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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch

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Entlang der Küste


12. April 2003, Pucón - Coi Coi

5064 km, S 38-37-30 / W 73-29-15

Am Morgen sind wir uns nicht ganz einig, ob wir bleiben oder unsere Sachen packen. Hanka möchte das schöne Wetter hier ausnutzen und am Abend in die Therme fahren - Erik zieht es ans Meer. Aber wir müssen Kompromisse schließen und brechen das Zelt ab. Weiter geht's mit einem kurzen Zwischenstopp in Temucu. Gern hätten wir Marcela besucht, aber die hat sich leider bis heute nicht auf unser e-mail gemeldet - schade. Wenigstens dem schönen Maipuche-Markt stattet Hanka einen Besuch ab (der war schon beim letzten mal so beeindruckend) während Erik kurz im Internet surft und ein Auge auf die Honda hat. Mit einer großen Holzschale und einem Kochlöffel kommt Hanka nach kurzer Zeit zum Motorrad zurück - die Verlockung war zu groß und wir werden uns später noch darüber freuen. Zum Glück gefällt Erik die Schale auch gleich ("... kann man prima verwenden zum Ölwechseln ..."), so dass Hankas schlechtes Gewissen schnell verschwindet. Und in er riesigen Ortlieb-Rolle verschwinden auch große Holzschalen problemlos - zumindest vorübergehend.

Als wir Carahue erreichen, schlägt wie eine Wand das Wetter um. Das Meer scheint den Nebel regelrecht ans Land zu treiben und die uns in letzter Zeit so treue Sonne verschwindet. Leider wird es auch merklich kühler als in Pucón. Aber Carahue hat abgesehen von etlichen Dampfmaschinen, die den Mittelstreifen des Ortes verzieren (Papa, da musst Du mal hin!) auch nichts zu bieten. Wir schlagen uns also auf Schotterpisten entlang der Küste und finden irgendwann ein Plätzchen, das zugänglich ist (in Chile ist häufig alles eingezäunt) und wir unser Zelt aufschlagen können - direkt am Meer.

Heute ist Premiere für unseren Grill, auf dem die Fertigteil-Hamburger dreimal so gut schmecken. Nur mit dem Wasser haben wir diesmal ein kleines Problem: zum Abwaschen muss schmutziges Kuhweiden-Bachwasser herhalten. Das mit dem Meereswasser klappt auch nicht so gut: Erik macht seine Stiefel und Hosen bis zu den Knien nass. Aber ansonsten ist es hier wunderschön - zumindest bei gutem Wetter.

13. April 2003, Coi Coi - Conception

5363 km, S 36-49-33 / W 73-05-55

Kaltes Nebelwetter und das Bedürfnis nach einer Dusche lassen uns weiterziehen. Im Gegensatz zu sonst haben wir unser Campingzeug schon eine dreiviertel Stunde eher auf die Honda gezurrt - wir werden merklich besser im Packen!

Der Nebel hält sich hartnäckig in Küstennähe - sobald wir uns weiter als 6 km vom Meer entfernen, strahlt uns die Sonne vom blauen Himmel an - wie gemein! Wir graben uns bergauf, bergab durch die Schotterpiste und wundern uns, wovon die Leute in den Dörfern hier leben. Im Moment ist gerade Kartoffelernte und die Felder werden wie vor Hundert Jahren von Hand und mit Ochsenkarren gerodet. In einem Dorf, das man weder auf der Karte findet noch ein Ortsschild hat, feiern die Leute ein Fest und auf der Straße begegnen uns Frauen in bunten Trachten. Schade, dass unser Spanisch so grottenschlecht ist, dass wir uns nicht mal mit den Leuten hier unterhalten können - wir hätten viele Fragen! Leider ist uns bisher auch wenig Zeit geblieben, den Spanisch-Sprachführer zu studieren. Also wieder ein guter Vorsatz!

Einige Sachen fallen uns unterwegs auf: überall hängt Wäsche über den Zäunen, mit denen die Leute ihr Land abgrenzen. An Waschmaschinen ist hier nicht zu denken und angesichts der bunten Zäune hat es den Anschein, als ob hier deren gesamte Garderobe hängt. Auf den Feldern aalen sich nicht nur Pferde und Kühe: mittendrin rennen Schweine rum (fressen die Gras?), die eine Astgabel als Halsband tragen, damit sie nicht durch die Zäune verschwinden. Und noch etwas ist uns aufgefallen: die Leute laufen hier viel mehr als in Europa. Es scheint normal zu sein, einfach in den nächsten Ort zu laufen. Zwar sehen wir eine Art Bushaltestellen, aber die machen einen verwaisten Eindruck und einen Bus haben wir auf dem Land noch nie gesehen.

