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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Chiles Norden


9. Juni 2003, Cancosa - Iquique

11.639 km, S 20-12-54 / W 70-08-52

Trotz der 4.500 m Höhe haben wir gut geschlafen. Für's Frühstück zahlt sich mal wieder unser Haferflockenvorrat aus, wir hätten ungern noch eine Mahlzeit von den Jungs in Anspruch genommen.

Cristian und Jorge tippen uns noch ein vorläufiges Einreisepapier für unser Motorrad, mit dem wir in Iquique zum Zoll gehen sollen. (Kein Vergleich zu Bolivien.) Die beiden Jungs sind rührend. Sie wollen weder für die Übernachtung noch für das Abendessen Geld von uns annehmen! Bevor wir fahren, zeigen sie Erik noch den Weg zu einem Typen, der uns Benzin abfüllt. Was wir doch für ein Glück haben!

Bevor wir die gute Asphaltstraße erreichen, müssen wir uns noch ein ganzes Stück durch Staub und Sand kämpfen. Dennoch ist die Piste um einiges besser als auf der bolivianischen Seite - vor allem gibt es Wegweiser! Der höchste Punkt der Strecke liegt auf knapp 4.600 m - das ist neuer Rekord! Nur die Landschaft können wir nicht mehr so richtig genießen: schon wieder Schneeberge, Salzseen (allerdings ohne Flamingos), kahle Hügel, Büschelgras und Steine. Wir können es nicht erwarten, endlich im Warmen zu sein!

Es ist eine Wohltat, wieder Asphalt unter den Rädern zu haben! Uns kommt gleich alles viel zivilisierter vor. Die Honda schnieft die letzten Berge hoch, danach geht es wie im Sturzflug 80 km nur bergab. Vor uns liegt eine riesige Ebene, die ungefähr wie aus dem Flugzeug aussieht. Mit "flatternden" Ohren düsen wir nach unten. Die Straße schlängelt sich wie ein Band vorbei an riesigen Sanddünen. Unten angekommen tauchen wir in eine gigantische Staubwolke ein: ein Sandsturm. Mit heftigen Böen zerrt der Wind an unserer Honda, aber die Gute fährt uns brav bis Pozo Almonte, wo schon eine Tankstelle und ein paar Hot Dogs auf uns warten. Jetzt ist es nur noch ein Katzensprung bis Iquique.

Die letzten Kilometer sind noch einmal ziemlich eindrucksvoll. Durch riesige Sanddünenfelder stürzt die Straße weiter abwärts bis auf Meereshöhe. Dann haben wir heute insgesamt einen "Sturzflug" von 4.600 m auf 0 hingelegt! Hanka registriert, dass sich hier besonders viele Kreuze am Straßenrand reihen - beinahe hinter jeder Kurve. Irgendwo hier muss auch Ulf so gestürtzt sein...

Der Blick auf Iquique haut uns fast um. Die Stadt scheint im wahrsten Sinne des Wortes auf Sand gebaut zu sein: direkt am Meer hinter den Wolkenkratzern und Häusern liegt eine riesige Sanddüne. Man könnte meinen, bei falscher Windrichtung wäre die Stadt in Null Komma nichts einfach zugeweht. Wahrscheinlich haben wir aber nur zuviel Phantasie!

