| Tagebuch
26 - Von Palenque nach Mexico City
18. Oktober 2003, Campeche – Palenque
25.819 km, N 17-29-17 / W 92-02-19
Wir haben eine ziemliche Strecke
vor uns und hoffen innigst, dass wir uns geschickt durch die Regenwolken
schlängeln können. Schön zieht sich die Landstraße
am Meer entlang, wo uns türkis-grüne Buchten und etliche Pelikane
begleiten. Zur Abwechslung werden wir mal wieder von einer Militärkontrolle
gestoppt und nach dem Woher und Wohin befragt. Die Jungs (wahrscheinlich
keine 18 Jahre alt) sind bis unter die Zähne bewaffnet und haben
ihre Lektion an Coolness bereits gut gelernt. Im darauffolgenden Baustellenchaos
übersehen wir prompt den Abzweig nach Sabancuy - nicht dass die Jungs
uns mal nach links geschickt hätten, wenn sie schon unser Tagesziel
kannten. 40 km später geht uns ein Licht auf, dass wir den Abzweig
irgendwie verpasst haben müssen. Hanka steht kurz vor einem Wutausbruch.
Ausgerechnet heute müssen wir so weit fahren, wir haben kaum noch
Sprit im Tank, kaum noch Bares in der Tasche und überhaupt hat Hanka
heute keinerlei Lust zum Motorradfahren. Das Helmvisir ist auch noch kaputt
gegangen und klappt alle paar Minuten bei der kleinsten Erschütterung
nach unten. Dabei hält man die Temperaturen echt nur mit geöffneten
Visir aus, zumal wir uns schon mit der dicken Motorradkluft abquälen
müssen. Jedenfalls scheint heute nicht gerade Hankas Tag zu sein.
Als wir wieder vor der Militärkontrolle stehen, muss sie sich ziemlich
zusammenreißen, um nicht einen bösen Spruch loszulassen. Bei
ihrer Laune waren die Militär-Heinis der gefundene Sündenbock,
denn sie hätten uns locker 80 km Umweg ersparen können! Inzwischen
auf 180 beschloss Hanka, sich nichts anmerken zu lassen, tief durchzuatmen
und die Sache hinzunehmen. Erkenntnis ist der erste Weg zur Besserung,
oder wie war das?
Endlich in Sabancuy muss erstmal Hunger und Wut gestillt werden. Statt
einer Taco-Bude finden wir einen Krabben-Kiosk am Straßenrand und
eine nette Mexikanerin präsentiert uns stolz ihre Töpfe. Wir
dürfen sogar probieren und kriegen eine Gratislektion, wie man die
Schalentiere isst. Binnen Minuten ist die schlechte Laune verschwunden
und wir knacken und knubbern an dem köstlichen Fang. Wir haben noch
nicht allzu oft blaue Krabben gesehen, geschweige denn gegessen. Aber
sind nicht diese spontanen Erlebnisse eigentlich das, was das Reisen ausmacht?
Unsere Krabbenköchin ist einfach goldig und freut sich sichtlich,
dass es uns schmeckt. Prompt stellt sie uns noch einen dritten Teller
vor die Nase, den wir ihr nicht abschlagen können. Satt, zufrieden
und glücklich steigen wir wieder auf die Honda und sogar das Helmvisir
nervt längst nicht mehr so wie auf den vorherigen Kilometern. Wir
freuen uns selbst über die riesigen Mangrovenfelder, durch die sich
die Piste wie ein Damm zieht. Allerdings kommen wir nicht voran, denn
zwischen den Mangroven-Armen tauchen immer wieder wunderschöne Seerosen
auf, die zu Hunderten ihre Blüten aus dem braunen Wasser strecken.
Nichtsdestotrotz drängt die Zeit und wir wollen es zu gern noch bis
Palenque schaffen. Für kurze Zeit streifen wir den Bundesstaat Tabasco
und sinnieren darüber, ob die scharfe Sauce nach ihm benannt ist
oder umgekehrt. Landschaftlich bietet die Tour nicht viel Abwechslung
und es kommt uns eine Ewigkeit vor, bis endlich der Abzweig nach Palenque
auftaucht. Ihm folgen wir in hügeliges Dschungelgebiet, über
dem schon fette Regenwolken hängen.
Wir schaffen es dennoch trocken bis in unser Quartier, können sogar
noch kurz in den Pool springen, bevor der Himmel seine Schleusen öffnet.
Die überdachte Veranda macht sich bezahlt, denn wir können in
Ruhe und vor allem trocken unsere Tacos brutzeln. Zum Glück zählen
wir nicht zu den armen Schweinen, die draußen ihr Zelt aufgeschlagen
haben! Allerdings muss Hanka erneut das "Waschtaschen-Drama"
ausbaden, denn schon wieder ist was Schmieriges ausgelaufen. Ab morgen
kommt alles separat in Tüten.
19. Oktober 2003, Palenque
- Ausflug nach Las Cascadas
25.876 km, N 17-29-17 / W 92-02-19
Es goss die ganze Nacht wie
aus Kübeln und - dabei grenzte es schon beinahe an ein Wunder, dass
die Honda nicht umgekippt ist in der Schlammlache, in der wir sie morgens
vorfanden. Wir fühlten uns wie in einer Waschküche - die Luft
war dermaßen feuchtigkeitsgeschwängert, dass sich sämtliche
Sachen klamm anfühlten und nicht mal das dünnste aller Handtücher
(das wir sogar noch vor den Ventilator gespannt hatten) trocken wurde.
