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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Salta, die Anden und die Wüste
 

22. Mai 2003, Cachi - Salta

9597 km, S 24-47-56 / W 65-24-41

Wir wagen den nächsten Versuch; Eriks Erkältung ist besser und wir wollen in Salta noch einiges erledigen. Also packen wir.

Zuerst klettert die Straße mit Schneebergen im Rückspiegel auf 3.347 m Höhe und die Landschaft nimmt ähnliche Farben an wie wir sie bei der Laguna Brava schon erlebt haben. Zu unserer Überraschung ist die Strecke bis dahin super asphaltiert, obwohl wir uns laut Karte auf Schotter eingestellt hatten. Das sind die kleinen Freuden des Motorrad-Lebens! Kurz danach dominieren wieder Kakteen das Bild bis es in Serpentinien in ein vulkan-geprägtes Tal nach unten geht. Am Straßenrand erstehen wir ein viertel Stück hausgemachten Ziegenkäse für ein paar Groschen, unser Leckerli für heute abend.

Als wir die Serpentinen hinter uns gebracht haben, öffnet sich uns ein saftig-grünes, hügeliges Tal. In diesem Landstrich fühlen wir uns wie zuhause. Wir legen uns ins Gras unter einen riesigen Baum und machen Picknick, als wären wir irgendwo in Sachsen auf Wochenendtour. Es ist unglaublich, was wir heute für Landschaftswechsel hinter uns haben!

Gleich am Ortseingang von Salta ist ein großer Hypermercado; der wird gleich vorgemerkt. Schon unser erster Eindruck von Salta ist ganz angenehm. Es gibt unheimlich viele, schöne Kirchen und verschlafene Winkel, wenn auch sonst die Großstadt alles mit sich bringt wie andere Großstädte auch, einschließlich Mc Donalds.

Das Packpacker's Hostel ist leider ausgebucht, aber wir werden in die neue Dependance geschickt, wo wir uns sogar besser aufgehoben fühlen. Wir bekommen ein Zimmer mit Meerblick - genauer gesagt schauen wir auf eine Wand, auf die jemand das Meer gepinselt hat. Die Honda parkt gut verschlossen hinter einer Gittertür.

Auf dem Weg zur Touristeninfo zieht es uns in einen Tierladen. Das kleine Huskeybaby dort scheint nur auf uns gewartet zu haben. Wir verlieben uns sofort in den kleinen Kerl und stellen schon Überlegungen an, wie wir ihn am besten auf dem Motorrad mitnehmen können. Das braucht erstmal Bedenkzeit.

Salta ist eine willkommene Gelegenheit, mal wieder schön ins Kino zu gehen. Das neue Einkaufszentrum ist überzeugend und wir reihen uns spontan in die Schlange der Matrix-Fans, um den neuen Film zu schauen (für gerade mal 1,50 EUR Eintritt!). An Matrix scheiden sich zwar die Geister, aber es wird ein schöner Abend - selbst ohne Abendessen, wie gedacht mit Ziegenkäse.


23.-25. Mai 2003, Salta

9597 km, S 24-47-56 / W 65-24-41

Wie auch sonst in größeren Städten müssen wir die Infrastruktur nutzen, um wieder einiges zu erledigen. Unsere Priorität liegt diesmal darauf, hier vielleicht Glasfiberkunststoff für das Motorrad aufzutreiben. Aber zunächst müssen wir durch das gleiche Spielchen wie in Chilecito: wir werden von einem zum nächsten geschickt. So hilfsbereit die Leute sind, so schlecht scheinen sie im Stadtplanlesen und wir irren durch die Gegend. Keiner der Läden scheint etwas Glasfiberkunststoff zu haben, aber alle wissen genau, wo es angeblich welchen geben soll. Als wir fast aufgeben wollen, laufen wir zufällig an einer kleinen, unscheinbaren Werkstatt vorbei. Von außen sieht es eher aus wie eine Steinschleiferei, aber ein Angebotsschild verrät irgend etwas von "platinas" und "fibre". Ungläubig sagen wir wieder unseren gewohnten Text auf - und der Typ fängt an zu nicken. Dann bringt er uns eine Art Harzstein und zeigt auf eine Rolle, wo man sich glasfiberbeschichteten Stoff abschneiden lassen kann. Jetzt sind wir verblüfft! Endlich treiben wir auf, was wir brauchen und haben keinen blassen Schimmer, wie man das Zeug verarbeitet. Der Typ spricht kein Englisch und es hat gar keinen Sinn, uns unser Vorhaben auf Spanisch erklären zu lassen. In Deutschland sehen die Reperatursets für Verkleidungsteile irgendwie anders aus. Wir geben heute endgültig die Suche auf - da muss jetzt einfach Klebeband herhalten, um das Loch zu flicken...

