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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch

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Ecuador – Land der Wolkenspiele

 

6. August 2003, Piura – Catacocha

17.742 km, S 04-02-56 / W 79-38-58 

Wir kommen nicht weg, ohne dass die Jungs etliche Fotos von uns und der Honda geschossen haben. Bei denen haben wir ein Stein im Brett! 

Ein letztes Stück Einöde bis Sullana und dann haben wir den hässlichen Teil der Panamericana endlich hinter uns. Hier teilt sich die Straße und wir erleben, wie schön der Norden Perus sein kann.Die Dörfer sind malerisch und voller Leben, überall grünt und blüht es und die Verkaufsstände brechen unter den vielen Früchten fast zusammen. Wir passieren ein Örtchen, in dem am Straßenrand meterhohe Berge an Limonen herumliegen und in Säcke gefüllt werden. Hanka gehen bald die Augen über, hat sie doch in der letzten Zeit so oft sattes Grün vermisst. 

Kurz vor der Grenze sehen wir die ersten Reisfelder. Es ist unerwartet heiß geworden und wir fühlen uns nun gänzlich, wie irgendwo in Asien. Überall werden die Reisterassen gerade frisch bestellt und die meisten Bauern winken freundlich, als wir dem Schauspiel zusehen. In einem der kleinen Dörfer lassen wir uns frische Melone am Straßenrand aufschneiden. Es ist die beste, die wir jemals gegessen haben (die muss gerade frisch geerntet worden sein)! Inzwischen hat sich das halbe Dorf um unsere Honda versammelt und vor allem die Kinder bestaunen uns neugierig. So viele Kinderaugen - wir können den Moment noch mit der Kamera festhalten, dann müssen wir weiter. 

Inzwischen hat sich Hanka der Motorrad-Innenfutter entledigt, wobei gleich einige Sandfliegen die Gunst der Stunde nutzten, und die freien Körperstellen eroberten. Richtig schlimm hatte es Erik erwischt. Allein an seinen Armen hatte er mindestens 20 Stiche, die sich langsam zu fetten, roten Flatschen entwickelten! Bei diesen fiesen Stichen hilft noch nicht mal Fenistil-Gel! Jetzt haben wir zwar unseren lang ersehnten Sommer und die Thermofutter sind endlich aussortiert, aber das ist der Preis der Wärme. Auf Viehzeug stechender und krabbelnder Art müssen wir uns jetzt wohl oder übel einstellen! 

Apropos krabbeln, wir trauten unseren Augen nicht, als der erste Leguan über die Straße huschte. Wir sahen noch einige mehr und auch einen ziemlich komischen Kauz mit dem Fahrrad. Schon von weitem erspähten wir eine lange Stange an einem Fahrrad von links nach rechts wanken und wunderten uns, wer da seine Wäsche trocknet. Tatsächlich aber hatte der verrückte Brasilianer alle möglichen Länderflaggen an sein Fahrrad gebunden. Den Lenker verzierten zur Krönung zwei regenbogenfarbene Staubwedel und ein alter Kassettenrekorder. Echt durchgeknallt, der Typ! 

In La Tina trennt nur eine Brücke Peru von Ecuador, dem fünften Land unserer Reise. Die Landschaft ist atemberaubend und exotischer denn je. Auch hier gibt es zahlreiche Reisterassen, eigenartige Bäume ohne Blätter, dafür mit roten Blüten und knorrige Riesenbäume, an denen Baumwolle hängt. Mit unserem heimischen Naturwissen über Kastanien und Eicheln kommen wir hier jedenfalls nicht weit. Dazwischen wuchern Bananen, Papayas und Kokospalmen wie Unkraut. 

