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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Costa Rica – von Tapiren und Brüllaffen

 
30. August 2003, Bocas del Toro – Cahuita

20.026 km, N 09-44-12 / W 82-50-23

Heute vor einem Jahr war unser großer Tag!!! In der Nacht hatte es stark geregnet umd das Wetter am Morgen sah auch nicht sehr vielversprechend aus. Obwohl wir eigentlich gern unseren 1. Hochzeitstag auf einer der Inseln verbracht hätten, entschieden wir uns für´s Weiterreisen. Wir verließen die Insel wieder mit dem Wassertaxi und erspähten sogar ein paar Delphine in der Wasserschneise herumspringen (das erste Mal, dass wir Delphine sehen!). In Almirante wieder auf trockenem Fuß waren wir froh, das Motorrad unversehrt in der Feuerwache wiederzufinden. In den 2½ Tagen hatten wir unser Gefährt schon richtig vermisst – nicht nur wegen der happigen Taxipreise auf Bocas del Toro.

Auf der Fahrt Richtung Costa Rica passierten wir endlose Bananenplantagen. Interessant war die Verladestation, deren Treiben man direkt von der Straße aus beobachten konnte. Die großen Bananenstauden werden direkt aus der Plantage über lange Seilförderanlagen in die Verladestation transportiert. Dort werden sie gewaschen, in kleinere Stauden geteilt, sortiert, in Chiquita-Kartons verpackt und in einen Eisenbahnwaggon verfrachtet. Die Früchte sind übrigens grasgrün, wenn sie geerntet werden.

Der Grenzübergang nach Costa Rica war der kurioseste, den wir bisher erlebt haben. Wir mussten zweimal fragen, bis wir glaubten, dass wir auf einen Bahndamm hochfahren und dort den Gleisen bis zu einem Zollhäuschen folgen sollten. Es ist, als ob wir unsere Pässe einem Bahnwächter vorlegen für das Ticket nach Costa Rica. Die Formalitäten auf panamaischer Seite sind schnell erledigt. Dann überqueren wir den Grenzfluss – auf einer Eisenbahnbrücke natürlich. Einerseits ist es beruhigend, dass die Gleise aussehen, als wäre schon lange kein Zug mehr darüber gefahren. Anderseits kann man zwischen den wackeligen Schwellen geradewegs nach unten schauen. In Fahrtrichtung gibt es nur zwei Spuren (z.T. sind nur lockere Bretter über die Schwellen gelegt), über die Erik die Honda zwischen Fußgängern, Schuhputzern, fliegenden Händlern und Wechselstuben hindurch balanciert. Hanka läuft hinterher und kämpft mit der Höhenangst, wannimmer sie ein Fußgänger im Gegenverkehr zu tollkühnen Ausweichmanövern zwingt. Bloß nicht nach unten schauen! Endlich kommen wir auf der anderen Seite und damit in Costa Rica an. Als erstes springen uns die vielen Verkaufsstände mit Gummistiefeln in allen Größen und Farben ins Auge. Hoffentlich ist das kein Wink mit dem Zaunspfahl!!!

An Costa Ricas Grenze nimmt man es schon ein bisschen genauer. Wir müssen zuerst in die nächste Drogerie, um dort ein paar Kopien von unseren Papieren anfertigen zu lassen. Danach bleibt uns nichts anderes übrig, als die obligatorische Versicherung für die Honda abzuschließen. Obwohl wir eine internationale Haftpflichtversicherung für das Motorrad bereits haben, lassen die Grenzer nicht mit sich diskutieren und prompt sind wir 15,- Dollar los. Was soll´s.

Unschlüssig über unser heutiges Tagesziel biegen wir nach Puerto Viajo ab. Nach 10 Minuten Ortsbesichtigung sind wir uns einig, dass es uns dort viel zu touristisch ist. Also fahren wir noch ein Stückchen weiter. Cahuiata ist gleich um die Ecke und dieser Küstenstrich wirkt auf Anhieb sympathisch. Nach einer kurzen Suchererei finden wir ein schönes Hostal gleich am Meer und lassen unseren ersten Hochzeitstag in einem Meeresfrüchterestaurant und einer Cocktailbar ausklingen. Na, wenn das nichts ist?


