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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch

Bilder zum Kapitel

Peru – links und rechts der Panamericana

 

22. Juli 2003, Puquio - Nazca

15.657 km, S 14-49-40 / W 74-56-11

Beim Frühstück im Hof (hier wohnt ein Rebhuhn im Blumenbeet) stellen wir fest, dass eine der Alukisten ziemliche Beulen hat. Sieht so aus, als hat jemand ein paar Abdrücke an unserem Motorrad hinterlassen wollen.  

Schnell sind die Sachen an der Honda verstaut und wir stürzen uns endlich wieder bergab in angenehmere Höhen. In Puquio scheinen nämlich nicht allzu oft Touristen vorbeizukommen, denn wir werden überall angestarrt wie die Außerirdischen. Der Ort zählt letztlich auch nicht wirklich zu den schönen. 

Wir haben schon gehört, dass vor Nazca die höchste Sanddüne der Welt lagern soll. Gespannt begeben wir uns in den „Sturzflug“, überwinden die restlichen Andenausläufer und kommen anschließend in die Sand-/Steinwüste, die uns bis auf Meereshöhe bringen wird. Zunächst werden wir nicht enttäuscht: die Düne liegt wie ein riesige Sandwehe mitten in der Prärie, umgeben von den letzten Andenhügeln, die im Vergleich wie ein flaches Mittelgebirge erscheinen. Von Nazca allerdings sahen wir bis dato noch gar nichts. Die Stadt muss wohl direkt hinter der Sanddüne liegen. 

Den Nachmittag verbringen wir ganz relaxed in Nazca. Die Sanddüne ist komischerweise auch von der Stadt aus nicht zu sehen, aber es herrscht ein angenehmes Klima hier. Wir kämpfen beide mit einer Erkältung, wenn auch Hanka guter Hoffnung ist, mit viel Vitaminen noch die Kurve zu kriegen. So ziemlich appetitlos erstehen wir nur frisch gepressten Orangensaft, den man sich in Südamerika echt für wenig Geld gönnen kann. Außerdem entdecken wir einen Obststand mit herrlichen Erdbeeren. Endlich mal Erdbeeren – wir waren so neidisch, dass wir zuhause die Zeit der Erdbeertorten und Erdbeereisbecher verpasst haben! 

 

23. Juli 2003, Nazca - Huacachina

15.815 km, S 14-05-16 / W 75-45-46 

Nach langem Hin- und Herüberlegen entscheiden wir uns gegen einen Flug über die Nazca-Linien. Nazca ist bekannt wegen der mysteriösen Linien und Figuren inmitten der Wüste. Bis heute ist nicht genau geklärt, wie und durch wen die Linien entstanden sind und was deren Sinn und Bedeutung sein soll. Aber ein Mythos lässt sich auch gut ausschlachten und so gibt es die wildesten Spekulationen über deren Ursprung; angefangen von Zeichen für Besucher aus dem All bis hin zu Unterhaltungsfiguren für Ballonflieger, die es in dieser Gegend schon vor einigen Jahrhunderten gegeben haben soll. Dr. Maria Reiche (eine Deutsche) hatte sich die Erforschung der Nazca-Linien sogar zur Lebensaufgabe gemacht. Heute muss man vor allem daran denken, die Linien zu schützen, denn die Bilder sind inzwischen mit reichlich Jeepspuren verziert. Am besten sieht man die Figuren (u.a. ein Affe, ein Kosmonaut, eine Hand, ein Baum, ein Vogel, etc.) vom Flugzeug aus. Uns hätte es schon gereizt, einen Ausflug mit einer kleinen Cesna zu unternehmen, aber die 40,- USD pro Person waren uns doch zu viel! Wir sind noch immer auf dem “Gringo-Trail” und in Peru weiß man sehr gut, die Touristenbudgets zu plündern. Dafür gibt es gleich neben der Panamericana einen Aussichtsturm, von dem man wenigstens 3 ½ der Figuren anschauen kann. Das scheint uns eine gute Alternative, mal einen Blick auf die berühmten Nazca-Linien zu werfen. Wir schwingen uns trotz unserer Schniefnasen auf die Honda und lassen Nazca hinter uns. 

Der Aussichtsturm ist nicht ganz einfach zu finden. Wir haben nur eine vage Beschreibung im Reiseführer und halten am ersten Straßenschild, dass einen “Mirador” ausweist. In der prallen Mittagssonne kraxeln wir schniefend auf den Hügel und halten Ausschau nach Baum, Hand & Co. Trotz einigermaßen klaren Wetters sehen wir leider nichts. Entweder haben wir zu wenig Fantasie, in dem Wirrwarr aus Linien und Jeepsspuren Figuren zu erkennen oder die sind so groß, dass man sie wirklich nur aus dem Flugzeug ausmachen kann. Enttäuscht folgen wir weiter der Panamericana nach Norden und schmunzeln, als linkerhand der “richtige Mirador” auftaucht. Wie so typisch für Peru, sitzt doch dort den ganzen Tag jemand neben dem Turm in der Wüste und passt auf, dass alle Leute “Aufstiegsgeld” bezahlen. Jetzt ergattern wir zumindest den Blick auf die Hand, den Baum und sehen ein Stück der Eidechse. Die Linien sind wirklich mystisch, aber wir sind auch erschrocken, wie dicht die an der Straße sind (die müssen beim Bau der Panamericana mitten hindurchgeackert sein), wie deutlich die Linien schon verblassen und wie relativ klein die Bilder sind (irgendwie haben wir uns die Figuren größer eingebildet). 

Da es sonst nichts weiter in Nazca zu sehen gibt, haben wir unser Tagesziel auf Huacachina festgelegt. So muss der “Krankentransport” nur 150 km zurücklegen. Anke und Ulf haben uns den Tipp gegeben, falls wir mal eine echte Oase erleben wollen. Und wir haben nach 4 Tagen on the road mit unseren Erkältungen wenigstens einen Tag Ruhe und frische Wäsche nötig. 

