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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch

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Auf der Suche nach dem Valle de la Luna

2. Mai 2003, San Juan - über San José de Jachal - zum Valle de la Luna

7456 km, S 29-53-15 / W 68-44-16

Mit frisch geschmierten Leberwurstbrötchen im Gepäck geht die Reise weiter Richtung Norden. Kurz nach San José de Jachal muss irgendwo das Valle de la Luna sein - ein vorgemerktes Highlight aus der Zeit der Reisevorbereitungen.

Die Strecke nach San José de Jachal ist zwar asphaltiert, aber lang-, lang-, langweilig. Wir sind in den letzten beiden Tagen landschaftlich ziemlich verwöhnt worden. Hier dagegen finden wir das andere Extrem vor: in der flachen Steppe sammeln sich Berge von Müll am Straßenrand! Wir hätten nicht erwartet, dass solch verwarloste Müllberge einfach hier in der Natur rumgammeln - zumal wir bisher in Chile und Argentinien (mal abgesehen von den stinkenden Stadtbussen) eher einen sauberen Eindruck hatten.

Am Nachmittag trudeln wir in San José de Jachal ein - der Ort ist nicht gerade berauschend und dummerweise hat bis auf einen kleinen Gemüsehändler kein einziges Geschäft geöffnet. Unschlüssig, ob das mit dem 1. Mai zusammenhängt und die Argentinier ein langes Wochenende feiern, oder noch immer Siesta ist, warten wir erstmal ab. Ein paar kleine Jungs versuchen inzwischen, sich mit Hanka anzufreunden. Zumindest findet sie heraus, dass die Geschäfte erst zwischen 5 und 6 wieder aufmachen.

Da wir uns mit Lebensmitteln für 2-3 Tage eindecken wollen, um im Valle de la Luna nach Belieben zelten zu können, bleibt uns nichts anderes übrig als zu warten. Das ist aber auch zu blöd - heute liegen wir einigermassen in der Zeit, um nicht wieder dem Sonnenuntergangsstress zu verfallen und jetzt müssen wir die Zeit totschlagen! Was soll's - wir füllen schon mal die Benzinvorräte auf und beladen die Honda mit etwa 20 Litern Wasser. Als es dann endlich 5 Uhr wird und wir in etlichen Geschäften nun mehr oder weniger unsere Zutaten für Spaghettis, Kartoffelpü und ein simples Frühstück zusammengewürfelt haben, können wir endlich weiter. (Man sollte meinen, dass es in jedem Supermarkt Butter, Brot, Marmelade und Wein geben sollte ... weit gefehlt! Wenn uns in der Provinz wirklich etwas nervt, dann ist es das Einkaufen in den winzigen Supermercados; dabei haben wir noch nicht mal Ansprüche auf ausgefallene Sachen. Was sind wir schon in der Prärie rumgerannt nach Marmelade, Brot, Zahnpasta oder nach Kerzen erst!)

Anscheinend hat sich schnell rumgesprochen, dass zwei exotische Vögel eingetrudelt sind. Wir werden ständig beäugt und angesprochen. Zum Glück versteht Erik gar nicht erst, was ihm ein alter Mann kopfschüttelnd über das Valle de la Luna erzählt. Wir sollen wohl nach San Juan zurückfahren, warum auch immer ... das müssen wir wohl selbst herausfinden.

Mit Maximalbeladung - ehrlich, mit so viel Gepäck waren wir noch nie unterwegs! - geht's nach Villa Mercedes. Dieser Ort ist sagenhaft schön. Wir sammeln so viele Bilder im Kopf von argentinischen Gesichtern entlang der Straße - Jung und Alte tummeln sich alle vor ihren Häusern, an denen die Straße als Baumallee vorbeizieht. So etwas kann man gar nicht per Foto festhalten.

Kurz nach dem Dorf teilt sich die Schotterpiste gleich mehrmals. Nur einmal sehen wir überhaupt ein Schild, aus dem wir jedoch nicht schlau werden. Unser Gefühl bringt uns bei einbrechender Dämmerung zu einem schönen Tal mit ganz ominösen Felsen. Die sind richtig zerlöchert wie ein Schweizer Käse - mit Phantasie kann man sich auch Krater vorstellen, wie auf dem Mond. Keine Zweifel, das muss das Valle de la Luna sein! Noch ganz fasziniert von den Formationen suchen wir einen "Zeltplatz". Dank der heutigen Supermarkt-Misere müssen wir sogar das Zelt im Scheinwerferlicht des Motorrads aufbauen. Gleich noch ein Rekord für heute. Wir sind gerade so fertig mit Nestbau und der Kocher brennt, als wir eben noch rechtzeitig merken, dass die Maschine heiß läuft.

Rekordverdächtig war auch die Piste bisher - durch Riesensteine schlingerten wir mit unserer total überladenen, schweren Maschine übelste Hügel hoch und runter. Das fühlte sich nicht an wie eine Straße, schon eher wie ein ausgetrocknetes Flussbett! Es ist ein Wunder, dass es uns nicht hingelegt hat.

Auch diese Nacht suchen wir den Mond vergeblich - passt irgendwie nicht zum Valle de la Luna.


3. Mai 2003, Valle de la Luna - San José de Jáchal

7555 km, S 30-14-18 / W 68-44-31

Wir können uns nicht so recht entschließen, ob wir weiterfahren sollen oder bleiben. Wie meistens in solchen Fällen, packen wir zusammen. Das GPS meldet nur 44 km bis Guandacol - mal sehen, wie lange wir für die Strecke bei dieser schlechten Piste brauchen ...

Die "Käsefelsen" werden ziemlich schnell von normalen Felsen abgelöst. Das soll also das Valle de la Luna gewesen sein? Wir können gar nicht glauben, dass das schon alles war. Die ersten Zweifel kommen auf, aber die Richtung muss laut GPS stimmen - zumindest nähern wir uns Guandacol. Mittlerweile ragen immer mehr wilde Kakteen wie Spielfiguren aus dem Gestrüpp. Einige schaffen es bestimmt auf 3 m Größe!

Plötzlich endet das Tal und ein steiler Weg führt die Berge hinauf. Wir vertrauen dem GPS und folgen. Zu spät merkt Erik, dass nach der Kurve noch mal ein Anstieg kommt. Die Honda verreckt und in Zeitlupe kippen wir mit voller Ladung auf die Seite. So gesehen ist es bereits unser 5. Sturz auf dieser Reise (2 davon hat Erik allein hingelegt). Diesmal liegen wir im Dreck und lachen nur noch. Der Seitenkoffer hat erneut gute Dienste geleistet und alles abfangen können (diesmal sogar ohne Beulen). Schwein gehabt.

