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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Countdown in Kalifornien

29. November 2003, Ensenada - San Diego
31.654 km, N32-44-25 / W 117-13-50

Der erste Blick am Morgen galt dem Motorrad. Unversehrt und brav stand die Honda noch immer im Innenhof - Ufff! - Aufatmen! Wir hätten uns ungern ausgemalt, dass der treuen Seele während unserer letzten Stunden in Mexiko im Rotlichtviertel - in einem der schäbigsten Hotels überhaupt auf unserer Reise - etwas zustößt. Nur raus aus Mexiko, das ist alles, was heute zählt!

Anstatt die letzten 120 km bis nach Tijuana direkt anzugehen, wollen wir einen kleinen Umweg riskieren und stattdessen die Grenze in Tecate überqueren. Tijuana gehört zu den meistfrequentiertesten Grenzübergängen der Welt und uns graut vor Stau und Warteschlangen, die das lange Thanksgiving-Wochenende sicher mit sich bringt. James hat uns außerdem versichert, dass in Tecate alles ein bisschen ruhiger und gelassener zugeht. Wir haben ja nach wie vor keine temporären Einfuhr-Papiere für die Honda und theoretisch könnten die sich an der Grenze ausgerechnet dafür interessieren.

James sollte mit Tecate Recht behalten, was uns nicht nur eine interessante Fahrt durch Weinberge mitten in Mexikos Wüstenlandschaft bescherte. Darüber hinaus können wir nun behaupten, in der Stadt gewesen zu sein, in der eines der besten mexikanischen Biere gebraut wird: Tecate.

Hungrig kratzten wir unsere letzten Pesos zusammen, die noch für Briefmarken und ein Mittagessen reichen sollten. Ersteres war jedoch ein Problem. Nachdem wir die Post in Tecate endlich gefunden hatten, stellte sich heraus, dass diese samstags gar nicht geöffnet ist. Enttäuscht kehrte Hanka mit ihren
Postkarten unverrichteter Dinge zurück, aber sie gab nicht so schnell auf. (Wir haben es uns zur Angewohnheit gemacht, unseren Eltern und Großeltern aus jedem Land eine Postkarte zu schicken. Selbstverständlich gehört dazu auch eine landestypische Briefmarke.) Irgendwo existierte vielleicht eine
kleine Tienda, wo man Briefmarken kaufen konnte. Ein (hoffentlich vorerst) letztes Mal durchliefen wir das Spiel, von einem Laden in den nächsten geschickt zu werden, bis wir vor einem Lotto- und Wettschalter standen. Höflich fragte der Amigo hinter dem Fenster, was wir wünschten. Briefmarken, hmmmm. Nach einer langen Pause gestand er uns, dass er mal vor langer Zeit auch Briefmarken verkauft hätte. Wir könnten ihn aber die Postkarten dalassen, dazu ein paar Pesos und er versprach uns, am Montag die Briefmarken zu erstehen und die Post für uns abzuschicken. Da wir keine Ahnung hatten, wieviel das Porto kosten sollte, zeigten wir ihm unsere letzte Handvoll Münzen, von denen er sich einige nahm und reichten ihm die Karten. Wahrscheinlich werden die nie in Deutschland ankommen, aber Hanka will es partout darauf ankommen lassen. (Ergänzung: Die Postkarten kamen allesamt daheim an, allerdings mit dreimonatiger Verspätung. Wir werden nie erfahren, woran es gelegen hat, aber anscheinend kann man ja doch etwas auf das Wort eines Mexikaners geben.)

