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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Mexikos Westküste entlang

31. Oktober 2003, Mexico-City – Acapulco
27.827 km, N 16-51-11 / W 99-54-58

Wir wühlen uns erneut durch das Gewimmel grüner Käfertaxis in Mexico City - heute zum letzten Mal. In Acapulco sollen die Käfertaxis blau aussehen, verrät zumindest der Reiseführer. Wir sind echt gespannt auf die Stadt und noch mehr auf Mama-Wien und Karli. Erik ist schon ganz aufgeregt, weil er nur noch zwei Tage auf seine Mami warten muss.
Per Autobahn ist man in weniger als 4 Stunden in der Stadt der Klippenspringer, allerdings kostet der Spaß eine stattliche Summe (angeblich sollen es 80 Dollar sein). Wie gewohnt, nehmen wir den Umweg über Topes und Verkehrsampeln - die Ruta Libre. In Mexico kann man viel Geld sparen, wenn man auf schnelle Verbindungswege verzichtet und die Landstraßen entlangschleicht.
Kaum aus Mexico City heraus, nehmen wir erst so richtig die Smogglocke wahr, die über der Stadt hängt. Nicht mal vom Torre Latinamerica aus, auf dem wir gestern abend noch die Stadt im Sonnenuntergang von oben erlebten, bekam man auch nur annähernd eine Vorstellung vom Mexiko-Smog. 25 Millionen Menschen und wer weiß wieviele Fahrzeuge auf einem Haufen - das muss ja schließlich Auswirkungen haben! Auf den nachfolgenden Kilometern stadtauswärts wurde es zusehends ländlicher und ruhiger; eigentlich genau das, wonach man sich im Großstadtlärm immer sehnt. Irgendwo in einem kleinen Nest hält uns ein Schild auf: Deutsche Bäckerei. 'Welcher Deutsche lässt sich in so einem Kaff mit einer Backstube nieder?' war unser erster Gedanke. Tatsächlich schien auch lediglich nur noch dieses Schild zu existieren, denn wir konnten an dem Backwarensortiment nichts Deutsches feststellen. Schade, wir hatten uns schon auf Schwarz- oder Sauerteigbrot gefreut.
Stattdessen trösten wir uns mit einer "coco frio" - eisgekühlte Kokosnuss. Der kleine Straßenstand witterte wohl Touristengeschäft und wir wurden in ein nettes Gespräch mit dem Besitzer verwickelt. Wir müssen ihm schließlich die englische und deutsche Übersetzung für "cocos frios" auf einen Zettel schreiben, damit er demnächst eine Angebotstafel malen kann. Witzig, oder?
Als nächstes fesselte das Örtchen Taxco unsere Augen. Inmitten von grünen Hügeln verstreut sich eine denkmalgeschützte Barockstadt, die ihresgleichen sucht. Wir sind völlig überrascht und angetan von den engen, alten Gassen, den reich verzierten Fassaden und der tollen Aussicht. Leider reicht die Zeit nicht für einen Besichtigungsstopp. Es ist schon später Nachmittag und bis Acapulco haben wir noch etliche Meilen vor uns.
Im Vergleich zur angenehm kühlen Frische im 2.240 m hoch gelegenen Mexico City kommt es uns mit jeder Stunde, die wir dem Pazifik näherrücken, wärmer vor. Selbst bei einbrechender Dunkelheit empfängt uns Acapulco mit einer angenehm warmen Brise. Die Straßen werden plötzlich wieder mehrspurig und vor uns breitet sich ein riesiges Lichtermeer aus. Wie wir kurz darauf feststellen, ist dies noch gar nicht das richtige Acapulco. Der dichte Verkehr schlängelt sich noch einen Berg hinauf und dann liegt sie vor uns: die Urlaubsmetropole am Meer. Ein Gänsehautschauer jagt uns über den Rücken. Für Erik heißt es jedoch noch mal höchste Konzentration. Neonfarben beleuchteten Busse mit dröhnend lauter Musik, wild gewordene Taxis und Autos jagen kreuz und quer von einer Spur in die andere und nehmen wenig Rücksicht auf zwei müde Motorradtouristen. Entlang der Bucht von Acapulco tobt der Bär. Es ist Halloween und an jeder Kreuzung werden wir von Gespensterkindern umringt, die mit einem Eimerchen bewaffnet ihre Halloweenspäße ausleben wollen. Wir dagegen müssen uns erstmal orientieren und eine bezahlbare Unterkunft finden. Letzteres wird problematisch und wir schlucken ziemlich angesichts der überteuerten Preise für echt heruntergekommene Zimmer. Selbst die Übernachtungspreise in der Jugendherberge sind jenseits von gut und böse und dabei gibt's noch nicht mal eine Unterstellmöglichkeit für die Honda. Letztendlich landen wir am Zócalo, wo wir endlich unterkommen. Hanka landet sofort im Bett, aber Erik gönnt sich noch an der nächsten Bude einen Stapel Tacos, bevor auch ihm die Augen zufallen. 497 km heute!!!