Schnell ist das Hostal gefunden, in dem Anke und Ulf mal abgestiegen sind. Die Hostalbesitzerin kann sich auch sofort an die beiden erinnern (liebe Grüße), aber so richtig sagt uns die Bleibe nicht zu. Ein Stadtplan käme uns jetzt ganz gelegen, aber an derTouristeninfo stehen wir kurz nach fünf bereits vor verschlossenen Toren. Gleich um die Ecke gibt es jedoch einen Automobilclub, wo man uns netterweise einen tusche-gezeichneten Stadtplan in Postergröße überlässt. Wir suchen weiter und brauchen eine nervige Ewigkeit, um ein einigermaßen gutes Preis-Leistungsverhältnis bei den Unterkünften zu finden. Nach x-maligem Fragen, Anschauen, Verhandeln und wieder Gehen, bleiben wir in der Residencia Nan-King, ganz zentral. Leider war auch nirgendwo ein Parkplatz dabei, so dass wir in den sauren Apfel beißen müssen und einen öffentlichen Parkplatz für Geld nehmen. Erik versucht noch, einen Freundschaftspreis zu verhandeln, aber der Parkwächter fängt an zu grinsen und zeigt auf seinen Parkplatz: "todos amigos, aci." Der Deal ist trotzdem nicht schlecht. Aus dem "Alukistenausbeulen" wird allerdings erstmal nichts. Wie sich herausgestellt hat, haben sich auch die Kofferaufhängungen beim gestrigen Sturz ziemlich verzogen. Was soll's. Wir beschließen, uns dennoch eine schöne Zeit zu machen, denn die Stadt hat ein Flair, das uns gefällt.

Da sich Hanka schon wieder ein ganze Weile auf Chiles Meeresküche freut, ist der Reiseführer schnell nach dem preiswertesten Fischrestaurant konsultiert. Wir essen gut und billig mit lauter Einheimischen. Zufrieden, satt und geschafft lassen wir den Abend vor dem Fernseher ausklingen - das ist Luxus für uns! Die Strecke, die angeblich in 6 Stunden zu fahren sei, hat uns ganze zwei Tage gekostet!!!


10.-11. Juni 2003, Iquique

11.639 km, S 20-12-54 / W 70-08-52

In den zwei Tagen genießen wir die Stadt wie zwei Urlauber: gehen bummeln, machen Sightseeing, essen Eis, spazieren am Hafen entlang (wo uns nebenbei der Zoll problemlos die richtigen Motorradpapiere ausstellt), machen Strandspaziergänge. Eigentlich hatten wir damit gerechnet, einen ganzen Tag damit zu verbringen, die richtigen Papiere und Stempel aufzutreiben. Aber es lief alles ganz relaxed und wir konnten sogar ganz in Ruhe in einer "Fischbude" am Hafen für 2.000 Pesos (2,60 EUR für zwei Portionen) frischen Fisch zu Mittag essen. Hier kommen anscheinend keine Touristen vorbei, die Atmosphäre war so nett - einer der Fischer schenkte uns sogar eine Schüssel Krabbenfleisch, das er gerade frisch aus den Scheren gepult hatte. Irgendwie ist alles so angenehm. Wir waren zwar noch keine Woche in Bolivien und freuen uns trotz der Ursprünglichkeit dieses Landes, wieder in Chile zu sein.

Selbtverständlich schauen wir uns auch die bekannte Freihandelszone an. Der Ausflug ist aber eher enttäuschend - zwar gibt es Hunderte Geschäfte, aber der Kitsch überwiegt. Schon einige Motorradfahrer haben vergeblich versucht, hier neue Reifen oder Ersatzteile aufzutreiben - das können wir uns bei der "Auswahl" lebhaft vorstellen. Der Reiseführer übertreibt völlig und sollte mal überarbeitet werden.

Dafür findet man im "LIDER" alles, was das Herz begehrt - seit Monaten endlich auch Beutelreis (Erik träumt schon davon, weil die Suche nach Beutelreis für uns bereits zum Sport geworden ist). Wir verfallen schon fast in Kaufrausch - man hat plötzlich so viel Appetit auf so viele Sachen! Am besten ist, dass man mit einem LIDER-Taxi mit allen Einkäufen bis vor die Haustür gefahren wird für ein läppisches Taschengeld von 800,- Pesos; das müsste es in Hamburg geben!