Im ersten ecuadoriansichen Dorf liegen wieder riesige Wassermelonen vor der Dorftienda, aber wir können beim besten Willen keine ganze mitnehmen. In diesem Moment könnte man schon bedauern, nicht einfach mit dem Jeep unterwegs zu sein; wir denken an Pia und Poul. Statt Melone probieren wir von der frischen, tiefgekühlten Kokosnussmilch, die man mit dem Strohhalm direkt aus der Nuss trinkt - auch ganz lecker! Wir sind jedoch ein wenig pikiert, die ausgetrunkenen Nüsse einfach wegzuschmeißen. Normalerweise hätten wir sorgfältig jedes Stück Kokosfleisch herausgeknabbert; aber hier schert sich keiner darum. Es gibt ja sooooo viele Früchte! 

Für uns wird unser erster Tag in Ecuador mal wieder ein Zeitkampf gegen die einbrechende Dunkelheit. Wir schwanken zunächst zwischen zelten und weiterfahren. Doch mangels Trinkwasser wollen wir es doch noch bis Catacocha schaffen, wo wir eine äußerst nervige Suche nach einem Hostal überstehen müssen. Wir sind ein wenig überrascht, was die hier in der Provinz für Übernachtungspreise verlangen!  

 

7. August 2003, Catacocha – Cuenca

18.050 km, S 02-53-42 / W 79-00-03

Wir sind die Wärme nicht gewohnt und haben schlecht geschlafen - unsere ganzen Sandfliegenstiche taten ihr übriges, um uns eine unruhige Nacht zu bescheren.

Im Werkzeugladen gegenüber herrschte am Morgen reger Andrang. Mangels einer Garage hatten wir die Honda gestern abend in das Geschäft stellen dürfen, wo sie nun von allen möglichen Leuten begutachtet wurde.

Auffällig lebhaft scheinen die Kinder in Ecuador zu sein. Schon gestern während der Hostalsuche grabschten sie sogar in Hankas Beisein alles an, probierten Eriks riesige Lederhandschuhe an und wurden schon regelrecht dreist. Vielleicht liegt das auch an der Rollenverteilung, die sie von zuhause kennen - denn sobald Erik sich dem Moto näherte, waren die Bengel lammfromm.

Der Weg von Catacocha führte uns weiter ins Hochland und die ursprünglichen 31 Grad fielen schnell auf 12 Grad Celsius ab. Also absteigen, warme Klamotten rauskramen und weiter geht's. Ein Stückchen fahren wir sogar über den Wolken, die sich wie Wattebällchen an die Hänge schmiegen.

Uns ist aufgefallen, dass es an Ecuadors Straßenrändern deutlich weniger Müll gibt als in Peru. Ein großer Pluspunkt! Auch so scheint es den Leuten nicht schlecht zu gehen: viele Häuser sehen sehr solide aus und erinnern nicht mehr an die zusammengepfuschten Hütten, die wir in Bolivien und z.T. auch in Peru gesehen haben. Im Gegenteil: hier verputzt man die Häuser sogar und streicht sie auch noch hübsch an.

Ein Stück der Strecke gefällt uns besonders gut: zwischen Loja und San Lucas fahren wir - zwar auf unangekündigtem Schotter - immer entlang eines engen Flusstales. Die Gegend kommt uns vor wie im Allgäu: saftig grüne Hügel mit Kühen, ein Bergfluss und lauter verstreute Häuser. Gleich um die Ecke könnte auch Karlis Beghütte stehen (Liebe Grüße nach Wien!).

Kurz vor Cuenca entdecken wir im Vorbeifahren eine Meerschweinfarm. "Cuy" ist nämlich nicht nur in Peru eine Spezialität...

Schon vom ersten Eindruck ist Cuenca eine wunderschöne Stadt mit phantastischer Kolonialarchitektur. Die Stadt scheint allerdings auch bei den Touristen beliebt zu sein, denn wir bekommen nur schwerlich eine Bleibe. Letzten Endes finden wir ein Zimmer, obwohl uns die Umgebung des Hotels nicht sonderlich gefällt. Der Straßenmarkt vor der Tür hat nicht gerade den besten Ruf. Wenigstens steht das Moto im Treppenhaus und die Alarmanlage schallt ordentlich bis in unser Zimmer ins 3. Stockwerk. Morgen werden wir mal schauen, was Cuenca alles zu bieten hat.

