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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Eindrücke von Bolivien
 

18. Juni 2003, Putre - La Paz

12.796 km, S 16-29-35 / W 68-07-57

Wir kommen gerade so mit unseren letzten Pesos und Dollars hin, um Unterkunft, Essen und Benzin zu zahlen. Anschließend lassen wir den chilenischen Asphalt hinter uns. Kaum zu glauben, dass wir inzwischen nicht nur das "Asado-Land", sondern auch das "Sahne-Nuss-Land" auf dieser Reise nicht wiedersehen. Wir waren gern in Chile, zumal für uns die Chilenen noch immer die nettesten sind.

Heute dürfen wir den Lauca-Nationalpark ein Stückchen ausführlicher erleben. Die Strecke nach La Paz führt genau mitten durch den Nationalpark, vorbei am schneebedeckten Cerro Larrancagua, dem Lago Chungara mit seinen herrlich zerklüfteten Inseln und einer unglaublichen Tierwelt. Die Grenzstation ist wohl die bisher am schönsten gelegene, mit Blick auf den Chungara-See. Doch in der Station ist die Hölle los. Der Grenzübergang ist die Drogenhauptroute nach Chile, so dass die Einreisenden entsprechend gefilzt werden. Nach vier verschiedenen Kontrollinstanzen haben wir den Papierkram erledigt. Zu unserer Überraschung treffen wir auf dem Parkplatz die Miami-Vice-Jungs von der OS7-Einheit wieder, diesmal in Uniform. Sie erkennen uns sofort. Das mit dem Reifen scheint also geklappt zu haben. Als wir losfahren, stehen sie spontan stramm und salutieren vor uns. Witzig, die Jungs.

Auf bolivianischer Seite tauchen wir sofort in eine andere Welt ein: am Straßenrand türmt sich der Müll, durch den die Alpacas auf der Suche nach Gras stapfen. Die Grenzformalitäten gehen schnell und wir bekommen diesmal sogar ein richtiges bolivianisches Einreisepapier für unser Motorrad ausgestellt. An der Grenzstation sitzen lauter Frauen in traditioneller Rocktracht, Mantas, Sandalen und Melonenhut, neben sich schwere Stoffbündel, getrocknetes Fleisch zum Essen und Strickzeug in den Händen. Schon an den Gesichtern der Kinder erkennt man deutlich die bolivianische Herkunft: dunkle Haut und kugelrunde, rot-glühende Wangen. Fast immer sitzen die Kinder auf dem Rücken der Mutter, in ein bunt gewebtes Tuch eingewickelt. Die ganze Ladung hält mit einem Knoten über der Brust; Kinderwagen gibt es jedenfalls keine.

Weiter Richtung La Paz sehen wir noch jede Menge solcher Frauen: Getreide von Hand abschneiden, Spreu vom Korn trennen, Holz sammeln, Schafe, Lamas oder Kühe hüten. Jede von ihnen trägt dieses typische, bunte Bündel auf dem Rücken - manchmal wetzen sie mit unglaublichen Lasten auf dem Rücken im Eilschritt durch die Prärie. Und wannimmer die Hände frei sind, wird entweder gestrickt oder Wolle auf eine Spindel gedreht. Diese Frauen und Kinder inmitten der Graslandschaft aus Ebenen, Vulkanen, Alpacas und tiefblauem Himmel - das ist für uns Altiplano!

Bis nach Patacamaya offenbaren sich herrliche Landschaftsstriche - ein wahres Paradies für Geologen. Woanders hätte man sicher einen Nationalpark draus gemacht und Eintritt verlangt, aber wir sind in Bolivien.

In Patacamaya tanken wir voll, aber die Hoffnung geht nicht auf, dass die Honda mit bolivianischem Sprit besser fährt. Wir kommen auch auf gerader Strecke mit Vollgas nicht über 60 km/h hinaus und wannimmer ein Anstieg kommt, werden wir zum gnadenlosen Verkehrshindernis. Irgendwann wird es Erik zu bunt und wir fahren die letzten 90 km bis La Paz ohne Luftfilter, auch wenn die Honda Abgase schlucken muss. Den Luftfilter können wir im Prinzip wegschmeißen. Uns ist zwar schleierhaft, wieso er voller Öl kommen konnte, aber damit ist der Filter nach der gestrigen Staubpiste völlig dicht. Hoffentlich können wir in La Paz einen neuen auftreiben.

Der Verkehr verdichtet sich und es deutet alles darauf hin, dass wir der Hauptstadt schon nahe sind. Blöderweise sehen wir nicht ein einziges Straßenschild, um uns irgendwie auf dem Stadtplan zu orientieren. Den letzten Nerv rauben uns die vielen Minibusse, die ohne Vorwarnung die Spur wechseln, bei rot fahren oder einfach stehenbleiben, um Leute aus- oder einsteigen zu lassen. Dazu hängt aus jedem Minibus einer mit dem Kopf aus dem Fenster und brüllt unverständlich die Fahrtroute, um andere Passanten zum Mitfahren zu überzeugen. Es ist ein Chaos! Wir haben bereits das Gefühl, die Stadt gleich hinter uns zu lassen, als rechterhand hinter der Maut-Station ein gigantischer Talkessel auftaucht, die Hänge vollgestopft mit Häusern, umgeben von Schneebergen: La Paz. Dieser Anblick in der Abendsonne jagt uns eine Gänsehaut über den Rücken. Die nervig-hässliche Stadt war also gar nicht La Paz, sondern der Vorort Alto.