 

1. November 2003, Acapulco
27.996 km, N 16-51-11 / W 99-54-58

Für den heutigen Tag haben wir nur ein Ziel: eine schöne Urlaubsherberge für Eriks Mama, Karl-Heinz und uns zu finden. Dass es nicht ganz einfach werden dürfte, hat uns ja bereits der gestrige Abend vor Augen geführt. Am liebsten wäre uns ein schönes Ferienhaus - Karli will unbedingt auch einen Sonnenschirm - aber selbst seine Bemühungen in puncto Ferienhaustausch Österreich - Acapulco haben nichts ergeben. Normalerweise fahren die beiden nie ohne gebuchte Unterkunft in den Urlaub und sicherlich haben sie schon Schmetterlinge im Bauch, ob denn alles so klappt. Also werden die Kinder ihr bestes geben, um sie nicht zu enttäuschen.
Zunächst fahren wir zu Guy, mit dem wir zur Häuserbesichtigung verabredet sind. Karli hat den Typen per E-Mail kontaktiert und schon einige Angebote erhalten. Nach Ewigkeiten finden wir die Adresse, aber Guy weiß weder, wo die Häuser sind, noch hat er die Schlüssel. Irgendwie erklärt er uns, dass wohl nur sein Freund Hausvermietungen macht, er ihn aber nicht erreichen kann. Komisch kommt uns das Ganze schon vor, aber wir geben ihm noch eine Chance. Vielleicht liegt ja wirklich alles an seinem Freund (wohlgemerkt ist Guy kein Mexikaner sondern stammt aus Kanada). Wir verbleiben erstmal so, dass wir ihn um 16 Uhr noch mal anrufen.
In der Zwischenzeit wollen wir schon mal nach Alternativ-Angeboten Ausschau halten. Weil die Touristeninfo gleich um die Ecke ist, glauben wir, unsere Suche auf die effektivste Weise zu starten. Fehlanzeige! Während Hanka eine dreiviertel Stunde mit der Honda in der Sonne brutzelte, kochte Erik drinnen vor Wut bald über. Der Typ von der Touristeninfo machte keinerlei Anstalten, ein paar konkrete Angebote auf den Tisch zu legen. Erstens waren alle Prospekte nur einmal vorhanden - es reichte noch nicht mal für einen Stadtplan, den man normalerweise in jedem Dorf bekommt. Darüber hinaus musste ihm Erik jedes Wort aus der Nase ziehen. Der Fettsack saß wie ein Pascha auf seinen Prospekten und kritzelte nur mit Mühe ein paar Telefonnummern auf einen Zettel - keine Adressen, noch Ansprechpartner oder Lagebeschreibungen. Preise wusste er schon gar nicht und bevor er Erik zum Verzweifeln brachte, beschlossen wir lieber, auf eigene Faust zu suchen. Immerhin hatten wir ja noch einen Reiseführer und einen Tipp von Margarita in der Tasche.
Eine Stunde später stehen wir in der "Quinta Erika" und bestaunen den liebevollen Garten der deutschen Auswanderer. Mama-Wien und Karli würden sich sicherlich hier wohlfühlen, aber die Ferienanlage liegt mitten im Nirvana und ist preislich nicht gerade ein Schnäppchen. Wir sollten kurz darauf im wahren Nirvana landen.
Auf dem Rückweg nach Acapulco klappern wir noch Pie de la Cuesta ab und finden schließlich das, was wir uns vorgestellt hatten. Die "Villa Nirvana" liegt herrlich am Meer und das Appartement scheint uns ein Traum. Schon beim Anschauen haben wir viel Spaß mit Daniel, dem das Nirvana gehört (Amerikaner). Falls Guy uns mit seinen Ferienhäusern hängenlässt, muss wenigstens unser lang ersehnter Besuch nicht am Strand schlafen.
Punkt 16 Uhr rufen wir Guy an. Es ist nur seine Frau dran und die hat keine Ahnung von unserem Anliegen und weiß auch nicht, wo ihr Mann steckt. So probieren wir es vergebens bis zum Abend und werden schon langsam stinkig, weil wir eigentlich gern bei Tageslicht entscheiden wollten, wer die Urlaubsmiete kassiert. Es kam, wie es kommen musste - trotz "Nicht-Mexikaner-Bonus" hatte Guy gar nichts auf die Reihe gekriegt. Nun wollte er angeblich morgen ein Haus für uns parat haben, aber wir können Mama-Wien und Karli nicht antun, nach einer Ewigkeit von 26 Stunden im Flugzeug noch Ferienhäuser anzuschauen. Am Ende haut es wieder nicht hin mit Guy. Bringen wir unsere Lieben morgen besser ins "Nirvana".