Eigentlich hatten wir gehofft, dass uns unsere verlorene Tastatur nach Iquique nachgeschickt worden ist - aber leider ist noch nichts bei Sergios Frau eingetroffen. Schade! Entweder sind die Postkarten nicht angekommen, die Tastatur nie aufgetaucht, das Päckchen verschwunden oder wir haben die Gutmütigkeit der Argentinier doch überschätzt - es wird uns wohl leider ein Rätsel bleiben.


12. Juni 2003, Iquique - Arica

11.957 km, S 18-28-54 / W 70-18-44

Wir nehmen die Panamericana, Ruta 5, weiter nach Norden. Trotz Asphaltstraße erwarten uns 350 km bis Arica, die wollen erstmal gefahren sein. Wir sind schon ganz gespannt auf die Stadt des ewigen Frühlings.

Schon nach etwa 90 km haben wir das erste Problem: die Tankstelle in Huara existiert nicht mehr. Die ganze Zeit in Chile konnten wir uns auf die gute Turistel-Straßenkarte verlassen, jetzt verlässt sie uns. Selbst wenn wir zurück nach Pozo Almonte fahren würden, kämen wir dennoch mit unserem Tank nur knappe 340 km. Wir können hin und her spekulieren, uns muss etwas anderes einfallen. Wir fragen überall in Huara nach, bis man uns versichert, dass man in einem Restaurant an einer Kreuzung 30 Kilometer weiter Benzin kaufen könne.

Die Kreuzung kommt, das Restaurant auch, aber essieht aus, als hätte es schon seit längerem geschlossen und wir fühlen uns ziemlich aufgeschmissen. Es gibt nur einen Kiosk, an dem gerade eine kleine Kolonne chilenisches Militär Rast macht. Die Jungs sind so gut drauf, dass sie Minuten später einen Kanister aus dem Jeep kramen und der Oberst persönlich 10 Liter in unseren Tank lässt - auf Staatskosten. Die Jungs wollen kein Geld undd wünschen uns viel Glück. Ist da nicht irgendwo ein Benzinengel, der über uns wacht?

Weiter auf dem Weg nach Arica durchqueren wir zwei riesige Täler. Dabei ist das Meer nicht weit, so dass wir diese großen Höhenunterschiede gar nicht erwartet hätten. Ansonsten gibt es links und rechts der Straße nur Wüste. Hier ist noch so viel unberührter Platz, dagegen wird in Deutschland jedes Fleckchen Erde genutzt.

Schon von weitem wirkt Arica ziemlich grün. Wir machen ein kurzes Sightseeing-Programm: altes Zollhaus, Eiffel-Kirche aus Metall, Fußgängerzone und zum Schluss den Mirador. Wie wir finden, hat Arica nicht allzu viel zu bieten, obwohl man immer wieder davon hört. Nur die Leute in unserem Hostal sind ausgesprochen nett: wir bekommen sogar einen Fernseher auf's Zimmer gestellt, dürfen Küche und Waschraum benutzen. Manchmal sind die Leute da ziemlich eigen. Eine prima Gelegenheit für uns, mal wieder Flan zu kochen. Erik ist schon auf Entzug!


13.-14. Juni 2003, Arica

11.957 km, S 18-28-54 / W 70-18-44

Zwei Tage voller Arbeit: Erik schafft es, auf dem Fußweg die Seitenkoffer auszubeulen und mit aller Gewalt die Kofferträger wieder gerade zu biegen, besorgt neue Kabelbinder, rennt nach Panzerklebeband rum (kriegt aber keins), spannt und schmiert die Kette. Hanka schrubbt indessen zwei Riesenberge Wäsche (das war nötig) und schreibt endlich mal wieder einen Reisebericht für die Zeitung.

Anschließend klappern wir mindestens 20 Internet-Cafés ab, um eins zu finden, in dem wir unsere Fotos seit Santiago hochladen und auf CD brennen können. Irgendwie haben wir mehr Vertrauen in die chilenische Post nach Hause als in die bolivianische - und da wir ja in Kürze Chile hinter uns lassen...