Wir stürzen uns in den Moloch und landen mitten im Chaos aus rot angelaufenen, wutig pfeifenden Polizisten, Menschenmassen, Einbahnstraßen und Abgasen. Als wir endlich die Straße gefunden haben, in der uns Anne ein Hostal empfohlen hat, kreisen wir x-mal um den Block, um das Hausnummernsystem zu begreifen. Zu guter letzt lässt Hanka Erik einfach an der Ecke warten und wird zu Fuß im Gassengewirr endlich fündig.

Auf den ersten Blick scheint die Herberge ganz nett. Wir können das Motorrad mit Hilfe eines Bretts (das unter dem Gewicht bald durchkracht) in den Innenhof fahren und staunen nicht schlecht, als da schon eine KTM mit deutschem Kennzeichen steht. Leider können wir den Inhaber heute nicht mehr ausmachen, aber hinterlassen eine Nachricht auf der Sitzbank.

Nach 368 km haben wir keine Lust mehr zum Kochen, sondern gehen für 10,- Bolivianos (umgerechnet 1,30 EUR) ein Riesenmenü beim Chinesen essen. Total kaputt fallen wir ins Bett. Mal sehen, was La Paz in den nächsten Tagen sonst noch zu bieten hat.


19.-23. Juni 2003, La Paz

12.796 km, S 16-29-35 / W 68-07-57

In unserer ersten Nacht in La Paz werden wir vom Regen wach. Regen, was ist das, bitte? Wir haben schon seit Mitte März keinen einzigen Tropfen mehr vom Himmel fallen sehen und sind ganz froh, dass uns das Nass tagsüber erspart blieb und die Sonne Tag für Tag immer wieder auf's Neue die kalte Stadt aufheizt. Dafür wurde bei dem nächtlichen Guss gleich mal der Staub vom Motorrad gespült. Die arme Honda ist schon ewig nicht mehr gewaschen worden!

Die Honda ist auch der Grund, warum wir länger als geplant in La Paz blieben. Wir machten einen Honda-Händler am anderen Ende der Stadt ausfindig, dem wir unseren alten Luftfilter in die Hand drückten. Es dauerte allerdings ein paar Tage, bis wir am Montagnachmittag ungläubig einen nigelnagelneuen Luftfilter in der Hand hielten. Anfangs überlegten wir noch, neue Reifen aufziehen zu lassen. Aber die guten Metzeler Tourance haben noch genug Profil und tragen uns sicher auch noch bis Lima. Wie wir über Internet herausfanden, gibt es in Lima zwei vielversprechende Adressen für Reifen, also kein Grund zur Sorge.

In den Tagen lernen wir Natalie und Claas kennen, denen die KTM auf dem Hof gehört. Claas ist allein in zwei Monaten von Buenos Aires über Ushuaia bis nach La Paz gedüst. Von hier aus wollen die beiden bis Anfang nächsten Jahres gemeinsam reisen und das Tempo auf "Genießen" drosseln. Wir verstehen uns auf Anhieb und schnell sind unsere Routen abgeglichen, um ein Stückchen zu viert zu fahren. Unser erster gemeinsamer Ausflug wird uns nach Coroico führen, entlang der gefährlichsten Straße der Welt. Wir haben schon die unterschiedlichsten Stories über diese Strecke gehört. Die Zahlen an wöchentlichen Fahrzeugabstürzen variieren, aber wir wollen auf jeden Fall mit "schlanken" Motorrädern ohne Seitenkisten fahren. Und als das mit unserem Luftfilter klappt, ist gebongt, dass wir Dienstag zusammen aufbrechen.

In der Zwischenzeit müssen wir uns noch um die Wäsche kümmern (in Bolivien ist Selbstwaschen angesagt, denn Waschmaschinen sind Mangelware und die Waschfrauen nehmen unverhältnismäßig viel Geld von den Touristen).
Erstaunlicherweise finden wir in Bolivien die am besten ausgestatteten Internetcafés. Gleich beim ersten Versuch machen wir einen Rechner mit Windows XP aus und können endlich unsere Fotos auf CD brennen. Dann brauchen wir neue US-Dollar als Reserve, müssen zur Post und nehmen uns die Zeit, unsere Homepage auf Vordermann zu bringen. Erik freut sich schon seit langem, im Goethe-Institut die letzten Nachrichtenmagazine durchzuschmökern. Auch das kostet zwei Nachmittage. Claas gibt uns einen guten Tipp für eine Werkstatt, die in der Zwischenzeit für wenig Geld den Boden unseres ledierten Seitenkoffers rundum vernietet. Duckt Tape (Panzerklebeband) können wir leider auch nirgends in La Paz auftreiben. Hätten wir mal nur Vorrat in Argentinien gekauft!

Den Fund des Monats machen wir allerdings in einem der rar gesähten Supermärkte: Schwarzbrot. Es schmeckt zwar nicht so gut wie Eriks Sauerteigbrot oder unser Liebblingsbrot vom Kamps Bäcker daheim, aber verleiht schon geschmackliche Glücksgefühle. Brot vermissen wir wirklich!

