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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch

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Peru - Südliches Hochland
 

  30. Juni 2003, Copacabana - Puno

 13.487 km, S 15-50-23 / W 70-01-49

 Obwohl sich alle auf eine längere Zeit mit Kerzen und ohne warmes Wasser eingestellt haben, gibt es schon seit gestern abend wieder Strom. Bis Claas den kaputten Reifen vom Vulkanisator zurück hat, wollen wir mal schauen, was es im Internet Neues gibt. Wir weigern uns jedoch, 15,- Bolivianos/Stunde zu berappen (umgerechnet 2,15 EUR). Das ist der bisherige Internet-Wucherpreis-Rekord! Manchmal muss man die Touristen-Abzocke einfach boykottieren.

 Statt im Internet schlagen wir die Zeit damit tot, irgendwo Käse und Brötchen aufzutreiben. Wir wollen es heute noch bis Puno schaffen, aber Claas und Natalie kommen irgendwie nicht aus dem Knick. Bis wir an der nur wenige Kilometer entfernten Grenze stehen, ist Siesta. Der Polizist nimmt unsere Motorradpapiere nur mürrisch entgegen, weil wir ihn in seiner verdienten Mittagspause stören. Die Schranke bleibt trotzdem hartnäckig geschlossen, aber wir passen mit unseren Alukisten gerade so an der Seite vorbei und schon sind wir in Peru.

Auf dem ersten Blick können wir keinen Unterschied zu Bolivien ausmachen. Auch hier tragen die Frauen Zöpfe, Röcke, Wickeltücher und Melonenhüte. Vielleicht an den Gesichtern können wir Unterschiede feststellen: peruanische Gesichtszüge sind breiter und die Hautfarbe statt braunrot eher braungelb. Aber im Prinzip wissen wir noch gar nichts über Peru. Lassen wir lieber erstmal derartige Vergleiche.

An der peruanischen Grenze braucht es eine Ewigkeit. Während Hanka draußen auf die Mopeds aufpasst, schlagen sich die drei tapfer mit der Polizei herum. Angeblich sollte die Einreise 20 USD kosten, aber wir hatten schon im Reiseführer gelesen, dass man bei den peruanischen, korrupten Polizisten einfach hartnäckig bleiben muss, denn natürlich kostet die Einreise gar nichts. Claas bestand darauf, eine Quittung zu bekommen, die er seinem Bruder bei der Botschaft abgeben will. Als kleiner Bruder hält er sich selbstverständlich an die Anweisungen des großen Bruders. Die beiden Polizisten schienen die Geschichte zu schlucken, wollten aber wie erwartet partout keine Quittung ausstellen. Am Ende hieß es auf einmal, dass sie angeblich neue Bilder für ihr Büro kaufen wollen und ob wir nicht Geld dazusteuern könnten. 'Jetzt erst recht nicht, wir sind doch nicht blöd!' Irgendwann merkten sie, dass sie bei uns auf Granit beißen und alles war plötzlich "listo". Dann war Erik dran, aber er grinste nur freundlich und wiederholte ständig sein "no entiendo" - auch das funktionierte. So viel zu unserer ersten Begegnung mit peruanischen Polizisten.

Die Route geht weiter am Titikaka-See entlang. Wir finden ein schönes Plätzchen für Mittagspicknick und stellen fest, dass der See auf peruanischer Seite deutlich mehr zugemüllt ist. Nun lässt sich darüber spekulieren, ob die Strömung vielleicht den Müll von Bolivien anschwemmt... Wahrscheinlich nimmt sich aber das Umweltbewusstsein der Südamerikaner nicht viel.

Wir haben weder Bolivianos übrig, noch Soles einstecken und schaffen es mit der Tankfüllung gerade so bis zum Plaza de Armas in Puno. Unsere ausgewählte Hostaladresse ist zwar nur ein paar Blocks weiter, aber es tut sich an der Honda nichts mehr. Mitten auf dem Plaza füllen wir unseren Reserveliter auf und hoffen, dass wir gleich im ersten Hostal hängenbleiben. Es klappt; die Herbergsleute sind sehr nett, die Zimmer sauber, die Matratzen gerade und wir haben sogar eine Küche, auch wenn wir für das Gas einen Obelus entrichten müssen. Binnen kurzem wird selbst das eigene Auto aus der Garage geholt, damit die beiden Motos einen sicheren Schlafplatz haben. Für unsere erste Nacht in Peru fühlen wir uns zumindest nett aufgehoben.

Zu allererst müssen wir mal den Geldautomaten fragen, ob er uns Kohle rausrückt. Neugierig beäugen wir unsere ersten Soles. Wir haben schon so viele Falschgeldgeschichten gehört, selbst die Geldautomaten seien nicht sicher. Wir wundern uns zwar über die glitzernden Pünktchen, die wie Geschenkpapier-Konfettis aufgeklebt sind, doch der erste Supermarkt nimmt uns problemlos die Scheinchen ab. Scheint also alles seine Richtigkeit zu haben.

Beim gemeinsamen Spaghetti-Essen beschließen wir, die uns aufdringlich empfohlene Tour zu den "Floating Islands" sausen zu lassen. Da werden offensichtlich nur Touristen hingeschippert, um auf den schwimmenden Inseln die Souvenirs der angeblichen Ureinwohner abzukaufen und die Leute wie im Zoo abzulichten. Weder der Reiseführer noch die Postkarten sprechen für einen lohnenswerten Ausflug. Wir schnappen einen Begriff auf, der sicherlich nicht an den Haaren herbeigezogen ist: "die schwimmenden Souvenirstars".

Da wir Natalie und Claas schon längst mal Pisco Sour nahebringen wollten, greifen wir die Gelegenheit beim Schopfe. In Peru ist Pisco Sour immerhin sogar das Nationalgetränk! Wir kramen die Werbezettel vom Nachmittag aus unseren Motorradjacken und nehmen uns fest vor, in der angepriesenen Bar nur ein Gratisgetränk zu nehmen und zu verschwinden. Der Trick wirkt natürlich voll bei uns und wir können nach dem ersten leckeren Pisco nicht widerstehen, eine zweite Bestellung aufzugeben. Danach haben wir die nötige Bettschwere und finden es ziemlich lustig, dass sich einige Leute darüber wundern, wieso vier Gringos in Skianzügen durch die Stadt trödeln. Zugegeben, im Dunkeln weiß kein Mensch etwas mit unseren dicken "Raschel-Outfits" anzufangen, die ja nichts weiter als unsere Motorradkombis sind. Uns ist das jedoch sowas von egal...


1. Juli 2003, Puno - Arequipa

13.817 km, S 16-24-28 / W 71-32-18

Hanka mag am liebsten gar nicht aufstehen. Sie hat sich die ganze Nacht mit Magenkrämpfen rumgequält. Am Frühstückstisch gibt es Kamillentee und mehr als ein halbes Brötchen geht einfach nicht runter. Natalie geht es genauso beschissen und während unsere Jungs die Mopeds bepacken, krabbeln wir beide noch mal kurz ins Bett. Wahrscheinlich versucht eine von uns tapferer zu sein als die andere, denn wir wollen unbedingt versuchen, die 330 km bis Arequipa hinter uns zu bringen. Abgesehen davon ist Puno nicht gerade der Ort, der zum Verweilen einlädt.

Als die Jungs mit Packen fertig sind, wird Hanka plötzlich so spei-übel, dass wir die Herberge noch mal für ein Badezimmer stürmen müssen. Es wird nicht viel besser und wir haben vor allem keine Idee, wo wir uns was weggeholt haben könnten. Na ja, die Jungs müssen ja fahren und die sind zumindest quicklebendig. Wir Mädels dagegen hängen jeweils wie ein Schluck Wasser hinten auf den Motorrädern, eingeklemmt zwischen Gepäck, und lassen alles über uns ergehen.

8 km nach Puno soll es angeblich eine Tankstelle geben, die auch Sprit mit 95 Oktan verkauft. Claas ist ganz heiß darauf, nach dem schlechten bolivianischen Sprit seine KTM mit Fünfundneunziger zu füttern. Wir bringen es auf 13 km, dann heißt es für die Honda umkehren, sonst bleiben wir ganz ohne Sprit irgendwo in der Pampa stehen. Der Reservekanister ist ja noch vom gestrigen Ritt leer. Während die Motos nach Puno zurückfahren, um wenigstens 90 Oktan in die Tanks zu kriegen (üblich sind hier 84 Oktan; das Zeug riecht kaum noch wie Benzin und sieht aus wie Wasser), bleibt Hanka einfach im Straßengraben liegen. Dankbar für die Ruhepause beobachtet sie den Alltag der Leute auf dem Lande beim Kühehüten. Die sitzen echt den ganzen Tag in der Wiese - die Frau strickt nebenbei und der Mann versucht die ganze Zeit, die Stelle für den besten  Rundfunkempfang seines kleinen Radios ausfindig zu machen. Ab und zu gibt es ein "Sccchhht" und ein Riemen wird in der Luft gewedelt, falls es eine Kuh wagen sollte, ein Stückchen abseits der Herde nach Gras zu suchen. Wär es nicht einfacher, einen Zaun zu bauen? Wir können uns deutsche Logik auf diesem Kontinent einfach nicht abgewöhnen - selbst mit Magenschmerzen nicht.

