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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Adios Chiloé - Hola Argentina


04. April 2003, Abzweig nach Futaleufú - Esquel

3941 km, S 42-55-12 / W 71-20-24

Bis das Zelt in der Sonne getrocknet und alles verstaut ist, wird es wieder 12 Uhr. Wir sagen"Adios Carretera" und auf geht's nach Argentinien. Schon wieder haben wir Glück mit dem Wetter (es ist nach unserem Gefühl der heißeste Tag bisher). Wir kriegen schon eine Vorahnung, wie der Schweiß beim Packen rinnt, wenn wir in wirklich warmen Gegenden unterwegs sind.

Der Weg nach Futaleufu ist landschaftlich ein Traum. Hier verlockt der Rio Azul (der übrigens seinem Namen alle Ehre macht) zum Rafting und Lachse-Fangen. Irgendwie erinnern auch die Seen schon an den Lake District, den wir ja nur noch zum Teil durchfahren werden. Am Lago Lonconao sehen wir ein märchenhaftes Holzhaus, das wie ein Schloss auf einem Hügel sitzt. Wie ein Schild verrät, entstammt es den Phantasien eines argentinischen Architekten. Trotz dieser schönen Kulissen ist hier vieles noch ursprünglich und ohne Touristen - herrlich.

In Futaleufu decken wir uns reichlich mit Lebensmitteln ein, da wir kaum noch argentinische Pesos in der Tasche haben. Zwar darf man über die Grenze keine Lebensmittel mitnehmen, aber bisher schien das niemanden wirklich zu interessieren. Und so klappt dann auch der Grenzübertritt nach Argentinien. Hier gleicht die Landschaft schon wieder dem wilden Westen und wir sehen ein rotes Meer an Hagebuttenbüschen - zuhause gab es manchmal selbstgemachte Hagebuttenmarmelade, aber Hanka kann sich leider nicht erinnern, wie die gemacht wurde. Vielleicht schickt uns ja jemand mal das Rezept.

In Trevelin (ein liebevoll hergerichtetes Örtchen) finden wir eine Tankstelle, wo wir mit Kreditkarte zahlen können, um unsere letzten 39 Pesos für Unterkunft und Essen aufzusparen, bis wir in Bariloche sind.

Wir schaffen es bis Esquel, so dass die Aussichten auf ein dickes Steak in Bariloche zum Geburtstagsabend gut sind. Der Zeltplatz liegt zwar ziemlich dicht an der Straße, aber es gibt warme Duschen. Nerviger sind jedoch die hässlichen, streunenden Hunde, die immer in unserer Nähe auf einen Fusstritt warten.

Heute probieren wir endlich mal den kleinen Fön aus, den man ans Motorrad anschließen kann. Irgendwie hatten wir uns mehr davon versprochen - also ein Fall für ebay.

 

05. April 2003, Esquel - Bariloche

4249 km, S 41-07-59 / W 71-18-23

Heute ist Erik's 32. Geburtstag! Wir haben beide schlecht geschlafen, weil sich die Hunde vor unserem Zelt einen Krieg geliefert haben. Als wir aufstehen, wissen wir auch warum: diese Mistköter haben unseren Lebensmittelbeutel aufgerissen, ein Brötchen geklaut und unsere schöne Avocado angefressen (wir haben bisher in Argentinien noch nie Avocados zu kaufen gekriegt)! Und das alles am Geburtstag und auch noch mit nur ein paar Pesos in der Tasche!!! Zum Glück war die gute Wurst am Motorrad in der Seitentasche!

Erik will in Esquel neue Brötchen kaufen, so dass wir wenigstens schön zusammen frühstücken können. Doch die Honda springt nicht an, wir hätten den Fön mal lieber zuhause lassen sollen! Der hat zwar keinen Wind gemacht, aber ordentlich Batterie gefressen. Wir versuchen es mit Anschieben und Gott sei Dank bleibt dem Geburtstagskind erspart, was in seinem Gesicht schon geschrieben stand. Die letzten Zicken der Maschine in Puerto Natales hatte Erik noch nicht verschmerzt!