Huacachina wird für uns tatsächlich der Inbegriff einer Oasenstadt. So oder so ähnlich muss die Punica-Oase aussehen J Um einen grünen See mit einer Handvoll schönen Häusern, umsäumt von Palmen und blühenden Bäumen türmen sich gigantische Sanddünen auf. Der ganze Ort verströmt eine relaxte Atmosphäre und uns kommen gleich die ersten Sandsurfer mit ihren Brettern auf der Straße entgegen. Es gibt überall Swimmingpools und Hängematten – herrlich! Hier bleiben wir jedenfalls erstmal. 

 

24. Juli 2003, Huacachina

15.815 km, S 14-05-16 / W 75-45-46 

Was soll man von einer Oasenstadt Aufregendes berichten? Wir haben uns ganz der relaxten Atmosphäre hingegeben, brav unsere Wäsche gewaschen und dabei das ganze Zimmer unter Wasser gesetzt, Spaghettis gekocht und endlich mal Bücher gelesen! Jawohl – das haben wir schon lange nicht mehr gemacht! Die Hängematten sind einfach genial zum Schmökern und man kann ganz nebenbei einen Riesenberg Tempotaschentücher unter sich stapeln, ohne dass sich jemand daran stört. 

Am späten Nachmittag stapften wir dann doch noch auf die größte der Sanddünen. Mussten doch mal sehen, wie das Bild von oben aussieht und was sich hinter dem ganzen Sand befindet. Wir kamen ziemlich ins Schwitzen und bekamen einen feinen Sandwind auf der Haut zu spüren, doch der Aufstieg lohnte sich. Viele probierten sich gerade beim Sandsurfen, andere lagen auch einfach nur im Sand und beobachteten die Buggies, mit denen man Ausflüge ins “Wüstenhinterland” unternehmen kann. Als wir – mit einigen anderen Romantikern – den Sonnenuntergang anschauten, war das Sahara-Feeling perfekt. Hinter der Oase gibt es nichts als Sand, Sand, Sand. Was für ein Sandkasten! 

Der Abstieg wurde noch viel besser, denn man sinkt so tief in den steilen Hang ein, dass man sich wie in Zeitlupe und auf Wolken schwebend mit Riesenstapfen nach unten treiben lassen kann. Das war ein Mordsgaudi und einer von uns quiekte lauter als der andere. Fix und fertig vom Tag fielen wir danach ins Bett.

 

25. Juli 2003, Huacachina - Sunampe

15.947 km, S 13-25-15 / W 76-09-33 

Am Morgen stellte sich wieder die Frage: fahren oder bleiben? Wie so oft, wenn wir uns unschlüssig sind, siegt meist der Fahrriemen. Letztendlich haben wir nicht mehr so viel Zeit, um nach Zentralamerika zu kommen. Wir wissen zwar noch nicht, wie wir es schaffen werden, Gunni & Betti dort zu treffen, aber irgendwie müssen wir es hinkriegen. In 4 Wochen fliegen die beiden nach Mexiko und wir freuen uns tierisch darauf, unser Bruderherz, Schwager und Admisnistrator und seine Betti in den Arm zu nehmen! 

Die Panamericana bis Lima hat nichts Aufregendes zu bieten und so versuchen wir einfach, Kilometer zu machen. Bei Sunampe stoßen wir erstmals auf das Meer, aber es ist nebelig und gar nicht so schön, wie wir uns die Küste vorgestellt hatten. Auch in puncto Zelten am Meer sieht es nicht gut aus: Hanka schüttelt ein schwerer Husten und wir müssen immer wieder anhalten, um unsere Nasen zu putzen. So geht es irgendwie auch nicht und wir suchen uns am zeitigen Nachmittag in Sunampe ein Hostal, um zu “verschniefen”. 

Der Reiseführer verrät uns, dass es in dieser Gegend etliche Pisco-Bodegas gibt und wir machen doch noch spontan einen Spaziergang zur “Bodega Chicha”. Pisco ist das Nationalgetränk in Peru und wir haben ja bereits einige male unsere Lieblingsvariante, den Pisco Sour, probiert. Wir werden herzlich in dem Familienbetrieb als Besucher empfangen. Arnando, der Bodega-Besitzer in der jetzigen Generation zeigt uns stolz die riesigen Pinien-Fässer und wir müssen von jeder Sorte gleich ein Glas kosten. Binnen Kürze haben wir einen kleinen Schwips, auch wenn uns die meisten der Weine nicht schmecken. Schon wenn wir uns mal so eine Flasche peruanischen Weines gegönnt haben, hatten wir jedes mal das Gefühl, einen gekorkten erwischt zu haben. Jetzt wissen wir, dass die Weine alle diesen eigenartigen Geschmack haben und man fast nur den süßen genießen kann! (Wir sind zwar keine Weinkenner, haben aber doch eine europäische Zunge.) Wir kaufen einen der Dessertweine und sind gerührt, als uns Arnando noch eine zweite Flasche gratis schenkt. Wir wissen zwar noch nicht, wohin mit zwei Flaschen Wein, aber wir verabschieden uns herzlich.

 

26. Juli 2003, Sunampe - Lima

16.166 km, S 12-03-28 / W 77-02-35 

Am Morgen fühlen wir uns ein bisschen besser und starten zeitig in Richtung Lima. Heute ist wieder mal nur “Kilometerschrubben” angesagt und wir sind schon gespannt auf die Hauptstadt. An Lima scheiden sich die Geister: wir haben schon Leute getroffen, die Lima ganz toll fanden, aber auch viele, für die Lima einfach eine scheußliche Stadt ist. Unser erster Eindruck ist aber eindeutig scheußlich. In einem Wirrwarr von Autobahnen finden wir uns nur schwer zurecht und erreichen wohl eher nur per Zufall das Stadtzentrum Die Hostalsuche ist leider auch nicht auf Anhieb erfolgreich – zumal wir unbedingt eine Küche haben wollen. Wir haben zwar einige Empfehlungsadressen in der Tasche, aber letztendlich konsultieren wir doch noch den Reiseführer nach Unterkünften. Nach einer Ewigkeit finden wir eine, die all unseren Anforderungen entspricht. Wannimmer wir irgendwo für länger bleiben wollen, verwenden wir inzwischen mehr Zeit auf die Auswahl einer schönen Bleibe. Nicht selten kann es ziemlich teuer werden, wenn man immer nur essen geht und keine Kochmöglichkeit hat. Das andere Extrem haben wir allerdings auch schon häufiger erlebt: selbst kochen ist manchmal teurer als essen gehen (zumindest in Bolivien, aber auch in Peru, wo es fast immer nur “Pollo con Arroz” gibt). In Reichweite ist sogar ein Hipermercado, einer der gigantischen Supermärkte, in denen uns immer vor Freude das Herz übergeht. Dort kaufen wir erstmal alles ein für unseren Lieblingssalat, Kartoffelsalat und natürlich für Flan. So ist ein Tag in der Küche schon gebongt, zumal wir auch endlich mal wieder Sauerteigbot backen wollen. 

