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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch

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Die Ruta 40 hat uns wieder


15. Mai 2003, Villa Unión - Chilecito

8629 km, S 29-09-22 / W 67-29-36

Carlos sehen wir erst am Morgen, er muss gestern ziemlich spät aus Rioja wiedergekommen sein. Das erste, was wir von ihm hören ist, wie lecker die sauren Eier gestern waren. Er will unbedingt wissen, wie das Rezept geht. Wenn das kein Kompliment ist.

Während wir packen, brennt schon das Feuer fürs Asado. Wir trauen unseren Augen nicht, als ein ganzes Huhn und extra auch noch ein Batzen Rindfleisch auf dem Rost brutzeln. Dabei wollten wir die Wahl nur den beiden überlassen.

Als Julia von der Arbeit kommt, gibt es ein letztes großes Asado inklusive Carlos' Chimichurri. Wir brauchen nicht zu beschreiben, wie unglaublich lecker sein Asado ist. Natürlich ist viel zu viel übrig, aber wie schon fast erwartet, müssen wir alles mitnehmen. Diese beiden!

Schließlich heißt es diesmal wirklich Abschied nehmen. Das tut schon weh und schon kullern die Tränen. Julia, die Arme, nimmt der Abschied ziemlich mit. Auch wir haben die beiden so ins Herz geschlossen! Wir werden oft an sie denken und irgendwann schenken wir Carlos mal einen Rasensprinkler, damit er nicht mehr Ewigkeiten mit dem Gartenschlauch rumhantiert.

Es ist gut, dass wir erst so spät losgekommen sind. Inzwischen strahlt die Sonne, während noch heute Morgen der ganze Himmel wolkenverhangen war. Perfekt für schöne Fotos, denn wir wissen, welche Kulisse uns auf der Strecke nach Chilecito erwartet.

Erik's Arm besteht heute auch den Schotterpistentest und die Honda hat sich wieder in ihr gewohntes Staubkleid eingehüllt - diesmal in ziegelrot.

Am Ortseingang sacken wir nicht nur einen Stadtplan ein, sondern fragen auf Carlos' Empfehlung hin nach "pasas de uve". Wir sind gespannt, was uns die Verkäuferin bringt: es sind Rosinen. Etwas verdutzt kosten wir eine und stellen fest, die sind wirklich süß und lecker. Wir kaufen eine Tüte, die noch am gleichen Abend dran glauben muss - eine prima Alternative zu Schokolade, denn wir sind mittlerweile schon auf Entzug. Das Schokoladen-Schlaraffia Bariloche sollte die große Ausnahme in Argentinien bleiben. Wahrscheinlich haben die Menschen im kalten Patagonien einen höheren Schoki-Bedarf als hier.

Nach so vielen Nächten im Bett haben wir richtig Lust zum Campen. In Santa Florentina, 6 km hinter der Stadt, soll man schön zelten können. Tatsächlich gibt es da auch etliche Campingplätze, aber von den zwein, die wir in die engere Auswahl ziehen, hat einer geschlossen und der andere will mit seinen knurrenden Hunden einen Wucherpreis, weil Strom und Wasser so teuer wären. Wir haben keine Lust, uns abzocken zu lassen und fahren zurück zur Touri-Info. Den Stadtplan nun um die Hospedajen ergänzt, stürzen wir uns wieder ins Einbahnstraßengewühl und bleiben gleich in der ersten Adresse kleben. Wir können das Motorrad sogar in den Garten stellen, und der Garten mit seinem Zitronenbaum bleibt auch das ausschlaggebenste Argument - vor allem für Hanka.

Gleich um die Ecke finden wir einen einigermaßen guten Supermarkt, in dem wir DIE Entdeckung machen: Flan als Fertigpulver zum Kochen inkl. Karamelsoße - der Firma Royal sei Dank! Sofort müssen wir die Zubereitung unseres Lieblingsdesserts ausprobieren und sind am Ende total begeistert. Eigentlich ist Vorratswirtschaft auf dem Motorrad beinahe unmöglich, aber wir wissen schon ganz genau, dass wir morgen einen Hamsterkauf starten werden!


