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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Tagebuch 25 - Mangroven und Karibikfeeling auf Yucatán

11.-14. Oktober 2003, Tulum
24.624 km, N 20-09-34 / W 87-27-19

Hanka wacht am ersten Morgen mit dem Sonnenaufgang über dem Meer auf und schlüpft neugierig und hellwach aus der Cabana. Mehr als ein Knurren ist Erik um diese Zeit noch nicht zu entlocken und so genießt sie völlig allein ein in gold-rotes Licht getauchtes Paradies. Türkisgrün glitzert die Karibik vor der Tür, Kokospalmen am Strand biegen ihre Wedel dem immer greller werdenden Glutball entgegen. Der Sand wird mit jeder Minute weißer und Hanka saugt diese atemberaubende Stimmung tief in sich ein. Das ist Karibik, wie man sich Karibik vorstellt und wie romantische Traumposter einen schon seit Teenagerjahren vom Himmel auf Erden träumen lassen. Bei unserer gestrigen Ankunft im Dunkeln ließ sich diese Kulisse lediglich erahnen. Freudestrahlend-euphorisch musste Erik nun doch aus dem Bett geholt werden, denn diesen Moment des perfekten Glücks wollte Hanka unbedingt mit ihm teilen. Soviel Schönheit konnte man allein gar nicht in sich aufnehmen. Erik hielt allerdings die Augen nur für ein paar Minuten offen, um Hankas Euphorie zu teilen, danach kroch er gleich wieder unters Moskitonetz. Der Arme war noch ziemlich mitgenommen vom langen Fahren, der nervigen Grenze in Belize und seiner Erkältung. Der Körper nimmt sich, was er braucht und so ließ Hanka ihn schlafen. Es wartete jeden Morgen ein neuer Sonnenaufgang im Paradies auf uns.
Und tatsächlich machten wir es uns in den darauffolgenden Tagen zur Gewohnheit, die ersten Stunden des hereinbrechenden neuen Tages am Strand zu verbringen. Jeden Morgen war der Sonnenaufgang anders als der vorhergehende - aber keiner so unglaublich fesselnd wie am ersten Tag. Die restliche Zeit pendelten wir von der Hängematte ins kristallklare Wasser und wieder zurück auf die Liege. Keiner von uns hatte auch nur den Anflug von Lust, sich die 7 km entfernten Tempel der Mayas (übrigens die einzige Maya-Stätte direkt am Meer) anzuschauen oder sonstige kulturelle Highlights aufzusammeln. Zum ersten Mal gelang es uns, mal wirklich auf Urlaub umzuschalten, den Tag am Meer verstreichen zu lassen und die Honda lediglich als Transportmittel zum Supermarkt und zurück zu gebrauchen. Wenn alle großen Supermärkte Mexikos mit derartig guten Donuts aufwarten können wie in Tulum, dann werden wir wohl Gummis in unsere Motorradhosen einnähen müssen... Kurzum, wir ließen es uns an nichts fehlen, genossen die Stunden an unserem - beinahe menschenleeren - Puderzuckerstrand, schlossen allabendlich Wetten ab, wer den aufgehenden, rotfunkelnden Mond am Horizont als erstes entdeckt (der Verlierer musste das Geschirr vom Abendessen abwaschen), zählten von der Hängematte aus Sternschnuppen und schätzten uns so glücklich, Teil dieses Paradieses zu sein.
Die Tage vergingen wie im Flug und so langsam wurde die Honda unruhig. In 2 1/2 Wochen würden wir Mama-Wien und Karli in Acapulco vom Flughafen abholen. 2 1/2 Wochen, in denen noch 3.000 km zu fahren waren. Also machten wir einen Plan und die Landkarte überzeugte zweifelsfrei, dass die Zeit gekommen ist, unser Paradies hinter uns zu lassen.


