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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Guatemala – Im Herzen einer Maya-Welt


28. September 2003, Omoa - Mariscos
22.844 km, N 15-25-29 / W 89-05-07

Gerade als wir uns über unser Ananas-Haferflockenfrühstück hermachen wollen, hören wir das erste Donnern und erspähen gleichzeitig die schwarze Regenwand. Kurzerhand überlassen wir unsere Frühstücksteller den Ameisen und Fliegen und bauen schnurstracks das Zelt ab. Es wäre doch zu blöd, wenn das ganze Zeug nass werden würde. In Windeseile sind alle Sachen auf die überdachte Terasse geschleppt und wir greifen uns gerade noch so die Stiefel, da öffnet der Himmel auch schon seine Schleusen. Während wir zuschauten, wie sich die Wiese so langsam in einen Sumpf verwandelte, mampften wir besorgt unser eingeweichtes Müsli. Gott sei Dank hörte der Regen auch wieder auf, so dass eine gute Chance bestand, es noch vor der Siesta bis zur Grenze zu schaffen.

In Corinto ging es um einiges entspannter zu, als wir es von den letzten Grenzübergängen gewohnt waren. Ziemlich fix stempelte man uns unsere Pässe aus – für läppische 40,- Lempiras (2,35 USD) – und schon standen wir an der Schranke nach Guatemala. Dort wurden wir nett, aber bestimmt darauf hingewiesen, dass wir die Fahrzeugpapiere beim Zoll ebenfalls auszustempeln hatten. Da wir ohnehin nicht gedenken, mit dem Motorrad erneut nach Honduras einzureisen, dachten wir, wir könnten vielleicht den Papierkram unter den Tisch fallen lassen. Bei der Ausreise von Costa Rica hatte es ja geklappt, aber diesmal ging die Rechnung leider nicht ganz auf. Dennoch - eine viertel Stunde später ist alles erledigt und wir dürfen die Schranke passieren. Zu unserem Erstaunen wurden wir nicht einmal zur Kasse gebeten. Scheint so, als hätten die kleinen Grenzübergänge so ihre Vorteile.

Dann geben wir Gas und erreichen auf nagelneuem Asphalt kurz vor zwölf die guatemalesiche Grenzstation. Skeptisch checken wir erstmal die Lage und atmen auf: gar keine Agenten, die sich auf uns stürtzen, keine „wandelnden“ Wechselstuben, die mit Stapeln von Geldscheinen aufgeregt durch die Luft wedelten, gar keine Kopierstuben und nicht mal Inspektorhäuschen in Sicht. Das musste ein gutes Zeichen sein – wir täuschten uns nicht. Binnen 10 Minuten hatte Erik alles erledigt und kam stolz mit unseren Pässen und einer Wegskizze zurück, die uns zum Zoll führen sollte. Die Skizze stellte sich als einigermaßen brauchbar heraus, lediglich das letzte Stück in Puerto Barrios mussten wir uns durchfragen. Die Zollbeamten warteten schon sehnsüchtig auf uns und ganz nebenbei erhielten wir die notwendigen Einreisepapiere für die Honda. Diesmal wurde soagr die Frontscheibe mit einem schicken Sticker versehen. Wir konnten gar nicht recht glauben, dass das alles so easy ging – hatten wir uns doch von Vornherein auf erneute nervige Stunden an der Grenze eingestellt! Mit 10,- Quetzales Einreisegbühr und 40,- Quetzales Zoll (insgesamt weniger als 5 Dollar) machte Guatemala keinen schlechten Schnitt im Bürokratendschungel Mittelamerika.

Die Hafenstadt Puerto Barrios ließen wir gleich hinter uns und suchten unser Tagesziel am Lago Izabal, dem größten See Guatemalas. Es schien, als wären wir die einzigen Gringos in Mariscos, einem kleinen Fischerort direkt am See. Wir wurden ziemlich neugierig beäugt, als wir am Nachmittag einen „Einkaufsbummel“ starteten. Die Leute machten einen sehr offenen und hilfsbereiten Eindruck und wir haben das Gefühl, eine gute Wahl mit unserem Übernachtungsort abseits des „Gringo-Trampelpfades“ getroffen zu haben.
Anschließend lassen wir uns hausgemachten Käse und Roli's selbstgebackenes Vollkornbrot mitten auf dem Bootssteg schmecken, während die Sonne langsam hinter dem See verschwindet. So geht unser erster Tag in Guatemala entspannt zu Ende, während das unbeschwerte Lachen von Kindern, die in einer Hängematte herumtollen, die Stille am See durchbricht.


29. September 2003, Mariscos – Antigua

23.121 km, N 14-33-45 / W 90-44-14

In dieser Nacht hatten wir zwar den wahrscheinlich leisesten Ventilator unserer Reise, aber dafür sorgte ein Gewitter für nächtliche Ruhestörung. Vermutlich müssen wir uns demnächst ohnehin auf regelmäßigen Regen einstellen. Dabei haben wir schon fast vergessen, dass wir mitten in der Regenzeit unterwegs sind.

Aber zunächst starteten wir bei Sonnenschein und freuten uns über eine kleine Schildkröte, die mutig die Hauptverkehrsstraße Richtung Guatemala City kreuzte. Als nächste Überraschung sahen wir Verkaufsbuden mit malerischen, eisgekühlten Weintrauben. Mit Weinanbau hatten wir bestimmt nicht in Guatemala gerechnet und es waren uns unsere letzten Quetzales in der Tasche wert, von den köstlichen Früchten zu probieren.

Je weiter wir uns Guatemala City näherten, desto schlechter wurden die Bedingungen. Selbst die erst grüne, sanft-hügelige Wucherlandschaft wandelte sich mit zunehmender Höhe in triste Gestrüpphänge. Wir waren auf dem Weg ins guatemalesische Hochland und schlängelten uns bergauf im Slalom durch eine nicht enden wollende Reihe an stinkenden Lastern und rußenden Bussen. Es wurde echt anstrengend. Schließlich war auch noch abzusehen, dass wir unmöglich trocken durch die dunkle Wolkenwand kommen, die über Guatemala City hing. Wir setzten alles daran, den verkehrschaotischen Molloch schnellstmöglich hinter uns zu bringen, aber dem Regen entkamen wir dabei nicht.

