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Abgetaucht
in Honduras
16.
September 2003, Granada - Danli
21.805 km, N 14-01-46
/ W 86-34-11
Wir brechen zeitig auf. Die
letzten Backpacker kommen gerade von ihrer Nachtschwärmertour in
den Schlafsaal zurück und lassen sich ins Doppelstockbett fallen
(wir schlafen ausnahmsweise mal im Dormitory), als wir bereits die Alukoffer
zum Motorrad schleppten. Irgendwie ist das Hostal dermaßen überbucht,
dass überall Leute auf dem Fußboden und in den Hängematten
schlafen - eine ziemliche Zumutung, wie wir finden.
Das schöne Wetter wollen wir in den frühen Stunden ausnutzen
und machen gleich als erstes eine Stadtrundfahrt durch's Zentrum. Leider
hat sich Hankas Sonnenbrille nun gänzlich verabschiedet und selbst
der Sekundenleim hält die gebrochenen Brillengläser nicht mehr
zusammen. Als Motorradfahrer bedeutet das, entweder mit offenem Visir
zu fahren, wobei man nicht nur eine Menge Blinzelfalten riskiert, sondern
seine Augen ungeschützt Staub, Ruß und Insekten ausliefert.
Die Alternative heißt mit geschlossenem Visir zu fahren, aber bei
diesen Temperaturen ist das eine ziemliche Strafe. Dennoch haben wir heute
auch eine kleine Glückssträhne, denn wir finden den wohl einzigen
Geldautomaten, der erstens unsere EC-Karte akzeptiert und zweitens auch
gleich Dollar ausspuckt. So füllen wir unsere letzten nikaraguanischen
Córdobas in den Tank und machen uns mit frischen Dollars auf den
Weg zur Grenze. Wir sind schon gespannt, wie sie diesmal dort unseren
Geldbeutel schröpfen werden...
Auch für die restlichen Stunden in Nikaragua inhalieren wir intensiv
die atemberaubende Landschaft aus Seen und Vulkanen. Zwischendrin ackert
ein Bauer gerade ein Reisfeld um, während weiße Reiher in Scharen
hinter dem Pflug herwaten. Wir möchten die Bilder am liebsten für
immer festhalten. Wer weiß, ob und wannn wir jemals nach Nikaragua
zurückkehren?
Ein bisschen Traurigkeit steht uns schon in den Gesichtern geschrieben,
als wir die Grenze nach Honduras erreichen. Dennoch graut uns vor dem
bürokratischem Spießrutenlauf, den uns Nikaragua fürchten
gelehrt hat. Wider Erwarten wickelt man unsere Ausreise jedoch relativ
problemlos ab. Es bedarf nicht mal einem der redsamen Agenten zur Hilfe.
Lediglich auf hondurianischer Seite wären wir ohne fremde Hilfe erschossen
gewesen. Erik schnappt sich gleich eine Frau an seine Seite, die ihn durch
den Papierdschungel geleitet. Die Dame ist ziemlich auf Zack und treibt
ihn zur Eile an, denn es sind nur noch wenige Minuten, bis die hondurianische
Bank schließt, auf der wir Geld einzahlen müssen. Leider ist
aber auch unsere Agentin nicht dem Hochmut von Grenzbeamten gewachsen
und Erik rastet bald aus, als eine arrogante fette Kuh in ihrem Beamtenhäuschen
sich weigert, für die stolze Summe von 42,- Dollar, die wir für
die Einreise der Honda blechen müssen, noch nicht mal eine Quittung
auszustellen. Wir haben nicht mal die Spur von einer Chance, die Beamtin
dazu zu bewegen, auch nur einen einzigen Finger zu rühren. Es gibt
keine Quittungen und damit Basta. Wir werden nie erfahren, ob wir die
Alte geschmiert haben oder nicht - angeblich würde nie jemand nach
einer Quittung fragen. Was wir uns auch eigentlich einbilden...
An diesem Tag beschließen wir, dass wir uns und der Honda einige
mögliche Länder Mittelamerikas ersparen. Auf der "Abschussliste"
stehen zunächst El Salvador und Belize. So leid uns das eigentlich
tut, wir sind es mächtig leid, uns diesen stundenlangen Grenzschikanen
zu stellen und an jeden "A..." unsere kostbaren Dollar abzudrücken.
