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Nikaragua
– „Ungeschliffener Diamant“ Mittelamerikas
12. September 2003, Liberia - Rivas
21.380 km, N 11-26-37 / W 85-49-34
Was für ein Tag!!!
Wir brechen beizeiten auf, um an der Grenze zunächst anderthalb Stunden
in einer Riesenschlange zu stehen und auf unsere Ausreisestempel zu warten.
Die Pässe sind eigentlich binnen 10 Sekunden gestempelt, aber nach
einer Weile Anstehens wird uns klar, wieso es nicht vorwärts geht:
Jeder, der irgendwie kann, findet einen Grund, um sich vorzudraengeln.
Ständig kommen irgendwelche „Agenten“ vorbei mit Stapeln
von Pässen in der Hand und Dollarscheinen in der Brusttasche. Es
lässt sich nicht schwer erraten, dass man so als „Stempelbeamter“
ganz gut sein Gehalt aufbessern kann. Willkommen im Geschäft der
Korruption.
Schweißgebadet (wer stellt sich schon anderthalb Stunden in Motorradklamotten
an) beschließen wir, die Zollformalitäten für das Motorrad
unter den Tisch fallen zu lassen. Wir haben ohnehin nicht vor, mit der
Maschine noch einmal nach Costa Rica einzureisen und so dürfte es
keine Probleme geben, wenn wir die costa-ricanischen Papiere nicht ausstempeln
lassen. Nach Fahrtwind lechzend schwingen wir uns auf die Honda, kommen
allerdings keine 10 Meter. Irgendein Typ will unsere Pässe kontrollieren,
ob wir auch wirklich einen Ausreisestempel haben. Das ganze Spiel wiederholt
sich aller paar Meter bis wir schon scherzend daran denken, die Stempelseite
unsere Pässe an die Frontscheibe zu schnüren und durchzufahren.
Zum Glück schickt uns keiner zurück, weil wir es gewagt haben,
die Motorradpapiere nicht ausstempeln zu lassen. So landen wir irgendwann
auf nikaraguanischem Terrain.
Wir werden von einer riesigen Schlammlache empfangen und müssen erstmal
sehen, wie wir durch diese Suhle gekommen. Fehlte bloß, dass wir
uns wegen der eingewühlten Reifen gleich hinlegen. Mit einigen Schlitteren
erreichen wir endlich einen riesigen Parkplatz. Das Immigrationshäusel
finden wir noch von ganz allein. Allerdings gibt es keine Einreisestempel,
ohne dass wir 18 Dollar abgedrückt haben. Wir sind zwar etwas pikiert,
aber es tröstet uns, dass die Einheimischen genauso zur Kasse gebeten
werden. Der weitaus schwierigere Teil war es, das Motorrad über die
Grenze zu kriegen. Ziemlich ratlos standen wir vor einer Tafel voll Anweisungen
– insgesamt vier Institutionen, die abzuklappern waren. Wie sich
jedoch herausstellte, war es nicht so einfach, wie das Schild ankündigte.
Erik reihte sich zunächst in die Schlange am nächsten Schalter
ein – als er endlich dran kam, verstand er kein einziges Wort. Man
muss seinen Kopf schon auf das Brettchen am Schalterfenster legen, um
einigermaßen zu verstehen, was die Beamtin da von sich gibt. Einer
der Agenten nahm sich sogleich Eriks Hilflosigkeit an und kroch selbst
mit den Kopf durch das winzige Loch, aus dem man seine Anweisungen erhält.
Nachdem er endlich verstanden hatte, was die Frau wollte, nahm Erik dankend
seine weitere Unterstützung in Anspruch. Es hieß, dass wir
irgendeinen Zettel von einem Inspektor brauchen, bevor die Dame an diesem
Schalter für uns zuständig wäre. Okay, Inspektor. Fragt
sich nur, wo ist der Mensch, der den gewünschten Zettel rausrückt?
Unser Agent weiß zwar auch nicht so recht weiter, aber er weiß
sich zumindest schnell durchzufragen und so macht er den Inspektor binnen
Kürze ausfindig. Dieser Typ rennte nur hektisch auf und ab, schaute
sich kurz die Honda an und drückte Erik einen kleinen Zettel in die
Hand. Okay, das wäre schon mal geschafft – wieder zum Zollhäuschenfenster
und schließlich gibt sich die Dame zufrieden.