Juliaca ist der erste größere Ort, den wir passieren; ein hässliches, schmutziges Kaff. Die Abgase im chaotischen Verkehr aus Mopedtaxis und Minibussen verschlimmern noch unseren Zustand. Da es nicht einen Wegweiser gibt, fragen wir uns durch das Chaos. Der ganze Ort wimmelt nur so von Fahrrad-Rikschas und Tuk-Tuks, als wären wir in China. Irgendwann kann sich Natalie nur noch in eine Tankstellentoilette retten. Unser Motorrad wird inzwischen von lauter betrunkenen Amigos belagert, so dass wir flüchten müssen. Wenig später heißt es erneut stoppen. Natalie hat voll die Touristenkrankheit erwischt, die Arme. Und so hangeln wir uns von einer Pause zur nächsten durch den Tag ohne viel Sinn für die Berge, Lagunen oder Vicuñas links und rechts der Straße. Die Honda schnieft und die KTM stottert, als wir es wieder einmal mehr auf ganze 4.500 Höhenmeter gebracht haben. "Durchhalten", hieß der einzige Gedanke für uns Mädels. Inzwischen wurde es zunehmend kälter, zumal sich die Sonne bedenklich nahe dem Horizont näherte. Noch immer 100 km bis Arequipa! Es war ein Höllentrip. Die Straße machte keinerlei Anstalten, die Altiplano-Höhe zu verlassen. Wir froren erbärmlich und wollten nur noch irgendwie ans Ziel. Plötzlich kam eine Umleitung nach der anderen. Die Straße wurde gerade neu asphaltiert und wir mussten immer wieder die Piste durch Staub und bedrohlich tiefen Sand nehmen. Dann endlich - Serpentinen, ein gutes Zeichen - es ging bergab. Weit und breit waren keine Lichter zu sehen und es fehlte jede Straßenmarkierung. Im Stockdunkeln meisterten die Jungs die Serpentinen, vor jeder Kurve auf eine Übberaschung gefasst. Spontan  fuhren die beiden versetzt, so dass die zwei Scheinwerfer besser die dunkle Strecke ausleuchteten. Irgendwann kamen endlich Lichter. Aufatmen - aber es war noch nicht Arequipa, sondern Yura. Noch 26 km bis Arequipa. Aber auch das letzte Stück meisterte wir und näherten uns endlich dem Lichtermeer der 600.000-Seelen-Stadt. Der Höhenstürzflug hat uns wesentlich mildere Temperaturen verschafft und wir können den ersten Eindruck der Stadt mit offenen Visiren auf uns wirken lassen: wunderschöne, weiß getünchte Häuser, ein Plaza, der uns bald umhaut und geheimnisvolle Gassen und Winkel.

Schnurstracks steuern wir das Hostal an, das auf der Empfehlungsliste von Anke und Ulf steht - herrlich, mal kein Hostal aussuchen zu müssen - und schlüpfen dort erstmal gut aufgehoben unter.

Wir Mädels liegen schon in den Federn, als Claas und Erik ihre knurrenden Mägen beim Chinesen füllen. Einen Männerabend finden die zwei wahrscheinlich auch nicht ganz schlecht.

  

2.-4. Juli 2003, Arequipa

13.817 km, S 16-24-28 / W 71-32-18

Claas schaffte es sogar, den Hostalbesitzer zu überreden, dass wir ausnahmsweise die Küche benutzen durften. Die beiden Männer kochten für uns einen Riesentopf Kartoffeln und Möhren und nach einem Tag Schonkost und Hollywoodschaukel ging es Natalie und Hanka schon viel besser. Der Garten im Hostal ist wirklich zum Wohlfühlen: zwei Zwergkaninchen mähen den Rasen, ein Käfig voller Wellensittiche sorgt für Stimmung, angeblich gibt es in der Höhle im Blumenbeet auch einen Leguan (wir haben ihn nie zu Gesicht bekommen),  und die Lieblinge der Gäste: zwei Papageien, die ein bisschen sprechen und allerlei lustige Geräusche machen können.

Nichts destotrotz galt es mal wieder, eine Liste abzuarbeiten. Wir brauchten neue Sonnenbrillen (Eriks letzte hat keine vier Wochen gehalten), ein Riesenberg Wäsche musste gewaschen werden, wir mussten eine Straßenkarte von Peru auftreiben, Erik wollte den Honda-Händler nach einem Thermoschalter und Panzerklebeband abklappern, der erste Ölwechsel stand an, die Kette war zu spannen und zu fetten, ein Newsletter inzwischen schon überfällig, usw. Die Liste von Claas war noch um einiges länger, aber manche Dinge schleppt man einfach von Stadt zu Stadt und kriegt sie einfach nicht erledigt (siehe Duct Tape kaufen).

Unterwegs blieben wir neugierig an einem Drogeriegeschäft stehen, wo drinnen die Hölle los war. Diese Woche gab es gerade eine Aktion: Haartönung kaufen und für 1,- Sol (0,25 EUR) noch im Laden die Farbe auftragen lassen. Hanka hätte zu gern neue Strähnchen, denn so langsam gewinnen die grauen Haare die Überhand  (und das ist nicht übertrieben). Wir fragten vorsichtig an, ob sie sich mit Strähnchen auskennen und einen Tag später saß Hanka auf dem Friseurstuhl mitten am "Färbe-Fließband". Während Natalie versuchte, der Färbetussi klarzumachen, dass sie die Strähnen genauso nachmachen soll, wie die rausgewachsenen, saß Hanka mit ängstlicher Mine unter den ersten unbeholfenen Alufolienpackungen. Die Dame war offensichtlich mit Hankas dünnen, seidenen Haaren gänzlich überfordert. Es wäre zu wetten, dass sie noch nie solche dünnen Haare in der Hand hatte, denn die südamerikanischen Frauen haben bestimmt das vierfache an Haarpracht auf dem Kopf. Schon vom Gefühl ließ sich erkennen, dass die Tussi keine Ahnung von der Foliensträhnchen-Technik hatte, schon gar nicht mit zwei verschiedenen Farben. Stattdessen wollten die Hanka mit fünf blonden Balken am Scheitel verzieren! Hätten wir doch nur die Farbe einfach nur gekauft und selbst die Strähnen gepinselt!!! Bevor es eine Katastrophe gab, tauschte Hanka einfach das blond in braun um und drückte der Tussi eine Kaffee-Tönung in die Hand. Dann bleibt Hanka zwar nichts anderes übrig als in den nächsten Wochen selbst Farbe anzulegen und einen von Eriks Putzlappen abzustauben, aber was soll's. Das zweite Schockerlebnis kam, als die Farbe runtergespült werden musste. Hanka sorgte erneut für Aufregung im Laden, als sie nicht in den Waschbeckenstuhl passte. Irgendwie quer lag sie dann ausgestreckt durch den halben Laden und glaubte für einen Moment, im falschen Film zu sein! Die spülten ihre Haare mit eiskaltem Wasser aus! Sowas würde man sich nicht einmal selbst antun. Wehleidig dachte Hanka an die wohltuenden Verwöhntage bei Meike daheim auf dem Friseurstuhl: 'Ist das Wasser warm genug?', 'Geht es so?'. Aber das Erwachen half nichts - die Haare waren jetzt dunkel und ein neues Gesicht musse sich erst an sein Spiegelbild gewöhnen. Im ersten Moment denkt man sich nur: Mist, wieso hat man sich das angetan? Wenigstens Erik gefiel der neue Look, so dass zumindest er Hankas Ego aufbauen konnte.

Während Hanka das Färbe-Dilemma über sich ergehen ließ, baute Erik fleißig an der Honda. Schon seit Kilometern wunderten wir uns, warum die Kette trotz Spannung so rasselte. Das vordere Kettenritzel (das wir in San Pedro de Atacama mit dem restlichen Kettensatz nicht ersetzen konnten) saß ziemlich locker auf der Antriebswelle. Während die Zähne am  Ritzel auf der äußeren Verschleißseite noch recht gut aussahen, war es innen seltsamerweise ausgeschlagen und schlackerte schon auf der Antriebswelle herum. Das müssen wir unbedingt im Auge behalten! Wir werden mal die Transalp-Freaks aus dem Internet-Forum anmorsen, was die Ursache dafür sein könnte. Es gibt doch immer wieder was Neues! Manchmal scheint uns Busfahren viel einfacher, auch wenn wir niemals das Motorrad gegen Rucksäcke eintauschen würden.