 

2. November 2003, Acapulco - Pie de la Cuesta
28.010 km, N 16-53-95 / W 99-57-98

Wir stehen zeitig auf - selbst mit Gewalt hätte Hanka Erik nicht länger im Bett halten können. Er ist so aufgeregt, wie es Hanka schon lange nicht erlebt hat. Mama kommt um 10.50 Uh an!
Wir überlegen hin und her, wie wir vermeiden können, unsere Motorradklamotten am Flughafen zu tragen. Irgendwie klappt es auch, die Jacken und Stiefel ans Motorrad zu binden, so dass Erik noch fahren kann. Die Honda lassen wir so beladen jedoch lieber in unserem Hotel stehen und fahren mit dem Chicken-Bus zum Airport. Zur ersten Haltestelle müssen wir ziemlich weit laufen. Erik rennt wie ein Wahnsinniger und Hanka kann kaum Schritt halten, so aufgehirscht ist er. Danach schleichen wir mit dem ersten Bus stadtauswärts. Der Busfahrer braucht Ewigkeiten, um erst die richtige CD einzulegen und dann endlich weiterzufahren. Außerdem bewegt er das dröhnend klapprige Gefährt ungefähr im Schneckentempo - immer auf der Suche nach potentiellen Fahrgästen entlang der Straße. Irgendwann schmeisst uns der Busfahrer raus und meint, hier müssten wir umsteigen. Wir stehen mitten auf einer Kreuzung und können nicht so recht glauben, dass die winzige Verkehrsinsel als Bushaltestelle fungieren soll. Wenn Motorradfahrer schon mal Bus fahren... Tatsächlich hält auch der übernächste Bus und bringt uns zum Flughafen. Mama, wir kommen!
Natürlich sind wir viel zu früh dort, aber Erik verhandelt schon mal die Taxipreise für die Fahrt nach Pie de la Cuesta. Zudem musste er dem Typen noch begreiflich machen, dass ein Fahrgast am Zócalo aussteigt, was einen kleinen Umweg bedeutet. Es ist nicht so einfach mit den Mexikanern.
Dann sehen wir Karli in der Gepäckhalle herumrennen - "Oh bitte lass die Koffer angekommen sein", geht es uns durch den Kopf. Es klappt zum Glück alles und kurze Zeit später sieht er uns auch. Danach gibt es erstmal ein riesiges Hallo - ein Wiedersehen, auf das wir uns schon lange gefreut hatten.
Schon im Taxi gibt es jede Menge zu erzählen. Unsere beiden Besucher scheinen gar nicht müde zu sein. Bevor wir uns versehen, sind wir schon am Zócalo und Erik steigt auf die bepackte Honda um. Plötzlich fährt das Taxi an die nächste Tankstelle und will schon mal 100 Pesus von uns für Benzin kassieren (250 Pesus Gesamtpreis sind ausgehandelt). Uns kommt die Aktion schon recht eigenartig vor und Hanka wettet, dass es am Ende Diskussionen um den Fahrpreis geben wird. Wir kennen doch die Mexikaner - und wie nicht anders herwartet - gab es Theater. Als der Typ uns vor'm "Nirvana" ablieferte, war er natürlich mit den restlichen 150 Pesos nicht mehr einverstanden, sondern wollte inzwischen 300. "Tja, das ist Pech", sagte sich Hanka, "verhandelt ist verhandelt und so gut ist unser Spanisch mittlerweile, dass die Nummer mit Missverständnis und dergleichen nicht zieht". Mama-Wien zückte als brave Touristin schon mal die große Geldtasche, aber Hanka bestand hartnäckig darauf, ihn einfach schimpfend stehen zu lassen. Sorry, wir sehen zwar aus wie "Gringos", sind aber nicht blöd. Anscheinend hat Mama-Wien Hankas Konsequenz beindruckt, aber wie wir bald feststellten, hat sich keiner von uns so wirklich verändert.
Am Nachmittag vollbrachten wir das Wunder, einen prall gefüllten Einkaufswagen voller Lebensmittel in den beiden Alukoffern am Motorrad zu verstauen. Dazu schwankte noch ein 10 Liter Wasserkanister auf dem Gepäckträger. Uns war selbst völlig schleierhaft, wieviel man doch auf dem Motorrad fortbringen kann... Jedenfalls fühlten wir uns wie im Schlaraffenland: Appartement am Meer, unsere Lieben um uns und einen prallen Kühlschrank voller leckerer Sachen. Jetzt ist Urlaub angesagt!