  

8. August 2003, Cuenca

18.050 km, S 02-53-42 / W 79-00-03

Den fehlenden Schlaf haben wir nachgeholt und den Rest des Tages nutzen wir dazu, ein bisschen durch die Stadt zu streunen.
In der Nähe des Plazas gibt es einige duftende Backstuben, wo wir sogar ein kleines Schwarzbrot erstehen - ist zwar nicht aus Sauerteig, aber immerhin.

Später marschiert Erik doch noch zum Arzt, denn noch immer halten seine Verdauungsprobleme hartnäckig an. Hier in Ecuador muss man gleich erstmal 15,- USD auf den Tisch legen, um überhaupt behandelt zu werden. Tja, in Ecuador regiert knallhart der Dollar! Die Riesenliste an Medikamenten kostet ein kleines Vermögen - Gruß an die Auslandsreise-Krankenversicherung! Aber hoffentlich helfen die Sachen jetzt endlich mal.

Am frühen Abend macht Hanka eine ernüchternde Entdeckung: eine der Motorrad-Seitentaschen steht sperrangelweit offen und es ist offensichtlich, dass etwas fehlt. Schnell hastet Hanka die Treppen nach oben, aber Erik hat auch nichts rausgenommen. Das erste traurige Resultat ist, dass sich jemand um unsere teuer erstandenen Nivea-Sonnencreme, das nagelneue Kettenspray und die Kocher-Benzinflasche bereichert hat. Natürlich hat niemand etwas gesehen oder die Alarmanlage gehört und das, obwohl die Honda mitten im Hausflur steht! Die Sachen müssen irgendwann am frühen Nachmittag weggekommen sein und wir tippen auf einen der Angestellten, die hier alle seltsam auf uns wirken.

Mit einer Wut im Bauch marschieren wir zur Hotelrezeption und laden kurz darauf unsere Empörung beim Chef des sogenannten Hotels ab. Wir sind vor allem deshalb so verärgert, weil uns der Typ gestern extra versichert hat, dass die Honda sicher steht und noch nie etwas weggekommen sei (wir fragen meist aus gutem Grund danach). Das Fass lief beinahe über, als der Chef grinsend behauptet, das Motorrad wäre ja sicher, nicht aber der Rest, wie Zubehör! Natürlich weigert er sich vehement, uns eine Bescheinigung über den Diebstahl für die Versicherung auszustellen. Uns bleibt nur die Drohung, zur Polizei zu gehen. Flapsig zeigt er in die Richtung, wo die nächste Polizeidienststelle sein soll.  

Den Abend hatten wir uns echt anders vorgestellt, aber das zogen wir jetzt durch! Einen halben Block weiter fragten wir eine Frau nach dem Weg und sie nahm uns hilfsbereit mit ins Haus (Das Ansehen der Ecuadorianer war gerettet!). Nachdem wir ihr die Story kurz geschildert hatten, rief sie die Polizei, so dass wir nur vor dem Hotel zu warten brauchten. 10 Minuten später fuhr auch schon ein Polizeiauto vor den Laden, der sich "Hotel Norte" nennt (Keine Sorge, wir werden das Etablissement schon noch bei den Reiseführern anschwärzen.).

Wie zu erwarten, war der Chef plötzlich die Freundlichkeit in Person und wir fühlten uns gleich auf der Verliererseite, denn wir waren allein schon sprachlich im Nachteil. Doch der Polizist erklärte routinemäßig dem Typen, dass wir eine Bescheinigung über die gestohlenen Sachen für die Versicherung brauchen (bei uns stellte er sich nämlich dumm). Ansprüche gegen den Laden hätten wir sowieso nicht stellen können, weil es keinen richtigen Parkplatz gibt - und selbst da! Wie sich herausstellte, hatte das Hotel noch nicht mal Firmenbriefbögen, so dass uns die Polizei erstmal mitnahm. Irgendwann hielten wir vor einem Wohnhaus, in dem zwei andere Polizeitypen rumhingen. Wie eine richtige Polizeistation sah das jedenfalls nicht aus. Ob das deren Undercover-Dependance war? Uns kam die Sache ziemlich spanisch vor, aber wir erhielten die notwendige Anzeige und wurden von den beiden sogar wieder im Hotel abgesetzt.