Einen Fernseher haben wir auf dem Zimmer auch und Erik fand unter den Zeitschriften zufällig einen aktuellen SPIEGEL. Jetzt haben wir doch alles, was das Herz begehrt! Mal schauen, was Lima in den nächsten Tagen zu bieten hat.

 

27.-28. Juli 2003, Lima

16.166 km, S 12-03-28 / W 77-02-35 

Wir legen die obligatorische Stadtbesichtigung auf “Schusters Rappen” zurück und sind abends totmüde. Auch wir sind uns bei Lima nicht so einig: Erik gefällt die Stadt überhaupt nicht und Hanka findet, dass es doch ein paar ganz schöne Ecken und Häuser gibt. Schlimm ist hier wirklich der Müll – die Stadt erstickt förmlich darin und die stinkenden Berge erreichen Ausmaße, die weit über unsere Schmerzgrenze an Umweltbewusstsein hinausgehen!  

Am 28. und 29. Juli begeht man in Peru Nationalfeiertag. Wie zu erwarten, gehen derartige Feierlichkeiten mit endlosen Ansprachen und Paraden einher (die Bilder im Fernseher scheinen uns patriotischer als zu Honeckers Zeiten). Zuerst sind wir etwas verwundert, weil uns nicht geläufig ist, dass man in irgendeinem Land gleich zwei Feiertage daraus macht. Der Reiseführer schildert noch, dass am Vorabend des Nationalfeiertages ein großes Feuerwerk steigen soll (tolle Aussage!). Es ist nur die Frage, an welchem Vorabend? Die Einheimischen scheinen sich nicht sonderlich für Feuerwerke zu interessieren und so kriegen wir nicht heraus, wo, wann und um welche Uhrzeit die Knaller losgehen sollen. Gern hätten wir uns ein schönes Feuerwerk angeschaut, wenn wir schon den Hafengeburtstag, das Kirchblütenfest und das Alsterfest daheim verpassen. So spekulieren wir daruf, dass am 27. Juli um Mitternacht die Party steigt. Es kostet uns einige Mühe, uns so lange wach zu halten. Als es endlich auf zwölf zugeht, lauschen wir mit gespitzten Ohren allen Geräuschen – bereit, jede Minute auf die Dachterasse zu stürmen. Doch es tut sich rein gar nichts. Erik ist nicht böse darüber, im Bett bleiben zu können und Hanka bräuchte eigentlich auch den Schlaf. Im Moment hat die Erkältung uns beide ziemlich im Griff. Hankas Husten wird immer schlimmer und bekanntlich hilft mal wieder nichts. Der Zwiebelsaft gärt schon vor sich im Glas hin und Hustensaft haben wir auch schon gekauft.  

Apropos Hustensaft: es ist in Peru nicht so einfach, in die Apotheke zu gehen, nach Hustensaft zu fragen und einfach wieder nach Hause zu gehen. Als Hanka zur Apotheke wetzt und ihr Anliegen vorträgt, lässt sich die Verkäuferin nicht davon abbringen, dass unbedingt ein Arzt konsultiert werden muss. Hanka will nicht zum Arzt, denn sie weiß ja, das der Husten bei ihr immer herzerweichend und gefährlich klingt (was aber nichts zu sagen hat). Wie sich herausstellt, spielt die Apothekenverkäuferin selbst den Arzt und zerrt Hanka in ein Kabuff um die Ecke. Hanka weigert sich zunächst, ihrgendwelche Aussagen zu machen oder ihren Namen zu verraten. Aber offensichtlich gibt es ohne Untersuchung keinen Hustensaft und leider kann sich Hanka nicht an eine andere Apotheke in der Nähe erinnern. Die Verkäuferin ist davon überzeugt, dass Hanka unbedingt Penizilin braucht und schreibt ihr eine Rezeptliste mit lauter anderen Sachen auf. Langsam wird Hanka stinkig, denn es kann doch nicht so schwer sein, einfach nur Hustensaft zu kaufen. Widerwillig lässt sie sich die Medikamente raussuchen und es bestätigt sich, was sie schon die ganze Zeit vermutet hatte: der ganze Kram soll ein halbes Vermögen kosten! Wutentbrannt gibt sie der Verkäuferin zu verstehen, dass sie das Zeug nicht braucht und sie ihr lediglich den Hustensaft geben soll. Zähneknirschend rückt die Alte endlich den Hustensaft raus und Hanka zieht entrüstet von dannen. Als sie Erik die Geschichte erzählt, mischt sich einer der Touris im Hostal unerwartet ein. Das sei ein Sport hier, Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen und man sollte einfach brutal seinen Willen durchsetzen. Angeblich nimmt es einem hier auch keiner übel, mal handgreiflich zu werden. Offensichtlich ist der Junge aus einem anderen Holz geschnitzt als wir, aber wir werden uns den Tipp merken. 