In der Nähe der Werkstatt soll das Valle de la Luna von La Paz sein. Bei unserer Valle-de-la-Luna-Vergangenheit werden wir hellhörig, aber leider nicht fündig. Wir irren durch die Straßen und keiner der Einheimischen hat irgendeine Ahnung, wo sich das Valle de la Luna befindet. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor. Aber noch geben wir nicht auf. Beim zweiten Anlauf klappt es und am letzten Tag auf dem Weg zur Werkstatt finden wir tatsächlich den Abstecher. Trotz einiger interessanter Felsformationen sind wir jedoch enttäuscht. Dieser Park kann nicht annähernd mit seinen argentinischen und chilenischen Gegenstücken mithalten. Was soll's, wir werden weiter nach den Valles de la Luna dieser Welt Ausschau halten.

Ja, und neben dem ganzen Organisationskram bleibt natürlich auch ein bisschen Zeit für Sightseeing. Die Stadt ist zwar laut, quirlig, voller Abgase und wir hören täglich neue Schauergeschichten von geklauten Rucksäcken und Kreditkarten. Wir sind inzwischen auf ziemlich alle Trickdiebe eingestellt, aber passen dennoch höllisch auf. Trotz allem gibt es hier sehr schöne Ecken. Am Plaza Murillo könnten wir stundenlang sitzen, um die Leute zu beobachten. Man glaubt gar nicht, womit die Menschen so alles ihren Lebensunterhalt verdienen: Maistüten für Taubenfütterung verkaufen, Orangensaft pressen, selbstgemachte Desserts in Gläsern an den Mann bringen, Essen aus mitgebrachten Töpfen verkaufen, Heftpflaster feilbieten, Schuhe putzen, etc. Es ist ein einziges buntes Treiben und die meisten Frauen sind - wie auch auf dem Land - traditionell gekleidet. Hanka schaut sich auch das Coca-Museum an, während Erik einen Nachmittag lang mit Magenproblemen das Bett hüten muss. Der Besuch ist sehr lehrreich und gibt einen guten Einblick, welche Traditionen, positiven und negativen Effekte mit der Kultpflanze Südamerikas in Verbindung stehen. Inzwischen ist Coca-Tee zu Hankas Lieblingstee geworden - nur Coca-Kauen haben wir noch nicht probiert. Bisher hatten wir erstaunlicherweise auch noch keine Probleme mit der Höhenkrankheit. La Paz liegt immerhin auf 3.500 m Höhe. Das bekommen wir auch deutlich zu spüren, wenn wir bergauf durch die Gassen hecheln oder die nächtliche Kälte verdammen. Irgendwo abends schön gemütlich sitzen, ist einfach nicht drin. Wir sind zumindest froh, dass wir unsere dicken Motorradjacken und die Schlafsäcke haben. Unser Zimmer ist so kalt, dass wir es schon liebevoll die "Gefrierkammer" nennen. Zu duschen kostet echt Überwindung, zumal die bolivianischen Durchlauferhitzer nicht den Wasserdruck und die Wärme haben, um auch die Füße aufzuwärmen. Stattdessen kann man gerade mal nur abwechselnd die eine Schulter und danach die andere unter den lauwarmen Strahl halten.

Gern hätten wir uns den neuen Disney-Streifen Käpt'n Nemo im Kino angeschaut, aber leider gibt es den nur in Spanisch und wir sind uns nicht sicher, ob wir schon so viel verstehen, dass es für einen Film reicht. Aber gleichzeitig läuft auch der neue Bruce Willis Film "Tears of the sun" in Englisch und wir lassen uns von den eindrucksvollen Bildern und Klängen Afrikas fesseln. Afrika wäre natürlich auch noch ein Traumziel auf unserer Reise (zwar nicht unbedingt Nigeria) Warten wir mal ab, was alles noch kommt. Wieder draußen auf den Straßen von La Paz holt uns die bolivianische Gegenwart ein. Im ersten Augenblick haben wir echte Probleme, von den afrikanischen Bildern in die Realität des bolivianischen Großstadtchaos' zu wechseln. Krasser könnte der Gegensatz nicht sein. Was uns in La Paz am meisten zusetzt, sind die vielen armen Leute. Bettler gibt es an jeder Ecke, aber im Gegensatz zu daheim haben die Leute hier wirklich nichts. Manche Frauen sitzen in ihren Röcken den ganzen Tag im Dreck auf der Straße, ein Baby an der Brust und ein zweites, völlig schmutziges Kind im Tuch auf dem Rücken. Trotz des abendlichen Temperaturgefälles tragen die anstelle von Schuhen manchmal nur uralte Riemchen mit Sohle, ohne Strümpfe. Die Füße und Hände kann man gar nicht anschauen, vor allem nicht bei den alten Leuten. Gerade hier in La Paz wird der Unterschied zwischen arm und reich sehr krass deutlich. Wir machen uns ziemlich viele Gedanken über das Warum und Wieso solcher Lebensbedingungen. Man sagt immer, Bolivien sei der "Bettelmann auf dem goldenen Stuhl": unheimlich reich an Bodenschätzen, aber dennoch total verschuldet und nicht in der Lage, aus eigener Kraft mit diesen Schätzen etwas anzufangen. Die Armut gehört zum Alltag, die Säuglingssterberate ist die höchste in Südamerika. In den Augen der Bolivianos sind wir verständlicherweise reiche Gringos. Einmal wurde Hanka sogar beim Fotografieren auf einer Marktgasse beschimpft. Wir empfinden die Menschen als angenehm und geheimnisvoll, aber auch als sehr unnahbar und es ist leider ziemlich schwierig, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.