Als nächstes müssen wir samt Motorrad noch mal durch den Schlammplatz
fahren und eine Polizeistelle finden. Unser Agent ist inzwischen richtig
gut in die Gänge gekommen und rennt mit einem Stapel an Papierunterlagen
neben uns her. Die sogenannte Polizei - ein paar Jungs in Zivil und ohne
Ausweis, die sich daran machen, unser Gepäck zu durchwühlen
– ließen bei uns ziemliche Zweifel aufkommen. Irgendwie waren
die Typen sehr suspekt! Da kann ja jeder kommen und mal in den interessanten
Sachen von anderen Leuten rumschnüffeln. Hanka ist ziemlich angenervt.
Aber es schien alles seine Richtigkeit zu haben und wir bekamen den nächsten
Stempel in die Unterlagen gedrückt.
Anschließend wurden Kopien gebraucht. Kein Mensch ahnte, dass der
Kopierer in einem kleinen Laden, eine viertel Meile entfernt zwischen
Restaurants zu finden ist. Das war selbst für unseren Agenten eine
Herausforderung. Nachdem auch das geschafft war, wetzten die beiden an
das letzte Schalterfenster. Die wollten schließlich Kohle von uns
sehen, aber es wäre ja viel zu einfach, nur die 10 Dollar durch's
Fenster zu reichen. Man muss erst zur Bank gehen, dort auf ein Konto 10
Dollar einzahlen und mit dem Beleg wieder vor dem dritten Schalterfenster
erscheinen. Der Typ dort nahm wohlwollend die Bankbescheinigung entgegen
und stellte uns prompt eine Quittung dafür aus, dass wir die 10 Dollar
auch wirklich bei der Bank bezahlt haben. Halleluja – ist das nicht
der Gipfel von Bürokratie?
Geduldig erledigte unser Agent auch die letzten Anforderungen, während
Erik schließlich freudestrahlend einen großen Stapel Papiere
in den Händen hält. Es sind inzwischen geschlagene vier Stunden
vergangen!
Als wir endlich aufsitzen, werden wir gleich wieder gestoppt. Oh bitte,
Mann, lass das jetzt endlich alles gewesen sein. Wir haben absolut keine
Lust mehr auf weitere bürokratische Unsinnigkeiten. Zum Glück
will der Mensch nur unsere Pässe kontrollieren, ein Stückchen
weiter müssen wir den Papierstapel für die Einfuhr des Motorrades
zücken und ein Militärtyp kontrolliert alle Unterschriften und
Stempel sämtlicher Inspektionen, die wir durchlaufen haben. Es fällt
uns ein Stein vom Herzen, als er die Schranke freigibt und uns nach Nikaragua
weiterfahren lässt.
Gleich nach der Schranke werden wir allerdings wieder gestoppt. Die Municipalidad
(Stadtverwaltung oder so ähnlich) kassiert hier von jedem Passanten
1 Dollar. Dieser Typ macht zwar nur seinen Job, aber Hanka kann nicht
anders, als sich nach dieser stundenlangen Schikane einfach Luft darüber
zu machen, wie undurchschaubar, schwachsinnig und geldschneiderisch diese
Grenze ist. Wir haben dieses Extrem bisher an keiner anderen Grenze erlebt!
Kleinlaut schiebt er uns zwei Quittungen in die Hände, heißt
uns noch leise in Nikaragua willkommen und wir haben ENDLICH freie Fahrt.
Hätte uns jetzt noch der Tierschutzverein oder sonstwer abzocken
wollen – wir wären den Leuten an die Gurgel gegangen. Nikaragua
scheint nicht gerade gern Besucher mit eigenem Fahrzeug aufzunehmen.
Noch immer auf 180, trauen wir unseren Augen nicht, als uns 2 km weiter
ein Junge mit Regencape an die Seite winkt. NEIN – die nächste
Inspektion! Er will mit einem Schlauch unser Motorrad abspritzen und wir
sollen dafür 3 Dollar berappen. Wir haben nur noch 4 Dollar in der
Tasche und sind nicht gewillt, unser letztes Geld für eine halbherzige
Desinfektionsstelle auszugeben. Hanka will sich weigern, auch nur einen
Cent für die paar Spritzer zu zahlen, aber Erik gibt schließlich
um des Friedens willen nach. Danach haben wir es endlich überstanden
und sind in Nikaragua – mit gerade mal einem Dollar in der Tasche,
keinem Córdoba oder sonstigen Scheinchen (die Grenze hat uns sämtliche
Reserve-Dollar gekostet, das waren sage und schreibe 37,- Dollar).