Das uns die Peruaner als Mentalität nicht gerade sympatisch sind, bestätigt ein anderes Beispiel. Gleich um die Ecke gibt es einen kleinen Bäcker, wo wir am ersten Tag Schweinsohren entdeckten. Es waren die leckersten seit Ewigkeiten und wir kamen nicht umhin, uns dort jeden Tag eine süße Belohnung zu gönnen. Erstaunlich war nur, dass diesselben Schweinsohren von Tag zu Tag teurer wurden. Am dritten Tag kostete ein Schweinsohr bereits das Doppelte vom ersten Tag. Als wir die Verkäuferin auf die inflationären Schweinsohren ansprachen, legte sie das Gebäck einfach zurück und zuckte mit den Schultern: entweder zahlen oder keine Schweinsohren! Es ärgert uns, dass die so mit Touristen umspringen können, denn bei Einheimischen würden sie sich derartiges wahrscheinlich nicht mal trauen! Wenn doch unser Spanisch nur so gut wäre, dass man denen mal richtig die Meinung flöten könnte!!! 

Wir sind uns beide einig, dass wir schnellstmöglich Lima hinter uns lassen wollen. Durch die Feiertage haben wir sowieso keine Chance, irgendwo nach Reifen Ausschau zu halten und wenn wir es recht bedenken, sehen die Metzeler noch gar nicht so schlecht aus. In Quito erwischen wir bestimmt einen besseren Zeitpunkt. 

In den Tagen in Lima lernen wir Pia & Poul kennen: zwei Dänen, die bereits seit 3 Jahren auf Weltreise mit einem Offroader sind und stolz verkünden, dass sie noch weitere 3 rastlose Jahre planen. Pia geht es nur leider im Moment nicht gut: sie hat sich im Altiplano beim Zelten eine Lungenentzündung eingefangen (wir konnen uns das gut vorstellen), so dass wir den Abend nur mit Poul verbringen. Er hat einen ungewöhnlichen Humor und viel zu erzählen von der Welt. Bevor die beiden ihr jetziges Abenteuer starteten, waren die beiden auf Motorrädern in Europa unterwegs und sammelten ähnliche Erfahrungen, wie wir gerade machen. Für die beiden stand nach der Tour jedenfalls fest, dass der nächste Tripp nicht mehr mit Bikes, sondern mit einem Auto starten soll. Das macht uns ziemlich nachdenklich, zumal wir eine völlig andere Perspektive vom Reisen bekommen. Der Abend mit Poul war jedenfalls ziemlich interessant. Vielleicht trifft man sich ja mal irgendwann irgendwo wieder…

 

29. Juli 2003, Lima - Río Fortaleza

16.418 km, S 10-22-41 / W 77-40-34 

Der Zwiebel- und Hustensaft scheinen langsam zu wirken: Hanka geht es ein bisschen besser und auch Erik ist froh, endlich aus der Stadt zu kommen. Die Panamericana führt immer am Meer entlang und wir freuen uns darauf, dass das Wetter vielleicht ein bisschen aufklart und wir irgendwo schön zelten und Fisch essen können. Wir haben schon seit Wochen unser Zelt nicht mehr aufgschlagen und vermissen das Campen ziemlich.  

Der Nebelschleier, der schon die ganze Zeit über Lima hing, verfolgt uns weiter entlang der Küste. Wir haben irgendwo gehört, dass er sich hartnäckig bis ca. 200 km nördlich Limas halten soll und wir bekommen eine leise Ahnung. Hin und wieder begleitet die Panamericana schnurgerade das Meer, aber das hört sich schöner an, als es in Wirklichkeit ist. Die Küste ist völlig unspektakulär: ein breiter Streifen Wüste ohne nennenswerte Strände, Häuser oder sonst irgend etwas, woran sich das Auge freuen könnte.

Anke und Ulf hatten uns bereits gewarnt und wir machten heute gleich dreimal unsere Bekanntschaft mit der "Highway-Polizei". Die Typen sitzen derart gelangweilt in ihren Offroad-Wagen, versteckt hinter Reklametafeln und sonstigen Hindernissen und warten auf geeignete "Opfer", die sie schikanieren können. Für diese langweilige Straße fahren die wirklich volles Kaliber auf und alle paar Kilometer entlang der Panamericana stehen wieder zwei Bullen. Als sie uns zum ersten mal rauswinken, waren wir tatsächlich zu schnell. Erik hatte das 45 km/h-Schild einfach nicht gesehen und wir ließen uns noch artig belehren, dass wir auf diese Art und Weise schnell 120,- USD los wären. Mit ein bisschen Diskussion blieb es bei einer Belehrung und wir konnten weiterfahren mit dem Versprechen, brav auf die (z.T. völlig sinnlosen) Geschwindigkeitsbegrenzungen zu achten. Das taten wir auch, denn wir waren sicher, dass uns die Bullen bereits dem nächsten "Wegelagerern" per Funk angekündigt hatten. Gleich darauf wurden wir natürlich prompt wieder rausgewunken. Wie sich herausstellte, hatten die aber keine Ahnung, dass uns die Bullen ein paar Kilometer weiter auch gerade am Wickel hatten. Angeblich wären wir wieder zu schnell gefahren. Dabei sind wir von sämtlichen Fahrzeugen überholt worden, weil wir die einzigen waren, die peinlichst genau auf die Geschwindigkeit achteten! Frech zeigte uns einer der Bullen seine Radarpistole: 77 km/h in einer 50-Zone. Das schlägt doch echt dem Fass den Boden aus! Wen auch immer der geblitzt hat, wir waren es jedenfalls nicht. Wahrscheinlich liegt die Radarpistole schon seit 10 Minuten rum und nun will der Kerl uns weismachen, dass wir zu schnell waren. Jetzt hilft nur noch die "Amigo-Methode": Lachend klopfen wir ihm auf die Schulter, grinsen und meinen "Amigo!". Das wirkt und er merkt, dass er sich selbst lächerlich macht mit diesem Trick. Damit er nicht ganz so dumm dasteht, faselt er noch was von Verwarnung (wir erzählen im natürlich, es wäre unsere erste) und dann dürfen wir endlich weiterziehen.