Den ersten Zeltplatz, den wir uns 17 km vor Conception rausgepickt hatten, liegt direkt an der Autobahn und ist einen Stopp nicht wert. Wir fahren also weiter in die Stadt und erleben diesen Molloch von seiner hässlichsten Seite. Vielleicht kommt uns die Stadt auch nur so grausam vor, weil wir die Idylle des Landes so genießen. Jedenfalls kämpfen wir uns zusammen mit Hunderten Stadtbussen durch Einbahnstraßen und Absperrungen bis wir die Touristeninfo finden. Natürlich hat die sonntags geschlossen und unser Reiseführer gibt in puncto Unterkünfte in der drittgrößten Stadt Chiles nicht viel her - was aber offenbar nicht am Reiseführer liegt. Wir brauchen eine Ewigkeit von 2 1/2 Stunden bis wir endlich eine einigermaßen bezahlbare Bleibe (immer noch 10.000 Pesos ohne Frühstück!) finden mit Parkplatz, den hier trauen wir uns nicht recht, das Moto allein stehen zu lassen. Dafür sind die Leute hier (wie so oft in Chile erlebt) sehr hilfsbereit. Erik will nur den Lüfter anschließen, da der Motor im Stadtverkehr schnell heißläuft, als ein Typ gleich seine Hilfe anbietet und uns für Conception als auch für Santiago auch noch ein paar Hotels empfiehlt (nur leider zu teuer).

Im Hotel wird uns kopfschüttelnd von unserem Plan abgeraten, nach Talcahuano zu fahren. Wir hatten uns schon den ganzen Tag darauf gefreut, gut und preiswert Seafood essen zu gehen. Der weitaus sichere Tipp nach Lenga zu fahren, war mit der selbstgemalten Karte bestimmt nicht minder schlecht. Das Essen war großartig, auch wenn wir vieles nicht mal beim Namen nennen können, aber wir haben uns für die nächste Seafood-Schlemmerei "Machas" gemerkt, die waren besonders lecker!

Obwohl wir die Honda quasi direkt vor unserem Tisch geparkt hatten, wollen uns die ganze Zeit irgendwelche halbstarke Typen provozieren und versuchen, auf die Maschine zu steigen. Nichtsahnend lösen die Blödmänner die Alarmanlage aus - und verschwinden - das war also eine gute Investition!!!

14. April 2003, Conception - Buchupureo

5511 km, S 36-04-18 / W 72-47-05

Einer der Gründe, nach Conception zu fahren, war, endlich ein Paket mit überflüssigem Gepäck nach Hause zu schicken. Hier gibt es zwar einen riesengroßen Hafen, aber deswegen kann man noch lange nicht ein Paket als Seefracht loswerden! Wir werden wohl jemanden bitten müssen, unserZeug mit nach Deutschland zu nehmen ...

Es hält uns also nichts in der Stadt und wir beschließen, unseren Weg am Meer fortzusetzen - das Wetter sieht ganz gut aus. Vielleicht finden wir was Schönes und können mal wieder einen Tag ausspannen, allein schon, um die ganze Wäsche zu waschen.

Die Suche nach der richtigen Schotterpiste in Cobquecura lohnt sich - wir nehmen sogar in Kauf, dass uns ein Besoffener völlig falsch schickt; ehrlich gesagt können wir ihn auch nicht wirklich gut verstehen. In Buchupureo finden wir einen liebevoll angelegten Campingplatz mit nagelneuen Sanitäranlagen. Wir sind mal wieder die einzigen Gäste und können mit dem netten Besitzer einen guten Preis aushandeln. Nicht nur die Bäder sind der pure Luxus, wir haben einen Holzpavillion mit Licht, wo es sich gemütlich sitzen lässt und auch die Wäsche gut trocknet. Außerdem gibt es einen Kamin mit Grillrost und wir können endlich mal im Stehen unsere Spaghettis kochen. Aber am schönsten ist das Meer, das hier gleich hinter den Dünen tobt: schwarzer Sand, schöne Wellen und keine Menschenseele.

15. April 2003, Buchupureo

5511 km, S 36-04-18 / W 72-47-05

Am Morgen hatten wir so viel Tau, dass wir uns zum ersten Mal über ein klatschnasses Zelt und feuchte Schlafsäcke wunderten. Na ja, das bringt das Meer wohl so mit sich, aber zum Glück gibt es Sonne satt.

Wir gehen den Tag ruhig an: Erik probiert erst mal die Hängematte aus, denn wir haben endlich mal zwei stabile Pfosten (der Pavillion). So lässt es sich schön von palmenbesäumten, weißen Karibikstränden träumen (da kommen wir hoffentlich auch irgendwann noch hin).