Wenigstens gelingt es uns fast auf Anhieb, einen Flaschenhalter für Fahrräder aufzutreiben. Wir haben beschlossen, künftig mehr als nur eine Thermoskanne Tee am Tag zu trinken. So können wir extra noch eine große Flasche Wasser am Motorrad befestigen und hoffentlich auch trinken! Zwar leuchtet dann ein lila-pinkfarbenes Teil an unserer Honda (wirklich chic), aber die Optik ist inzwischen ohnehin versaut. Ist ja auch wichtiger, dass wir endlich mehr Flüssigkeit zu uns nehmen.

Der kleine Huskey geht und geht uns einfach nicht aus dem Kopf. Jeden Tag statten wir ihm einen Besuch ab und haben schon herausgefunden, dass er 120,- Pesos kosten soll (etwa 40,- EUR). Die meiste Zeit schläft der kleine Kerl zusammengekuschelt mit einem weißen Hundebaby. Der würde doch glatt zur Familie passen ...

Noch immer ärgern wir uns darüber, dass wir unsere Tastatur für's Handheld liegengelassen haben. Wir klammern uns jedoch an den Strohhalm und schicken jeweils eine Karte an die beiden Hostals, die als Fundstelle in Frage kommen. Mal sehen, ob die Karten ankommen - wir haben leider nicht die vollständigen Adressen. Wenn dann alles klappt, können wir vielleicht unsere Tastatur bei der netten Agentur in Iquique abholen, die uns ihre Adresse überlassen hat. Einen Versuch ist es wert!

Natürlich nahmen wir uns etwas Zeit, um neben Huskey-Babies auch die Stadt kennenzulernen. Wir sind beihnahe unermüdlich im Füße-platt-laufen geworden, nachdem wir uns ja sonst viel zu wenig bewegen. Der Cerro San Bernardo war den Ausflug wert. Man hat von diesem Berg nicht nur eine schöne Aussicht über die Stadt, sondern kann diese sogar ganz romantisch und entspannt aus einer der Hängematten im Café genießen. Das ist doch mal originell!

Auf dem Weg zur Post werden wir auf einen anderen Motorradfahrer mit Seitenkoffern aufmerksam. Zwar lässt uns sein argentinisches Nummernschild stutzen, aber Frank kommt eigentlich aus Bremen und hat sich vor zwei Jahren mit einer Motorradagentur hier selbständig gemacht (www.wayrachaki.com.ar). Jetzt organisiert er Motorradtrips, scheint jedoch nicht so happy damit. Na ja, vor zwei Jahren hatte der argentinische Pesos auch noch einen anderen Wert - wahrscheinlich hat er sich das Geschäft ein wenig anders vorgestellt! Aber er war nett und jederzeit bereit uns zu helfen, wenn wir irgend etwas brauchen sollten.

Am Sonntag wohnten wir einem ganz besonderen Ereignis bei: Wie viele Straßennamen verraten, ist der 25. Mai argentinischer Nationalfeierag. Mit hellblau-weißen Fähnchen geschmückt marschierte die ganze Armee, Schulen und sonstige Vereine Saltas an uns vorbei. Solch eine Parade haben wir schon seit DDR-Zeiten nicht mehr zu sehen bekommen. Aber die Gauchos auf ihren Pferden waren schon besonders!