So ganz überzeugte uns das Wetter deshalb auch nicht zum geplanten
frühzeitigen Aufbruch in den Dschungel von Palenque, so dass wir
zunächst abwarteten und den Himmel beobachteten.
Ähnlich wie in Tikal werden wahrscheinlich nur die Frühaufsteher
mit dem Ereignis belohnt, einen Tukan zu sehen. Dieses Erlebnis blieb
uns wieder einmal verwehrt und es fühlte sich an, als hätten
wir heute unsere letzte Chance auf einen Tukan vertan. Im Gegensatz zu
den Frühaufstehern, die noch im Regen heute morgen losgezogen sind,
kamen wir dafür in den Genuss von Sonnenschein. Kaum dass wir die
erste Tempelpyramide erklommen hatten, riss die Wolkendecke auf und Palenque
lag ausgebreitet vor uns im strahlenden Licht. Nichts erinnerte mehr auch
nur im geringsten an die ungemütiche Waschküche von heute morgen.
Die gesamte Maya-Anlage mitten im Regenwald fanden wir ziemlich beeindruckend.
Obwohl die schwarz-grauen Steine z.T. älter als 2.000 Jahre sind,
konnte man auf fast jede Pyramide hinaufkraxeln, die Tempel anschauen
und verwinkelte Gänge erkunden. Es gibt sogar einen alten Aquädukt,
der die Ingenieurherzen höher schlagen lässt. Palenque war für
uns jedenfalls viel mehr Maya-Geschichte zum Anfassen als Guatemalas Hauptattraktion
Tikal.
Mit etlichen Fotos in der Kamera laufen wir am frühen Nachittag zurück
ins Hostal und satteln die Honda für einen Nachmittagsausflug zu
den Wasserfällen Las Cascadas. Auf dem Weg stechen uns zwei entgegenkommende
Motorräder und ein exotisch-umgerüsteter Lkw ins Auge. Erik
glaubt noch, aus dem Augenwinkel ein deutsches Nummernschild gesehen zu
haben, dann ist der Konvoi auch schon um die nächste Kurve. In gewohnter
Manier halten wir an und drehen sofort, aber die drei haben es anscheinend
sehr eilig. Zu blöd - wir hätten gern mal wieder ein paar Biker
kennengelernt...
Wie zu erwarten, reihten sich vor dem Wasserfall bereits die Touristenbusse.
Uns erwartete ein gewaltiges Naturschauspiel: Tonnen von Wasser stürzten
direkt vor uns mit lautem Getose und entsprechendem Wassertröpfchen-Schleier
in die Tiefe. Es war so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen
konnte - gleichzeitig so feucht, dass man mit jedem Foto die Kamera auf's
Spiel setzte. Naturgewalten sind schon faszinierend und prompt wollten
wir es wagen, dem Weg hinter dem Wasserfall entlang zu folgen. Mit Rucksack,
Helmen und Kamera war es nicht so einfach und wir gaben völlig durchgeweicht
vor den tosenden Fluten auf und lachten uns über uns selbst kaputt.
Wir gehörten weder zu denen, die bei diesem kalten Wasser nackt hindurchgehen
würden, noch zu denen mit einem Ganzkörperkondom - wie soll
man eigentlich sonst hinter dem Wasserfall durchlaufen, ohne wie ein gebadeter
Pudel auszusehen? Der Fahrtwind trocknete ziemlich schnell unsere klitschnassen
Sachen und wir wurden von einer Minute zur anderen in die ernste Welt
zurückgeholt. Vor uns staute sich der ganze Verkehr und als wir uns
langsam an der Blechschlange vorbeischlichen, landeten wir direkt vor
einem übel zugerichtetem Minibus, der frontal mit einem PkW zusammengeknallt
war. Während alle noch auf Krankenwagen und Polizei warteten, versuchte
man die Verletzten zu beruhigen. Unter den verwundeten Fahrgästen
waren auch zwei Touristen, um die sich bereits andere Passanten kümmerten.
Wir können uns lebhaft vorstellen, wie der Minibusfahrer gefahren
sein muss... Mit einem Kloß im Hals fuhren wir weiter. Da war nichts,
was wir hätten tun können und Gaffer gab es schon reichlich.
Auf dem Campingplatz sehen wir doch tatsächlich den komischen Laster
wieder - mit Münchner Kennzeichen. Kurze Zeit später lernen
wir den dazugehörigen Fahrer kennen. Markus "entpuppt"
sich als verrückte Frohnatur, seit 2 Monaten von New York aus mit
zwei Motorradfahrern im Konvoi unterwegs. Die beiden BMW's gehörten
zu Bernd und Markus, die aus praktischen Gründen nicht auf ihre mobile
Schlafkabine verzichten wollen. Der alte LAF 1113, ein ehemaliges Löschfahrzeug,
Baujahr 1965, mit einem Kofferaufsatz der Nationalen Volksarmee ist wirklich
einzigartig. Anfangs waren die drei noch mit Markus' Freundin unterwegs,
aber scheinbar hat sie angesichts der Doppelstockbetten inmitten eines
Männerchaos' aus Reifen, Werkzeug und Ersatzteilen das Handtuch geschmissen,
was Hanka gut nachvollziehen kann. Jedenfalls fahren die Jungs 'nen ziemlich
heißen Reifen: haben u.a. 7.000 km in 10 Tagen geschafft (soviel
fahren wir im Schnitt in 2 Monaten - und dabei denken wir schon, wir sind
eigentlich viel zu schnell unterwegs!). Markus hat einige Stories zu erzählen,
bei denen uns der Mund offenbleibt. Es wird ein lustiger Abend mit vielen
Tipps und Infos über das, was noch kommt. Jetzt können wir uns
schon mal Gedanken machen, weil wir weder eine offizielle mexikanische
Einfuhrgenehigung für das Motorrad haben, noch Versicherung. Wie
kann man doch seine Einstellung über derart lästige Angelegenheiten
ändern, wenn man die bürokratischen Spießrutenläufe
an den Grenzen Zentralamerikas hinter sich hat. Natürlich haben wir
bei der Einreise nicht zweimal nachgefragt - nach dem Motto: Augen zu
und durch. Wie uns Markus erzählt, werden sämtliche Motorradfahrer
auf dem Weg von der Baja California auf's Festland kontrolliert. Hoffen
wir mal, dass die Papiere in umgekehrter Richtung niemanden interessieren!