Zwar wussten wir im Vorfeld schon, dass es an einigen Grenzen ziemlich
schlimm werden kann, aber wir haben inzwischen echt genug. Der heutige
Grenzübertritt hat uns sage und schreibe 72,- Dollar gekostet!!!
Nachdem sich Blutdruck und Wut gesenkt haben, nehmen wir die ersten Eindrücke
von Honduras auf. Uns fällt gleich auf, dass die Leute längst
nicht so einfach leben wie in Nikaragua. Amerikanischer Kitsch hat hier
schon fleißig Einzug gehalten und die Ursprünglichkeit ein
wenig versaut. Kommt es uns nur so vor, oder wirken die Menschen in Nikaragua
tatsächlich glücklicher?
Ohne festes Tagesziel raspeln wir die Kilometer herunter und suchen uns
schließlich vor Einbruch der Dunkelheit ein günstiges Quartier
in Danli. Die Stadt ist im Lonely Planet gerade mal in zwei Zeilen erwähnt,
so dass hier kaum Touristen absteigen. Trotz dass der Ort tatsächlich
nicht besonders nennenswert ist, gefällt es uns, abseits des Gringopfades
eine Stadt für uns zu haben. Schnell sind die wichtigsten Sachen
wie Wasser, Haferflocken und Obst eingekauft und schon sitzen wir in einer
üblen Kaschemme, die uns unser netter Hostalvater empfohlen hat,
vor unseren Tellern "comidas corridas" und langen kräftig
zu. Die Zusammenstellung eines solchen Tellers ist schon ein wenig wundersam:
gebratenes Fleisch, Reis, Bohnen, Tomaten, scharfe Chilisoße, ein
Stück beißend riechender Käse und obendrauf ein Spiegelei.
Neben dem Stammtisch sind wir die einzigen Gäste in der verräucherten,
mit alten Schlagerstar-Postern verzierten Absteige. Dennoch fühlen
wir uns wohl und werden behandelt, als wäre es ganz selbstverständlich,
dass wir hier zu Abend essen. Wir haben uns selten irgendwo so wunderlich
und gleichzeitig so normal aufgenommen gefühlt wie in Danli.
17. September 2003, Danli - Tela
22.265 km, N 15-47-01 / W 87-27-11
Alles was heute zählt,
sind die Kilometer auf unserem Tacho. Wir bringen es tatsächlich
auf 460 km, bis wir in Tela ins Bett fallen. Aber mit jedem Kilometer
nähern wir uns Utila; wir liegen gut im Zeitplan, wenn nur nichts
dazwischenkommt.
Die Strecke ab Danli ist so langweilig, dass sie kaum ein paar Zeilen
im Tagebuch verdienen. Es geht bergauf bis sich vor uns ein Tal ausbreitet,
das wir passieren müssen. Danach zieht sich die Straße bergauf,
bis wir uns vor dem nächsten Tal Kiefernwälder wiederfinden.
Dasselbe Spiel wiederholte sich ungefähr vier- oder fünfmal
bis wir vor den Toren der Hauptstadt Tegucigalpa stehen. Wir stürzen
uns ins Gewusel an Schnellstraßen und sind dankbar, dass wir uns
nicht durch's Zentrum schlagen müssen. Ehe wir uns versehen, führen
uns die Autobahnen bereits wieder aus der Hauptstadt hinaus und wir suchen
den nächsten Orientierungspunkt auf der Landkarte: San Pedro Sula.
Am Nachmittag lenken wir die Honda auf den Parkplatz eines Einkaufzentrums
in San Pedro Sula. Leider liegen wir mit unserer Vermutung falsch, einen
Supermarkt dort vorzufinden, in dem wir unsere Vorräte an Sonnencreme,
Insektenspray, Haartönung und Milchpulver aufstocken können.
Selbst die Polizei ist nicht in der Lage, uns den Weg zu einem großen
Supermarkt zu erklären und so geben wir auf. Die Stadt ist unbeschreiblich
heiß - die Luft kommt uns vor wie mitten in der Sahara und so lassen
wir San Pedro Sula im Rückspiegel. Unsere Haare sind unter den Helmen
klitschnass geschwitzt und wir lechzen nach Fahrtwind.