Zum Anlass des Tages beschließen wir, unser letztes argentinisches Steak zu celebrieren. Jeder, der mal nach Salta kommt, sollte unbedingt das "bife de chorizo" im "Doña Salta" probieren. Dies war echt das unschlagbar beste Steak Argentiniens, das wir je serviert bekommen haben! Ein schöner Ausklang für ein schönes Land. In den nächsten Tagen werden wir Argentinien hinter uns lassen, als erstes Land unserer Reise. Ein bisschen traurig sind wir schon, nachdem zuletzt ganze vier Wochen hier verbracht haben.


26. Mai 2003, Salta - San Antonio de los Cobres

9813 km, S 24-13-01 / W 66-18-58

Weil wir ja beide Vernunftsmenschen sind, verabschieden wir uns am Morgen von unserem Huskey-Baby. Der Kleine findet hoffentlich bald gute Pflegeeltern.

Auf dem Weg nach San Antonio de los Cobres begleitet uns stattdessen die berühmte Eisenbahnlinie "Tren de las nubes" - "Zug über den Wolken". Über imposante Holz- und Eisenbrücken schlängelt sich die Strecke durch kaktusbewachsene Hänge Stück für Stück höher.

Als wir an einem der üblichen Straßenposten stoppen, werden wir hellhörig. Der Paso Sico nach Chile soll wohl wegen Schnees gesperrt sein. Wir sollen aber noch mal in San Antonio de los Cobres fragen, um sicher zu gehen. Mal schauen - hoffentlich werden wir nicht sonst wo langgeschickt, um nach Chile zu kommen Die Atacama-Wüste wollen wir uns eigentlich nicht entgehen lassen.

Der Transalp macht der stetige Anstieg ziemlich zu schaffen. Uns beschleicht ein ungutes Gefühl in Hinblick auf unsere Tour ins Altiplano,da wir zum ersten mal mit allem Gepäck knapp die 4.000-Meter-Marke erreichen. Erik macht der Honda das "Luftholen" leichter, indem er schnell den Luftfilter ausbaut. Danach zieht sie deutlich besser - leider nur für ein paar Kilometer. Die gute Asphaltstraße wird von einer Staubpiste abgelöst, so dass wir gar keine Wahl haben als den Luftfilter wieder einzubauen.

Unterwegs findet Hanka am Straßenrand ein kleines Stück Schaffell, was perfekt unter unsere Hintern passt. (So eins wollten wir schon in Patagonien kaufen.) Gut gepolstert nehmen wir das letzte Stück Piste bis San Antonio de los Cobres.

Wieder einmal beginnt die leidige Suche nach einem Hostal. Mal abgesehen davon, dass es keine Straßenschilder zu geben scheint, gibt es wohl auch keine Unterkunft, die einigermaßen nach einer warmen Dusche aussieht. In jeder Adresse kehrt Hanka gleich auf dem Absatz wieder um. Schon jetzt sind wir ziemlich erfroren, aber der Ort scheint so verarmt, dass ein Ofen oder warmes Wasser reinster Luxus zu sein scheint! Wir sind echt nicht verwöhnt, aber diesmal machen wir kehrt und probieren unser Glück in dem teuer aussehenden Hotel am Ortseingang.

Wir haben prompt auch Glück und bekommen ein Zimmer zum Freundschaftspreis. Sogar die Honda dürfen wir reinstellen - sie steht in einem Verkaufsraum zwischen Alpaca-Pullovern und Lama-Socken. Rundherum sitzen lauter strickende Frauen. Wenn wir es wollten, würden die glatt bis morgen früh einen Pullover für den Tank stricken und eine Sitzdecke noch dazu. Erstaunlicherweise hat unser Zimmer eine Heizung und man verspricht uns sogar, dass diese in einer Stunde auch funktioniert.