16. Mai 2003, Chilecito

8629 km, S 29-09-22 / W 67-29-36

Erik kommt am Morgen zwar mit dem Frühstückseinkäufen zurück, aber ohne Flan. Die haben gerade Ware bekommen und alle Flan-Pakete müssen entweder gestern noch über den Ladentisch gegangen sein (Sollte es eine Flan-Gemeinschaft geben, bitte meldet Euch!), oder sind irgendwo hinter Götterspeise und Mousse au Chocolat versteckt. Wir müssen also demnächst in den Supermercados die Augen offen halten!

Als wir in die Kantine kommen, trifft uns bald der Schlag: Tisch und Fußboden sind voller Essens- und Zigarettenreste, als wäre die Sau gerade vom Troge. Schon gestern hing hier ein komischer Typ rum, der den ganzen Abend irgendwelche Blätter kaute (vermutlich Coca-Blätter) und ziemlich bekifft wirkte. Allein deshalb hätten wir keine Lust, jemals irgendwo ein Hostal zu eröffnen! Wir spinnen immer wieder Luftschlösser, wie man im Ausland wohl am besten sein Geld verdienen könnte. Ein Hostal zu führen, gehört zumindest für uns nicht dazu.

Den Tag haben wir wunderbar auf argentinische Weise verplempert: eigentlich wollten wir lediglich zwei Dinge erledigen: eine argentinische Landkarte kaufen und nach Glasfieberkunststoff Ausschau halten, um die Motorradverkleidung zu reparieren. Es schien aussichtslos: sowohl in den Auto- und Motorradläden wurden wir von Hinz zu Kunz geschickt, als auch in den Schreibwarenläden erfuhren wir das gleiche Schicksal. Jeder meinte, das Sortiment des anderen Geschäftes bestens zu kennen und wir folgten gutgläubig allen Ratschlägen kreuz und quer durch die Stadt. Am Nachmittag gaben wir völlig entnervt auf.

Das Motorrad stand noch immer vor einem der Schreibwarengeschäfte, in denen Hanka zuerst nach einer Landkarte gefragt hatte. Der Inhaber wollte gerade in die Siesta, als Hanka ihn noch mal anquatschte. Es konnte doch nicht sein, dass hier nirgends eine Karte zu kriegen war. Als der Typ verstand, was genau wir suchen, schüttelte er nur lachend den Kopf - so etwas wäre in Chilecito nicht zu bekommen, aber wir sollen am Abend noch mal in sein Geschäft kommen, er schaut mal zuhause, was er noch an Straßenkarten habe. Wie sich herausstellte, stammte der "große Blonde" aus Schweden und sprach super Deutsch, da sein Mutter in Österreich geboren wurde. Wir versprachen wiederzukommen und wollten die Siesta dazu nutzen, noch mal Erik's Arm im Krankenhaus untersuchen zu lassen. Leider war auch das 'ne Fehlanzeige; der Doc war nur morgens da und die nächste Sprechstunde ist erst am Montag. Scheint nicht unser Tag zu sein! Also fahren wir unverrichteter Dinge zurück ins Hostal - greifen noch eine Tüte Mandarinen von einem Straßenverkäufer ab - und machen Siesta. Die Apfelsinen- und Mandarinenbäume hier sind wirklich der Wahnsinn! In beihnahe jedem Hinterhof und sogar am Straßenrand gibt es welche, voll behangen mit Früchten. Hanka würde sooooo gern wenigstens ein Bäumchen von denen mal im Garten haben - gleichzeitig erinnert uns diese Früchtepracht an unsere Hochzeit. Schon fast 9 Monate sind seitdem vergangen! Ob wohl noch alle Pomeranzen leben ... ?