Mit der herrlichen Landschaft, die sich vor uns ausbreitete, verflog jedoch
unser Grenzfrust von einer Sekunde auf die andere. Rechterhand lag der
Lago de Nicaragua mit der Isla de Ometepe, die von zwei gigantischen Vulkankegeln
dominiert wird: dem noch aktiven Volcán Concepción und dem
vom Regenwald überwucherten Volcán Maderas. Im Nachmittagslicht
bei fast wolkenfreiem Himmel genossen wir einen unbeschreiblichen Blick
auf den See. Hanka hatte in Costa Rica von dem letzten Geld noch etwas
Tagesverpflegung eingekauft, so dass wir uns nur anschauen brauchten und
im gleichen Moment nickten: Picknick!
Das Problem bestand nur darin, ein Plätzchen im meterhohen Gras zwischen
einem Gewimmel von Insekten zu finden. Doch ehe wir uns versahen, winkte
uns eine junge Frau zu, wir können auf ihrem Grundstück an den
See gehen und uns hinsetzen. Ihr Mann trieb gerade mit seinem Pferd die
Kühe zusammen während eine Schar von Kindern neugierig hinter
ihrem Rockzipfel hervorspähte. Die Leute lebten sehr ärmlich
in einer Hütte, aber wir waren fasziniert von der unerwarteten Freundlichkeit
zwei fremden „Gringos“ gegenüber. Wir hatten leider nichts
für die Kinder dabei – für das kleine Memory-Spiel, das
Hanka schon seit Ewigkeiten in der Tasche trägt, waren sie noch zu
klein und Bonbons haben wir bei der Hitze schon seit Wochen nicht mehr
gekauft. Wir hatten aber auch den Eindruck, als käme diese Freundlichkeit
von Herzen – nicht, um Münzen oder Bonbons abzugreifen. Mit
einem herzlichen Lächeln verabschiedeten wir uns von den netten Leuten
und nahmen den Abzweig nach San Juan del Sur. Nach 18 km landeten wir
am Pazifik und schauten uns in dem gemütlichen Ferienörtchen
um.
Die wichtigste Anlaufstelle, so unser Reiseführer, war „Ricardos
Bar“ am Strand. Wir brauchten am dringendsten einen Geldautomaten
oder eine Unterkunft, die wir mit Kreditkarte bezahlen konnten. Marie
und Richard, zwei Auswanderer, deckten uns erstmal mit allen möglichen
Informationen ein und wir plünderten ihren großen Bücherschrank,
um unsere beiden ausgelesenen Romane gegen neue Lektüre einzutauschen.
Ernüchternd stellten wir allerdings fest, dass wir in San Juan del
Sur völlig ohne Geldautomat, Bank oder Wechselstube für Traveler
Cheques abgeschnitten waren. Wir klopften sämtliche Möglichkeiten
ab, hatten jedoch keine andere Wahl, als die 18 km bis zur Panamericana
zurückzufahren und unser Glück in Rivas zu probieren. Wir invstierten
unseren letzten Dollar in eine Flasche Wasser und bissen wohl oder übel
in den sauren Apfel und fuhren zurück.
Natürlich war Rivas mit San Juan del Sur gar nicht zu vergleichen,
aber wir hatten keine Lust, die ganzen Strecke wegen einer Nacht wieder
zurückzufahren. Inzwischen ging die Sonne bereits unter und färbte
den Himmel feuerrot, wie wir es schon lange nicht mehr erlebt hatten.
In Rivas fanden wir zwar schnell einen Geldautomaten, aber der schluckte
anscheinend nur VISA. Aber was macht man nur, wenn man seine eigene Geheimzahl
nicht weiß? Weitersuchen. Es schien allerdings nicht unser Tag zu
sein – es gab keinen anderen Automaten und sämtliche Banken
hatten geschlossen. Plötzlich kam Hanka die zündende Idee: Tankstellen!
