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Belize
– Sümpfe, Zuckerrohr und Karibik
9. Oktober 2003, Tikal – Belize City
24.195 km, N 17-29-44 / W 88-11-17
Gemütlich lassen wir Zelt
und Handtücher in der Sonne trocknen und gehen den Tag ganz in Ruhe
an. Wir haben heute kein festes Ziel vor Augen, sondern wollen mal schauen,
wie weit wir nach Belize kommen. Notfalls packen wir irgendwo das Zelt
aus, denn wir haben bereits die Schauergeschichten über die unvertretbaren
Übernachtungspreise in Belize gehört.
Um die Mittagszeit erreichen wir die Grenze und schwanken, ob wir unsere
letzten Quetzales im Comedor für ein letztes guatemalesisches Mittagessen
ausgeben oder für evtl. Ausreisegebühren aufheben sollen. Wie
meistens, entscheiden wir mit den Bäuchen, die ansonsten knurrend
ein Veto eingelegt hätten. Gut gesättigt gehen wir die Grenze
an – zuerst zur Immigration. Es geht alles fix und – zu unserem
Erstaunen – kostet uns das Ganze keinen Cent. Das ist wirklich eigenartig.
Dann stehen wir in Belize vor der Schranke. Wir passieren ein supermodernes
Gebäude und stammeln unser Anliegen in „Spenglisch“ zusammen.
Es scheint, als sind wir der englischen Sprache nicht mehr besonders gut
mächtig – uns fallen komischerweise immer nur die spanischen
Standard-Floskeln ein. Nach so vielen Monaten im spanischen Sprachraum
ist Englisch echt eine Umstellung für uns; was wir nicht erwartet
hätten!
Am ersten Schalter bekommen wir unsere Einreisestempel (für lau),
am zweiten Schalter ist der Zoll, der in Eriks Pass einen weiteren Stempel
für das Motorrad drückt.Am nächsten Schalter steht groß
„Cashier“ angeschlagen und wir machen uns bereits auf eine
schmerzliche Summe gefasst. Aber nichts dergleichen: „Welcome to
Belize“ und wir dürfen losfahren. Völlig unglaubig schauen
wir uns an. Wie? Was? Das kann's doch nicht gewesen sein? Noch am Morgen
haben wir einander gut zugeredet, dass wir eine der vorläufig letzten
„Bürokratiegrenzen“ schon hinter uns bringen werden...
Freudestrahlend wie die Honigkuchenpferde schwingen wir uns auf die Honda
und düsen jauchzend in Richtung Belize City.
Schon bald stellen unsere neugierigen Augen fest, wie sehr sich Belize
von Guatemala unterscheidet. Die palmenblattgedeckten, einfachen Hütten
sind gänzlich von der Bildfläche verschwunden – mit ihnen
auch die bunten Trachten der Indio-Frauen. Selbst im kleinsten Kaff gibt
es mindestens 3 einigermaßen vernünftige Supermärkte.
Die Häuser vereinen einen britisch-karibischen Stil (falls es derartiges
gibt), aber verbreiten eindeutig ein Flair von „Home, sweet home“.
Jeder, der irgend etwas zu sagen hat, hängt ein Schild in den ordentlich
angelegten Vorgarten oder ans Haus, möglichst noch mit einem hübschen
Spruch darauf. Den besten finden wir im Vorbeifahren an einer Gärtnerei:
„We make people bloom“.
Schnurstracks sind wir in Belize City und werden in der ehemaligen Hauptstadt
gleich von einem Friedhof begrüßt. Die Hauptverkehrsstraße
führt mitten durch die Grabreihen – sogar auf einer kleinen
Verkehrsinsel stehen Grabsteine. Wir wissen nicht so recht, was wir davon
halten sollen - irgendwie makaber, uns fällt
nur ein: Ruhe in Frieden...
Belize City ist nicht sonderlich groß – so finden wir uns
binnen weniger Minuten im Zentrum wieder, wo uns gleich die Leute anquatschen.