Frierend und völlig eingeweicht landeten wir in Antigua. Es kam uns dabei vor, als fuhren wir genau durch die Mitte der Regenwolke und uns blieb nur der Mund offen, als sich gleich zweimal mit voller Wucht eine Wasserlache von entgegenkommenden LkW's über uns ergoss. Das Wasser klatschte uns bis an die Visire! Triefnass klapperten wir eine Reihe von Unterkünften ab. Selbst bei strömenden Regen brachte es Antigua gleich auf unsere Favoritenliste. In dieser malerischen Kolonialstadt lässt es sich mit Sicherheit ein paar Wochen aushalten. Es gibt so schöne verwinkelte Gassen und idyllische Hintergärten in den schlichten Häusern. Zwar ist Antigua auch das Mekka für Sprachstudenten (was viele Touristen bedeutet), aber uns gefiel das Flair auf Anhieb. Mal sehen, ob wir die Stadt auch noch bei schönem Wetter zu sehen kriegen.


30. September - 1. Oktober 2003, Antigua
23.121 km, N 14-33-45 / W 90-44-14

Es liegen zwei ziemlich arbeitsreiche Tage hinter uns. Zuerst galt es, sämtliche Internet-Cafés der Stadt abzuklappern, um irgendwo einen Rechner mit Frontpage zu finden. Da es mindestens 15 Anläufe brauchte, lernten wir gleich nebenbei die Stadt ein bisschen kennen. Wie wir einen Tag später feststellten, erhöhten sich die Internetpreise mit dem Monatswechsel um 100% und keiner der bisherigen Preisvergleiche stimmte mehr. Aber nachdem unsere treuen Tagebuchleser daheim lediglich bis Bolivien informiert sind, waren wir ein neues Update wirklich schuldig.

Nebenbei trieben wir auch noch eine Straßenkarte von Guatemala auf, machten Passbilder für unsere Tauchkarten und Eriks neuen Studentenausweis (in Antigua kommt man selbst als zeitweiliger Sprachschüler problemlos in den Genuss der begehrten Rabattkarte). Während Hanka etliche Stunden in das überfällige Update unserer Homepage investierte, schraubte und baute Erik an der Honda. Unser liebes Gefährt bekam endlich den den langersehnten neuen D.I.D.-Kettensatz, den Gunni für uns mitgeschleppt hatte. Ganz zufällig bemerkte Erik beim Basteln, dass ein Bolzen an der hinteren Federbeinaufhängung gebrochen war und ein spitzer Plastiksplitter im Reifen steckte. Einen neuen Bolzen bekam Erik bereits in der dritten Ferreteria zu kaufen, allerdings nicht in der exakten Stärke. Für die nächsten paar Tausend Kilometer muss es jetzt ein mit Dosenblech umwickelter, kleinerer Bolzen tun. Immerhin bleiben uns vorerst zwei garantierte Pannen erspart. Wenn das nicht perfektes Timing war, um die Kette zu wechseln... Jedenfalls haben wir obendrein das Gefühl, etwas geschafft zu haben.

Beim nächsten Besuch haben wir vielleicht ein wenig mehr Muße für die Stadt selbst. Antigua wird von drei umliegenden Vulkanen gekrönt. Für viele Backpacker ist es ja ein beliebter Sport, sämtliche (zum Teil einst) feuerspuckenden Berge zu erklimmen. Nach dem letzten Schlammerlebnis in Nikaragua ist Erik jedoch nicht so schnell wieder auf einen Vulkan zu kriegen. Hankas Elan reichte auch nicht für zwei und so schieben wir auch das auf bis zum nächsten Besuch mit besserem Wetter. Die meiste Zeit konnten sich die Wolken nicht entscheiden, ob sie ihr Wasser halten oder den Himmel doch nur ein bisschen dunkler machen sollten.

Trotz der langen To-Do-Liste und des schlechten Wetters hinterließ Antigua bleibende Eindrücke. Es gibt so schöne Hinterhöfe und Galerien in den Gassen mit ihren Terrakotta-Dächern, warmen Farben und stilvollen Holzelementen an Türen und Fenstern. Wir entdeckten nicht nur einen märchenhaften Papierladen, der handgemachtes Papier aus Blättern, Gräsern Blüten und sonstigen Naturalien verkaufte. Es gab richtige Schreibsets aus Kakao- und Bananenblättern. Insgeheim dachten wir schon daran, eine Filiale des Ladens in Hamburg zu eröffnen... wenn das keine Geschäftsidee ist!

Anders als in anderen Kolonialstädten ziehen sich die wunderschönen Häusergassen durch den gesamten Ort. Meistens gibt es nur einen historischen Stadtkern und der Rest der Bauten ist Stilbruch oder nachträglich zusammengewürfelt – in Antigua wird man dagegen bereits am Ortseingang vom Flair der alten Kolonialstadt gefangen genommen. Die UNESCO erklärte Antigua 1979 nicht ohne Grund zum Weltkulturerbe.

Erwähnenswert ist auch, dass Antigua über 200 Jahre Regierungssitz von ganz Zentralamerika war. Die Stadt ist echt faszinierend. Selbst Burger King residiert in so edlen Hallen, dass man eher ein 5-Sterne-Restaurant als ein Fast-Food-Lokal vermutet.


