Übersicht Tagebücher

Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch

Bilder zum Kapitel

Panama – Brücke zwischen den Kontinenten

 

16. August, Quito – Panama City

19.070 km, N 08-58-23 / W 79-32-03 

Panama, das aus der Luft wolkenverhangen und dadurch grau und kalt erschien, empfing uns mit einer unheimlich schwülen Hitze, sobald wir aus dem Flugzeug stiegen. Nach den problemlosen Einreiseformalitäten schleppten wir uns mit unseren 5 schweren Gepäckstücken zu einem Informationsstand, um nach dem Panavia-Office zu fragen. Wir erfuhren, dass sich dieses in einem anderen Sektor des Flughafens befindet, etwa 8 km entfernt und nur mit dem Taxi zu erreichen. Den Taxifahrer konnten wir gerade noch auf 7 Dollar herunterhandeln. Anscheinend war Panama noch teurer als Ecuador, wie wir erschrocken fesstellten – die Taxifahrt am Morgen von unserem Hostal zum Flughafen von Quito hatte gerade mal 3 Dollar gekostet. 

Im Taxi fühlten wir uns gleich an Amerika, genauer gesagt an Florida, erinnert. Der goße, moderne Wagen mit Klimaanlage und Automatikgetriebe, die palmengesäumten Straßen entlang des Airports. Im Frachtterminal kurvten wir erst eine Weile herum, bis wir die richtige Halle gefunden hatten. Dann kam die Ernüchterung. Ein Lagerarbeiter der Panavia teilte uns kurzerhand mit, dass die Maschine aus Quito erst in zwei Stunden ankommt. Das größere Problem war jedoch, dass der Zoll nur von Montag bis Freitag arbeitet und er uns das Motorrad ohne Zollpapiere nicht aushändigen durfte. Wir diskutierten noch ein bisschen herum, aber ihm waren da eben die Hände gebunden, das mussten wir einsehen. Das Problem war der Zoll und der war nicht da. Hasta lunes. 

Wir ärgerten uns ein bisschen über den netten Panavia-Mitarbeiter in Quito, der uns erzählt hatte, dass die Abholung am Samstag kein Problem sei. Wenigstens versicherten die Flughafenangestellten, dass wir uns nicht um das Motorrad sorgen müssten, von wegen Diebstahl usw. Hoffentlich war diese Auskunft verlässlicher! 

Der Taxifahrer, der uns netterweise zu Fuß bis zur Lagerhalle geführt hatte, wollte jetzt 35 Dollar für die Fahrt ins Stadtzentrum (inkl. des Ausfluges zum Frachtterminal), was wir nicht mehr so nett fanden. Zurück zum Passagierterminal würde die gesamte Tour 14 Dollar kosten, plus Busfahrt ins Zentrum, wobei wir nicht wussten, wo und wohin die Busse fuhren, und ob wir unser Gepäck sicher verstauen konnten. Inzwischen war es auch dunkel und wir hatten außer einer Hoteladresse von Anke absolut keinen Plan von Panama. Weil wir in Quito keinen Reiseführer von Zentralamerika bekommen hatten und auch der Handheld-Reiseführer nicht funktionierte, waren wir ziemlich aufgeschmissen. Noch nie zuvor waren wir derart unvorbereitet in ein fremdes Land gereist. 

Nach einigem Hin und Her willigte der Taxifahrer ein, uns für 30 Dollar zu Ankes Adresse zu fahren. Immer noch ein stolzer Preis, aber wohl besser so. 

Wieder fühlten wir uns wie in den USA: Ein breiter Freeway führte in ein Lichtermeer von Hochhäusern und Leuchtreklame. Die Pension war einfach aber okay und kostete entsprechend Ankes Beschreibung relativ bescheidene 10 Dollar. In Anbetracht des Klimas war auch die kalte Dusche kein Problem. Die freundliche Besitzerin und ihre lockenwicklerbewehrte farbige Gehilfin gaben uns einige Tipps. Vor allem, dass wir im Dunkeln nicht durch diese Gegend laufen sollten. Also fuhren wir abermals Taxi, zu einer Einkaufsstraße, wo wir abendessen und Lebensmittel einkaufen konnten. Ein umfangreiches Fast-Food-Angebot, ein 24 Stunden geöffneter Supermarkt mit endlosen Regalen voller amerikanischer Waren, die Geschäfte und Restaurants so stark klimatisiert, dass die Fenster fast von außen beschlagen – hier war das Ami-Feeling komplett. Hinzu kommt, dass es deutlich mehr Schwarze und auch mehr hübsche Frauen gibt als in Südamerika. Häuser und Autos sind modern und groß und die Stadt macht einen recht gepflegten Eindruck. Jedenfalls ein deutlicher Kontrast zu unserer bisherigen Reise, schon nach den wenigen Eindrücken, die wir an diesem Abend in Panama City gesammelt haben.