Tankstellen nehmen doch häufig Kreditkarten an. Wenn wir jetzt noch
einen Tankstellenwart beschwatzen, dass er unsere Kreditkarte belastet
und uns den Betrag Cash auszahlt, wäre der Abend gerettet. Gesagt,
getan. Es klappte gleich an der ersten Shell-Tanke. Wieder mussten wir
uns nur wundern, wie unheimlich nett die Leute waren und es brauchte keine
lange Diskussionen, bis der Besitzer uns aus der Patsche half. So konnten
wir uns wenigstens ein Abendessen und ein Bett in Rivas leisten.
13. September 2003, Rivas – Finca Magdalena
21.418 km, 11-28-58 / 85-30-35
Eigentlich wollten wir am Vormittag
noch einmal ins Internet, um zu hören, ob es aus Gunnis Lager etwas
Neues gibt, aber als wir vor der Fähre nach Ometepe standen, hektikten
zwei Typen gleich derartig herum, dass wir gar nicht anders konnten als
das nächste Boot zu nehmen. Sie schütteten uns regelrecht mit
Informationen zu und wollten nicht mehr von unserer Seite weichen. Wir
merkten schnell, weshalb sie sich so bemühten, aber wir gehören
nun mal nicht zu den großzügigen Trinkgeldgebern.
In einer Lagerhalle befand sich die Kasse für das Motorrad. Wir waren
erleichtert, als die Mintnahme unserer Honda nicht mal 2 Dollar kosten
sollte. Für eine Fährzeit von einer Stunde ein großzügiger
Deal. Kaum hatte Erik bezahlt, als eine Dame mit einem Quittungsblock
wedelte. Es fiel noch eine zweite Gebühr an. Irgendwann bringt man
es in Nikaragua anscheinend nicht über's Herz, einen Endpreis zu
nennen, wenn man nach dem Preis fragt. Instinktiv warteteten wir darauf,
dass der nächste kommt und Geld von uns wollte. Zunächst ließ
man uns jedoch in Ruhe und deutete auf den Anleger, den wir vorfahren
sollten. Dort lag bereits ein kleiner Kutter, auf dessen Dach nun die
Honda hochgeladen werden sollte. Mit einem Grinsen im Gesicht blieben
wir erstmal stehen und warteten ab – keine Ahnung, wie wir das schwere
Gefährt samt Gepäckbeladung eine Rampe und über eine niedrige
Reeling hochbugsieren sollten. Für die Kutterbesatzung schien das
alles kein Problem zu sein und wir ließen die Jungs mal machen.
Erik ließ den Motor an und schob auf einem Brett neben der Rampe
die Honda hoch. Auf halber Höhe schnappten sich die Männer das
Ende des Brettes und hoben es mit Bärenkräften in die Waagerechte,
so dass Erik das letzte Stück über die Reeling nur noch geradeaus
schieben musste. Es klappte fabelhaft.
Anschließend wurde alles gut verzurrt und vertäut, so dass
sich kein Rad mehr bewegte. Wir machten es uns auf dem Fußboden
bequem, an der Seite unseres Motorrades und warteteten darauf abzulegen.
Bei voller Fahrt kamen wir allesamt ganz schön ins Schaukeln und
waren froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Angeblich
ist der Lago de Nicaragua der einzige Süßwassersee der Welt,
in dem es Haie gibt. Die Forscher sind sich noch uneinig, ob diese seltene
Art von Haien sowohl süßwasser- als auch salzwasserfähig
ist und ihren Lebensraum wechseln (der Lago de Nicaragua hat eine Verbindung
zum Karibischen Meer). Wir jedenfalls haben während unserer Überfahrt
leider keine Rückenflosse erspäht.
Angekommen in Moyogalpa folgen wir der einzigen Straßenschleife
über die Vulkaninseln (früher handelte es sich um zwei separate
Inseln, die heute durch zahlreiche Ausbrüche von Lava miteinander
verbunden sind). Neben uns türmt der Vulkan Concepción, mit
einem Wattebausch an Wolken an der Spitze. Plötzlich ruft Erik ganz
aufgeregt: „Ein Ello, ein Ello, ich fass es nicht, ein Ello!“
Diese pensionierten LKW's aus alten DDR-Zeiten sahen wir noch häufiger
über die Insel knattern. Ebenso begegneten wir alten W50's und immer
wieder betagten Motorrädern der Marke MZ, die uns gleich an Zeiten
der sozialistischen Bruderhilfe erinnerten. Hier auf Ometepe fanden wir
quasi den alten Fuhrpark historischer DDR-Geschichte.