Keine 5 Minuten später winkt der nächste Typ. Wir sind inzwischen völlig angenervt und zu der Überzeugung gelangt, dass es ein beliebter Polizistensport in Peru sein muss, dumme Touristen abzuziehen. Man kann es ja mal versuchen. Mit unserer Honda fallen wir denen ja schon von weitem als Gringos ins Auge! An die Überlandbusse jedoch scheinen sich die Bullen nicht zu wagen. Die sollten sie mal kontrollieren, denn die Reisebusse fahren hier mit Abstand den heisesten Reifen und ignorieren grundsätzlich alle Art von Schildern. Jedenfalls hat der Bulle diesmal nichts zu unserer Verurteilung vorzubringen und murmelt nur, dass wir langsam fahren sollen (Tun wir ja, verdammt noch mal!!!!). Dann kommt auch schon der Abstecher in Richtung Huaràs und wir sind erleichtert, von dieser blöden Panamericana runterzukommen. Dem nächsten Bullen, der uns angehalten hätte, wären wir
garantiert an die Gurgel gesprungen!

Es dauert keine 15 km und wir tauchen aus dem Nebelschleier in ein fruchtbares, grünes Tal, in dem die Sonne scheint und ein blauer Himmel strahlt. Unsere Spekulationen haben sich bewahrheitet und wir freuen uns, das Zelt nicht schon irgendwo an der Nebelküste aufgestellt zu haben. Bei diesem Wetter fällt es uns leicht, auf den grauen Pazifik und den Fisch zu verzichten (wir sahen ohnehin kein einziges Fischerboot). Die Landkarte prophezeit einen ziemlichen Höhenanstieg bis Huaras, so dass wir uns noch in der warmen Sonne im Flachland einen geeigneten Übernachtungsplatz suchen.

Der erste Abzweig scheint perfekt: wir könnten im weichen Sand neben einem Fluss campen, Holz und Fluswasser gäbe es auch. Allerdings ist da ein kleines Problem: um dahin zu gelangen, müssen wir die Honda irgendwie durch einen Bach und das anschließende Schlammloch bringen. Nachdem die Lage abgecheckt ist, sammeln wir große Steine zusammen und bauen eine Durchfahrt. Dann Luft anhalten, Anlauf nehmen und durch. Erik steuert die schwere Fuhre wie ein Profi durch das Hindernis und Hanka rennt jubelnd hinterher. Der Platz ist super, aber dafür, dass wir zelten wollen, sind wir ziemlich schlecht vorbereitet. Das Trinkwasser wird diesmal knapp und wir müssen sparsam sein. Während Erik noch große Bäume für das Lagerfeuer heranschleppt, knetet Hanka einen Brotteig zusammen. Wir haben nur mit Mühe Backpulver erstehen können, waren aber schon seit Wochen neugierig auf Sibylle und Marcos Rezeptbeschreibung, wie man schnell und einfach in der Pfanne Fladenbrot backen kann. Für den Anfang waren die runden brotähnlichen Fladen nicht schlecht, aber wir brauchen bestimmt noch ein bisschen Übung.

 

30. Juli 2003, Río Fortaleza - Huarás

16.587 km, S 09-31-49 / W 77-31-27 

Zwar steht uns heute nur eine kurze Tagesetappe bevor, aber dafür können wir das Tal zwischen der Cordillera Blanca und der Cordillera Negra bei tollem Wetter und im Hellen erleben. Die Honda quält sich mal wieder auf nicht unbeachtliche 3.150 m hinauf, wo uns rechterhand die Schneeberge und linkerhand - nicht ganz so hohe - schwarze Berge begrüßen. Die Straße ist schön asphaltiert und zieht sich genau mitten zwischen diesen beiden Bergmassiven hindurch. Auch hier erinnert uns die Landschaft ein bisschen an "Heidi", selbst wenn die Frauen mit ihren bunten Trachten und Baumwoll-Spindeln, um Wolle herzustellen, nicht ganz in die Heidi-Kulisse passen. Wie schon so oft im Hochland werden auch hier die Felder in Form von Terassen angelegt, was für den Reisenden eine bunte Facette an Farben, Stufen und Hügeln mit sich bringt. Wir hatten zwar schon von einigen Leuten gehört, dass sich der Abstecher in die Cordilleras wirklich lohnt, aber die Landschaft übertraf wirklich unsere Erwartungen. Huaràs sollte auch gleichzeitig der Punkt unserer Reise sein, ab dem wir nicht mehr frieren müssen. So schnell werden wir zumindest bei den nachfolgenden Ländern nicht mehr derartiges Höhenniveau befahren. Außerdem stoßen wir ja stetig Richtung Norden, so dass es nur noch wärmer werden kann. Was man allerdings in diesen Breiten deutlich merkt, ist die Nähe zum Äquator. Die Sonne hat wesentlich mehr Kraft als noch im Altiplano und es ist angenehm warm. Ist doch gar nicht übel, wenn man sich auf Frieren einstellt und letztendlich ins Schwitzen kommt.

Unterwegs halten wir in einem kleinen Dorf, weil unsere Bäuche auf eine Mittagspause bestehen. Es gibt einige einfache Restaurants zur Auswahl und viele von denen locken mit Angebotsschildern, auf denen "Cuy" steht. Da war doch noch was! Also, wenn nicht heute, wird Hanka wohl keine Meersau mehr auf den Teller kriegen. Erik bestellt für sich ein konventionelles Steak und Hanka wagt sich an "Cuy". (Also, liebe Leute, Eure Proteste haben nichts genützt. Schließlich sollte man sich nicht scheuen, die einheimischen Spezialitäten zu probieren, wenn man schon einheimische Eindrücke mit nach Hause nehmen will, oder?) Erik lief ein Schauer über den Rücken, als ein halbes gebratenes Meerschwein vor Hanka auf dem Teller liegt und wie zum Gruß eine Pfote samt Krallen über den Tellerrand lukt. Jetzt drängt sich zwangsläufig die Frage auf, wie denn solch eine Meersau schmeckt. Probieren! - kann man nur sagen. Aber mal ernsthaft, wahrscheinlich hat Hanka den Fehler gemacht, und "Cuy picante" bestellt. Das Vieh war derartig in einer Soße eingebraten, dass man nur die Soße schmeckte. Abgesehen davon, dass an diesen kleinen Nagern nicht viel dran ist, schmeckte das bisschen Fleisch völlig nach der Soße. Hanka kann also gar nicht genau sagen, wonach Meerschwein schmeckt. Nicht übel jedenfalls, auch als "picante".