 

17. August 2003 – Panama City

19.070 km, N 08-58-23 / W 79-32-03 

Der Deckenventilator lief die ganze Nacht durch und trotzdem kühlte sich unser Zimmer kaum ab. Wir erkundigten uns bei unserer Pensionsmutter nach einer Einkaufsstraße und liefen los auf der Suche nach einem Reiseführer oder zumindest einem Stadtplan. Schon nach wenigen Minuten waren wir schweißgebadet und nur die klimatisierten Geschäfte verschafften vorübergehend etwas Abkühlung. Die Suche verlief leider erfolglos, dafür führte die Shoppingmeile in ein Viertel mit schönen alten Häusern und schließlich zum Strand. Dort wirkten die Häuser allerdings nach und nach verfallener, die Gehwege schäbiger und die Gestalten finsterer. Eine farbige Frau fing uns auch gleich ab um uns zu warnen: In dieser Gegend hätten Touristen nichts verloren – viel zu gefährlich. Erschrocken folgten wir ihrem Hinweis und gelangten wieder in eine bessere Gegend. Die Stadt faszinierte und trotz des unerträglichen Klimas. Straßenhändler, die versuchen alles Mögliche unter die Leute zu bringen; Lautsprecher, aus denen in ohrenbetäubender Lautstärke karibische Rhythmen dröhnen; in grellen Farben bemalte, betagte Busse; wunderschöne alte Viertel mit Gassen, die zum Meer führen; Pelikane, die wie Flugboote über der Wasseroberfläche dahinsegeln; Eisverkäufer, die Späne von einem großen Eisblock abhobeln, die sie mit verschiedenen Sirups und Kondensmilch verrührt als Erfrischung verkaufen. 

Wir verbringen den Tag im Internetcafe, essen bei Wendy’s zu Mittag und gehen anschließend ins Kino. Der Saal ist leider nicht klimatisiert, dafür rauschen die Ventilatoren so laut, dass wir vom Film kaum etwas verstehen. Wieder im Hotel genießen wir die kalte Dusche. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie wir es bei dieser Hitze in unseren Motorradklamotten aushalten sollen! 

 

18. August 2003 – Panama City

19.070 km, N 08-58-23 / W 79-32-03 

Wir nehmen einen der klapprigen bunten Busse zum Luftfrachtterminal in Tucuman; diesmal kostet uns die Fahrt 50 Cents. Zur Belustigung der anderen Fahrgäste bricht die Sitzbank krachend unter uns zusammen als der Bus über eine Bodenwelle fährt und wir kurz abheben um gleich darauf unsanft zu landen. 

Die Abholung des Motorrads wird zum Behördenmarathon: Zuerst zur Zollstation am Haupteingang, von dort per Anhalter zur Zollstation im Terminal, dann zu einem Pförtner der uns zum Panavia-Büro schickt. Die Dame dort schickt uns gleich weiter zu einem anderen Panavia-Büro neben einer Lagerhalle. Dort werden wir 25 Dollar los und bekommen einen Haufen Papiere, mit denen wir erstmal zum Zoll müssen – in wieder einem anderen Gebäude. Dort dauert es erst einmal. Die Zollbeamtin arbeitet wie in Zeitlupe; Buchstabe für Buchstabe füllt sie ihr Formular entsprechend eines anderen Einfuhrpapiers aus – nicht ohne sich immer wieder bei mir zu vergewissern, dass die Einträge auch stimmen. Dann darf Erik zu einer Kopierstube gehen, um ein paar notwendige Kopien auf eigene Kosten anfertigen zu lassen. Mit dem noch größeren Stapel Papiere geht es in eine Lagerhalle, wo wir endlich das Motorrad zu sehen bekommen. Was für eine Erleichterung! Zwar ist der selbstgebastelte Gepäckträger ein bisschen verbogen, ebenso der Kettenschutz (da die Maschine offenbar geschoben wurde, trotz des im Kettenrad eingeklinkten Bügelschlosses). Dafür haben die Lagerarbeiter gleich einen Kompressor zur Hand, um die Reifen wieder aufzupumpen und auch einen Hammer, mit dem Erik die verbogenen Teile wieder ausrichtet. Erst am Abend bemerken wir, dass unser eigener Hammer, der mit Draht in der Motorschutzwanne befestigt war, fehlt... Noch einmal ins Büro der Panavia, dann dürfen wir zum Ausgang fahren, wo unser Bündel Papiere vom Zoll ein letztes Mal geprüft und gestempelt wird. Geschafft! 