Am Abend starten wir mit neuem Optimismus den zweiten Versuch - und landen prompt unser erstes Erfolgserlebnis. Wir finden zwar keinen Glasfiberkunststoff, aber wenigstens rotes Ducktape-Klebeband, um das Loch erstmal provisorisch zu schließen. Gleich nebenan entdecken wir einen Glaser, der uns bis 21 Uhr noch ein neues Spiegelglas einsetzen will. Als wir danach im Schreibwarengeschäft auftauchen, präsentiert uns Kai stolz eine Landkarte von Nordargentinien, nach welcher wir vergeblich suchten. Wir quetschen ihn gleich noch aus, welche Straßen in welchem Zustand sind und was sich lohnt anzuschauen. Er ist viel selbst mit dem Motorrad in Argentinien unterwegs gewesen und kennt sich super aus. Als "Geste unter Gleichgesinnten" und weil hier nicht sehr oft Deutsche vorbeikommen, schenkt er uns die Karte. Wenn da mal nicht unser Glücksengel im Spiel war!!!

Ganz happy finden wir sogar noch ein Internetcafé um die Ecke, so dass wir uns mal wieder bei unseren Freunden melden können und an die Allianz einen "netten" Brief über die "überaus tolle" Unterstützung im Ausland loswerden.

Um den Spiegel noch abzuholen wurde es leider zu spät, weil wir unsere Zeit der Allianz geopfert haben - man sollte das denen in Rechnung stellen! Trotz später Stunde hält uns noch ein Film über Charlie Chaplins Leben vor dem Fernseher gefesselt. Im Gegensatz zu daheim kann man sich hier im Fernsehen noch richtig schön einen Film anschauen - es läuft nämlich keine Werbung!


17. Mai 2003, Chilecito - Rio Belén

8887 km, S 27-24-52 / W 66-57-18

Mit unserer neuen Straßenkarte bewaffnet und den Tipps von Kai im Hinterkopf schwingen wir uns auf die Honda und setzen unseren Weg nach Norden fort. Heute wollen wir zusehen, ein paar Kilometer zu schaffen.

Gleich hinter Chilecito begegnen wir demselben traurigen Bild wie schon in San Juan: der Müll gammelt einfach so in der Landschaft vor sich hin. Die streunenden Hunde tun ihr übriges und sorgen dafür, dass alle Plastiktüten zerissen durch die Gegend flattern, aber es scheint niemanden zu stören.

Kilometer um Kilometer versuchen wir, den Horizont zu erreichen. Es geht stundenlang nur geradeaus, aber zumindest kommen wir in den Genuss von Asphalt. Die Ruta 40 ist hier ausnahmsweise gut zu fahren.

Kurz vor Belen passieren wir einen kleinen Ort namens Londres. Dieses Fleckchen hat uns ziemlich fasziniert, da hier Hunderte von Apfelsinenbäumchen wachsen: in allen Größen und Formen und wirklich in jedem Garten. Wahrscheinlich ist dem verschlafenen Nest gar nicht klar, welchen Eindruck diese fruchtigen Schätze auf uns hinterlassen. Wir können uns gar nicht satt sehen.

Gleich in Belen beschließen wir anzuhalten und Obst zu kaufen. Im Gegensatz zu so vielen Supermercados, die wir kennengelernt haben, sieht selbst das Gemüse eines kleinen Händlers richtig frisch aus und wir decken uns ein - zur Abwechslung auch mal mit grünem Salat. Das Grünzeug ist so günstig, wir wollen es gar nicht glauben.

An der Tankstelle zapfen wir noch 10 Liter Trinkwasser ab und dann sind wir gerüstet für eine Nacht wild campen. Wir freuen uns schon richtig darauf!

Bis Belen sind wir recht gut vorangekommen, danach beginnt wieder das gewohnte Übel auf Schotter - Ruta 40! Die Piste ist streckenweise ziemlich sandig, so dass wir ganz schön aufpassen müssen. Sand mag die Honda überhaupt nicht!