31. August 2003, Cahuita

20.026 km, N 09-44-12 / W 82-50-23

Schon zeitig blinzelt uns die Sonne entgegen und wir springen freudestrahlend in die Badesachen. Es ist ein Tag wie im Bilderbuch. Wir beschließen gleich am Morgen, ihn als unseren zweiten Hochzeitstag zu begehen, denn gestern war ja nicht allzu viel Zeit für entspannende, romantische Stunden.

Das Standard-Haferflockenfrühstück ist heute gestrichen zugunsten von warmen Vollkornbrot, das eine blonde Frau ofenfrisch im Supermarkt abliefert. Erik, unser Brötchenholer, läuft der Frau genau im richtigen Moment über den Weg und letztendlich sind 3 von 6 kleinen Broten unser. Es ist das beste Brot seit langem und erinnert uns ziemlich an Mamas Selbstgebackenes. Einfach lecker!

Gleich wenige Meter von unserem Hostal entfernt beginnt am Meer der Nationalpark Cahuita. Schon der Strand ist berauschend: weißer Sand, türkisgrünes Waser, das zum Wellenreiten einlädt, Dschungel und Palmen bis ans Ufer. Wir folgen dem Dschungeltrail und lassen uns in eine andere Welt entführen. Vor unseren Füßen springen nur so die Eidechsen, Salamander und allerlei Arten von Krabben. Hanka entdeckt sogar eine grünbäuchige Schlange, gut getarnt durch die Blätter kriechen. Zuerst dachte sie, es wär der Schwanz eines langen Leguans und wollte schon daran ziehen, aber besser nicht!

Das Pflanzengeflecht lässt immer wieder atemberaubende Blicke auf kleine Lagunen frei, wo das grünblaue Wasser fast die Palmen berührt. Genauso haben wir uns Karibik immer vorgestellt und erinnern uns an die Traumposter, die man mit 15 noch im Kinderzimmer hängen hatte. Nach einer Stunde Fußmarsch durch den Dschungel haben wir endlich den Strand vor dem Korallenriff erreicht. Es gibt nicht viel Platz zum Liegen auf einem schmalen Strandstreifen abgestorbener Korallenstückchen. Aber wir wollen auch nicht liegen und stürzen uns gleich ins Meer, um unsere neue Tauchausrüstung zu testen. Hanka schnorchelt zum ersten Mal und entgegen aller Befürchtungen klappt es ganz gut mit der Sauerstoffversorgung. Das Korallenriff ist nicht schwer zu entdecken, weil hin und wieder kleine Boote dort ankern, um zahlende Kunden ins Wasser zu lassen. Wir lassen uns von der Strömung mitreißen und schwimmen zum Riff hinaus. Erik schnorchelt schon total begeistert durch die Unterwasserwelt, als Hanka völlig unerwartet mit dem Bein gegen ein anderes Riff stößt. Die Strömung ist hier so stark, dass man sich kaum an den Korallen festhalten kann und im Nu sind Hände und Fußsohlen mit kleinen Schnittwunden übersäht. Leider reichen unsere Platzkapazitäten auf der Honda nur für eine Schnorchelausrüstung, so dass wir leider getrennt die Unterwasserwelt erleben. Hier gibt es sagenhaft große, blaue Fische, grün-geschuppte mit roten Flossen, violette, gelb-schwarz-gestreifte und endlos viele andere Arten. Spätestens jetzt steht auch für Hanka fest, dass der Tauchkurs auf Utila ein Muss ist und die Angst vorm Atmen ist bereits ein ganzes Stück geschwunden. Wieder an Land zu kommen, ist gar nicht so einfach. Mit aller Kraft schwimmen wir
gegen die Strömung und lassen uns anschließend fix und fertig auf unsere Handtücher fallen.

Danach ist eine kleine Stärkung fällig. Aber auf die hat es auch eine Horde weißgesichtiger Besucher abgesehen. Frech schielen die Affen auf die Rucksäcke der Strandgäste, um rauszukriegen, wo es etwas Essbares zu holen gibt. Doch wir wollen unser köstliches Brot nicht mit den verlausten Tierchen teilen, zumal unser Strandnachbar hellauf begeistert scheint, seine Kekse zu offerieren.