Der Fahrtwind ist eine Wohltat – wir fahren ausnahmsweise “in Zivil”, ohne unsere Schutzkleidung. Auf dem Rückweg beschließen wir, endlich einen Reiseführer aufzutreiben, was nicht so einfach wird. Ganz nach südamerikanischer Manier wird man von einem Geschäft ins nächste geschickt usw. Die Stadt hat auch ein immenses Verkehrsproblem, was die Suche nicht gerade erleichtert. Vielleicht im 10. Buchladen haben wir Glück und erstehen einen (zwar alten und sauteuren) Lonely Planet für Zentralamerika. Wir können nicht wählerisch sein, der Footprint ist nirgendswo zu haben! 

Auf dem Weg zu unserer Pension winken uns plötzlich zwei Motorradfahrer zu, die mit ihrer KTM am Straßenrand stehen. Es sind Sam und Dave aus England mit denen wir uns spontan zum Abendessen verabreden. 

Wir verbringen einen netten Abend mit den beiden. Wir haben ähnliche Routen – in entgegengesetzter Richtung – weshalb wir natürlich viele Tipps austauschen. Die beiden sind ziemliche Pechvögel, hatten viel Ärger mit dem Motorrad und sind die meiste Zeit nur im Regen gefahren. Aber sie sehen das mit ihrem unerschütterlichen britischen Humor und wir haben viel Spaß bei ihren Reiseberichten.

 

19. August 2003 – Panama City

19.070 km, N 08-58-23 / W 79-32-03 

Hankas Geburtstag. Es gibt Erdbeeren und Ferrero Rocher zum Frühstück. Erik zaubert eine süße Geburtstagskarte mit einer dicken roten Katze aus dem Ärmel, die einen Gutschein für ein neues Kleidungsstück freier Wahl hervorbringt. Hanka freut sich riesig – ein neuer Bikini für die Karibik wäre nicht schlecht! Danach überlegen wir, was wir mit dem Tag anfangen wollen und fassen den Entschluss, einen Ausflug mit dem Motorrad zu machen. 

Zuerst zum Panamakanal, wo an der ersten Schleuse ein Besucherzentrum eingerichtet ist. Wir erfahren, dass der 80 km lange Kanal zwischen 1904 und 1914 von den Amerikanern gebaut wurde. Ende des 19. Jahrhunderts hatten bereits die Franzosen den “Durchbruch” versucht. Aber das Projekt scheiterte; 22.000 Arbeiter starben an Gelbfieber oder Malaria, außerdem gab es enorme technische Probleme, vor allem aufgrund des losen Bodens. Heute passieren jährlich rund 14.000 Schiffe den Kanal. Die Durchfahrtsgebühr richtet sich nach der Tonnage des Schiffes und beträgt im Schnitt 30.000 Dollar. 

Etwa 10 km nach den Schleusen erreichen wir den Summit Botanical Garten & Zoo. Hier gibt es Papageien, Tucumane, Adler, Affen und Tapire zu sehen. Wir sind aber auch von den Blattschneideameisen fasziniert, die in endlosen Trampelpfaden durch die Wiese ziehen oder aber entlang der asphaltierten Wege krabbeln – immer am äußersten Rand, wo sonst niemand läuft. 

Nächstes Ziel ist ein Wendy’s Restaurant. Der Salat dort hat uns so gut geschmeckt, dass wir ihn unbedingt noch einmal haben müssen.  