Abends kommen wir Tela an und freuen uns wie die Königtiger, es bis
an die Küste geschafft zu haben. Uns trennen nur noch 100 km von
La Ceiba, von wo aus die Fähre nach Utila geht. Ob Gunni und Betti
auch in Tela übernachten oder schon in La Ceiba sind? Wir halten
ständig die Augen offen nach den beiden. Mann, oh Mann, sind wir
vielleicht aufgeregt! In weniger als 24 Stunden sind wir schon gemeinsam
auf der Insel!!!! Die Nähe zum Meer macht uns Lust auf Fisch und
wir essen köstlich in einem kleinen, unbekannten Fischerrestaurant,
fernab der Touristen-Restaurant-Meile. Unsere Nachbarn, zwei Einheimische
bestellen doch prompt "Pollo con Arroz". Essen die überhaupt
mal etwas anderes als Huhn mit Reis??? Das muss man sich mal vorstellen,
wir sitzen in einem FISCH-Restaurant, wo es Meeresgetier und leckeren
Fisch günstig in Hülle und Fülle gibt! Die Kellnerin vertut
sich völlig mit unserer Rechnung und wir machen und mucksmäuschenstill
aus dem Staub, weil uns nicht mal ein Viertel des tatsächlichen Verzehrs
berechnet wurde.
18. September 2003, Tela - Utila
22.371 km, N 16-05-29 / W 86-53-28
Irgendwie muss der klapprige
Ventilator den Wecker übertönt haben. Wie verschlafen fast und
springen um sechs wie von der Tarantel gestochen aus den Federn. Das einzige,
was uns diesen Morgen aufwachen ließ, waren ein paar Limonen, die
regelmäßig vom Baum auf das Blechdach krachten und die Aufregung
auf einen langersehntes Wiedersehen mit zwei ganz lieben Menschen.
In Rekordzeit ist die Maschine beladen und ein paar Limonen eingesammelt,
so dass wir am Ende froh sind, noch etwa eine halbe Stunde Pufferzeit
zu haben auf dem Weg nach La Ceiba (noch 100 km). Plöderweise gibt
es nur eine Fähre nach Utila um halb zehn und die müssen wie
kriegen. Höchstwahrscheinlich treffen wir sogar Gunni und Betti schon
auf der Überfahrt nach Utila und können schön eine Stunde
sabbeln. Mit jedem Kilometer wächst die Aufregung und die Freude
darauf, die beiden zu sehen. Hanka dreht sich schon nach jedem Bus um,
den wir überholen, um vielleicht irgendwo ihren Bruder zu entdecken.
Nur mit Mühe finden wir nach äußerst seltsamen Wegbeschreibungen
das Fährterminal in La Ceiba. Nicht, dass man mal ein Schild hätte
aufstellen können, um den gottverlassenen Hafen zu finden... Man
winkt uns schließlich gleich an die Fähre heran und ehe wir
uns versehen und kapieren, dass es mittlerweile zwei Fährgesellschaften
gibt, ist die Honda schon am Deck vertäut und wir haben die Tickets
für die 9-Uhr-Fähre in der Hand. Danach erspähen wir die
herkömmliche Halb-zehn-Fähre und sind uns sicher, dass wir Gunni
und Betti verpassen. Unser dämliche Reiseführer braucht dringend
ein Update!
Da wir es im morgentlichen Stress noch nicht mal geschafft haben zu frühstücken,
kommen wir mit knurrenden Mägen auf der Insel an. Allein schon das
unglaublich klare, türkisgrüne Wasser lässt erahnen, weshalb
Utila zu den beliebtesten Tauchplätzen der Welt gehört. Wir
freuen uns riesig auf dieses Abenteuer! Zielsicher steuerten wir gleich
als erstes Alton's Dive Shop an. Hier gibt es zwar Tauchschulen wie Sand
am Meer, aber nachdem jetzt schon so viele Leute, die wir unterwegs getroffen
haben, vom "Alton's" geschwärmt haben...