2. Oktober 2003, Antigua – San Marcos La Laguna
23.292 km, N 14-43-26 / W 91-15-17

Pünktlich um sechs ist uns aufgrund des Straßenlärms keine weitere Minute süßer Träume mehr vergönnt. Wie jeden der vorangegangenen Morgen sammelten sich langsam aber sicher die Abgase von röhrenden Bussen und schniefenden Lastern in unserem Zimmer, so dass wir uns müde aus den Betten rappelten. Während das Kaffeewasser vor unserer Zimmertür auf unserem kleinen Benzinkocher heiß wurde, hatten wir wunderbar die Gelegenheit, die Arbeitsweise des guatemalesischen Putzpersonals zu studieren. Im Schneckentempo schwang einer den Besen und ein zweiter schlürfte mit dem Schrubber hinterher. Jede Unwegsamkeit wie Tische, Stühle, Pfosten oder Blumenkübel wurde zum Anlass genommen, eine Pause einzulegen. Die beiden „Putzfrauen“ waren wohlbemerkt Männer und wir staunten, wieviel die beiden sabbeln konnten. Unser Frühstücksgeschirr war längst abgetrocknet, da hatten die beiden Jungs gerademal ein Viertel der oberen Galerie geschafft. Kein Wunder, dass es Guatemalesen nicht gerade zum Arbeiten nach Deutschland zieht!

Eigentlich haben wir uns für heute auch nicht allzu viel vorgenommen. Der Lago de Atitlán ist ein Katzensprung um die Ecke – schön, endlich mal ein nahes Tagesziel vor Augen.

Zunächst treiben wir die Honda ins Hochland hinauf und passieren die 2.000-Meter-Marke. Wieder einmal hat die gute ganz schön mit Leistungsverlust zu kämpfen. Wir dagegen kämpfen eher mit den Temperaturen. Sind wir doch in den letzten Wochen immer mit offener Jacke gefahren, so überlegen wir nicht lange, welcher Pullover sich am schnellsten herauskramen lässt. Während Hanka schon über die Kälte schimpft, freut sich Erik über die „angenehme“ Kühle. Mit der Höhe werden auch die Menschen viel traditioneller. Landschaftlich erinnert uns die Strecke zwar eher an das peruanische Hochland (wenn auch die bunten Terassenfelder fehlen), aber die Menschen mehr an Bolivien. Überall sieht man Frauen in farbenfrohe Stoffe gehüllt, die elegant um die Taille mit einem bunten Gürtel zusammengehalten werden. Die Röcke sind knöchellang, aus dicken Webstoffen hergestellt und werden hier „Huipiles“ genannt. Viele der Frauen tragen schwere Ladungen: Tonkrüge, Feuerholz, Bündel und Taschen auf einem zusammengefaltetem bunten Tuch auf dem Kopf wie in Afrika. Die langen Haare sind zu einem Zopf gebunden und jede der Frauen trägt ein fröhliches Lächeln im Gesicht. Anders, als wir es in Südamerika empfanden, wirken die Frauen sehr offen und zugänglich. Selbst Touristen werden mit einem freundlichen Lächeln gegrüßt, was für uns völlig neu ist. Wir kannten bei Indio-Frauen bisher lediglich eine traditionelle Erhabenheit, die die Frauen stolz und traurig zugleich ausschauen lässt. Nur leider ließen sich diese freundlichen Gesichter genauso wenig mit der Kamera einfangen wie die bolivianischen oder peruanischen. Schade.

Spontan machen wir an einem Comedor (einfaches Lokal mit hausgemachter, einheimischer Küche) halt, wo uns besagte Maya-Frauen für wenig Geld ein fabelhaftes Mittagessen zauberten. Es gab sogar grüne, hausgemachte Tortillas und wir staunten nicht schlecht, als vor dem Fenster jede Menge Avocados hingen. Jetzt wissen wir endlich, wie Avocado-Bäume aussehen (und wieso es grüne Tortillas gibt).

Ein Stück weiter breitet sich bereits der Lago de Atitlán vor uns aus. Der Ausblick ist atemberaubend! Nur die fetten Gewitterwolken stören die Kulisse und geben ein wenig Anlass zur Sorge.

Zunächst nehmen wir den Abzweig nach Sololá. Schon von oben begrüßt uns eine wunderschöne Kirche. Leider nahmen wir den Abzweig völlig umsonst. Wir hatten uns in den Kopf gesetzt, Ankes Lieblingsfleckchen Erde kennenzulernen. Aber man schickte uns gleich in Sololá wieder zurück zur Interamericana. Unsere nagelneue Landkarte hatte komplett versagt. Es gibt keine Straße von dort aus nach Santa Cruz La Laguna. Stattdessen sollten wir einen Schlenker über die Interamericana machen und uns nach Santa Lucia Utatlán durchschlagen. Da würde es dann eine Piste nach Santa Cruz geben. Gesagt, getan.

Eine halbe Stunde später kreuzen wir in Santa Lucia auf und werden prompt wieder zurückgeschickt. „No hay un camino aqui!“ erzählen uns die Leute im Dorf. Jetzt sollen wir nach Santa Clara fahren, denn dort gäbe es ganz bestimmt die Piste, die wir suchen. In Santa Clara spielten wir das gleiche Spielchen weiter. Wir werden dort nach San Pablo La Laguna geschickt und müssten danach die Straße nach San Marcos La Laguna nehmen und sehen, ob uns ein Boot mitnimmt. Jetzt kamen wir der Sache schon etwas näher: Da war doch noch was: gab es nicht irgendein Hostal auf Ankes Empfehlungsliste, das nur mit dem Boot zu erreichen war? Aber irgendwie müssen die beiden ja auch mit ihren Motorrädern dahin gekommen sein – also machen wir uns auf den Weg nach San Marcos La Laguna. Die Strecke wird unerwartet für uns eine der schönsten: steil schießt die Straße in Serpentinen nach unten. In den Kurven ergeben sich immer wieder neue Ausblicke auf den See, die Lagunen und die Vulkane. Dabei fangen wir gerade so die letzten Sonnenstrahlen ab, während um uns herum bereits ein Gewitter tobt.

Als wir endlich den Bootsanleger erreichen, geben wir endgültig auf. Es gibt offensichtlich keine Möglichkeit, die Honda nach Santa Cruz La Laguna zu bringen und wir beschließen, einfach in San Marcos zu bleiben. Gleich neben dem Bootssteg vermietet ein Einheimischer zwei Baumhäuser und träumt von einer großen Hotelanlage. Die Hütten sind sehr einfach, mit Palmenblättern überdacht und ziemlich insektenunsicher – allerdings überzeugt uns der Blick vom Bett auf den See und zwei der Vulkane auf Anhieb.