In der darauffolgenden Hochebene kommen wir recht gut voran. Mitten im Nirvana kommt auf einmal eine Schule mit einer Handvoll Häusern. Die Männer holen gerade Brot aus dem Backofen und wir werden von den Kindern bestaunt.

Laut GPS müssten wir hier genau durch ein gigantisches, trockenes Flussbett. Die Uferböschung kommen wir aber unmöglich mit dem Motorrad runter. Der letzte Rest vom Weg führt leider in entgegengesetzte Richtung. Wir kehren kurzerhand um, um die Leute im Dorf nach einem anderen Weg nach Guandacol zu fragen. Es muss doch ... Aber wir werden nett darüber aufgeklärt, dass man unmöglich von hier aus mit dem Motorrad nach Guandacol fahren kann - maximal per Pferd ist die Strecke passierbar. Wir stecken in einer Sackgasse und wahrscheinlich war das auch nicht das Valle de la Luna! Eine bittere Erkenntnis, fast 2 Tage lang 72 km in eine Sackgasse gefahren zu sein.

Wie gut, dass wir kein Zeitlimit haben. Wenn man sich vorstellt, so etwas passiert einem in einem dreiwöchigem Südamerika-Urlaub, wo jeder Tag wertvoll verplant ist ... Na, wenn das kein Trost ist, unbeschwert den Rückweg anzutreten.

Im "Tal der Käsefelsen" entledigen wir uns der letzten Wasservorräte, indem wir sie den Kühen spendieren. Wenigstens können wir uns einbilden, eine Kuhfamilie vor dem Verdursten gerettet zu haben und deshalb einfach in die Sackgasse fahren mussten ...

Wir freuen uns schon auf Villa Mercedes mit seinen fröhlichen Gesichtern. Gerade als wir ankommen, ist die Straße mit Menschen, Autos, Fahrrädern und Mopeds verstopft. Der Grund wird schnell klar: in einem Trauerzug erweisen die Leute jemandem die letzte Ehre. Die traurigen Gesichter gehen uns nahe - und keiner, aber auch keiner nimmt Notiz von uns. Gegensätzlicher können die Eindrücke von einem Dorf nicht sein!

Bei Sonnenuntergang hat uns San José de Jachal wieder. Ohne Aussicht auf eine Dusche schlagen wir unser Zelt auf einem Campingplatz hinter der Tankstelle auf. Wenigstens Tische und Stühle haben wir und der Tankwart lässt uns umsonst zelten. Wir haben den Eindruck, dass ihm der verwaiste Campingplatz ohne Ausstattung ziemlich peinlich ist. Den streunenden Hunden machen wir schnell klar, dass sie bei uns nur Steine kassieren, wenn sie hier rumschleichen. Komischerweise funktioniert das sogar - Prügel haben die alle anscheinend schon reichlich kennengelernt.

Da wir Licht und einen Tisch haben, ist das DIE Gelegenheit, unser selbtgebasteltes Spiel endlich mal auszuprobieren. Es macht echt Spaß. Bestimmt werden wir noch richtige TRIDOM-Fans.


4. Mai 2003, San José de Jáchal - Villa Unión

7700 km, S 29-18-54 / W 68-13-33

Nach einer schlechten Nacht im Flutlicht - anscheinend hatte der Tankwart vergessen, die Scheinwerfer auszuschalten - steht fest, dass wir heute auf jeden Fall ein Bett und eine Dusche brauchen. Schon zwei Tage ohne Dusche - das geht gar nicht!

Inzwischen sind wir schon so schlau, dass das Valle de la Luna zwischen Villa Unión und San Juan liegen muss. Hätten wir mal lieber eine Argentinien-Karte aufgetrieben. Argentinien als Randstück zur chilenischen Straßenkarte zu entdecken ist nicht gerade ergiebig - und auf unserer Südamerika-Karte klebt das Valle de la Luna so groß, dass es im ganzen Umkreis von 300 km sein könnte.

Steuern wir erstmal Villa Unión an. Auf dem Weg dahin werden wir gleich zweimal an den Polizeistützpunkten kontrolliert und in den schon bekannten Listen registriert. Es lässt sich erahnen, welch Verwaltungsaufwand in Argentinien betrieben wird. Da fährt man durch herrliche Landschaften und muss ständig Pässe und Papiere zücken, als hätte man Knastausgang. Dennoch, wir freuen uns über die roten Berge, an die sich unendliche Weiten anschließen. Wieder hat uns die Ruta 40 wieder - diesmal voll asphaltiert. Wie wir es bisher nur in den Staaten erlebt haben, zieht sich die Straße bis zum Horizont meilenweit immer geradeaus. Für ein bisschen Aufregung sorgen lediglich die Straßensenken, die von gewaltigen Flussüberspülungen alle paar hundert Meter noch voller Schlamm und Geröll sind. Ohne Vorwarnungen legen wir so einige ungewollte Vollbremsungen hin. Es muss unglaublich sein, wieviel Wasser hier die Berge runterkommt. Zum Glück ist es nicht an der Zeit, diese Ausmaße zu erleben. Wer weiß, wieviele Wochen man so festsitzen kann, bis die Straße wieder passierbar ist.

Zur frühen Siesta trudeln wir in Villa Unión ein. Unsere erste Anlaufstelle, die Touristen-Info, lohnte den Besuch. Zwar drückte man uns einen Stadtplan mit Unterkünften in die Hand, aber einer der Guides sprach uns noch mal an und brachte uns im Obergeschoss bei einem sehr netten, älteren Pärchen unter. Wir hatten ein riesiges Appartement für uns allein. Auf Anhieb gefiel es uns hier und schnell war beschlosse Sache, morgen einen "Gleittag" einzulegen.

Die Dusche fühlte sich an wie ein Geschenk des Himmels und machte wieder Menschen aus uns. Frisch und sauber fehlte uns jetzt nur noch ein Restaurant zu unserem Glück. Nach dem kulinarischen Reinfall in San Juan waren wir der Meinung, uns endlich ein Steak verdient zu haben. Aber irgendwie war der Wurm drin. Das einzige annehmbare Lokal war ausgerechnet geschlossen. (Von Öffnungszeitenschildern träumt man in Südamerika nur.) Gerade wollen wir zum Supermarkt trotten, als uns ein Confiteria-Besitzer überredet, bei ihm zu essen. Wir hätten angesichts der Plastikstühle und einer fehlenden Speisekarte eigentlich stutzig werden müssen. Schon wieder Fastfood - das Lomo Plato lag Hanka schlimmer im Magen als frittierte Steine!