Dann entdecken wir auf der Suche nach einem Strand zufällig den schönsten Teil von Panama City. Vor der Halbinsel am Eingang zum Kanal sind vier Inseln durch Dämme mit dem Festland verbunden und bilden so eine schmale, palmengesäumte Brücke ins Meer hinaus. Von der Promenade hat man einen phantastischen Blick: Zur einen Seite die Bucht mit der Skyline von Panama City, zur anderen Seite die Kanaleinfahrt mit der gewaltigen Brücke “Puente de los Americas”. Vor der Bucht warten zahlreiche Schiffe auf die Einfahrt in den Kanal. 

Wir besuchen ein Ausstellungszentrum über die Unterwasserwelten nördlich und südlich von Panama. Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich diese beiden Welten sind. Da der Panamakanal Süßwasser enthält, besteht nach wie vor eine Barriere zwischen dem karibischen Meer und dem Pazifik. Auf jeder Seite haben sich ganz eigene Arten entwickelt. Auch ein Stück Trockenwald gehört zum Ausstellungszentrum, wo wir auf den Bäumen lebende Leguane entdecken. Bei einem Glas Batida lachen wir über die Pelikane, die bei der Fischjagd scheinbar unbeholfen ins Wasser plumpsen. 

Jetzt wollen wir aber doch noch an den Strand. Wir überqueren die Kanalbrücke und fahren ein Stück entlang der Küste bis wir einen gefunden haben. Das Wasser ist lauwarm und wir nehmen ein kurzes Bad im Meer – das erste Mal während unserer Reise entlang des Pazifiks. Allerdings überfällt uns ein Schwarm Moskitos, sobald wir aus dem Wasser kommen, so dass wir das Terrain fluchtartig wieder verlassen. 

Noch einmal fahren wir mit dem Motorrad aufs Meer hinaus. Auf der äußersten Insel finden wir ein vorzügliches Fischrestaurant, wo wir den Tag bei Ceviche, in Kokos panierten Shrimps und Sushi ausklingen lassen. 

 

20.-21. August 2003 – Panama City

19.070 km, N 08-58-23 / W 79-32-03 

Wir verbringen zwei Tage fast ausschließlich damit, Besorgungen zu machen. Auf der Einkaufsliste stehen Reifen, ein Kettenrad und Kettenspray für Erik (bzw. die Honda) sowie Sandalen und ein Bikini für Hanka. Außerdem brauchen wir eine Benzinflasche für den Kocher, als Ersatz für die gestohlene. Es wird wieder mal ein zeitaufwendiges Gesuche von einem Geschäft zum anderen, bei dem wir alle Motorradhändler der Stadt kennenlernen (es sind nicht so viele). Ein einziger Händler hat ein paar passende Reifen. Allerdings verlangt er den stolzen Preis von 190 Dollar für die beiden Bridgestones, die laut Internet-Forum nur ca. 5000 km halten. Wir entscheiden uns, noch bis Costa Rica auf unseren treuen Metzeler Tourance zu rollen, die inzwischen schon unglaubliche 19.000 km gehalten haben und sogar noch ein wenig Restprofil aufweisen. In Costa Rica soll zumindest die Auswahl an Reifen größer sein, so dass wir dort vielleicht ein besseres Paar bekommen. Die andere Option ist die Firma Miro, die uns ein Sponsoring zugesagt haben. Hier besteht nur das Problem des teuren Versands nach Zentralamerika. Wir gut wäre es jetzt, DHL als Sponsor zu haben, wie Pia und Paul! 

Einmal, als wir gerade in einem Internetcafe sitzen, geht draußen ein tropischer Wolkenbruch nieder. Der Himmer wird dunkelgrau, ab und an zucken gewaltige Blitze und die Straße verwandelt sich in einen Sturzbach. Wir sind froh, uns nicht gerade mit dem Motorrad durchs allgegenwärtige Verkehrschaos zu kämpfen. Nach dem Regen hat sich die Luft wenigstens ein bisschen abgekühlt.  

Bis auf das Kettenspray, Sandalen und Vakuum-Packbeutel, die wir zufällig entdecken, bleibt unser Einkaufsmarathon leider erfolglos. Immerhin lernen wir viel von Panama City kennen, leider vor allem die permanent verstopften Straßen und kopfschüttelnde Verkäufer. Nach nunmehr 5 Tagen Panama City und davor 4 Tagen Quito sind wir auch ziemlich großstadtmüde und freuen uns, morgen weiterzufahren. 

 

22. August 2003 – Panama City

19.070 km, N 08-58-23 / W 79-32-03

Beim Früstück entscheiden wir uns, doch noch einen Tag länger in Panama City zu bleiben. Wir haben das Gefühl, die Stadt noch gar nicht richtig von ihren schönen Seiten gesehen zu haben. Wann kommt man schon wieder einmal nach Panama? 