Am Nachmittag wollen wir die Gegend etwas unsicher machen. Auf dem Weg hierher haben wir gestern einen schönen Strand gesehen mit gigantischen Felsformationen: Iglesia de Piedra. Nach unserem Spanischverständnis dachten wir zuerst an eine Kirche - vielleicht sind mit viel Phantasie die Felsen damit gemeint ... Mal abgesehen davon, dass uns etliche Sandflöhe anspringen und eklige Algententakel überall rumliegen, ist der Blick auf die tobenden Fluten ein Traum. Irgendwann kommt Erik auf die Idee, das Motorrad herzuholen, weil wir es nicht im Blick haben. Der eigentliche Grund ist wahrscheinlich die Aussicht auf ein bischen Sand-Cross. Aber da macht die Transalp nicht mit und gräbt sich schon kurz nach dem Parkplatz mit dem Hinterrad samt Kette bis zu den Seitenkoffern ein. Wenn uns das nicht mal die Kette übelnimmt? Die Honda geht trotz eiserner Anstrengung weder nach vorn noch nach hinten zu bewegen. Erik hat zum Glück die erleuchtende Idee, wie wir sie doch noch aus dem Sand kriegen: fix ist der Seitenkoffer abgebaut, so dass wir die Maschine auf die Seite kippen können. Dann schieben wir das Loch so gut es geht mit Sand zu, um das Motorrad "rauszuhebeln" - und es funktioniert! Was für ein Aufwand!

Erik's Würstchen-Letscho lässt die Geschichte mit dem Sand schnell lächerlich erscheinen. Wir schnappen uns noch einen Gato Negro (DER Globetrotter-Wein Südamerikas schlechthin) und sitzen noch eine Ewigkeit am Strand bei dem Versuch, eine angeschwemmte, riesige Wurzel abzufackeln. Wir hatten allerdings schon ergiebigere Lagerfeuer und stinken anschließend wie die Feuerteufel.


16. April 2003, Buchupureo - Pichibudi

5779 km, S 34-58-46 / W 72-10-53

Die Wäsche ist trocken und wieder zieht es uns weiter. Noch immer sind wir auf der Suche nach dem Spätsommer und würden gern mal faul in der Sonne liegen, um unsere Körperbräune der Gesichtsbräune anzupassen. Wir sehen beinahe aus wie Skifahrer: im Gesicht und an den Händen braun und sonst ziemlich käseweiß!

Bevor wir unsere Honda auf den Schotter bringen, schenkt Hanka schweren Herzens das Radio dem Campingplatzbesitzer. Die bauen hier so liebevoll einen herrlichen Campingplatz mitten im Niemandsland - und in Deutschland gäbe es keine Baustelle ohne Radio. Wir haben es ohnehin kaum benutzt, sind um ein Teil erleichtert und die Baustellenjungs haben sich tierisch darüber gefreut!

Auch die nachfolgenden Dörfer haben ihren besonderen Charme: ähnlich wie in der Toskana (wir waren zwar noch nie dort ...) sind die Häuser mit dicken, alten Ziegelpfannen gedeckt. Das Ganze wirkt irgendwie mediterran auf uns - auch weil es überall wuchert und blüht und die Pflanzen gegossen werden (häufig vegetieren die Pflanzen nur so vor sich hin, als ob man keinen Wert darauf legt). Hanka fällt natürlich so etwas extrem ins Auge. Zum ersten mal fragen wir uns, wie die Einheimischen damit umgehen würden, wenn man sich hier ein Stückchen Land am Meer kauft. Das ist natürlich nicht ernst gemeint, aber wir kommen schnell zu dem Schluss, dass man wohl Arzt oder sowas sein müsste, außerdem eine Chance braucht, um sich profilieren zu können und dann vielleicht von den Einheimischen akzeptiert wird. Jedenfalls fühlt man sich bestimmt lange als reicher Fremder. Wir haben jedoch leider keine Berufung zum Weißkittel und überhaupt sind das nur Mutmaßungen. Im Prinzip haben wir ja keine Ahnung und werden es hier auch nicht ausprobieren.

Dank einer neuen Asphaltstraße kommen wir gut voran. In Curanipe treffen wir genau im richtigen Moment ein: die Männer haben ihre kleinen, bunten Fischerboote gerade an Land gebracht und jetzt wird zusammen mit den Frauen und Kindern der Fang aus den Netzen geholt, geschlachtet und in Kisten verfrachtet. Dem Spektakel wohnen außerdem eine ganze Meute schreiender Möwen bei, die schon gierig auf die Abfälle warten. Wir schauen dem Trubel eine ganze Weile zu - auf dem Boden torkeln jede Menge Krabben und sogar einen kleinen Hai hat einer der Fischer im Netz. Gegenüber werden schon einige der frischen Leckereien des Meeres zum Verkauf angeboten und Hanka überlegt noch einige Kilometer nach Curanipe, ob wir nicht umkehren sollten, um frische Muscheln oder Fisch zu kaufen. Aber laut Karte dürften wir noch durch einige Fischerdörfer kommen ...