Die Menschen scheinen sehr hilfsbereit, aber auch sehr mitteilungsbedürftig.
Für uns ist der „locker-beschwingte-Hey-Man-Schulterklopf-Ton“
völlig ungewohnt. Der Großteil der Bevölkerung ist schwarz
und wir „Bleichgesichter“ fühlten uns irgendwie fehl
am Platz. Die Einheimischen schien es jedoch überhaupt nicht zu jucken,
dass wir wie zwei exotische Vögel unter Schwarzen durch die Stadt
zogen, um die verdammte Touristeninformation zu finden. Man hatte uns
schon vorgewarnt, dass die Lonely Planet Empfehlungen an Unterkünften
alle schlecht und teuer sind. Deshalb hofften wir darauf, einen guten
Tipp dort zubekommen. Die Dame jedoch hatte keinen blassen Schimmer und
ließ sich jedes Wort aus der Nase ziehen. Wir waren schon ziemlich
angenervt, weil wir Ewigkeiten brauchten, die nicht ausgeschilderte Touristeninfo
(wo man doch offenbar Schilder in Belize liebt), zu finden. Wer weiss
schon, dass man eine solche Institution auf dem Gelände eines ehemaligen
Gefängnisses suchen muss? Die Tante brachte uns also kein Stück
weiter und wir griffen doch zum Lonely Planet.
Die erste Absteige hatte zumindest ein verschließbares Tor für
unser Moped und so bezogen wir (für „bescheidene“ 15,-
USD) ein winziges Zimmer in einem Haus ganz aus Holz. Die Beschaffenheit
der Wände brachte es mit sich, dass wir trotz des lauten Ventilators
jedes Wort im Fernsehen des Nachbarn verstanden. Dazu polterte und rumpelte
es, wannimmer sich jemand in Bewegung setzte. Was soll's, ist nur für
eine Nacht.
Wir hängten unsere müffelnden Motorradhosen auf den Balkon,
um nicht in unserem Zimmerlein zu ersticken (es ging nicht mal ein Fenster
auf) und machten uns auf die Suche nach etwas Essbarem. Wie sich herausstellte,
klappte die 80.000-Seelen-Metropole und größte Stadt des Landes
gerade die Bürgersteige nach oben. Es war gerade mal 18.00 Uhr! Ein
Restaurant zu finden, um irgendwo etwas Einheimisches in den Bauch zu
kriegen, grenzte beinahe an ein Kunststück. Schließlich schickte
uns doch noch jemand in eine Seitengasse, wo es lauwarme Bohnen zu gulaschähnlichem
Fleisch gab. Erik offenbarte dabei noch groß und breit, dass man
in Belize nachmittags die Hauptmahlzeit einnimmt. Von da an hatte Hanka
keine Zweifel mehr, dass wir die Rester vom Nachmittag serviert bekommen
haben. Sie kriegte kaum einen halben Teller runter. Hoffentlich wird in
Mexiko endlich das Essen besser!
Trotz allem finden wir einstimmig, dass die Stadt irgend etwas hat. Wir
wissen nur noch nicht, was.
10. Oktober 2003, Belize City - Tulum
24.624 km, N 20-09-34 / W 87-27-19
Wir nehmen uns die Zeit, morgens
noch mal durch die Stadt zu bummeln.
Vor der Yukatan-Halbinsel, der Küste von Belize und Honduras erstreckt
sich über 180 Meilen das zweitgrößte Barrier-Riff der
Welt. Da wir bei unseren ersten Tauchversuchen auf Utila Blut geleckt
haben, ziehen wir zunächst in Erwägung, ein paar Tage auf den
vorgelagerten Inseln zu verbringen – und sei es nur zum Schnorcheln.