5. Mai 2003, Villa Unión

7700 km, S 29-18-54 / W 68-13-33

Schön ausgeschlafen und in Ruhe gehen wir den Tag an. Ein bisschen Wäsche waschen - die Turnschuhe gleich mit - ein bisschen lesen, ansonsten saßen wir die meiste Zeit in der Sonne.

Unsere "Gasteltern" sind total nett und behandeln uns wie zwei Könige. Es sind so viele Kleinigkeiten, die ihre Gastfreundschaft ausmachen! Wenn wir nur etwas besser Spanisch verstehen würden, um mehr mit ihnen zu erzählen!!!

Leider wird die gute Stimmung mal wieder von einer neuen Verlust-Meldung überschattet. Diesmal haben wir unsere Minitastatur für das Handheld irgendwo eingebüsst. Jetzt wird das Tagebuchschreiben ein ganzes Stück mehr Zeit in Anspruch nehmen. So ein Mist aber auch! Entweder liegt sie noch in Upsallada oder in San Juan im Hostal. Im Moment scheint es jedenfalls ziemlich hoffnungslos, in Kürze irgendwo eine neue Tastatur aufzutreiben.

Dafür haben wir hier wider Erwarten einen Internetzugang ausgemacht. Es gibt zwar nur drei Rechner und einer ist langsamer als der andere, aber immerhin. Uns hat sich gleichzeitig eine neue Art von "Internet-Café" offenbart: in der Muncipalidad (so etwas wie die Stadtverwaltung) hat man in einem kleinen Raum einfach drei Rechner hingestellt und eine Tussi, die von Computern keine Ahnung hat, hat den Kassierer-Job. Entsprechend einer Stadtverwaltung ist das Internet-Zimmer am Wochenende geschlossen...

Erik hat sich heute intensiv der weiteren Routenplanung gewidmet und festgestellt, dass wir uns den Norden Argentiniens nicht entgehen lassen sollten. Alles in allem werden wir allein bis Panama bestimmt ganze vier Wochen mehr brauchen als gedacht. Noch sehen wir das ziemlich entspannt. Uns war ja wichtig, spontan zu bleiben. Und auf gar keinen Fall wollen wir uns unter Zeitdruck setzen.

6. Mai 2003, Ausflug zur Laguna Brava

8104 km, S 29-18-54 / W 68-13-33

Das mit dem frühen Aufstehen klappt heute nicht so recht (hat es das jemals?). Relativ spät erst sitzen wir auf dem Bike und fahren mit Leichtgepäck Richtung Norden. Unser "kleiner" Ausflug von 400 km soll ein echtes Abenteuer für uns werden. Vielleicht sollten wir künftig die Routen etwas kürzer stecken. Okay, für hiesige Verhältnisse sind 400 km gar nichts, aber wir sollten unser europäisches Blut nicht vergessen.

Erik kam heute morgen gleich mit einer Einladung zum Tee aus dem Supermarkt. Eine Frau hatte ihn angesprochen, weil er deutsch aussah und sie so selten die Gelegenheit hat, sich auf deutsch zu unterhalten. Kathy's Familie stammte aus Bremen und sie war als Kind sogar mal dort. Jedenfalls freuen wir uns riesig über die Einladung - endlich können wir mal einige unserer Fragen loswerden, ohne uns einen auf Spanisch abzubrechen.

Doch zunächst müssen wir erstmal auf die Straße kommen. Bis Jagüé genießen wir noch den Luxus von Asphalt unter den Rädern, nicht ohne erneut dreimal von den beliebten Straßenposten kontrolliert zu werden. In Jagüé dürfen wir dann den Wegzoll für den Nationalpark berappen (10,- Pesos für uns beide und noch mal so viel für das Motorrad) und danach sind wir für die nächsten 100 km auf uns selbst gestellt. Aber man wird uns suchen, wenn wir nicht wie vereinbart zurückkehren. Na ja.

Jagüé muss noch erwähnt werden, weil das Dorf komplett in einem alten Flussbett liegt. Das ist ganz witzig, denn die einzige Straße im Ort ist das Flussbett, in dem man fährt.

Anschließend holperten wir durch die schlimmste Piste seit langem. Wenn wir jetzt nicht mal schon die Vorarbeit für einen späteren Wirbelsäulenschaden geleistet haben... Auch dass wir zig-mal einen kleinen Fluss durchqueren müssen, ist alles in Kauf zu nehmen für die Landschaft, die wir erleben dürfen.

Zuerst zieht sich der Weg durch ein grasbebüscheltes Tal mit "gefalteten" Felsen. So wie die Berge aussehen, muss man sich im Geografie-Unterricht die Entstehung eines Faltengebirges vorstellen. Anschließend wurde es immer kahler, kälter und wir kletterten zunehmend höher.

Bei einer kurzen Entspannungspause merken wir, dass das Kühlwasser überkocht. Der Motor ist allerdings gar nicht so heiß. Bis uns in den Sinn kommt, dass ja die Siedetemperatur bei Höhe deutlich abnimmt und deshalb das Wasser schon kocht! Wir überlegen einen Moment lang, ob wir Schnee schmelzen sollten, lassen es aber doch bleiben.

Inzwischen sind wir inmitten einer Malerpalette angekommen. Die runden Bergkuppen sind in völlig irre Farbtöne getaucht: in rot, gelb, braun, grün und grau - mit kleinen Schneefeldern verziert - und dazu muss man sich noch einen azurblauen Himmel vorstellen, der wohl nur in hohen Lagen so extrem blau ist. Wir saugen die Farben in uns auf und kriechen höher und höher. Die arme Honda zieht kaum noch - Erik murmelt: "die fährt sich wie meine alte Schwalbe". Nach vorne gelehnt fiebern wir mit der Honda jeden Anstieg hoch und feuern sie kräftig an. Sie gehorcht brav und schafft es mit uns bis auf eine Höhe von 4.200 m! Zum Schluss kurvt die Piste wie eine Berg- und Talbahn auf und ab, bis sich vor uns eine riesige Hochebene erstreckt. Darin schimmert - umgeben von mehr als 6.500 m hohen Vulkanen - grün und weiß ein riesiger Salzsee - die Laguna Brava. Der Anblick ist berauschend! Wir bekommen eine vage Vorstellung, wie es im Altiplano sein muss. Die Laguna ist aus einem 4 km breiten Meteoriten-Einschlag entstanden, das kann man sich kaum vorstellen.

