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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch

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Santigo und die Anden

23. April 2003, Reñaca - Santiago

6453 km, S 33-28-13 / W 70-40-30

Es ist grausam, wenn man abends schon Horror davor hat, schlafen zu gehen, weil man ahnt, die halbe Nacht mit offenen Augen und gespitzten Ohren dazuliegen. Leider bestätigte sich die Vorahnung und die Viecher hielten uns wieder die ganze Nacht auf Trab, obwohl im ganzen Umkreis unseres Zeltes kein einziger Mülleimer mehr stand. Nach zwei Nächten wie diesen fühlen wir uns total gerädert und sind totmüde. Da will auch das selbstgemachte Frühstück einschließlich Joghurt (den wir uns nur selten leisten) nicht richtig schmecken. Inzwischen hat Erik zwar rausgefunden, dass die Störenfriede "nur" Mäuse waren, aber schlafen konnten wir auch trotz dieser Erkenntnis nicht. Vor allem um des Schlafes Willen wollen wir hier weg und zur Abwechslung mal wieder eine Nacht in einem Bett verbringen - ohne Mäuse!

Der Campingplatzbesitzer ist irgendwie nicht da und seine Frau versteht kein Wort Englisch - wir wiederum sind nicht in der Lage, ihr unser Problem mit den Mäusen begreiflich zu machen. Leider lässt sie sich auch überhaupt nicht erweichen, im Preis runterzugehen und wir löhnen für die 3 Nächte 18.000 Pesos (24 EUR) für den am schlechtesten ausgeschilderten, dreckigsten, unherzlichsten, verungezieferten und teuersten Campingplatz unser bisherigen Tour.

Wir machen uns auf den Weg nach Santiago und die 100 km Autobahn sind eine leichte Übung. Kurz vor der Stadt werden die Straßen immer breiter und Busse, die zunehmend die Übermacht einnehmen, sortieren sich separat in zwei Rechtsspuren. So ist der Kampf mit den Bussen zum Glück nicht ganz so übel wie in anderen chilenischen Städten.

Zufälligerweise kommen wir genau am Estacion Central vorbei - irgendwo dort in der Nähe muss das Hostal liegen, das nicht nur der "Footprint" empfiehlt, sondern auch Anke und Uli. Wir parken in einer Seitenstraße und versuchen, entweder einen Stadtplan aufzutreiben oder noch besser eine Wegbeschreibung, wie wir die Straße finden. Beide Versuche schlagen leider fehl - selbst die Carabineros haben keine Ahnung und erzählen Hanka sogar, dass die Estacion Central drei Blocks weiter sei. Also im Einbahnstraßengewirr wenden und wieder zurück auf die Hauptstraße. Doch mitten im Einbahnstraßengewirr stehen wir plötzlich auf der San Vicente, wo wir hinwollen. Das ist doch unglaublich: in einer 5-Millionen-Metropole stehen wir per Zufall genau auf der Straße, die wir suchen!

Das Hostal macht einen guten Eindruck - problemlos können wir unser Motorrad im Carport sicher verschlossen stehen lassen. Scott, der US-amerikanische Inhaber, drückt uns zwar gleich ausführlich seine Ansichten zum Irak-Krieg auf's Auge: God bless America! Wir lassen uns gar nicht erst auf eine Diskussion ein - zumal wir nicht auf dem Laufenden sind und eine politische Diskussion mit Amis ohnehin keinen Sinn hat. Dafür bekommen wir außerdem eine grandiose Einführung in die City mit kunterbuntem Stadtplan einschließlich aller hilfreichen Buslinien.

Bestens gewappnet machten wir uns am Abend noch auf den Weg in die City: Plaza del Armas, den Fischmarkt (der leider schon geschlossen hatte) und Bellavista. Mit italienischer Pasta im Magen und wunden Füßen fielen wir irgendwann ins Bett.