15. Oktober 2003, Tulum – Cancún

24.785 km, N 21-09-56 / W 86-49-45


Wir trennten uns schweren Herzens von Tulum und nahmen uns fest vor, irgendwann wiederzukommen. Für uns zählten die Tage auch ohne besondere Highlights zu den schönsten unserer Reise - zu den Stränden, die man einmal im Leben gesehen haben muss. Es war unser Paradies. Nichtsdestotrotz rief die Straße unüberhörbar und wir setzten die Reise fort.
Um die Sache langsam anzugehen und Hankas berufliche Interesse zu befriedigen, jagten wir die Honda heute nur bis Cancún. Diese Touristenhochburg wollten wir uns mal aus der Nähe anschauen - und sei es nur, um mit einem Glänzen in den Augen an Tulum zu denken.
Spontan bogen wir auch kurz nach Playa del Carmen ab, um flüchtige Ferienort-Eindrücke zu erhaschen. Aber kein Plätzchen ist wie Tulum und es schauert einem wohl eher angesichts der fettleibigen, halbnackten Amerikaner, die auf Souvenirjagd mit Eistüten und Badeschlappen durch den Ferienort schlürften. Schnell lassen wir Playa del Carmen hinter uns und machen uns auf Schlimmeres in Cancún gefasst.
Die Strecke fährt sich ziemlich langweilig. Linkerhand dominieren sumpfige Mangrovendschungel und rechterhand aufgereihte Luxus-Ferienanlagen die Landschaft. Es gibt nicht wirklich etwas zu sehen, bis uns schließlich am Horizont riesige Betonklötzer ins Auge springen: Cancún. Mein Gott, wie hat man diese Gegend nur mit Beton vergewaltigt!!! Morgen schauen wir uns das "Dilemma" mal aus der Nähe an, aber zunächst brauchen wir erstmal eine bezahlbare Unterkunft. Die Jugendherberge in der Stadt hört sich vielversprechend an. Leider ist diese Bleibe (wie vermutlich einiges in Cancún) nicht gerade günstig, aber als wir mangels Parkplatz die Honda mit ins Zimmer nehmen und zwischen den Doppelstockbetten abstellen dürfen, ist die Sache geritzt. Wir sind die einzigen im Zimmer, so dass die leichte Brise Benzingeruch nicht sonderlich stört.
Auf Anhieb fanden wir ein günstiges Internet-Cafe - sogar mit Windows XP und Brenner, was uns wie gerufen kam. Unsere Foto-Chips wurden schon langsam knapp und wir waren äußerst angetan, dieses Problem ohne die üblichen Rennereien zu erledigen. Anschließend brutzelte Hanka zwei köstliche Fischfilets in der Pfanne, während Erik sich glücklich schätzte, für die Planung der nächsten Tagesetappen von der Küchenarbeit freigestellt zu sein. Wenn das mal keine gerechte Arbeitsteilung ist...

 