Obwohl uns schon langsam schlecht vor Hunger war, machten wir schon mal
in der Tauchschule allles klar, bevor der zweite Schwung Touristen eine
halbe Stunde später die Insel stürmte. Mitch, der Manager, zeigte
uns gerade den Tauchshop, als es plötzlich draußen unruhig
wurde. Prompt folgte ein riesiges Hallo und Gunni und Betti standen in
voller Backpacker-Montur vor uns. Ach, war das ein schöner Moment
- wir mussten die beiden erstmal so richtig knuddeln und in die Arme nehmen.
Die zwei waren vielleicht bepackt!!! Mit Gunnis Rucksack könnte man
glatt einen Kahn versenken! Gut vorstellbar, dass es einen Busfahrer fast
vom Dach zerrt, um dieses Riesenteil herunterzureichen (Wie uns Gunni
später erzählte, denkt keiner der Leute hier daran, Gepäckstücke
vom Bus zu reichen. Nach mittelamerikanischer Manier wird das Gepäck
der Fahrgäste vom Busdach einfach auf die Straße geworfen und
man ist entweder schnell genug und gut im Fangen oder packt lieber bruchsicher.)
Mehr als sechs Monate haben wir uns nicht gesehen und obwohl sich keiner
wirklich verändert hatte (abgesehen von Gunnis Nachwirkungen eines
Viruses, der blutunterlaufene Augen verursacht und einer schlimmen Herpeslippe)
gab es viel zu erzählen. Wie lange hatten wir uns schon auf diese
Stunden gefreut und während der Stunden auf dem Motorrad überlegt,
was wir uns alles unbedingt erzählen müssen!
19.-23. September 2003 Utila
22.371 km, N 16-05-29 / W 86-53-28
Man könnte behaupten,
die letzten Tage hätten unser Leben verändert. Zumindest sind
wir jetzt zertifizierte Open-Water-Taucher und dürfen fortan die
Unterwasserwelt bis in 18 m Tiefe alleine erkunden. Wir können selbst
kaum glauben, dass man in so kurzer Zeit das Tauchen lernen kann. Dafür
nahm man uns aber auch ganz schön ran: 250 Seiten Tauchtheorie und
diverse Tests wollen erstmal durchgeackert sein! Und so kamen wir vier
nicht umhin, in jeder freien Minute zu büffeln. Es viel uns sichtlich
schwer, zumal wir statt der Hausaufgaben lieber stundenlang miteinander
gequatscht hätten. Aber Gruppenlernen motiviert auch und wir wollten
es ja allesamt schaffen.
Am zweiten Tag unserer Ausbildung durften wir endlich mit der ganzen Ausrüstung
ins (flache) Wasser. Wir waren ganz hibbelig und neugierig, wie sich das
Atmen unter Wasser anfühlt. Über Gunnis Worte werden wir noch
ewig lachen, als er meinte: "Ich kann's gar nicht erwarten, dass
wir endlich den Schnuffi in der Gusche haben". Das Atmen klappte
fantastisch. Beim ersten Tauchgang widmet man sich allerdings nur den
Übungen, die in der Tiefe lebenswichtig sind. Wie in "Arielle"
saßen wir vier zusammen mit unserer Tauchlehrerin Alex und Joe,
ihrer Assistentin, auf dem Grund - um uns herum bereits die ersten neugierigen
kleinen Fische - und übten der Reihe nach alle Abläufe. Nach
1 ¾ Stunden waren wir ziemlich geschlaucht und froren selbst im
warmen Wasser erbärmlichst. Nachdem wir alle das erste Mal gut überstanden
haben, hegte Hanka ernste Zweifel, ob das Tauchen was für sie ist
und ob sie weitermachen sollte. Ihr kam es vor, als hätte sie die
meisten Probleme von allen und bereits auf dem Grund hielt sie nur der
Ehrgeiz unten und ließ sie tapfer alle Übungen mitmachen. Irgendwie
lief nur ihre Maske ständig voller Wasser, was mit der Zeit leichte
Anfälle von Panik auslöste. Zu den wichtigsten Übungen
überhaupt gehört es, die Taucherbrille unter Wasser wieder leerzublasen;
das ist gar nicht so einfach, wie es ausschaut. Bei Betti, Erik und Gunni
klappte das hervorragend, nur Hanka mühte sich mit der Maske und
dem Salzwasser ab. Aber alles was zählte war, dass wir den schwierigsten
Teil geschafft hatten. Alle sprachen Hanka gut zu und so ließ sie
es auf einen neuen Versuch ankommen.