Zum Geburtstagsfrühstück gab es dieses Jahr nur dürftige Geschenke. Hanka konnte in den letzten Tagen noch nicht mal Kerzen auftreiben. Dafür aber eine Tafel Milka-Schokolade, eine selbstgemalte Karte mit der Aussicht, im nächst geeigneten Hostal einen Kuchen zu backen. Mehr braucht es gar nicht, um einen anderen Menschen glücklich zu machen. Die Fotos zeigen ein Riesenlächeln.

Wir brechen auf nach Bariloche und schaffen die 250 km recht schnell. Kommt man von Süden in den Ort, sucht man vergebens nach den Schweizer Holzhäusern, für die Bariloche bekannt ist. Wir sind zunächst enttäuscht und suchen erstmal die Touristeninfo. Zur Feier des Tages wollen wir uns ein richtig nettes Hotel gönnen mit Fernseher und Doppelbett und überhaupt. Die ältere Dame in der Info spricht ziemlich gut Deutsch und passt auf unser Motorrad auf, während wir mit einer Liste in der Hand die Hotels besichtigen. Wir werden schnell fündig und bekommen allen Komfort, den wir uns gewünscht haben, sogar mit Blick auf den See und sicherem Parkplatz. Ganz in der Nähe sind Restaurants und - viel wichtiger - etliche Schokoladenläden mit hausgemachten Leckereien. Schon auf der Straße duftet es nach Süßem und die Läden sind so riesig, dass man sich wie im Schlaraffenland fühlt. Hier gibt es alle Sorten, die das Schokoladenherz begehrt - und vor allem Erik hat ein großes! Wenn wir hier 'ne Weile bleiben, haben wir einiges auszuprobieren.

Am Abend machen wir uns ganz chick und benutzen sogar mal die mitgebrachten Parfüm-Proben (wie ungewohnt, so zu duften). Aber bevor wie richtig Hunger hatten, freute sich Erik erstmal über alle Geburtstagsgrüße im Internet - sozusagen eine kleine Feier mit Familie und Freunden.

Die Restaurant-Empfehlung der Infodame war echt klasse: El Boliche de Alberto. Hier gingen sehr viele Argentinier essen, was wir immer begrüßen. Man konnte die riesigen Portionen kaum schaffen und die Steaks waren sehr lecker, wenn auch nicht ganz so gut wie in El Calafate. Trotz vollen Bauches mussten wir noch den "Flan casero" probieren, weil wir doch beide richtige "Flan-Fanatiker" sind und dieser kommt mit Sicherheit auf die Superlativ-Liste: der beste Flan, den wir je gegessen haben.

 

06. April 2003, Bariloche

4249 km, S 41-07-59 / W 71-18-23

Endlich eine erholsame Nacht, in der wir noch ewig lange fern gesehen haben. Hier gibt es ungefähr 50 Kanäle, u.a. auch Deutsche Welle. Die meisten Filme werden im Originalton gezeigt mit spanischen Untertiteln - da können wir noch richtig was lernen! Jedenfalls genießen wir diesen Luxus.

Bei Bilderbuchwetter beschließen wir, einen Ausflug zum Cerro Campanario zu machen. Es gibt eine schöne Tour entlang der Seen, den "circuito chico", wo man außer Landschaft auch gleich die Holz-Ferienhäuser der reichen Argentinier bestaunen kann. Viele erinnern an Bayern oder die Schweiz, so dass wir es schon wieder kitschig finden.