16. Oktober 2003, Cancún – Mérida
25.174 km, N 20-58-24 / W 89-37-25


Zur Abwechslung ist das Frühstück diesmal im Übernachtungspreis eingeschlossen. Hanka jubelte innerlich, keine Haferflocken essen zu müssen, doch Erik schlief beinahe das Gesicht ein, als sich herausstellte, daß man hierzulande einen kleinen Donut als Frühstück bezeichnete. Das Minigebäck gab es auch nur auf Zuteilung und nicht mal Hanka konnte behaupten, von einem Donut satt geworden zu sein. Wenigstens gab es dünnen Kaffee gratis, das ist doch schon mal was.
Nachdem unser erster Stopp dem nächstbesten Supermarkt galt, um ein richtiges Frühstück einzulegen, machten wir anschließend gut gesättigt eine Rundfahrt über den 25 km langen Paseo Kukulcán. Die Strecke folgt der Halbinsel entlang, wo sich Cancúns Bettenburgen aneinanderreihen und den Besucher automatisch in ein künstlich angelegtes Feriendorf aus Beton, Gärten, Boutiquen, Restaurants und Golfplätzen versetzen. Wir fühlten uns wie bei Disney World, wenn uns auch nicht gerade die Tränen vor Glück in die Augen schossen. Wo Sheraton, Hyatt & Co. überwiegend Amerikanern und Japanern die Urlaubswünsche von den Augen ablesen, fuhr uns eher ein Schauer über den Rücken. Nie im Leben würden wir hier Urlaub machen! Nachts werden die Strände per Traktor gesiebt, jegliches Grün ist künstlich angelegt und die gesamte Halbinsel ist zehn- oder mehrstöckig verbaut. Schade um die schöne Karibik. Das Wasser ist unglaublich kräftig türkis und man könnte sicherlich schön schwimmen und schnorcheln - nur umdrehen darf man sich nicht, sonst treffen zwei völlig irreale Welten aufeinander. Wir sind ziemlich erschüttert über das, was wir gesehen haben. Das ist also das berühmte Cancún!
Anstelle die Autobahn entlangzujagen, entscheiden wir uns für die 70 km längere, parallel verlaufende alte Landstraße nach Mérida. Wie wir gehört haben, soll die Autobahnstrecke stattliche 30 Dollar Mautgebühr kosten und wir sind nicht scharf darauf, es auszutesten. Also nehmen wir ca. 150 "Topes" in Kauf - hässlich graue, zum Teil völlig unvorhersehbare, lästige, buckelige Betonhügel, die sämtlichen Verkehr zum Langsamfahren zwingen und die Umsätze für Bremsbeläge, gebrochene Achsen und Stoßdämpfer florieren lassen müsste (nicht das Mexikaner sich etwas aus kaputten Stoßdämpfern machen würden). Wir Europäer dagegen mit unserem anerzogenen Verlangen nach Regeln und Ordnung können nicht begreifen, weshalb derartig üble Verkehrshindernisse meist weder durch Schilder angekündigt noch farblich markiert sind, was immer wieder zu bösartigen Fluchausbrüchen führt. Die Dinger sind nicht mal genormt und anscheinend kann jeder vor seinem Haus einige Betonbremser zusammenklitschen, die selbst Motorradfahrer aufsitzen lassen. Wir kennen Topes bereits aus anderen Ländern Zentralamerikas (wo sie mit anderen netten Namen bezeichnet sind), aber die mexikanischen "top(p)en" alle bisherigen. Selbst als Sozius muss man die ganze Zeit höllisch aufpassen, um zum einen den Fahrer vor den lästigen Buckeln zu warnen und zum anderen die Zahl der schmerzhaft stauchenden Überraschungsschläge in die Wirbelsäule in Grenzen zu halten. Ob es wohl irgendwo in Mexiko eine Häuseransammlung gibt, welche man noch nicht mal Dorf nennen kann, die KEINE Topes hat? Wir haben es zumindest heute nicht erlebt.
So zieht ein Dorf nach dem anderen an uns vorbei, dazwischen nur Mangroven und - Mangroven. Irgendwie hatten wir uns die Vegetation auf Yucatán ganz anders vorgestellt, aber egal. Wir stoppen für Wasser, Kokosnüsse und Pitayas (die pink-giftgrün-farbenen Früchte sind für uns zur Zeit der absolute Renner) und arbeiten weiter Kilometer für Kilometer und Topes für Topes ab. Plötzlich liegt ein Laster quer auf der Fahrbahn und überall sind leere Hühnerkäfige verstreut. Wir schlängeln uns durch die stinkenden Kisten, währenddessen der Truckfahrer gerade ärtztlich versorgt wird. Uns wird ganz mulmig zumute bei dem Gedanken, dass der Unfall gerade erst passiert ist. Und wieder kreisen einem die seltsamsten Gedanken durch den Kopf!
Chichen Itzá lassen wir linkerhand liegen. Dort kann man zwar das Weltkulturerbe maya-toltekischer Kunst bewundern, aber Erik hat seit Tikal genug von alten Steinen. Das einzige Zugeständnis, das Hanka ihm noch abringen kann, ist ein Besuch der Maya-Stätte in Palenque. Gunni und Betti waren auf ihrer Mexiko-Reise weitaus "stein-ausdauernder" als wir. Vielleicht sollten wir uns einfach nur ein bisschen mehr mit der historischen Materie beschäftigen...
Am frühen Abend trudeln wir in Mérida ein. Wir sind neugierig auf die Stadt und wuseln uns erstmal bis zum Plaza Mayor durch, um einigermaßen die Orientierung zu finden. Kaum dass der Stadtplan rausgekramt ist, spricht uns eine Polizistin an. Sofort meldet sich bei uns ein schlechtes Gefühl: Haben wir uns den falschen Parkplatz ausgesucht, will sie uns vor Trickdieben warnen, ist sie vielleicht selbst einer oder was ist hier los? Welche Adresse wir suchen, will die Dame wissen. Wir zeigen ihr unseren Empfehlungszettel und prompt funkt sie ihren motorisierten Partner herbei, der uns ins Schlepptau nimmt und per Motorrad zu dem gewünschten Hostal geleitet. Wir schämen uns für unser Misstrauen und bedanken uns herzlich für die Hilfe. Ist das nicht dramatisch, wie einen Erfahrungen verändern...?
Das Hostal gefällt uns prima und wir können sogar im Innenhof unser Motorrad parken. Es gibt nur das kleine Problem, dazu mit der Honda per Anlauf eine fiese Borsteinkante zu überwinden, gleichzeitig mit dem Vorderrad drei weitere Stufen zu nehmen und dann irgendwie im Hausflur zu landen. Ein Brett oder ähnliches, was sich als Auffahrtsrampe verwenden ließe, gibt es leider nicht und abgesehen von ein paar Ziegelsteinen können wie nichts Brauchbares auftreiben. Nachdem alle Ziegel pyramidenartig vor die Bordsteinkante gestapelt sind, postiert Erik die Honda auf der Straßenmitte und gibt Gas. Der erste Versuch schlägt natürlich fehl und die Ziegelsteine schleudern krachend auf die Fahrbahn. Unser Herbergsvater macht uns jedoch Mut, dass kürzlich auch schon ein Motorrad im Hof stand. (Wie wir später feststellten, war's eine KTM - für die dürften derartige Einfahrten ein Klacks sein, nicht wahr, Claas?) Beim zweiten Anlauf schafft es Erik, irgendwie die Honda in den Hausflur zu kriegen - allerdings schlägt der Hauptständer gegen die letzte Stufe und knackt die Fliese kaputt, was allerdings für niemanden ein Problem zu sein scheint. Geschafft! Mann, oh Mann, was haben wir schon für Fliesen auf dem Gewissen!
Trotz Müdigkeit raffen wir uns auf zu einem abendlichen Stadtspaziergang. Mérida, "die weiße Stadt", ist nicht nur bekannt für seine alte Kolonialarchitektur, die sich unserem Eindruck nach mancherorts sogar mit Wiener Zuckerguss-Architektur mischt, sondern vor allem für sein Angebot an Hängematten. "Nirgendwo sonst in Mexiko soll es schönere Hängematten geben als hier", wird den Scharen an Touristen schon im Reiseführer suggeriert. Tatsächlich kleben die Hängemattenverkäufer wie Schmeissfliegen an unseren Fersen und wir haben Mühe, ohne Hängematte zurück ins Hostal zu gelangen. Leider geben unsere Taschen auch wirklich keinen zusätzlichen Stauraum her, so dass wir genauso stur bleiben mussten wie die Verkäufer. Während wir so herumschlendern, entdecken wir mit Entsetzen den ersten Weihnachtskitsch und weihnachtlich dekorierte Schaufenster. Die Zeit verrennt - "Ja ist denn heut schon Weihnachten?" Wir können uns kaum vorstellen, dass wir bis dahin schon auf den Fijis sein werden, wo wir doch gerade erst vor ein paar Tagen in Mexiko angekommen sind. Manchmal kommt uns das alles wie ein Traum vor.