Wir schlendern noch einmal ausgiebig durch das Altstadtviertel. Nach einer Sicherheitskontrolle dürfen wir auch an der Präsidentenvilla vorbeibummeln. Im Eingangsbereich stolzieren neben einigen Wachtposten auch zwei komische silbergraue Störche herum. Aber wir dürfen sie nicht fotografieren.

In einem Kaufhaus entdecken wir nicht nur einen Bikini für Hanka, sondern auch eine Fahrradtrinkflasche, die sich für den Benzinkocher eignet. Schließlich finden wir sogar noch ein Moskitonetz in einem Campinggeschäft. Danach hatten wir auch schon lange gesucht. 

Am Abend verbringen wir noch einige Zeit im Internet, um einen Newsletter zu schreiben und an unserer Homepage zu basteln. Gunnar, der übermorgen mit Betti nach Mexico City fliegt, hat ein Mail geschrieben, das uns ziemlich nachdenklich macht. Er schreibt, dass er gar nicht weiß, wie er die ganzen bestellten Sachen, die er uns mitbringt, transportieren soll. Die Liste ist mit der Zeit immer länger geworden und jetzt sind 9 kg zusammengekommen. Wir bekommen ein ziemlich schlechtes Gewissen – Hankas Bruder hat in den vergangenen Monaten wirklich viel für uns getan und wir können uns gar nicht richtig revanchieren. 

 

23. August 2003, Panama City – Strand bei San Carlos

19.180 km, N 08-28-57 / W 79-56-58 

Wir wären wohl doch besser gestern schon gefahren, denn als wir aufstehen, regnet es draußen in Strömen. Wir beginnen trotzdem zu packen, denn diesmal ist durch den Flug noch soviel zu sortieren bzw. wieder am Motorrad zu befestigen, dass es Stunden dauert. Bis dahin hat es auch schon wieder aufgehört zu regnen und wir nehmen Kurs Richtung Westen. 

Die Panamerikana führt vierspurig aus Panama City heraus. Zuerst fährt man über die Puente de los Americas, die in einem hohen Bogen den Kanal überspannt. Dann geht es durch eine dichtbesiedelte, üppig grüne Landschaft, hinter der ab und zu das Meer zum Vorschein kommt. Der Fahrtwind macht die schwüle Luft einigermaßen erträglich, aber sobald wir anhalten, möchte man sich sofort die Motorradklamotten vom Leib reißen.  

Etwa 100 km nach Panama City, in dem Örtchen San Carlos, halten wir um ein Eis zu essen. Da wir erst spät losgekommen sind, ist es schon später Nachmittag und wir beschließen, hier am Strand zu zelten. Zuerst aber springen wir ins Meer, um uns ein bisschen abzukühlen.  

Der Strand ist zwar schön, aber leider auch ziemlich vermüllt, wie so oft in Lateinamerika. Die Menschen hier haben einfach kein Umweltbewusstsein. Anscheinend stört sich auch kein Einheimischer an dem überall herumliegenden Müll. 

Am Abend backen wir Fladenbrot in der Pfanne, dazu gibt es Käse mit Tomaten und Eisbergsalat. Dann, am Lagerfeuer, noch eine Flasche chilenischen Rotwein. Das Feuer lockt eine ganze Armee lustiger Strandbewohner an: kleine Krabben, die ein Schneckenhaus als Panzer und Wohnung mit sich herumtragen. Am nächsten Morgen ist der ganze Strand mit ihren Spuren übersäht.

 

24. August 2003, Strand bei San Carlos – Santiago

19.393 km, N 08-05-54 / W 80-58-48

Wir beginnen den neuen Tag, womit wir den gestrigen beendet haben: einer Abkühlung im Meer. Dann Frühstück und Packen und bevor wir uns wieder in die Motorradkluft quälen, springen wir noch einmal schnell ins Wasser. In diesen Breiten möchte man doch lieber mit Jet-Ski reisen als mit dem Motorrad!