24. Juni 2003, La Paz - Coroico via Coripata

13.012 km, S 16-11-30 / W 67-43-28

Beim gemeinsamen Frühstück mit Natalie und Claas hält uns einer der Hostaljungs die Zeitung unter die Nase. Ganz La Paz ist eingekreist von Straßenblockaden. Die Minenarbeiter streiken für bessere Arbeitsbedinungen und legen erstmal alle Hauptverkehrsverbindungen lahm, u.a. auch die Strecke nach Coroico. Keiner weiß, für wie lange das gehen soll. Wir sehen Bilder von langen Lkw-Staus und halten erstmal Kriegsrat. Claas und Erik sind sich einig, dass die sicher nichts gegen ein paar Touristen auf Motorrädern haben und uns vorbeilassen. Wir wollen es zumindest versuchen.

Kurz nach La Paz macht an der Mautstation noch keiner irgendwelche Anstalten, dass die Straße dicht sei. Wir fahren weiter. Während unsere Honda sich wieder mal mit dem üblichen Leistungsverlust über den Pass La Cumbre bis auf 4.725 m quält (neuer Höhenrekord!!!), tuckert die KTM zwar mit schwarzer Rauchwolke und reichlich Stottern, aber dennoch recht zügig die Berge hinauf. Jetzt haben wir endlich mal einen Vergleich, wie die anderen Motorradfahrer mit der Höhe zurechtkommen. Aber die beiden sind auch viel leichter und warten immer brav auf uns.

In Unduavi lässt man plötzlich keinen mehr durch. Wir reden mit dem Polizisten, aber der warnt uns, dass kein Durchkommen nach Coroico sei. Die Minenarbeiter sitzen in den Bergen und lassen Steine auf die Straße rollen, wannimmer jemand die Blockade durchbricht. Wir sind sauer, dass man uns das nicht schon am Checkpoint in La Paz gesagt hat und stattdessen noch schön fleißig Mautgebühren kassiert.

Aber es gibt eine Alternativroute durch die südlichen Yungas über Coripata nach Coroico, das könnte klappen. Wir nehmen also die Staubpiste rechterhand und lassen uns überraschen. In der Staubwolke hinter Claas geht es auf schmalen Pfaden immer bergab durch tropischen Wald. Schnell sind wir der warmen Klamotten entledigt und können noch gar nicht glauben, dass nicht weit von hier das kalte La Paz liegt. Die Vegetation ist herrlich und das Grün tut unseren Augen gut. Neben unseren Reifen gähnt eine tiefe Schlucht mit einem Fluss, dem wir uns trotz des ständigen Gefälles kein Stück zu nähern scheinen. Kritisch wird es immer dann, wenn ein Lkw oder Bus entgegenkommt oder zu überholen ist. Die Lkw's haben manchmal die ganze Ladefläche voller Leute - das ist für viele die günstigere Alternative zum Busfahren. Teilweise ist die Piste so schmal, dass gerade genug Platz für ein Fahrzeug ist. Leitplanken gibt es so gut wie keine und wir erschrecken immer wieder, wie steil es neben uns nach unten geht. Aber am schlimmsten ist der Staub. Die Piste ist dermaßen trocken, dass jedes Fahrzeug eine undurchsichtige, dreckige Wand hinter sich lässt. Wir können uns kaum vorstellen, dass die "gefährlichste Straße der Welt" noch gefährlicher sein soll!

Irgendwann erreichen wir den Fluss, aber nur wenige Kilometer später schauen wir erneut hunderte Meter tief in die gleiche Schlucht - das ist unglaublich. Faszinierend sind auch die idyllischen Dörfer inmitten von Bananenpflanzen und Blüten. Es scheint wie das Paradies auf Erden. Später sehen wir die ersten Coca-Felder, terassenartig in den steilen Hängen kleben. Das sieht so schön aus; wir genießen jeden Kilometer. Um Coripata nehmen die Coca-Terassen enorm zu und der Wald wird gnadenlos niedergebrannt, um neue Anbauflächen zu gewinnen. Wie ein Schild verrät, rühmt sich der Ort als "Hauptstadt des Cocas". Wir registrieren, dass die Leute hier um einiges besser leben als anderswo auf dem Land in Bolivien. Neben Coca gibt es reichlich Zitrusfrüchte, Papayas so groß wie Kürbisse und Bananen in allen Variationen. Wir bereuen kein Stück, dass uns die Streikblockade über diesen Umweg geführt hat, auch wenn dies die staubigste Piste unserer ganzen Reise war!

Von Coripata aus fragen wir uns so einigermaßen bis Coroico durch und kommen schließlich in der Abenddämmerung an. Was ein kleiner Ausflug von 80 km werden sollte, wurde zum ungeahnten Ganztagestrip. Als wir die Helme abnehmen, grinsen die zwei uns an: wir sehen aus wie die Minenarbeiter selbst - kohlrabenschwarz zeichnet sich in unseren Gesichtern ein Motorradvisir ab!

Momentan scheinen etliche aufgrund der Blockaden in Coroico festzusitzen. Ungläubig werden wir gefragt, ob wir denn aus La Paz kommen. Wir klappern zwei Hotels ab und sind sehr angetan von der relaxten Atmosphäre, die sich im ganzen Ort breit macht. Wie für Coroico bekannt ist, gibt es auch in unserer Herberge einen Pool und einen herrlich tropischen Garten - dazu eine traumhafte Aussicht. Hanka kriegt das "grüne Schwärmen" bei dieser wuchernden Pracht und träumt schon wieder davon, einen Garten zu haben.