24.-27. April 2003, Santiago

6453 km, S 33-28-13 / W 70-40-30

Obwohl die Zimmer nicht besonders herausragend sind, stellte sich das Hostal als die richtige Wahl heraus. Wir genossen nicht nur jeden Morgen ein reichliches Frühstück vom Feinsten (keine Schuhsohlen, sondern leckere Brötchen, verschiedene Marmeladen, nicht nur eine Sorte, frischen Saft, Obstsalat, Käse-Omelett und alles "all you can eat"). Es tat uns gut, mal wieder ein paar Leute kennenzulernen, nachdem wir uns in letzter Zeit immer nur auf Campingplätzen ohne Gäste rumgetrieben haben. Das Hostal ist bei Backpackern ziemlich beliebt und wir verbrachten eine nette Zeit mit Arnaud (aus der Bretagne, der war echt ein Süßer - und lustig), mit Darius (aus Litauen, der wird bestimmt mal ein großer Künstler - uns haben seine Werke jedenfalls ziemlich beeindruckt - oder er eröffnet ein Hostal, denn als Scott-Vertretung hat er sich prima gemacht und immer alle Telefonate für uns angenommen) und mit Sandra (aus Österreich, die gerade die Yamaha ihres Urlaubsflirtes in Santiago zu verkaufen versucht, da sie selbst keinen Führerschein hat).

Was wir auch für immer mit Santiago in Verbindung bringen werden, sind die Stadtbusse. Es gibt hunderte Linien und es ist schwer vorzustellen, ob da wirklich jemand durchblickt. Während diese Rußschleudern wie Heuschrecken durch die Stadt schwärmen, nutzen die zahlreichen Straßenverkäufer jede Ecke, um einzusteigen und ihren Spittel loszuwerden: Fellkatzen, Heftpflaster oder Süßigkeiten - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Man fragt sich nur, wo die a) das Zeug herhaben und b) wie die davon leben können? Als Busfahrer in Santiago braucht man anscheinend nur eine Lizenz. Uralte, verrostete Schüttelkutschen quälen sich durch den Verkehr und jedes Schlagloch schlägt einem direkt bis ins Knochenmark. Statistisch gesehen müsste es in Santiago die meisten Bandscheibenvorfälle geben! Ein Rätsel bleiben für uns auch die "Bustakter": Typen, die wild gestikulierend Zeichen geben und auf einen Zettel schmieren, wann wo welcher Bus gekommen ist. Ob die Busse ihre Linie ändern, um mehr Geschäft zu machen? Wir sind jedenfalls nicht dahinter gestiegen.

Endlich klappt es auch mit einem Treffen mit Krause. Wir vereinbaren eine Zeit am Santa Lucia und obwohl wir uns noch nie vorher begegnet sind, erkennen wir uns sofort. Es gibt viel zu erzählen, also laufen wir zusammen quer durch Bellavista und den Cerro San Cristóbal hoch bis zur Jungfrau Maria (leider nur mit mäßiger Sicht auf eine fette Smogschicht), brennen unsere ganzen Fotos bei einem Kumpel auf CD (mal sehen, wie lange die Post zu Gunni unterwegs ist, bestimmt aber schneller als die Ladezeiten im Internet hier) und schauen uns den Film "Johnny 'Mr. Bean' English" im Kino an. Kino haben wir hier regelrecht für uns entdeckt. Gleich am zweiten Tag hatten wir das Glück, "Das Experiment" auf Deutsch (mit spanischen Untertiteln) zu sehen. Wir freuen uns wie kleine Königstiger - es tut wirklich gut, mal wieder was Deutsches zu sehen.

Krause ist jedenfalls ein witziger Typ. Er überlegte sogar noch eine Weile, ob er spontan Sandra die Yamaha abkauft.

Einen Abend haben wir uns auch mit Uli und Cornelia in Bellavista getroffen. Die beiden bekommen im September ein Baby und wir haben bedauert, dass wir nicht mehr Zeit in Santiago miteinander verbringen konnten. Die beiden sind total nett und Hanka hat sich ziemlich gefreut, dass Uli trotz Funkstille seit Hankas kurzen Besuches vor anderthalb Jahren gleich so positiv auf das e-Mail reagiert hat. Dank Uli sind wir jetzt auch vier Kilo leichter und konnten endlich mal ein paar Sachen aussortieren, die er im Sommer für uns mit nach Deutschland nehmen wird. Dafür noch mal ein Riesendankeschön! Auch für das Roggenmehl, das wir bisher nirgendwo auftreiben konnten. Jetzt wissen wir zumindest, es gibt welches! Wir sollten die weitere Suche also nicht aufgeben. Schon jetzt freuen wir uns total auf die Gelegenheit, Eriks Sauerteig-Brot in "freier Wildbahn" auszuprobieren. Yummi, endlich mal wieder Schwarzbrot - das wird ein Kreuz im Kalender geben.