Zu den bleibenden Eindrücken in Arequipa zählt für Hanka der Besuch des Museums "Santuarios Andinos". Wenn nicht schon vorher durch Bücher und Erzählungen angesteckt, verfällt man spätestens während der hervorragenden Führung völlig dem "Inka-Fieber". Die Hintergrundgeschichten der Kindermumien, die man im Eis des Vulkanes Ampato gefunden hat, lassen einem den Atem stocken. Juanita, bekannt als die "schönste" der Inka-Mumien, ist trotz des Alters erstaunlich gut mit allen Organen, Haut, Haaren und Wimpern erhalten. Diese Kinder wurden vor mehr als 500 Jahren den Göttern geopfert. Bis heute hat man - auf allen möglichen Vulkanen des damaligen Inka-Reiches verstreut - 28 solcher Inka-Kinder gefunden. Wenn man bedenkt, dass all die Vulkane Fünf- oder gar Sechstausender sind, eine Vulkanbesteigung also mehrere Tage in Anspruch nahm und die damaligen Schuhe aus Gras gebunden waren, beschleicht einem schon die Gänsehaut!

Jedenfalls erzählten einige Leute im Museum, dass man sich den Besuch des Klosters von Arequipa schenken kann - im Gegensatz zum Museum. Die 15,- Soles sind im Vergleich zu 28,- Soles gut ausgegeben. Ohne zweimal nachzudenken, cancelten wir den geplanten Klosterspaziergang.

Während wir an unserem vorerst letzten Abend in Arequipa diesmal zu viert beim vegetarischen  Chinesen einkehrten, von dem uns Erik und Claas am ersten Tag so vorgeschwärmt hatten, wurde unser kleines Notizbuch mit allerlei nützlichen Tipps gefüllt. Annette und Frank sind seit einigen Wochen von Mexico Richtung Buenos Aires unterwegs und schrieben uns die Highlights ihres Tripps auf: gute Hostals, wo es den besten Fisch gibt, die leckerste Pizza, usw. Solche Empfehlungen sind für uns jedes mal Gold wert! Als wir zurück ins Hostal kommen, sind einige Seiten neben Ankes Liste motorradfreundlicher Unterkünfte hinzugekommen. Wir sind baff, wie die beiden uns ihre schönsten Eindrücke preisgeben, während wir uns selbst nur kurz kennengelernt haben. Vielen Dank, Ihr zwei!

 

5. Juli 2003, Arequipa – Chivay

13.997 km, S 15-38-23 / W 71-36-04

Unser letzter gemeinsamer Ausflug mit Natalie und Claas sollte uns in den Colca-Canyon führen. Schwer vorzustellen, dass sich in zwei Tagen unsere Wege trennen werden!

Wir lassen alle schweren Sachen in Arequipa zurück und schnüren unseren kleinen Rucksack zurecht. Mittlerweile ist es für uns schon so zur Gewohnheit geworden, mit ganz wenig auszukommen – erst recht, wenn es nur für zwei Tage ist.

Mit vollem Tank schlängeln wir uns durch den Verkehr aus der Stadt, Claas immer im Rückspiegel. Es ist dieselbe Strecke, die wir vor ein paar Tagen im Finstern gekommen sind. Die Serpentinen führen uns hinauf bis auf Altiplano-Höhe. Dann kommt der Abzweig nach Chivay – Schotterstrecke. Die Federn der Honda lassen uns deutlich spüren, dass sie das gewohnte Gewicht vermissen. Zwar ist die Piste in besserem Zustand als erwartet, aber wir hoppeln so hart gefedert über die Strecke, dass unsere Wirbelsäulen schon nach kurzer Zeit protestierten. Desto mehr freuten wir uns über ein unverhofftes Stück Asphalt, das uns gut und entspannt voranbrachte.

Wieder auf Schotter, sehen wir Claas vor uns gerade die Kati (so nennt er liebevoll seine KTM) aufheben. Was war da los? Wie sich herausstellte, hatte ein entgegenkommender Bus Claas voll in eine Sandspur getrieben und wie sich ein voll beladenes Motorrad auf Sand verhält, wissen wir ja selbst! Zum Glück war nix passiert und wir kamen einigermaßen früh in Chivay an.

Noch auf der Straße pfiff uns ein Typ zu seinem Hostal und ausnahmsweise folgten wir dem Abschlepper. Es lohnte sich – die Zimmer waren recht neu und wir durften die Großküche des Restaurantes mitbenutzen! Yippeah, endlich wieder mal selber kochen – wir wollten den beiden doch noch so gerne unsere beliebten Senfeier servieren. Schnell waren die Sachen (an sechs verschiedenen Ständen) zusammengekauft und Claas hatte die gute Idee, ein Taxi anzuheueren. Für 4,- Soles (1 EUR) brachte uns das Taxi mit den Einkäufen bis zum Hostal, wartete bis wir unsere Badesachen gepackt hatten und fuhr uns zum Thermalbad, in das wahrscheinlich alle “Condor-Touristen” in Chivay am Vorabend abtauchen. Aber das war noch nicht alles, er wartetet sogar eine Stunde draußen und fuhr uns für diesen Preis auch noch frisch gebadet nach Hause!

 Die Thermalquellen waren voll von “Gringos”, während die Einheimischen neben den Becken standen und warteten. Irgendwie hatte das etwas von Fleischbeschauung und war in keinster Weise mit den Thermalquellen zu vergleichen, die wir am Salar de Surire in Nordchile kennengelernt hatten! Aber was soll´s – entspannend war das Bad trotzdem, vor allem für unsere strapazierten Rücken.

Am Abend kochten wir alle zusammen unter den neugierigen Augen der Küchenfrauen unsere Senfeier. Natürlich mussten wir die gesamte Küchenbelegschaft kosten lassen – falls die demnächst “huevos con sauce de mostaza” auf Ihrer Speisekarte stehen haben, kommen die nicht von ungefähr!

  

6. Juli 2003, Chivay - Arequipa via Huambo

14.321 km, S 16-23-38 / W 71-32-08

Der Wecker klingelt erbarmungslos um 5.45 Uhr! Die Condore warten nicht auf uns und alle Eheimischen haben uns geraten, bis spätestens 8.00 Uhr am “Cruz del Condor” zu stehen, um die Riesenvögel aus dem Colca-Canyon aufsteigen zu sehen.

Obwohl wir das Gefühl haben, schon recht spät dran zu sein (eine Elefantenportion Brötchen will erstmal geschmiert sein), überholen wir einen Bus nach dem anderen. So spät können wir also gar nicht dran sein. Und tatsächlich, als wir kurz vor acht am Cruz del Condor ankommen, ist gerade erst mal die Hälfte der Touristen eingetrudelt. Eine halbe Stunde später warten schon doppelt so viele Leute auf die Condore. Die besten Aussichtsplätze sind natürlich schon mit den dicksten Foto-Stativen belegt und man gewinnt den Eindruck, hier muss gleich etwas passieren: so viele Paparazzis!!! Manche von denen haben vielleicht ein paar Riesenobjektive stationiert, das scheint uns schon fast lächerlich!

So vergeht die Zeit und alle warten gähnend, dass die Condore endlich aufsteigen. Doch es tut sich nicht viel. Man sieht höchstens ein paar kleine Condore ganz weit unten im schmalen Spalt des Canyons herumsegeln. Aber die Vögel sind so weit weg, dass sich nicht mal ein Foto lohnt, denn sie sind gleich wieder hinter irgend einem Felsvorsprung verschwunden. Wieder einmal fühlen wir uns abgezockt, zumal wir hier an einer öffentlichen Strasse stehen und die peruanischen Eintrittsgelder nicht unerheblich sind!

Dann steigen endlich ein paar der schwarz-weißen Flieger in die Lüfte, allerdings so weit weg vom “Cruz del Condor”, dass die Leute mit den Riesenstativen eindeutig im Vorteil sind. Wir sehen im Prinzip nur die Schatten. Die ersten Touristen ziehen bereits schon wieder von dannen, weil einfach nicht viel zu sehen ist. Auf einmal schießt eins der Weibchen über unseren Köpfen empor und segelt eine kleine Runde über die Paparazzi-Schar an Touristen. Jetzt klickt und blitzt es nur so um uns herum, aber viele starren auch einfach nur völlig gebannt den Riesenvogel an. Im Vergleich zu den Menschen unter ihm ist die Flügelspanne des Condors riesig! Nach über einer Stunde erfolglosen Wartens halten die meisten dieses Erlebnis für den gelungenen Abschluss und ein Bus nach dem anderen zieht weiter. Wir lassen uns noch ein bisschen Zeit und überlegen, ob wir die gleiche Strecke nach Arequipa zurückfahren sollen oder den Weg über Huambo nehmen und den Kreis schließen. Laut Straßenkarte soll zwar kurz nach Huambo ein Stück unbefestigte Strecke kommen, aber wir wollen die staubige Piste hinter den ganzen Bussen meiden und starten in Richtung Huambo. Die letzten Touristen packen gerade ihre Monsterobjektive zusammen und gerade wollen wir aufsitzen, als plötzlich ein großer Condor vor uns aufsteigt und uns die Köpfe verdreht. Das Riesenexemplar kommt sogar noch näher als der erste Vogel – wir staunen über die unglaubliche Flügelspanne und genießen den Augenblick, ohne dass noch allzu viele Leute um uns herumstehen. Danach scheint das Spektakel entgültig zu Ende zu sein.