20. Oktober 2003, Palenque
- San Cristóbal de las Casas
26.095 km, N 16-44-33 / W 92-38-23
Bevor wir uns versehen, sind
die drei Jungs gleich nach dem Aufstehen samt Laster und BMW's auf und
davon. Gewiss gibt es für sie heute wieder eine stolze Tagesetappe
abzuhaken. Wir können uns beim besten Willen weder zeitlich noch
körperlich vorstellen, wie man an einem Tag 700 km auf dem Motorradsattel
herunterschrubben kann (Unsere absolute Schmerzgrenze liegt bei knapp
500 km Tagesleistung - dann geht aber auch kein Meter weiter!).
Wir zwei müssen heute nur lockere 220 km auf den Kilometerzähler
rattern. Allerdings geht's dabei auf ansehnliche 2.200 m hinauf bis nach
San Cristóbal de las Casas. Die Tour verspricht einiges an Abwechslung:
aus dem schwül-feuchtem Regenwaldklima windet sich die Straße
in Serpentinen hoch ins Bergland. Es wird zunehmend kühler und wir
kramen ein Shirt nach dem anderen aus dem Gepäck. Dichtes Dschungelgrün
weicht kargen Kieferwäldern und wir sehen immer mehr Mexiko-Indígenos.
Barfuß und in rot-grün-weißen, bestickten Baumwollblusen
schleppen die Frauen Wahnsinnslasten an Feuerholz entlang der Straße.
Allein beim Anblick fragt man sich, wie es möglich ist, derartige
Fuhren auf dem Rücken zu tragen, wobei die ganze Last des Bündels
mit einer Schlaufe von der Stirn gehalten wird. Im Herzen Chiapas fühlen
wir uns mehr denn je an Südamerika erinnert. Es ist die südlichste
und ärmste Region Mexikos. Ein Drittel der Bevölkerung Chiapas
leben als Nachkommen der Hochland-Mayas am Rande des Existenzminimums.
Wie vielerorts in der Welt werden die verbliebenen Indígenos als
Minderheit diskriminiert. Die Kinder versuchen am Straßenrand vor
jedem Topes Zitrusfrüchte an die Autofahrer zu verkaufen, bestickte
Taschentücher oder herrliche Websachen. Uns tun die dunklen Kinderaugen
in der Seele weh, zumal wir nichts außer Apfelsinen kaufen können.
Völlig durchgefroren erreichen wir unser Tagesziel. San Cristóbal
de las Casas wirkt auf uns wie keine andere Stadt in Mexiko total südamerikanisch.
Wir wissen nicht, ob es an der "vertrauten" Eiseskälte
in 2.200 m Höhe liegt, dem etwas schäbigen, jedoch preiswertem
und freundlichem Hostal, in dem es Mäuse gibt, oder ob unser Eindruck
von der Kolonialarchitektur der Stadt mit ihren vielen, traditionell gekleideten
Menschen, dem Marktgewusel oder den klapprig-rostigen Autos herrührt.
Jedenfalls stellen wir gleich fest, dass wir Südamerika vermissen.
Südamerika ist und bleibt unser Lieblingskontinent und hier können
wir uns regelrecht zurückversetzt fühlen, indem wir das Flair
in uns aufsaugen.
Spontan gönnen wir uns ein 3-Gänge-Menu in einem überdachten
Innenhof eines tollen Restaurants. Die Karottensuppe ist erste Sahne und
genau das Richtige, um unsere erfrorenen Knochen aufzutauen. Anschließend
ist wieder mal ein Abend im Internet angesagt - die Tarife sind günstig
und wir finden endlich mal einen Computer mit Frontpage.
Übrigens durfte Hanka zum dritten Mal in Folge die Waschtasche sauber
machen. Weder Flaschen noch Tüten haben aufgrund des Höhenunterschiedes
dicht gehalten und eigentlich war es reines Glück, dass ihr die Kugel
des Deorollers nicht wieder ins Gesicht geschossen kam...
21. Oktober 2003, San
Cristóbal de las Casas
26.095 km, N 16-44-33 / W 92-38-23
Was gibt es heute zu schreiben:
wir haben nachts erbärmlich gefroren, morgens die palenque-klamme
Wäsche in der Waschmaschine versenkt und den Rest des Tages mehr
oder weniger im Internet-Café verbracht. Auch nach dem zweiten
Eindruck von der Stadt fühlen wir uns wie in Südamerika. Es
könnte nur ehrlich gesagt ein bisschen wärmer sein. Wenn dieser
abrupte Klimawechsel keine Herausforderung an unser Immunsystem ist...
Nachmittags schlendern wir noch mal zu dem schönen Bauernmarkt, der
offensichtlich noch nicht von Touristen entdeckt wurde oder einfach nur
kein sicheres Pflaster ist. Welche Gründe auch immer; uns gefiel
der Markt einfach und um so besser schmeckten die frischen Maiskolben,
die wir uns aus einem großen Kochtopf angelten.