Später unternimmt Erik im Alleingang einen Schnorchel-Tauchgang. Hanka sieht ihn zuletzt gefährlich weit draußen bei den großen Wellen, die sich an den Steinen brechen - danach ist er eine ganze Weile von der Bildfläche verschwunden. Unruhig suchen Hankas Augen die Wasseroberfläche am Horizont ab, aber er ist einfach nirgends zu sehen. Mit jeder Minute nimmt die Angst zu und Hanka konnte nicht länger an sich halten und stolperte durch Steine, Korallen und Gras dem Horizont entgegen. Kein Schnorchel, kein Erik in Sicht - dabei muss er doch irgendwann mal auftauchen! Vielleicht hat ihn die Strömung gegen die Steine gespült und er ist bewusstlos geworden? Panisch schießen Hanka die Tränen in die Augen, während sie ununterbrochen nach Erik ruft. Ihr gehen die unmöglichsten Sachen durch den Kopf und in der Not
betet sie sogar (falls es einen Gott oder sowas da oben gibt).
Es hat alles keinen Sinn - Erik bleibt wie vom Meer verschluckt. Im Rucksack ist unsere Trillerpfeife für Notfälle und Hanka steuert ganz verrückt vor Sorge dem Strand entgegen, um eines der Ausflugsboote vom Riff heranzupfeifen. Wir müssen Erik suchen und alleine ist das nicht zu schaffen. Hoffentlich wagen sich die Boote überhaupt hinaus in die gefährlich starke Strömung! Als sich Hanka dem Strand nähert, erkennt sie eine vertraute Gestalt, die Hundert Meter weiter rechts aus dem Wasser steigt. Es ist Erik, der ganz verwundert auf ihre Rufe reagiert. Danach kullern nur so die Tränen - vor Erleichterung und vor Erschöpfung - und Erik weiß gar nicht, wie ihm eigentlich geschieht. Dabei ist er einfach nur noch mal zum Riff hinüber geschnorchelt, weil es draußen bei den Wellenbrechern keine Fische zu sehen gab. Hanka fällt an diesem Tag nicht nur ein Stein vom Herzen und es dauert eine Weile, bis sie sich beruhigt hat und das Zittern nachlässt. Erik muss Hanka versprechen, ihr nie wieder solch einen Schrecken einzujagen!

Als letzte Badegäste am Riff machen wir uns auf dem Rückweg durch den Dschungel. Auf einmal hören wir ein gruseliges Brüllen aus den Büschen herüber dröhnen. Es hört sich wie ein Riesengorilla an und Hanka bleibt bald das Herz stehen (Heute kamen wirklich einige graue Haare zusammen!). Da wir jedoch wissen, dass es hier keine Gorillas gibt, tippen wir auf einen Tapir. Im Schnellschritt bewegen wir uns weiter - wobei, Erik eher gelassen. Eine Vietelstunde später lässt uns erneut das Brüllen erstarren; diesmal kam es direkt vor uns aus dem Dickicht. Vorsichtshalber binden wir das Brotmesser an Eriks Gürtel, auch wenn es uns wenig später ziemlich albern vorkommt.

Wohlbehalten und erschöpft kommen wir im Hostal an. Wir suchen uns ein Restaurant mit köstlich karibischer Meeresküche und essen fantastisch. Auch der Karambole-Saft ist unschlagbar lecker und so wird es noch ein schöner Abend (sozusagen unser zweiter Hochzeitsabend). An Tagen wie diesem wird uns wieder einmal bewusst, wie gut es ist, einander zu haben!!!


1. September 2003, Cahuita

20.026 km, N 09-44-12 / W 82-50-23

Heute genau vor 6 Monaten sind wir im kalten Hamburg nach Chile aufgebrochen. Die 20.000-Kilometer-Grenze ist mittlerweile auch geschafft. Aber wer hätte vor einem halben Jahr gedacht, das wir uns heute an solch einem Traumstrand wiederfinden?

Wir fühlen uns hier jedenfalls so wohl, dass wir prompt noch einen Tag bleiben. Schließlich müssen wir ja noch mal das warme Vollkornbrot der unbekannten Bäckerin genießen und anschließend unser neues Hobby fröhnen: schnorcheln. Der Strand ruft und wir wollen uns bei diesem Wetter gar nicht erst vorstellen, wie sich die klebrig-warmen Motorradklamoten auf schwitzender Haut anfühlen.

Es war jedenfalls ein schöner Tag, ganz wie im Urlaub (diesmal auch ohne herzschmerzende Aufregung).