Wie wir gleich am zweiten Tag feststellen, stimmen die Kilometerangaben auf unserer neuen, peruanischen Straßenkarte hinten und vorne nicht (Ausgabe 2003!). Der Weg nach Huambo zieht sich ewig, aber wenigstens herrscht so gut wie kein Verkehr und wir können die schöne Terassenlandschaft genießen. Auf dem Weg zum “Cruz del Condor” heute morgen, hatten wir kaum einen Moment, die beeindruckenden Hänge entlang des Canyons in uns aufzunehmen. Schön ist bestimmt, eine Canyon-Wanderung zu machen, um etwas mehr von dem gelobten Tal mitzubekommen. Von oben ist der Canyon längst nicht so eindrucksvoll, wie wir ihn uns vorgestellt hatten. Der Colca-Canyon soll doppelt so tief sein wie der Grand Canyon, aber in unseren Augen ist er nur eine tiefe Schlucht, die man mit dem Grand Canyon in keinster Weise vergleichen kann. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir über diesen Ausflug ein wenig entäuscht sind.

Nach Huamba wechselt die Landschaft abrupt und der fruchtbaren Terassenlandwirtschaft folgen karge Hügel, später Kakteen und schneebedeckte Berge in weiter Ferne. Hier sehen wir auch die Condore wieder, deren Schatten über die Hügel streifen. Leider viel zu weit entfernt. Die Piste ist dafür um einiges besser, als wir erwartet hatten und wir kommen recht gut voran. Das letzte Stück, bevor wir auf die Panamericana stoßen, überrascht uns total. Es geht schnurgeradeaus durch nichts als Sandwüste. Man könnte meinen, wir fahren in der Sahara! Nachdem wir gut 20 km runtergeschreddert haben, sehen wir, wie sich ein betoniertes Flussbett durch die Wüste zieht. Aber kein Tropfen Wasser vermag dem Sand einen grünen Teppich zu zaubern – den sehen wir dafür ein Stück später: grüne, saftige Kuhwiesen erinnern uns total an einen Landschaftsausschnitt irgendwo in Norddeutschland. Es ist unglaublich, wie solche eine grüne Wiese für Heimweh sorgen kann!

Laut Karte haben wir max. 18 km Panamericana bis Arequipa zu folgen, aber die Strecke zieht sich endlos und es läppern sich mehr als 100 km zusammen. Wenn die Karte uns weiterhin so im Stich lässt, werden wir wohl früher oder später mal wieder ohne Sprit stehenbleiben!

Endlich kommen wir in Arequipa an, doch wir müssen feststellen, dass die Straße ins Zentrum gesperrt ist. Ohne Ankündigung durch Schilder gehen wir nach einer Brücke voll in die Eisen. An Umleitungsschilder ist natürlich nicht zu denken, so dass wir in den unmöglichsten Vierteln vorbeikommen. Zum ersten mal haben wir Probleme, uns nach dem Weg durchzufragen. Die Leute haben nämlich einfach Angst und hauen ab, wannimmer wir anhalten. Schließlich werden wir auch noch in die falsche Richtung geschickt und sind völlig kaputt, als wir endlich in den vertrauten Straßen Arequipas landen.

In unserem alten Hostal kommen wir diesmal leider nicht unter – so holen wir nur unsere Sachen ab und quartieren uns in der Nähe des Klosters in eine Herberge ein (und wieder mal ohne Küche). Aber so gibt es immerhin einen Grund, unseren letzten gemeinsamen Abend mit Natalie und Claas bei Pizza und Bier ausklingen zu lassen.

 

7. Juli 2003, Arequipa - Juliaca

14.608 km, S 15-29-58 / W 70-07-48

So richtig ausgeschlafen haben wir nicht - komischerweise waren wir beide schon halb sieben wach und haben darauf gewartet, dass der Wecker endlich klingelt. Zudem tat uns der Nacken ziemlich weh von den steinharten Kopfkissen - unser erstes Hostal in Arequipa war doch um Längen besser. Vor allem bekamen wir dort für unser Frühstück nicht nur genau zwei Tassen heißes Wasser zugeteilt, die uns der Caféteria-Mensch widerwillig abmaß. Aber irgendwie stimmt bei den Unterkünften nie alles. Wir hoffen wenigstens, dass die künftigen peruanischen Hostals wieder mit Küche ausgestattet sind - in Chile und Argentinien war das fast schon selbstverständlich.

Nach einem ausgiebigen Frühstück auf der Dachterasse, packen wir unseren Krempel zusammen und dann heißt es Abschied nehmen von Natalie und Claas - das tat richtig weh. Irgendwie können wir uns gar nicht vorstellen, dass wir ab heute wieder allein fahren; wir haben uns so an die beiden gewöhnt! Hanka kämpft ziemlich mit den Tränen und als wir dann auf dem Motorrad sitzen, kullern sie nur so unter dem Visir. Gleichzeitig macht sich bei Hanka Heimweh breit und die Sehnsucht nach unseren Freunden. Wahrscheinlich schließt man die netten Leute unterwegs ganz besonders schnell ins Herz, weil die Freunde ja so weit weg sind. Vielleicht erfahren wir im Moment auch einfach nur die Erkenntnis, dass uns die sozialen Kontakte zu vertrauten Menschen viel wichtiger sind, als wir geglaubt hätten. Jedenfalls tut es gut, auch mal jemanden nicht nur oberflächlich kennenzulernen und schnell ein Freundschaftsgefühl zu entwickeln. Wir werden die beiden ziemlich vermissen; aber es bleibt die Hoffnung, dass wir uns in Zentralamerika wiedertreffen. Das wär echt schön!

Während Erik noch in einer Werkstatt für 2 Sol den Luftfilter ausblasen lässt (das war echt schon wieder nötig), versuchen die restlichen Mechaniker mit Hanka ein Gespräch anzufangen - zum Erzählen war ihr allerdings gar nicht zumute... Wenigstens waren die roten Augen hinter Sturzhelm und Sonnenbrille gut versteckt.

Kurz nach Arequipa hängt ein Reisebus an den Serpentinen im Straßengraben. Wir sind froh, dass wir nicht Bus fahren. Man hat gleich eine große Plane um den Bus gewickelt, so dass man den Firmennamen nicht lesen kann. Die Strecke wird von ziemlich vielen Bussen frequentiert - da wird den nächsten vorbeikommenden Touristen gleich der Atem stocken.

Ein Stück weiter sehen wir vor uns 4 Motorräder die Serpentinen hochdüsen. Schnell sind die Tränen unter Hankas Visir weggewischt, aber so wie es scheint, machen die wohl nur einen Ausflug mit gemieteten Motos - jedenfalls ist keine neue Reisebekanntschaft in Sicht.

Dafür die wohl letzten Salzlagunen unserer Reise, an denen sich sogar ein paar Flamingos tummeln. Wenn das nicht das perfekte Plätzchen für ein Mittags-Picknick ist! Erik ist heute mal auf Müsliriegel umgestiegen, da ihm die "Luft-Brötchen" inzwischen schon zu den Ohren herauskommen. Wir dachten schon, die "Schuhsohlen-Brötchen" in Chile seien grausam, aber bolivianischer und peruanischer Brötchenteig übertrifft sogar diese. Selbst die sogenannten Vollkornbrötchen schmecken kaum besser. Ziemlich schade, dass wir so selten die Gelegenheit haben, mal Sauerteigbrot zu backen! Das hatten wir uns nämlich eigentlich anders vorgestellt. Wir geben die Hoffnung nicht auf; zumindest nähern wir uns kontinuierlich wärmeren Gegenden, was nicht nur unseren Knochen bekommen wird, sondern sicherlich auch den Sauerteigbakterien.

Die letzten Flamingo-Bilder sind im Kasten und wir steuern weiter auf Juliaca zu. Der Ort an sich ist schon hässlich, aber wie so oft auch anderswo gesehen, türmen sich Berge von Müll mitten in der Landschaft vor dem Ortseingang. Hier müsste mal Greenpeace vorbeikommen: selbst kleine Seen sind mit Müll zugekippt, dazwischen staksen Reiher und Enten.

Die Suche nach einem einigermaßen gutem Hostal kostet uns wieder mal Stunden. Letztendlich nehmen wir das billigste mit einigermaßen guten Betten, auch wenn es sonst 'ne ziemliche Absteige ist. Die Honda können wir in eine Art Schlafzimmer stellen, das kostet zwar noch mal spontan 5 Soles, aber wenigstens ist es da sicher.