Heute hätten wir eigentlich Gunni und Betti in Mexico City wiedertreffen
können. Die beiden haben es doch tatsächlich noch bis Cahuita,
Costa Rica, geschafft und fliegen heute heimwärts. Uns trennen nur
reichlich 1.000 km voneinander, aber wir hätten keinen einzigen Tag
in Tulum am Strand liegen dürfen - oder es mal mit 700 km Tagesstrecken
versuchen sollen - um es noch bis zur Hauptstadt zu schaffen. Hanka ist
ziemlich traurig, dass wir die beiden nicht noch mal sehen, aber Erik
sieht die Sache ganz realistisch. Wir sind in letzter Zeit ohnehin schon
viel zu schnell unterwegs gewesen. Natürlich hat er Recht, denn wir
haben gerade 6 Tage ohne Pause auf der Honda gesessen - das ist mehr als
lange und übertrifft beiweitem das übliche Limit! Trotzdem schade,
die zwei werden's sicher verstehen.
22. Oktober 2003, San
Cristóbal de las Casas – Cintalapa
26.293 km, N 16-40-40 / W 93-43-36
Eigentlich könnten wir
von hier direkt nach Acapulco fahren, aber angesichts der knappen Zeit,
die wir anschließend auf dem Weg nach Amerika haben, spricht einiges
dafür, auch ohne Gunni und Betti den Abstecher jetzt nach Mexiko
City zu machen. Mitten in der Hauptstadt wartet schon seit Ende August
ein Paket voller Ersatzteile auf die Honda. Also entscheiden wir uns weiterhin
für das straffe Programm und ersparen Eriks Mama von Acapulco aus
den Ausflug in die 25-Millionen-Menschen-Metropole. Mexico City - wir
kommen!
Warm eingepackt geben wir der Honda die Sporen und jagen sie in Richtung
Tuxtla Gutiérrez. Statt bergab (wie wir vermutet hatten) führt
uns die Straße immer weiter bergauf. Wir finden uns in den Wolken
wieder und Erik flucht, dass die Heizgriffe irgendwie nicht funktionieren.
Klappernd vor Kälte durchfahren wir eine Wolkenschicht nach der anderen
und glauben schon an eine Erscheinung: da kommt uns doch tatsächlich
einer mit dem Fahrrad entgegen! Also, was jammern wir! Prompt reißt
die Wolkenwand auf und tief vor uns liegt eine weite Ebene, in die sich
die Straße hinunterschneidet. Wir müssen nur folgen und landen
in Tuxtla Gutiérrez bei wesentlich erträglicheren Temperaturen.
Die moderne Stadt hat als Provinzhauptstadt von Chiapas nicht halb so
viel Indígeno-Flair wie San Cristóbal de las Casas. Wir
halten uns nicht lange auf, besorgen uns nur einen Stadtplan, von dem
wir den unbeschilderten Weg durch die halbe Stadt zum Cañon de
Sumidero erahnen können.
Tatsächlich finden wir auch irgendwie die richtige Straße und
stehen in Kürze auf der ersten Aussichtsplattform. Der Blick verschlägt
einem den Atem: in einem eingeschnittenem Tal zwängt sich ein klarer
Fluss entlang der steilen, senkrecht fallenden Felswände. Weiter
hinten öffnet sich das Tal in eine weite Ebene mit einem derartig
abrupten Übergang, als hätte man zwei verschiedene Landschaftsposter
zusammengeklebt. Wir hangeln uns von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt
bis die Felswände 1.000 m tief, senkrecht nach unten fallen. Die
kleinen Boote im Fluss bewegen sich wie Spielzeugdampfer. Angeblich soll
es da unten auch Höhlen und Krokodile geben, aber wir haben leider
keine Zeit für die Bootstour und trauen uns außerdem nicht,
das bepackte Motorrad irgendwo länger als 2 Minuten unbeobachtet
stehen zu lassen. Manchmal wär ein Auto schon ganz praktisch.
Anschließend müssen wir uns wieder durch ganz Tuxtla Gutiérrez
quälen. Wir kommen heute nur bis Cintalapa - hatten eigentlich weiter
geplant - und quartieren uns als die einzigen Gäste in das scheinbar
einzige Hotel des Kaffs ein.
Erstmals in vier Tagen ist heute mal nichts aus Hankas Waschtasche ausgelaufen.
Yippie - wir machen Fortschritte! Aber irgendwas ist ja immer und diesmal
sind es ausgehungerte Mücken. Das ganze Hotel schwirrt nur so von
den stechenden Biestern und scheinbar war lange kein frisches Blut zu
Gast. Unsere einzige Rettung bleibt unser Moskitonetz, das wir mittlerweile
richtig zu schätzen gelernt haben!
23. Oktober 2003, Cintalapa
– Oaxaca
26.782 km, N 17-03-54 / W 96-43-16
Kurz nach acht sitzen wir auf
der Honda, um die heutige Monsterstrecke von knapp 500 km anzugehen. Wieder
denken wir daran, wie andere Biker es auf 700 km Tagesetappe bringen!