Erik kochte noch Spaghettis auf dem Fußboden unserer Hütte, als der Himmel alles verfügbare Wasser freigab. Skeptisch beobachten wir dabei das Palmendach, aber es ging kein einziger Tropfen hindurch. Jetzt sitzen wir gerade unter unserem Moskitonetz, die Motten und Mücken flattern um uns herum und wir freuen uns wie die Königstiger, dass wir hier sind – auch wenn wir es nicht nach Santa Cruz La Laguna geschafft haben. Wer hätte das heute Morgen gedacht?


3. Oktober 2003, San Marcos La Laguna - Cobán

23.545 km, N 15-28-17 / W 90-22-38

Hanka möchte am liebsten noch bleiben: bei wunderschönem Sonnenaufgang und blauem Himmel zeigte sich in aller Frühe der See von seiner schönsten Seite. Während gestern abend noch die gegenüberliegenden Vulkane nur schemenhaft hinter den Wolken zu erkennen waren, lässt dieser Morgen noch auf schönes Wetter hoffen. Doch leider trügt der Schein und ehe wir die Honhda fertig beladen haben, müssen wir schon wieder um die erster Regentropfen bangen.

Nach dem gestrigen Straßenabenteuer hier machen wir uns keine Illusionen, dass man eine Spritztour um den ganzen See machen kann. Eigentlich hatten wir dank unserer Straßenkarte genau das geplant, aber man könnte es ja noch einmal in ein paar Jahren versuchen. Bis dahin belassen wir unsere Eindrücke vom Atitlán-See auf San Marcos La Laguna und starten das nächste Abenteuer: 250 km Schotterpiste bis Cobán. So richtig kann uns keiner im Vorwege sagen, auf was wir uns da einlassen, aber die einzige Asphaltstraße dahin führt in einem Riesenbogen über Guatemala City und ist für uns keine wirkliche Alternative.

Das erste Stück schraubte sich die Straße wieder in Serpentinen in kühle Höhen hinauf. Ein letztes Mal frieren und danach ging es langsam, aber stetig bergab.

In Chichicastenango werden wir von lauter Verkaufsständen mit frischen Äpfeln überrascht. Hier wachsen doch nie im Leben Äpfel! Wir schlagen erstmal reichlich zu und sehen einige Meter weiter reich behangene ... das sind nicht etwa Christkugeln ... Apfelbäume!
Bis Sacapulas kommen wir noch in den Genuss von mehr oder weniger gutem Asphalt. Danach erzählt uns ein netter Tankstellenwart, dass uns noch 180 km Schotterpiste bis Cobán bevorstehen. Wir tanken erstmal auf und probieren bei der Gelegenheit gleich die hausgemachten Spezialitäten einer Einheimischen, die die Tankstelle als ihr Restaurant betrachtet. Die Suppe schmeckt undefinierbar, aber nicht schlecht und nach 2 Löffeln haben wir die kulinarische Bezeichnung bereits wieder vergessen (wie es leider häufiger vorkommt). Anschließend machen wir unsere Reifen mal wieder mit Schotter vertraut.

Im Gegensatz zu einigen nicht existenten Pisten auf unserer Straßenkarte scheint es den Weg nach Cobán wirklich zu geben. Wir folgen dem unbefestigtem Geröll und hoppeln und fragen uns so durch. Wie es des öfteren schlechte Pisten an sich haben, ist die Strecke landschaftlich schön. Es geht durch verschiedene Täler bergauf und bergab und wir werden überall mit neugierigen Augen verfolgt. Bemerkenswert sind vor allem die ungewöhnlichen Kirchen in den kleinen Dörfern. Außer den klapprigen „Chicken-Bussen“ kommt hier wahrscheinlich nicht allzu oft jemand vorbei: Spätestens jetzt bemerken wir, dass sich die Trachten der Frauen ziemlich geändert haben. Während im Hochland am Atitlán-See die Röcke eng und lang gewickelt sind, tragen die Frauen im Tiefland wadenlange, weit geschnittene. Außerdem ein Hemdchen, über das üblicherweise eine einfarbige, kastenförmige Kiminobluse aus Spitze gezogen wird. Diese Trachten wirken längst nicht so farbenfroh und elegant wie die traditionellen des Hochlands.

Am späten Nachmittag haben wir es endlich bis Cobán geschafft. Ein Hostal ist schnell gefunden und wir freuen uns, dass es in Cobán nicht regnet. Laut Reiseführer soll man hier die Tage im Jahr zählen können, an denen es trocken bleibt.

Doch das Tageswerk ist noch nicht vollbracht. Erik muss Hanka noch die Haare färben, bevor es Abendessen gibt. Die einst chocoladen-getönte Haarpracht haben Sonne und Salzwasser mittlerweile zu rot-orangenen Haaren ausgeblichen. Hanka muss sich schon seit Tagen dumme Pipi-Langstrumpf-Sprüche gefallen lassen. Eigentlich mag Hanka überhaut gar keine roten Haare und so musste sie mit Entsetzen feststellen, dass selbst nach Eriks fachmännischer Friseurarbeit die Haare immer noch rotstichig aussehen. Hilfe – Wo ist Meike? Was würde Hanka darum geben, wenn sie jetzt mal kurz nach Hamburg fliegen könnte, um zu ihrer Lieblingsfriseuse zu gehen! (Ist sie nicht eitel?)

Was soll's. Die Tacos schmecken auch mit roten Haaren, vor allem, weil es heute mal wieder Chorizio dazu gab. Wie schon häufiger irgendwo, bestaunen die Leute im Hostal völlig fasziniert unseren kleinen Benzinkocher. Sowas scheint es hier nicht zu geben, aber uns beschert das gute Stück immer wieder kulinarische Höhepunkte.


4. Oktober 2003, Cobán – Semuc Champey
23.622 km, N 15-32-30 / W 89-56-58

Cobán ist nichts Besonderes, aber dennoch pickt der Reiseführer zwei Highlights heraus, die uns neugierig machen: eine Kaffee-Plantage und ein Orchideengarten, der Blumenfreunden wärmstens ans Herz gelegt wird.