Nach erfolgreicher Suche nach einem Internet-Café gab es Balsam für die Seele: Hankas Eltern haben endlich die Zeit gefunden, der armen Tochter wieder mal ausführlich zu schreiben. Sie freut sich wie ein Königstiger - das kam genau am richtigen Tag! Wir sitzen zwar in einer winzigen Kabine, umgeben von lärmenden Verrückten, die irgendwelche Ballerspiele gegeneinander zocken. So wie das Internet-Café ist auch der Rest der Stadt: laut, hässlich und dreckig! Wir sind froh, dass es morgen weiter nach Cusco geht.

Die Restaurantempfehlung unseres Reiseführers war mal wieder ein Schuss in den Ofen: es existierte einfach nicht. Suchend stehen wir auf der Straße, als plötzlich ein Typ direkt vor uns ein Auto zu knacken versucht. Völlig fassungslos bleiben wir wie angewurzelt stehen; aber der Typ ist dermaßen dreist, schaut uns dabei noch in die Augen und lässt sich kein bisschen stören. Sogleich meldet sich unser Gerechtigkeitssinn und wir würden ihn am liebsten anquatschen. Anderseits läuten unsere Alarmglocken, denn was wenn der Typ 'ne Waffe hat oder seine Kumpels gleich aus einer dunklen Ecke springen? Wir laufen schnell weiter, halten unsere Jackentaschen fest und drehen uns ab und zu um. Anscheinend hat ein Polizist anhand unserer Gestik gemerkt, dass da irgendwas faul ist. Aber der Typ lässt sich noch nicht mal stören, als der Polizist wild pfeifend in seine Richtung rennt. Wir bekommen noch so viel mit, dass er es nicht geschafft hat, den Pickup zu knacken. Was für eine Stadt! Wir haben uns schon gewundert, wieso so viele Polizisten präsent sind.

Abendessen gibt es heute mit den Einheimischen (auch auf die Gefahr hin, dass wir es nicht vertragen). Drei Gänge für 2,50 Sol p. P. sind ein guter Deal, wie wir finden. In Anbetracht dessen, dass es in keinem einzigen Hostal hier eine Küche gab, haben wir keine Lust, viel Geld für Essengehen auszugeben. Wenigstens hat Hanka den Herbergssohn überzeugt, dass wir zum Frühstück  heißes Wasser bekommen und Haferflocken haben wir ja immer dabei.

 

8. Juli 2003, Juliaca - Cusco

14.952 km, S 13-31-07 / W 71-58-25

Am Morgen sind wir froh, dass wir Juliaca hinter uns lassen können. Aber irgendwie komisch, noch immer ertappen wir uns dabei, die KTM im Rückspiegel zu suchen. Stattdessen düst die Maschine ja heute mit Natalie und Claas nach Arica (Chile).  Ach ja, die beiden.

Die ersten beiden Stunden bis zum Pass La Raya fahren sich ziemlich eintönig. Im Moment haben wir auch das gelb-braune, dürre Altiplano-Büschelgras reichlich über und die Straße zieht sich immer geradeaus ohne Abwechslung. Im Gegensatz zu gestern leben an dieser Strecke nur relativ wenig sträunende Hunde von den Essensresten, die den Leute aus den Fenstern fallen. Hanka hat alle alten Käse-Tomatenbrötchen der vergangenen Tage dabei, um mal wieder eine gute Tat für Tiere zu vollbringen. Neugierig beäugt uns ein zotteliger Vagabund, als wir vor seiner Nase anhalten und lecker alte Brötchen aus dem Tankrucksack zaubern. Der Hund kann sein Glück gar nicht fassen und verhapst ein Brötchen nach dem anderen, sogar samt Tomaten.

Mit Vorfreude auf die heißen Quellen machen wir kurz nach dem Pass einen Abstecher nach links. Die Badesachen sind zwar nicht weit weggepackt, aber so richtig einladend sind die angelegten Thermalbecken in den Badehäuschen doch nicht. Zwar gehen hier nur Einheimische baden, aber wir belassen es trotzdem nur bei Picknick. Schön sind die Quellen selber. Es blubbert und dampft aus der Erde und das heiße Wasser läuft einen vom Eisenoxid rot gefärbten Hügel hinunter. Dazu gibt sogar das Büschelgras mal einen schönen Kontrast, dessen wir so überdrüssig sind.

Der nächste Ort, Aguas Calientes lockt ebenfalls mit Thermalquellen, aber die strickenden Frauen auf dem Parkplatz mit ihren Bündeln voller Handarbeiten verheißen Touristenalarm . Also weiter geht's.

Nach dem Pass wechselt nicht nur die Landschaft: es reiht sich ein schönes Dorf an das andere. Man kann kaum all die schönen Szenen im Kopf behalten, die unzähligen Momente, wenn gerade Wäsche im Fluss gewaschen wird, Frauen inmitten von Bergen an Maiskolben sitzen, Esel im Kreis über Maisstroh getrieben werden, Lehmziegel gepresst und zum Trocknen ausgelegt werden, Männer Getreide mit Dreschflegeln bearbeiten usw. Es ist eine herrliche Idylle und durch Bolivien vorsichtig geworden (da will nämlich jeder Geld für ein Foto), versuchen wir ein paar Schnappschüsse einzufangen. Wider Erwarten werden wir immer freundlich angestrahlt und die Leute winken uns sogar zu.

Mitten auf der Strecke kommen uns zwei enorm beladene Motorräder entgegen. Wir tippen auf Deutsche, was sich bestätigt. Ein kurzes Schwätzchen mit Petra und Hartmut und weiter geht's - auf nach Cusco. Kurz vor Cusco sehen wir am Straßenrand die ersten Restaurantschilder mit "Cuy" - in Peru isst man Meerschweinchen!

Die Schilderungen über die Inka-Hauptstadt versprechen nicht zu viel. Die Stadt ist wirklich atemberaubend: fantastische Häuser mit geschnitzten Holzbalkonen, urige Gassen und irgendwie alles alt und gepflegt. Man spürt auf jeden Fall den Reichtum der Stadt, geprägt durch die Inka- und die Kolonialzeit.

Bei der Wahl des Hostals nehmen wir uns gründlich Zeit, da wir einige Tage in Cusco bleiben wollen. Trotz reichlicher Auswahl finden wir auch bei 10 Anläufen keins mit Küche, Parkplatz, Garten zum Sitzen, guten Betten und alles zum guten Preis. Tja, wir werden anspruchsvoll - oder wollen uns einfach nur ein schöne  Zeit hier machen. Und wenn die Stadt so schön ist, muss es doch auch ein schönes Hostal sein. Bis auf den Garten kriegen wir alles bei einem sehr freundlichen Herbergsvater, bei dem auch Anke und Ulf schon genächtigt haben. (Hallo Ihr beiden, wir folgen Euren Reifenspuren!) Die Krönung ist, dass er uns gleich den Gartenschlauch zeigt, damit das Motorrad mal sauber wird und wir uns hier sogar von unseren Lieben daheim anrufen lassen können. Also stürzen wir uns gleich ins Internet und morsen unsere Mamis an. Die werden sich freuen, nach fast zweieinhalb Monaten mal wieder mit uns zu quatschen - aber wir nicht minder!!!

 

9. Juli 2003, Cusco - Aguas Calientes

14.952 km (ohne Motorrad), S 13-09-14 / W 72-31-24

Hanka war wohl so aufgeregt, dass sie die ganze Nacht wirres Zeug von zuhause träumte. Hoffentlich haben unsere Eltern schon die Nachricht erhalten und das Telefon läutet heute mittag zwischen 13.00 und 14.00 Uhr. Die Vorfreude wächst mit jeder Stunde.

Doch vorher haben wir noch ein straffes Programm: zunächst wollen wir herausfinden, wann und wie wir zum Machu Picchu kommen. Trotz der horrenden Preise ist die Heilige Stadt der Inkas ein Muss für uns. Wie sich herausstellt, fährt der einzig "erschwingliche" Touristenzug abends um 19.40 Uhr von Ollantatambo (zwei Std. von Cusco entfernt) nach Aguas Calientes - zwar immer noch für einen stolzen Preis von 23,60 USD, aber die anderen Züge zu annehmlicheren Uhrzeiten kosten zwischen 53,10 USD und 88,50 USD pro Person. So müssen wir wohl zwei Nächte in Aguas Calientes verbringen, denn die Rückfahrtszeit ist auf morgens 5.45 Uhr festgelegt. Der Bus von Aguas Calientes zum Machu Picchu hoch kostet noch mal unverschämte 9,- USD pro Person! Und zu guter letzt darf man den Eintritt von 20,- USD berappen - Studenten zahlen freundlicherweise die Hälfte (Danke,Gunni, für die Studentenausweise!). Wir wussten zwar, dass der Ausflug unverhältnismäßig in die Reisekasse schlagen wird, aber schlucken dennoch angesichts der Touristenabzocke. Vor allem hat man ja gar keine andere Wahl, wenn man Machu Picchu sehen will.