Letztendlich ist nichts Wertvolles verlorengegangen, aber es ist trotzdem so ärgerlich! Beim nächsten Camping können wir erst mal nicht mehr kochen und auch nach dem Motorrad-Kettenspray ist Erik bereits ewig rumgerannt. Es wird uns wohl eine Lehre sein, nichts, aber auch gar nichts mehr am Motorrad zu lassen - und wenn wir hundertmal alles bis in den dritten Stock schleppen müssen!

  

9. August 2003, Cuenca – Irgendwo am Nebenfluss des Rio Daule

18.219 km, S 02-27-47 / W 79-18-09

Wir wollen uns sputen und lassen Cuenca hinter uns. Schon kurz nach der Stadt begegnen uns die ersten Villen und Anwesen der Gutbetuchten von Cuenca. Wir sind ziemlich erstaunt, was es in Ecuador für "Hütten" gibt. Aber Hallo, das sieht fast aus wie in Blankenese! Noch nicht mal die paar Luxusvillen in La Paz können da mithalten und somit steht fest: in Ecuador sitzt - verglichen mit den anderen vier Ländern Südamerikas, die wir gesehen haben - das meiste Geld.

Durch den nächsten kleinen Ort fitzen wir uns aufs Geradewohl durch, denn die Hauptstraße ist kurzerhand für ein Autorennen gesperrt worden. Die aufpolierten, röhrenden Monster heizen durch die Gassen, als gehe es um Leben und Tod. Wir würden uns als Anwohner ziemlich über den Lärm bedanken und in Bange um die eigenen vier Wände das Spektakel über uns ergehen lassen. Aber in Südamerika scheint man es gelassen zu nehmen...

Die darauffolgenden Kilometer führen uns durch eine Landschaft, die sich durchaus mit Niederösterreich oder dem Allgäu vergleichen lassen kann. Irgendwie passt das gar nicht hierher: grüne, hügelige Kuhweiden, verstreute Häuschen und alles sieht irgendwie vertraut aus. Das soll Südamerika sein??? Doch der nächste Landschaftswechsel kommt prompt und ehe wir uns versehen, geht es in Serpentinen hinunter ins Flachland. Eine schwüle Hitze empfängt uns und die Pflanzenwelt hat nichts mehr mit Niederösterreich zu tun: es wuchert, wächst und zirpt von Insekten wie im Dschungel. Hanka entdeckt am Straßenrand einen verwilderten Grapefruitbaum und freut sich über die üppige Vegetation, in die wir eingetaucht sind. Links und rechts der Straße sprießen pinkfarbene Blüten - die kleinen Blümchen kennt Hanka von daheim, aber im Gegensatz zu hier muss man die Balkonpflanzen kaufen, hegen und pflegen.

Im nächsten Ort wollen wir eine Bleibe für die Nacht suchen, aber die einzigen beiden Hotels verlangen happige Preise, so dass wir gleich wieder das Weite suchen. Prompt entdecken wir kurz nach dem Ort eine geheimnisvolle Einfahrt ins Grüne und nicht einmal die Absperrungskette kann uns daran hindern, unser Zelt in einem ausgetrockneten Flussbett unter einer großen Palme aufzuschlagen. Es ist so warm geworden, dass uns Campen mal wieder eine willkommene Abwechslung ist. Schnell besorgen wir im Ort noch die wichtigen Dinge zum Leben: Wasser, Bananen und Brombeeren und machen ein Riesenfeuer, um die ganzen Insekten um uns herum zu vertreiben.