Die Menschen waren extrem freundlich und schenkten Fremden bei jeder Gelegenheit
ein Lächeln. Obwohl der Lebensstandard der Nikaraguaner sehr einfach
ist und Welten zwischen dem amerikanisch-zivilisierten Costa Rica und
dem armen Nikaragua liegen, fasziniert uns dieses Land viel mehr. Der
Tourismus hält sich noch sehr bedeckt und selbst die „Gringo-Pfade“
von Lonely Planet & Co. sind beiweitem noch nicht ausgetreten. Vielleicht
wird in ein paar Jahren diese Ursprünglichkeit verloren sein, aber
genau das gefiel uns so gut und wir hoffen, dass die Nikaraguaner sich
genau das fernab von jeglichem Massentourismus-Programmen bewahren können.
Nach anderthalb Stunden Fahrt über ausgewaschene Erde erreichten
wir die Finca Magdalena auf der anderen Seite der Insel. Dieses alte Gutshaus
des ehemaligen Kaffeplantagen-Besitzers am Rande des Dschungels wird von
den umliegenden Familien als einfache Herberge betrieben. Gemeinschaftlich
werden Kaffee, Reis und Früchte hier angebaut und abwechselnd bekochen
die Frauen Rucksacktouristen, die die Finca als idealen Ausgangspunkt
zum Aufstieg auf den Volcán Maderas nutzen. Auch wir haben vor,
uns morgen an diesem Berg zu probieren, nach dem uns Tobi in Costa Rica
so von der Einmaligkeit eines völlig bewachsenen Vulkanes vorgeschwärmt
hatte. Skeptisch schielen wir jedoch die anderen an, die mit schlammverkrusteten
Stiefeln und beschmierten Wanderhosen das Abenteuer bereits hinter sich
haben. Mal sehen, was da auf uns zukommt. Für heute machen wir es
uns einigermaßen auf dem Dachboden gemütlich, der zu zweckmäßigen
Schlafsälen umfunktioniert worden ist. Hanka erinnert das alles an
Omis Kutscherstube auf dem Bauernhof, wenn auch der Sonnenuntergang hinter
dem gegenüberliegenden Vulkan über dem See echt Weltklasse ist.
14. September 2003, Finca Magdalena
21.418 km, 11-28-58 / 85-30-35
Es hatte die ganze Nacht wie
aus Kannen gegossen. Die Ziegel bewältigten leider nicht ganz die
Wassermassen und so schreckten wir immer wieder von den nassen Spritzern
auf. Ziemlich müde quälten wir uns kurz nach sechs aus den Kissen
und packten unsere Siebensachen. Wir hatten uns ein straffes Tagesprogramm
vorgenommen: drei Stunden, um auf den Vulkan zu kommen, drei Stunden wieder
hinunter, eine Stunde Pause zum Schwimmen, denn die eiskalte Lagune direkt
auf dem Gipfel soll außergewöhnlich sein. Anderthalb Stunden
würden wir wieder brauchen, um mit dem Motorrad zur Fähre zu
kommen und wenn alles gutgeht, setzen wir um 16.00 Uhr mit der letzten
nach San Jorge über. Es war alles genau geplant – und wenn
wir bis 14.00 Uhr vom Wandern zurück sind, dürften wir es heute
sogar noch bis Granada schaffen.
Zunächst warteten wir eine geschlagene halbe Stunde auf unsere Sandwiches.
Die Küchenfrauen ließen heute morgen ziemlich auf sich warten,
so dass wir schon später loskamen als geplant. Anschließend
schafften wir es gerade noch, uns an einen Italiener und eine Schweizerin
zu heften, die forschen Schrittes mit einem Seil bewaffnet vor uns herstapften.
Einer der Einheimischen hatte uns den Tipp gegeben, nicht ohne Seil loszulaufen.
Es gäbe wohl eine ziemlich kritische Stelle oben, an der es nützlich
sein würde.