Gerade mal 75 km bis Semuc Champey – das sollte eine leichtung Übung werden und locker heute nachmittag zurückzulegen sein.
Nach dem obligatorischem Haferflocken-Bananen-Frühstück (das uns langsam aber sicher zum Hals heraushängt), begeben wir uns gleich zur Finca Santa Margarita, wo in alter (erstaunlicherweise deutscher) Familientradition seit über einem Jahrhundert Kaffee angebaut, verarbeitet, exportiert oder geröstet wird. Was wir in Panamas Kaffeeplantagen versäumt haben, weiß die alte Kaffeefarmerin liebevoll in einer kleinen Privatführung zu erzählen. Wer wohl jemals auf die Idee gekommen ist, aus den Früchten Kaffee zu machen? Der Prozess bis zu einer Tasse Kaffee ist dermaßen langwierig und mühsam und den Früchten ist nicht im geringsten anzusehen, was einmal daraus werden kann. Jedenfalls erfuhren wir alles, was man über Kaffee und dessen Anbau wissen muss und ließen es uns nicht nehmen, von dem traditionellen Gebräu zu kosten. Für Erik war es der beste Kaffee unserer ganzen Reise und er schwärmte noch stundenlang von den erlesenen Bohnen. Selbst Hanka als Nicht-Kaffee-Trinkerin konnte am Geschmack erahnen, dass dies ein besonderes Gebräu sein muss. Gleichzeitig lernten wir, wie Kardomon aussieht – das Gewürz gehört nämlich ebenfalls zu den Exportschlagern Guatemalas.

Anschließend nahmen wir uns den Orchideengarten vor. Ein leidenschaftlicher Botaniker, dem man zweifellos sein Herz für Orchideen anmerkte, zeigte uns begeistert seine Lieblingsexemplare. „Vivero Verapaz“ beherbergt über 700 Orchideenarten, darunter 150 seltene Miniaturstücke. Die winzigen Blüten konnte man zum Teil nur mit der Lupe bewundern. Hanka war völlig hin und weg von der Schönheit und der Vielfältigkeit dieser ungewöhnlichen und einmaligen Pflanzen. Sicher wünschte sich unser Botaniker häufiger solch interessierten Bewunderer seines grünen Stolzes. Es ging sogar auf Spanisch ganz gut – zumindest hatten wir das Gefühl, das meiste zu verstehen. Zum Schluss zeigte er uns noch einige Bonsai- Bäume, auf denen Miniatur-Orchideen wuchsen. Dieser Mann liebte seinen Job und wir freuten uns über den gelungenen Exkurs.

Am frühen Nachmittag machten wir uns dann auf den Weg nach Lanquin. Die Schotterpiste stellte sich als noch übler heraus, als wir erwarteten und so krochen wir von einer Baustelle zur nächsten. Guatemala scheint gerade ein gewaltiges Straßenverbesserungsprogramm ins Leben gerufen zu haben – zumindest hatten wir den Eindruck bei all den Baustellen.
Wir hatten noch nicht mal ein Viertel der Strecke hinter uns, als der Himmel mal wieder seine Schleusen öffnete. Besorgt suchten wir Schutz unter einem Palmenblatt und fragten uns, in welchem Zustand die Piste wohl nach dem Guss sein mag. Aber wir hatten ohnehin keine Wahl und wagten uns bei den letzten Regentropfen auf die Honda. Das befürchtete Schlamm-Catchen hielt sich zum Glück in Grenzen, wenn auch Hanka sich öfter mal in Eriks Taille festkrallte. Am Anfang unserer Reise empfanden wir schlechte Pisten noch als Herausforderung, aber inzwischen wissen wir Asphalt mehr zu schätzen und meiden lieber jegliche ungewissen Abenteuer. Es kostet einfach zu viel Nerven, zu viel Energie und zu viel Verschleiß! Nun hatten uns aber schon so viel Leute von Semuc Champey vorgeschwärmt, dass wir die Quälerei auf uns nahmen.

Trotz der dicken, wasserbeladenen Wolken nahmen wir unterwegs eine ungewöhnliche Landschaft wahr. Die Täler sahen aus, als hätte der liebe Gott lauter Zuckerhüte nebeneinander aufgestellt und ein grün-schattiertes Tuch darüber ausgebreitet. Schade, dass das Wetter zu nass für überzeugende Fotos war!

Die Abendsonne begrüßte uns erst wieder kurz vor Lanquin. Die schmale Piste führte durch fast reife Kaffeefelder und brachte uns schließlich in ein kleines, verschlafenes Dorf: Lanquin. Hier besorgten wir die restlichen Lebensmittel für die nächsten 1-2 Tage und erkundigten uns nach dem letzten Stückchen Weg bis Semuc Champey. Erik und die Honda mussten sich noch mal so richtig anstrengen, um die beschwerlichen letzten 10 km zu überwinden. Die Steine wurden immer größer, die Fahrrinne immer ausgewaschener und die Hänge immer steiler. Bloß nicht hinfliegen – einzig allein dieser Gedanke jagte durch unsere Köpfe. Schließlich sehen wir die lang ersehnte Blockhütte am Ufer des Flusses auftauchen und sind zunächst wie vor den Kopf geschlagen, wieviele Traveller sich in der einzigen Herberge unmittelbar am Semuc Champey zusammengefunden haben. Aber unter den Leuten sind soagr einige bekannte Gesichter. Wie wir schnell erfahren, hat man den meisten schon überall die Geschichte von dieser Herberge erzählt (sie steht noch nicht mal in Lonely Planet & Co., und hat bereits tierisch gute Mundpropaganda). Wir hingegen dachten, ein ruhiges Fleckchen vorzufinden, zumindest vermittelte der Zettel am Schwarzen Brett in Cobán diesen Eindruck. Nichtsdestotrotz war die Stimmung gut und später gab es sogar einige mutige Tänzer zu den Merengue-Rhythmen.