 

10. August 2003, Irgendwo am Nebenfluss des Rio Daule - Ambato

18.466 km, S 01-15-38 / W 78-37-42

Am Morgen treibt ein Bauer als erstes seine Kuhherde an unserem Zelt vorbei. Anscheinend haben wir unser Zelt genau in seiner "Einflugschneise" aufgebaut und sind froh, dass wir die Zeltleinen gestern nicht gespannt haben, denn sonst wäre uns bestimmt eins der Rindviecher direkt in den Schoß gestolpert. Nachdem wir die Augen offen halten können, stellen wir fest, dass das nächtliche Geräusch nicht von den Wedeln der harten Palmenblätter über uns herrührt. Es ist feiner Nieselregen, der die ganze Gegend in eine Waschküche verwandelt hat. Wir schälen uns aus den Schlafsäcken und genießen im Nieselregen unser Brombeer-Müsli. Kaum zu glauben, dass in dieser Gegend Brombeeren wachsen sollen!

Da der Nieselregen mit uns ein Spielchen zu spielen scheint und es nicht den Anschein hat, als ob er gänzlich aufhören wolle, packen wir wohl oder übel unseren nassen Kram zusammen.

Die nächste Ernüchterung erfahren wir im nächstgrößeren Ort: auf dem Weg nach Riobamba haben wir vor etwa 90 km einen falschen Abstecher gemacht und sind nun im westlichen Tiefland gelandet. Daheim muss man uns für dämlich halten: Wie kann man 90 km lang falsch fahren und es nicht merken? In Südamerika ist das ziemlich einfach: man braucht nur eine lausige Straßenkarte, in der es keine kleinen Ortschaften gibt, Wegweiser hat man hier sowieso nicht erfunden und Ortsschilder, was sind bitteschön Ortsschilder? Also bleibt uns nichts anderes übrig, als reumütig den Weg in die Berge einzuschlagen. Diesmal fragen wir öfter nach, ob wir auch wirklich auf der Route nach Riobamba sind.

Nichtsdestotrotz können wir uns eine Weile an riesigen Bananenplantagen erfreuen, die eine schnurgerade Piste begleiten. Noch nirgendwo sind uns solche großen Plantagen begegnet und so betrachten wir den Abstecher einfach positiv.

Anschließend kommen wir wieder in eine regenwaldähnliche Vegetationszone, die uns bis in luftige Höhen begleitet und den Sprühregen hinter uns lässt. Wir wundern uns noch, woher der plötzliche Nebel kommt, aber gleich darauf bemerken wir, dass wir einfach nur durch die Wolken fahren. Man fährt wie in eine Wand, es wird schlagartig kalt und feucht, man kann kaum ein paar Meter schauen und hat Mühe, die Straße noch zu finden, um danach wie aus einem weggerissenen Schleier wieder in der Sonne aufzutauchen. Die Wolken ziehen hier wie Nebelschleier durch die Berge und sorgen immer wieder für Überraschungen. Einmal halten wir nach einer durchquerten Wolkenwand - keine zwei Minuten später ist die Wolke den Berg hinunter gekrabbelt und die nachfolgenden Fahrzeuge ahnen nichts mehr von dem nebeligen Schleier kurz vor ihnen. Wir finden diese Wolkenspiele ziemlich faszinierend!

Mit knurrenden Mägen erreichen wir am späten Nachmittag Ambato. Bis Quito hätten wir es heute ohnehin nicht mehr geschafft, also bleiben wir hier. Gleich das erste Hostal am Ortseingang hat (bis auf eine Küche) alles zu bieten, was wir im Moment brauchen: eine warme Dusche, Fernseher im Zimmer und das Beste: eine riesige Garage, die nicht nur unserer Honda gefällt, sondern wo wir gleich unsere klatschnasse Zeltausrüstung zum Trocknen aufhängen können. Die Zeltunterlage ist so voller Schlamm und Steinen, dass wir echt froh sind, die nicht im Zimmer aufhängen zu müssen!