3.-13. November 2003, Acapulco - Pie de la Cuesta

28.010 km, N 16-53-95 / W 99-57-98

Eigentlich wollten wir nur eine Woche in Pie de la Cuesta bleiben. Dennoch verging die Zeit wie im Fluge und wir hatten so lustige Stunden zu viert, dass wir unsere Abreise jeden Tag hinausschoben. Das fiel uns auch gar nicht schwer, weil wir ja jeden Tag verwöhnt wurden: Wellenspringen am Meer, gemeinsame Strandspaziergänge, Ausschau nach Delfinen halten, neue Bücher in der Hängematte anlesen, ausgiebige Terassenfrühstücke, nachmittägliche Smothies und abendliche Früchtecocktails. Wir genossen vor allem das Meer. Pie de la Cuesta ist berühmt für die starke Brandung, bei der auch nachts die Wände wackeln. Noch nie haben wir derart starke Wellen erlebt! Selbst Erik musste mutig sein, um durch die hohen Wasserkronen durchzutauchen. Die Strömung ist dermaßen stark, dass es jeden von uns mindestens einmal umgehauen und kopfüber durch Sand und Wellen gebeutelt hat. Schon am ersten Tag musste Erik seine Mama aus dem Wasser fischen und uns zog es noch so einige Male den Sand unter den Füßen weg.
Trotz der Urlaubsstimmung waren wir zwei auch ziemlich beschäftigt: Erik bastelte einige Tage an der Honda: u.a. wurde das Ketten-Schmiersystem endlich installiert. Hanka nahm dafür tagelang Mamas Laptop in Beschlag, denn seit dem Missgeschick mit der Welle in Peru mussten wir unsere Tagebuchkapitel per Papier aufzeichnen und bei Gelegenheit abtippen. (Schließlich wollen wir unsere Stammleser nicht enttäuschen, denn die haben uns schon oft genug zum Weiterschreiben motiviert.)
Über's Wochende mieteten wir uns auch ein Auto, so dass wir zu viert Acapulco unsicher machen konnten. Natürlich mussten wir auch zu den weltberühmten Klippenspringern am La Quebrada fahren, die sich abends waghalsig sogar mit Fackeln 42 m tief ins Meer stürzen. Die ganze Meute Schaulustiger hielt gefesselt den Atem an und nicht nur uns fuhr ein Schauer über den Rücken. Wir waren so fasziniert, dass wir uns tags darauf die Vorstellung noch einmal bei Tageslicht anschauten. Es sahen zwar nicht alle Felsenspringer so gut gebaut aus wie in der Cliff-Werbung, aber sie sprangen mindestens genauso elegant.
Raffinierterweise gab es gleich neben der beliebten Touristenattraktion einen riesigen Schmuckladen, dem wir Frauen nicht widerstehen konnten. Noch im Geschäft feierten wir gleich Weihnachten und Geburtstag zusammen, ohne dass den Männern ein Veto-Recht eingeräumt wurde. So ist das manchmal mit den Frauen - und Hanka genoss natürlich die weibliche Verstärkung.
Trotz der schönen Tage mit Mama-Wien und Karli, wussten wir, dass dem Urlaub anstrengende vier Wochen folgen würden. Am 16. Dezember müssen wir in Amerika sein, das Motorrad bereits auf den Weg nach Neuseeland geschickt und mit neuen Reifen ausgestattet haben und - da war doch noch was - oh Gott, das Carnet de Passage! Bisher waren wir glücklich und informiert genug, dass wir das teure Zolldokument (welches vom ADAC nur gegen Kaution oder Bankbürgschaft ausgestellt wird) für die Honda nicht brauchten. Die Unterlagen hierfür lagen daheim bei Hankas Papi, den wir ausgerechnet an seinem Geburtstag mit dem lästigen Organisationskram behelligen mussten, der Arme. Irgendwie können wir uns gar nicht vorstellen, wie wir die nächsten Wochen bewältigen sollen! Ein kleiner Anflug von Neid kommt auf, weil unser Besuch einfach zurück nach Hause ins geregelte Leben fahren kann. Ob die beiden das allerdings genauso sehen, ist fraglich. Welcher Urlauber kann solche Gefühle auch nachvollziehen?