Anschließend suchten wir das Ende der Fahrzeugschlange auf, die alle über die Grenze wollten. Es war längst nicht soviel Betrieb, wie wir befürchtet hatten und emsig winkte man uns sogar nach vorne. Bevor wir uns versahen, standen wir bereits in dem ersten Grenzhäuschen und legten unsere Reisepässe auf den Tisch. Natürlich waren wir ganz besonders gutgelaunt und gesprächig aufgelegt, um ja nicht irgendwelchen Verdacht zu erwecken, dass man uns Traveller genauer unter die Lupe nehmen könnte. In solchen Situationen zieht immer ganz gut die Masche mit "Honeymoon", denn auf Hochzeitsreise sind wir ja irgendwie schon. Staunend begutachtete der Grenztyp unsere Stempel in den Reisepässen und meinte nur "Geld müsste man haben". Wir kamen gar nicht dazu, ihm nähere Details zu erzählen, dann sollten wir bereits passieren. Verwunderte fragte Hanka noch, ob wir denn gar keinen mexikanischen Ausreisestempel bekämen und was mit der mexikanischen Touristenkarte passieren soll. Wir konnten einfach nicht glauben, dass es das schon gewesen sein soll. "Welcome to America!", das war alles, was uns der Typ mit einem stolzen Grinsen im Gesicht anzubieten hatte - und schon waren wir in den Vereinigten Staaten. Keine Stempel, keine peinlichen Fragen, keine Sicherheitskontrollen, kein Papierkram wegen des Motorrads! Per Flugzeug ist es nicht halb so einfach, in Amerika einzureisen!!! Und wir machen uns Sorgen wegen der Import-Dokumente...

Mit einem ebenso breiten Grinsen stiegen wir auf und folgten den Schildern nach San Diego. Kaum außer Sichtweise der Grenze brach Hanka in den reinsten Jubel aus. Kreischend und mit offenen Armen juchzte sie durch die Kurven des Spring Valleys: Juhuuu für den aalglatten Asphalt, Juhuuu für die tolle
Straßenbeschilderung, Juhuuu für die nicht vorhandenen Topes. Wir erlebten den reinsten Adrenalinrausch. In den Vororten begrüßten uns gepflegte Grundstücke mit solch grünem, kurzgeschorenen Gras, wie wir es schon seit Monaten nicht gesehen hatten. Die Häuser kamen uns dermaßen prächtig vor, denn nirgendwo gammelte Gerümpel herum und alles schien tip top in Schuss. Ehrlich gesagt hatten wir bereits fast vergessen, dass man anderswo die Wäsche nicht über Stacheldrahtzäune hängt oder Autoreifen einfach im Straßengraben verrotten. Und der Verkehr erst: nicht nur, dass die Autos um Generationen jünger sind - hier fährt man geordnet und zivilisiert. Kein Hupen, kein Staub, keine Straßenköter. Ach, die Straßenköter! Wir können uns vor Lachen kaum halten, als wir einen Park passieren, in dem gerade die vierbeinigen, frisierten Lieblinge einer Chappi-Gesellschaft angeleint von ihren Herrchen zur Hundeschule geführt werden! Was ist diese Welt voller Kontraste!!!

Danach wird es ernst, denn Erik muss sich durch ein Wirrwarr von teilweise vierstöckigen Highways und Fahrspuren durch San Diego finden, was ihm phantastisch gelingt. Ohne uns auch nur einmal zu verfahren, landen wir in Point Loma vor der Jugendherberge. Ist es nicht phantastisch, wenn man sich zur Abwechslung auf ein lückenloses Wegweisersystem verlassen kann? Obwohl uns die Unterkunft paradiesisch vorkommt, haben wir ein Problem damit, dass die Zimmer nach Männlein und Weiblein getrennt sind. Wie sollen wir das anstellen, wenn unser Gepäck nicht für derartige Zwecke aufgeteilt ist?
Außerdem ließ sich der Typ nicht dazu erweichen, den Innenhof als Motorradparkplatz zu gestatten. Was würde dann die Putzfrau dazu sagen? 9 Monate lang konnten wir die Honda immer irgendwo unterstellen und hier werden wir verwundert angeklotzt, als hätten wir gerade nach einer Garage für unser Mondmobil gefragt... In der nächsten Jugendherberge machten wir schon auf der Treppe kehrt, so runtergekommen und laut war die Bleibe. Davon abgesehen ist Parken ein wirklich ernstes Problem, denn binnen zwei Minuten postierte sich ein Wichtigtuer in Uniform vor unser Motorrad, um uns einen Strafzettel auszustellen. Wir stehen mit einem Rad vor der roten Bordsteinkante und Parken in der "red zone" ist teuer! In diesem Augenblick ist von amerikanischer Euphorie nichts mehr zu spüren. Flehend überreden wir den Vertreter von Recht und Ordnung dazu, die Daten in seinen Strafzettelcomputer zu löschen. Wir sind doch gerade erst in Amerika angekommen und es würde doch blöd aussehen, wenn wir gleich am ersten Tag in unserem Tagebuch von einem ärgerlichen Strafzettel berichten müssten, nur weil wir uns eine Jugendherberge anschauen, wo es nirgendwo Parkplätze gibt. Gütigerweise zieht der Straßenkasper letztendlich mit seinem mobilen Parkplatzwächter-Golfbuggy von dannen - auf der Jagd nach dem nächsten Opfer. Schwein gehabt, aber eins ist uns bereits klar in Erinnerung gerufen worden: in Amerika gibt es "rules" und ohne Regeln geht hier gar nichts.