Es ist Regenzeit in Zentralamerika und immer wieder türmen sich Wolken auf. Wir sehen das Gewitter bereits auf uns zukommen und schon fallen die ersten Tropfen. Anschließend erleben wir ein richtig tropisches Gewitter. Es blitzt und kracht und schüttet wie aus Kübeln, so dass wir es den meisten Autos gleichtun und anhalten, um uns irgendwo unterzustellen. Das Wasser stand binnen Sekunden auf der Straße und von überall strömen Bäche die Abhänge hinunter. Die Kanalisation ist völlig überfordert mit diesen Wassermassen und wir sind es ehrlich gesagt auch. Erik muss höllisch aufpassen, denn die unvorhersehbaren Wasserlachen sind nicht gerade ein Zuckerschlecken für unsere abgefahrenen Reifen. Anfangs freuen wir uns noch über die Abkühlung, aber dann wird es doch zu viel des Guten.

Der zweite Guss erwischt uns mitten im Nirvana. Es dauert einige Kilometer, bis wir uns irgendwo unterstellen können, aber bis dahin sind wir schon klatschnass bis auf die Haut. Unsere Klamotten sind triefend nass und das Wasser läuft uns schon wieder aus den Ärmeln heraus, immer schön in die Handschuhe - ein echtes Vergnügen.

Tropische Regengüsse sind zwar heftig, aber dafür dauern sie meist nicht lange und so können wir die Fahrt bald fortsetzen auf einer dampfenden Straße. Zu unserem Erstaunen trocknen selbst die dicken Motorradklamotten ziemlich rasch im Fahrtwind, bis auf die Handschuhe. Nach dieser hautnahen Bekanntschaft mit der Regenzeit müssen wir künftig noch ein weiteres Kriterium bei unseren Tagesetappen beachten: Wartezeiten durch Regengüsse.

Auf der Suche nach einem Hostal fahren wir durch die kleine Stadt Santiago (es soll die drittgrößte Panamas sein), als uns ein älterer Mann aus einem Auto heranwinkt. Er ist Amerikaner, der seit 5 Jahren in Panama lebt und gleich zwei gute Tipps für uns parat hat: eine preiswerte Pension und ein sehr gutes, einfaches Fischrestaurant, etwa 30 km entfernt an einem Fluss. Nach einer schönen kalten Dusche schlemmen wir mit lauter Einheimischen unsere Meeresfrüchtepfanne. Lecker!

 

25. August 2003, Santiago – Boquete

19.717 km, N 08-46-26 / W 82-25-53

Die Sonne knallt heute besonders stark und es sind 40 Grad im Schatten. Eindeutig zu heiß zum Motorradfahren, aber wir wollen hier auch nicht schmoren. Stattdessen haben wir uns eine Insel an der pazifischen Küste ausgesucht, die laut Reiseführer besonders idyllisch sein soll. Nur sagt das Buch nichts darüber, ob man mit einem Motorrad übersetzen kann. Müssen wir es also selbst herausfinden - vamos a ver!

Von der Panamericana sind es etwa 25 km bis zur Küste. Die Strecke entpuppt sich als üble Piste und erinnert uns stark an Bolivien (sorry, aber von diesem Ruf kommt Bolivien für uns mittlerweile nicht mehr weg). Dann stehen wir in einem winzigen Fischerdorf, Boca Chica, von wo aus kleine Boote zur Insel fahren. Die Einheimischen sind sichtlich erheitert über unsere Frage, ob wir denn das Motorrad mitnehmen können. Aber wie soll das funktionieren bei kleinen Fischerbooten mit Außenbordmotor? Sie bieten uns zwar an, die Maschine unterzustellen, aber wir lehnen dankend ab. Keine Lust, bei dieser Hitze das ganze Gepäck inkl. Zeltausrüstung über die Insel zu schleppen. Wir steuern die Maschine die Höllenstrecke zurück bis zur nächsten Weggabelung, die 3 km weiter den "Playa Hermosa" verspricht. Hier soll man angeblich mit dem Motorrad gut hinkommen können und wir malen uns schon aus, unser Zelt wenigstens am Strand aufzubauen. Aber Pusteblume! Stattdessen führt der Holperweg direkt in eine große Bucht, die bei Flut offenbar bis an ein steiles Ufer unter Wasser steht und das Ufer selbst ist völlig zugewuchert. Es ist zwar ein idyllisches Fleckchen, aber partout kein Platz zum Campen.