Wir legen trotz des eisigen Windes ein Höhen-Picknick ein und suchen den See nach Flamingos ab. Die soll es nämlich hier oben geben; im Frühling sogar zu Hunderten. Bei einer Länge von 16 km dürfte es nicht so einfach sein, eine Handvoll Flamingos zu entdecken. Wir pirschen uns weiter und werden fündig. Ganze neun Flamingos waten am Ende des See's durch die Salzlauge. Wir freuen uns wie die Schneekönige.

Am liebsten möchte Erik die Laguna umrunden, aber die Zeit rät zur Vernunft. Wir haben noch 200 km Rückweg vor uns und schon jetzt ist abzusehen, dass wir es nicht mehr im Hellen schaffen. Das mit dem frühen Aufstehen sollten wir also üben!

Wir kommen nicht wirklich voran: das Licht der Abendsonne lässt uns immer wieder anhalten, um die farbenprächtige Landschaft zu fotografieren. Wir können uns gar nicht sattsehen. Nicht weit von uns tummelt sich eine Herde Guanacos, auch die müssen für uns Portrait stehen.

Den Kopf noch voller Eindrücke kommen wir wieder in Fahrt. Plötzlich rutscht uns das Hinterrad weg und in Schräglage zieht es uns nach rechts. Wir hatten bestimmt 60 km/h auf dem Tacho, als das Motorrad im Schotter steckenbleibt, nach vorn kippt und auf die Seite knallt. Bei dieser Aktion legen wir einen reifen Stunt über den Lenker hin. Bevor wir uns versehen, liegen wir einige Meter von der Honda entfernt voll im Schotterdreck. Alles ging so schnell, dass wir gar nicht begreifen, was eigentlich der Auslöser war. Nur eine kleine Kurve, die ein bisschen abschüssig wurde, vielleicht ein bisschen zu schnell gefahren, vielleicht war es schon ein bisschen zu dunkel für die Sonnenbrille, der Untergrund noch ziemlich schlecht - vielleicht kam das auch alles nur zusammen...

Zuerst denkt man - nein, das kann jetzt nicht wirklich passiert sein. Dann kriegt man das Gefühl, dass einem alles weh tut und man bestimmt nicht mehr aufstehen kann. Und als wir uns dann Knochen für Knochen hochrappeln, scheint doch das meiste heil zu sein. So recht will man zwar dem Eindruck noch nicht trauen - wer weiß, vielleicht stellen sich die Schmerzen erst ein paar Schrecksekunden später ein. Jedenfalls schienen wir ziemlich viel Glück gehabt zu haben. Hanka hatte offenbar gar nichs abgekriegt und machte sich mehr Gedanken darüber, ob die Kamera noch funktionierte. Bei Erik sah es dagegen nicht so gut aus. Er war am weitesten geflogen und anscheinend hatte sein linker Arm den ganzen Aufprall abgefangen. Er konmte den Arm kaum bewegen und hatte ziemliche Schmerzen.

Nachdem der erste Schreck verdaut war, musste die Honda zuerst wieder auf die Räder gehievt werden. Wir schafften es irgendwie, das Motorrad aufzurichten und rückwärts über den Schotterberg auf die Piste zu zerren: Erik nur mit halber Kraft, Hanka dafür mit doppelter.

Der erste Blick auf's Motorrad tat weh: in der Frontverkleidung klaffte ein riesiges Loch - genau an der Stelle, wo drei verschiedene Verkleidungsteile miteinander verbunden sind. Der linke Spiegel war außerdem zerbrochen, das Licht verschoben, wieder mal ein Seitenkoffer verzogen und die halbe Farbe am Handschützer abgeblättert. Aber wie es schien, nur optische Schäden. Unsere "Brave" sprang nach einigen Versuchen sogar an und es sah ganz so aus, als hätte das Fahrwerk nichts abbekommen. Unglaubliches Glück! Wer weiß, wann hier der nächste vorbeigekommen wäre, um ein Motorrad zu reparieren!

Nun hatten wir "nur" noch das Problem, wie mit dem ledierten Arm zurück kommen? Bei der Probefahrt fiel Erik gleich durch. Hanka konnte gar nicht mit ansehen, wie er sich abmühte, die Kupplung zu ziehen! Das konnte einfach nicht funktionieren, zumal Erik befürchtete, dass der Arm gebrochen sei. So war Hanka des festen Entschlusses, die 180 km nach Villa Union selbst zu fahren. Das Gelände war zwar auf dem ersten Stück extrem schlecht und schwer zu fahren - ganz abzusehen von den ganzen Flussdurchquerungen, die wir noch vor uns hatten! Aber es würde schon irgendwie gehen, wenn man ganz langsam fährt. Hankas erster Fahrversuch mit unserer Honda sah recht gut aus - das würde sie schon schaffen mit einem starken Willen. "So viel anders als Moped fahren, ist das nun auch wieder nicht", so Hanka. Aber Erik war beim besten Willen nicht als Sozius zu überzeugen und wollte partout den Versuch starten, ohne Kupplung zu fahren. Mal abgesehen von den kleinen Gängen, funktionierte es einigermaßen. Gut wäre, wenn Hanka von hinten kuppeln könnte, aber die Arme waren dafür leider zu kurz. So quälte sich Erik mit viel gutem Zureden.

Als wir in Jagüé eintreffen und uns aus dem Park zurückmelden, ist es bereits dunkel. Noch etwa 100 km müssen wir schaffen, aber Gott sei Dank auf Asphalt, wo Erik kaum noch kuppeln muss. Das Fern- und Abblendlicht kann Hanka ganz gut von hinten bedienen.

Inzwischen macht sich jeder von uns so seine Gedanken, wie es weitergehen soll. Es spricht alles dafür, dass der Arm gebrochen ist und mit Gips würden wir mindestens 4-6 Wochen brauchen, bis wir weiterfahren könnten. Wir sind zwar sehr nett aufgehoben in Villa Union, aber so lange hier festzustecken ... Wir sind uns einig, dass wir die Zeit zum Reisen nutzen wollen und wenn es so sein sollte - dann eben mit Bussen. Oder Erik fasst doch noch Vertrauen und lässt Hanka fahren ... In Erik's Kopf sieht es noch ein bisschen anders aus. Er macht sich ziemlich Vorwürfe, wie das alles passieren konnte - zu unrecht, findet Hanka. Niemand ist unfehlbar und schließlich hätte das Ganze auch schlimmer ausgehen können. Was soll's! Fahren wir halt noch mal nach Buenos Aires und holen die Iguazú-Wasserfälle nach ... uns wird schon was einfallen.