Das groß angekündigte Lagerfeuer fiel allerdings ins Wasser und wir fragten uns den ganzen Abend, ob unser Zelt derartigen Gewittergüssen standhalten wird. Anscheinend bekam der junge Hostalbesitzer Mitleid mit uns beiden Motorradcampern – oder ein schlechtes Gewissen. Jedenfalls bot er uns nach einiger Zeit zwei Betten an, wo doch angeblich alles belegt sei. Plödmann! Wir hätten uns gern erspart, unsere ganze Zeltausrüstung einzuweichen!


5. Oktober 2003, Semuc Champey

23.622 km, N 15-32-30 / W 89-56-58

Das Zelt hat tatsächlich dicht gehalten, aber dennoch fühlen sich schon wieder irgendwie alle Sachen klamm an. Probieren wir es mal mit Wäschewaschen. Am Morgen ist Hanka noch guten Mutes, dass die Sachen in der Sonne trocken werden.

Anschließend entscheiden wir uns mehr oder weniger spontan zu einer Abenteuertour zusammen mit Navina und Till (die wir bereits in Omoa in Honduras getroffen haben). Zuerst ließ uns unser Guide einen Bach hinauf klettern, was an sich schon eine klitschige Angelegenheit wurde. Schließlich standen wir vor dem Eingang einer stockfinsteren, wassergefüllten Höhle und konnten im ersten Moment gar nicht glauben, dass wir da reinschwimmen sollten. Mit gerade mal zwei Stirnlampen bewaffnet, folgten wir unserem Führer ins Dunkel. Die erste Panikattacke machte sich mit einem kleinen Schwarm Fledermäusen breit, die uns aufgeregt entgegen flogen. Die zweite folgte in dem schmalen Gang, der fast bis zur Decke voller Wasser stand und man kurz untertauchen musste, um in den nächsten Höhlenraum zu gelangen. Hin und wieder konnte man im klitschig-schlammigen Untergrund stehen, aber scharfe Felskanten lauerten überall in der dunklen, trüben Brühe. Es war ganz schön gruselig, vor allem für uns Mädels!

Durch die gestrigen Regenfälle stand das Wasser in den ganzen Höhlengängen so hoch, dass wir nicht weiterkamen. Weiter hinten sollte es einen unterirdischen Wasserfall mit einem Pool geben. Dieses Schauspiel entging uns leider, obwohl wir Mädels nicht unbedingt böse darüber waren, wieder nach draußen zu schwimmen. Doch bevor wir den Höhlenausgang erreichten, galt es, eine weitere Mutprobe zu überstehen: der letzte Höhlenraum hing voller Fledermäuse! In panischen Bewegungen schwamm Hanka angsterfüllt dem Höhlenausgang entgegen, während Erik in einer Seelenruhe jedes einzelne Vieh beleuchtete, gleichzeitig aufschreckte und damit zum Herumflattern animierte. Fledermäuse, Spinnen, Kakalaken und sonstige ekelige Insekten gehören für Hanka eindeutig auf die Gruselliste! Navina ging es nicht anders, obwohl wir beide am Ende des Tages die Höhlentour doch ganz spannend fanden.
Als nächstes begaben wir uns – vorbei an blühenden Kakaobäumen – direkt in das Areal von Semuc Champey. Es wird als das 8. Weltwunder bezeichnet, wie ein rostiges Schild in Lanquin ankündigt. Der reißende Río Cahabón tobt hier unterirdisch, während ein kleiner Bergfluss überirdisch verschiedene Pools speist. Die natürlich geformte Steinbrücke ist etwa 300 m lang und idyllischer Badeplatz mitten im Wald. Das kristallklare Wasser in erstaunlich grün-türkisfarbenen Pools lädt richtig zum Baden ein. Unser Guide hatte jedoch zunächst etwas anderes mit uns vor: Einzeln seilten wir uns einen Wasserfall hinab und krabbelten unter die natürliche Brücke. Dieses Erlebnis lassen sich die meisten Besucher von Semuc Champey entgehen, weil kaum jemand ahnt, was man zu sehen bekommt. Während hinter uns der Río Cahabón mit einer Wucht über die Felsen tobt, stehen wir direkt hinter dem Wasserfall! Tropfsteine hängen von der Decke und wir sind echt sprachlos. Diese Tour hat sich wirklich gelohnt, zumal die 10,- Quetzales pro Person (etwa 1,20 EUR) weit unter Erlebniswert angesetzt sind.

Anschließend gehen wir ausgiebig baden und probieren jeden der Pools aus. Das Wasser ist herrlich frisch und wir freuen uns, dass Navina und ihre Abreise auf morgen verschieben. Die beiden sind echt so lieb!

Später am Nachmittag können wir gerade noch rechtzeitig unsere halbnassen Klamotten von der Wäscheleine reißen, bevor das obligatorische Regenzeitnass vom Himmel schießt. So viel zum Thema klamme Sachen – natürlich sind auch die frisch gewaschenen Klamotten noch halb feucht.

Wir lassen uns dennoch die Laune nicht verderben und brutzeln mit unserem kleinen Kocher ein ausgiebiges Abendessen für uns vier. Jeder steuert seine Vorratsreste bei und so bringen wir es auf mehrere Gänge. Wir sitzen noch lange in einer gemütlichen Runde, bis der Generator abgeschaltet wird.

Plötzlich kommt ganz aufgeregt ein Pärchen aus ihrem Zimmer gestürzt. Ein großer Skorpion und eine riesige Tarantel würden sich gleich an ihrer Zimmerdecke einen Kampf liefern. Na, wenn das keine Attraktion ist! Da uns bisher noch nie ein Skorpion über den Weg gelaufen ist, müssen wir uns den mal aus der Nähe anschauen. Als wir mit Kerzen bewaffnet das Zimmer stürmen, ist die Tarantel bereits geflüchtet und der Skorpion (der gar nicht so groß war) krabbelte gemütlich-brav die Wand entlang. Wie gut, dass wir im Zelt schlafen! Wenn wir heute nacht nur nicht von Fledermäusen, Taranteln und Skorpionen träumen!


6. Oktober 2003, Semuc Champey - Flores
23.891 km, N 16-55-42 / W 89-53-31

Heute liegt die letzte lange Schotterpistenstrecke vor uns. Danach werden wir uns in den nächsten Wochen – so hoffen wir – hauptsächlich auf Asphalt bewegen.