Letztendlich nutzten wir auch die Gelegenheit, um mit unseren Lieben daheim zu telefonieren und um ein paar Sachen in der Stadt zu erledigen. Motorradteile standen zum Glück nicht auf der Liste, aber die Kulturbeutel brauchten eine "Generalüberholung", Loctite war alle, Hanka fand endlich eine Bauchtasche für Wertsachen, der nächste Zeitungsartikel war fällig, Hanka wollte zum Friseur und auch Eriks Pelz war eigentlich mal wieder dran, Wäschewaschen stand an, wir brauchen festen Zwirn für kleinere Reperaturen, etc., etc. Letzteres erledigte sich fast wie von selbst. Scott empfahl uns eine Wäscherei in der City, wo wir zwar unsere ganze Wäsche quer durch Santiago schleppten, aber dafür einen Service bekamen, der uns sprachlos machte: Wir hatten unsere leere Seitentasche gleich in der Wäscherei gelassen und bekamen beim Abholen nicht nur unsere frische Wäsche, sondern der abgerissene Henkel an unserer Tasche war ohne ein Wort wieder angenäht - gratis!

Hankas Friseurbesuch war jedoch eine Begegnung der besonderen Art. Arnaud hatte am Vortag gleich am Plaza del Armas eine Galerie entdeckt, wo sich über drei Etagen ein Friseurladen an den nächsten reiht. Bei so viel Wettbewerb wird schon was Vernünftiges dabei sein, dachte sich Hanka. Während Erik im Goethe-Institut den letzten SPIEGEL durchschmökerte, wurden Hankas Haare total gestutzt. Eigentlich sollten nur die Spitzen ab, aber mittlerweile hat sie kurze Haare. Das war ganz schön gemein, zumal Hanka dachte, der Tante klargemacht zu haben, wie sie schneiden soll. Bevor man sich versah, waren die Haare hinten auch schon ab. Wenigstens an den Seiten konnte die Schere gestoppt werden, aber Hanka kam ziemlich unglücklich ins Goethe-Institut angekrochen. Erik hat wohl auch einen Schreck bekommen, selbst wenn er es nicht zugibt. Na wenigstens sind kurze Haare praktischer wegen des Helmes und so. Man muss dem Ganzen ja etwas Positives abgewinnen.

28. April 2003, Santiago - Uspallada

6705 km, S 32-35-20 / W 69-20-48

So spät wie heute sind wir noch nie losgekommen: es ist bereits zwei, als wir uns endlich in Bewegung setzen. Der Abschied von Darius, Arnaud und Sandra fiel uns richtig schwer und wir mussten erst noch Fotos knipsen. Uns hat die Zeit mit ihnen gut getan.

Nach fünf Tagen haben wir aber irgendwie die Großstadt satt und spüren schon wieder das Kribbeln, weiterfahren zu wollen. Nördlich von Santiago gibt es einen spektakulären Pass über die Anden nach Argentinien, den wir einschlagen. Nur erstmal müssen wir uns aus Santiago herausfinden. An einer Ampelkreuzung hält plötzlich ein Polizist auf seiner BMW neben uns. Wir fragen erstmal nach dem Weg und im kurzen Geleit bringt er uns netterweise gleich auf die richtige Rute.