Als wir zuhause ankommen, schicken uns unsere Gasteltern gleich voller Sorge in die Klinik. Wir sollen nicht bis morgen warten. Inzwischen tut Erik's Arm so sehr weh, dass er es einsieht. Sogleich machen wir uns auf den Weg.

Es ist schon neun durch, als wir kurz bei Kathy vorbeischauen und unsere Einladung absagen. So wie es aussieht, werden wir noch genug Zeit haben, den Abend nachzuholen. Sie ruft netterweise sogar schon in der Klinik an, um unseren Besuch anzukündigen.

Ein netter Arzt kümmerte sich sogleich um uns. Hanka schilderte die Ereignisse beinahe fließend und war selbst erstaunt, wie gut das doch auf Spanisch ging. Wir hatten in der Eile natürlich auch noch unser Spanischbuch vergessen. Aber man schien uns wirklich zu verstehen und schon wurde Erik zum Röntgen gebracht. Der Arme konnte kaum seine Jacke ausziehen geschweige denn seinen Arm in Position legen. Hanka tat es in der Seele weh, ihn so leiden zu sehen. Leider war der Röntgenapparat so alt, dass man auch beim zweiten Versuch nicht sichergehen konnte. Laut Röntgenplatte schien zumindest nichts gebrochen zu sein. Der Arzt vermutete, dass das Ellenbogengelenk ausgerenkt ist, aber um sicher zu gehen, fuhr er mit uns noch ins Krankenhaus. Sofort wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt - gleich drei Leute schauten sich Erik's Knochen auf dem Bildschirm an. Man konnte erschrecken, wie die Leute in den Betten hier untergebracht waren, aber der Röntgensaal war mit feinster Technik ausgestattet. Jetzt bestätigte sich die Vermutung: nichts gebrochen! Uff!!! Aber man wollte uns morgen nach Chilecito zum Spezialisten schicken. Wahrscheinlich war doch irgendwie das Gelenk einzurenken, denn Erik konnte den Arm beim besten Willen nicht ausstrecken. Ein weiterer Stein fiel uns vom Herzen, als der Doc auf ca. 20 Tage tippte, bis wir weiterfahren könnten. Das hört sich doch schon viel besser an als unsere schlimmsten Befürchtungen von 4 - 6 Wochen!

Inzwischen organsierte man schon für uns den Krankentransport nach Chilecito, als es Erik plötzlich schwarz vor Augen wurde. Das war wohl alles zu anstrengend heute, so dass der Kreislauf Protest anmeldete. Zum Glück hielten die weichen Knie nur kurz vor. Erik konnte sich hinlegen und bekam etwas Zuckerwasser, dann wurde es sofort besser. Wir hatten auch schon seit dem Nachmittag nichts mehr gegessen - kein Wunder. Für einen Moment hatte Erik schon Angst, dass sie ihn im Krankenhaus behalten wollen. Aber er durfte selbst entscheiden.

Jetzt dürfen wir gespannt sein, ob das mit dem Krankentransport morgen klappt. Offenbar konnte man sich nicht ganz festlegen, wann es losgehen soll. Erst hieß es um 5.00 Uhr und schließlich landeten wir bei 6.30 Uhr Abfahrt vom Krankenhaus. Das klingt schon ein bisschen besser in unseren Langschläferohren.

Wir werden sogar noch nach Hause gefahren. Unsere beiden Gasteltern warten schon voller Sorge und sind fast genauso erleichtert wie wir, dass nichts gebrochen ist. Mit seinem grünen Dreieckstuch, das ihm im Krankenhaus verpasst wurde, sitzt Erik ganz geknickt in der Küche, während Hanka ihm einen großen Teller Spaghetti kocht. Es ist bereits 1.00 Uhr, als der Tag für uns zu Ende geht.

7. Mai 2003, Villa Unión

8104 km, S 29-18-54 / W 68-13-33

Wir lagen gerade im Bett, als irgend jemand durch unser Apartement spaziert. Trotz lediertem Arm muss Erik aufstehen und den Einbrecher ausfindig machen. Es ist ein Typ vom Krankenhaus, der uns nur eine Nachricht übermitteln will, dass wir erst um 8.00 Uhr im Krankenhaus zu sein brauchen! Das muss man sich mal vorstellen: nachts halb zwei wird jemand losgeschickt, damit wir 1 1/2 Stunden länger schlafen können und später nicht umsonst warten - und das in Südamerika, wo man so viel Zeit mit banalen Dingen verplempert! Wir sind völlig von den Socken. Julia ist zum Glück noch wach, so dass wir auch ihr Bescheid geben können und sie nicht umsonst für uns aufsteht.

Kurz vor acht steht ein Taxi vor der Tür. Julia ist der Meinung, dass es zum Krankenhaus zu weit zum Laufen sei und fährt gleich mit uns. Prompt will sie unbedingt noch das Taxi bezahlen, weil sie ja selbst kein Auto haben. Sie ist einfach soooo lieb.

Wir warten auf eine Krankenschwester, die extra für uns abberufen wird und dann geht es los. Julia drückt uns wie zum Abschied und hält uns die Daumen, dass es nicht so schlimm für Erik wird.

Mit enttäuschten Gesichtern steigen wir in den Pick Up eines zahnlosenTypen, der offenbar Fahrer für das Krankenhaus ist. Erik hatte sich unter Krankentransport etwas anderes vorgestellt: wohl eher eines dieser schönen Sirenenautos. Na ja.

Einer der Ärzte erklärt uns noch, dass das Krankenhaus die Behandlung übernimmt und wir lediglich die Transportkosten tragen müssen. Zu diesem Zeitpunkt glauben wir noch, dass wir mit einem richtigen Krankenwagen fahren. Als erstes fährt der Typ zur Tankstelle und knallt den Pick Up mit Diesel randvoll - wir bezahlen. Aber es wäre unfair, sich aufzuregen. Schließlich mussten wir uns um nix kümmern und noch nicht mal die Behandlungskosten tragen - wie Ehrenpatienten.

Im Krankenhaus in Chilecito werden wir sofort drangenommen. Als erstes will man die Röntgenbilder von uns sehen, aber wir haben in Villa Unión gar keine bekommen. Wir dachten eigentlich, dass die Krankenschwester die Bilder dabei hat. Also noch einmal die ganze Quälerei für Erik. Zum dritten mal wird der Arm geröntgt und anschließend untersucht. Der Doc ist irgendwie seltsam und wir interpretieren seine Diagnose, dass er nichts für uns tun kann. Wie ein "Knochenspezialist" kommt er uns jedenfalls nicht vor und wir versuchen, ihm die Vermutung der Ärzte in Villa Unión darzustellen. Aber er meint, das Gelenk ist nur gestaucht, braucht 5-10 Tage Ruhe und danach sollte es wieder gehen. (5-10 Tage - das war weniger als wir zu hoffen wagten!) Erik kriegt noch eine Spritze und einen Verband und wir dürfen mit einem Schmierzettel in der Hand zur Apotheke. Dort gibt man uns ein paar rote Pillen - wir haben keine Ahnung, wofür oder wogegen die sind - und anschließend geht's die Strecke zurück nach Villa Unión.