Bei der Quartiersuche hatten wir heute ein gückliches Händchen - diesmal stimmte wirklich alles: Parkplatz, gute Matratze, schönes Bad, Küche, Kühlschrank, nette Leute und alles auch noch zum guten Preis!

Guter Dinge spazieren wir ins Internet-Cafe. Aber die Magenschmerzen folgten prompt - und sie rührten nicht vom "Cuy". Hanka traf bald der Schlag, als 108,- EUR über Kreditkarte auf ihrem Konto abgebucht waren. Genau diese Kreditkarte haben wir überhaupt nicht mitgenommen!!! So ein Mist aber auch. Beunruhigt und voller Verärgerung stürzen wir in ein "Centro de Llamadas", wo wir mit einer ganzen Hand voll Münzen nach Deutschland telefonieren und die Kreditkarte sperren lassen. Die Karte ist seitdem Gott sei Dank nicht mehr benutzt worden, wie die nette Dame am Ende der Leitung versichert. Wenigstens ist uns das erspart gelieben! Jetzt gilt es nur, herauszufinden, wer da wo sein Unwesen mit Hankas Karte treibt. Kreditkartendiebstahl gehört definitiv nicht zu den tollsten Erfahrungen auf Reisen, das können wir mit Gewissheit sagen. [Später erfahren wir, dass Karstadt eine Rechnung aus November letzten Jahres erst im Juni abgebucht hat, weshalb auch immer? Die Karte ist also doch nicht gestohlen.]

 

31. Juli 2003, Huarás – Huanchaco

16.988 km, S 08-04-58 / W 79-07-14 

Obwohl die meisten Besucher länger in Huarás bleiben, um die umliegenden Berge zu erklettern/bewandern/bereiten, brechen wir nach Huanchaco auf. Auch vom Motorrad aus kann man die tolle Landschaft hier genießen.

Um aus der Stadt zu kommen, müssen wir eine Slalomfahrt hinlegen. Die Hauptverkehrsstraße ist kurzerhand in einen Wochenmarkt umfunktioniert worden, und kleine Ferkel, quiekende Meerschweinchen, Obst, Holz und sonstiger Krempel werden in einem bunten Treiben feilgeboten. Nachdem wir uns durch das Gewühl hindurchmanövriert haben, muss Erik blitzartig das Motorrad stoppen. Hanka hat ein Feld mit Quinoa entdeckt und nachdem wir schon so viel über diese alte Inkapflanze gehört und das Korn sogar bereits probiert haben, muss sie sich doch das Feld aus der Nähe anschauen. Schon die ganze Zeit hat Hanka nach ungewöhnlichen Pflanzen Ausschau gehalten, aber nirgendwo das gelobte Quinoa entdeckt. Die Pflanze sieht so ähnlich aus wie der heimische Fuchsschwanz, nur das die Körner essbar und auch noch sehr gesund sind. Soviel zum Thema Pflanzenkunde (Hanka hätte wirklich langsam gern ein Buch zum Nachschlagen, was am anderen Ende der Welt alles so wächst und wuchert.) 

In Caraz, dem nächstgrößeren, idyllischen Ort zwischen Cordillera Blanca und Cordillera Negra stellen wir fest, dass wir zu weit gefahren sind. Der Abstecher in Richtung Pueblo Libre war wirklich kaum zu finden und skeptisch folgen wir einen rot-staubigen Serpentinenstraße. Wir brauchen anderthalb Stunden, um in nicht enden wollenden, mit Sand und Staub gefüllten Kurven die Kammlinie der Cordillera Negra zu erreichen. Von oben haben wir einen grandiosen Ausblick zurück auf die schneebedeckten Berge und die buntgetupften Dörfer, die sich an die Hänge schmiegen. Ringsherum ist fast jeder Hügel mit Terassenfeldern bedeckt. Echt Wahnsinn, wie die Peruaner ihre Berge umgraben! Wenn man auch noch sieht, wie steil die Terassen  nach unten abfallen, braucht man sich nicht wundern, wieso in Peru Landwirtschaft fast nur von Hand möglich ist. Auf der anderen Seite der Cordillera Blanca erleben wir die Bauern bei der Arbeit hautnah. Das Getreide wird mit Dreschflegeln geschlagen und anschließend die Spreu vom Korn getrennt. Dazu wird das Getreide mit einer flachen Schale aus Korb in die Luft geworfen: die Körner fallen herunter und die Spreu bläst der Wind ein Stück weiter auf einen anderen Haufen. Eigentlich ganz einfach, aber wer in Deutschland kennt schon sowas, wenn nicht gerade mal unsere Großeltern? 

Die Piste auf der anderen Seite wird nicht besser und wieder graben wir uns entlang der Hänge durch Serpentinen; diesmal nach unten. Doch die schlechte Piste nehmen wir für die fantastische Landschaft gern in Kauf. Nach einer ziemlich anstrengenden Fahrt erreichen wir Moro und sind nun fast wieder auf Meeresspiegelhöhe angelangt. Das letzte Stück bis zur Panamericana zieht sich durch Zuckerrohrplantagen. Inmitten der großen Wedel können wir mitsamt dem Motorrad fast verschwinden.  

Die nächste Station ist Chimbote, ein furchtbar hässlicher Hafenort an der Panamericana. Wir sehen zu, dass wir Land gewinnen und aus der Stadt flüchten. Die Taxifahrer hier sind echt die Härte: “Rückspiegel? Was ist das? Ich habe doch eine Hupe!” In dem kurzen Stück durch Chimbote werden wir gleich zweimal fast gerammt, weil die Taxis wie die Chaoten Spuren wechseln, ohne Vorwarnung losfahren, ausscheren und anhalten. Wer Erik kennt, der weiß, dass er nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen ist. Doch hier erlebt Hanka Erik als bitterbösen, knallharten Verkehrsteilnehmer, der noch während der Fahrt einem Taxi in die Tür tritt – nachdem der Plödmann uns fast zum Stürzen gebracht hat! 