Gleich im nächsten Ort sehen wir ein paar Verkaufsstände - leider sind Muscheln gerade aus, dabei hatten wir schon so eine Vorfreude!

Gerade wollen wir weiter, als wir eine "Radlerfamilie" sehen. Ungelogen sind die mit zwei Rädern, zwei Anhängern und unglaublich viel Gepäck unterwegs. Der etwa 4-jährige Junge sitzt ziemlich eingekeilt in einem der Anhänger. Wir haben zwar schon viele Radler unterwegs gesehen, aber diese Kombination ist schon ziemlich ungewöhnlich - aber immerhin eine Option ...

Vor und nach Constitución ist nicht viel los, schon gar nicht in Sachen Fisch und die Vorahnung breitet sich aus, dass wir wohl heute leer ausgehen müssen. Die Sonne zieht es schon wieder Richtung Horizont und langsam geht uns auch ein Licht auf, wieso der Hamburger Fischmarkt immer morgens ist ... Na ja, wir klappern erstmal die ganze Gegend um Illoca und Pichibudi nach einem Campingplatz ab, aber einer ist dreckiger als der andere und das mit dem "agua caliente" ist auch so eine Sache. Wie durch ein Wunder steht am Straßenrand auf einmal eine Fischbude und wir schlagen ordentlich zu. Das Stück Octopus, das wir kaufen, muss zu einem Riesenvieh gehört haben - jedenfalls füllen allein die Mittelstücke die komplette Ladefläche eines Pick Ups. Der Fischverkäufer ist total witzig und zeigt uns eine Riesenschildkröte, die in einem Fass rumschwimmt - die scheint ihm wohl mit ins Netz gegangen zu sein. Außerdem nehmen wir noch einen Fisch namens Corvina (nicht Wanda) mit, den er gleich für uns ausnimmt. Der Appetit hat sich heute über Stunden kontinuierlich gesteigert. Wir zahlen für alles umgerechnet gerade mal 2 Euro und sind total happy.

Ziemlich spät finden wir auch noch einen guten Campingplatz. Die Besitzerin ist sehr nett und kapiert nicht, dass wir eigentlich im Stress sind: das Zelt muss aufgebaut werden, die Betten gemacht und wir müssen am Strand noch jede Menge Holz finden, damit wir unseren Fisch grillen können - das übliche Stressprogramm vor Einbruch der Dunkelheit. Die Arbeitsteilung funktioniert perfekt, aber für den herrlichen Sonnenuntergang haben wir nur kurz ein Auge.

Leider liegen alle Kochbücher gut verpackt in Thüringen, unsere Kochkünste scheitern nämlich am Octopus. Klar, wir haben schon ein paar mal gegrillten Octopus in Spanien gegessen und dachten, das kann nicht so schwer sein. Jedenfalls haben wir die Stücke weder durch Grillen noch durch Braten weich gekriegt - vielleicht hätte man die Teile vorher kochen sollen? Vielleicht verrät uns ja jemand mal das Geheimnis, wie man Octopus zubereitet. Umso besser schmeckte uns aber der Fisch - der wurde richtig gut auf dem Grill. Beim nächsten mal sollten wir den Fisch nur in Alufolie wickeln, dann klebt anschließend nicht alles am Rost. Es scheint, wir müssen noch etwas üben, bevor wir Gäste einladen ...

Heute abend schaffen wir es endlich nach mehreren Anläufen, Krause zu erreichen (ein Bekannter von Hankas Bruder der uns eingeladen hat, ihn zu besuchen). Zur Zeit studiert Krause in Curico und wir würden ihn gern kennenlernen. Dummerweise verreist er die nächsten Tage über Ostern, so dass wir uns höchstens nächste Woche in Santiago treffen können. Dann müssen wir uns etwas einfallen lassen, wie wir die Zeit bis dahin verbringen, denn in ca. 200 km sind wir bereits auf der Höhe von Santiago.


17. April 2003, Pichibudi - Matanzad

5995 km, S 33-57-46 / W 71-52-30

Der Plan steht: wir werden noch ein paar Tage entlang der Küste verbringen, uns Viña del Mar und Valparaiso anschauen und anschließend mit Zwischenstopp in Santiago weiter nach Argentinien fahren.