Gerade, als wir uns auf den Weg zurück zur Jugendherberge in Point Loma machen wollen, parkt eine Africa Twin mit Seitenkoffern vor der heruntergekommenen Herberge. Britisches Kennzeichen. Sofort nehmen wir den Londoner ins Schlepptau, der für den Unterkunftstipp dankbar ist. Verwundert fragt er uns nur, ob wir denn nie unser Motorrad auf der Straße parken würden? Es stellte sich schnell heraus, dass Brian auf dem Weg nach Südamerika ist, bisher aber nur die Zivilisation von USA und Kanada kennengelernt hat. Wenn anscheinend jeder sein Motorrad über Nacht auf der Straße lässt, werden wir es wohl auch riskieren. Zumindest ist die Nachbarschaft das krasse Gegenteil von letzter Nacht.

Brian statteten wir mit einer mittelamerikanischen Landkarte voller Markierungen und Tipps aus, über die er sich riesig freute. Stundenlang hockten wir zusammen auf dem Fußboden mit Karten und Geschichten, wie es Globetrotter nun mal so tun. Brians britischer Humor sorgte für reinste Lachsalven und wir fanden seine Unbeholfenheit in puncto Motorrad richtig liebenswert. Ohne irgendwelche Erfahrungen oder technischen Hintergrund hat er sich einfach eine Africa Twin zugelegt und sich ins Abenteuer nach Südamerika gestürzt. Ist das nicht bewundernswert? Wir sind uns jedenfalls sicher, dass wir weiterhin von ihm hören werden.

30. November - 5. Dezember 2003, San Diego
32.014 km, N32-44-25 / W 117-13-50

Den zweiten Kulturschock in diesen Tagen erlebten wir jedes Mal beim Einkaufen. Dass Amerika teuer werden würde, wussten wir - hatten wir doch selbst schon auf früheren Reisen das Land der unbegrenzten Möglichkeiten kennengelernt. Doch wir hätten uns nicht träumen lassen, dass die Preise
für Lebensmittel und essentielle Dinge wie Zahnpasta, Shampoo, Brot und Milch seitdem dermaßen geklettert sind. Voller Vorfreude auf den ersten großen Supermarkt landete unsere Verpflegung für die nächsten Tage nur zögerlich im Einkaufskorb und an der Kasse konnten wir die Schmerzen lediglich per Kreditkarte ertragen. Wow, Zahnpasta 5 Dollar - wieso haben wir keine in Mexiko gekauft...? Wie wir jedoch schnell herausfanden, gab es im Hostel eine große Kiste "Free Food", die schließlich einen guten Teil zu unserer Verpflegung beisteuerte. Bei diesen Preisen müssen wir echt aufpassen, dass wir nicht in zwei Wochen ein 3-Monats-Budget verbraten!