 

14. November 2003, Pie de la Cuesta – Zihuatanejo
28.249 km, N 17-38-32 / W 101-33-56

Dann kam der Tag des Abschieds. Wir wurden zwar dank einer Reisetasche voller aussortierter Sachen um einige Kilo Gepäck leichter (hoffen wir mal, dass wir Mützen, Handschuhe und dergleichen nicht vermissen werden), fühlten uns aber keinesfalls erleichtert. Ein Stein lag uns im Magen, der mit jeder Stunde schwerer zu werden schien.
Wir fuhren noch einige Kilometer zusammen und winkten einander. Aber irgendwann musste der Chaffeur zum Flughafen abbiegen, während wir weiter gen Norden fuhren. Es war echt zum Heulen! Was den Rest der Strecke betrifft: keine Ahnung. Wir fuhren nur so dahin und hingen unseren Gedanken hinterher bis wir abends in Zihuatanejo eintrafen. Die obligatorische Hostalsuche kam uns wie eine Qual vor. Es dauerte ewig, bis wir eine günstige Bleibe gefunden hatten. Wenn Mama-Wien wüsste, in was für Betten wir manchmal schlafen... Ehrlich gesagt fragten wir
uns selbst, wozu eigentlich das Ganze?

 

15. November 2003, Zihuatanejo – Armeria
28.661 km, N 18-56-08 / W 103-58-31

Wir vermissen das ausgiebige Frühstück der vergangenen Tage. Unsere herkömmlichen Haferflocken schmecken nicht so recht und Erik jammert, weil es keinen Kaffee gibt. Zugegebenermaßen haben wir uns während der letzten zwei Wochen kein bisschen nach dem "Globetrotter-Frühstück" zurückgesehnt. Wahrscheinlich ist unser Bedarf an Haferflocken bereits für die nächsten 10 Jahre gedeckt! Wenigstens behielten wir das morgentliche Schwimmen bei, was wir uns angewöhnt haben. Der Pazifik in der Bucht von Zihuatanejo erinnert zwar mehr an einen Talsperrensee, aber die Erfrischung tat uns ausgesprochen gut. Danach ging's ans Packen und ab auf die Piste.
Die Strecke wurde für mexikanische Verhältnisse ziemlich einsam. Da sich die Straße hauptsächlich an der Küste entlangschlängelt, offenbarten sich hin und wieder traumhafte Ausblicke auf menschenleere Strände entlang der felsig-zerklüfteten Küste. Echt verwunderlich, dass diese Strände sich selbst überlassen und nicht verbaut sind. Zum Schluss bangten wir wieder einmal darum, den Tank nicht leerzufahren. Das hätte uns gerade noch gefehlt: erst vor ein paar Tagen hat Erik den Benzinkanister endgültig als Kettenöl-Aufbewahrungsbehälter umfuntioniert, weil in den letzten Monaten die Tankstellen quasi immer vorhanden waren und wir ständig 2 Liter Notfallbenzin spazierengefuhren. Wir hatten dennoch Glück und bekamen gerade noch rechtzeitig Kraftstoffnachschub.
Lediglich die Tageslichtreserven gingen uns heute aus und wir schafften nicht ganz unser geplantes Ziel Manzanillo. Es wurde gerade dunkel, als wir in einem Straßenhotel in Armeria abstiegen, 45 km vor Manzanillo. Müde und erschöpft reichte unsere Motivation zum Kochen lediglich für einen Abstecher in eine der zahlreichen Taco-Buden. Wir bereuten unsere Faulheit kein bisschen, denn die Tacos waren mit die besten, die wir je probiert haben! ("Super Taco", direkt am Ortseingang Armerias) Mama-Wien und Karli sind jetzt inzwischen in Madrid. Wir haben heute viel an die zwei denken müssen, weil wir beide noch vom Abschied gebeutelt sind...