Wir wissen, dass wir uns heute viel vorgenommen haben. Es folgen noch mal 125 km bis Trujillo und dann haben wir es fast geschafft bis Huanchaco. Die Casa Suiza steht schon seit langem auf unserer Hostalliste und wir freuen uns auf einen Ausspanntag am Meer. Doch bis Huanchaco müssen wir uns zunächst noch durch Trujillo schlagen. Mangels Wegweisern greifen wir auf die wildesten Wegbeschreibungen der Einheimischen zurück; schaffen es dank eines freundlichen Taxifahrers (ja, ja, es scheint auch das andere Extrem in Peru zu geben) bis zur letzten Kreuzung, die uns direkt nach Huanchaco führt. Normalerweise meiden wir jede Art von Nachtfahrten, aber wir haben´s geschafft und mehr zählt heute nicht!

 

1.-3. August 2003, Huanchaco

16.988 km, S 08-04-58 / W 79-07-14 

Eigentlich sollte es nur ein Tag in der Casa Suiza werden, aber wir blieben drei. Schön wäre es gewesen, wir könnten diesen Umstand allein Heidis unglaublicher Gastfreundschaft zuschieben. Die 77-jährige Schweizerin verwöhnt all ihre Gäste mit einem herrlichen Frühstück: Brötchen, die endlich mal wie fast wie zuhause schmecken, selbstgemachte Säfte, ordentlicher Filtercafé und die Krönung: 3 Sorten selbstgemachte Marmeladen. Köstlich! 

Leider konnte Erik das liebevolle Frühstück nur einmal genießen – die restliche Zeit quälte er sich mit heftigen Darmkrämpfen. Inzwischen war die Wäsche gewaschen und die chilenische Rasselkette an der Honda durch die alte O-Ring-Kette ersetzt, die wir noch immer mit uns rumschleppten. Doch Erik ging es von Stunde zu Stunde schlechter, fühlte sich matt und appetitlos und kam mit Fieber vom Motorradbauen ins Bett gekrochen. Am nächsten Morgen war das Fieber sogar noch höher, so dass wir definitiv bleiben mussten. Nachmittags, nachdem Erik das erste mal wieder etwas zu sich genommen hatte, sank die Temperatur. Auf wackeligen Beinen wankte er sogar bis die drei Blocks bis zum Strand , wo wir den restlichen Tag gemeinsam im Sand verbrachten. Es sah so aus, als könnten wir die Reise sogar am nächsten Morgen fortsetzen. Doch es kam anders. Noch am selben Abend glühte Erik vor Fieber, so dass sich Hanka ernsthaft Sorgen zu machen begann. Nichts wollte helfen, auch nichts gegen den Durchfall. Am Morgen hatte das Fieber 39°C erreicht – jetzt wurde es wirklich Zeit, zum Arzt zu gehen! Nur leider war Sonntag und erst beim zweiten Versuch fand sich jemand in der Klinik, der Erik untersuchen und ihm richtige Medikamente aufschreiben konnte. Der Visitebesuch kostete gerade mal 5,- Soles (umgerechnet 1,30 EUR – wir lieben es noch immer, den Vergleich zu Deutschland zu ziehen). Vielleicht war das auch einfach nur der “Pförtnerpreis”. Wir werden wahrscheinlich nicht herausfinden, ob der Typ, der Erik untersuchte, nun ein Arzt war oder der Hausmeister. Offensichtlich haben wir ihn gerade beim Autoputzen gestört. Mit neuen Tabletten, Elektrolytösung und neuer Hoffnung kroch Erik wieder ins Bett – der ärmste! 

Zur gleichen Zeit holte sich Hanka am Strand den Sonnenbrand ihres Lebens! Als sie am Nachmittag den kranken Fiebertiger im Hostal besuchen wollte, glühte auch sie – nämlich am Rücken, an der Taille und am Hintern. Die Krebsröte stellte sich fieserweise erst nach einer halben Stunde ein, so dass Hopfen und Malz bereits verloren waren – und das trotz guter Nivea-Sonnencreme! (Tja, man sollte halt immer einen Mann mit zum Strand nehmen.) 

Eine weitere Katastrophe ereignete sich bereits am Vortag. Wieder einmal lag Erik im Bett und Hanka versuchte indessen, am Strand das Tagebuch up to date zu bringen. Leider kam sie nicht sehr gut voran, weil sich andauernd Einheimische zu ihr gesellten, um die üblichen Worte zu wechseln. Man muss dazu sagen, dass die Leute in Huanchaco aufrichtig nett sind und im Gegensatz zur sonstigen Spezies der Peruaner aus dem Rahmen fallen. Hanka war gerade mit einer netten Frau und ihren Kindern ins Gespräch vertieft, als plötzlich eine riesige Welle alle Strandgenießer hochjagte. Unsere Reaktionszeit war leider extrem schlecht und schon schwamm Hankas Täschen ein Stück mit der Welle mit. Alles, aber auch alles wurde klatschnass und mit einer Sandkruste versehen: der Handheld-Computer, der Fotoapparat, die Landkarte, das mittlerweile wertvolle Notizbuch, Turnschuhe und Klamotten und auch der gerade neu erworbene Roman. Super! Schnurstracks mit dem nassen Zeug in der Hand rannte Hanka barfuß zur Casa Suiza. “Bitte, bitte, lass nicht die Kamera kaputt sein” war alles, wofür sie betete. Schnell war der gröbste Sand abgespült und obwohl die Kameratasche voll mit Sand war, hatte die gute Digicam wie durch ein Wunder keinen Schaden genommen. Nicht so gut stand es um den Handheld. Das Salzwasser lief schon unter dem Disply lang und wir zerlegten das gute Stück sorgfältig in alle Einzelteile in der Hoffnung, dass es trocknen und wieder funktionieren möge. Bis jetzt sieht es nicht so gut aus, aber wir warten noch ein paar Tage ab. 

Obwohl wir uns so auf die Meeresküche gefreut hatten, kam lediglich Hanka in den Genuss von “Cebiche” (in Limonensaft marinierte, rohe Stückchen von Fisch und Meeresfrüchten). Die “Cebiche Don Pedro” im gleichnamigen Restaurant verdient besondere Erwähnung. Nach der Pechsträhne in Huanchaco zählte zumindest dieser Restaurantbesuch zu den Highlights. 