2. September 2003, Cahuita - San Jose

20.293 km, N 09-55-53 / W 84-04-06

Nur schweren Herzens brechen wir von Cahuita auf. Während wir schwitzend das Motorrad beladen, watschelt ein bunter Papagei zwischen unseren Füßen herum. Der kleine Kerl scheint echt neugierig.  

Wir können nicht anders und kaufen im Supermarkt das letzte Vollkornbrot für später und schwingen uns anschließend auf den Sattel nach San Jose, der Hauptstadt Costa Ricas. Schon jetzt wissen wir, dass ein straffes Programm dort auf uns wartet, aber wir haben ja gerade Urlaub gemacht ;-). Die Reifen sind inzwischen wirklich fällig und haben inzwischen guiness-rekordbuch-verdächtige 20.000 Kilometer mitgemacht, ohne auch nur einen einzigen Platten! Neben der Reifensuche wollen wir schließlich auch noch was von der Stadt sehen - man könnte es "Sight-Reifening" nennen, wie wir es bereits in Panama City hinter uns haben. Außerdem brauchen wir schon wieder eine neue Straßenkarte und jede Menge Arbeit wartet im Internet auf uns (ja, ja, Ihr Lieben, wir müssen ja was berichten).

Die ersten 45 km bis Puerto Limon folgen wir noch palmenbesäumten Karibikstränden, die uns rechterhand begleiten und immer wieder das türkisgrüne Wasser durchscheinen lassen. Anschließend folgen wir nur noch den Bananen-, Holz- und Bierlastern, die anscheinend alle nach San Jose wollen. Der Verkehr ist die Hölle und wir wundern uns anschließend nicht über unsere rußverschmierten Gesichter, die uns bei der Hostalsuche jedesmal wie scheinheilige Gestalten wirken lassen.

Nachdem wir die Plantagen von Chiquita, Dole & Co. hinter uns gelassen haben, schneidet sich die Straße stetig bergauf. Es folgen dichte, wolkenverhangene Wälder, in denen das Wasser scheinbar aus allen Ritzen gesprüht kommt. Wenn hier mal keine Orchideen sprießen... Leider durchqueren wir das grüne Dickicht nur per Motorrad und wenig später finden wir uns bereits in San Jose wieder, immerhin auf 1.150 m Höhe.

Die Straßen und Avenidas sind hier nach amerikanischem System einfach durchnumeriert, so dass wir uns gleich prima zurechtfinden. Unsere angesteuerte Herberge zählt zwar nicht zu den billigsten, ist dafür aber echt schön. Schon lange haben wir unser Zimmer nicht mehr teilen müssen, aber bis jetzt sind wir ja noch allein.

Mit knurrenden Mägen marschieren wir anschließend in Richtung Supermarkt, schaffen es aber vorerst nur bis zum "Bagelmen" als ein sintflutartiger Regenguss die ganze Stadt unter Wasser setzt. Zumindest verhungern können wir nicht, während wir die Zeit im "Bagelmen" überbrücken. Nicht wie in Hamburg, hört es hier nach einem nassen Guss auch wieder auf zu regnen, was nicht nur Leuten ohne Regenschirm zugute kommt. Danach kühlt es ziemlich ab und wir merken, dass wir uns ertmal an eine neue Klimazone gewöhnen müssen. Erik, dem alten Schweden, sind die Temperaturen ganz recht, aber Hanka zieht es zurück an die Küste, wo Erik die Hitze unerträglich scheint. Mal sehen, ob wir noch ein Land finden, in dem uns beiden das Klima zusagt.
 

3.-4. September 2003, San Jose

20.293 km, N 09-55-53 / W 84-04-06 

Das Beste an unserem Hostal ist das kostenlose Internet. Dafür nehmen wir sogar eine Maus im Zimmer und die regelmäßigen Ekelanfälle wegen der großen Kakalaken in Kauf! Es ist die erste Unterkunft unserer Reise, in der wir Bekanntschaft mit den widerlichen Tierchen machen. Doch wir haben so viel zu tun im Internet, dass sich der unverhältnismäßig hohe Übernachtungspreis wieder relativiert. So schaffen wir schon beinahe alle Vorbereitungen für das Update unserer Homepage. Allerdings stellen wir mit Schrecken fest, dass das Kontaktformular auf unserer Website nicht funktioniert. Gut möglich, dass schon seit einigen Monaten alle e-Mails ins Leere laufen. Das ärgert uns richtig, vor allem weil wir von vielen Leuten, die wir unterwegs kennengelernt haben, vergeblich auf Nachricht hofften. Wahrscheinlich sind diejenigen jetzt bitterböse, weil wir logischerweise keine der Mails beantwortet haben. Diese Erkenntnis trifft uns tief! Ein halbes Jahr verlorene Freundschaften… 