Am nächsten Tag kam der erste richtige Tauchgang, der uns in 12 m
Tiefe bringen sollte. Hanka schlotterten vor Angst die Knie, aber alle
anderen - vor allem Alex - waren ziemlich zuversichtlich, dass sie es
gut schaffen würde. "Wer die Übungen geschafft hat, der
schafft auch das wirkliche Tauchen!" Okay, wenn sich schon alle so
eine Mühe geben, Hanka aufzumuntern, dann wird sie das schon meistern.
Plumps - ging es vom Boot aus ins Wasser. Zuerst Buddycheck (man üeberprüft
seinen Tauchpartner, dass alles richtig sitzt und funktioniert), danach
l-a-n-g-s-a-m abtauchen. Während Betti und Gunni wie zwei Steine
auf der ersten Sandbank landeten, strampelten wir zwei uns ziemlich ab
und hatten arge Probleme mit dem Druckausgleich. Es drückte und pfiff
uns in den Ohren, wie wir es noch nie erlebt hatten. Aber Joe stand uns
gut bei bis wir beide es endlich auf die Sandbank schafften. Von da an
ging alles ziemlich einfach und wir konnten erstmals die karibische Unterwasserwelt
bestaunen. Es war unbeschreiblich - selbst, wenn unsere Tauchbewegungen
noch ziemlich hektisch und unbeholfen aussahen. Wieder auf dem Boot stand
Hanka ein großes Grinsen im Gesicht geschrieben. Wir waren wirklich
tauchen!
Die darauffolgenden Tauchgänge wurden kontinuierlich besser, wenn
auch Erik und Hanka immer viel langsamer abtauchen mussten, als Gunni
und Betti, denen die Ohren nicht so viele Probleme bereiteten. Wir alle
waren vom Tauchfieber gepackt und der Erfahrung, in eine völlig neue
Welt "eingetaucht" zu sein. Lediglich Hankas Tauchgänge
wurden immer wieder von Problemen mit der Maske begleitet. Erst beim vorletzten
Tauchgang fanden die anderen heraus, dass ihr Gesichtsabdruck von der
Taucherbrille viel weiter oben saß als bei den anderen. Das war
schließlich des Rätsels Lösung und Hanka ersparte sich
von nun an den leidigen Stress mit einer immer wieder voll Wasser laufenden
Maske. Wenn wir darauf nur eher gekommen wären, hätte das ihr
einige Tränen und immer wieder aufkommende Zweifel erspart.
Während unserer Tauchgänge im glasklaren Wasser sahen wir Calamares,
große Baracudas, eine riesige grüne Moräne, Lobster, Seepferdchen,
alle möglichen Korallen und natürlich viele bunte Rifffische.
Ein Unterwassererlebnis wird uns ganz besonders in Erinnerung bleiben.
Gleich bei einem der ersten Tauchgänge ging Gunni die Luft aus (jeder
Mensch verbraucht unterschiedlich viel Pressluft unter Wasser). Sofort
alarmierte er Alex, die sich auf den Aufstieg mit Gunni an ihrer Flasche
vorbereitete (jeder Taucher hat zwei Atemgeräte angeschlossen, damit
man seinem Tauchpartner im Notfall helfen kann). Während wir uns
unter Wasser verständigten, wurde auch Eriks Luftvorrat sehr knapp,
so dass Joe auch ihn mit an die Oberfläche nehmen mussten. Jetzt
waren nur noch Hanka und Betti unten, aber Alex gab uns zu verstehen,
dass auch wir langsam auftauchen sollten. Wir wunderten uns über
das nicht geplante Manöver und gingen davon aus, dass das "Buddyauftauchen"
an einer Flasche eine Übung sein sollte. Alex hing bereits mit Erik
5 m unter der Wasseroberfläche und legte den "Safety Stop"
ein, schaute dabei unentwegt nach unten. Betti und Hanka waren gerade
dabei, zusammen mit einer Flasche den Aufstieg zu üben - an einer
Flasche. Es klappte alles hervorragend und an Boot fingen wir herzlich
an zu lachen. Alex war völlig perplex, dass unsere Flaschen auf einmal
auch leer waren (das waren sie ja natürlich gar nicht, denn wir hielten
das Ganze für eine Übung). Und Hanka und Betti waren überzeugt,
das Richtige getan zu haben. So viel zum Thema Verständigung unter
Wasser. Auch das ist eine völlig neue Erfahrung: unter Wasser ohne
Worte zu kommunizieren. Aber wir lernten die Zeichensprache schnell lieben
und begannen auch auf dem Festland, uns per Handzeichen zu verständigen.