Wir haben uns vorgenommen, zur Abwechslung mal nicht wieder kurz vor knapp das Zelt aufzuschlagen. Relativ schnell finden wir ein schönes Fleckchen für die Nacht. Das Problem ist nur, wie wir das Motorrad dahin bekommen. Wir haben uns einen trockenen Flusslauf ausgesucht, wo wir windgeschützt und ungesehen zelten können. Leider beginnt jenseits der Straße erst recht die Sandwüste und die kleine Brücke hat zwar kein Geländer, aber ist zu hoch, um direkt in das Flussbett zu fahren. Hanka will die Lage zunächst zu Fuß auskundschaften, doch schon hört sie Erik in einiger Entfernung mit der Honda rumröhren. Wie erwartet, steckt sie nun im Sand fest zwischen zwei Hügeln, so dass wir nicht wenden können. Jetzt bloß nicht fluchen und auch nicht aufregen, weil wir mächtig ins Schwitzen kommen und uns dabei verausgaben, das schwere Geschoss aus dem Sand zu ziehen. Letztendlich hilft wieder nur der Trick, der uns schon beim "Strandcross" gerettet hat: Wir legen die Maschine auf die Seite und zerren sie auf einem der Koffer liegend um die eigene Achse. Das funktioniert Gott sei Dank. Beim nächsten Versuch wählen wir überlegt den besten Weg aus und siehe da, die Honda steht im Flussbett.

Leider haben wir durch diese Aktion schon wieder soviel Zeit eingebüßt, dass wir doch wieder im Dunkeln kochen müssen. Kein Wunder, dass die Chili-Soße übelst scharf wird!

Bei aufgehendem Mond machen wir noch einen kleinen Spaziergang in das riesige Flussbett des ausgetrockneten Rio Bélen, in den unser Fluss (oder besser gesagt unser Zeltplatz) mündet. Schon komisch, hier tobte irgendwann noch so viel Wasser lang und jetzt sieht man nur noch, was die tosenden Fluten hinterlassen haben. Irgendwo in der Ferne stromert ein Esel durch den Fluss, wir hören noch im Zelt sein klägliches Hjiaaaa.

18. Mai 2003, Rio Belén - Cafayate

9131 km, S 26-04-21 / W 65-58-25

Heute sind in Argentinien Präsidentschaftswahlen; mal sehen, wer gewinnt. Wahlkampf haben wir in der letzten Zeit zu genüge mitbekommen: überall sind Mauern und Häuser mit Parolen beschmiert und die Krönung erlebten wir in Villa Union, wo die Leute tagelang mit kosakenähnlicher Wahlkampfmusik in vollster Lautstärke beschallt worden sind. (Wir dachten zuerst, Carlos und Julia hätten einen ziemlich roten Nachbarn.) Hoffentlich geht uns dieses Lied jemals wieder aus dem Kopf!

Unser Wasser wird echt knapp - die 10 Liter waren doch zu wenig. Beim nächsten mal wissen wir's gleich.

Die nächsten Dörfer, die wir passieren, wirken ziemlich arm und verlassen. Nach und nach verfällt eine Hütte nach der anderen. Hier ist wirklich der Hund begraben. Es dauert eine ganze Weile, bis wir irgendwann Pferde sehen, denen wir unsere Salatreste von gestern füttern können. Wir haben es nicht über's Herz gebracht, bei dieser trockenen Landschaft das saftige Grün einfach ins Feuer zu werfen.

Weiter geht's nach Santa Maria - schon den ganzen Tag haben wir den Schlager auf dem Lippen, aber dieses Santa Maria hat Roland Kaiser wahrscheinlich nicht besungen. Der Ort ist recht unspektakulär und hält nur für eine Tankfüllung und Mineralwasser her. Kurz danach machen wir einen Abstecher zu den ersten Inca-Ruinen, Ruinas Indigenas de Quilmes. Die Steinstufen im Felsen sehen zwar ganz imposant aus, aber nicht wirklich wie von Incas errichtet. Wir machen nur Picknick und ziehen weiter.