Mit allen Infos versorgt, heißt es jetzt umdisponieren: wir müssen unser Zimmer räumen, Lebensmittel für unterwegs einkaufen, Geld abheben, Mittag essen und spätestens um 13.00 Uhr vor dem Telefon sitzen.Gegen 16 Uhr müssen wir dann einen Bus nach Ollantatambo erwischen.

Zuerst erledigen wir die Einkäufe. Dabei fallen wir fast vom Glauben ab, als zwischen Bonbons und Silberfolie in einem kleinen Supermarkt ganz unschuldig Duct Tape im Regal liegt. Seit Wochen klappern wir eine Ferreteria nach der anderen ab und fragen in jeder Werkstatt nach dem heiß begehrten Klebeband - aussichtslos. Anscheinend wissen die gar nicht, was für Schätze die in ihrem Laden liegen haben, denn das gute Duct Tape kostet umgerechnet nur 1,50 EUR (dabei könnten die normalerweise 5-6 EUR ansetzen). Endlich mal ein peruanischer Kauf zu unseren Gunsten!

In Windeseile gehen wir noch schnell essen (es gibt eine Art Senfeier - jawohl, die nächste Überraschung -, Griessuppe und anschließend Forelle) und im Laufschritt kommen wir kurz nach 13.00 Uhr im Hostal an. Leider rührt sich das Telefon nicht und wir verbringen eine Stunde wie auf Kohlen bei Tridom, um uns vom Warten abzulenken. Das Telefon bleibt trotzig stumm. Enttäuscht geben wir die Warterei auf, als das Telefon plötzlich läutet: Mama Wien hat gerade unsere Nachricht entdeckt und wir freuen uns riesig, uns mal wieder live zu hören. Kurz danach klingeln Hankas Eltern durch - der Tag ist gerettet!

Anschließend müssen wir schon zum Busbahnhof, um erst mal nach Urubamba zu kommen. Von da aus geht es im nächsten Minibus nach Ollantaytambo. Zumindest im Dunkeln sieht der Ort richtig gemütlich aus - hier hätte man sicher auch gut eine Nacht verbringen können. Aber wir müssen ja zum Zug und reihen uns in die Schlange am Ticketschalter. Es fahren erstaunlich viele Einheimische mit; anscheinend gibt es wirklich keinerlei Straßenverbindung Richtung Machu Picchu. Dabei hätten wir uns gern die ständigen Warterein zusammen mit überlauten Horden an Israelis erspart. Wird Zeit, dass man mit dem eigenen Motorrad zum Machu Picchu fahren kann - derartige Strapazen sind nichts für Biker!

Von der Landschaft bekommen wir leider nicht viel mit, da es bereits dunkel ist, als wir den Zug besteigen. Nur ab und zu schimmert eine schneebedeckte Bergspitze im Mondlicht. Kurz nach halb zehn erreichen wir endlich Aguas Calientes und quartieren uns im erstbesten Hostal ein. Wir haben keine Lust auf ewiges Zimmersuchen und morgen klingelt kurz nach 6.00 Uhr sowieso der Wecker.

 

10. Juli 2003, Aguas Calientes - Machu Picchu - Aguas Calientes

14.952 km (ohne Motorrad), S 13-09-14 / W 72-31-24

Im ersten Moment überlegen wir noch, ob wir den Sonnenaufgang direkt am Machu Picchu einfangen wollen, doch die Heilige Stätte öffnet erst um 7.00 Uhr ihre Pforten und die Stunde mehr an Schlaf hat uns bestimmt nicht geschadet. Zusammen mit Scharen von Touristen nehmen wir den “Wucherpreisbus” die Serpentinen hinauf zum Machu Picchu. Wenn man mal bedenkt, dass man sonst in Peru für 1,20 USD gut und gerne zwei Stunden Bus fahren kann, tun die 9,- USD für 20 Minuten – zwar hin und zurück – noch mal richtig weh. Was soll’s.

Der erste Blick auf die weltberühmte Ruinenstadt haut uns bald um. Wir haben Bilderbuchwetter und müssen den Blick erstmal auf uns wirken lassen. Zu gerne wären wir dabei gewesen, als die vergessene Stadt erst 1911 wiederentdeckt wurde. Rings um Machu Picchu wuchert der Dschungel an steilen Hängen und gibt eine Vorstellung, wie zugewachsen dieser Ort gewesen sein muss. Man kann Machu Picchu nur schwer mit Worten beschreiben, selbst die Bilder wirken so faszinierend, dass man kaum begreifen kann, wirklich da zu sein.

Es ist noch früh am Tag und wir treten ziemlich unbefangen den Marsch zum Berg Machu Picchu an, weil wir zufällig einen kleinen Wegweiser dorthin entdecken. Über uralte Treppen kraxeln wir Stufe für Stufe nach oben. Eins ist fact: die Inkas müssen ziemlich kleine Füße und gute Knie gehabt haben. Die Strecke ist herrlich und gibt immer wieder atemberaubende  Blicke auf die Heilige Stadt frei. Zu unserer Überraschung treffen wir keinen einzigen Touristen an; wie wir später feststellen, steht der Weg noch nicht mal im Reiseführer beschrieben! Unterwegs entdecken wir erstmals jede Menge wild wachsender Orchideen links und rechts der Stufen. Wie viel Mühe gibt man sich daheim, dass die Pflanzen blühen und hier wachsen sie einfach wie Unkraut!

Nach zwei Stunden Herzrasen erreichen wir den Gipfel, von wo sich eine traumhafte Aussicht bietet. Picknickzeit! Wie sich andeutet, haben wir leider viel zu wenig Wasser mitgenommen. Die Anstrengung der Treppen kostet bei dieser Hitze ganz schön Kraft, das haben wir ziemlich unterschätzt!

Eine Stunde später sind wir wieder unten und wandeln durch die 500 Jahre alten Ruinen. Egal an welcher Stelle man sich gerade befindet, man hat von überall aus einen großartigen Blick auf die Stadt, die sich terassenförmig wie ein Labyrinth in die Felshänge gräbt. Es ist ziemlich schade, dass es nirgendwo Informationstafeln gibt und für einen Guide muss man noch mal richtig viel Kohle abdrücken. Man bekommt noch nicht mal mit dem Eintrittsticket eine Übersichtskarte, welche Trails man laufen kann. So schnappen wir nur hin und wieder ein paar Hintergründe bei den Gruppenführungen auf, sonst wüsste man noch nicht mal, welche Ruine eigentlich der Sonnentempel ist. Obwohl dieser Ort so mystisch-faszinierend ist, hat das angesichts der heftigen Preise, die man löhnt, einen ziemlich bitteren Beigeschmack.

Am späten Nachmittag sind wir mit jeder Menge Fotos belohnt und ziemlich stufenmüde, so dass wir uns durstig in den Bus fallen lassen. Wir freuen uns schon auf das anschließende Thermalbad unter freiem Abendhimmel in Aguas Calientes. Sieht man mal über die stinkenden Umkleidekabinen und das trübe Wasser hinweg, ist der Ausklang des Tages im 40 Grad warmen Wasser richtig schön entspannend.

Hanka hätte heute am liebsten noch die Inka-Spezialität Cuy (Meerschweinchen ) probiert, aber das schieben wir auf, wenn es irgendwo mal Cuy ohne Touristenaufschlag gibt.

 

11. Juli 2003, Aguas Calientes - Cusco

14.952 km (ohne Motorrad), S 13-31-07 / W 71-58-25

Um 4.30 Uhr klingelt der Wecker - wie grausam. Wir haben beide schlecht geschlafen, da am späten Abend noch der nächste Schwung  an Machu-Picchu-Touristen mit dem Spätzug in unser Hostal einrückte. Das geht hier wie am Fließband. Mitten in der Nacht fing es auch noch an zu regnen - nach vier Monaten ohne einen Tropfen Regen sind wir das Geräusch von plätscherndem Wasser überhaupt nicht mehr gewöhnt!

Frühstück gab's im Bett: unsere letzten Quinoa-Flocken mit Joghurt und Früchten. Anschließend trotteten wir im Dunkeln zum Bahnhof; der Regen hatte glücklicherweise aufgehört. Am Bahnhof tummelten sich schon lauter bekannte Gesichter, völlig verschlafen. Sobald sich der Zug in Bewegung setzte, wurde der ganze Wagen plötzlich ganz still; sogar die Scharen an Israelis hielten endlich mal ihre Klappen. 5.45 Uhr ist auch echt eine unchristliche Zeit, um Zug zu fahren!

An der Endstation in Ollantaytambo stürzten sich gleich sämtliche Brötchen-, Wasser- und Kuchenverkäufer, Taxi- und Busfahrer auf die verschlafenen Touristen. Zum Glück fuhr der Bus diesmal direkt nach Cusco, so dass uns das Umsteigen erspart blieb.

Um zehn landen wir in Cusco und haben das Gefühl, gleich ins Bett kippen zu müssen. Schnell holen wir beim Bäcker noch zwei Quarkschnecken (Erik hat schon vor zwei Tagen einen leckeren Bäcker entdeckt) und frisches Obst. Hier gibt es so viele exotische Früchte, wir müssen einfach mal die Palette durchprobieren. Leider haben wir auf dem Weg zum Hostal schon die Hälfte der spanischen Obstnamen wieder vergessen.