 

16. November 2003, Armeria - Puerto Vallarta
28.985 km, N 20-36-31 / W 105-13-89

Trotz des neuen Anstrichs war unser Hostal eher eine schlechte Wahl. Wie sich zu später Stunde herausstellte, trifft sich hier nachts die Dorfjugend von Armeria und jolt und dröhnt, was das Zeug hält. In den restlichen Stunden sorgten die lauten Trucks dafür, uns wach zu halten. Wir fühlen uns ziemlich gerädert, als wir uns morgens auf die Honda schwingen. Zumindest ist ein Tag Ausspannen in Sicht, falls wir es heute noch bis Puerto Vallarta schaffen sollten.
Ansonsten sind wir beide im Moment nicht besonders motiviert, unsere Reise fortzusetzen. Es fällt uns sichtlich schwer, uns wieder an das spartanische "Motorrad-Nomadenleben" ohne Kühlschrank, Pool und warme Frühstücks-Nutella-Brötchen zu gewöhnen. Neben der Traurigkeit, dass wir Mama-Wien und Karli schon wieder verabschieden mussten, sind wir regelrecht ein bisschen neidisch auf die beiden. Diesmal ist es nicht nur Heimweh, das uns quält - diesmal ist es das erste große Gefühl von Reisemüdigkeit, das uns zu schaffen macht. Wie es wohl wäre, wieder "nach Hause" zurückzukehren? Wir haben keinen Schimmer, wohin es uns verschlagen wird, aber die Neugier auf das, was früher oder später kommen mag, wächst mit jedem Luftschloss, das wir uns gerade bauen. Nichtsdestotrotz spüren wir auch, dass die Zeit noch nicht gekommen ist. Keiner von uns zieht wirklich ernsthaft in Betracht, jetzt alles abzubrechen. Wir sind ja schließlich Optimisten und werden erst mal abwarten, was die nächsten Tage alles für uns bringen. Zurück können wir jederzeit noch...
Während jeder von uns so seinen Gedanken nachhängt und über das "Was wäre, wenn..." grübelt, spult unsere Honda brav die Kilometer runter. Wir nehmen nicht viel wahr von der Strecke, auch wenn hin und wieder der Pazifik malerisch gegen die steilen Felsen entlang der Küste schwappt und irgendwo dort draußen Delfine springen. Bevor wir uns versehen, sind wir fast in Puerto Vallarta angekommen.
Ein großes Schild am Straßenrand holt uns zurück nach Mexiko: "Tequila-Fabrik". Wollten wir nicht schon immer mal wissen, was es mit dem Agaven-Schnaps auf sich hat? Wir kriegen prompt eine Privatführung und erfahren alles Mögliche über das Nationalgetränk der Mexikaner. Zum Beispiel, dass der wahre Tequila zu 100% aus der blauen Agave gewonnen wird (industrielle Tequilas können bis auf 51% reinen Anteil an blauer Agave gestreckt werden). Immerhin dauert es ganze 8 Jahre, bis die blaue Agave "erntereif" ist. Lediglich der Strunk der Pflanze wird verarbeitet: gekocht und anschließend ausgepresst. Danach gärt der Saft 8 Tage in offenen Fässern und wird schließlich destilliert und für 3 Monate in Pinienholzfässern gelagert. Aus einer großen Agave erhält man ca. 5 Liter hochprozentigen Alkohol. Doch was uns am meisten erstaunte, ist die Feststellung, dass man den reinen Tequila auf keinen Fall mit Salz und Zitrone trinkt. Ähnlich wie die Tatsache, dass Sombrero-Hüte nur für Touristen getragen werden, die Einheimischen kein Chili-con-carne kennen, Gitarrenspieler nur in Filmen (oder Touristenrestaurants) vorkommen und wir nirgends dieses Bild von weißgetünchten Häusergassen wiederfanden, dass uns von Mexiko im Kopf herumschwirrte, ist auch das Tequila-Ritual nur ein Klischee. Wir ließen uns belehren, dass man mit Salz und Zitrone nur den schlechten Geschmack gestreckter Tequilas überdeckt - und tatsächlich, die Verkostung war echt überzeugend. Leider reichte unser Geldbeutel nicht für eine Flasche dieses edlen Stoffs, so dass wir weiter nach Puerto Vallarta zogen.
Der Ferienort ist genau nach amerikanischem Geschmack - ziemlich überlaufen, überteuerte All-you-can-eat-Restaurants und hat für unsere Begriffe nicht mehr viel mit Mexiko zu tun. Leider hat der Dollar auch die Hotelpreise ordentlich in die Höhe getrieben und es kostete uns erneut einiges an Geduld, um eine bezahlbare Unterkunft zu finden. Dennoch haben wir einen Tag Pause nötig, vor allem weil Erik schon seit Tagen Probleme mit seinen Kiefernhöhlen hat und das Breitband-Antibiotikum kaum Wirkung zeigt. Der Arme jammerte außerdem, weil er immer mit geschlossenem Visir fahren muss.