Plötzlich ändert sich die Landschaft ziemlich schlagartig: schon lange haben wir keine grünen, saftigen Wiesen mehr wahrgenommen und richtig große Bäume. Kurz vor Cafayate beginnen dann riesige Weinplantagen und schon bald darauf kommt eine Bodega nach der anderen. Hier wollen wir erstmal bleiben.

Cafayate ist ganz hübsch, wenn auch touristisch. Wir brauchen wieder mal 'ne Dusche und werden schnell fündig: ein netter Typ bringt uns zu seiner Hospedaje, wo im Garten ein Orangenbaum steht und auch das Motorrad gut untergebracht ist. Die Betten sind zwar nicht der Hit, aber wir haben einen Fernseher im Zimmer, yippi yeah!

Bevor es dunkel wird, will Erik im Hinterhof noch schnell die Kette spannen und den Benzinfilter ausbauen. Er hat nun seine letzte Chance gehabt, immer wieder bekam die Honda bei Beschleunigung nicht genügend Sprit. Wir versuchen es mal ohne. Als wir zusammen die Maschine auf den Hauptständer zerren, springt unter dem Gewicht eine Bodenfliese nach der anderen weg. Es gibt schon kaum noch heile, anscheinend haben schon andere versucht, hier ein Motorrad aufzubocken. Irgendwann steht es einigermaßen auf dem, was von den Fliesen übrig ist.

Während Erik so bastelt, bricht auf einmal die Fliese unter dem rechten Ständerbein weg, so dass die Maschine nach rechts kippt. Erik kann nur noch reagieren und hängt sich an den Lenker, damit das schwere Geschoss nicht umkippt. In diesem Moment fällt Erik natürlich auch nicht ein, wie man auf Spanisch um Hilfe ruft - ein essentielles Wort, wie sich herausstellt. Der rettende Gedanke ist, die Zündung irgendwie einzuschalten und um Hilfe zu hupen. Endlich hört ihn jemand und mit 2 Männern wird er aus seiner misslichen Lage befreit. Hinterher wurde herzlich gelacht - Erik war völlig entkräftet. Die Honda ist aber auch schwer!

Wenn man sich den ganzen Tag schon darauf freut, abends essen zu gehen, ist die Enttäuschung um so größer, wenn man einen Reinfall erlebt. Es gibt zwar viele Restaurants in Cafayate, aber wir haben uns anscheinend für das falsche entschieden. Was soll's, man kann nicht immer Glück haben.

Im übrigen, der neue Präsident von Argentinien heißt Kirchner. Mal sehen, was der dem Land so bringt.

19. Mai 2003, Cafayate

9131 km, S 26-04-21 / W 65-58-25

Erik kommt gar nicht aus den Federn, fühlt sich schlapp und müde und hat sogar Fieber. Da scheint wohl eine Erkältung im Anmarsch. Hanka besorgt Vitamine, Avocado, Kinderschokolade und wird sogar bei Flan fündig, so dass Erik schon wieder hochgepeppelt wird. Am Nachmittag lässt das Fieber nach - den ganzen Tag im Bett liegen und Flan essen scheint die beste Medizin. Die nächste Tagesetappe soll zwar nur bis Cachi gehen, aber die 150 km sind größtenteils auf Schotter zu fahren und man weiß ja nie, was einen erwartert.

Der Herbergsvater ist total nett. Wir fragen leider nicht nach seinem Namen, aber wir dürfen seine Avocadopaste probieren, die nach argentinischem Rezept ganz anders schmeckt als unsere chilenische Variante. Am Abend revanchieren wir uns mit dem chilenischen Rezept für Palta. Diese Art von Gesten überraschen uns immer wieder in Argentinien.