Den Abend lassen wir ganz gemütlich beim Mexikaner ausklingen. Es wird recht nett, auch wenn die angekündigte Live-Musik fehlt. Dafür hat sich uns ein neuer Freund angeschlossen. Wir entdecken ihn erst nach einer ganzen Weile unter dem Tisch. Der Hund ist uns schon in der Stadt hinterhergelaufen und weicht uns auch bis zum Hostal zurück nicht von der Seite. Kleiner Vagabund!


25. Juni 2003, Coroico

13.012 km, S 16-11-30 / W 67-43-28

Wir haben eine deutsche Backstube entdeckt, die wir zum Frühstück gleich austesten. Zu unserer Enttäuschung ist das Brot jedoch nicht gerade der Hit und Kuchen gab es auch nicht. Was haben wir uns auf dem Weg dahin für leckere Sachen ausgemalt, auf die wir schon so lange Appetit hatten! Na ja, wenigstens die Pfannkuchen und der Früchtejoghurt waren gut.

Auf dem Rückweg decken wir uns mit Obst ein (die verzweifelte Suche nach Brot geben wir auf; gibt es erst nachmittags). Natalie und Claas kaufen einer alten Frau noch ein paar Orangen ab. Wir können uns das Lachen dabei kaum verkneifen, denn wannimmer Natalie geduldig die Alte nach dem Preis fragte, nuschelte die irgend etwas vor sich hin - den Mund voller Coca-Blätter. Wir verstanden kein Wort, aber brachen innerlich fast zusammen vor Lachen.

Anschließend ist Relaxen angesagt. Zum ersten mal breiten wir unsere weißen Schildkrötenkörper am Pool aus und lassen uns die Sonne auf den Bauch scheinen. Herrlich. Nach einer Weile wird aus der Herrlichkeit jedoch Insektenalarm. Wir werden von den Sandfliegen nur so gefressen und haben natürlich das Spray gegen derartige Quälgeister in La Paz gelassen. Die Biester sind richtig gemein und jeder von uns kämpfte nach einem halben Tag am Pool mit mindestens 20 fiesen Stichen. Wenigstens hatten wir das Fenistil-Gel noch zufällig in der Waschtasche.

Den späten Nachmittag verbringen Erik und ich ganz romantisch in der Hängematte. Übrigens so, wie in unseren kühnsten Träumen vom eigenen Haus: im Pavillion am Hang mit Blick auf die Berge und die Stadt im Tal, umgeben von Bananenpflanzen und Orangenbäumen. Natalie und Claas schwitzen indessen ordentlich in der Sauna. Was für eine andere Welt, im Gegensatz zu La Paz! Dort müsste es im Hostal eine Sauna geben, damit man mal richtig warme Knochen kriegt.

Wie wir in der Stadt erfahren, ist die Strecke nach La Paz seit heute wieder frei. Ein Glück, dass die Blockaden so schnell beendet wurden, sonst hätte es noch richtig Chaos gegeben. Dann können wir ja morgen ruhig die "gefährlichste Straße der Welt" angehen - ein spannender Auftakt für Natalies zweite Tour on the bike.

Wir genossen den Tag trotz juckender Waden und sitzen bei Kerzenschein und Wein (zwar mit Jacken) noch lange auf der Terasse, um eine Riesenportion frischen Salat zu verputzen. Die Männer gaben alles, damit die Töpfe leer wurden. Es wurde sehr lustig, aber der Running Gag des Abends blieb einfach der heutige Orangenkauf.

Für Hanka gab es im Nachthemd noch einen heftigen Adrenalinschub. In unserem Zimmer war ein vogelspinnenähnliches Riesenvieh gerade in Begriff, in Hankas Motorradstiefel zu krabbeln. Quiekend panisch flüchtete sie ins Bad und überlässt Erik den Kampf mit dem Monster. Normalerweise trägt Erik als guter Ehemann und Tierliebhaber jede Spinne zur Tür hinaus, aber dieses beinbehaarte Vieh ist ihm auch nicht ganz geheuer. Nach einem ritterlichen Kampf mit dem Badelatsch ist das Vieh tot und Hanka betet, dass es hier im Zimmer nicht noch weitere "Familienangehörige" gibt.


26. Juni 2003, Coroico - La Paz
 
13.110 km, S 16-29-35 / W 68-07-57

Wie zu erwarten war, hat Hanka nicht gerade gut geschlafen. Zwar war offensichtlich keine weitere Riesenspinne im Zimmer, aber was will man machen.

Mit Blick auf Reiseverpflegung plündern wir das Frühstücksbuffet im Hotel. Dass die Jungs viel essen, ist die eine Sache - aber um die Wegzehrung aufzubringen, räumen wir beinahe alle Teller leer. Nachdem der Nachtwächter gestern nur widerwillig und nach viel Diskussion eine zweite Zudecke rausrücken wollte, erlauben wir uns so viel Dreistigkeit.

Mit etlichen Eiern in der Tasche satteln wir die Mopeds und machen uns auf den Weg zurück in die Kälte. Irgendwie können wir uns nur schwer vorstellen, dass ab heute nachmittag wieder FRIEREN angesagt ist.