Kurz nach Los Andes beginnen die "richtigen" Berge. In mehr als 30 Serpentinen schlängeln wir uns bis auf 2.800 m hoch. Hier oben wird es bereits deutlich kühler und die Honda zieht schon nicht mehr richtig durch anufrund der "dünnen" Luft hier oben. Zwischen etlichen Tunneln (und eigentlich längst auf argentinischem Boden) kommt endlich der Grenzübergang. Wir haben zwar schon einige hinter uns, aber dieser ist wirklich seltsam, zumal die Chilenen und Argentinier unter einem Dach sitzen - und das als Erzfeinde. Wir werden ziemlich unfreundlich abgefertigt und müssen hier sogar unser Einreiseformular für das Motorrad selbst schreiben! Zum Glück wissen wir schon, welche Felder die immer ausgefüllt haben wollen - ansonten versucht mal, ein spanisches Formular (DIN A4-Seite) richtig auszufüllen, ohne Spanisch zu können! Lieblos kritzelt Erik irgendwas hin und es wird nicht mal beanstandet.

Gerade noch vor Sonnenuntergang können wir einen Blick auf den höchsten Berg Amerikas werfen: den Aconcagua. Angesichts der Höhe und der kaum niedriger scheinenden, umliegenden Berge wirkt der Aconcagua mit seinen 6.959 m gar nicht soooo riesig. Wir werden ihn uns morgen noch mal aus der Nähe betrachten.

Jetzt haben wir vorerst noch mehr als 80 km bis Uspallada vor uns und die Sonne verschwindet schon wieder - unser altes Problem. Nach 5 Tagen Hostal haben wir eigentlich Lust zum Zelten, aber wir sind uns nicht ganz schlüssig, wie kalt es wohl nachts werden mag. Wir müssen es nicht herausfinden, den in Upsallada finden wir auf Anhieb eine super Hospedaje - günstig wie nie in Argentinien (10,- Pesos pro Person), mit Kabelfernsehen und bano privado!

Wieder in Argentinien zieht uns der Hunger ins nächste Restaurant mit "Parillada" (Grillplatte). Es ist schwer zu erraten, dass Erik mal wieder Steak bestellt. Hanka probiert erstmals gegrilltes Ziegenfleisch - wieder ein Volltreffer. Seit langem geniessen wir auch endlich mal wieder einen richtig guten Wein (... aus der Region Mendoza). Der obligatorische Nachtisch (natürlich Flan) ist nicht ganz so gut wie erhofft. Abgesehen von El Calafate waren wir noch nicht wieder in einem Restaurant, wo Hauptgericht und Flan beides spitzenmäßig geschmeckt haben, das ist doch komisch, oder?

Noch bis halb zwei hält uns "Minority Report" im Fernsehen gefangen. Aber entweder ist es schon zu spät, um noch bei vollem Verstand Englisch zu verstehen, oder es ist einfach nur ein schwieriger Film. Jedenfalls verstehen wir nur die Hälfte und rätseln noch eine Weile rum, wie was gewesen sein könnte.

29. April 2003, Ausflug zum Cristo Redentor, Aconcagua und nach Puente del Inca

6902 km, S 32-35-20 / W 69-20-48

Wir kommen erst spät aus den Federn - muss wohl am Minority Report gelegen haben. Insgeheim freuen wir uns aber schon auf einen weiteren Filmabend.

Trotz dass wir den Luxus voll auskosten, ist Fernsehen nicht alles. Mit ein paar Empfehlungen der Touristeninfo im Kartenfach und einigen Tipps eines Deutschen, der uns zufällig über den Weg lief, fahren wir die gestrige Strecke zurück bis zum Grenzübergang. Jetzt sehen wir erstmal, durch welch herrliche Landschaft wir gestern eigentlich gefahren sind. Aber nachts sind alle Täler grau und die hohen Berge rundherum ließen sich maximal erahnen. Wir sahen auch nicht viel von der alten Eisenbahnstrecke, die sich unglaublicherweise hier oben durch Tunnel und Brücken windet. Die Strecke ist teilweise sogar überdacht gewesen (wahrscheinlich wegen des Windes oder des Schnee's) und verfällt nun so nach und nach.