Kurz vor sechs pellen wir uns aus dem Zelt, aber schon bald stellten wir fest, dass uns heute nichts so recht von der Hand gehen wollte. In unserer Seitentasche hatte sich der Inhalt einer Büchse Mais verselbständigt und sämtliche Tüten mit schleimigen Maiswasser verschmiert. Erik indessen versuchte verzweifelt, bei bedeckten Himmel und einer Luftfeuchtigkeit von mindestens 95% unser Zelt zu trocknen. Es dauerte beinahe 4 Stunden, bis wir endlich auf der Honda saßen. Zu allem Überdruss tat Hankas Fuss höllisch weh und Auftreten wurde zur Qual. Irgendwie hatte sie sich gestern bei unserer Höhletour den großen Zeh aufgeschnitten und eine Entzündung breitete sich aus. Wie gut, dass wir heute eine weite Strecke fahren müssen – da hat der verdammte Zeh wenigstens Ruhe.

Das erste Stück Piste gen Norden war am schlimmsten, aber auch landschaftlich am schönsten. Auf der engen Piste kamen uns tatsächlich auch noch Busse entgegen. Wir mussten zweimal eine Vollbremsung hinlegen, um schräg vor den Bussen in letzter Sekunde zum Stehen zu kommen. Es war unglaublich – unweigerlich zogen wir wieder den Vergleich mit Deutschland. Man stelle sich Omis Feldweg draußen im Brühl vor, ein bisschen schmaler vielleicht und natürlich mit mehr Gefälle. Nun füge man diesem Bild noch einen entgegenkommenden, vollgerammelten Bus bei – ist das nicht Wahnsinn? Einen der Busse entdeckten wir auch glatt kopfüber im Maisfeld. Darüber hinaus war es nicht ganz leicht, überhaupt den richtigen Weg zu finden. Am Straßenrand werden höchstens alle möglichen Planungsprojekte stolz mit Schildern ausgewiesen – nicht aber irgendwelche Ortsrichtungen. Die „lebenden“ Wegweiser waren heute auch nur mit Schwierigkeiten auszumachen, denn in den kleinen Dörfern sprechen nur wenige Leute überhaupt Spanisch. Man bedenke, dass es in Guatemala 23 verschiedene ethnische Gruppen gibt und damit neben Spanisch 23 verschiedene Sprachen – alles in einem Land!

Auf der Straßenkarte sah die Strecke von Lanquin bis Fray Bartolomé de las Casas wie ein Klacks aus; wir brauchten 3 1/2 Stunden. Navina und Till hatten wir versprochen, in einem Hostal dort nach ihrem Kamera-Ladegerät zu fragen. Es scheint ein beliebter Sport unter Travellern zu sein, irgendwo irgendetwas liegenzulassen. Die Rate ist jedenfalls wesentlich höher als die von Diebstählen. Wie schade, dass es nur meistens die besonders nützlichen oder die besonders wertvollen Dinge sind, die man einbüßt. Leider fragten wir umsonst nach – die Hostalbesitzer hatten keinen blassen Schimmer von einem Ladegerät. Dabei hätten wir Navina und Till gern eine bessere Nachricht übermittelt.

Wir legten eine Stärkung in einem sehr netten Familienrestaurant ein und gaben der Honda die Sporen. Wenn die Pisten weiter so schlecht aussehen, schaffen wir heute maximal die Hälfte der Strecke bis Flores.

Doch wir wurden überrascht: Nach dem ersten Stück Asphalt in Raxruja warteten wir vergeblich darauf, dass der Schotter wieder anfängt (wie unsere Straßenkarte ankündigte). Stattdessen kamen wir in den Genuss von nigelnagelneuem Asphalt und machten endlich Kilometer. Trotz bedrohlicher schwarzer Gewitterwolken hatten wir heute auch in diesem Punkt Glück und schlängelten uns so durch und entkamen damit der Dusche. Gegen fünf erreichten wir nach zig Kilometern schnurgerader Strecke die nächstgrößere Stadt Sayaxché.
Schnell fanden wir heraus, dass wir per Fähre über den Río La Pasión müssen, um weiterzukommen. Während wir am Ufer auf die Autofähre warteten, wurden wir von einer völli schwachsinnigen Deutschen zugetextet. Die Alte lebt seit 14 Jahren in Guatemala, hat die Nase jedoch gestrichen voll, keinen Penny in den Taschen und wirkte völlig durch den Wind. Ihr Gemütszustand erreichte in wenigen Minuten alle extremen Level: von himmelhoch jauchzend , kumpelhaft freundlich, fluchend bis hin zu heulend – ein jämmerliches Bündel ihrer selbst. Vermutlich war sie einem üblen Kraut verfallen und kam nicht wieder davon los. Jedenfalls finden wir es sehr beängstigend: fast alle Aussteiger, die wir getroffen haben, scheinen im Ausland einen kleinen Dachschaden zu bekommen. Hanka dachte das letzte Stück bis Flores viel über die herzzerreißende Begegnung mit der Alten nach – es nimmt einen echt mit.

Im Dunkeln trudeln wir mit einer völlig verstaubten Honda auf der Insel Flores ein. Spontan zeigt uns ein netter Guatemalese ein bezahlbares Hotel mit Parkplatz. Geschafft – das war heute echt eine Monsterstrecke.

Noch während wir im Restaurant auf ein paar superleckere Tacos warteten, schliefen wir beide am Tisch fast ein. Wir brauchen dringend ein Kissen unter'm Ohr!

7. Oktober 2003, Flores - Tikal
23.962 km, N 17-13-30 / W 89-36-37

Beim morgentlichen Gassenbummel auf der Suche nach etwas Frühstückbarem entdeckt Hanka endlich Ersatz für ihre Sonnenbrille, die seit Nikaragua mit gebrochenem Steg auf der Müllhalde schmort. Endlich hat das Gejammer ein Ende, wenn während der Fahrt wieder die Tränen kullern – vor lauter Staub und Fliegen. Wie kleine Dinge einem doch das Leben angenehmer machen können!