Die Piste beginnt nicht weniger staubig als auf der Herfahrt. Als wir den ersten Lkw vor der Nase haben, geht gar nichts mehr. Hanka bekommt schon Erstickungspanik und wir können keinen Meter weit sehen. Überholen ist fast unmöglich - Erik setzt zwar an, aber wir merken gerade noch rechtzeitig, dass ein anderer Lkw im selben Moment im Gegenverkehr vorbeifährt. Es ist Horror. Im Nu sind unsere Visire völlig verdreckt und wir entscheiden uns für die bessere Alternative: "Staub zu fressen". Als wir endlich an dem röhrenden Monster vorbei sind, können wir einen ersten Blick auf die berüchtigte Strecke werfen. Wie eine winzige Schneise klebt ein gelbbraunes Staubband an den Hängen. Es geht immer bergauf, wodurch die schniefenden Lkw's ernsthaft zum Problem für uns werden. Uns ist schleierhaft, wie die überhaupt mitkriegen, dass hinter denen ein Motorrad kommt - die Staubwolke ist bei dieser Hitze mit fast Windstille wie eine undurchdringliche Wand. Trotzdem gibt es einige, die uns an einer Ausweichbucht schnell vorbeilassen. Zu unserem Erstaunen herrscht ziemlich viel Verkehr - was durch die beiden Streiktage kommen mag - aber alle fahren sehr rücksichtsvoll. Den Erzählungen nach hätten wir uns gerade das schlimmer ausgemalt. Aber auf dieser Strecke reicht auch nur ein Idiot! Wir sehen einige Kreuze am Straßenrand, deren Schicksal man sich lieber nicht vorstellen möchte. Rechts neben uns geht es unglaublich weit in die Tiefe; ein dichter Dschungel, wo wahrscheinlich niemand Motorradfahrer wiederfindet. Aus gutem Grund schreibt man hier Linksverkehr vor, so dass der Fahrer noch mitbekommt, wenn das erste Rad zu dicht am Abgrund fährt. Wir haben zumindest die angenehmere Seite und fahren "innen". Streckenweise kann nur ein Fahrzeug die schmale Piste passieren und es staut sich in den Ausweichbuchten, aber das System funktioniert irgendwie. Manchmal regeln auch ein paar Frauen an engen Stellen mit selbstgebauten Rot-Grün-Kellen aus Bambus den Verkehr und kriegen meist von den Lkw-Fahrern ein paar Centavos runtergereicht. Aber wir erleben es auch häufiger, dass im Gegenverkehr ein Laster wieder rückwärts den Berg hinauf muss, bis zur nächsten Ausweichbucht.

Einige Verrückte kommen auch mit dem Mountainbike die Piste runtergebrettert. Angeblich soll das eine beliebte Tour für Fahrradfreaks sein, aber die Begeisterung steht denen nicht gerade ins Gesicht geschrieben. Was soll auch toll daran sein, in Grüppchen nur auf der Bremse zu stehen und Staub zu inhalieren?

Als wir darauf warten, dass die KTM aus dem Dschungelgrün wieder auftaucht, um ein Foto ganz an der Spitze des Hanges zu schießen, warten wir vergebens. Schnell fahren wir hinterher und sehen schon das Dilemma: Claas hat einen Platten. Zwar haben wir Pannenhilfespray dabei, aber das Zeug versagt komplett. Wir kriegen einfach keine Luft in den Reifen und stehen an einer ziemlich engen Stelle in der prallen Sonne. Während wir schwitzen - und Claas wohl am meisten - drückt es immer wieder noch Luftblasen aus dem Schlauch. Wir stehen kurz vorm Hitzekollaps und unsere warmen Unterhosen sind inzwischen klatschnass. Aus dem Grund beschließen wir, trotz luftleeren Schlauches ein Stück weiterzufahren, um ein kühles, schattiges Plätzchen zum Reifenwechseln zu finden. Erik fährt zweimal, um erst Natalie und ihren Riesenrucksack und anschließend Hanka in den Schatten zu befördern.

Unsere Klamotten sind derartig staubig, dass wir uns samt Motorrad ein paar Minuten Abkühlung unter einem Wasserfall gönnen. Im Moment gibt es nicht viel Wasser, aber wir können uns das Bild gut vorstellen, wenn die Wasserfälle aus etlichen Metern tosend über die Straße krachen. In der Regenzeit ist die Strecke wohl unpassierbar und die Hänge haben noch deutliche Spuren von Erdrutschen.

Inzwischen hatte Claas schon den Reifen runtergezogen und den Ersatzschlauch ausgebreitet. Gleich bei der ersten Tour hat sich ein Stein durch die nagelneuen Pirellis gefressen! Wir kleben den Reifen von innen provisorisch aus und anschließend ist Pumpen angesagt. Es dauerte eine Ewigkeit, bis einigermaßen 2,5 Bar von Hand aufgepumpt waren. Die beiden Jungs gaben ihr bestens, während wir sie mit Eiern und Brötchen fütterten. Nach insgesamt drei Stunden war das Werk vollbracht und wir konnten gemeinsam weiterfahren. Die Straßenblockaden der letzten Tage blieben nicht ganz ohne Spuren - wir passierten etliche Stellen mit Bäumen und Steinen auf der Straße, die man nur halbherzig zur Seite gezerrt hatte. Es war mit Sicherheit die richtige Entscheidung, den Umweg über Coripata zu fahren.