Zum Mittag zaubert Erik erstmals auf dieser Reise seine leckeren Hackklöpse auf den Tisch. Es hat uns zwar das ersehnte Nickerchen gekostet, einen größeren Supermarkt mit Fleischtheke zu finden, aber die Rennerei hat sich gelohnt. Dazu gibt es Möhrchen und Quinoa-Reis; das schmeckt fast schon wie zuhause. Erik bruzelt ganze 15 Klöpse - dann bleiben uns morgen wenigstens die Schmierbrötchen unterwegs erspart, die mittlerweile auch Hanka zum Hals heraushängen.Wir haben uns nunmehr fest entschlossen, einen Abstecher in den Dschungel zu machen. Die Strecke nach Puerto Maldonado soll zwar nicht ganz einfach sein, aber wir wollen wenigstens mal einen Eindruck vom Dschungel bekommen.

Das Angebot mit dem Gartenschlauch können wir nicht ausschlagen, zur Freude der Honda, die - endlich mal vom Staub befreit - wieder rot aussieht. Danach kommt das übliche Standardprogramm: Kette nachspannen und schmieren, Benzinkanister auffüllen, Alukoffer ausbeulen und abdichten.

 

12.-19. Juli 2003, Cusco

14.952 km, S 13-31-07 / W 71-58-25

Die die erste Ernüchterung gab es, als Erik mit Antonio aus der Werkstatt zurückkam: die Welle ist bereits derartig ausgeschlagen, dass der Mechaniker nicht nur das vordere Ritzel zu wechseln gedenkt, sondern auch die ganze Welle. Dazu muss nur leider das gesamte Getriebe auseinandergebaut werden! So ganz geheuer ist uns nicht bei dem Gedanken, aber Erik hat das selbst auch noch nie gemacht und es bleibt uns ja nichts anderes übrig. Zumindest hat Erik ein gutes Gefühl bei dem Typen - er hat sich die Honda ziemlich gründlich angeschaut und scheint zu wissen, was er tut (hoffen wir mal!). Die Welle und das Ritzel will er über´s Wochenende in Brasilien besorgen, da es in Peru die Transalp als Honda-Modell leider nicht gibt. Letztendlich bedeutet das Ganze für uns, dass wir uns bis Freitag noch gedulden müssen. Unser Zeitbudget erlaubt zwar im Moment nicht unbedingt, irgendwo eine Woche zu verdaudeln, aber wenigstens ist Cusco nicht der schlechteste Platz, um die Zeit totzuschlagen!

Letztendlich wird es gar nicht so schlimm, mit dem "Zeit totschlagen". Wir lernten nämlich Sibylle und Marco kennen. Die beiden Schweizer haben uns im Internet aufgestöbert und waren uns seit La Paz mit ihren beiden BMW´s auf den Fersen. Die beiden sind schon seit 16 Monaten mit den Bikes unterwegs, haben Russland und Japan gesehen und inzwischen sehr konkrete Pläne geschmiedet: nach Chile auszuwandern! Aus dem Kennenlernen entwickelten sich schnell lange Gesprächsabende und Hanka machte mit den beiden einen Ausflug nach Pisac, wo sie endlich mal gemütlich zwei Stunden mit Sibylle über den Indio-Markt schlendern konnte. Es gab viel zusammen zu lachen und wir stellten immer wieder gemeinsame Ansichten und Erfahrungen fest. Zu gern wären wir mit den beiden noch ein Stück durch Peru gefahren, aber die zwei haben hier in Cusco den nördlichsten Punkt ihrer Reise erreicht. Anschließend geht es für sie zurück nach Chile - was wir gut verstehen können. Wir werden die beiden jedenfalls im Auge und im Herzen behalten.

In dieser Woche hatten wir auch endlich mal die Gelegenheit, mit unseren Lieben daheim zu telefonieren. Mit Vorfreude auf jeden Morgen wurden wir täglich mit einem neuen Anruf von daheim überrascht. Das tat so gut! Wer weiß, wann wir mal wieder die Gelegenheit haben, miteinander zu telefonieren... Von Cusco dagegen haben wir gar nicht so viel gesehen, wie wir erschrocken am Ende der Woche feststellten. Dabei gibt es hier so viel zu sehen, das Zentrum im alten Kolonialstil und originalen Inka-Mauern hat wirklich Flair.

Inzwischen haben wir dafür die Namen der Obstsorten drauf, die wir in unserem Lieblingsgemüseladen entdeckt haben. Erik steht nun auf Chirimoya und Hanka verdrückt am liebsten Granadillas. Selbst Erdbeeren konnten wir erstehen - was haben wir die roten Früchte diesen Sommer vermisst!

An dieser Stelle wollen wir ein bisschen Werbung machen, denn wir haben in Cusco gleich zwei Restaurants entdeckt, die zu den besten unserer Reise zählen. (Die Kommentare sind wirklich ehrlich, wir bekommen kein Geld dafür.) Vielleicht hat ja jemand mal Lust, dort vorbeizuschauen :-)

Granja Heidi
Cuesta San Blas 525

Cusco
Tel. (084) 238383
www.geocities.com/naturefood

In angenehmer Atmosphäre wird man mit schweizer und peruanischen Spezialtitäten verwöhnt. Wir haben noch nie einen derart guten Service erlebt!!! Es gibt auch einen Bookchange und klasse Desserts - als die letzten Gäste durften wir den Quarktopfen sogar gratis probieren. Mittags gibt es meist ein preiswerteres Menü. Wer in Cusco ist, sollte sich unserer Meinung nach den Gaumenschmaus gönnen!

Arirang Korean Restaurant
San Augustin 307
Cusco
Tel. (084) 222895

Per Zufall entdeckten wir dieser eher unauffällige Restaurant und kehrten spontan ein. Als die einzigen Mittagsgäste genossen wir die volle Aufmerksamkeit der koreanisch-peruanischen Inhaberin und waren baff, als wir die leckersten, fremdartigsten Spezialtäten aufgetafelt bekamen. Das war jedenfalls die beste koreanische Küche, die wir je probiert haben!

Eine Bemerkung müssen wir noch zu den peruanischen Taxifahrern loswerden: Man stelle sich eine Stadt vor, in der dreiviertel aller Autos Taxis sind. Diese wuseln wie kleine Fernlenkautos unermüdlich durch die Stadt. Da diese eindeutig in der Überzahl sind, spielt sich in den Gassen Cuscos ein tagtäglicher Kampf um Kundschaft ab. Die beliebtesten "Opfer" sind natürlich Touristen, weil man bei denen noch eine gute Aussicht hat, mehr als die üblichen 2 Soles für eine Tour abzuzocken. Da wir ja als Touristen überhaupt nicht ins Auge fallen, erfuhr uns natürlich das gleiche Schicksal, das wohl alle Touristen in Cusco erleben dürfen: man kann keine 10 Schritte tun, ohne angehupt zu werden. Dies ist nämlich die Strategie der Taxis, um Kunden zu jagen - als ob sich schon jemals jemand überlegt hätte: "Ach, das ist aber nett, dass das Taxi mich anhupt. Prima, da kann ich ja gleich mitfahren!" Wir jedenfalls haben uns noch nie spontan zu einer Taxifahrt "überhupen" lassen - das kann man wohl selber entscheiden, ob man ein Taxi braucht oder nicht und sich bemerkbar machen. Für uns war es deshalb eine Nerverei ohne Ende, dieses ewige Gehupe zu ertragen! Ergänzt wird dieser Straßenlärm nur von den wundervollen Auto-Alarmanlagen. Am beliebtesten sind die mit verschiedenen Tonreihenfolgen, da können wir inzwischen schon mitsingen. Anke hat nicht übertrieben, als sie uns mit einem Grinsen im Gesicht in Chile von den wunderbaren Klängen berichtete.

Am Samstag nachmittag konnten wir endlich unsere Honda abholen. Ritzel und Welle war leider auch in Brasilien nicht zu bekommen, aber da die Südamerikaner ja gut im Improvisieren sind, hat der Mechaniker sich etwas einfallen lassen. Zumindest sitzt das vordere Kettenritzel jetzt wieder fest (wie haben keine Ahnung, wie er das hinbekommen hat), die gebrochene Verstrebung am Gepäckträger ist neu verschweisst und sogar den seit Feuerland kaputten Themoschalter im Kühlsystem hat die Werkstatt ersetzt. Jetzt sind wir alles in allem 380,- Soles los (knapp 100,- EUR), aber dafür können wir morgen endlich aufsitzen, yeah, yeah, yeah! Nach 10 Tagen Pause haben wir regelrecht Hummeln unter´m Hintern.