Schon jetzt freuen wir uns auf den Tag, an dem wir selbst mit dem Motorrad nach Chilecito fahren können: die Route ist traumhaft schön! Ziegelrote Berge, dahinter die riesigen, schneebedeckten Famatinas und ein Tal voller Kakteen, von denen es die größten bestimmt auf 5-6 m Höhe bringen.

Als wir nach Hause kommen, gibt es ein großes Hallo. Julia und Carlos freuen sich mit uns, dass alles noch einmal so gut ausgegangen ist. Inzwischen haben sie uns auch ihre Namen, Adresse und die Telefonnummer aufgeschrieben - falls irgend etwas sein sollte. Im Krankenhaus konnten wir ja noch nicht mal Auskunft geben, wo und bei wem wir wohnen. Die beiden sind echt goldig. Gleich wurde ein Tischchen herbeigeholt, so dass wir draußen sitzen konnten. Und Carlos hatte irgendwo einen Benzinschlauch aufgetrieben, weil irgendwo mal wieder Benzin tropfte. Erik konnte ihn gerade noch stoppen, das Motorrad auch noch zu reparieren. Rasch waren die Benzinhähne zugedreht und das Problem erstmal gelöst, bis er irgendwann wieder selber basteln kann.

Erik genoss inzwischen das volle Pflegeprogramm und ließ sich richtig verwöhnen: geschmierte Brötchen, sich anziehen lassen, Schnürsenkel werden zugebunden, jede Menge Extra-Streicheleinheiten, und, und, und. So lässt es sich krank feiern!

Am Abend versuchen wir, noch einen der begehrten Internet-Plätze zu ergattern. Das Internet ist hier streckenweise so langsam, die alte Satelitenschüssel muss völlig überfordert sein! Aber zumindest können wir eine Nachricht an unsere Versicherungen absetzen und unseren Eltern beichten, was passiert ist. Beim Studieren der Versicherungsbedingungen fällt uns gleich ein schöner Begriff auf, um die Situation zu beschreiben: FAHRERAUSFALL.


8.-12. Mai 2003, Villa Unión

8104 km, S 29-18-54 / W 68-13-33

In diesen Tagen lernen wir die Gastfreundschaft der Argentinier kennen und schätzen. Carlos und Julia verwöhnen uns wie zwei Ehrengäste und wir kommen immer besser miteinander ins Gespräch - jawohl, ins Gespräch! Der Knoten scheint endlich gerissen und wenn wir uns zum Teil auch schwer tun, es geht immer besser mit dem Spanisch! Natürlich haben wir endlich auch mal Zeit, den Sprachführer weiter zu studieren und ein paar Vokabeln zu lernen. Immer, wenn wir besonders ratlos sind, wie man was sagen könnte, holen wir anschließend die Vokabeln nach. Das funktioniert ganz gut und so wird es allmählich besser. Carlos und Hanka haben genug Gesprächsstoff, weil sie die gleichen Leidenschaften teilen: Kochen und Pflanzen. So entwickelt sich schon fast ein Kochwettbewerb und wenn wir noch länger geblieben wären, hätten wir sicher die ganze Palette der argentinischen Küche kennengelernt. Es bürgerte sich so ein, dass Carlos mittags für uns mitkochte, angeblich nur zum Probieren. Es war immer lecker und Hanka staunte, wie gut sich Carlos mit gesunder Ernährung auskannte - in einem Land, wo nicht gerade "cholesterin-gehaushaltet" wird. Meistens revanchierten wir uns, indem wir mit unseren Mitteln etwas von zuhause kochten (mit richtiger deutscher Küche ist es bei uns ja nicht weit her). Carlos war begeistert von unserem "Apfel-Möhren-Müsli", mit dem Erik als Kind immer von seiner Tante verwöhnt wurde. Aber das absolute Highlight - vor allem für uns - war unser erstes, selbstgebackenes Sauerteigbrot! Da der Teig 3 Tage bis zum Backen braucht, war es die Gelegenheit, Ulis Roggenmehl anzurühren. Leider ging derTeig nicht so recht, wie wir es von daheim kannten. Vielleicht war das Wasser zu sehr mit Clor angereichert, das den Sauerteigbakterien nicht bekam. Vielleicht lag es auch an der Konstistenz des Mehles. Letztendlich halfen wir doch mit etwas Hefe nach, das wirkte. Das Brot ging uns bald vom Blech! Und es wurde ein schönes, knuspriges Schwarzbrot - wir können gar nicht beschreiben, wie sehr wir jeden Happen genossen! Wie lange hatten wir uns schon darauf gefreut...

Ein anderes kulinarisches Highlight war Carlos' Asado. Er weihte uns ein in die Geheimnisse des berühmten argentinischen Barbecues. Das ist wirklich FLEISCH, was die Argentinier auf den Grill legen: wir Deutschen dagegen mit unseren niedlichen Bratwürstchen, winzigen Steaks und Putenbrustfilets ... Hanka ist zwar eigentlich nicht der große Fleischesser, aber hier ist es soooo lecker wie nirgendwo anders und das ist nicht mal übertrieben. Statt einer Hähnchenkeule legt man ein ganzes Huhn aufgeklappt auf den Grill und Rindfleisch gibt es in Dimensionen, sowas hat man noch nicht gesehen. Kein Wunder, dass die argentinischen Portionen so riesig sind. Carlos' Asado-Geheimnis ist jedoch sein Chimichurri. Wir haben das Rezept in der Tasche und es darf sich schon mal auf ein Asado gefreut werden, wenn wir wieder daheim sind.

Auch sonst sind die Leute hier total nett. Alle interessieren sich für das Motorrad und für Erik's Arm. Selbst Alexandro, der Typ von der Touristenifo, schaut bei uns ab und zu vorbei, wie's uns geht. Es scheint sich im Ort bereits rumgesprochen zu haben, dass hier zwei "Blondköpfe" für länger abgestiegen sind. Wir werden sogar von der Englischlehrerin angequatscht. Für die Kinder ist natürlich das Motorrad das Größte, aber Erik will gar nicht erst einführen, eine Runde mit jedem um den Block zu drehen.