 

17. November 2003, Puerto Vallarta
28.985 km, N 20-36-31 / W 105-13-89

Während unsere T-Shirts heimlich zwischen der Hotelwäsche auf dem Dach flattern (Wäschewaschen ist mal wieder nicht erlaubt), sitzen wir am Strand und verquatschen die Zeit. Das Wasser ist eiskalt und trüb - kein Vergleich zu Pie de la Cuesta, wie wir einstimmig feststellen und gleich wieder auf unsere Handtücher flüchten. Sind wir schon so verwöhnt? Nun haben wir das Meer direkt vor der Nase und keine Lust reinzugehen! Dabei hatten wir uns eigentlich vorgenommen, zu den 300 m vorgelagerten Klippen zu schwimmen, wo man angeblich wunderbar schnorcheln kann. Selbst dazu können wir uns nicht aufraffen, obwohl wir nun endlich wieder in Besitz einer Schnorchelausrüstung sind. Hanka gelang es, Erik zu einem zweiten Set zu überreden, damit wir demnächst immer zusammen schnorcheln gehen können. Nie wieder will sie derartige Ängste ausstehen müssen, wie an unserem ersten Hochzeitstag in Costa Rica! Okay, weihen wir unsere nigelnagelneuen Taucherbrillen eben erst auf der Baja California ein. Wir freuen uns schon auf Mexikos längste Halbinsel, die zweifelsohne zu den Traumstrecken für Motorradfahrer zählt. Sieht doch ganz danach aus, als wäre unsere erste Krise an Reisemüdigkeit einigermaßen überstanden, oder?
Übrigens probierten wir die lokale Spezialität: gegrillte Fischstückchen am Spieß. Die Tacobude ist jedenfalls eine bessere Wahl als die trockenen, nach Räucherfisch schmeckenden Merlin-Stückchen. Heute also leider kein kulinarischer Tipp an dieser Stelle!
Den Rest des Tages verbringen wir im Internet-Café. Wir sind noch nicht viel weitergekommen, was die Motorradschiffung betrifft, also hauen wir erstmal in die Tasten in der Hoffnung, dass sich irgend was Gutes ergeben wird. Hanka erinnert sich mit Grauen an die erste Verschiffung. Der Organisationskram ist echt aufwändig und es dauert seine Zeit, bis man als Laie einigermaßen kapiert, wie sich die Preise zusammensetzen. Irgendwie werden wir es schon hinkriegen, auch wenn es alles im Moment noch so unerreichbar scheint. In vier Wochen sind wir in Fiji - die Zeit macht uns vor allem Angst.