Je höher wir kletterten, desto schlechter zog die Honda. Inzwischen wurden wir sogar schon von den Minibussen überholt und Claas kam uns entgegen mit dem dummen Gefühl, dass wir auch mit Platten irgendwo liegengeblieben sind. Stattdessen quälten wir gerade die Honda im 1. Gang die Piste hinauf und liefen nebenher, weil sie einfach den letzten Anstieg nicht schaffte. Danach ging es endlich geradeaus. Bei der ersten Gelegenheit machten wir Stopp und holten den Luftfilter raus. Das Ding war nagelneu und sah aus wie nach einem Sandsturm! Erik pustete mit aller Kraft so gut es ging den Staub raus, danach kamen wir etwas besser voran.

Inzwischen spürten wir selbst auch die Höhe deutlich. Noch eine halbe Stunde vorher standen wir unter dem Wasserfall und freuten uns über die Erfrischung und jetzt liegt schon Schnee an den Hängen und die Finger froren zusehends steifer. Wir fahren nebeneinander mitten durch die Wolken. Als wir am Paso La Cumbre ankommen, sind es nur noch 3°C. Wenn man so in der Wärme sitzt, kann man sich gar nicht vorstellen, dass einem die Kälte erwartet und wie sie sich anfühlt. Es trifft einen jedes mal auf's Neue wie unvorbereitet.

Am Ende des Tages schluckt uns nicht nur die Kälte, sondern der Molloch von Großstadt mit seiner ganzen chaotischen Bandbreite an Taxifahrern und Minibussen. Wir sind froh, die Mopeds sicher in den Hof unserer Herberge zu bringen und wollen nur noch eins: ein heißes Süppchen.


27. Juni 2003, La Paz

13.110 km, S 16-29-35 / W 68-07-57

Ein Tag Pause. Wir liefen unsere gewohnten Routen ab: zur Werkstatt, Luftfilter mit Hochdruck ausblasen, Internet, Bank, Supermarkt.

Vor dem Sonnenuntergang düsen wir die ganze Strecke nach Alto hinauf, um den Blick auf La Paz per Foto einzufangen - so wie uns der erste Blick auf die Stadt vor 9 Tagen die Gänsehaut über den Rücken jagte. Das hatten wir uns schon die ganze Zeit vorgenommen. Mehr gibt es heute eigentlich nicht zu berichten.

Stattdessen soll jedoch an dieser Stelle eine besondere Schilderung nachgeholt werden: die wandelnden Telefonzellen. In und um La Paz wimmelt es nur so an Leuten - meist in gelben oder neongrünen Westen und Hüten-, die ein Handy wie einen Hund an der Kette ausführen. Für 1 Boliviano pro Minute kann man so am Handgelenk der "Telefonzelle" telefonieren. Das sieht total lustig aus. Wir fragen uns allerdings, wie das mit der Diskretion ist...


28. Juni 2003, La Paz - Copacabana

13.340 km, S 16-09-59 / W 69-05-23

Die Rückkehr nach La Paz machte uns eigentlich nur bewusster, dass wir raus aus der Stadt wollen. Vor allem muss es wärmer sein als hier. Deshalb tun wir uns nicht schwer, von La Paz Abschied zu nehmen. Es gibt noch ein Abschiedsfoto mit den Leuten vom Hostal (Claas hat immerhin 4 Wochen hier zugebracht) und dann schießen endlich die Mopeds über die Rampe auf die Straße. Claas und Natalie hatten heute ihr "Premierepacken". Es dauerte ewig, bis alles irgendwo seinen Platz gefunden hatte. Aber wir erinnern uns noch gut an die Zeiten, als wir anfangs selbst noch Stunden mit Packen zugebracht haben! Ein letztes mal Spurenkampf in Boliviens Hauptstadt und wir sind fort.

In Alto suchen wir verzweifelt nach einer Tankstelle mit Druckluft. Schließlich fahren wir bei einer Werkstatt auf den Hof, um den Reifendruck an Claas' Maschine zu prüfen. Wieder auf dem Sattel kommt natürlich eine Tankstelle nach der anderen, wo es kostenlos Luft gegeben hätte (Ist das nicht immer so?). Was soll's - es sind ja letztendlich nur ein paar Cent, die uns nicht umbringen.

Die Berge und die inzwischen so vertraute Altiplano-Landschaft bleiben uns zunächst erhalten, aber schon bald stoßen wir auf den Titikaka-See und sehen die ersten Restaurantangebote für "Trucha" (die berühmte Lachsforelle, die nirgendwo so lecker sein soll wie hier). Der See ist gigantisch groß, tiefblau und wunderschön. Das Schilf am Ufer erinnert uns ein bisschen an Ostsee - nur wenn man sich umdreht, schaut man auf schneebedeckte Sechstausender. Eine Traumkulisse. Die ganze Strecke macht Spaß und ist perfekt für Motorradfahrer: guter Asphalt, viele Kurven und herrliche Aussichten. Yummi, wir freuen uns schon auf die "Trucha" heute abend.