In Las Cuevas folgen wir einem kleinen Abzweig, der uns in Serpentinen bis auf 4.200 m Höhe bis zum Cristo Redentor hinauf führt. Mit jeder Kurve wird es kälter und windiger. Die Sturmböen geben uns ordentlich Seitenschub und jede Menge roten Staub aufs Visir. Uns tut die Honda richtig leid - sie quält sich brav mit nur halber Leistung Stück für Stück bergauf. Für uns drei ist dies die erste Rekordmarke von 4.200 m Höhe und wir bekommen eine Vorahnung, wie es sich im Altiplano fahren wird.

Oben angekommen gibt es zwei Refugios - ein argentinisches und ein chilenisches (das chilenische gefällt uns viel besser in seiner Urigkeit). Genau über den Berg verläuft die Grenze und da man ein Schild aufgestellt hat, kann man ohne Stempel im Pass ein paar Meter nach Chile einwandern. Früher war das tatsächlich der Grenzübergang (fragt sich nur, wie die LkW's überhaupt hier hoch gekommen sind). Mitten auf dem Berg ragt eine riesige, 8 m hohe Christus-Statue. Schnell verdrücken wir uns bei dem eiskalten Wind ins chilenische Refugio, um uns aufzuwärmen. Den angebotenenen Traubenlikör lehnen wir zwar dankend ab, aber ein zum Ofen umgebautes Ölfass tut gute Dienste an unseren zerfrorenen Knochen. Wir schätzen die Außentemperatur auf -5 Grad. Hier oben macht einem nicht nur die Kälte und der Wind zu schaffen - die Luft ist spürbar dünner, so dass nicht nur unsere Honda schnell außer Puste kommt.

Wieder auf "normaler" Höhe angelangt (immerhin noch 2.800 m), geht es weiter zum Aconcagua. Leider bleibt uns heute die Sicht auf den kompletten Gipfel verwehrt. Während ringsherrum blauer Himmel strahlt, hängen dicke, fette Wolken genau über dem Aconcagua. Irgendwie haben wir kein Glück mit großen Bergen ... Dennoch, alle umliegenden Gipfel sehen für uns nicht minder hoch aus - dadurch wirkt auch der Aconcagua viel unscheinbarer, als wir es uns vorgestellt hätten.

Nach den obliatorischen Fotos geht es weiter nach Puente del Inca. Gerade in Chile sind uns schon so viele Thermalquellen entgangen, dass wir uns heute die Zeit für eine ganz besondere nehmen.

Heiße Schwefelquellen haben neben dem Fluss Río Mendoza eine natürliche Brücke geformt und alles in eine gelb-grüne Farboberfläche verwandelt. Unter der Brücke wachsen hunderte Stalaktiten (oder heißen die Dinger Stalakmiten - Hannes ist bestimmt besser im Bilde als wir). So ein Schauspiel haben wir noch nie gesehen! Direkt unter der Brücke sprudeln noch immer heiße Schwefelquellen und vor Jahren hat ein Hotel aus der Umgebung für seine Gäste Thermalbecken daraus gemauert, so dass man noch heute in den mystisch wirkenden, dunklen Badewannen sitzen kann. Wir suchen uns die versteckteste Badewanne aus und geniessen fast ungestört eine Stunde Thermalvergnügen - einfach herrlich! Völlig benommen und geschafft geht es - den Sonnenuntergang im Rückspiegel - zurück nach Uspallada.

Wir haben die nötige Bettschwere und freuen uns auf den Fernseher, aber das Kabelprogramm ist heute eher mäßig.

30. April 2003, Uspallada - Rio San Juan bei Calingasta

7121 km, S 31-15-12 / W 69-19-36

Schon ganz gespannt auf die argentinischen Sternwarten lassen wir Upsallada hinter uns. Mit gerade mal noch 34 Pesos in der Tasche steht fest, dass wir die nächste Nacht wild campen müssen. Wahrscheinlich werden wir frühestens übermorgen in San Juan einen Geldautomaten auftreiben können. Die Alternative, ins 100 km entfernte Mendoza zu fahren, ist schnell wieder verworfen.