 

18. November 2003, Puerto Vallarta – Mazatlán
29.454 km, N 23-12-42 / W 106-25-31

Eriks Kieferhöhlenentzündung scheint besser zu werden und wir beschließen, die Honda aus der Hotelhalle zu schieben und ihr die Sporen zu geben. Wenn wir gut sind, schaffen wir es bis Mazatlán - und wir waren gut.
In Las Varas nehmen wir eine Abkürzung entlang der Küste. Die kleine Straße nach San Blas überrascht uns mit schönen Stränden, einem verlockenden Campingplatz, lauter Grillöfen für Fisch und Schildern mit "Pan de Platana" - Bananenbrot. Das müssen wir einfach probieren und dazu einen ganzen Haufen frisch geraspelter Kokosmakronen. Die Kokospalmen wachsen hier wie Unkraut und wir trauen unseren Augen nicht, als wir bobachten, wie die Mexikaner selbst Kokosfrucht mit "Salsa" (scharfe Chili-Sauce) verspeisen. Verrückt, die Mexikaner!
Wieder auf der Hautstraße legen wir die nächste Vollbremsung hin. Direkt am Straßenrand wird lauter rotes Zeug getrocknet. Das ist doch - Jamaica! Die Einheimischen trinken immer an den Tacobuden ein knallrotes Erfrischungsgetränk, das auch wir mittlerweile lieben gelernt haben und immer danach fragen. Jetzt wissen wir auch, wie Jamaica gemacht wird. Die getrockneten Blüten des Busches werden einfach mit heißem Wasser aufgegossen und ziehen gelassen. Die Besitzer der Jamaica-Plantage sind ganz freundlich und lassen uns beim Blütenzupfen sogar über die Schulter schauen. Ehrensache, dass wir nicht ohne einen Beutel Jamaica-Blüten im Gepäck weiterfahren. Da stören wir uns nicht mal daran, dass der ganze Staub und Dreck der Carretera Principal über die Trockentische zieht.
Abends trudeln wir vor den Toren der Stadt Mazatlán ein und wuseln uns Richtung Zentrum. Der Weg ist schlecht ausgeschildert und so düsen wir vorbei an der Corona-Brauerei durch das halbe Hafengelände, bis wir endlich die Straße Richtung Zentrum erwischen. Mexikos Biere sind übrigens besser als man denkt, auch wenn kein echter Mexikaner Corona oder dergleichen mit Zitronenscheibe trinkt (wieder so ein Klischee), na wir jedenfalls mögen es trotzdem!
Unser Hotel wird von drei alten Opis bewirtschaftet, die auf liebenswerte Art allerlei Tipps für uns parat haben. Doch zuerst müssen wir herausfinden, wann, wo und zu welchem Preis die Fähren zur Baja California verkehren. Nach einiger Zeit wissen wir, dass die Direktfähre nach Mazatlán stolze 660 Pesos pro Nase kosten soll. Die Alternativroute von Topolobampo, weiter nördlich nach La Paz ist mit 460 Pesos nicht wesentlich günstiger, zumal man 500 km Fahrerei, Sprit und eine weitere Übernachtung hinzurechnen muss. Was das Motorrad kostet, kann uns keiner so recht sagen, aber wir werden auf jeden Fall versuchen, die Honda in einem der Trucks unterzubringen. "Laster-Markus" hatte uns den Tipp gegeben, die LKW-Fahrer einfach zu fragen. Die Alternative wäre, auf dem Festland Richtung Kalifornien zu fahren - ohne Baja. Dann könnten wir uns den Kupfer-Canyon anschauen, aber Erik zog schon angesichts der Überlegung ein Gesicht. In jeder Motorradzeitschrift schwärmen die Biker von den sandigen Traumkulissen für Offroad-Fans und Erik packte allmählich auch schon das Ralley-Fieber. Also wollen wir morgen versuchen, die direkte Nachmittagsfähre nach La Paz zu erwischen. Dann ist zwar fast ein ganzes Wochenbudget hinüber, aber was soll's. Vor zwei Jahren waren die Preise noch um die Hälfte niedriger, verrät der inzwischen überholte Reiseführer, aber inzwischen verkehrt auf jeder Route nur noch eine Fährgesellschaft, die das Monopol hält. So kommen sich die Konkurenten nicht mehr ins Gehege und können die Preise nach Belieben hochschrauben - zum Ärgernis der armen Touristen unter den Passagieren. Es nützt nichts, sich zu ärgern. Wie könnte man sonst die ungewöhnliche Atmosphäre genießen, an den Holztischen eines Straßenstandes mitten auf der Straße zwischen dem Verkehr des zweitgrößten Pazifikorts Mexikos zu sitzen, und die leckersten Backkortoffeln aller Zeiten zum Abendessen serviert zu bekommen? Ein guter Tipp von den Opis.

Fortzsetzung folgt!!

 
Hanka und Erik
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