In San Pablo müssen wir mit der Fähre übersetzen und werden am anderen Ufer von Touristen und Einheimischen beäugt, als wir die Motorräder rückwärts abladen. Einige fotografieren uns sogar eifrig; ein komisches Gefühl. Es würde ja nie jemand auf die Idee kommen, uns als "normale" Touristen abzulichten. Wir sollten vielleicht Geld verlangen, wie die Einheimischen ;-)

38 km später sind wir in Copacabana. Wir lassen uns Zeit bei der Hostalsuche und machen letztendlich einen guten Deal mit einem gerade neu eröffneten 3-Sterne-Hotel. Das Haus liegt direkt am See und jedes Zimmer hat natürlich Seeblick. Wir schieben die Betten gleich vor das Panorama-Fenster und fühlen uns rundum wohl, weil alles so nigelnagelneu ist. Das Badezimmer ist noch jungfräulich und im ganzen Haus sind erst 8 Zimmer überhaupt fertiggestellt. Wir haben den Baustellenpreis bekommen, aber da ja Wochenende ist, gibt es nichts in puncto Ruhestörung zu befürchten. Wir Glückskinder!

Die "Trucha" hält wirklich alle Versprechungen. Auf einem Foto zeigt uns der Restaurantbesitzer stolz, dass die Fische manchmal so groß werden, dass sie nicht mehr auf einen Küchentisch passen. In der Tat sind unsere Filetstücke ziemlich riesig - und lecker!!!


29. Juni 2003, Ausflug zur Isla del Sol

13.340 km, S 16-09-59 / W 69-05-23

Das Hotel ist so neu - wir staunen nicht schlecht, als der Rezeptionsmensch am Morgen sein Nachtlager hinter der Theke gerade zusammenräumt. Wir grinsen nur und lassen uns die Szene nicht weiter auf der Zunge zergehen.

Wie vermutlich alle Touristen, die nach Copacabana kommen, nehmen wir morgens halb neun eines der Boote zur Isla del Sol - der Insel, auf der der Legende nach der Sonnengott geboren wurde. Unterbewusst registrieren wir, dass es nur ein dutzend Rettungswesten an Bord gibt. Das Boot ist völlig untermotorisiert und so zuckeln wir zwei Stunden über den See. Zuerst wundern wir uns noch über die Dieselfässer an Bord, aber in die steckt man nacheinander einen Schlauch (es gibt nämlich keinen Tank), um den Motor zu füttern. Erstaunlicherweise ist der Lago Titikaka total sauber, was uns bei dem Umweltbewusstsein der Bolivianer schon ziemlich wundert. Aber ist ja auch ein heiliger See. Wie man in unserer Kultur betont, der höchst gelegene See der Welt mit Binnenschifferei. Unterwegs sehen wir sogar zwei der tradionellen Schilfboote, die die Inkas schon gebaut haben. Angeblich sollen diese Schiffe sogar pazifiktauglich sein.

Wir fahren bis zum Nordteil der Insel und wollen in südliche Richtung wandern - die Sonne im Rücken zu haben, ist ein Argument. Entgegen unserer Erwartungen ist die Insel - mal abgesehen von den Dörfern - recht karg. Die Kinder werden schon von klein an dazu erzogen, Touristen anzubetteln. Ein kleiner Steppke, der noch nicht lange laufen kann, stiefelt eine ganze Weile hinter Claas her und jammert mit ausgestreckten Händen: "Gib mir das, gib mir das." Unglaublich! Wir stapfen den Trail entlang, vorbei an Steinen und Ruinen, die leider auch nichts über ihre Geschichte verraten. In Bolivien müssen Informationstafeln erst noch erfunden werden - bis dahin lässt man die Touristen einfach dumm sterben. Wir finden es ziemlich schade, zumal bei den Inkas so viele Dinge eine Bedeutung haben, die für den Unwissenden einfach unsichtbar sind. Wir schnappen bei einer geführten Reisegruppe am "heiligen Stein" wenigstens ein paar Infos auf. Nicht etwa der gekennzeichnete Stein, den alle Touristen fleißig fotografieren ist der "heilige Stein", sondern ein ganz anderer, der so heilig ist, dass er nicht gekennzeichnet werden darf. Mit viel Phantasie kann man auch die zwei Puma-Augen erkennen.

Den Rest der Insel betrachten wir einfach als Wanderstrecke, bevor wir anfangen, uns über fehlende Erklärungen weiterhin zu ärgern. Ein bisschen Bewegung tut unseren eingerosteten Gliedern ganz gut. Es scheint immer nur bergauf zu gehen, so dass wir ganz schön aus der Puste kommen. Dafür wird man mit schönen Rundblicken belohnt. Ehrlich gesagt motiviert uns nach einer Weile nur noch die Aussicht auf frische "Trucha". Als wir endlich am Südzipfel eintrudeln, haben wir leider nur noch eine halbe Stunde, bis unser Boot zurückfährt - keine Zeit mehr für "Trucha". Stattdessen befriedigen die Jungs ihren Heißhunger erst mal mit Salchipapas (Pommes mit Wurstscheiben).

Wir treffen bei Sonnenuntergang in Copacabana ein. Es gibt irgendein größeres Problem mit den Stromwerken, so dass der ganze Ort tot ist. So müssen wir zwar auf eine warme Dusche verzichten, nicht aber auf "Trucha". Gemütlich bei Kerzenschein probieren wir den frischen Fisch als gefüllte Version und in Cocos-Curry. Es wird unser kulinarischer "Trucha"-Höhepunkt.

Morgen brechen wir auf nach Peru. Wir sind schon gespannt, inwieweit Peru anders ist als Bolivien. Jetzt lassen wir bereits das dritte Land unserer Reise hinter uns - die Zeit rennt.

Hanka und Erik
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