Am Cerro Campanario fährt ein Sessellift bis zum Gipfel, von wo man eine grandiose Aussicht über die ganze Gegend hat. Angesichts des unverschämten Preises und weil uns ein bisschen Bewegung ganz gut tut, laufen wir lieber. Um wieder nach unten zu kommen, mogeln wir uns einfach an den Liftbetreibern vorbei und bevor sich Hanka versieht, fährt Erik schon in einem der Sessel nach unten. Jetzt muss sie zwar mit dem Typen diskutieren, aber die Tickets hat dann halt einfach Erik. Der nächste Sessel gehört ihr. Auf dem Weg nach unten befürchten wir schon Ärger. Aber Erik schaute beim Absprung anscheinend mit solch souveräner Miene drein, dass er ohne weiteres zum Motorrad ging. Nur Hanka hatte mal wieder die Diskussionen und natürlich auch Skrupel. Natürlich war klar, worum es ging, aber der Mann war beim besten Willen nicht zu verstehen. Es reichte gerade noch für "Necesito el bano" und "Erik, mach den Motor an!" - schon waren wir weg, ohne auch nur die Motorradklamotten angezogen zu haben. Für den Rest der Zeit in Bariloche wird Hanka wohl unter Verfolgungswahn leiden.

Nach unserem dreisten Ausflug schafften wir es gerade noch so vor den Fernseher, um den Grand Prix von Brasilien zu sehen. Wir haben gar nicht mitbekommen, wann genau die Saison gestartet ist in diesem Jahr!!! So chaotisch das Rennen war, so wenig verstanden wir, was auf der Piste eigentlich abging. Aber wenigstens ist wieder Action in der Formel Eins!

Nach dem Rennen mussten wir uns erstmal ein Nickerchen gönnen und anschließend einen Haufen Schokolade. Jetzt wissen wir schon mal die besten Sorten, werden aber mit Sicherheit noch mehr ausprobieren, vor allem sieht das Eis sehr verlockend aus.

 

07. April 2003, Bariloche

4249 km, S 41-07-59 / W 71-18-23

Wir können uns noch nicht so recht zum Weiterfahren entschließen. Im Fernsehen laufen gute Filme - sogar ein deutscher - und überhaupt ist es im Bett soooo schön. Herrlich, sich mal wieder treiben zu lassen, auch das ist für uns Luxus: lesen, schlafen und Schokolade essen. Eigentlich wollten wir heute noch einen Ausflug machen zum schwarzen Gletscher, aber der Blick auf die Landkarte lässt uns wieder in die Federn sinken.

Unseren letzten Abend in Bariloche lassen wir in der zweiten Restaurantempfehlung ausklingen. Erik lässt es sich nicht nehmen, schon wieder Steak zu bestellen, aber Hanka ist mutig und probiert gegrillte Forelle. Das Essen war gut
(zwar nicht so reichlich, wie wir es sonst in Argentinien gewohnt sind), dafür der Flan ein voller Reinfall!

Da wir uns für das Geld, das wir am Sessellift gespart haben, locker 6 Flans bestellen können, gehen wir spontan in Eriks Geburtstagsrestaurant, ins El Boliche de Alberto, um ein letztes mal den besten Flan der Welt zu genießen. Wir werden zwar blöd angeschaut, weil wir nur den Nachtisch wollen, aber wir genießen jeden Happen. Es lohnt sich also, den Sessellift zu ärgern ...

Inzwischen ist auch die Wäsche sauber und der nächste Newsletter geschrieben - morgen werden wir weiterfahren.

 

08. April 2003, Bariloche - San Martin de los Andes via Angostura

4513 km, S 40-09-11 / W 71-21-25

Ein letzter Gang zu unserem Lieblings-Schokoladengeschäft, wo wir außer den erprobten Lieblingsstückchen noch Hagebuttenmarmelade und total leckeres Eis erstehen (es gibt die Geschmacksrichtung Flan), dann ziehen wir weiter Richtung San Martin de los Andes. Wenn wir noch länger in Bariloche bleiben, legen wir ordentlich an Gewicht zu ... Na ja, Erik vielleicht nicht.

In Villa la Angostura machen wir Pause und kehren ausnahmsweise mal mittags in ein Restaurant ein. Wahrscheinlich haben sich unsere Mägen an die argentinischen Portionen der letzten Tage schon gewöhnt. Währenddessen wird unser Motorrad draußen von Passanten begutachtet - wir sind schon ein bisschen stolz!