Wir finden gerade mal ein einziges Internet-Café, wo ein aktuelles Windows-System installiert ist. Aber wie es der Zufall so will, haben die keinen CD-Brenner! Nach stundenlanger Suche geben wir verzweifelt auf. Müssen wir halt unser Glück noch mal in La Paz versuchen, denn so langsam werden auch unsere Speicherchips knapp.

Leider hat Sergios Frau noch immer keine Neuigkeiten aus Argentinien für uns - so langsam sollten wir uns Gedanken machen, wie wir an eine neue Tastatur kommen. Dafür erfahren wir, dass Sergio momentan in Arica ist. Er kommt gerade von einer zweiwöchigen Fahrradtour durch's Altiplano zurück, auf der er zwei Deutsche begleitet hat. Das macht uns neugierig und wir hinterlassen unsere Nummer vom Hostal.

Apropos Nummer - wir versuchen ja schon ewig, mal irgendwo eine Telefonleitung zu finden, auf der wir uns von unseren Eltern zurückrufen lassen können. Es ist wahrscheinlich gar nicht so einfach zu verstehen, was daran so schwierig sein soll. Fast in allen Hostals, die wir kennengelernt haben, gibt es nur eine Geschäftsleitung, die nicht blockiert werden darf. Es könnten ja potentielle Gäste anrufen; na ja, zumindest ist das nachvollziehbar. Bei Telefonzellen hatten wir auch noch kein Glück: erstens müssten die Dinger international funktionieren und zweitens müsste dann auch noch irgendwo die Rufnummer stehen. Die dritte Möglichkeit ist, von einem
sogenannten "centro de llamada", aus zu telefonieren, wie es auch die meisten Einheimischen tun. Nur leider nehmen die für Auslandsgespräche horrende Minutenpreise und haben natürlich kein Interesse an Rückrufen, weil man so ja kein Geld verdient. Also kann man nur auf die Hostalvariante spekulieren. Diesmal können wir uns sogar in unserer Herberge auf einer zweiten Leitung von unseren Lieben zurückrufen lassen. Das mit den 6 Stunden Zeitunterschied ist auch nicht immer so einfach.

Doch diesmal ist das Timing perfekt, denn im Moment müssten sich gerade alle bei Hankas Omi rumtreiben, um ihren Geburtstag zu feiern (wir hoffen, die Grüße sind angekommen). Das wären dann gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe! Leider geht niemand ans Telefon; auch zuhause nicht. Selbst Erik's Mama anzurufen ist vergebens - alle sind ausgeflogen. Ziemlich enttäuscht kehrt Hanka zurück zum Hostal. Wir hätten sooo gern mal wieder telefoniert! Morgen reisen wir weiter; wer weiß, wann wir das nächste Hostal finden, wo man telefonieren kann. E-Mail bleibt doch die bessere Variante zu kommunizieren.

Dafür hat Sergio für uns eine Nachricht hinterlassen und wir treffen uns spontan noch am selben Abend. Wenn wir schon mal hier sind, wollen wir doch den in Motorradkreisen berühmten Sergio Cortez wenigstens kurz kennenlernen. Als wir in das Restaurant eintrudeln, ist er völlig verwundert, weil wir gar keine Hilfe brauchen. Er ist es eher gewohnt, dass alle Leute immer etwas von ihm wollen. Schon in den letzten beiden Wochen per Fahrrad durch's Altiplano, war in fast jedem Dorf einer, der irgend etwas von Sergio wollte, erzählen uns Joachim und Christian, mit denen er unterwegs war. Der "Allroundmechaniker" ist bekannt wie ein bunter Hund; wird natürlich auch überall eingeladen und bekommt die besten Tipps. Als er eine frisch gebrannte Foto-CD auf den Tisch legt, sind auch wir platt. Sieht so aus, als war er genau in dem Internetcafé, das wir vergessen haben abzuklappern!