Zunächst geht es ganz entspannt immer geradeaus bis sich nach ein
paar Kurven durch die Berge das nächste Tal vor uns ausbreitet. Wir
kommen gut voran. Die 220 km zwischen Santo Domingo Tehuantepec und Tlaculda
de Matamoros (Mann oh Mann, was für Namen!) sind landschaftlich richtig
schön. Zuerst weite Felder mit Mais und leuchtend rotem, hirseähnlichem
Getreide. Wir halten an und fragen einen Bauern in seinem Traktor, was
da eigentlich angebaut wird. Sichtlich erfreut über unser Interesse,
erklärt er uns die Anbauweise, Arten und Verwendung von "Sorgo"
(Mohrenhirse), wobei wir lediglich einen Brucht der Geschichte überhaupt
verstehen. Zumindest glauben wir, das Wichtigste davon erahnt zu haben
und wissen nun, dass es sich nicht um Quinoa handelt. Hätte uns auch
gewundert, da dieses angeblich nur in Südamerika angebaut wird. Dabei
kommt Hanka in den Sinn, dass wir irgendwo in der Seitentasche noch ein
Tütchen Quinoa aus Bolivien mit uns herumschleppen...
Wenig später spriesen die ersten großen Kakteen zwischen den
Bäumen und es werden immer mehr. Auch das erinnert uns an Südamerika
- genauer gesagt an den Nordwesten Argentiniens. Doch Mexiko sollte uns
gleich wieder einholen!
Plötzlich bekommen wir beide einen heftigen Adrenalinschub. Nach
einer Kurve tauchen zwei Lkw's vor uns auf, der eine gerade beim Überholmanöver.
Mit uns hat er wohl nicht gerechnet, denn ihm bricht schlagartig das Heck
aus, während Erik voll in die Eisen steigt. Wir sehen den Koloss
schon quer auf uns zuschlittern. Im letzten Moment kriegt der Fahrer den
Laster wieder unter Kontrolle und zieht vorbei. Es soll nicht das letzte
Mal sein, dass die Mexikaner mit ihrem Fahrstil unseren Schutzengel auf
eine harte Probe stellen.
Schon bekommen wir die ersten Agavenfelder zu Gesicht. Sie werden zusehends
größer, je mehr wir uns Oaxaca nähern. Bis vor kurzem
wußte Hanka noch nicht mal, dass Tequilla aus dem Saft von Agaven
gebrannt wird. Doch die Gegend um Oaxaca ist für eine besonders harte
Tequilla-Variante bekannt: "Mezcal". Betti und Gunni hatten
eine kleine Flasche davon mit nach Honduras gebracht, so dass wir den
leckeren Stoff schon mal probieren durften. Die beiden sitzen vielleicht
gerade im Flieger nach Hause. Wie schnell doch 2 Monate vergehen!
Die heutigen 470 km ziehen sich dafür vor allem gegen Ende ziemlich
in die Länge. Einige Baustellen vor Oaxaca und ein Wahnsinns-Stadtverkehr
schlauchen uns noch mal so richtig. Mit Rußspuren im Gesicht und
schmerzenden Hintern und Knien müssen wir uns auch noch 2 Stunden
durch Einbahnstraßengewirr voller parkplatzsuchender Automassen
kämpfen. Wahrscheinlich kennen wir schon den größten Teil
der Altstadt, bis wir endlich ein geeignetes Hostal gefunden haben. Es
ist entweder alles ausgebucht, kein sicherer Platz für die Honda
da oder die alten Holztüren sind schmaler als unser Motorrad, so
dass wir es nicht mit hineinnehmen können. Schließlich werden
wir - völlig am Ende unserer Kräfte - doch noch fündig.
Jetzt ist erst einmal ausschlafen angesagt. Wir sind fix und fertig.
24.-25. Oktober 2003,
Oaxaca
26.782 km, N 17-03-54 / W 96-43-16
Es dauert heute etwas länger
mit dem Aufstehen. Vor allem Hanka hat Nachholebedarf, sie hat die letzten
Nächte immer schlecht geschlafen und San Cristóbal de las
Casas hat tatsächlich einen schönen Schnupfen bei ihr hinterlassen.
Den Tag verbringen wir dann in der Stadt, wo wir durch die quirligen Straßen
bummeln und einfach das Leben hier auf uns wirken lassen. Mitags probieren
wir in einer Garküche in der Markthalle Tamales - in Bananenblätter
gewickelte, mit Fleisch gefüllte Maispasteten. Während des Essens
kommen immer wieder Indígena-Frauen vorbei, die irgendetwas verkaufen
wollen. Es fängt schon an, ein bißchen lästig zu werden,
denn schließlich sind wir beim Essen und die Verkäuferinnen
lassen sich auch nicht so leicht abschütteln. Die Krönung aber
ist eine runzelige Alte, die Hanka eine Schüssel voller gerösteter
Heuschrecken direkt unter die Nase hält. Hanka vergeht dabei gleich
der Appetit und Erik verschluckt sich fast vor Lachen.
Anschließend erkunden wir noch ein bisschen das Marktviertel, lauschen
dabei einer witzigen Blaskapelle, kaufen in einem malerischen Körnerladen
ungeröstete Erdnüsse und leckere Rosinen. Im Schnapsladen nebenan
erstehen wir eine kleine Flasche Mezcal mit echtem Agaven-Wurm drin, die
wir mit Mama-Wien und Karli verkosten wollen. Sogar einen Bäcker
finden wir, der duftendes Vollkornbrot verkauft, womit wieder einmal für
etwas Abwechslung im Speiseplan gesorgt wäre.