20. Mai 2003, Cafayate - Cachi

9399 km, S 25-07-19 / W 66-09-43

Erik ist wieder einigermaßen fit, so dass es weitergehen kann. Beim Frühstück wundern wir uns noch über die tollen Landschaftsbilder überall an den Wänden. Wir konsultieren den Herbergsvater und beschließen spontan, den 50 km Abstecher in die Quebrada del Rio de las Conchas zu machen,um die Bilder live und in Farbe zu erleben. Wir sollten es nicht bereuen.

Die Straße schlängelt sich entlang des Rio de las Conchas, der sich durch rote Felsen zieht, begleitet von einem grün-fruchtbaren Tal. Die Farben ergeben herrliche Kontraste und es ist äußerst erstaunlich, dass man dieses Tal nicht zum Nationalpark erklärt. (In den Staaten hätte man bestimmt 15 $ Eintritt verlangt!) Aber zumindest hat sich das Stück Landschaft bei den Touris schon rumgesprochen. Überall halten Autos und kamera-bewaffnete Leute springen heraus. Da gibt es z.B. den Obelisco (ein einsamer, großer Felsen), das Anfiteatro und die Gargantes del diablo (die Teufelsschlucht). Das Anfiteatro haut uns echt vom Hocker: ein Argentinier steht mittendrin und spielt Flöte, dass man die Akkustik dieses natürlichen Schlundes einigermaßen begreifen kann. Es ist einfach toll. Solche Momente bleiben hängen!

Nichtsdestotrotz müssen wir beizeiten die 50 km zurückfahren, um heute noch weiter nach Cachi zu kommen. Wir fahren schneebedeckten Bergen entgegen und sehen zum ersten mal, wie auf kleinen Feldern Paprika in der Sonne getrocknet wird. Die Schoten liegen einfach auf einem Feld und werden ab und zu mit einem Rechen gewendet. Diese roten "Felder" sind wie geschaffen für Fotoaufnahmen.

Mit einem Schlag wird es urplötzlich ganz heiß. Es schlägt uns eine Luft entgegen, wie in der Sahara. Das Thermometer verrät, dass die Temperatur binnen weniger Kilometer von 18 Grad auf 32 Grad geklettert ist. Das scheint so unreal, wir fragen uns echt, ob wir uns die Hitze nur einbilden! Erstmal müssen wir uns aller überflüssigen Klamotten entledigen, bevor es mit offenen Jacken weitergeht. In dem ausgetrockneten Flussbett des Rio Salado o Amblayo spielt der heiße Wind mit dem Staub und Sand, so dass man den Flusslauf nur anhand des Sandsturmes ausmachen kann.

Der Zustand der Ruta 40 wird Kilometer für Kilometer immer schlimmer. Der Sand nimmt kontinuierlich zu und die Piste verlangt mehr und mehr Konzentration. Wir tauchen gerade in ein Tal voller imposanter Felsformationen ein, als uns mit Affenspeed ein blauer Pickup entgegen kommt. Vor uns liegt eine Kurve und wir sehen schon von weitem, dass der Typ viiiieeeel zu schnell unterwegs ist. Es kam was kommen musste: genau in der Kurve kommt er ins Schleudern und rutscht uns quer entgegen. Erik kommt zum Glück vor dem Schotterhaufen am Straßenrand zum Stehen, so dass wir Gott sei Dank nur eine Riesenladung Sand, Steine und Dreck abbekommen. Der Plödmann hält es nicht mal für nötig, kurz anzuhalten und nach uns zu schauen. Wir hängen halb im Schotterhaufen mit einer Wut im Bauch und der rast einfach weiter. Davon abgesehen saßen bei ihm zwei Typen auf der Ladefläche. Wir können uns gut ausmalen, wie es die beiden erst gebeutelt haben muss! Diesmal hatten wir noch Glück - bleibt nur zu hoffen, dass wir nicht öfter solchen Pickup's begegnen.