Schon wieder begeistert uns die Landschaft, vor allem um San Martin de los Andes. Dieses Örtchen gefällt uns richtig gut und auch die Jugendherberge ist einfach zum Wohlfühlen. Unter dem Giebel mit gemauerten Ziegelwänden finden wir unser bisher schönstes Zimmer auf unserer Reise (wenn wir auch den Fernseher aus Bariloche vermissen). Somit ist eigentlich beschlossen, dass wir nicht nur eine Nacht bleiben. Anke hatte mal erzählt, dass sie oft irgendwo länger geblieben sind, weil ihnen das jeweilige Hostal so gut gefiel. Inzwischen können wir das gut nachvollziehen.

Auch das heutige Abendessen war nicht zu verachten: Baguette mit selbstgemachter Avocadopaste - zum ersten mal finden wir in Argentinien einen Supermarkt, wo es Avocados gibt! Wir kaufen so viel Brot, dass man wahrscheinlich eine ganze Familie damit versorgen könnte (das Brot in Argentinien ist nämlich um einiges leckerer als die chilenische Auswahl) und stellen fest, dass wir morgen sogar 4 Stangen Baguette kaufen müssen, um satt zu werden. Als wir uns den Berg an Baguettes vor Augen führen, müssen wir nur noch lachen.

 

09. April 2003, San Martin de los Andes

4513 km, S 40-09-11 / W 71-21-25

Das Wetter verwöhnt uns weiterhin und wir nutzen es, um die Gegend zu erkunden. Wie schön es doch ist, mit dem eigenen Gefährt unterwegs zu sein: man kann einfach mal so einen Berg hochfahren, um sich alles von oben anzuschauen, bei den einsam gelegenen Bauernhäusern vorbeischauen, um irgendwann wieder auf einer Straße zu landen, die man schon kennt - und bei der Gelegenheit noch mal zu der Stelle fahren, wo man gestern schon ein Foto machen wollte. Jetzt stelle man sich das alles mal zu Fuß mit dem Rucksack vor!

Wir verpassen beihnahe den Abzweig nach Quila Quina, weil urplötzlich eine Hammelherde im Affenzahn über die Straße stiebt. Der LkW im Gegenverkehr konnte gerade noch so bremsen. Wir haben von einem schönen Wasserfall gelesen und atmen auf, als uns auf der Piste einige Touristenbusse entgegenkommen - die Meute scheint also schon durch zu sein. Auch das genießen wir mit unserem Motorrad: unabhängig zu sein von diesen Touristenscharen.

In Quila Quina liegt ein Wochenendhaus versteckter als das andere, ganz idyllisch am See. Hier hätten wir auch gern eins geschenkt! Selbst die Strandbar sieht gemütlich aus und Katze und Hund freuen sich über uns Neuankömmlinge. Die Welt scheint hier noch in Ordnung zu sein. In einer Bucht gibt es einen kleinen Lehrpfad über Zypressen, den wir uns kurz anschauen und eins unser vier Brote verpicknicken.

Am Abzweig zum Wasserfall sitzen zwei angebliche Nachkömmlinge der Maipuche und kassieren ordentlich Eintritt für den Blick auf den Wasserfall. Das war ganz schön viel Geld für ganz schön wenig Wasserfall!! Wir sollen im Frühjahr wiederkommen, da gäbe es viel Wasserfall ... und die Schafswollsocken, die die "Maipuche" nebenbei verkaufen, überzeugen auch nicht unser Mitleid - wir sehen nämlich den "Maipuche-Vater" mit einem tollen Pick Up ankommen - nur Touristenabzocke.

Trotzdem war der Ausflug schön und nach unserer Rückkehr schiebt Hanka gleich den versprochenen Geburtstagkuchen in den Ofen. Ist zwar nix dolles (Zitronenkuchen, der die Form eines Vulkanes annimmt), aber wann gibt es schon mal Kuchen aus der Werkzeugkiste? Die ursprüngliche Backform hat Erik nämlich zweckentfremdet und als Werkzeugbox an den Motorschutz geschraubt. Vielleicht sollten wir das mal zum Patent anmelden???