Während Hanka 2 Tage mehr oder weniger vor dem Rechner verbringt, klappert Erik die ganze Stadt nach neuen Reifen ab. Die Arbeitsteilung bewährt sich: nach einem Tag Angebotsvergleichen fährt Erik mit nigelnagelneuen Metzeler Enduro-4-Reifen auf den Hof. Bei dieser Gelegenheit tauschte er gleich noch die hinteren Bremsklötzer, die schon wieder runter waren. Auch das Lenkkopflager musste nachgezogen werden, was mit Rohrzange und geborgtem 30er-Schlüssel letztendlich auch zu bewerkstelligen war.  

Nach zwei arbeitsreichen Tagen waren wir froh und stolz, morgen schon weiterfahren zu können. San Jose hat nicht viel zu bieten, was wir nennenswert fänden und außerdem haben wir keine Lust, darauf zu warten, eine Kakalake im Bett zu finden.
 

5. September 2003, San Jose – Fortuna

20.433 km, N 10-28-17 / W 84-39-04 

Bis wir uns aus der Stadt hinausgequält haben, sind wir scheißgebadet. Jede, aber auch jede Ampel schaltet auf rot und lässt uns bei den schwülen Temeraturen im eigenen Saft braten. Wir sind happy, als wir endlich auf die Panamericana stoßen und Fahrtwind schnuppern dürfen. Der Wind tut gut, denn ohne ist es in den Motorradklamotten einfach nicht auszuhalten. 

Ab San Ramon wird auch die Landschaft richtig schön. Wir nehmen den Abzweig nach Fortuna, der uns durch tropisches Regenwaldgebiet führt. Um die Fauna und Flora zu schützen (und das kriegen die in Costa Rica scheinbar recht gut hin), haben sich die Ticos (Costa Ricaner) etwas ganz Besonderes einfallen lassen: die Touris werden in abgegrenzten Reservaten gut verkarabinert an Seilen und Rollen hängend durch den Dschungel geschleust. Das Tarzan-Feeling ist garantiert, denn die Rollen schaffen es bis auf 50 km/h Speed. Und wer ein richtiger Tarzan ist, der schafft es sogar, dabei noch Pflanzen zu bewundern und Tiere zu beobachten. Aber man hängt nicht nur am Haken, sondern das Ganze hat auch einen Haken, nämlich einen ziemlich stolzen Preis von 40,- Dollar p.P. Wir lassen Canopy Canopy sein und beschließen, ein paar Dschungeleindrücke vom Motorradsattel aus zu sammeln. 

Die Vorfreude auf ein Picknick mit erstem Blick auf den Vulkan Arenal verflog, sobald wir uns auf eine Wiese fallen ließen. So wie uns die Tortillas schmeckten, schmeckte den Mücken unsere freien Körperstellen. In Südamerika hatten wir damit die wenigsten Probleme – hier dagegen brechen die stechenden, lästigen Insekten ziemlich alle Rekorde.  

Mit einem etwas unguten Gefühl schlagen wir in Fortuna wenig später unser Zelt in mitten von kleinen Seen auf. Wir dürfen in einem schönen Restaurantgarten zelten, wo wir sogar einen großen Pool haben und ganz für uns alleine sind. Glücklicherweise lassen uns die stechenden Biester den ganzen Abend in Ruhe und auch die Krokodile im angrenzenden Zuchtgehege bevorzugen ihr eigenes Terrain. So konnten wir ganz gelassen vom Pool aus den Vulkan Arenal beobachten, wegen dem wir extra nach Fortuna gekommen sind. Der Arenal hat aller paar Stunden eine Eruption und mit etwas Glück kann man bei Nacht die glühend heiße Lava den Berg hinunterströmen sehen. Leider sollte uns das Spektakel verwehrt bleiben, denn der Gipfel war hartnäckig in dicke Wolken eingehüllt. Wie wir später erfuhren, hatte der aktivste Vulkan Amerikas heute um kurz nach elf einen großen Ausbruch, von dem sogar die Zeitungen berichteten. Der Nationalpark musste gesperrt und 200 Menschen evakuiert werden. Wr trudelten etwa 4 Stunden zu spät ein und sahen lediglich ein paar dampfende Steine durch die Wolken hinunterkullern. Man kann halt nicht immer Glück haben! 