 

11. August 2003, Ambato – Quito

18.622 km, S 00-12-03 / W 78-29-34

Der nächste Tag bringt schönes Wetter und wir steigen entspannt auf die Honda. Eine Tagesetappe von 148 km, das ist doch ein Klacks für uns! Die Strecke ist schön und wir kommen gut voran. Schon von weitem sehen wir schon die weiße, wolkenumhangene Schneespitze des Cortopaxi, dem höchsten, aktiven Vulkan der Welt (5.879 m). Uns kommt er gar nicht so hoch vor, was mal wieder auf unsere momentane Höhe schließen lässt. Immerhin liegt auch Quito auf 2.850 Metern und ist damit die zweithöchste Hauptstadt der Welt. Anders als in La Paz friert man hier jedoch nicht ständig und wir sind erstaunt, in diesen Höhen auch Palmen und tropische Pflanzen zu finden. Selbst von der vertrauten Kurzatmigkeit spüren wir überhaupt nichts.

In Quito stürzen wir uns ins Gewühle und müssen dabei einmal die ganze Stadt von Süden nach Norden durchqueren. Immer wieder sind Hauptstraßen wegen Bauarbeiten einfach gesperrt und wie es die Südamerikaner mit Schildern halten, ist ja inzwischen keine Neuigkeit mehr. Wir brauchen ewig und werden auch noch zweimal falsch geschickt, um uns irgendwann auf dem kleinen Stadtplanausschnitt unseres Reiseführers in Quitos Norden wiederzufinden. Wohl eher per Zufall stehen wir vor dem "El Taxo" und bucksieren die Honda in den Hinterhof. Nichtsdestotrotz hat die kleine Stadtrundfahrt schon einen sehr positiven Eindruck von Quito bei uns hinterlassen. Vor allem die Altstadt scheint malerisch!

Doch für uns ist in den nächsten Tagen nur eins wichtig: eine Spedition oder Cargo-Gesellschaft zu finden, die unsere Honda schnellstmöglich und kostengünstig nach Panama City bringen kann. Wir sind ziemlich gespannt und aufgeregt, was da alles an Organsisationskram auf uns zukommen wird. Jedenfalls hängt davon alles Weitere ab. Vor allem, ob wir zusammen mit Gunni und Betti in Honduras tauchen gehen können oder nicht.

 

12.-15. August 2003, Quito

18.622 km, S 00-12-03 / W 78-29-34

In den vergangenen 3 Tagen haben wir so ziemlich das anstrengendste Programm seit langem bewältigt. Von morgens bis abends auf den Beinen, stand nach 2 Tagen schon mal fest, dass die Honda am Samstag mit PANAVIA (einem Cargo-Broker) nach Panama City fliegt. Es war gar nicht so einfach, ein Angebot zu finden und wir haben am Flughafen so fast alle Cargo-Gesellschaften abgeklappert. Den Vogel hat echt die Coppa Airlines abgeschossen: Die Leute von Coppa Cargo erzählten uns, dass wir den Motorradtransport direkt mit der Airline machen müssen und bei Coppa Airlines versicherte man uns genau das Gegenteil, nämlich das Coppa Cargo dafür zuständig wäre. Es war ein ewiges Hin und Her und wir waren überrascht, dass Englisch als Handelssprache im Cargo-Geschäft nicht
gerade üblich ist. Aber wir fragten uns geduldig durch und hatten am Ende zwei Angebote in der Tasche, die sich gewaltig in den Kosten unterschieden. Im Internet hatten wir bereits herausgefunden, dass Motorradreisende im letzten Jahr mit Minimum 500,- USD ihre Motorräder nach Panama gebracht haben und so waren wir von den 425,- USD, die man uns offerierte, recht angetan. Auch wenn bei PANAVIA keiner Englisch verstand, so schienen die zumindest etwas von Motorradtransporten zu verstehen und wir hatten schnell
ein gutes Gefühl mit den Jungs. (Bei 8-9 Motorrädern im Monat machen die so etwas zumindest nicht zum ersten Mal.) Ein Vorteil war auch, dass die Maschine von Quito direkt nach Panama City fliegt und nicht noch mal in Kolumbien zwischenlandet, wie es die meisten tun. Das mindert schon mal ein weiteres Diebstahl-Risiko (wir mit unserem Sicherheitsdenken!!!). Ein bisschen skeptisch waren wir allerdings in puncto Versicherung. Der Schwätzer aus unserem Hostal hat uns das Blaue vom Himmel gepredigt, aber eine Versicherung bietet die PANAVIA nicht an, so dass wir den Jungs einfach vertrauen müssen.