Leider sind die Fährpreise „unbeliezable“ hoch; außerdem
gibt es keine Möglichkeit, die Maschine mitzunehmen. Dem Parkplatz
im Hostal trauen wir nicht so recht – schon gestern kamen ständig
irgendwelche scheinheilige Gestalten vorbei, die für 5 Dollar die
Honda putzen wollten. Scheint nicht wirklich eine gute Idee zu sein, nach
Caye Caulker zu fahren. Belize hat ansonsten leider auch nicht viel Sehenswertes
zu bieten, mal abgesehen vom dschungeligen Süden, wo wir ausgerechnet
nicht hinkommen. Also ziehen wir weiter Richtung Mexiko.
Ziemlich unspektakulär zieht sich die Hauptstraße gen Norden.
Links und rechts gibt es nur Sümpfe, Mangroven und Gestrüpp
– ein Paradies für Mücken und anderes Insektenzeug!
In Orange Walk sticht uns gleich am Plaza eine mobile Taco-Bude in die
Augen. Der Taco-Koch spricht uns auf Spanisch an und wir entwickeln sofort
Sympathie für den Mann und seine leckeren Maisfladen. Komisch, aber
wir beide stellen im gleichen Moment fest, dass uns der übliche Small
Talk in Spanisch viel lieber als in Englisch ist. Während wir uns
den Bauch mit frischen Tacos vollschlagen, freuen wir uns wie zwei Kinder
„endlich“ wieder Spanisch zu reden. Irgendwie ist uns die
Sprache inzwischen richtig ans Herz gewachsen, weil wir einen ganz anderen
Schlag Menschen mit ihr in Verbindung bringen. Wie schön, dass wir
zumindest noch ein großes, spanischsprechendes Land vor uns haben,
bevor wir wahrscheinlich unseren mühsam erworbenen Wortschatz wieder
vergessen werden und nicht mehr zimperlich überrascht auf die „What's-up-man-Floskeln“
reagieren.
Die Strecke bis zur Grenze brachten wir locker bis zum frühen Nachmittag
hinter uns. Zur „Abwechslung“ gab es auf den letzten Kilometern
mal kein sumpfartiges Gestrüpp, sondern abwechselnd riesige Zuckerrohrplantagen
und Weiden. Wie uns der Taco-Wirt aufklärte, werden viele der Farmen
von Nachkommen deutscher Auswanderer betrieben. Dieser Schlag Menschen
ist uns schon vorher aufgefallen – mit ihren altertümlichen,
gestreiften Hemden mit hochgekrempelten Ärmeln, Hosenträgern
und Sonnenhüten passen die Männer in das vorige Jahrhundert
– nicht aber in die belizianische Kulisse. Auch die puderweißen
Frauen mit ihren vornehmen Kleidchen, Handtäschchen, Hut und Sonnenschirm
erinnern eher an einen Filmdrehort als an die Realität. Einen Moment
lang überlegen wir noch, ob wir ein solches Auswanderdorf nicht mal
besuchen, aber andererseits treibt es uns auch nach Mexiko.
Die Grenzstation
empfängt uns in kühlen Hallen und wir lassen es widerwillig
über uns ergehen, die stolze Ausreisegebühr von 30,- USD zuzüglich
7,50 Umweltgebühr abzudrücken. Wie die Quittung allerdings ausweist,
hätten wir letztere Gebühr nicht einmal zahlen müssen,
denn wir waren weniger als 24 Stunden im Land. Schnurstracks stellt sich
Erik vor dem Schreibtisch des ersten Beamten auf, der uns nicht darauf
hingewiesen hat. Natürlich gab es noch nicht mal ein Schild, das
diesen feinen Unterschied deutlich machte. Und wie zu erwarten, biss Erik
auf Granit. Angeblich kann das Geld nicht zurückerstattet werden,
wenn die Quittung erst einmal gedruckt wurde. Wir müssten das Geld
irgendwo in Belize City einfordern (ha, ha, wirklich witzig). Mit seiner
flapsigen Art brachte der Typ Erik regelrecht zum Kochen und als Hanka
hinzukam, war Erik drauf und dran, dem Beamten eine zu knallen. Die Nerven
lagen völlig blank und Hanka schickte den vom Bluthochdruck gekennzeichneten
Erik erstmal nach draußen und versuchte, die Sache diplomatisch
anzugehen. Der Typ entpuppte sich als richtiges Arschloch, sein Chef wäre
nicht da (später behauptete er sogar, er wäre der Chef selbst)
und die anderen Weicheier trauten sich allesamt nicht, etwas zu unternehmen.