Wovon wir jedoch schon seit Wochen träumten, war ein schöner Grillabend. Irgendwie bot sich ewig nicht die Gelegenheit zum Grillen und mit etwas Neid dachten wir schon öfter an die lauen Grillabende im Garten back in Germany. Aber hier kamen wir endlich auf unsere Kosten: a) es regnete nicht und es war warm; b) es gab einen Grill und kostenlos Holzkohle; c) es waren keine anderen Lebensmittel aufzubrauchen und d) es gab einen Supermarkt mit leckeren Frischfleisch. Nachdem die drei Riesenteile auf herkömmliche Steakgröße auf dem Grill geschrumpft waren, hätten wir glatt noch mal so viel verputzen können. Es reichte gerade mal zum Appetit anregen.
 

6. September 2003, Fortuna – Playa Hermosa

20.621 km, N 10-34-34 / W 85-40-35 

Um halb sieben hält Hanka nichts mehr im Zelt und das Ritsch Ratsch des Zeltreißverschlusses lässt schließlich auch Erik müde blinzeln. Es gab einen herrlichen Sonnenaufgang und mit den ersten Sonnenstrahlen stieg auch kontinuierlich die Innentemperatur unseres Zeltes, so dass es irgendwann auch den brummenden Erik in den Swimming Pool trieb. Aber das frühe Aufstehen hatte auch etwas für sich, denn wir saßen beizeiten auf dem Bike. 

Die traurigste Bilanz des gestrigen Tages war Hankas verloren gegangener Motorradhandschuh. Irgendwo auf der Hostalsuche muss das gute Stück verlorengegangen sein und auch die gestrige Suchaktion durch Fortuna brachte den Lederhandschuh leider nicht wieder zum Vorschein. Nicht, dass Hanka darüber böse gewesen wäre, bei diesen Temperaturen ohne Handschuhe fahren zu müssen. Sicherheit geht schließlich vor – deshalb stellt sich die Frage, wo einen neuen herbekommen? So war sie letztendlich überglücklich, als der verloren geglaubte Handschuh ganz unschuldig vor dem Kühler klebte und schon ein ganzes Stück als blinder Passagier mit uns gefahren ist Es findet sich ja doch alles wieder! 

Während wir uns noch über den Handschuh freuten und frische Pipa tranken (aufgeschlagene Kokosnuss, aus der man per Strohhalm den Saft trinkt), zeigten uns die Einheimischen in einem Baum direkt neben dem Supermarkt einen riesigen Leguan. Der gehört anscheinend zur Gemeinde und mit ihm viele kleinere, die hier einfach das Treiben beobachten… 

Mit schönen Postkarten-Aussichten auf den noch immer wolkenverhangenen Vulkan und der Laguna de Arenal tatsen wir uns weiter durch einen Landschaftmix aus Hügelweiden mit Schweizer Häusern und Regenwald. Die Piste ist streckenweise ziemlich schlecht und wir hüpfen von einem Schlagloch in das nächste. Plötzlich sehen wir am Straßenrand ein ziemlich unerschrockenes, waschbärenartiges Vieh mit einer komischen Nase. Irgendwas scheint mit dem seltsamen Gesellen nicht zu stimmen, denn das Tierchen ist viel zu zahm. Keine Minute später wissen wir auch, warum: der nächste Touristenbus hält prompt, die Kekse fliegen in hohem Bogen aus dem Fenster und Kameras und Objektive klicken wie bei den Paparazzis. Das kluge Tierchen hat also nur auf den nächsten Bus gewartet. 

Keine 10 km weiter finden uns von einer ganzen Horde dieser Tiere umringt. Quiekend betteln sie um etwas Leckeres, das ihnen der Dschungel scheinbar nicht bieten kann. Das nachfolgende Auto füttert die Gesellen sogleich mit Orangenstückchen. Anscheinend sind die gefräßigen Kleinen nicht sehr wählerisch, aber schon völlig menschenverdorben. Es sind Nasenbären, wie uns die Leute erzählen.