 

17. Oktober 2003, Mérida – Campeche
25.354 km, N 19-50-33 / W 90-32-12


Gern hätten wir noch ein bisschen mehr Zeit in Mérida verbracht, doch die haben wir im Moment leider nicht und Eriks Routenplanung bis Acapulco lässt kaum Lücken zu. Noch schnell ein paar Fotos geknipst, Helme auf und weiter. Wir hassen diesen Stress!
Wenigstens müssen wir heute nicht allzu weit fahren und nicht allzu viele Topes überwinden, so dass wir uns die alte Kolonialstadt an der Karibik noch in Ruhe per Tageslicht anschauen können. Der historische Kolonialkern von Campeche wird von gewaltigen Festungsmauern eingeschlossen, die zur einstigen Verteidigung der Stadt gegen Piraten notwendig waren. Uns begeistern die farbenfrohen Straßenzüge und wir lassen uns sogar ein bisschen vom Piratenfieber einfangen. Das alles gibt es ohne Touristenscharen, ohne lästige Souvenirverkäufer und mit Übernachtung in einem nigelnagelneuen, gastfreundlichen Piraten-Hostal. Hier ließe es sich durchaus eine Weile aushalten und Campeche kommt definitiv auf unsere Empfehlungsliste. Wenn wir doch nur mehr Zeit hätten...
Hanka muss leider noch fluchend ihre Waschtasche ausräumen, weil irgendwas ausgelaufen ist - schöner Mist. Was verpasst man nicht alles, wenn man zuhause wohnt...

 
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