Schon nach den ersten Metern schwante uns, wie aufgeweicht der Weg sein
musste. Noch immer hingen dicke Wolke über dem Gipfel und niemand
konnte genau abschätzen, ob sie nicht gleich wieder ihre Schleusen
öffnen würden. Tapfer stapften wir weiter und achteten peinlich
genau darauf, dass unsere Turnschuhe nicht allzuschlimm einschlammten.
Spätestens nach einer dreiviertel Stunde gaben wir die artistenreifen
Sprünge über Baumäste, Steine und sonstigen schlammsicher
erscheinenden Dinge auf. Der Matsch quietschte uns bereits durch die Socken.
Noch schlimmer als der Schlamm war die unerträgliche Schwüle.
Wir liefen geradewegs durch den Regenwald ohne eine Brise, begleitet vom
kreissägenartigen Zirpen von Grillen oder sonstigen krachmachenden
Insekten. Wir waren bis auf die Haare klatschnass geschwitzt und Erik
fühlte sich wie kurz vor einem Kreislaufkollaps. Unsere beiden Klettergefährten
waren längst über alle Berge.
Mit vielen Trinkpausen schafften wir die ersten zwei Stunden. Inzwischen
war es um einige Grad Celsius erträglicher geworden, die „Sirenengrillen“
waren verstummt und stattdessen begleiteten uns die Rufe von Brüllaffen.
Noch immer hingen dicke Wolken über dem Dschungel und wir mussten
ein paar mal sogar die Wolkenschleier durchqueren, die sich an die Hänge
des Vulkans schmiegten. Wirklich ungewöhnlich an dem Berg ist der
Dschungel. Wir marschierten stundenlang, ohne auch nur ein einziges Erfolgserlebnis
zu haben. Wegen der dichten Vegetation ist einem weder eine Aussicht nach
unten noch ein Blick auf den Gipfel vergönnt. Weiter oben verliefen
wir uns beinahe, aber instinktiv folgten wir dem richtigen Abzweig, der
zunächst nach unten und anschließend über den nicht wahrnehmbaren
Kraterrand führte. Danach standen wir vor einem Felsen, an dem das
Seil bereits befestigt war. Mit zittrigen Knien seilte sich Hanka Stück
für Stück den Fels hinunter – Erik hingegen legte eine
tarzahnreife Übung hin. Schließlich erreichten wir nach vier
statt drei Stunden den Gipfel und freuten uns auf eine Abkühlung
in der Lagune. Die Badesachen hatten wir allerding umsonst mitgeschleppt.
Vor uns lag ein wolkenverhangener See, den man höchstens als Froschtümpel
bezeichnen konnte. Das Wasser war so eisig, dass wir alles andere als
freudig ins Wasser springen wollten. Also umkehren. Wieder den Felsen
hinauf, wieder durch den ganzen Schlamm hinunter – es war die reinste
Plackerei und wir bereuten jeden Schritt, den wir auf dieses Terrain gesetzt
haben – Vulkan hin oder her. Niedlich war dagegen eine Horde Brüllaffen,
die mit Babies direkt über unseren Köpfen durch den Dschungel
unterwegs waren.
Natürlich erwischte uns beim Rückweg der Regen und machte alles
noch viel schlimmer. Wir rutschten und schlitterten durch den Matsch;
das Wasser kam von überall in kleinen Rinnsalen und man musste höllisch
aufpassen, um nicht auszurutschen. Wir wollen doch in 4 Tagen auf Utila
sein – also strengten wir uns an wie die Bergziegen, keinen falschen
Schritt zu tun und Stürze zu vermeiden. Zum Glück konnten unsere
Hintern das meiste abfangen; mit dem Resultat, dass wir aussahen wie die
Schweine. Im Regen kamen wir nach weiteren vier Stunden ziemlich erschöpft
in der Finca Magdalena an. Acht Stunden Wandern – das sind unsere
Knochen nicht mehr gewöhnt. Acht Stunden Motorradfahren dagegen –
kein Problem.
Wie zu erwarten, waren wir natürlich zu spät, um noch zur Fähre
aufzubrechen. Also verleibten wir uns erstmal eine große Portion
Spaghettis ein und packten unsere Sachen für eine weitere Nacht in
der Finca Magdalena aus.