Für heute haben wir uns den Natinalpark "Laguna Torca" mit dem "Lago Vichuquén" vorgenommen. Erst wollten wir nur einen Ausflug dahin machen, aber wir beschließen, das Zelt abzubauen. Wie sich herausstellte, war das ein guter Entschluss, denn für die etwa 90 km nach Bucalemu brauchten wir mehr als drei Stunden!

Zunächst deckten wir uns noch mal beim "Schildkröten-Anton" mit Muscheln und Fisch ein. Wir werden schon ein schönes Plätzchen zum Grillen finden. Jetzt fragt sich nur noch, welche der schmalen Schotterpisten uns in Richtung Nationalpark führt. Wir verzweifelten schon beim ersten Abzeig - aber da entdeckten wir wenigstens eine Papaya-Farm. Jetzt wußten wir endlich, was das für komische Bäumchen überall waren.

Doch das sollte erst der Anfang einer Irrfahrt sein. Ständig gabelte sich der Weg entweder ganz ohne Beschilderung oder mit völlig unsinnigen Wegweisern. Die Piste wurde fast unzugänglich, wie beim Cross ging es durch übelsten Schotter und ausgewaschene Sandbänke steile Hänge bergauf und bergab. Hankas Augen wurden nach jeder Kurve immer größer, aber Erik lenkte die schwere Fuhre samt Muscheln und Fisch durch jedes Hindernis. Irgendwann kamen wir in ein Tal, wo die ersten wilden Kakteen wuchsen und ehe wir uns versahen, fuhren wir über eine Schlange. Hier also lieber nicht zelten ...

Nack kräftezehrenden Kilometern endete die Piste in einem Feldweg, der uns zu einem Dorf führte. Leider vergisst man in der südamerikanischen Provinz häufiger, ein Ortsschild anzubringen. Wahrscheinlich ist das Kaff zwar ohnehin nicht auf der Karte - also muss das GPS her. Schnell sind die Koordinaten von Bucalemu gefunden, aber leider finden die Sateliten uns nicht mehr: just in diesem Moment sind die Batterien leer. Wir schaffen es wenigstens für ein paar Sekunden, dem Gerät die Richtung zu entlocken und staunen nicht schlecht, als es uns genau nach Boyeruca führt. Da hat doch die CIA glatt die Koordinaten von Boyeruca unter Bucalemu abgespeichert!!! Die Nester liegen zwar fast nebeneinander, aber wir wissen, dass Boyeruca in einer Sackgasse am Meer endet. Was soll's, müssen wir uns also nach Gefühl weiter bewegen. Zumindest hat uns der Abstecher an einigen Salzfeldern vorbei gebracht, wo die Bauern gleich säckeweiße Salz an der Straße verkaufen. Fragt sich nur, wer hier vorbeikommt ... - wahrscheinlich alle, die sich auf die GPS-Daten der CIA verlassen.

Unser Gefühl bringt uns weiter und wir landen auf der Straße nach Pichilemu (über Bucalemu). Schnell decken wir uns mit ein paar Zutaten für unseren zweiten Fisch-Grill-Abend ein und bei Einbruch der Dunkelheit steht das Zelt auf einem tollen Campingplatz am Meer in Matanzas. Heute legen wir den Fisch in Alufolie eingewickelt auf den Grill - ein kulinarischer Volltreffer! Nur diesmal sind es die Muscheln, die wir nicht hinbekommen. Wir haben zwar schon ungefähr tausendmal Miesmuscheln gekocht, aber diese haben weiße, herzförmige, dicke Schalen. Jedenfalls schmecken sie trotz langem Kochen irgendwie zäh. Wenn das so weitergeht, brauchen wir doch noch ein Kochbuch - zumindest für Fisch und Meeresfrüchte.


18.-19. April 2003, Matanzad

5995 km, S 33-57-46 / W 71-52-30

Wäschetag - diesmal sind auch die Fleecesachen und unsere Hosen dran. Entsprechend lange spielt Hanka Waschmaschine, bis mittags alles auf der Leine wedelt. Zuhause ist Wäschewaschen nicht mal erwähnenswert - für uns inzwischen meistens eine Halb-Tages-Aufgabe.

Den Rest der Zeit bringen wir endlich in der Sonne zu. Immerhin haben wir uns schon soooo lange darauf gefreut, mal faul in der Sonne zu liegen! Der Wind ist zwar ziemlich kühl und das Meer interessiert nur die Kitesurfer, aber wir finden ein windgeschütztes Plätzchen für unser erstes Sonnenbad.