Dann hören wir eine Menge Polizeisirenen und röhrende, aufgemotzte
Motoren. An einer menschengesäumten Straße erleben wir die
Ankunft der ersten Etappe der "Carrera Panamericana" - eine
Oldtimer-Ralley, die heute in Tuxtla Gutiérrez gestartet ist. Vor
zwei Tagen hatten wir an einer Tankstelle zwei blonde, durchgeknallte
Berlinerinnen in einem roten Porsche getroffen, die uns von dem Ereignis
erzählten. Ob die beiden wohl ins Ziel gekommen sind?
Am nächsten Tag müssen wir unbedingt einige Sachen im Internet
erledigen. Für einen Außenstehenden ist es wahrscheinlich schwer
vorstellbar, wieviel Mühe es macht, von unterwegs - ohne eigenen
Computer - eine Website zu pflegen. Wir haben ja zum Glück Gunnar,
der uns die meiste Arbeit abnimmt. Aber wir wollen unseren ehrenamtlichen
Webmaster auch nicht überstrapazieren und so versuchen wir, soviel
wie möglich selbst zu gestalten bzw. zu aktualisieren. Das Hauptproblem
dabei ist, dass man immer wieder in anderen Internetcafés sitzt,
die immer wieder neue Überraschungen bereithalten. Mittlerweile sind
wir wenigstens soweit zu wissen, welche Kriterien ein PC erfüllen
muss, um unsere Website damit bearbeiten zu können:
Microsoft Frontpage o.a. Programm zur Bearbeitung von Websites muss installiert
sein. Die Dateiverwaltung muss zugänglich sein, d.h. das System darf
nicht auf einige wenige Anwendungen beschränkt sein. Der Download
von Dateien aus dem Internet darf nicht gesperrt sein. Die Installation
von Programmen darf nicht gesperrt sein, so dass wir einen FTP-Client
für den Datentransfer zu unserem Server installieren können.Die
Verbindung sollte einigermaßen schnell sein, um unsere Dateien in
absehbarer Zeit herunter- und wieder hochzuladen. Falls wir Fotos oder
Grafiken bearbeiten wollen, müssen weitere entsprechende Programme
installiert sein. Falls wir Fotos von der Kamera sichern wollen, muss
der PC mit einer neueren Windows-Version laufen, damit der Speicherkartenleser
vom System erkannt wird. USB-Anschluss und CD-Brenner müssen natürlich
auch vorhanden sein.
Abgesehen davon sollte das Internetcafé auch noch vernünftige
Preise (0,50 bis 1 US$ je Stunde in Mexiko) und Öffnungszeiten haben.
Kein Wunder also, dass wir schon viel Zeit im Internet, aber fast noch
mehr Zeit mit der Suche nach dem richtigen Internetcafé verbringen...
Eine der Computerpausen füllten wir damit aus, einen schönen
botanischen Garten zu besuchen. Hier muss ein Kakteenliebhaber und Gartenarchitekt
am Werk gewesen sein. Hanka war völlig begeistert von der schönen
Anlage, die historisches Ambiente, moderne Gestaltung und bizarre Botanik
kunstvoll miteinander vereint.
Das Highlight des Tages waren allerdings lange Telefonate mit unseren
Eltern. Wir hatten uns schon ewig nicht mehr gehört! Balsam für
die Seele!
26. Oktober 2003, Oaxaca
– Atlixco
27.167 km, N 18-53-86 / W 98-26-28
Für die Weiterfahrt Richtung
Mexiko-City haben wir wieder einmal die Wahl zwischen einer Maut-Schnellstraße
und der kostenlosen Landstraße. Die Entscheidung fällt nicht
schwer, zumal die Carretera 190 landschaftlich viel schöner verläuft.
Oaxaca ist von Bergen umgeben und die Straße schlängelt sich
anfangs malerisch von einem Dorf zum nächsten. Wir verfolgen eine
Weile einen roten VW Käfer und schießen während der Fahrt
ein paar Fotos von ihm. Irgendwie sind wir vernarrt in die putzigen Dinger
- vor allem wenn sie so schön rot glänzend durch eine idyllische
Landschaft wie diese fahren. Der VW Käfer bestimmt wie kein anderes
Auto das Straßenbild in Mexiko, wo er bis vor kurzem noch gebaut
wurde. Er ist so eine Art Trabbi für die Mexikaner...
Eine andere Eigenart des mexikanischen Straßenbildes sind die bisweilen
auf langen Strecken nichtvorhandenen Tankstellen. Eigentlich hat man in
fast jeder Ortschaft eine, meist mehrere davon und es liegen selten mehr
als 30 km dazwischen. Was dazu verleitet, recht spät zu tanken, und
das kann mitunter zum Verhängnis werden. Plötzlich und ohne
Vorwarnung gibt es dann nämlich keine Tankmöglichkeiten mehr,
manchmal für weit über 100 km. So auch auf der Carretera 190
zwischen Oaxaca und dem kleinen Nest Nochixtlán.
In solchen Situationen beginnt man dann zu rechnen: Die Transalp verbraucht
im Idealfall 6 Liter Sprit pro 100 km. Mit dem 24-Liter-Tank der Honda
Africa Twin schafft man also bestenfalls 400 km. Natürlich gibt es
viele Möglichkeiten den Benzinverbrauch in die Höhe zu treiben:
Stadtverkehr, "sportliche" Fahrweise, ein verdreckter Luftfilter,
dünne Gebirgsluft usw. Sieben Liter pro 100 km sind da ohne weiteres
drin, womit sich die Reichweite auf 340 km beschränkt.