Wir sehen uns anschließend mal wieder nach einem Internetcafe um und haben Glück: wir können ohne Schwierigkeiten endlich mal wieder ein paar Fotos hochladen und an Gunni mailen. Der ärmste wird ganz schön zu tun haben mit unserem Update.

Trotz des Kuchens schaffen wir auch noch unser ganzes restliches Brot mit 2 dicken Avocados. Das könnte es am liebsten jeden Tag geben - aber es kommen auch wieder andere Zeiten!

 

10. April 2003, San Martin de los Andes - Pucón

4838 km, S 39-16-49 / W 71-58-46

Normalerweise starten wir mit vollem Tank, wenn wir die nächste Etappe angehen. Irgendwie kam es heute anders und natürlich wie es kommen musste: als wir nach 40 km in Junin de los Andes die letzte Tankstelle vor der Grenze aufsuchen, war denen prompt der Sprit ausgegangen. Bis Chile würden wir es nicht mehr schaffen, also fuhr Erik zurück nach San Martin de los Andes. Schade, heute saßen wir schon halb elf auf dem Bike und hätten einen guten Zeitvorsprung bis Pucón gehabt.

Mit vollem Tank ging es endlich Richtung Chile durch den Nationalpark Lanin. Immer wieder genossen wir die schönsten Blicke auf den ersten Vulkan unserer Reise - den Lanin. Die Grenzstation liegt mitten in dieser traumhaften Kulisse und entgegen der sonstigen lapidaren Lebensmittelkontrollen will der Typ vom Zoll es heute genau wissen. Natürlich haben wir einige Essreserven dabei - ganz oben auf Käsebrötchen, die auch auf der roten Liste stehen. Wir versuchen, ihn in ein nettes Gespräch zu verwickeln, was bei unseren Spanischkenntnissen wirklich eine Kunst ist. Gott sei Dank steht das Motorrad genau so herum, dass die linke Seitentasche nur Werkzeug enthält und der Alukoffer nur Klamotten. Hätte er die andere Seitentasche oder gar den Tankrucksack untersuchen wollen, wären wir ordentlich aufgeflogen. Schwein gehabt!

Kurz vor Pucón scheinen wir eine Wetterwand durchfahren zu haben. Es wird plötzlich so heiß, dass es sich zum ersten mal wie Sommer anfühlt. Um so mehr haben wir Lust, mal wieder zu zelten. Wir haben uns vorgenommen, das Übernachtungsbudget ein bisschen durch Zelten zu drücken, so lange wir noch in Argentinien und Chile sind und campen können (für die anderen Länder Südamerikas hat man uns schon mehrfach abgeraten, nicht unbedingt weil es zu gefährlich wäre, sondern eine sichere Unterkunft so günstig).

Schon von weitem begrüßt uns der Villarica mit seiner Rauchfahne. Hanka freut sich schon seit langem auf diesen Vulkan um nachzuholen, was im letzten Urlaub leider nicht geklappt hat: den Villarica zu besteigen.

In Pucón scheint sich seit dem letzten mal nichts verändert zu haben. Hanka erkennt gleich alle Agenturen wieder, bei denen wir damals Preise verglichen hatten, weil die uns empfohlene Agentur Sol & Nieve ausgebucht war. Diesmal haben wir Glück und es brauchte nicht viel Überredungskraft, schon waren unsere Bergstiefel für morgen gesichert (28.000 Pesos p.P.). Wir bekamen gleich noch einen guten Tipp für einen Campingplatz, von wo aus wir morgen gleich zu Fuß zur Agentur laufen können. Die nette Campingplatzbesitzerin will sogar auf unser Motorrad aufpassen.

Wir genossen einen traumhaften Sonnenuntergang und sind schon ganz gespannt auf morgen.


11. April 2003, Pucón

4838 km, S 39-16-49 / W 71-58-46

Ein legendärer Tag! Noch vor den Hühnern stehen wir auf (die krähten nämlich erst eine Stunde später unseren Zeltnachbarn die Ohren voll). Schon jetzt sind wir es gar nicht mehr gewohnt, morgens um eine bestimmte Uhrzeit irgendwo sein zu müssen. Natürlich verkalkulieren wir uns total in der Zeit und verschlingen das letzte Frühstücksbrötchen im Laufschritt zur Agentur. Gerade noch rechtzeitig schaffen wir es, dann geht es im Minibus los.