Geduldig forderte Hanka ihn auf, seinen Namen zu notieren bzw. zumindest
seine ID rauszurücken. Angeblich arbeitete er erst seit zwei Tagen
hier und hätte seine ID verloren. Das faule Spiel war offensichtlich
und keiner von uns hatte Spaß dabei, aber uns ging es mittlerweile
nicht um 7,50 Dollar, sondern ums Prinzip! Wollen wir doch mal sehen,
wer von uns mehr Zeit hat. Prompt sprang Hanka auf den Schreibtisch und
klärte ihn darüber auf, dass sie erst weicht, wenn er seinen
Namen aufgeschrieben hat, damit wir uns beschweren können. Es war
eine bodenlose Frechheit – jeder Grenzbeamte ist VERPFLICHTET, sich
auf Verlangen auszuweisen. Nach einer halben Stunde sinnloser Diskussion
kritzelte das Arschloch endlich einen Namen auf's Papier: David Luna.
Weiß der Geier, ob das sein richtiger Name ist. Aber wir werden
uns die Zeit nehmen und eine saftige Beschwerde einreichen. Dieses kleine
Land hat es offensichtlich nicht nötig, Touristen ins Land zu holen.
Wir raten also künftig JEDEN ab, auch nur eine müde Mark in
Belize zu investieren. Wäre in diesem Moment ein Reisebus angehalten,
hätten wir die Leute ordentlich heiß gemacht. Wir waren echt
geladen!
So langsam normalisierte sich unser Puls wieder, als wir auf mexikanischer
Seite von supernetten Beamten empfangen wurden. Gleich strömten diese
Leute eine entspannte Atmosphäre aus, so dass wir uns vom ersten
Augenblick in Mexiko wohlfühlten (schade für Belize, aber selber
schuld). Schnell waren die Pässe gestempelt. Um das Motorrad brauchten
wir uns nicht weiter zu kümmern; es sei alles okay. Wir waren dankbar,
dass wir nicht erneut einen Behördenmarathon zu bewältigen hatten
und gleich weiterfahren konnten.
Die Ärgerei in Belize hat uns locker eine Stunde Zeit gekostet, so
dass wir die letzten Kilometer im Stockfinsteren fahren mussten. Nachdem
Betti und Gunni so von Tulum geschwärmt haben und uns bereits karibikposter-ähnliche
Bilder im Kopf herumschwirrten, gaben wir Gas, bis wir endlich am Strand
stehen.
Wie sich herausstellte, haben die wenigsten Anlagen elektrischen Strom,
so dass sich die Suche nach einer Strandbleibe im Dunkeln auf schlaglochdurchlöcherter
Piste als ziemlich schwierig herausstellte. Erik jammerte schon wieder
rum, weil er sich erkältet fühlte – ansonsten hätte
Hanka einfach das Zelt an den Strand gepackt und morgen nach einer Bleibe
gesucht. Wir waren beide ziemlich müde und ausgezehrt, landeten aber
letztlich doch noch in einer kleinen Bambushütte am Strand. Wir hatten
ein Bett, ein Moskitonetz, reichlich Puderzuckersand, die Kraibik 15 m
vor der Tür, zwei Palmen gleich daneben und einen Mond, der die ganze
Kulisse irre romantisch erscheinen ließ. Jetzt sind wir mal gespannt,
wie das alles bei Tageslicht ausschaut. |