15. September 2003, Finca Magdalena – Granada
21.497 km, 11-55-54 / 85-57-26
Wie zu erwarten, hingen unsere
schlammverschmierten Klamotten noch genauso nass auf der Leine, wie wir
sie gestern abend hingehangen hatten. Nicht mal die Mikrofaserhandtücher
waren trocken. Wohl oder übel stopften wir das stinkende Zeug in
die Taschen und machten uns auf dem Weg zur Fähre.
Vier Männer hievten erneut die Honda auf das Deck des Kutters und
schnürten die Maschine sturzsicher fest. Anschließend quälten
wir uns durch die sengende Mittagshitze über den Lago de Nicaragua,
um die Spazierfahrt nach Granada anzutreten. Unterwegs stellte Erik fest,
dass der Tachometer ausgefallen war. Wahrscheinlich war nur die Tachowelle
abgerissen, aber die Liste an kleinen Wartungen summierte sich so langsam.
Inzwischen beteten wir, heil und pünktlich auf Utila anzukommen.
Mit einer Gründlichkeit schmierten wir in den letzten Tagen täglich
die Kette, denn das hintere Ritzel sah mittlerweile nicht mehr so gut
aus. Gunni hat extra den neuen Kettensatz im Rucksack, deshalb müssen
wir es irgendwie schaffen – der Countdown läuft noch 3 Tage
und wir haben 1.000 km hinter uns zu bringen.
Im Granada finden wir uns in der kolonialen Altstadt wieder, die uns mit
den bunten Straßenzügen schlichter Häuser gleich gefällt.
Selbst in der Stadt sind die Menschen freundlich und zuvorkommend und
Granada hat nichts von der Hektik anderer großen Städte gemein.
Es ist die älteste spanische Stadt Nikaraguas und aufgrund von Empfehlungen
lassen wir Managua zugunsten der historischen Kolonialstadt links liegen.
Da wir schon am frühen Morgen eintreffen, haben wir genügend
Zeit, um unsere nassen Schlammklamotten samt Rucksack gleich in einer
Wäscherei abzugeben und uns ein bisschen die Stadt anzuschauen. Natürlich
schlendern wir durch den Parque Colón und probieren gleich eine
der angepriesenen Safttheken aus. Hanka kommt zwar diesmal nicht über
ihren Lieblingssaft Granadilla hinaus, aber Erik lässt sich zu einem
Tamarinden-Saft hinreißen. Das Zeug ist ungewöhnlich, aber
ziemlich lecker. Schon deswegen könnte man getrost ein paar Tage
in Granada verbringen, aber wir müssen ja weiter. Im Moment haben
wir auch noch ein ganz anderes Problem: wir brauchen neue Dollar, denn
nach dem Einreisedrama machen wir uns darauf gefasst, auch an der nächsten
Grenze wieder tief in die Devisentasche greifen zu müssen. Allerdings
sind für zwei Tage die Banken und Wechselstuben geschlossen, weil
in Nikaragua Unabhängigkeitstag gefeiert wird. Saubere Sachen haben
wir jetzt, also wird sich auch dieses Problem irgendwie lösen...
Morgen geht es weiter Richtung
Norden. Wir hoffen, die Grenze zu schaffen und die nächste Nacht
schon in Honduras zu verbringen. Leider bleibt keine Zeit für andere
schöne Fleckchen in Nikaragua und wir sind traurig, beispielsweise
León auszulassen. Trotz der kurzen Zeit in Nikaragua ist für
uns dieses faszinierend ursprüngliche und herzliche Land das schönste
in Mittelamerika (insofern man überhaupt einen Vergleich ziehen kann).
Nikaragua hat nicht nur mit einer unvergleich schönen Landschaft
aufzuwarten (viele Vulkane und Seen), sondern fasziniert vor allem durch
die Menschen. Wir sind selten derartiger Gastfreundlichkeit begegnet –
in einem Land, deren Menschen für unsere Verhältnisse am Existenzminimum
leben. Vielleicht überlegen wir uns ja noch, die Honda in Honduras
unterzubringen und für ein paar Tage mit Betti und Gunni per Bus
Nikaragua zu bereisen. Dann bleibt uns zumindest der Formalitätenspießrutenlauf
wegen des Motorrades erspart und wir hätten noch einmal die Gelegenheit,
in dieses traumhafte Land zurückzukehren.
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