Schon faul alle viere von uns gestreckt, überlegen wir uns, doch noch heute den berühmten Viadukt zu besichtigen, über den der "Tren de las Nubes" fährt (leider nur einmal pro Woche und auch nur für Touristen). Fix ist die Honda gezügelt und wir rütteln über fieses Wellblech in Richtung Viadukt. Von San Antonio de los Cobres sind es zwar nur 17 km, aber die haben es ganz schön in sich. Erik unterschätzt glatt eine große Pfütze, die plötzlich vor uns auftaucht. Von wegen: Gas geben und durch - wir nehmen samt Motorrad ein Wasserbad. Wie sich herausstellt, ist die "Pfütze" bald einen halben Meter tief und total verschlammt. Mit nassen Hosen und Stiefeln hieven wir das Motorrad hoch und setzen unser Zeitrennen gegen den Sonnenuntergang fort.

Wieder einmal lassen wir uns von den Farbspielen in diesen Höhen faszinieren - die nassen Stiefel schon fast vergessen. Hier zieht sich auch noch meilenweit eine Stromleitung über dicke Masten durch die Weiten - das Ganze scheint absolut unreal!!!

Als der Viadukt vor uns auftaucht, sind wir zunächst enttäuscht: Irgendwie haben wir uns das Ganze größer vorgestellt. Letzten Endes schießen wir doch noch ein paar nette Bilder von der berühmten Kulisse, gerade so, bevor es dunkel wird.

Wir kommen ziemlich erfroren wieder in San Antonio d. l. C. an. Selbst beim Tanken werden wir hier von den Leuten angebettelt - wahrscheinlich ist für die eine Tankfüllung fast unerschwinglich. Nirgendwo in Argentinien sind wir so angebettelt worden wie hier. Dabei verstehen wir gar nicht, wieso man in dem Ort nichts aus dem Tourismus macht. Genug Leute kommen ja regelmäßig, allein schon durch den Zug! Aber es gibt ansonsten wirklich nichts, was zum Verweilen einladen würde - nur Armut. An solchen Tagen schämt man sich schon für unsere großzügige Art zu reisen. Man sieht die Leute und weiß genau, dass die nie so etwas wie wir machen können. Vermutlich hat Geld für die ohnehin einen anderen Stellenwert.

Wir freuen uns auf das Kaminfeuer in der Eingangshalle, aber es glimmt nur so vor sich hin und alle sitzen mit dicken Jacken da - Holz ist in diesen Höhen sehr rar und wir fragen uns, womit überhaupt geheizt wird. Apropos heizen, natürlich ist auch unser Zimmer eiskalt, so dass nur noch die heiße Dusche unsere Rettung ist. Für unsere letzten 7 Pesos bekommen wir im Hotel jeder noch einen Teller heiße Bohnensuppe; der Tank ist auch voll; dann können wir morgen Argentinien hinter uns lassen.

27. Mai 2003, San Antonio de los Cobres - San Pedro de Atacama

10.164 km, S 22-54-46 / W 68-11-57

Unsere erste Nacht in 3.750 m Höhe haben wir dick eingemummelt recht gut überstanden. Früh sind wir aus dem Bett und kurz nach neun schon unterwegs. Tja, wir werden doch noch rekordverdächtig, aber wir haben heute auch eine Monsterstrecke über den Sico-Pass vor uns. Da wir nicht unbedingt scharf darauf sind, bei dieser Hundekälte zu zelten, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die 170 km bis San Pedro de Atacama irgendwie zu schaffen. Das hört sich zwar wie ein Klacks an, aber wir haben schon gehört, dass die Piste übel sein soll und wir in Eiseskälte mit voller Beladung auf 4.079 m hoch klettern.

Wir statten noch kurz den Carabineros einen Besuch ab - der Sico-Pass ist Gott sei Dank befahrbar, nur ein bisschen Schnee. (Ansonsten hätten wir auch ein Geldproblem bekommen, ohne einen argentinischen Cent mehr in der Tasche.)