Der Abend wurde recht nett. Einen Tipp von Sergio wollen wir uns unbedingt merken: der Salar de Surire. Dort gibt es kurz vor der bolivianischen Grenze Flamingos, Vicuñas und super Thermalquellen - ganz ohne Touristen! Das hört sich auf jeden Fall gut an, zumal wir noch Flamingo-Fotos nachzuholen haben.


15. Juni 2003, Arica - Putre

12.119 km, S 18-11-53 / W 69-33-31

Während die Honda fertig bepackt im Hostal hinter Gittern auf uns wartet, wetzen wir noch schnell mit unseren Foto-Chips zu "Sergios" Internetladen. Es ist Sonntag und damit war der Weg leider völlig umsonst - wir hätten auch mal lieber normale Hosen anziehen sollen, denn in unserer gefütterten Motorradkluft sind wir wie unter Luftabschluss eingepackt. Aber wir haben ja heute noch einige Höhenkilometer vor uns, da werden wir uns noch wünschen, dass uns warm ist

Die Strecke Richtung Putre ist nicht nur asphaltiert - was für uns und die Maschine immer ein Segen ist - sondern zieht sich durch herrliche Landschaft. Zunächst geht es immer entlang eines Flussbettes, das ein grünes Band inmitten karger Felslandschaften zieht. Schon lange haben wir keine richtigen Felder mehr gesehen. Das viele Grün tut gut in den Augen und suggeriert schon fast ein "Heile-Welt-Gefühl". Wir machen eine Vollbremsung, als wir bei einem Bauern das Schild "Hoy queso de cabra" entdecken (Heute Ziegenkäse). Die Supermarktpreise für Ziegenkäse sind auch in Chile ziemlich heftig, so dass wir die 1.500,- Pesos für unseren Lieblingskäse gern investieren. Das Riesenstück passt genau noch in Hankas Jackentasche, yummi, yummi, wir freuen uns schon darauf!

Weiter geht es über Serpentinen in die Berge. Plötzlich gestikuliert ein Polizist vor uns wie wild herum. Im ersten Moment denken wir, dass er die Straße sperren will. Wie uns Sergio gestern erzählte, findet heute ein Radrennen von Putre nach Arica statt ("immer bergab - genau der richtige Sport für Chilenen", so Sergio wortwörtlich). Die drei haben gestern noch überlegt, ob sie zum Abschluss ihrer Tour aus Spaß mitfahren. Falls wir sie sehen, werden wir sie kräftig anfeuern. Doch wie sich herausstellte, war der Polizist so aufgeregt, weil gerade irgendein Fahrzeug durch die Leitplanken den Hang hinabgestürzt war. Wir sahen zum Glück nichts von alldem, aber man bekommt einen ziemlichen Schreck.

Etliche Kilometer später kommen uns tatsächlich die Radrennfahrer entgegen und wie versprochen winkten wir Joachim und Christian zu, die sich ganz gut im vorderen Feld zu schlagen schienen. Sergio tauchte weiter hinten auf und es gab ein großes Hallo aus der Fangemeinde. Witzig, dass wir die Jungs tatsächlich noch mal gesehen haben!

Putre liegt ganz idyllisch, terassenförmig in den Hängen, im Hintergrund zwei schneebedeckte Gipfel wie auf einer Schweizer Schokoladentafel. Man würde nie vermuten, dass man hier in 3.560 m Höhe Oregano anbaut. Wir erstehen gleich ein frisch geerntetes Tütchen - dabei hat Hanka noch vor ein paar Monaten Oregano völlig verschmäht!