Erik's Arm heilt erstaunlich schnell. Die Tabletten scheinen zu helfen; es wird von Tag zu Tag besser und schon bald ist er sein neues Markenzeichen, das grüne Dreieckstuch, los; mittlerweile auch den Verband (Hanka hat sich bald in die Hosen gemacht angesichts Erik's Mimik, als er die Klebebinde Stück für Stück vom Arm riss und dabei gleichzeitig seinen Arm epilierte - das war fast so gut wie Mr. Bean). Nun macht ihm nur noch das Handgelenk Probleme, anscheinend hat es beim Sturz etwas mit abgekriegt.

Als Erik wieder einigermaßen hantieren kann, erleben wir beim Motorradbau erneut Nächstenhilfe pur. Carlos und selbst Julia wuselten die ganze Zeit um uns herum, um beim Putzen zu helfen, einen neuen Benzinschlauch einzubauen, den Seitenkoffer auszubeulen und einen der Sturzbügel zu richten. Carlos schleppte nicht nur eine Brechstange und Werkzeug von den Nachbarn an, sondern spannte auch noch die Jungs ein, um den Sturzbügel mit der letzten Schraube zu befestigen. Jetzt sieht es fast wie neu aus, mal abgesehen von dem Loch in der Verkleidung und dem kaputten Spiegel. Vielleicht finden wir ja in Chilecito einen Motorradladen, der zufälligerweise glasfaserverstärktem Kunststoff zur Reparatur der Verkleidungsteile verkauft ...

Wenn auch die Leute in der Provinz sehr nett und zugänglich sind, so ist es immer wieder ein Graus, irgend etwas bestimmtes kaufen zu wollen. Das fängt bei Lebensmitteln an und hört bei destilliertem Wasser oder Klebeband auf. Wir latschen dreimal zu dem kleinen Motorradgeschäft wegen ein paar Kleinigkeiten und dreimal schickt er uns woanders hin - was nicht heißt, dass man dort etwa fündig wird - wir können uns kaum noch halten, als er auch beim dritten Besuch die Augen verdreht, überlegt und mit "Nnnnno" antwortet. Das ist und bleibt die Standardantwort in Provinzgeschäften! Dafür treibt Hanka eine kleine Werkstatt auf, wo wir unser Messer schleifen lassen können. Das alte Ding ist jetzt sauscharf - das haben wir nun wiederum nicht in der Großstadt hinbekommen, obwohl wir in Santiago tagelang mit dem Dolch im Rucksack unterwegs waren.

In diesen Tagen haben wir wenigstens auch etwas Schulterbräune nachgeholt - die an unseren Händen holen wir mit unseren "Käsekörpern" sowieso nicht mehr auf! Hanka meint immer: Wir sehen aus wie die Schildkröten, die nie aus ihren Panzern kommen. In dieser Gegend ist es nicht nur extrem trocken, sondern auch extrem sonnig. Klatschnasse Wäsche ist binnen 3 Stunden trocken, so dass wir endlich den Staub aus unseren Motorradklamotten waschen konnten. Der Aufwand hat sich echt gelohnt.

Den Abend mit Kathy haben wir natürlich nachgeholt. Für uns war er ziemlich interessant. Sie spricht erstaunlich gut deutsch und hat uns viel über Argentinien erzählt, z.B. wie das Wassersystem hier funktioniert, wie die Leute die wirtschaftliche Abwertung Argentiniens erleben, was von den Präsidentschaftskandidaten zu erwarten ist (am 18. Mai sind Wahlen in Argentinien), wie schlimm die Arbeitslosigkeit ist, und, und, und (Die Vokabeln muss man erst mal draufhaben!). Jedenfalls hilft uns das sehr, die Hintergründe besser zu verstehen und das Leben der Argentinier aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Gleichzeitig lernten wir das argentinische Ritual des Mate-Tee-Trinkens kennen. Ziemlich bitter und gewöhnungsbedürftig, das Zeug. Aber man muss es mal probiert haben!

Gleich hinter Villa Unión finden wir eine ungenutzte Cartbahn - der perfekte Ort, um Motorradstunden zu nehmen und Erik zu überzeugen, dass Hanka DOCH die Honda fahren kann - selbst mit Sozius. Es bleibt dennoch zu hoffen, dass Hankas Fahrkünste als Retterin in der Not nicht ernsthaft auf die Probe gestellt werden. Auf einen weiteren Sturz können wir beide wohl ganz gut verzichten. Aber man weiß ja nie...

Erik schließt in diesen Tagen einen neuen Freund ins Herz: Tobi, ein alter, schwarzer Rüde mit Schlappohren. Er geht hier bei allen Leuten ein und aus, um ein paar Streicheleinheiten und die Reste vom Asado abzufangen. Ein richtiger Vagabund. Aber leider fehlt uns der Seitenwagen für Freunde wie ihn.

13. Mai 2003, Villa Unión - Valle de la Luna

8335 km, S 30-09-51 / W 67-50-35

Obwohl wir uns diesmal nur schwer aufraffen können, wird es Zeit für uns zum Weiterfahren. Erik's Arm ist mehr oder weniger wieder motorradtauglich und das Valle de la Luna wartet noch immer auf uns.

Das Packen geht uns nicht so recht von der Hand - scheint so, als hätten wir uns schon entwöhnt. Wir sind erst halb zwei auf der Straße, im Tankrucksack noch die Reste vom gestrigen Asado. Carlos bestand darauf, dass wir das Fleisch für unterwegs mitnehmen. Es ist schön zu wissen, dass wir nur für eine Nacht weg sind - so heimelig fühlen wir uns bereits bei den beiden.

Einmal "back on the road" bekommen wir sofort wieder das "Feeling": es ist doch schön weiterzufahren, um immer wieder etwas Neues zu erleben. Die 138 km bis zum Parkeingang sind schnell geschafft. (Das war schon fast zu einfach.) So haben wir gerade genug Zeit, um die 42 km Piste durch das Valle de la Luna im Sonnenuntergang zu erleben.