Von unserem Zeltplatz aus können wir herrlich beobachten, wie ein Fischer sein kleines Boot morgens an Land bringt. Erst düst er auf den Wellen, bis er schließlich auf Grund geht. Am Strand wartet schon ein Ochsengespann, um das Boot an Land zu ziehen. Wir haben uns schon in Curanipe gefragt, wie die vollen Boote an Land gebracht werden. Dann beginnt wieder dasselbe Spektakel: das halbe Dorf eilt herbei, um zu helfen und zu schauen, was ihm alles ins Netz gegangen ist. Als wir uns das Ganze aus der Nähe ansehen, entdeckt Hanka einen winzigen Fischstand. Was braucht das Herz mehr zum Leben als einen schönen Campingplatz am Meer, warmes Wetter und frischen Fisch ...? Jedenfalls beobachteten wir zufällig, wie man die weißen, herzförmigen Muscheln isst, die wir vergeblich gekocht haben: man nehme ein Messer, um die Schale aufzuhebeln, ein Stück Zitrone zum Beträufeln und hinunter mit dem rohen Happen! Vielleicht sind das ja sowas wie Austernmuscheln? Jedenfalls war diese Beobachtung ziemlich ernüchternd. Hanka musste das rohe Erlebnis gleich ausprobieren (Kilopreis 1.000 Pesos, also ungefähr 1,30 EUR) und war begeistert! Jetzt müsste man nur noch den Trick herausfinden, wie man die Schalen leichter knackt.

Erik will für einen Tag Fischpause und wir stiegen zur Abwechslung kurz auf Spaghettis um. Der kleine Dorfladen gab sonst nicht viel anderes her. Inzwischen ärgert es uns immer öfter, dass wir nur so wenig Spanisch können. Bis man dem Verkäufer begreiflich macht, dass wir eine Paprika und eine Zwiebel möchten, fühlt man sich wie ein Behinderter, der nur rumgestikuliert und Laute von sich gibt. Das muss sich dringend ändern! Wir beschließen, umgehend die spanischen Wörter für Paprika und Zwiebel zu lernen.

20. April 2003, Matanzad - Reñaca

6291 km, S 32-58-20 / W 71-32-26

Nach zwei erholsamen Tagen heißt es wieder: Aufsitzen.

Wir sehen die ersten Weinplantagen und zu unserem Erstaunen sogar Erdbeerfelder. Spontan kaufen wir einen Riesenkorb Erdbeeren, den wir zum Mittag in San Antonio mit Hochgenuss verputzen. Die ersten frischen Erdbeeren im Jahr sind doch immer wieder ein Geschmackserlebnis!

Seit langem fahren wir mal wieder ein Stück Autobahn und werden prompt von einem ziemlich unfreundlichen Carabinero angehalten. Er wundert sich noch, warum im Führerschein kein Passbild ist (er hält natürlich den Fahrzeugschein in der Hand), aber wir sehen auch keine Veranlassung, ihn aufzuklären. Schließlich dürfen wir weiterfahren.

In Viña del Mar verschaffen wir uns einen ersten Überblick und sind ziemlich enttäuscht. Irgendwie wird Viña del Mar immer so hochgelobt - oder zumindest haben wir uns das eingebildet.

Es beginnt eine nervige Suche nach einem Hostal. Da wir nicht nur eine Nacht bleiben wollen, soll es etwas Schönes sein. Doch wir kommen von einer Absteige in die nächste mit unerhörten Zimmerpreisen - von Parkplatz ganz zu schweigen. Wir starten einen letzten Anlauf in der Touristeninfo, aber auch dabei kommt leider nichts heraus. In Valparaiso sollen die Unterkünfte etwas günstiger sein. Aber wir entscheiden uns dafür, die beiden Adressen von Campingplätzen in Reñaca und Concón ausfindig zu machen. In Concón wollen die zuerst 10.000 Pesos pro Nacht - auf einem Campingplatz!!! Normalerweise haben wir das Geld in richtig guten Hostals bezahlt (einschl. Frühstück)! Dazu ist dieser Campingplatz auch noch völlig ab vom Schuss. So vergraulen die sich heute ihre einzigen potentiellen Gäste.

Zurück in Reñaca suchen wir verzweifelt den anderen Campingplatz. X-mal fahren wir um den Block - inzwischen schon ziemlich genervt von der ewigen Suche nach einer Bleibe - irgendwann entdeckt Erik hinter einem Zaun ein altes Schild: Camping Reñaca Center. Leider hing ein fettes Schloss am Zaun und es war inzwischen auch schon dunkel. Am liebsten hätten wir unser Zelt in einem der Vorgärten aufgestellt oder selbst am Straßenrand, wir hatten einfach keine Lust mehr! Direkt hinter der Campingwiese war ein Tennisplatz und wir starteten dort einen letzten Versuch. Überraschenderweise war der Tennisplatzbesitzer gleich der Campingplatzbesitzer und schloss uns das Tor auf. Er wusste genau, wie rar hier Campingplätze sind und ließ sich daher auf keinerlei Preisverhandlungen ein. 6.000 pro Nacht fanden wir zwar immer noch unangemessen, aber wir hatten ja keine Alternative und waren die Sucherei ziemlich leid.

