern wir alle drei Fährgesellschaften ab, aber das Sommergeschäft ist schon gelaufen. Die Fähren nach Chiloé verkehren nur im Januar und Februar. Das hätten wir echt nicht gedacht! Wir sollten mal an den Footprint Verlag schreiben! Tja, jedenfalls war Chaitén schon in Begriff, in seinen Winterschlaf zu fallen. Es blieb uns nichts anderes übrig; wir mussten die Geburtstagspläne ändern. Es standen zwei Alternativen zur Auswahl: entweder wir schiffen uns für viel Geld (39.000 Pesos inkl. Motorrad) nach Puerto Montt ein und versuchen von Norden nach Chiloé zu kommen - oder wir fahren nach Argentinien (nach Bariloche wollten wir ohnehin) und lassen Chiloé sausen. Leider gibt es nämlich wieder keine Straßenverbindung von hier aus innerhalb Chiles nach Norden. Wir entschieden uns für die letztere Variante.

Noch schnell mit Lebensmitteln und Benzin eingedeckt, verließen wir Chaitén gleich wieder. Wir wussten genau, wo wir heute schlafen: nämlich dort, wo wir mittags Picknick gemacht hatten. Die 80 km bis dahin waren trotz der Enttäuschung zu verschmerzen, aber leider rannte uns schon wieder die Zeit davon. Das ist der Stress des Reisens: noch vor Einbruch der Dunkelheit ein geeignees Plätzchen finden, Zelt aufbauen, "Betten" herrichten, Wasser holen, Holz sammeln für's Lagerfeuer, Abendessen machen, Geschirr abwaschen ... und alles auch noch ganz in Ruhe!!! Wir haben das bis jetzt noch nicht hinbekommen.
 

Hanka und Erik
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