Vor uns liegt eine der schönsten Strecken. Immer entlang der Anden fahren wir weiter Richtung Norden. Der Herbst hat das Laub der Pappeln bereits gelb gefärbt, so dass sich wunderschöne Kontraste zum Blau des Himmels und der schneebedeckten Berge ergeben. Heute sehen wir auch den mächtigen Aconcagua erhaben über die Umgebung thronen - ganz ohne Wolken.

Irgendwann kommt linkerhand eine riesige, weiße Ebene. Als wir uns nähern, stellt sich heraus, dass es ein ausgetrockneter See ist - die perfekte Crossbahn für Motorräder, wie Erik mit einer quiecken Hanka hinten drauf feststellt.

Schon von weitem sehen wir in der Sonne die silbernen Kuppeln der Sternwarten in den Bergen glänzen. Von nirgendwo anders in der Welt soll man solch eine klare Sicht auf die Sterne haben wie von hier. Das müssen wir uns anschauen und schlagen den Weg Richtung Sternwarten ein.

In der ersten, kleineren Sternwarte treffen wir erst niemanden an. Da alle Türen offenstehen, können wir sogar unbemerkt einen Blick auf das Fernglas werfen. Wie wir später erfahren, werden hier abends keine Führungen angeboten. Wir versuchen unser Glück bei der größeren Sternwarte. Eine gelbe Pappel-Allee bringt uns zum CASLEO (Complejo Astronómico el Leoncito). Dort erhalten wir gleich einen kleinen Privatrundgang halb Spanisch, halb Englisch und dürfen das riesige Fernrohr bestaunen. Leider gibt es im Moment auch hier keine Nachtführungen. Die Sternwarte ist der Universität San Juan angeschlossen und wir müssten wohl in San Juan einen Führungstermin vereinbaren. Na ja, es war uns einen Versuch wert. (Wer mehr wissen möchte, unter www.casleo.gov.ar)

Wir ziehen weiter und machen ein Picknick in den Bergen. Es ist herrlich warm und wir bedauern schon ein bisschen, dass es mit der Nachtbesichtigung nicht geklappt hat. Wir hatten uns so schön ausgemalt, unser Zelt neben der Sternwarte aufzuschlagen und zu warten, bis es dunkel wird.

In Barreal möchte Hanka am liebsten bleiben. Der Ort sieht so gemütlich aus und es gibt sogar zwei ansprechende Campingplätze. Aber Erik's "Gashand" hat noch nicht Feierabend, bevor wir nicht in Calingasta sind. Dort kratzen wir unsere letzten Scheine für einen Rucksack voll Lebensmittel zusammen. Es ist immer ein lustiges Bild, wenn Hanka kaum noch auf's Motorrad steigen kann, weil der Rucksack wie unser Kind vor Erik's Schoß sitzt. Aber das ist die beste Lösung, mit bereits vollen Taschen doch noch Einkäufe unterzubringen.

Anschließend beginnt die Suche nach einer geeigneten Stelle, wo wir unser Zelt aufschlagen können. Es ist nichts Neues, dass es bereits schon wieder dunkel ist bis das Zelt steht und wir in aller Eile Wasser vom Fluss holen und Holz zusammensuchen ...

Wir studieren heute ganz besonders den Sternenhimmel - aber irgendwie sieht der auch nicht anders aus als sonst - mal abgesehen davon, dass es heute nicht mal einen Mond gibt.

Gemütlich aneinander gekuschelt auf der Suche nach neuen Milchstraßen wollen wir die neue Flasche Wein köpfen. Nachdem der Mendoza-Wein so gut war, wird der San Juan-Wein nicht minder schlecht schmecken ... dachten wir ... und schütten eine ganze Flasche Essigwein fort! Schade drum.

1. Mai 2003, Rio San Juan bei Calingasta - San Juan

7241 km, S 31-32-35 / W 68-31-37

Unser "Zeltplatz" war perfekt. Fast ungestört verbrachten wir eine ruhige Nacht. Nur irgendein Heulen ließ uns nachts kurz aufhorchen. Während Hanka den Geräuschen nach auf einen Coyoten tippte, hielt Erik den Störenfried lediglich für eine Eule. Wir mussten es zum Glück nicht herausfinden.