Das gehört einfach zum Erlebnis.
Während unserer weiteren Tauchgänge machten wir enorme Fortschritte
und völlig happy kasperten wir bei unserem letzten Fun Dive unter
Wasser herum. Wir beschlossen an dem Tag einstimmig und voller Euphorie,
baldmöglichst wieder irgendwo in der Welt tauchen zu gehen und da
weiterzumachen, wo wir aufgehört hatten. Für uns alle war die
Erfahrung des Flaschentauchens eine ganz besondere und trotz Respekt vor
Wasser, hat sich unsere Beziehung zum nassen Element ziemlich verändert.
Wir fühlen uns nicht nur sicherer, sondern schnorcheln von ganz allein
im Buddy-Team wie die Profis. Na, wenn das kein Erfolgserlebnis ist. Die
zwischenzeitlichen Ohrenschmerzen sind längst vergessen.
Was in den Tagen allerdings zu kurz kam, waren die ersehnten langen Gespräche.
Wir waren dermaßen vom Tauchen in Anspruch genommen, dass wir nach
den Tagen das Gefühl hatten, noch gar nicht richtig Zeit für
uns gehabt zu haben. Wenn man doch nur die Zeit festhalten könnte!
24. September 2003, Utila - Omoa
22.650 km, N 15-46-41 / W 88-02-39
Punkt vier läutet erbarmungslos
der Wecker. Wer hat sich das nur ausgedacht, dass die blöde Fähre
auf's Festland ausgerechnet um kurz nach sechs in der Früh ablegt?
Wir hatten noch nicht mal die Gelegenheit, die Insel zu erkunden, aber
bei Betti und Gunni drängt die Zeit und wir wollen wenigsten noch
ein kurzes Weilchen mit den beiden gemeinsam verbringen. Wir trennen uns
schweren Herzens von unserem Tauchparadies und legen um halb sieben wir
mit der Honda an Deck ab. Leider stellt sich bei Betti und Gunni heraus,
dass sie umsonst in aller Herrgottsfrühe aus den Federn gesprungen
sind. Die Armen! Das zweite Boot geht erst um 10:40 Uhr und wir können
unseren Cäpt'n leider nicht dazu breitschlagen, noch zwei Passagiere
mit Konkurrenztickets an Bord zu nehmen, nicht mal aus Bruderliebe. Aber
um die Sache mal positiv zu sehen: wir hätten ansonsten unser Schlüsseldeposit
im Dive Shop eingebüßt, wenn die zwei nicht noch mal zurück
gegangen wären. Gerade noch hatten wir darüber geschwatzt, wie
oft man schon irgendwelche Sachen irgendwo eingebüßt hat.
Der Abschied von Utila tat uns richtig weh. Irgendwie fühlte es sich
an, als ob ein Urlaub zu Ende wäre und einem der Alltag bevorsteht
(für Außenstehende mag sich das makaber anhören).
Gemütlich düsten wir die erste Strecke bis nach Tela. Diesmal
hatten wir die Zeit, uns mal nach dem berühmten "Pan de Coco"
(Kokosbrot) umzusehen. Wir fragten uns durch, bis wir schließlich
am Busbahnhof landeten und eine schwarze "Big Mama" ausfindig
machten, die uns ihr Selbstgebackenes anbot. Gegen ein zweites Frühstück
und eine Cola war nichts einzuwenden, denn wir kämpften noch beide
ziemlich gegen die Müdigkeit. Als wir so unser Kokosbrot mampfen,
standen wir kurz vor einem Lachkrampf. Wir haben zwar schon gelernt, dass
Busfenster die beliebtesten Mülleimer sind, grinsen aber dennoch,
als den Leuten, die sich an einem parkenden Bus anlehnen, der Abfall geradewegs
während einer Unterhaltung auf die Köpfe fällt. Dennoch,
"Pan de Coco" gehört für uns nicht unbedingt zu den
Highlights hondurianischer Küche.