Also verabschieden wir uns von dem Gedanken, heute nacht am Meer zu zelten und beeilen uns zurück auf die Panamericana, denn es bahnen sich gefährlich dunkle Wolken an. Wenn die hier runtergehen, können wir die Rückfahrt knicken, denn die Piste ist schon im trockenen Zustand nichts für Anfängerblut. Wir haben Glück und bleiben vom Regen verschont. Boquete ist nicht mehr weit und so steuern wir kurzerhand die Berge an. Eigentlich sollte das unser morgiges Etappenziel sein, aber in Panama sind die Distanzen überschaubar und die paar zusätzlichen Kilometer stellen kein Problem dar.

Zurück auf der Panamericana stockt uns nach einigen Kilometern der Atem: Ein vor uns fahrender Landrover will plötzlich einem Hund ausweichen, dem es gerade einfällt, die Straße zu überqueren. Das Ausweichmanöver misslingt in doppelter Hinsicht: Der Hund wird durch die Luft geschleudert und der Landrover kommt ins Schleudern und rast schließlich einen Abhang hinunter. Wir sind offenbar die einzigen Augenzeugen; jedenfalls die einzigen, die anhalten. Erik rennt als erster zu der ins Dickicht gefahrenen Schneise - schon in Begriff, erste Hilfe zu leisten. Der Wagen ist erst nach 30 m zum Stehen gekommen. Zum Glück hatte der Fahrer nur eine leicht blutende Schnittwunde - er telefonierte bereits. Als Erik ihn anspricht meint er nur, völlig unter Schock stehend, ob wir den Hund gesehen hätten? Das Auto sieht übel aus und hat nur knapp einen Baum verfehlt! Erleichtert laufen wir zurück, um weiterzufahren. Wir können hier nichts mehr tun und inzwischen haben sich auch schon die ersten Gaffer eingefunden. Der Schreck sitzt uns allerdings noch in den Knochen. Ein paar Sekunden später und der Hund wäre uns vor die Räder gelaufen!!!

 

26. August 2003, Boquete

19.717 km, N 08-46-26 / W 82-25-53

Boquete offenbart sich als hübsche, kleine Stadt, nur 38 km nördlich der Panamericana. Der Clou ist, sie liegt etwas über 1.000 m hoch und hat dadurch ein deutlich angenehmeres, frisches Klima. Unsere Pension ist ebenfalls sehr angenehm und wir nehmen uns vor, mal einen Tag Fahrpause einzulegen. Unser Moto hat auch wieder dringend eine Wartung nötig.

Den Rest des Tages machen wir einen Ausflug in die Umgebung. Boquete liegt traumhaft, eingebettet zwischen Bergen. Die Gegend ist bekannt für guten Kaffee und wir durchqueren etliche Kaffee-Plantagen. Eine wunderschöne Route führt uns durch winzige Dörfer, wo Kaffee und Orangen angebaut werden. Es ist das erste Mal, das wir Kaffeepflanzen aus der Nähe zu Gesicht bekommen. Links und rechts der schmalen Straßen wuchert ein wildes
Pflanzenparadies, u.a. wilde, apricot-weiße Trompetenbäume und viele andere Blüten. Vor allem Hanka gefällt die Gegend so gut, dass sie am liebsten hierbleiben würde - in einem Häuschen mit Garten. Das wär's doch!

Erik verliebt sich indessen in den Hauspapageien, dem die besondere Zuwendung des Gastes ausgesprochen gefällt. Binnen Kürze wird er zutraulich, lässt sich auf Eriks Schulter herumtragen und pfeift sämtliche Melodien nach, die Erik ihm beibringt. Wir werden ihm wohl einen Papageien kaufen müssen!

  