  

20. Juli 2003, Cusco - Abancay

15.183 km, S 13-38-06 / W 72-52-46

Am Morgen werden wir unsanft geweckt: unter der Honda steht eine riesige Benzinpfütze und wie Erik wenig später feststellt, hat die Werkstatt einen Benzinschlauch eingerissen und nur schlampig geflickt. Hoffen wir mal, dass dies die einzige Schluderei war!

Wieder mit Motorrad ausgestattet, hätten wir zu gern die 500 km von Cusco nach Puerto Maldonado Richtung Dschungel eingeschlagen. Aber wie uns der Motorradmechaniker verriet, hatte es dort gerade geregnet und die Pisten sollten in ziemlich schlammigen Zustand sein. Auch ohne Regen ist die Strecke dahin extrem anspruchsvoll, so dass Vernunft über Abenteuerlust siegte. Der Mechaniker fährt selbst Motorrad und es gab uns schon zu denken, dass er uns von der Strecke abgeraten hat. Normalerweise erleben wir immer dasselbe: wenn uns die Leute mit dem Motorrad sehen, heisst es immer, alles easy, die Straße ist zwar schlecht, aber mit dem MOTORRAD - kein Problem!!! Die haben nicht den blassen Schimmer, was es heisst, mit einer Riesenfuhre durch Gelände zu düsen, das eigentlich nur Jeeps vorbehalten sein sollte!

Vielleicht haben wir ja Glück und wir bekommen noch irgendwo später wenigstens einen kurzen Eindruck vom Dschungel. In Ecuador ist zwar gerade Regenzeit, aber warten wir mal ab. Ein bisschen traurig setzen wir uns Richtung Küste in Bewegung. Doch die Traurigkeit hält nicht lange vor: Die Landschaft um Cusco ist traumhaft; wir schlängeln uns entlang grün-gelber Terassentäler und passieren einen bunten Dorfmarkt nach dem anderen. Im Moment feiern die Peruaner das Fest der "Virgen del Carmen", so dass hier einiges los ist. Umleitungen inklusive - und Umleitungen werden üblicherweise nicht ausgeschildert. Wozu auch? Man kann ja ein paar angetrunkene Leute vom Dorffest fragen! Wir fahren üble Umwege lang und kommen heute überhaupt nicht voran. Gerade scheinen wir auf der richtige Hauptstraße gelandet zu sein, als plötzlich der Asphalt aufhört und sich eine steiler Hang vor uns auftut. Unten plätschert friedlich ein Bach, aber dieser scheint vor kurzer Zeit die ganze Brücke weggerissen zu haben! Vergebens versuchen wir, uns an ein Umleitungsschild zu erinnern, denn den schlammigen Hang kommen wir auf keinen Fall runter. Auf einmal sieht Hanka ein paar Meter weiter Autos durch den Wald fahren. Es muss also irgendwie eine Strecke geben, um auf die andere Seite zu kommen. Nachdem wir 2 km zurückgefahren sind, finden wir einen Feldweg, der in unsere Richtung führen könnte - mit Erfolg kommen wir schließlich wieder auf Asphalt an.

Im Laufe des Tages stellt sich heraus, dass der Thermoschalter doch nicht funktioniert. Leider kommen wir nicht noch mal in Cusco vorbei, um auf Gewährleistung zu pochen. Also muss Erik doch wieder den alten Draht rauskramen, um den Lüfter kurzzuschließen. Wir beten mittlerweile dafür, dass die Werkstatt nicht noch mehr Pfusch gemacht hat!

Wenig später sehen wir noch einige weitere Hochwasserzerstörungen - bis Saihuite ist nicht eine einzige Brücke übrig geblieben. Ganz idyllisch zieht sich die Strecke entlang eines Bergflusses und die Seitenarme haben alles weggerissen, was nicht standhalten konnte. Jetzt hat man nur provisorische Brücken gebaut, denn die Dörfer wären sonst komplett abgeschnitten! Mit dem Tal haben sich auch die Temperaturen geändert. Es ist unheimlich warm geworden und wir kriegen schon Lust zum Zelten, aber wir müssen andererseits noch ein paar Kilometer machen.

Doch wir kommen nicht voran. Gerade bestaunen wir die ersten Bananen- und Papayaplantagen entlang der Strecke, als uns zwei Motorräder durch einen tiefen Flussarm entgegensteuern: Mike (ist Ami, lebt in Lima) und Enrique waren gerade mit ihren Harley´s nach Cusco unterwegs. Die beiden gehören dem Harley-Davidson-Club Perus an und prompt bekamen wir die Einladung, uns in einer Woche in Lima bei ihnen zu melden. Mal schauen - sollten wir wirklich unsere Reifen in Lima wechseln, benötigen wir sicherlich eine Garage zum Schrauben. Die beiden waren echt witzig und kündigten uns für morgen Schnee an. Auf dem Weg nach Puquio müssen wir über einen Pass, wo es heute heftig geschneit haben soll. Wir dachten schon, das Frieren hat bald ein Ende!

In den kurzen Zustand von Frostbeulen kamen wir auch heute noch: wir kletterten Stück für Stück einen steilen Pass nach oben und spielten mal wieder das Spiel gegen die Sonne: "wer ist zuerst hinter´m Berg". Die Sonne gewann das Spiel, denn obwohl es vom Pass nur noch 30 km bis Abancay waren und wir die Stadt schon längst im Tale sahen, haben es die Peruaner fertiggebracht, die Strecke dermaßen in Serpentinen zu bauen, dass wir gut eine Stunde für das letzte "Stückchen" brauchten. Wenn wir morgen wieder so schlecht vorankommen sollten, brauchen wir gewiss mehr als 3 Tage bis Nazca (die meisten Leute schaffen die Strecke in zwei Tagen)! Nichtsdestotrotz war es heute eine der schönsten Tagesetappen unserer Reise!

Abancay selbst blieb für uns nicht mehr als nur eine Zwischenstation. Wir fanden nur schwerlich ein Restaurant und entschieden uns letztlich für eine Esskantine, in dem ein Tagesmenü serviert wurde. Als eine alte, klapprige Frau das Lokal betrat, um ein paar Tütchen mit Maiskörnern zu verkaufen, gab ein freundlicher Peruaner ihr den unangerührten Teller seines Sohnes zu essen. Der Kleine hatte gerade mal nur die Suppe geschafft und es tut um so mehr weh, ein Essen für 2,- Soles (umgerechnete 0,50 EUR mit 3 Gängen) stehen zu lassen, wenn andere Leute sich nicht mal das leisten können. Die Geste hat Hanka jedenfalls ziemlich beeindruckt.

Als wir wieder ins Hostal zurückkehren, gibt es kein Wasser. Angeblich soll es erst morgen wieder funktionieren; man kann ja Zähne auch mit Mineralwasser putzen. Leben wir nicht in Luxus?

 

21. Juli 2003, Abancay - Puquio

15.494 km, S 14-41-43 / W 74-07-26

Morgens stand Hanka gerade unter den ersten paar Tropfen lauwarmen Wassers, aber danach spukte die Dusche plötzlich gar kein Wasser mehr aus. Was nun: entweder eingeseift zur Rezeption runterseppeln oder gleich in einem Wutanfall die gesamte Dusche demolieren. Aber da war ja zum Glück noch Erik, der es irgenwie hinbekommen hat, dass wir 5 Minuten später einen Kübel eiskaltes Wasser aufs Zimmer gestellt bekommen. Wir glaubten schon längst nicht mehr daran, dass angeblich in Abancay das Wasser weg ist!

Nach dem ersten Ärgernis am frühen Morgen amüsieren wir uns köstlich über den kleinen Hund der Nachbarn. Dieser lernt gerade ganz tapsig, wie schön man die Glucke samt Kücken ärgern kann und scheucht das Federvieh immer geschickter über den ganzen Hof. Wir können uns nur schwerlich von dem Schauspiel losreisen, aber die Straße ruft!

Vorsorglich haben wir uns extra lange Unterhosen angezogen, denn so richtig Lust auf Schnee und Frieren hatten wir nicht. Doch Gott sei Dank sollte uns das angekündigte, nasse Weiß erspart bleiben. Die endlosen Weiten auf 4.650 m waren zwar schneebedeckt und wir sahen wieder riesige Herden an Alpacas und Vicuñas neben der Straße herziehen, aber die Piste war wenigstens frei. Kurz darauf ging es wieder etliche Höhenmeter nach unten und wir fuhren mit dicken Regenwolken um die Wette. Es hing ein nasser Wolkenvorhang neben dem anderen und wir schafften es irgendwie, uns durchzumogeln, ohne einen Tropfen abzubekommen. 

In Puquio angekommen suchten wir uns ein Zimmer und freuten uns auf eine heiße Dusche. Nach dem Duschdilemma im letzten Hostal... Die Dusche war auch heiß, allerdings so heiß, dass man sich verbrühen konnte. Einen Hahn für kaltes Wasser gab es nicht, so liessen wir auch diesmal das Duschen bleiben. Komisch – dem einem Extrem folgt irgendwie immer ein anderes!!

Hanka und Erik
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