Als wir San Pedro de Sula erreichen, gab es den nächsten kulinarischen
Stopp á la Americana. Schon seit Panama hatten wir kein "Wendys"
mehr gesehen (amerikanische Fast Food Kette, eigentlich für Hamburger
& Co.) und dabei vermissten wir schon richtig unseren neuen Lieblingssalat
"Pollo Mandarin". Das Rezept steht bereits auf der Liste von
Spezialitäten, die wir mit nach Hause bringen. Am frühen Nachmittag
erreichten wir Omoa und machten gleich in Roli's Place fest (wieder mal
ein guter Übernachtungstipp von anderen).
Gunni und Betti schafften es per Bus erst bei Einbruch der Dunkelheit
hierher. Die beiden hatten echt einen langen Tag hinter sich. Zu ihrer
Überraschung hatten wir schon mal Steaks gekauft und Bier kühl
gestellt und Roli war bereits dabei, den Grill anzuheizen. Mal abgesehen
von den Schwärmen an Moskitos kann man sich hier richtig wohlfühlen.
Es gibt kostenlos Fahrräder, Tischtennis (oh Gott, wir haben schon
seit Jahren nicht mehr diesen Ferienlagersport betrieben), Trinkwasser,
eine vernünftige Küche, Kajaks, eine schattige Wiese zum Zelten
und vieles mehr. Auch das Meer ist gleich um die Ecke, wenn auch dieses
Stück Karibik und jenes auf Utila absolut nichts miteinander gemein
haben.
25.-27. September 2003, Omoa
22.650 km, N 15-46-41 / W 88-02-39
Obwohl man eigentlich Utila
ungeahnte Scharen an Sandfliegen und Moskitos nachsagt, erlebten wir stattdessen
hier die verheerendsten Stechattacken. Es gab alle Sorten von Mücken,
sogar die mit gestreiften Beine, die das Dengue-Fieber übertragen
können. Wir versuchten uns so gut es geht gegen die lästigen
Biester zu schützen, aber sie nutzten jede noch so kleine Gelegenheit
aus, um an uns zu saugen. Spöttisch fragen wir uns schon, wen als
erstes die Malaria erwischt. Jedenfalls schwankten wir jeden Morgen zwischen
weiterfahren und hierbleiben. Dabei ist dies das ideale Plätzchen,
um mal wieder die Honda zu warten, Motorradklamotten und Helmpolster zu
waschen und zu reparieren, Tagebuch zu schreiben, Haare zu schneiden,
ins Internet zu gehen, frischen Fisch von den Booten zu kaufen und vor
allem noch ein bisschen Zeit mit Gunni und Betti zu verbringen. Leider
reichte es nur für einen Tag mit den beiden, danach verabschiedeten
wir sie schweren Herzens zum Bus nach Tegucigalpa. Vielleicht sehen wir
sie erst in einem Jahr wieder... Wir hätten echt gern noch ein bisschen
mehr Zeit miteinander gehabt!
Das beste Mittel gegen Traurigkeit ist, sich in Arbeit zu stürzen.
Und während die Tränen kullerten, wusch Hanka nebenbei einen
ganzen Berg Wäsche und schaffte so ziemlich alles, was sie sich für
diesen Tag vorgenommen hatte (üblicherweise ist es immer zu viel).
Man verdrängt einfach die Sehnsucht nach den Lieben zu Hause.
Wehleidig schielte Hanka in den darauffolgenden Tagen immer wieder zu
dem freien Plätzchen, wo vorher noch ein zweites Zelt stand; zu dem
Baum, wo vorher noch eine zweite Hängematte hing; zu der Wäscheleine,
wo vorher noch die Sachen ihres Bruders hingen; zu dem Grill, wo wir am
Abend so leckeren Fisch gegrillt hatten (8 Fische und obendrein einen
Baracuda - ganz frisch und zappelnd vom Strand - plus 10 Zitronen für
50 Lempiras - nicht mal 3 EUR).
Aber wenigstens haben wir zwei einander, so dass es keinen Grund zum Trübsal
blasen gibt. Schließlich wartet auch schon ein fantastisches Land
auf uns: Guatemala.
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