Uns begleitet noch immer die Zugstrecke - wer wohl auf die Idee gekommen ist, dass hier oben ein Zug fahren müsste ...? Die Vorahnungen bestätigen sich leider - die Piste ist dermaßen schlecht! Immer wieder kämpfen wir mit unvorhersehbaren Sandlöchern und Wellblechkilometern vom Feinsten! Nichtsdestotrotz durchqueren wir atemberaubende Landschaften: Vulkane, riesige Salzseen (leider ohne dass wir Flamingos ausmachen können), farbige Hügellandschaften, immer wieder Guanacos, unendliche Weiten und natürlich Schnee.

Am Nachmittag erreichen wir die erste Grenzstation und werden dort erstmal prompt unseres Schaffelles entledigt. Wir sind völlig perplex - hätten einfach mit dem Typen diskutieren sollen. Na ja, wie es manchmal so ist. Dabei haben wir schon so viele Motorräder mit Schaffellsattel gesehen! Zu spät ist zu spät.

Nach der Grenze zieht sich der Weg noch unendlich weit durch die Berge. Wir sind den ganzen Tag am Frieren, die Thermoskanne Tee war schnell alle und wir haben nur noch ein altes Brötchen von vorgestern und ein paar Müsli-Riegel. Egal, irgendwie ging es.

Irgendwann endlich ließen wir die Anden hinter uns. Vor unseren Füßen liegt eine andere Welt - ein gigantischer Canyon mit einem riesigen Salzsee: die Atacama-Wüste.

Wie im Landeanflug stürzt die Piste steil nach unten, wir "sinken" in Kürze um sage und schreibe 1.500 Höhenmeter. Unsere Ohren scheinen unter den Helmen zu flattern, aber mit jedem Kilometer wird es deutlich wärmer. Unser Tagesresümee: bei 2° Celsius gestartet, bei 28° Celsius gelandet.

Die chilenische Grenzstation in San Pedro de Atacama braucht wirklich ewig, um die Formalitäten zu erledigen. Noch in der Dunkelheit suchen sie nach der Motornummer, die natürlich nirgendwo steht und selbst der Geburtsname von Eriks Mama ist unerlässlich für die Ausstellung der Motorradpapiere ... Wenigstens verschont uns der Einreisezoll mit lästigen Kontrollen. Den Jeep vor uns haben die "Gemüseschnüffler" regelrecht auseinander genommen.

Unser erster Eindruck von San Pedro de Atacama ist recht eigentümlich. Der ganze Ort scheint eine einzige große Staubwolke. Im Dunkeln kann man sich in den engen Gassen kaum orientieren; alles sieht irgendwie gleich aus. Gerade als wir vor einer aufgebaggerten Fußgängerzone wenden, winkt uns ein Typ mit der Taschenlampe. Die Bullen haben uns gerade noch gefehlt - wir wissen ja, dass Fahrzeuge nichts in Fußgängerzonen zu suchen haben! Aber weit gefehlt - der Typ will uns nur sein Hostal zeigen. Da er gut Englisch spricht und wir ziemlich fertig sind, folgen wir seinem Bruder durch das Wirrwarr an Gassen. Die scheinen gerade die ganze Stadt umzugraben.

Den ganzen Tag nichts richtiges gegessen, gönnen wir uns wenigstens ein gutes Abendessen. Gleich um die Ecke ist ein Restaurant nach dem anderen, alle ziemlich gemütlich und nett hergerichtet. Zwar ist die ganze Straße aufgerissen, aber die Leute machen sogar noch was draus: auf den Erdhaufen fackeln selbstgebaute Papierlampions - das sieht total urig aus. Wir kehren ins "Adobe" ein - das große Lagerfeuer inmitten des Ladens ist einfach zu verlockend. Das Essen ist superlecker, wenn auch nicht unbedingt günstig. Aber nach 10 Stunden "on the bike" haben wir uns das verdient. Es gibt sogar Live-Musik und für einen Moment ist der Tag vergessen und wir sind ganz happy und zufrieden.

Das Hostal ist ruhig und sauber, die Honda steht sicher im Hof. Mehr braucht es nicht und wir fallen anschließend ins Koma.