Kurz vor Nuevo Arenal macht uns ein Schild neugierig : “Tomy´s Bakery – Deutsche Bäckerei”. Im Laden herrscht ziemlicher Trubel. Scheinbar trifft sich hier alles, was deutsch ist und – wie wir – Schwarzbrot und Sauerteig vermisst. Tom ist begeistert von unserer Transalp; bis vor drei Jahren hatte er selbst eine rote; und lädt uns spontan zum Capuccino ein. Zusammen mit seiner besseren Hälfte Ellen lebt er schon seit 7 Jahren als “Umsteiger” in Costa Rica. Tom hat einige gute Tipps für unser nächstes Ziel, die Halbinsel Nicoya, parat. Wir lassen uns zugleich von seiner Speisekarte inspirieren und gönnen uns Sauerbraten, Weißwürste und Sauerkraut. Es schmeckte köstlich und wer in der Gegend sein sollte, muss unbedingt mal bei den beiden vorbeischauen. 

Wir schafften es fast bis Playa Hermosa, als uns mal wieder ein Gewitter überraschte. Es goss wie aus Kannen und so blieb uns nichts anderes übrig, als die Zeit mit zwei durchgeweichten Ticos auf Fahrrädern in einer überdachten Bushaltestelle totzuschlagen. Mittlerweile stinken unsere Klamotten wie Scheuerlappen – das ständige Nass in dieser feuchtwarmen Umgebung ist der ideale Nährboden für Bakterien und wir würden uns nicht wundern, wenn uns einen schönen Morgens aus unseren Hosen der Schimmel anspringt! Der Regen wollte leider auch nicht aufhören und und wir ahnten schon, dass die Motorradsachen wieder einmal nicht trocknen würden. Regenzeit!

Im Ecotel, von dem Anke und Ulf so schwärmten, standen wir vor verschlossenen Toren. Auch die Nachbarn hatten keinen blassen Schimmer, wo die Eigentümer waren. Anschließend wurde es gar nicht so leicht, in dem verschlafenem Nest ein günstiges Dach über dem Kopf zu finden. Schließlich kamen wir bei einem verrückten Kanadier unter und konnten sogar die letzten Sonnenstrahlen nach drei Stunden Regen am Strand erleben.
 

7. September 2003, Playa Hermosa

20.621 km, N 10-34-34 / W 85-40-35 

Es gibt zwei triftige Gründe, einen Tag hier zu verbringen: Erstens ist die Nähe zum Meer verlockend und zweitens gibt es im Hostal eine große Waschmaschine. Wenn das nicht die Gelegenheit ist, endlich mal unsere stinkende Motorradkluft durch´s Seifenwasser zu ziehen…

Während wir nach der morgentlichen Waschaktion gleich in die Wellen springen, bangen wir den Rest des Tages mit den immer größer und dunkler werdenden Wolken. Irgendwann ist es dann soweit und wir sprinten zu unseren Wäscheleinen, um die Sachen vor dem Wolkenbruch zu retten. Wohl oder übel müssen wir dann die halbfeuchten Motorradsachen zwischen Ventilator, Ameisenstraße, Moskitonetz und einer tropfenden Decke in unserem Zimmer aufhängen. Das mit dem Waschen war wohl nicht so die Idee!

Am Abend statten wir dem Ecotel einen erneuten Besuch ab. Irgendwie ließ uns das verschlossene Tor keine Ruhe und wir waren neugierig auf das schweiz-kanadische Pärchen. Erstmal wurden wir von zwei Rottweilern mit schlammigen Tatzen begrüßt. Marc (der kanadische Besitzer) machte auf uns einen ziemlich wirren, verwahrlosten Eindruck. Seine Freundin war für 3 Monate in der Schweiz und er schien entweder eine Midlife-Crisis oder seine frauenlose Phase der Entgleisung durchzumachen, oder so ähnlich. Vielleicht trocknet das Klima den “Nordmenschen” auch einfach nur das Gehirn aus. Also, liebe Anke, Ihr scheint wohl eine Glücksphase im Ecotel gehabt zu haben!
 