Bis wir aus dem Knick gekommen und zwei Riesentüten voller Lebensmittel irgendwie am Motorrad verstaut sind, zieht bereits die erste dunkle Gewitterwand über die Stadt. Wir schafften es mit Ach und Krach gerade noch so bis zur Tankstelle, bis sich die Wolken tosend entluden und sämtliche Straßen unter Wasser setzten. Geduldig warteten wir auch den zweiten Regenguss ab und dann kommen wir endlich in Bewegung. Wie gut, dass wir heute mal zur Abwechslung nur eine bescheidene Strecke vor uns haben.

Die Straße bis zur berühmtesten aller Maya-Stätten ist super asphaltiert – selbst durch den Dschungel. Kurz vor dem Nationalpark Tikal passieren wir die letzten kleinen Dörfer. El Remate wird schon jetzt als Übernachtungs-Geheimtipp für Touren nach Tikal gehandelt. Das Örtchen liegt sehr idyllisch direkt am Lago Petén Itzá und ist längst nicht so überlaufen wie Flores. Der See erstaunt durch seine türkisgrüne Farbe – man könnte meinen, irgendwo in der Karibik zu sein. Beim „nächsten“ Besuch ist El Remate jedenfalls vorgemerkt.
Am Parkeingang müssen wir 100,- Quetzales berappen (etwa 12,40 EUR) und erhalten zwei Eintrittstickets für morgen ausgestellt. Das letzte Stück Straße führt uns direkt in ein kleines „Disneyland“. Überall wird gefegt, gemäht, geschnitten, verziert und schöner gemacht. Die ganze Anlage um Tikal macht auf uns einen ziemlich durchorganisierten Eindruck – völlig untypisch guatemalesisch. Selbst die überall herumstolzierenden Riesenfasane oder wie auch sonst die pfauenartigen, schillernd gefiederten Viecher heißen, wirken unecht.
Wir sind nicht ganz die einzigen, die im Park übernachten möchten. Zwei andere Pärchen haben es sich schon in den Hängematten gemütlich gemacht. Derweil bauen wir unser Zelt auf und beobachten die argwöhnischen, scheuen Wildkatzen um uns herum. Später sehen wir auch noch karnickelartige, schwanzlose Tierchen über die Wiese springen und lauschen dem Konzert an ungewohnten Dschungelgeräuschen, bis uns diese Melodie in den Schlaf wiegt.


8. Oktober 2003, Tikal

23.962 km, N 17-13-30 / W 89-36-37

So ganz gut haben wir leider doch nicht geschlafen. Die Dschungelkulisse um uns birgt so einige Geräusche, die unsere europäischen Ohren nicht gewohnt sind. Irgendwie hatte Hanka die halbe Nacht das Gefühl, als schleicht ein Vieh um das Zelt. Fängt man erst einmal an, sich auf die Geräusche zu konzentrieren, ist es mit dem Schlafen leider endgültig vorbei.

Doch wir wollten ohnehin zeitig aufstehen, um den Park noch „vor den Touristenscharen“ (wie sämtliche Reiseführer predigen) für uns zu entdecken. Wir gehörten zwar letztendlich nicht zu den ersten Besuchern – aber wir sind ja schließlich auch keine fanatischen „Birdwatcher“. Zugegebenermaßen hätten wir schon sehr gern einen Tukan mal gesehen, aber leider hatten wir den ganzen Tag kein Glück mit den Vögeln.

Gespannt marschierten wir durch den Regenwald, begegneten noch einem Nasenbär, der gerade in Begriff war, einen Papierkorb auszukundschaften und warteten irgendwie auf den „Aha-Effekt“, als die ersten Ruinen zwischen dem Dschungelgrün auftauchten. Leider vergeblich; es war eher ein: „Aha, alte Steine“. Vielleicht haben wir am falschen Ende von Tikal unsere Tour begonnen, vielleicht waren auch unsere Erwartungen viel zu hoch. Tikal wird immer über alles Vergleichbare hinaus gelobt – keine der anderen alten Maya-Stätten wäre auch nur annähernd Tikal gewachsen, Affen und Vögel würden über die Pyramiden klettern usw. Vielleicht hätten wir uns auch einen dieser aufdringlichen Guides leisten sollen (40,- Dollar für eine Führung!!!), um das Ganze besser zu verstehen. Eine Handvoll scheuer Affen in den hohen Baumwipfeln bekamen wir zwar schon zu Gesicht, aber das war's auch. Die Ruinen haben wir uns lebhafter vorgestellt – die meisten der Pyramiden konnte man entweder gar nicht besteigen oder der oben aufgesetzte Tempel war durch eine eingemauerte Wand verschlossen. Okay, okay, wir wollen mal nicht zu negativ urteilen. Der Große Platz mit dem Tempel I und II bietet wirklich eine schöne Kulisse. Da stören noch nicht mal die vielen picknickenden Touristen oder die Parkarbeiter mit ihren dröhnenden Rasenmähern (kein Wunder, dass wir keinen Tukan gesehen haben). Unerwartet schön empfanden wir den Tempel IV. Es führt seitlich eine Holztreppe einen Hang hinauf und plötzlich steht man direkt oben auf der Pyramide und überblickt den ganzen Dschungel. Der 64 m hohe Tempel ist das höchste Gebäude des historischen Areals, dessen Wurzeln bis 700 v.Chr. reichen. Es ist schon bewundernswert, wie lange die alten Steine gehalten haben! Auch wenn man sich gut vorstellen kann, wie schwierig die heiligen Stätten dem wuchernden Dschungel zu entreißen waren.

Die letzten Meter unseres kilometerlangen Rundganges wurden wir mal wieder unfreiwillig geduscht. Im Moment gibt es hier keinen Tag ohne Regen. In kluger Voraussicht hatten wir unser Zelt am Morgen unter den palmenblattgedeckten Pavillion gestellt, so dass uns das himmelige Nass nicht viel bekümmerte.

Abends kamen wieder die zwei- und vierbeinigen Besucher über die Lichtung marschiert, aber leider wieder keine Tukane. Ob wir noch woanders welche sehen?

 
Hanka und Erik
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