28. Mai - 1. Juni 2003, San Pedro de Atacama

10.164 km, S 22-54-46 / W 68-11-57

Wir lernen schnell, dass die Nächte hier eiskalt sind. Tagsüber in der Sonne weiß man gar nicht, was man noch ausziehen soll und abends nicht, was man noch anziehen soll! Sobald die Sonne hinter den Vulkanen verschwindet, stürzen die Temperaturen in den Keller. Da die Atacama-Wüste die trockenste Wüste der Welt ist, wärmt sich die Luft kein bisschen auf. Die Sonnenstrahlen sind die einzige Wärmequelle. Umso erstaunlicher ist es, dass die Sonnenenergie nicht genutzt wird. Es gibt noch nicht mal Heizungen - dabei koennte man es ohne Probleme auch abends richtig warm und gemütlich haben. Die Einheimischen scheint die Kälte jedoch nicht zu stören. Nur wir Touris schütteln mit dem Kopf, wenn die Leute in Anoraks und Mütze in ihrem Haus vorm Fernseher sitzen und die Haustür steht auch noch sperrangelweit offen! Wüstenmenschen! Vielleicht ist das auch nur Taktik, um die Touris in die Restaurants zu locken, wo es ein offenes Feuer oder einen Kamin gibt. Die einzige Alternative ist nämlich, sich um 8 oder 9 Uhr ins Bett zu legen, um nicht zu erfrieren.

Erste Zweifel beschleichen uns, ob wir wirklich den Abstecher ins bolivianische Altiplano machen sollten. Eigentlich haben wir schon jetzt die Nase voll vom Frieren - vielleicht sollten wir doch lieber eine 3-Tages-Jeeptour buchen. Andererseits beflügelt uns die Vorstellung, mit der Honda über den Salar de Uyuni zu düsen. Darauf freuen wir uns schon von Anfang an. Also wird erstmal eine Landkarte vom Altiplano gekauft und Kriegsrat gehalten. Die "Salar-Euphorie" siegte - wir werden es wagen - sind ja schließlich nicht die ersten, die das Altiplano vom Motorradsattel aus kennenlernen!

Die Auskünfte der Tourenveranstalter im Ort lassen uns ein wenig Zuversicht schöpfen: die Pisten wären nicht schlechter als hier in San Pedro, in jedem kleineren Ort gäbe es einen Minimarkt und selbt Sprit zu kaufen wäre unbroblematisch. Wir wissen, dass es bis Uyuni keine einzige Tankstelle gibt - das sind von hier knapp 600 km.

Mit besten Infos versorgt,fühlen wir uns mittlerweile gewappnet für den "Höhenausflug". Erik will nur noch mal die Kette spannen und traut seinen Augen nicht - die Hälfte der Zähne auf dem hinteren Ritzel waren einfach abgebrochen! Scheint so, als hätte der Sico-Pass das halbe Zahnrad gefressen. Beim letzten Check vor 500 km gab es jedenfalls noch keine Anzeichen. Wir sitzen mitten in der Wüste; jetzt ist guter Rat teuer. Woher einen Kettensatz bekommen?

Irgendwie fügte sich das Schicksal zu unseren Gunsten: Pedro, der Bruder des Hostalbesitzers, legte sich gleich für uns ins Zeug und fand einen Weg, die Teile über das Internet aus Santiago zu bestellen. Er hatte selbst mal im Lake District eine Autopanne, wo ihm die Locals geholfen hatten und war der Überzeugung, dass er gleiche Solidarität für uns leisten muss. Wir Glückskinder!

Alternativ wäre Erik mit dem Bus nch Iquique gefahren, um vielleicht dort einen neuen Kettensatz aufzutreiben. Wir telefonierten kurz mit dem in Motorradfahrerkreisen berühmten Sergio Cortez, der uns helfen will, falls es mit dem Internet nicht klappt. Zufälligerweise hatte sich Hanka in Salta genau die Adresse seiner Frau ausgesucht, zu der wir unsere Minitastatur schicken lassen wollen. Nur damals dachte Hanka mit keinem Stück an Sergio Cortez. 