Normalerweise tanken wir, sobald die gelbe Kontrolleuchte im Cockpit anfängt
zu leuchten. Dann sind noch etwa 8 Liter Benzin vorhanden. Diesmal leuchtete
es schon seit geraumer Zeit und es kam und kam kein Gasolinera-Zeichen
in Sicht. Erik konnte die schöne kurvenreiche Bergstrecke gar nicht
mehr so richtig geniesen. Da leuchtete auch schon die rote Lampe auf:
nur noch 4 Liter Sprit! Wir fuhren erst 80, dann 60 km/h um Benzin zu
sparen. Eine Steigung, eine Kurve, ein Gefälle, eine Kurve, eine
Steigung usw. Jetzt fuhren wir schon 60 km seit die rote Lampe leuchtete.
Gleich würden wir stehenbleiben, kein Zweifel! Mal sehen, ob die
Mexikaner auch so hilfsbereit sein würden wie die Chilenen, wo wir
zuletzt ohne Benzin liegengeblieben sind. Wir wanden schon wieder die
alte Taktik von Putre an und stellten auf abschüssiger Straße
den Motor ab, liesen uns rollen...
Doch dann kam nach einer Bergkuppe der Ort Nochixtlán in Sicht
und wir waren gerettet. Wie ein Verdurstender steuerte Erik die große
Pemex-Station an. "Magna - lleno, por favor!". Wir staunten
nicht schlecht, als die Zapfsäule erst bei 25 Liter aufhörte
zu zählen. War der Tank von Honda nicht mit 24 Liter angegeben? -
Das Transalp-Forum im Internet hatte uns gerettet: Hier hatte Erik den
Trick gefunden, die Entlüftungsöffnung im Tankeinfüllstutzen
aufzubohren, so dass noch ein Liter zusätzlich hineinpasst... Das
war knapp!
27. Oktober 2003, Atlixco
- Mexico-City
27.330 km, N 19-25-06 / W 99-10-01
Eigentlich wollten wir heute
dem Tipp von "Laster-Markus" folgend die schöne Passstraße
zwischen den beiden Vulkanen Iztaccihuatl und Popocatépetl nehmen
(glaubt ja nicht, dass wir die Namen aussprechen können) und auf
diesem Weg nach Mexico-City hineinzufahren. Doch als wir morgens in Atlixco
starten, nieselt es und die Berge hängen in schweren Regenwolken.
Außerdem fühlt sich Hanka noch immer erkältet, so dass
wir lieber auf die Bergtour verzichten und weiter auf der Carretera 190
über Puebla fahren. Hier befinden sich übrigens die mexikanischen
Volkswagen-Werke, wo bis zu diesem Sommer noch der gute alte VW Käfer
vom Band rollte. Das Ende einer Legende, möchte man meinen, doch
auf den Straßen Mexikos wird der Käfer sicher noch einige Jahrzehnte
zum Bild gehören. Heute wird in Puebla der VW New Beetle gebaut -
hier und nirgendwo sonst auf der Welt (Also alle Beetles, die in Deutschland
durch die Lande rollen, sind aus Mexiko!).
Die 190 ist führt auch heute wieder durch einige schöne Gegenden.
Es geht hoch hinauf in die Berge, so dass wir schon wieder zittern und
die Honda schnauft. Nur die Ortschaften sind lästig, vor allem wegen
der Topes. Einige der häßlichen Betonbuckel sind so hoch, dass
wir trotz Schrittgeschwindigkeit mit dem Hauptständer darauf aufsetzen
und bestimmt schon alles da unten verbogen haben. Dafür erhaschen
wir noch einen schönen Blick auf den Volcán Iztaccihuatl,
als die Wolkendecke endlich aufreist.
Schließlich stehen wir am Rande des riesigen Talkessels in welchem
die 25-Millionen-Metropole Mexico-City liegt. Noch einmal tief durchatmen
und - hinein! Wir machen uns verkehrsmäßig auf das Schlimmste
gefasst. Die erste Überraschung lässt auch nicht lange auf sich
warten. Noch vor der Stadtgrenze wirft ein entgegenkommender Lkw-Fahrer
einem herrenlosen Hund etwas zum Fressen zu. Der Leckerbissen landet vor
uns auf der Fahrbahn und der ausgehungerte Straßenköter springt
uns genau vor die Räder. Vollbremsung, Hupkonzert, Fluchen auf den
Lkw-Fahrer. Das fängt ja gut an.
Mexico-City entwickelt sich so langsam über kilometerlange Vororte
und immer dichter werdenden Verkehr. Einmal werden wir fast von einem
Sammeltaxi gerammt, ansonsten kommen wir ganz gut voran. Fast auf Anhieb
finden wir den Zócalo, wie der zentrale Platz aller mexikanischen
Städte heißt. Dieser ist angeblich der zweitgrößte
Stadtplatz der Welt, nach dem Roten Platz in Moskau. Wir schwimmen zwischen
unzähligen grün-weisen Käfertaxis im Verkehr mit. Gleich
hinter der großen Kathedrale befindet sich das Hostal, in dem Betti
und Gunnar abgestiegen waren und ein Paket für uns hinterlegt haben.
Leider kommt die Herberge mangels Platz für's Motorrad für uns
nicht in Frage. Um nicht Ewigkeiten in der Stadt herumzusuchen, haben
wir diesmal extra ein paar Hostals wegen Parkplätzen angeschrieben
und sicherheitshalber schon mal reserviert. Leider geraten wir auf der
Fahrt dorthin versehentlich in einen ausgedehnten Straßenmarkt.
Das Viertel ist zu diesem Anlass nicht etwa gesperrt und daher völlig
verstopft mit Fahrzeugen, Händlern, Lieferanten und dem restlichen
Verkehr. Jede ist völlig entnervt - Autofahrer wie Fußgänger.