Nachdem Hanka zwar noch immer auf dem "Fischtrip" war, hatte Erik heute mal Abendessen-Wahlrecht. Wir landeten bei Burger King ... Tja, die richtige Zivilistion hat uns wieder!


21. April 2003, Reñaca - Viña del Mar - Reñaca

6311 km, S 32-58-20 / W 71-32-26

Wir düsen gleich morgens nach Viña del Mar, um ein bisschen Sightseeing zu machen und ein Internet-Café zu finden. In letzter Zeit haben wir uns lange genug in kleinen Nestern entlang der Küste rumgetrieben, so dass der nächste Newsletter inzwischen überfällig ist. Wir haben zwei Wochen nichts von uns hören lassen und gelten daheim bestimmt schon als verschollen!

Obwohl wir nicht mal 200 km nördlich von Matanzas waren, staunten wit nicht schlecht über den Temperaturunterschied. Hier ist noch fast Sommer! Herrlich warm und Sonne satt.

Hanka hatte im Reiseführer gelesen, dass der Garten des Präsidenten in seiner Sommerresidenz besichtigt werden kann. Wenn das nichts ist! Zunächst müssen wir nur die Residenz im Gewirr von Gassen finden - das gelingt uns noch. Es geht schnurstracks zum Wachmann und wir bringen stolz auf Spanisch unser Anliegen hervor: "Queremos visitar el jardin de presidente, por favour." Soweit wir die Antwort interpretieren, kann man den Garten wohl nur am Nationalfeiertag begutachten (wahrscheinlich lädt der Präsident alle zum Barbecue ein). Wir ziehen wieder ab und müssen selber nur noch lachen (der Wächter fand uns bestimmt ziemlich dämlich). Irgendwie absurd - man stelle sich vor, zwei Touris klopfen beim Schröder an: "Hallo, wir möchten uns den Garten anschauen" ...

Dafür ist aber der Park "Quinta Vergara" auch nicht schlecht - zumindest hat der Präsident nicht halb so viele Palmen in seinem Garten.

In der Stadt ist das Motorrad eher ein Klotz am Bein, obwohl wir ja sonst die Freiheit, die uns unser Gefährt gibt, ziemlich schätzen gelernt haben. Aber woher weiß man schon, welcher Parkplatz sicher ist. Wir fallen einfach zu sehr auf und haben selten Ruhe, die Honda allzu lange allein stehen zu lassen. Am Park finden wir eine ganz gute Lösung: wir suchen uns einen unfreiwilligen Aufpasser und parken direkt vor einem Apartement-Komplex mit Wachmann. Die Maschine stellen wir genau unter seine Überwachungskamera - besser geht's doch gar nicht! In der Fußgängerpassage ist es schon schwieriger. Zwar parken wir direkt vor dem Internet-Café, um ständig ein Auge auf die Maschine zu haben. Doch es gibt immer wieder Idioten, die alles ankrabschen müssen und sich auch noch prompt auf's Motorrad setzen. Hier kam uns mal wieder unsere Alarmanlage zugute!

Leider gab es heute auch eine ziemlich ernüchternde Erkenntnis, die uns den ganzen Tag lang ein dumpfes Gefühl in der Magengegend verschaffte: Wir haben unseren Leatherman verloren!!! Wahrscheinlich liegt er noch auf der Parkbank in San Antonio 120 km weiter oder jemand hat sich bereits gefreut. Das war nicht nur unser wichtigstes und meistbenutztes Werkzeug, sondern leider auch das teuerste! Hat nicht zufällig jemand einen Leatherman Wave doppelt und will einen nach Südamerika schicken ...?