Im Badezimmer bekommen wir deutlich den Höhenunterschied der heutigen Etappe zu spüren. Wir sind quasi von Meereshöhe auf mehr als 3.500 m geklettert! Als die Shampooflasche nicht stehen will, weil der Flaschenboden ausgebeult ist, denkt man sich noch nichts dabei. Aber als uns der halbe Inhalt sämtlicher prall aufgeblähten Tuben und Flaschen entgegenkommt, werden wir stutzig. Die Krönung ist der Deoroller - es hätte beinahe einen Badunfall gegeben, als die Kugel mit vollem Druck Hanka entgegenspringt. Nach der ersten Schrecksekunde konnten wir nur noch lachen.


16. Juni 2003, Putre - Salar de Surire

12.276 km, S 18-54-46 / W 68-59-55

Wie befürchtet war die Nacht eiskalt. Man kann sich immer nicht vorstellen, dass die Temperaturen dermaßen in den Keller stürzen, wenn man gerade eben noch im Warmen saß. Aber die Realität holt einen gnadenlos ein.

Wir versuchen zuerst mal unser Glück, Benzin aufzutreiben und tatsächlich gibt es welches im Supermarkt in Flaschen abgefüllt. Mit einem Schlauch wird die Honda vollgefüttert und anschließend können wir aufbrechen. Die Straße fordert alles an Leistung von der schwer beladenen Maschine, so steil geht es bergauf bis wir auf etwa 4.300 Metern angekommen sind. Dabei durchqueren wir gleich ein Stückchen des Lauca-Nationalparkes, der laut Reiseführer wohl Chiles spektakulärster Nationalpark sein soll. Wir sehen gerade die ersten Vicuñas am Straßenrand, als auch schon der Abzweig nach Guallatiri kommt. Die Piste scheint auf dem ersten Blick ganz gut und wie sich später herausstellt, ist es die Hauptverbindung für LkW's zu der am Salar gelegenen Borax-Mine. Zum Glück haben wir nur LkW-Gegenverkehr, d.h. die Staubwolken sind nur von kurzer Dauer. Wir schmecken dennoch den Dreck auf der Zunge. Den ganzen Weg bewegen wir uns mehr oder weniger zwischen 4.000 und 4.300 Höhenmetern - es ist das erste mal, dass die Honda einen der Anstiege nicht schafft. Erik lässt die Kupplung im ersten Gang schleifen und rennt nebenher und Hanka schiebt von hinten im Staubdreck. Nach dieser Aktion sind wir erstmal fix und fertig, aber es sollte die einzige Steigung bleiben, die die Transalp überforderte.

Schon weit vor Guallatiri sieht man den gleichnamigen Vulkan, der eine ganz eigenartige Form hat und mit einem Rauchhäubchen geschmückt ist. Wie wir in Guallatiri feststellen, hat der Vulkan auf der Rückseite noch ganz viele Rauchlöcher, die sich wie eine Wirbelsäule bis zum Gipfel ziehen. Dadurch wirkt der Vulkan echt mystisch.

Heute bekommen wir endlich die Gelegenheit, auch mal Chilenen unsere Hilfe zu erweisen. Vor Guallatiri ist ein weißer Pickup mit Platten liegengeblieben. Wir halten an, bekommen aber gleich einen Schreck, weil uns die drei Typen irgendwelche Polizeiausweise unter die Nase halten. Da war doch was mit irgendwelchen Trickdieben, die sich als Polizisten ausgeben... Da die weder ein Polizeiauto haben und in Zivil gekleidet sind, hält Erik mal vorsichtshalber die Hand am Gasgriff. Natürlich haben wir keinen Kompressor dabei, aber sie bitten uns, den Carabineros in Guallatiri Bescheid zu geben, damit diese einen neuen Reifen herbringen. Ihre Einheit ist OS 7, die drei sind von der zivilen Drogenfahndung. Der Carabinero in Guallatiri grinst zwar angesichts der Neuigkeiten, aber kümmert sich um die Incognito-Unglücksraben. Wieder eine gute Tat vollbracht.