Die Fahrt kommt uns ewig vor und es hat den Anschein, als werden wir zum Gipfel gefahren anstatt zu klettern. Am Sessellift werden wir endlich rausgeschmissen, warten aber noch mindestens genau so lange, bis die restlichen Minibuse eintrudeln und der Sessellift in Gang gebracht wird. Leider werden wir für den Sessellift noch mal ordentlich abgezockt (diesmal können wir uns leider nicht durchmogeln) und sind zunächst schockiert, wieviele Klettergruppen alle auf den Vulkan kraxeln wollen. Zum Glück verteilen sich aber nach einer Weile alle ganz gut. Von hier aus denkt man, in maximal 1 1/2 Stunden am Krater zu sein, aber der Eindruck trügt.

Das erste Stück marschieren wir steil im Zick Zack durch Geröll und Vulkanasche. Mit schwarz-verstaubten Gesichtern erreichen wir das erste Schneefeld. Jetzt macht sich der Eispickel echt bewährt und verleiht natürlich zusätzlich das richtige Bergsteigerfeeling. Irgendwie fühlen wir uns ohnehin wie eine Bergexpedition. Langsam, Schritt für Schritt stapfen wir in einer Gänsereihe vorwärts
- man muss höllisch aufpassen, um nicht abzurutschen. Beim Blick nach unten erkennt man schon, wie die Lava ins Tal geströmt ist. Der letzte Vulkanausbruch war erst1984, das macht den Villarica natürlich reizvoll.

Am späten Mittag erreichen wir den Kraterrand und unser Bergführer Oscar begrüßt jeden von uns mit Handschlag, so dass auch wir stolz wie Oskar sind. Wir sind mit Vorsprung die ersten auf dem Gipfel.

Vor uns klafft ein riesiges Loch, aus dem stetig, jedoch mit unterschiedlicher Intensität, Schwefeldämpfe strömen. Das Gestein am Kraterrand wechselt in seinen Farbtönen von kaminrot bis grün und eine vergessene Schneewehe ist von schwarzer Asche völlig verkrustet. Wir beide machen einen Rundgang um den Krater, aber leider bleibt uns ein Blick in tiefere Sphären der Erde verwehrt. Dafür bekommen unsere Lungen die volle Ladung beißenden Schwefeldampf ab. Dennoch, die Aussicht ist genial. In der Gegend gibt es noch einige Vulkane mehr, wir sehen sogar den Lanin vom Vortag.

Nach unserem Mittagspicknick am Kraterrand beginnen wir den "Abstieg" nach unten. Hierzu ziehen wir die mitgebrachten Hosen, Stulpen und Handschuhe über und ab geht die Rutschpartie. Auf bloßem Hosenboden rutschen wir von Schneefeld zu Schneefeld - ein Mordsgaudi. Irgendwann sind die Hosen auch von innen völlig nass und der Hintern tut weh, aber egal. Einer aus unserer Gruppe kommt aus Miami und hat noch nie in seinem Leben Schnee gesehen - der ist völlig aus dem Häuschen. Wir haben lange nicht so viel Spaß gehabt!

Zurück in Pucón erhält jeder eine Urkunde und wir fühlen uns in den Kreis derjenigen aufgenommen, die den 2.847 m hohen Vulkan bestiegen haben - yes, we did it! Ganz klar, den Villarica sehen wir ab heute auf jeden Fall mit anderen Augen. Es war ein grandioses Erlebnis!

Zur Feier des Tages kochen wir auf dem Campingplatz ein 4-Gänge-Menü: Salat, Miesmuscheln, Fischfilet mit Reis und Flan aus dem Becher. Anschließend verspüren wir eine derartige Muskelschwere, dass wir doch nicht mehr zu den Thermalquellen baden fahren, sondern einfach ins "Bett" wollen - sch... sch...sch...

Hanka und Erik
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