 

4. August 2003, Huanchaco – Pacasmayo

17.146 km, S 07-23-51 / W 79-34-12 

Aus Rücksicht auf unsere “ledierten Körper” beschließen wir, die Tagesetappe nur auf 100 km zu legen. Die Hostaladresse in Pacasmayo klingt vielversprechend und so können wir erstmal langsam ausprobieren, wie es sich mit Sonnenbrand und Durchfall vorwärtskommen lässt. Jedenfalls wollen wir versuchen, ein Stückchen weiter zu fahren. 

Vorher wollen wir einen Abstecher nach Chan Chán unternehmen und uns anschließend die Mondpyramide anschauen. Um Trujillo gibt es so viel zu sehen und wir haben in den letzten drei Tagen nichts auf die Reihe gekriegt. Chan Chán war bis Mitte des 15. Jahrhunderts die Regierungsstadt der Chimú. Der Komplex ist gigantisch groß und der Palast der Tschudi recht gut rekonstruiert. Im Gegensatz zu den meisten peruanischen Attraktionen gibt es hier ausnahmsweise gute Infotafeln – sogar in Englisch – und anschauliche Modelle, so dass man wenigstens ein bisschen der Hintergründe versteht. Es ist erstaunlich, wie die 9 m hohen Wände samt Tierdekorationen die sandigen Wüstenwinde an der Küste überdauert haben. 

Nicht ganz so viel sieht man im Reich der Moche (100 v.Chr. – 850 n.Chr.). Die Sonnenpyramide liegt noch ganz unerforscht brach und ist für Unwissende nicht mehr als ein unscheinbarer Hügel. Auch die Mondpyramide wurde erst in den 90zigern entdeckt und seitdem wird fleißig gegraben und geforscht, soweit die Gelder es zulassen. Spektakulär  sind die farbigen Wände, die noch original erhalten sind. Jetzt versteht man wenigstens die historisch-kulturellen Hintergründe Perus besser, denn jede Kultur hat etwas der vorhergehenden übernommen. 

Nach diesem geschichtlichen Exkurs steuerten wir Pacasmayo an. Doch wir sind noch nicht mal aus Trujillo raus, als ein Melonenlaster unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Um unsere Lieblingsfrucht würden wir uns wahrscheinlich sogar schlagen. Mit Wasserbäuchen geht´s weiter. 

Wir erreichen Pacasmayo erst in der Dunkelheit. Nachdem uns ein Typ zu dem vielversprechenden Hostal lotste (die Adresse stimmte nämlich nicht), stehen wir ziemlich ratlos vor der Tür und konsultieren unseren Reiseführer nach alternativen Unterkünften. Die angeprießene Herberge entpuppte sich nämlich als ziemliche Absteige und wir hatten uns gedanklich auf eine schöne Bleibe eingestellt. Viel Auswahl an günstigen Bleiben gab es leider nicht und so folgten wir einem Jungen mit Fahrrad zu einem abgelegenen Surfer-Hostal. Dort blieben wir, auch wenn Erik gleich als erstes den Klo-Duftstein entfernen musste, der das ganze Zimmer verpestete. 

Genauso schwierig, wie die Suche nach einem Hostal, gestaltete sich die Suche nach einem Restaurant. Erik wollte am liebsten nur Kartoffelpü und Hanka am liebsten Cebiche oder anderen Fisch. Doch wie so oft in Peru, gab es an jeder Ecke nur “Pollo con Arroz” – allein schon der Geruch nach diesen frittierten Hühnchen widert uns an. Wie sagte Heidi gestern so schön: “In Peru bekommt man beizeiten Flügel!” Das einzig annehmbare Hotelrestaurant im Ort ersparte uns schließlich das Wachsen von Flügeln und wir bekamen einigermaßen das auf den Teller, was wir uns vorstellten. 

 

5. August 2003, Pacasmayo – Piura

17.471 km, S 05-11-48 / W 80-37-45 

Wir starten beizeiten und stellen entsetzt fest, dass lauter winzige Ameisen in Eriks Waschtasche eingewandert sind. Auch die Digicam müssen die Viecher irgendwie interessant gefunden haben, denn die Biester versuchten hartnäckig, die Linse zu erobern. Das hat man davon, wenn man die Sachen über Nacht dem Fußboden aussetzt. 

In Chiclayo, dem nächstgrößeren Ort, machen wir Halt, um unsere Postkarten endlich loszuwerden. Wie immer stehen wir gleich im Mittelpunkt, wannimmer wir irgendwo anhalten. Auch nach 5 Monaten haben wir uns noch immer nicht daran gewöhnt. 

Weiter geht´s auf der Panamericana Richtung Norden. Die berühmteste Straße Amerikas verdient in dieser Gegend ihren Ruf als Traumstraße keineswegs. Wir heizen durch Wüste, Wüste, Wüste. Links und rechts türmen sich im Sand die Müllberge, dass man sich nicht wundern muss, wieso es in der Wüste so viele Fliegen gibt! 

Zu unserer überraschung ist Piura auffallend sauber (wenn nicht sogar die sauberste Stadt Perus, wie wir empfinden). Die Jungs im Hostal sind total witzig und völlig begeistert, dass wir mit dem Motorrad unterwegs sind. In einer unglaublichen Emsigkeit macht der eine gleich den günstigsten Parkplatz in der Nähe ausfindig. Der Deal ist gut – so sei ihm gegönnt, dass er sich auf dem Weg zum Parkplatz als Eriks Sozius von den Leuten feiern lässt. 

Da wir endlich mal wieder im Hellen eintrudeln, bleibt ein bisschen Zeit, um die Stadt zu inspizieren. Wir finden einen kleinen Markt, wo es “Natilla” gibt, eine süße, regionale Spezialität aus Ziegenmilch. Doch nach dem Probieren schmeißen wir den Rest weg. Das Zeug ist widerlich süß (war ja eigentlich auch nicht anders zu erwarten) und schmeckte wie Ziegenmilch mit “Dulce de Leche” (der furchtbarste Brotaufstrich Südamerikas). Das ist jedenfalls nur etwas für peruanische Zungen!

Hanka und Erik
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