Wir dachten im Lauca-Nationalpark gäbe es viele Vicuñas, aber entlang des Weges zum Salar de Surire sehen wir Hunderte. So viele der niedlichen Tiere haben wir auf unserer ganzen Reise noch nicht gesehen! Inmitten von Alpacas mit Blick auf den Vulkan machen wir Mittagspicknick. Es ist das köstlichste Picknick seit langem: frischer Ziegenkäse mit Avocadopaste - da schmecken sogar die "Schuhsohlen"-Brötchen exzellent. Anscheinend ist der Ziegenkäse so frisch, dass er beim Kauen quietscht; wir finden es jedenfalls total witzig.

Wir folgen Sergios Wegbeschreibung in Uhrzeigersinn um den Salar und schon taucht die erste Flamingokolonie auf. Es folgen noch weitere, ganz in rosa und pink, dazu gesellen sich Vicuñas und Alpaca-Herden. Dieser Ort ist wirklich traumhaft schön! Gespannt auf die heißen Quellen folgen wir der Route. Sie sind nicht ganz leicht zu finden, aber plötzlich liegen sie vor uns: türkisgrünes Wasser, heiß dampfende "Blubberlöcher" und kühler werdende Verzweigungen. Das Salz und die Mineralien haben die Wasserränder in ein farbiges Ufer verwandelt. So schön hätten wir uns die Quellen noch nicht mal nach Sergios Erzählungen ausgemalt.

Wir bauen unser Zelt direkt am Ufer auf, umgeben von heißen, schwefelig stinkenden Dämpfen. Anschließend blubbern die Spaghettis auch schon im Kochtopf - warmes Abwaschwasser gibt es heute gratis.

Mit der Abendsonne verschwinden wir im heißen Wasser. Man muss ganz schön aufpassen, dass man sich nicht verbrennt, aber da das Wasser auf der einen Seite merklich kühler wird, kann man sich das Plätzchen mit der Idealtemperatur aussuchen. Der Untergrund der Thermallagune ist ziemlich schlammig; die Fango-Packung hat man quasi gleich inklusive. Dafür ist alles schön naturbelassen und keine Menschenseele in der Nähe. Wir liegen noch lange im Wasser, schlürfen eine Flasche Wein, schauen Sternschnuppen und warten darauf, dass der Mond aufgeht. Einfach paradiesisch!

Nicht so paradiesisch sind die Außentemperaturen. Es ist inzwischen ziemlich kalt geworden und uns ist klar, dass uns eine Nacht im Zelt auf einer Höhe von 4.278 m bevorsteht. Aber wir sind so schön warm aufgeheizt, dass wir uns schwer vorstellen können, dass wir all die Klamottenschichten heut nacht wirklich brauchen. Schon als man aus dem Wasser kommt, kann man getrost eine viertel Stunde ohne Sachen rumlaufen, ohne auch nur annähernd zu frieren.


17. Juni 2003, Salar de Surire - Putre

12.428 km, S 18-11-53 / W 69-33-31

Wir haben die Klamottenschichten wirklich gebraucht und sogar noch ein bisschen mehr! Die Nacht war eisig. Am Morgen stellen wir fest, dass unser ganzes Trinkwasser steinhart gefroren ist - und das obwohl wir es mit im Zelt hatten! Unser Frühstücksobst erfuhr dasselbe Schicksal und sogar der äußere Rand des Thermalsees war trotz der heißen Quellen mit einer Eisschicht überzogen. An unserer Zeltplane hingen die Eiszapfen tapfer der Morgensonne stand. Wir hätten gern gewußt, wie kalt es in dieser Nacht war.

Noch vor dem Frühstück gönnten wir uns ein Aufwärmbad (die Wassersäcke tauten mit uns im heißen Thermalwasser auf), um bald darauf mit warmen Knochen auf's Motorrad zu steigen.