Es stellte sich heraus, dass eine neue Kette und das hintere Ritzel über Internet zu bestellen kein Problem ist. Nur das vordere Ritzel war nicht zu kriegen, aber das sieht noch relativ gut aus und muss halt noch ein paar Hundert Kilometer mitmachen! (Für alle, die in Chile mal Ersatzteile brauchen: www.imoto.cl. Man braucht nur jemanden, der das Geld auf der Bank einzahlt. Meist noch am gleichen Tag werden die Teile zuverlässig per Luftexpress verschickt - klingt doch echt klasse).

Aber so einfach sollten wir nicht an unsere Kette kommen. Als Pedro zum ersten mal in Calama am Flughafen stand, war der zuständige Mensch nicht da, der wohl als einziger Fracht aushändigen darf. Beim zweiten mal stellte sich heraus, dass zwar die Frachtpapiere angekommen waren, nicht aber das Paket selbst. So musste Pedro auch noch zum Samstsg nach Calama fahren, den Nachmittagsflieger und den Abendflieger abwarten und Samstg abend 22.00 Uhr hielten wir endlich die heiß ersehnten Ersatzteile in der Hand. Für Pedro war das alles selbstverständlich, obwohl es uns schon langsam unangenehm war, dass sich jemand so selbstlos für uns ins Zeug legt! Derartige Hilfsbereitschaft haben wir jedenfalls in Deutschland nochnie erebt, nach dem Motto: jeder ist sich selbst der nächste.

Wie sich beim Einbau herausstellte, war die Kette ein Stück zu lang. Wieder einmal war Pedro zur Stelle und per Fahrrad ging es in die Werkstatt eines Freundes eines Freundes. Sofort wurde alles stehen und liegen gelassen (zum Sonntag!) und binnen Kürze die Kette passend gemacht.

Noch am selben Nachmittag konnten wir unsere erste "Probetour" ins Valle de la Luna machen. (Die Valles de la Luna dieser Welt gehören für uns ja inzwischen zu einer ganz besonderen Herausforderung.) Die 12 km schafften wir locker, noch nicht mal suchen brauchten wir. Völlig anders als das letzte Valle de la Luna in Argentinien, präsentierte sich dieses in den letzten Sonnenstrahlen des Tages von einer ganz anderen Seite. Die Erde ist ganz krustig und mit Salzkristallen überogen, dass es aussieht wie Schnee. Wenige Meter weiter türmen sich riesige Sanddünen auf wie in der Sahara, im Hintergrund die schneebedeckten Vulkane, die den ganzen "Atacama-Canyon" einbetten. Diese Kombination ist fantastisch! Wir können uns gar nicht sattsehen, aber die zunehmende Kälte treibt uns schon kurz nach Sonnenuntergang zurück ins Hostal. Für heute waren wir ein bisschen spät dran - auf dem Weg zum Valle de la Luna trafen wir ein uriges, australisches Pärchen auf Motorrädern, so dass wir uns doch ein bisschen verquatscht haben. Anderseits haben wir schon so lange keine "Biker" mehr getroffen!

In den Tagen unseres unfreiwilligen Zwischenstopps lernen wir etliche, nette Leute kennen, so dass uns die Zeit nicht lang wird. Mit Petra & Kamran und Anne & Patrick verbringen wir schöne Stunden - quatschen Ewigkeiten am Frühstückstisch und abends im Restaurant. Vor allem die Zeit mit Petra & Kamran war superlustig. Uns tut richig gut, mal wieder Leute kennenzulernen, wenn die Freunde so weit weg sind.

2. Juni 2003, San Pedro de Atacama - Ausflug nach Chuquicamata

10.332 km, S 22-54-46 / W 68-11-57

Eriks großer Wunsch ist, die größte Tagebau-Kupfer-Mine der Welt in Chuquicamata zu besichtigen. Noch bevor die Sonne den Canyon aufwärmt, sitzen wir auf der Honda und düsen in Richtung Calama. Wir müssen bis 8.30 Uhr spätestens im Besucherbüro sein, da die Plätze begrenzt sind. Ausnahmsweise pünktlich stehen wir auf der Matte und es klappt - wir sind noch nicht mal die letzten.