8. September 2003, Playa Hermosa – Playa Junquillal

20.752 km, N 10-09-19 / W 85-48-27 

Eigentlich sind Costa Ricas Straßen erstaunlich gut mit Wegweisern bestückt. Aber wir schafften es dennoch, ohne Plan durch die Gegend zu irren. Nach einer Tortur über felsgroße Steine landeten wir irgendwo im Nirvana und waren froh, mitten im Regenwald auf ein bewohntes Haus zu stoßen. Wie befürchtet, mussten wir den üblen Weg wieder zurückfahren und uns irgendwie anders durchschlagen. Schon zum zweiten Male wurden wir auf dem Rückweg von einem grässlichen Brüllen erschreckt. Die Laute waren diesselbem, die wir im Nationalpark Cahuita schon gehört hatten und kamen direkt aus dem Gebüsch. Mit Adrenalin in den Adern wollten wir diesmal der Sache auf den Grund gehen und uns dem vermeintlichen Tapir stellen. Immerhin hatten wir diesmal “Schutzkleidung” an und ein Motorrad dabei (eine Freundin hatte mal erzählt, dass ein Mädchen im Urlaub von einem Tapir angefallen worden ist, obwohl die Tiere Vegetarier und recht scheu sind). Das nächste Brüllen folgte prompt und zog unsere Blicke diesmal in die Höhe. Wir lachten herzlich, als wir eine Bande zotteliger Affen wahrnahmen. Das sind also Brüllaffen!!! Man muss schon sagen, das Brüllen klingt viel lauter und fürchterlicher, als man diesen kleinen Faulpelzen in den Bäumen zutrauen würde! Jedenfalls sind wir endlich dahinter gekommen, dass Tapire vermutlich eine andere Sprache sprechen und damit hatte sich der Abstecher bereits gelohnt!

Unsere Vorstellung, entlang der Strände an der Küste immer Richtung Süden zu fahren, hatte nicht viel mit der Realität gemein. Auf superschlechten Pisten hangelten wir uns durch´s untouristischste Niemandsland, mit dem Costa Rica wahrscheinlich aufwarten kann. Vom Meer war die meiste Zeit noch nicht mal ein Funken Blau in Sicht! Stattdessen gelang es nur durch gezielte Abstecher, überhaupt einen Eindruck von der Küste zu bekommen, an der sich Strand an Strand reiht.

Auf Hankas Wunschliste stand u.a. der Playa Grande, wo es ein schönes Schildkrötenmuseum geben sollte. Leider war der Ausflug umsonst, denn so wie der Garten aussah, ist das Museum schon seit einiger Zeit geschlossen. So fuhren wir also weiter Richtung Süden Nicoyas. Zur Krönung erwischte uns auch wieder einer der sintflutartigen Regengüsse. Klatschnass versuchten wir vergeblich, irgendwo eine Unterstellmöglichkeit zu finden. Die Piste verwandelte sich dabei zusehends in ein Schlammbad. Wie wir unmittelbar zu spüren bekamen, schmierten unsere neuen Reifen im Schlamm ziemlich schnell ab. Es wurde die reinste Rutschpartie durch Pfützen und roten Schlick. Na, das konnte ja noch heiter werden!

Um anschließend ein geeignetes Plätzchen zum Übernachten zu finden, verspürten wir nicht viel Lust, einen Sturz im Schlamm zu riskieren. Wozu die Honda auf´s Spiel setzen, wenn uns das Meer bereits zu Füßen liegt? Wir bauten unser mobiles Schlafzimmer direkt am Strand unter einem Mandelbaum auf uns genossen den Blick auf die tobenden Wellen, die sich an den Klippen der kleinen Bucht brachen.

Das Dörfchen selbst (Junquillal) wirkt auf uns noch richtig verträumt. Die kleine Tienda im Dorf scheint schon zeit ‘zig Jahren dem alten Ehepaar zu gehören. Immerhin finden wir dort alles, was wir für´s Campen brauchten; sogar krumme Kerzen. Vielleicht erlebten wir hier auch nur die Ruhe der Nebensaison. Gleich nebenan in der der leerstehenden Ferienanlage sind bereits die Frösche in den Swimming Pool umgezogen. Jetzt wirkt das verlassene Grundstück, als hätte jemand viel Geld in den Sand gesetzt. Und wieder einmal beginnen wir zu träumen, welche Netze man so im Ausland spinnen könnte … vergessene Ferienanlagen aufkaufen und Töpferkurse anbieten … ach was, alles Flunkerei!

Fortsetzung folgt!

Hanka und Erik
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