Schon seit Tagen warten wir auf die Gelegenheit, unsere beiden Lama-Teppiche in einem kleinen Dorf an Bedürftige loszuwerden. Wir wissen zwar das Geschenk von Julia und Carlos zu schätzen, aber wir müssen unsere Fuhre auf das allernötigste Gepäck beschränken. So hat sich Hanka überlegt, die Teile irgendwann Bedürftigen zukommen zu lassen. Heute scheint die Gelegenheit gekommen - mitten im Nirvana steht eine einfache Hütte, wo eine Alte mit einem kleinen Jungen gerade Wäsche im Fluss wäscht. Zuerst wollen sie die Teppiche gar nicht annehmen, weil sie kein Geld haben und nicht glauben können, dass es ein Geschenk ist. Immer wieder schütteln Sie mit dem Kopf und warten skeptisch auf den Haken, der da kommt. Hanka kann der Frau irgendwann begreiflich machen, dass die Stücke gratis sind und wir keinen Platz auf dem Motorrad haben. Mit Tränen in den Augen nimmt sie die Teppiche schließlich an. Nach 5 Minuten kommt die Großmutter (wahrscheinlich das Familienoberhaupt) noch mal mit dem Jungen auf die Straße, um sich zu vergewissern, dass wir wirklich kein Geld wollen. Sie können gar nicht begreifen, wie wir ihnen einfach so solch ein wertvolles Geschenk machen. Für uns ist es ein schönes Gefühl, dass sie sich so freuen! Ist doch besser, als die Teppiche irgendwo zurückzulassen, wo sich kein Mensch dafür interessiert. Jedenfalls glauben sie jetzt, dass uns der Himmel geschickt hat.

Kurz vor Cachi erleben wir den Sandsturm hautnah. Die Steine rasseln nur so auf's Visir und teilweise kann man keinen Meter mehr schauen. Zum Glück ist es nur ein kurzes Stück. Die Ruta 40 ist eine einzige Staubstraße geworden und manchmal nur noch so breit wie ein kleiner Feldweg. Man mag gar nicht glauben, dass dies noch die berühmte Ruta 40 sein soll!

In Cachi verlieben wir uns auf den ersten Blick. Der Ort ist so ursprünglich und fast ohne Touristen. Bemerkenswert sind die weiß getünchten Häuser mit dicken Mauern und grünen Türen. Dazu meterhohe Fußwege, selbstgebautes Kopfsteinpflaster und Straßenschilder aus Kaktusholz - das alles wirkt irgendwie mexikanisch. Schön.

Das Hostal ist zwar nicht besonders herzlich, aber wir können das Motorrad in den schmalen Flur stellen, während es draußen noch immer windig ist.


21. Mai 2003, Cachi

9399 km, S 25-07-19 / W 66-09-43

Die ganze Nacht tobte draußen ein heftiger Sturm, so dass wir das Gefühl hatten, jeden Moment fliegt das Dach weg! Zum Glück stand unser Motorrad nicht im Freien!

Die Frage, ob wir bei diesem Wind überhaupt weiterfahren können, erübrigte sich. Erik's Erkältung kam nun richtig durch und er wollte am liebsten im Bett bleiben.

Während Erik zu schlafen versuchte, nutzte Hanka den Vormittag, um den Ort auf sich wirken zu lassen und ein paar Schnappschüsse zu machen.

Da wir die Küche nicht benutzen durften und noch nicht mal heißes Wasser für Tee und eine Brühe bekamen, beschließen wir dreisterweise, im Zimmer den Benzinkocher aufzubauen. Mal abgesehen davon, dass der Sauerstoffgehalt in der Bude rapide nachließ, klappte es ganz gut und wir konnten uns wenigstens versorgen, ohne dass es jemand mitbekam.

So einigermaßen kam Erik wieder auf die Beine und wir machten sogar noch einen kurzen Sonnenuntergangsspaziergang.

Hanka und Erik
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