22. April 2003, Reñaca - Valparaiso - Reñaca

6311 km, S 32-58-20 / W 71-32-26

Die letzte Nacht war grausam: wir haben kaum ein Auge zumachen können. Irgendein Vieh, das offensichtlich auch noch klettern kann, hat sich die ganze Nacht über den Abfalleimer hergemacht. Unsere Vorstellungen reichten den Geräuschen nach zu urteilen von Mäusen über Ratten, Waschbären, Stinktieren, Eichhörnern bis hin zu Siebenschläfern und Mardern. Wir rätseln noch immer, was es gewesen sein könnte. Vor allem Hanka lag stundenlang hellwach mit der Sorge, dass das Vieh auch unseren "Kühlschrank" plündern könnte. Wir hatten die Ortlieb-Faltschüssel zum "Kühlschrank" umfunktioniert, indem alle verderblichen Sachen in ein nasses Tuch eingewickelt in der Schüssel unter dem Dach des Zeltpavillions hingen (hier ein Gruß an Ortlieb, wie wär's mit einer erweiterten Produktbeschreibung?). Und jedesmal, wenn das Vieh über unsere Zeltunterlage rannte, standen Hanka die Nackenhaare zu Berge. Nachdem 4 Uhr verstrich, war leider Erik auch nicht mehr wach zu kriegen, so dass Hanka unter Aufbringung sämtlichen Mutes zur Taschenlampe griff und aus dem warmen Schlafsack schlüpfte, um dem Vieh auf die Schliche zu kommen - leider vergebens. Erbarmungslos raschelte es auch weiterhin knapp neben unseren Ohren, erbarmungslos schnarchte auch Erik sein Konzert weiter und erbarmungslos trieb die Sonne ab 8 Uhr die Innentemperatur unseres Zeltes in die Höhe, so dass an Ausschlafen nicht zu denken war. Zu gern wäre Hanka liegen geblieben, um den fehlenden Schlaf nachzuholen, aber wir hatten ja schon andere Pläne.

Ganz unmotorisiert, sondern á la Backpacker's zu Fuß und mit dem Bus wollten wir uns Valparaiso ansehen. Nach dem enttäuschenden Eindruck von Viña del Mar ließ der Reiseführer auf einige sehenswerte Highlights hoffen. Für Erik war es ganz angenehm, mal durch den Trubel gefahren zu werden. Sogleich stellte sich bei uns das Gefühl von Urlaub ein. Mit dem Motorrad unterwegs zu sein, fühlt sich irgendwie anders an, vielleicht "normaler".

Ohne einen Plan zu haben, stiegen wir in einen der vielen Busse, die am Strand langdüsen und irgendwo in Valparaiso aus. Der ganze Spaß kostet gerade mal 330 Pesos pro Person (44 Euro-Cent) - dagegen lohnt sich der Stress mit Parkplatzsuche, Motorrad im Auge behalten, Kräftemessen mit den Bussen, Abgasinhalieren, etc. wirklich nicht!

Schon schwieriger war es, die Touristeninfo zu finden. Mit 3 verschiedenen Stadtplänen bewaffnet, von denen einer schlechter als der andere war, versuchten wir anschließend, den Turri-Fahrstuhl zu finden. Da sich Valparaiso entlang steiler Hügel bis zur Küste wie ein Amphitheater zieht, kann man in vielen Stadtteilen mit uralten Fahrstühlen einige Meter höher kriechen und spart die Anstrengung von Treppen. Diese Fahrstühle sind inzwischen so historisch, dass sie auf der Liste der 100 meistgefährdeten Kulturdenkmäler stehen. Binnen Minuten stehen wir im Stadtteil Alegre / Concepción und finden uns in einer völlig anderen Welt wieder. Während sich "unten" der Trubel und Schmutz einer Großstadt abspielt, lassen die malerischen, engen Gassen hier "oben" von Kolonialzeiten träumen. Die UNESCO hat diesen Teil der Stadt als Weltkulturerbe vorgeschlagen. Es gibt etliche schöne Miradores, von denen man einen fantastischen Blick über die Stadt und den Hafen hat. Apropos Hafen, der ist wirklich mickrig im Vergleich zu Hamburg. Die ganze Bucht ist voller Containerschiffe, die darauf warten, endlich anlegen zu können. Kein Wunder also, wieso unsere Honda mit zwei Wochen Verspätung damals hier ankam ...

Nachdem wir auch die Treppen ausprobiert und das Hafentreiben vom Muelle Prat aus beobachtet haben, nehmen wir doch noch mal einen der Fahrstühle nach "oben". Der Ascensor Artilleria führt uns mit seinen schiefen Gleisen zum wohl schönsten Aussichtspunkt: dem Paseo 21 de Mayo. Hier drängelt man sich Silvester um den besten Blick auf ein grandioses Feuerwerk.

Schon ziemlich pflastermüde sehen wir die Radler-Familie wieder, denen wir an der Küste vor einer Woche schon begegnet sind. Erstaunlicherweise erkennen die uns auch ohne Motorradkluft gleich wieder, aber bei der Suche nach einem Hostal haben wir leider auch keinen Tipp parat. Leider reicht die Zeit wieder nicht für einen längeren Plausch, aber vielleicht sieht man sich ja noch ein drittes mal - sie scheinen ziemlich sympathisch und außerdem ist es vielleicht ganz interessant zu hören, wie es sich mit Kind reist (wir sehen schon unsere Eltern falsche Schlüsse ziehen ...)

Hanka und Erik
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