Am Freitag mittag brachten wir die Honda bereits zum Cargo-Terminal, wo sie gut verzurrt auf eine Palette gespannt wurde. Alles lief wie am Schnürchen und wir waren froh, die Seitenkoffer dranlassen zu dürfen. Die beiden Kisten waren vollgestopft mit unseren Motorradklamotten, die wir nicht unbedingt im Flugzeug tragen wollten, und allen möglichen schweren Teilen; ein buntes Durcheinander, um den ganzen Platz auch auszunutzen. So völlig motorradlos fuhren wir wieder vom Flughafen zurück und hofften, das alles klappt. Anschließend kauften wir unsere Flugtickets. Das Timing war perfekt: wir landen um 17:20 Uhr in Panama City und unsere Honda um 18:00 Uhr. Dann können wir die Gute gleich mitnehmen und müssen das Gepäck nicht schleppen. Uns ist ganz lieb, die Honda nicht unnötig lange am Flughafen stehen zu lassen. Außerdem schien es uns ganz lukrativ, Hankas Geburtstag in Panama zu feiern und sind inzwischen ganz zuversichtlich, Gunni und Betti Mitte September ruhigen Riemens in Honduras zu treffen.

Bevor wir die Maschine in fremde Hände gaben, machten wir noch den geplanten Abstecher zur Mitte der Welt: dem Äquator. Die Äquatortaufe war ein langersehntes Muss für uns und die Honda und so hatten wir auch prompt eine Flasche Sekt im Rucksack. Es gab nur eine kleine Formschönheit: Während das Äquator-Denkmal 25 km nördlich von Quito am "Mitad del Mundo" steht und man dort die gelbe Linie entlanglaufen kann, ist dies eigentlich nicht die richtige Äquator-Linie. Eine französische Expedition hat zwar 1736 diesen Punkt als Äquator errechnet, allerdings mit einer Abweichung von 180 m. Spaßeshalber haben wir das GPS mitgenommen und einige Touris staunen mit Verwunderung, dass die Koordinaten hier nicht die vermeintlichen  00º 00’ 00.0“  betragen.

Selbstverständlich machen wir uns auf der Suche, nach der wirklichen Nullinie und folgen der Panamericana nordwärts. Als unser "etrix" endlich die mystischen Koordinaten anzeigt, befinden wir uns mitten im Nirvana. Kein Schild, kein Strich, rein gar nichts weist auch nur im entferntsten darauf hin, dass man hier am Äquator ist. Wir feiertenn trotzdem und schon spritzte der Sekt auf unsere Honda. Hanka zauberte zur Feier des Augenblicks sogar zwei Ferrero Rocher aus der Jackentasche und so genossen wir unsere kleine, private Feier. Zweihundert Meter weiter starrten uns die Leute an und fragten sich, was die Verrückten da gerade treiben. Vermutlich wissen die noch nicht mal, dass sie beinahe an der "echten" Äquatorlinie wohnen!

Ein wirklich schwieriges Unterfangen war es für uns, einen Reiseführer von Zentralamerika aufzutreiben. Es schien unmöglich, irgendwo einen zu bekommen und so fanden wir uns wohl oder übel damit ab, völlig unvorbereitet auf unserem nächsten Kontinent zu starten.

Neben dem ganzen Pogramm schafften wir es auch, einen Berg Schmutzwäsche zu bewältigen und uns die Stadt anzuschauen. Wir konnten zwar den Stadtrundgang gar nicht richtig genießen, weil wir so geschafft waren und uns die Füße wehtaten, aber trotzdem: Quito zählt eindeutig zu den schönsten Städten Südamerikas, vielleicht sogar zur schönsten Stadt unserer Reise. Bei klarem Wetter sieht man vom Norden der Stadt aus sogar die Spitze des Cotopaxi. Traumhaft!