Wer in diesem Wirrwarr etwas kaufen soll, bleibt uns ein Rätsel.
Das Hostal entpuppt sich als ein echter Glücksgriff. Ein schönes,
relativ ruhiges Viertel, liebevoll gestaltet, sehr nettes Personal und
erstaunlich wenig Gäste für ein Hauptstadtquartier. Wir fühlen
uns auf Anhieb wohl (Für die, die's ausprobieren wollen: Hostel Home,
Tabasco 303 - gleich um die Ecke ist ein Supermarkt mit den leckersten
Donuts aller Zeiten!). Die Honda können wir im Erdgeschoss mitten
in die Maßschneiderei einquartieren, was uns recht sein soll.
Ach ja, und dann hatten wir noch ein Paket auszupacken: u.a. endlich Leder-Imprägnier-Pflege
für unsere mittlerweile morsch aussehenden Stiefel und ein automatisches
Schmiersystem für die Kette, das uns der Hersteller CLS freundlicherweise
für die Hälfte überlassen hat. Sibylle und Marco hatten
uns das System in Cusco empfohlen und geschwört, dass ein Kettensatz
damit mindestens 3mal so lange hält. Das ist genau das, was wir brauchen.
Ein Wunder, dass Betti und Gunni die Teile durch die Sicherheitskontrollen
bekommen haben - das Ganze sieht wirklich aus wie ein Bomben-Bausatz!
28.-30. Oktober 2003,
Mexico-City
27.330 km, N 19-25-06 / W 99-10-01
Die Tage in der gigantischen
25-Millionen-Metropole schlauchten ganz schön. Es gibt auf jeden
Fall viiiiiel zu sehen in Mexico City und die Stadt ist viel grüner
und unchaotischer, als wir anfangs dachten.
Einen halben Tag verbrachten wir allein im weltberühmten Anthropologischen
Museum. Hier findet man alles über die Hochkulturen der Tolteken,
Azteken bis hin zu den Mayas. Ein Riesensammelsorium an bedeutenden Ausgrabungen
und geschichtlichen Modellen. Besonders gut hat uns auch das Museo de
Arte Moderno (Museum der Modernen Künste) gefallen mit schönen
Werken mexikanischer Künstler wie Diego Rivera, dessen gewaltige
Wandmalereien wir später im Nationalpalast (dem Sitz des mexikanischen
Präsidenten) bestaunten. Außerdem pilgerten wir in einem endlos
langen Fußmarsch zum Technischen Museum - nicht etwa, weil Hanka
besonders technisch versiert ist, sondern weil es neben den ganzen optischen
und mechanischen Spielereien ein kostenloses Internet-Kabinett gibt. Jedenfalls
ein ziemliches Programm, wo wir doch keine besonders guten Museumsgänger
sind!
Dann stand da noch ein Termin mit dem deutschsprachigen Monatsmagazin
MITT an. Wir hatten die Redaktion spontan von unterwegs angeschrieben
und wollten mal sehen, ob die an zwei Weltenbummlern wie uns interessiert
waren. Waren sie auch. Wir bekamen einen Termin am Abend und Margarita
holte uns sogar vom Hostal ab, weil wir uns ohne Stadtplan in den Außenbezirken
ziemlich verloren fühlten. Der Termin war auch ein guter Anlass,
um Hankas Haare enlich mal wieder nachzutönen. Erik musste mal wieder
ran und mittlerweile hat er ganz gut Übung bekommen. Leider schien
das Kastanienbraun für mexikanische Haare gemixt zu sein - uns traf
bald der Schlag, als Hankas Haare rabenschwarz wurden! Nach der Aktion
brauchte Hanka reichlich Trost - schwarz ist so gar nicht ihre Farbe ...
und dann stand auch noch der Presse-Termin an! Oh Gott!
Ohne Vorwarnung platzte Margarita mit uns in die Abschiedsveranstaltung
des Präsidenten der deutsch-mexikanischen Handelskammer im "Deutschen
Haus". Der Chefredakteur hatte nur wenig Zeit für uns und bestellte
uns deshalb kurzerhand zur Veranstaltung. Die gesamte deutsche High-Society
von Mexico City war zugegen - und inmitten der Botschafter, Diplomaten
und sonstigen hohen Tiere waren wir - in Motorradklamotten! Wir wurden
ziemlich angeklotzt und fühlten uns anfangs wie im falschen Film.
Wahrscheinlich erwarteten die Gäste von uns eine aufregende Stunt-Show
oder ein Bikerprogramm. So wie wir unter den Schlips- und Kostümchenträgern
mit unserer Kluft auffielen, mussten wir einfach zum Abendprogramm gehören!
Stattdessen waren wir die Überraschten. (Fast) alle sprachen Deutsch
und die Szenerie kam uns so unwirklich vor: da draußen ist Mexico
City und hier drinnen begann man gerde, Nürnberger Bratwürstchen,
Schwarzbrot, Sauerkraut und Gulschsuppe aufzufahren. Dazu gab's für
die "Nicht-Biker" guten Moselwein serviert - sind wir wirklich
in Mexiko oder ist das alles ein Traum? Zur Krönung lernten wir in
diesen Kreisen einen begeisterten, ehemaligen "Hell's Angel"
kennen, der auch einige wilde Geschichten auf Lager hatte. Er träumt
schon davon, sich wieder eine alte Harley aufzubauen, wie er uns mit einem
gewissen Funkeln in den Augen gestand. Ob leidenschaftliche Motorradfahrer
jemals ohne Motorrad auskommen können?
Fortzsetzung
folgt!! |