Nur langsam kommen wir in die Gänge. Wegen der wilden Sturmlocken auf seinem Kopf wird spontan beschlossen, dass Erik's Pelz hier und jetzt der Schere zum Opfer fallen muss. Es ist so schön sonnig und warm, dass wir beide was davon haben.

Noch 185 km bis San Juan. Wir haben uns schon gewundert, wieso der spärliche Verkehr immer nur in eine Richtung unterwegs ist. Erik ahnte den Grund: die Richtung der Piste wird je nach Urzeit geändert. Im Moment dürfte also die Strecke nach San Juan tabu sein. Da wir aber nur eine Vermutung haben, und auch gestern kein einziges Schild über temporäre Sperrungen gesehen haben, wagen wir das Abenteuer als "Geisterfahrer". Nicht ein Fahrzeug kommt uns entgegen - wir spekulieren, ob das Fahrverbot bereits aufgehoben wurde ...? In the middle of Nowhere kommt uns plötzlich wild gestikulierend ein Typ auf seinem Fahrrad entgegen und behauptet, Polizist zu sein. Aus seinem Rucksack holt er eine Liste raus und will unsere Namen wissen (falls mal ein Erik Meier in Argentinien gesucht wird, dann waren wir das). Wir können uns denken, was er mit seinem Kauderwelsch meint. Wir sollen bis 4 Uhr warten und könnten dann die Straße benutzen. Das ist uns alles zu blöd - mit Hupen vor jeder Kurve ziehen wir stattdessen weiter.

Wieder einmal ist die Landschaft atemberaubend - dabei ganz anders als gestern. Entlang des Río San Juan, der dem Flussbett nach schon wesentlich wildere Zeiten erlebt hat, schmiegt sich die enge Straße direkt an die Felswand der angrenzenden Berge. Nach jeder Kurve offenbart sich uns ein schöneres Panorama.

Kurz vor San Juan passieren wir eine riesige Baustelle. Sieht aus, als solle hier eine Talsperre entstehen. Die anschließenden Weinfelder geben einen ziemlichen Kontrast zu den trockenen Bergen. Hier wird also das Gesöff von letzter Nacht angebaut. Aber wir sollten nicht ungerecht sein, jeder und alles sollte eine zweite Chance verdienen - auch der Wein von San Juan.

Wir werden schnell fündig - sowohl was einen Geldautomaten betrifft als auch eine Hospedaje. Der Eigentümer des Etablissements macht einen ziemlich komischen Eindruck auf uns - irgendwie ist die ganze Unterkunft unheimlich und wir schlafen zum ersten Mal in einer Hospedaje nicht mit Bettzeug, sondern in unseren eigenen Schlafsäcken, da die Wolldecken so ekelig aussehen. Hanka hätte am liebsten was anderes gesucht, aber Erik sieht das alles ziemlich entspannt. Ist ja nur für eine Nacht!

Wieder mit Geld in der Tasche wollen wir schön essen gehen. Wie schon zu Ostern verflucht man als Globetrotter jegliche Feiertage (wie muss sich das für die Arbeitstiere anhören!!!). Heut ist der 1. Mai und blöderweise scheint die gesamte Gastronomie den Feiertag heilig zu nemen. Mit hängendem Magen irren wir eine Ewigkeit durch die Stadt. Parillada können wir also komplett vergessen. Auch der Chinese hat geschlossen, auf den Hanka spekuliert hatte. Wir nehmen letztendlich eine Imbissbude in Kauf, denn eine Alternative zu finden, ist aussichtslos.

Mit salz- und fettgetränktem Fastfood im Magen machen wir uns auf die Suche nach einem Internet-Café - die haben seltsamerweise alle am Feiertag geöffnet! So günstig wie hier war das Surfen noch nirgends: 0,99 Pesos pro Stunde. Das nutzen wir voll aus!

Auf dem Rückweg trauen wir unseren Augen nicht: der empfohlene Chinese hat inzwischen geöffnet und 200 m weiter finden wir einen großen Supermarkt, wo es alles gibt, was das Herz begehrt, sogar Leberwurst! Was für ein Abend!

Hanka und Erik
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