Zuerst sehen wir ein Video, wo allerlei Prozesse erklärt werden, bis man irgendwann fast 100%ig reines Kupfer gewonnen hat. Anschließend startet die Tour in den Tagebau und dann wird es richtig cool. Schon im Bus probieren wir unser "Survival-Package" aus: für jeden gibt es einen Helm, eine Riesenschutzbrille gegen den Staub, eine Staubmaske, einen blauen Kittel und Stahlkappen für die Schuhe. Wie die Außerirdischen springen wir an der ersten Station aus dem Bus. Gleich dort sehen wir die ersten coolen Trucks mit ihren überdimensionalen Rädern. In der Mine gibt es insgesamt 92 Stück dieser Riesendinger. Wie Kartoffelkäfer krabbeln sie das gigantische Tagebauloch hoch und runter, verbrauchen pro Minute ganze 2 Liter Diesel, aber können bis zu 360 Tonnen Gestein laden. Bis an die Bagger kommen wir leider nicht heran, aber wir bekommen eine Vorstellung von der Schaufelgröße.

Anschließend besuchen wir die Werkstatt, wo die Trucks repariert und instandgehalten werden. Das wirkt alles so überdimensional, wie gerade zwei Männer in einem der Riesengetriebe rumklettern... Aber die Reifen sind noch faszinierender. Nach einem halben Jahr sind die schon nicht mehr zu gebrauchen - dabei kostet ein Reifen 15.000 USD und 6 davon hat so ein Truck! Die anderen Zahlen, z.B. wieviel Liter Öl hier täglich verbraucht werden, etc. haben wir in der Menge an Informationen leider vergessen. Unserem Führer war auf jeden Fall der Stolz und die Begeisterung anzumerken. Kein Land der Welt produziert reineres Kupfer als Chile, wenn auch das Kupfer auf dem Weltmarkt im Moment nur als Nullgeschäft läuft. Die Gewinne macht man stattdessen mit Molybdän.

Auch die Gieserei war ziemlich beeindruckend. Überall glühen die Hochöfen, bis das flüssige Kupfer mit einem Karussel in 150 kg schwere Rohplatten gegossen wird. Das Ganze rotiert hier 24 Stunden am Tag! In Kürze soll sogar der angrenzende Ort Chuquicamata platt gemacht werden, damit sich der Tagebau noch vergrößert. Schon jetzt wirkt Chuquicamata wie eine Geisterstadt - alles wird noch Calama umgesiedelt und man erhofft sich, dass Calama als die am schnellsten wachsende Stadt Chiles zu einer reichen Metropole wird. Wenn das mal gutgeht!

Selbst Hanka fand die Tour ziemlich beeindruckend. Der Abstecher hat sich gelohnt. Per Zufall haben wir sogar Uli wiedergetroffen (der ist uns auf der Carretera Austral entgegen gekommen), der inzwischen mit seiner Freundin per Bike unterwegs ist.

Nachdem wir uns in Calama noch mit dem Nötigsten für's Altiplano eingedeckt haben (man weiß ja nie, ob es in Bolivien Sahne-Nuss-Schokolade gibt), geht's wieder zurück nach San Pedro de Atacama. Spontan wird beschlossen, erneut den Abstecher zum Valle de la Luna zu machen. Diesmal haben wir gut Zeit, uns alles anzuschauen und sogar bis hoch auf die große Sanddüne zu klettern. Von da aus hat man einen unbeschreiblichen Ausblick, den der Sonnenuntergang mit seinen Farben in eine völlig unreale Kulisse verwandelt. Dieser Blick war mindestens genauso schön wie auf die Torres im Nationalpark "Torres del Paine". Das hätten wir nicht erwartet! Wie gut, dass wir noch einmal vorbeigekommen sind!

Nach einer Woche in der Atacama-Wüste wird es Zeit, dass wir morgen unseren Motorradsattel in andere Gefilde bringen. Wir sind schon ganz gespannt auf's Altiplano!!!

Hanka und Erik
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