Ein paar Worte müssen wir noch über unser Hostal verlieren. Der Besitzer, ein ausgewanderter Schweizer, hat im Wohnzimmer ein Terrarium mit zwei Würgeschlangen. Neben den Abenden am Kamin hatten wir das besondere "Glück", dem Schlangenfütterungsritual beizuwohnen. Die Viecher bekommen nur alle zwei bis drei Wochen etwas zwischen die Kiefer und so durften wir uns als einen auserwählten Kreis betrachten. Mit Spannung verfolgten alle Gäste, was wohl mit den beiden Meerschweinchen passieren wird. Aber eine ganze Weile passierte gar nichts, bis uns ein lautes Quiecken eines erwürgenden Meerschweinchens aus den Sesseln riss. Das arme Tier war hinter einen Blumentopf geflüchtet, wo die Boa nicht genug Platz zum Erdrücken hatte und so fand das größere der Meerscheinchen einen qualvollen Tod. Einstimmig alle waren auf der Seite des zweiten Meerschweinchen, das wie im Trauma bewegungslos mit Herzklopfen in der Ecke des Terrariums kauerte. Das arme Geschöpf überlebte glatt die nächsten Tage, aber wie wohl mag sich eine Meersau in einem Schlangenterrarium fühlen? (Dann essen wir sie doch lieber. Man muss nämlich wissen, dass die Meerscheinchen hier spezielle Züchtungen sind und nicht so niedlich aussehen wie daheim.) Apropos essen, das Verschlingen der Beute dauerte eine geschlagene dreiviertel Stunde. Unglaublich, wie die Schlangenviecher ihren Rachen aufreißen können! Anschließend schaffte die Boa es kaum, mit einem dicken, schweren Klumpen im Bauch auf ihr Lieblingsausruhplätzchen zu klettern. Das war schon alles spannend und widerlich zugleich!

Völlig überrascht waren wir, als Pia & Poul in unserem Hostal auftauchten. Wer hätte das gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen?? Aber dank Internet weiß man immer, wo sich der andere gerade herumtreibt. Wir verbrachten einen langen Abend miteinander, an dem wir uns nicht nur besser kennenlernten, sondern eine Menge Spaß zusammen hatten. Poul hat echt eine ganz besondere Art von Humor! Wir sind schon ein bisschen neidisch auf ihren Landrover und bei unserer nächsten Weltreise würden wir es wahrscheinlich genauso handhaben wie die beiden: nicht mehr mit Motorrad reisen, sondern bequem per Offroader (zumindest in Hanka eindeutig dieser Meinung, ohne unsere derzeitige Fahrzeugwahl zu bereuen). Wir bestaunten anschließend noch die ganzen Umbauten inkl. Solarzelle für den Kühlschrank! Zugegebenermaßen ist es wirklich ein anderes Reisen, nicht immer in die staubige, verschlammte, verschwitzte Motorradkluft zu steigen, sondern sich mit kurzen Hosen ins Auto zu setzen, Klimaanlage und Radio zu betätigen, über einen Kühlschrank zu verfügen und auf diese Weise unabhängig von Wetter und Straßenbedingungen durch die Gegend zu kutschieren. Die beiden hatten ihre erste Reise auch auf Motorrädern bewältigt und umso kurioser ist es, dass die beiden schon Pläne für später schmieden (die haben sowieso noch 3 Jahre Weltreise fest im Budget), nämlich einen LKW umzubauen. Es ist so interessant, was Reisende so für Pläne schmieden. (Immerhin hat man auf Reisen zum Pläneschmieden genug Anregungen, Zeit und Phantasie.) Sibylle und Marco träumen von ihrem Haus in Chile, die nächsten vom nächsten Abenteuer im Truck, und wir...???

Hanka und Erik
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