Die ersten Kilometer sind recht unspektakulär und man fragt sich, was eigentlich kommen mag. Plötzlich tut sich vor uns ein Canon auf mit derartig bizarren Gesteinsformen ... es haut uns fast um. Wie am Parkeingang bereits die Steinskulpturen verraten, hat man hier schon etliche Fossilien und grandiose Saurierskelette gefunden. In dieser Landschaft kann man sich lebhaft vorstellen, wie hier die Riesenviecher gelebt und gekämpft haben. Man hört quasi deren Fauchen schon hinter sich - Jurassic Park ist nichts dagegen! Stück für Stück arbeiten wir uns durch die Landschaft, ohne dass wir einer Menschenseele begegnen (herrlich, keine Touris!). Es ist unglaublich, wie abwechslungsreich die 42 km sind: irgendwann kommt ein grünes Flusstal, dann wachsen auf einmal Kakteen, später sehen wir Sanddünen und letztendlich wieder ziegelrote, riesige Berge. Die Bilder sprechen für sich ... wir haben sogar den Mond mit einfangen können. Das hat sich wirklich gelohnt und wir haben es endlich auch gefunden: das Valle de la Luna.

Unser Zelt dürfen wir neben der Rangerstation aufschlagen, wo wir bereits die zweiten Übernachtungsgäste sind. Zwar ist es schon wieder dunkel, aber wir durften uns dafür den blutroten Abendhimmel im Valle de la Luna nicht entgehen lassen.

Der Abend wird gesellig, da Raimond (ein Holländer, der Südamerika bereits zum zweiten mal allein mit dem Fahrrad bereist) viel zu erzählen hat. Dennoch bleibt es für uns unfassbar, wie man diese Torturen mit 'nem Fahrrad überstehen kann: er hat in 2 Monaten 30 Platten hinter sich! Das klingt für uns irgendwie nach Psychotherapie, wenn auch bewundernswert: z.B. an Tagen wie heute geht es hunderte Kilometer nur geradeaus - das kann schon auf dem Motorrad langweilig werden! Wie übersteht man da erst die Pampa?

Die Kälte treibt uns beizeiten in die Schlafsäcke. Es ist unheimlich windig geworden und obwohl den ganzen Tag fast keine Wolke zu sehen war, ziehen jetzt etliche im Affentempo wie Gespenster über uns. Dieser Ort ist schon irgendwie mystisch! Schnell die Augen zu, bevor man sich erst irgendwelche Saurier einbildet.

14. Mai 2003, Valle de la Luna - Villa Unión

8475 km, S 29-18-54 / W 68-13-33

Als wir aus dem Zelt krabbeln, hängen dicke Nebelschwaden über uns, die von einer Sekunde zur anderen verschwinden und an anderer Stelle wieder auftauchen. Mystisch, mystisch. Der Wind hat Gott sei Dank nachgelassen und wir fangen langsam an, unseren Krempel zusammenzupacken. Raimond sitzt hier irgendwie fest - die Ranger wollen ihn partout nicht mit dem Fahrrad in den Park lassen und er muss auf ein paar Touris warten, die ihn mit dem Auto mitnehmen. Das ist zwar idiotisch, aber anscheinend haben die ihre Gründe.

Während wir ziemlich lustlos packen, lassen wir uns gern durch Raimond ablenken. Er verrät uns sein Frühstücksgeheimnis, um den ganzen Tag strampeln zu können (Quakers mit Milchpulver und Kakao aufgekocht - "In the morning I eat of this as much as I can!", müssen wir auch mal ausprobieren). Außerdem stellen wir fest, dass wir die gleiche Kamera haben und natürlich müssen wir erstmal ein paar Tricks austauschen. Am späten Mittag kommt dann ein Auto, das Raimond mit ins Valle de la Luna nimmt und wir haben mittlerweile auch endlich unser Gepäck verstaut.

Auf dem Rückweg nach Villa Unión wollen wir uns noch den Talampaya Nationalpark anschauen. Wir haben schon viele Bilder gesehen, weil man ganz stolz darauf ist, dass der Talampaya in der eigenen Provinz liegt (La Rioja), während das Valle de la Luna in der Provinz San Juan liegt und man auch nur dort Informationen dazu findet. Ist das nicht echtes Provinzdenken? Was den Tourismus betrifft, gibt es in Argentinien noch reichlich Kapazitäten, das Land besser zu vermarkten. Die haben echt Nachholebedarf oder was weiß man schon über Argentinien? Steaks, Tango, Feuerland, Perito Moreno vielleicht und Buenos Aires - das war's.

Am Parkeinang Talampaya will man zunächst gleich 24 Pesos Eintritt von uns, bevor man sich in der 13 km entfernten Infostube überhaupt erst mal über den Park informieren kann (erinnert das nicht irgendwie an Schildbürger?). Wir kriegen aus dem Typen noch raus, dass man nur geführte Trekkingtouren machen kann - der Führer noch mal 60 Pesos extra kostet (wenn mehr Leute kommen, wird es entsprechend günstiger pro Person) und das eine Tour etwa 3 Stunden dauert. Aber war der Typ nicht nur Kassierer und nicht für Informationen zuständig ...

Schon diese Eintrittskonstellation gefällt uns nicht und lässt erahnen, dass hier nur Touristenabzocke betrieben wird. Letztendlich haben wir auch keine Lust, in unserer Motorradkluft drei Stunden einen Typen hinterher zu rennen und nur drei Brocken Spanisch zu verstehen. Wir lassen den Talampaya sausen - auf unserer Reise sehen wir bestimmt noch viele schöne Berge.

Stattdessen fahren wir sozusagen nach Hause - wir freuen uns schon auf Carlos, Julia und Tobi. Julia ist total überrascht, dass wir schon so früh zurück sind. Wir erzählen ihr gleich die Talampaya-Story und sie meint, dass viele Leute über den Park schimpfen. Er wäre zwar schön, aber unverhälnismäßig teuer und unorganisiert.

Während wir uns noch über den Talampaya auslassen, brutzeln sofort zwei Steaks in der Pfanne. Wir können es gar nicht fassen! Das ist doch echt, wie nach Hause zu kommen! Dabei hatten wir schon überlegt, was aus unserer Seitentasche noch Essbares rauszuholen ist, da die Siesta hier den Hungrigen bis 5 Uhr den Magen knurren lässt. Wie eine Mama setzt sie sich mit an den Tisch und freut sich, dass es uns schmeckt. Ganz klar, heute abend zaubern wir etwas auf den Tisch.

Carlos ist nach Rioja gefahren und kommt erst am späten Abend zurück. Bis dahin wird uns schon was einfallen.

Bevor wie uns versehen, holt Julia zwei handgeknüpfte Lama-Teppiche hervor, die sie uns schenken möchte. Dabei wurden wir ohnehin schon genug verwöhnt! Wir können das gar nicht annehmen, zumal wir nicht mal wissen, wie wir die beiden Teile auf dem Motorrad unterbringen sollen. Aber hierlassen geht auch nicht - wir sind echt baff.

Hanka und Erik
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