Diesmal nahmen wir den anderen Weg um den Salar, der aber längst nicht so spektakulär war wie auf der gestrigen Seite. Auf einmal gibt es einen Knall. Oh nein, bitte keinen Platten - ist der erste Gedanke. Es war "nur" eine heftige Fehlzündung; danach geht der Motor erstmal aus. Das Spiel widerholt sich einige Male bis die Honda kaum noch anspringen will. Was ist bloß los? Für den Moment haben wir keine bessere Erklärung, als dass der Sprit aus den Supermarktflaschen schlecht sein muss und sich die Qualität in diesen Höhen extrem auswirkt. Etwa 20 km nach Guallatiri (fast genau da, wo die Miami-Vice-Typen gestern liegengeblieben sind) geht plötzlich schon die zweite Benzinlampe an. Das bedeutet, wir haben noch etwas mehr als 4 Liter im Tank, aber noch reichlich 80 km vor uns. Wir wissen, dass es in Guallatiri keine Tankmöglichkeit gibt, aber vielleicht kann ja der Carabinero dort mit Benzin aushelfen. Sollte das allerdings nicht klappen, haben wir die wertvollen letzten Tropfen glatt verschenkt. Wir entscheiden uns für Weiterfahren. Unsere Benzinkanister geben noch 2,5 Liter her, die schnell im Tank verschwunden sind. Danach will die Honda auch wieder anspringen. Wir kommen allerdings nicht weit, dann ist nichts mehr aus dem Tank zu holen. Entweder ist da ein Loch im Tank oder irgend etwas stimmt nicht - wir errechnen einen Spritverbrauch von über 10 Litern auf 100 km! Das gibt es doch gar nicht! Dabei sind wir doch schon öfter über 4.000 m Höhe rumgedüst. Jedenfalls standen wir ratlos mitten im Niemandsland. Bis zur Asphaltstraße waren es noch gute 15 km, das bedeutet mindestens 3 Stunden die 300 Kilo schwere Fuhre schieben. Anschließend sind es noch ungefähr 25 km, die glücklicherweise fast nur bergab gehen. Wenn wir es nur irgendwie bis zur Straße schaffen würden!

Just in diesem Moment kommt ein völlig alter, klappriger Karren an uns vorbei. Mal abgesehen von den LkW's ist es das zweite Fahrzeug in zwei Tagen, was uns auf dieser Strecke begegnet ist. Als wir das alte Pärchen nach Benzin fragen, schütteln die beiden mit den Köpfen. Ein paar Meter weiter bleiben sie dann doch stehen und bieten uns an, 1 Liter abzugeben. Mehr können sie leider nicht entbehren, weil sie auch noch bis Putre kommen müssen. Mit einem Schlauch zaubert uns der Alte 2 Liter in eine leere Flasche. Der Arme bekommt beim Ansaugen reichlich Sprit in den Mund. Aber uns retten diese 2 Liter und wir kommen einigermaßen gut bis zur Asphaltstraße. Ein Stein fällt uns vom Herzen. Von dort aus ist Rollen angesagt. Wir stoppen noch mal kurz an der Administration vom Lauca-Nationalpark, aber dort hat man auch kein Benzin über. In Rennfahrerposition düsen wir die Serpentinen bis nach unten - schaffen ganze 25 km mit einem halben Liter im Tank! Ein streunender Hund versetzt uns noch mal kurz einen Adrenalinstoß. Nur einige Millimeter knapp rennt er uns am Rad vorbei und erspart uns gerade so einen Sturz. Das Vieh hat wahrscheinlich nicht gemerkt, dass wir - auch ohne Motor - in voller Fahrt sind. Direkt vor Putre müssen wir noch die letzten Hügel überwinden. Wir reden der Honda gut zu und schaffen es ganz knapp. 5 m vor der letzten Hügelkuppe bleibt die Honda entgültig leer stehen. Danach rollen wir bis in den Ort direkt vor den Supermarkt. Was für eine Tour! Der Galgenhumor hat uns jedoch nicht verlassen.

Hanka und Erik
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