27. August 2003, Boquete - Bocas del Toro

19.913 km, N 09-20-25 / W 82-14-23

Ein einheimischer Tourguide hatte uns eine Abkürzung verraten, wie wir von Boquete direkt auf die Verbindungsstraße zwischen Pazifik- und Karibikküste gelangen, ohne wieder zurück zur Panamericana fahren zu müssen. "Schöne Straße, fast alles Asphalt, vorbei an heißen Thermalquellen, dann ein bisschen guter Schotter" - so der Tourguide. Er war die Strecke entweder schon lange nicht mehr gefahren, hatte den Abzweig falsch beschrieben oder konnte Motorradfahrer nicht leiden. Nachdem nämlich der löcherige Asphalt zu Ende war, verschlechterte sich die Piste zusehends. Die Steine flogen nur so um uns herum - einer machte sogar Bekanntschaft mit Hankas Schienbein. Mehrmals saßen wir auf dem Geröll auf, dazu hatten wir teilweise erhebliche Steigungen zu überwinden. Die ganze Piste war auch noch dermaßen ausgewaschen, dass Erik kaum die Spur halten konnte. Eigentlich eine schöne Enduro-Strecke, aber definitiv nichts für unsere schwere Fuhre. Die Gesteinsbrocken auf dem Weg wurden schließlich so groß und die Auswaschungen so tief, dass Hanka auf Schusters Rappen weiterzog und Erik sich allein durch dieses Gelände wagte. Kurz danach legte er die Maschine trotzdem auf die Seite. Wir waren schon etwas aus der Übung, wie wir beim Aufheben der Honda bemerkten. Peru und Ecuador hatten wir sturzfrei überstanden. Der Schweiß lief uns jedenfalls in Strömen und wir mussten die Maschine im Liegen erst ein Stück zur Seite hangabwärts zerren, bevor wir sie aufrichten konnten. Zum Glück bekam sie nur ein paar kleine Kratzer ab und Benzin lief mal wieder aus, von dem am nächsten Morgen unsere Haferflocken reichlich getränkt waren.

Am Nachmittag erreichten wir das Städtchen Chiriqui Grande an der Karibikküste. Von hier führt eine neugebaute Straße ins 70 km entfernte Almirante - dem Sprungbrett zur vorgelagerten Inselgruppe Bocas del Toro. Die Strecke zählt für uns eindeutig zu den Traumstraßen: Der Dschungel reicht hier direkt bis ans Meer mit großen, lianenbehangenen Bäumen, palmengesäumten Flüssen, kleinen Dörfern aus Pfahlhütten und dahinter immer wieder das Türkisblau des Karibischen Meers, bestückt mit lauter kleinen Inseln. Wir genossen die Fahrt sehr und sind erstaunt, dass diese Seite des Landes doch so anders aussieht.

In Almirante fanden wir schnell heraus, dass die teure Fähre erst übermorgen wieder ablegt; wir aber das Motorrad sicher bei der Feuerwehr unterstellen und mit dem Wassertaxi übersetzen könnten. Gesagt, getan. Bei der Feuerwehr stand bereits schon eine andere Maschine mit amerikanischem Kennzeichen, nebenan war die Polizeiwache und der Hafenpförtner, so dass wir Vertrauen fassten. Hasta la vista, moto!

 

28. August 2003, Bocas del Toro

19.913 km, N 09-20-25 / W 82-14-23

Ein Tag am Meer - Bocas del Toro, die Hauptstadt und Touristenzentrum des gleichnamigen Archipels vermittelt richtiges Karibikfeeling. Die Einheimischen - meist Schwarze - wirken sehr relaxed. Daneben trifft man eine ganze Reihe europäischer Aussteiger, die uns allerdings etwas albern vorkommen, wie sie selbstgefädelte Armbänder verkaufen, "Kunstwerke" aus Bäumen schnitzen oder einfach nur trommeln.

Wir marschieren zu einem 6 km entfernten Strand (das ist der Nachteil auf der Hauptinsel, man muss entweder weit laufen, um zum Strand zu kommen, oder unverschämte Preise für ein Taxi oder ein Fahrrad in Kauf nehmen). An einem menschenleeren Traumstrand legten wir uns mal richtig auf die faule Haut, pendelten zwischen warmen Wasser und Hängematte hin und her und beobachteten neugierige, kleine Fische.  Nach einem Strand am Tag können wir uns dazu durchringen, die teure Taucherbrille und einen Schnorchel zu kaufen, mit der wir schon seit gestern liebäugelten. Das Wasser ist doch wie geschaffen zum Schnorcheln und bei der bunten Unterwasserwelt, die man selbst ohne Ausrüstung schon im Flachen bestaunen kann…

 

29 August 2003, Bocas del Toro

19.913 km, N 09-20-25 / W 82-14-23 

Was sollen wir heute schreiben: wir waren ein bisschen faul am Strand, Erik hat einen Haarschnitt verpasst bekommen und ansonsten gibt es eigentlich nichts zu erzählen. Nur das Wetter macht uns ein wenig Sorge: sieht nicht so gut aus für einen sonnigen, ersten Hochzeitstag.

Hanka und Erik
zum vorigen Kapitel

zum nächsten Kapitel