In der Jugendherberge fühlten wir uns trotz Geschlechtertrennung unglaublich wohl. Alles kam uns dermaßen luxeriös und geordnet vor: es gab eine Waschmaschine und einen Trockner, eine riesige Küche, wo man sich jeden Morgen Pancakes bis zum Abwinken braten konnte, gemütliche Zimmer mit
nagelneuen Tagesdecken und extra Schmusekissen, selbst eine Heizung, von der wir in den mittlerweile kühlen Abendstunden regen Gebrauch machten, ein riesiges Homekino mit DVD's zum Ausleihen, Bücherecke und tägliche Unterhaltungsaktivitäten. Alles folgte natürlich einem Plan - wir dürfen schließlich nicht vergessen, dass es "rules" gibt. Denn wehe man liest nicht all die netten Schilder mit den "Do's and Don'ts" in Küche, Gemeinschaftsraum und Bad. Schätze mal, das gehört halt zur Zivilisation. Apropos Bad, wo entsorgt man noch mal Toilettenpapier? Wir haben uns in den 9 Monaten total daran gewöhnt, nach dem kleinen Plastikeimer zu suchen. Es kostet doch tatsächlich Überwindung, das Klopapier wieder in die Toilette zu werfen und runterzuspülen. Mit einem Schmunzeln im Gesicht ertappte sich Hanka noch einige Male bei der inzwischen gewohnten Suche nach dem Eimer. Auch
in puncto Tanken stellten wir uns an wie die ersten Menschen. Während wir 9 Monate lang "betankt" wurden (wehe dem Gringo, der eine Zapfpistole selbst in die Hand nimmt), standen wir hilflos vor der ersten Selbstbedienungs-Hightech-Zapfsäule. Erstens wunderten wir uns, dass es nur einen Benzinrüssel für diverse Sorten Sprit gab. Zweitens wussten wir nicht, welche der Hundert Knöpfe zu bedienen sind und drittens: Soll man etwa seine Kreditkarte durch die Zapfsäule ziehen oder wie tankt man eigentlich für cash? Etwas peinlich war es schon, als wir uns zunächst einweisen lassen mussten, aber wir fühlten uns hoffnungslos verloren. Wie ungern gibt man doch einem Amerikaner das Gefühl, dass man vom anderen Stern kommt. Am Ende glauben die wirklich, bei uns gäbe es noch nicht mal
Elektrizität!

In diesen Tagen blockten wir das öffentliche Telefon vor unserer Jugendherberge für Stunden. Abwechselnd klingelten wir die Motorradläden nach Reifen und die Cargo-Gesellschaften nach Motorradverschiffungen ab. Erik war geschlagene 2 Tage damit beschäftigt, einen halbwegs vernünftigen Preis für Reifen zu bekommen (zur Info: der Metzeler Tourance kostet in Amerika beinahe doppelt so viel wie in Deutschland, obwohl er da auch nicht gerade günstig ist!). Ganz abzusehen von den Werkstattkosten, so dass sich Erik ganz schnell darauf besann, den Reifen selbst zu wechseln. Am Ende entschieden wir uns für einen Bridgestone Trailwing 21/22, der mit 134 $ als wahres Schnäppchen zu bezeichnen ist! Zwar fallen die Kritiken für den Bridgestone nicht besonders gut aus, aber wir hoffen, dass er uns zumindest 10.000 km weiterbringt und danach werden wir sehen. Selbst neue Bremsbeläge
aufzutreiben, entpuppte sich als ein Problem. Freudestrahlend fand zwar Erik einen Motorradladen, der per Liste einen Satz für die Transalp bestellte, aber nach langer Bastelei stellte sich heraus, dass die Beläge nicht passten. Sagenhaft, aber es gibt für die europäische Ausführung andere Zubehörteile als für die amerikanische Ausführung der Transalp! Von wegen, man bekäme alles in Amerika (Hey, der Reifenkauf in Costa Rica war um einiges einfacher!)! Zumindest durften wir die alten Reifen trotz bösen
Blickes des Chefs im Motorradshop entsorgen, was wir unserem persönlichen Mitarbeiter des Monats, Brent Athy, verdankten. Dann brauchten wir noch Öl für einen Ölwechsel, was Gott sei Dank ein einfaches Unterfangen wurde. Wallmart hat ein gutes Angebot an unschlagbar günstigen Motorölen. Wieder was gelernt.

Hanka kostete es in diesen Tagen etliche graue Haare, Cargo-Tarife zu vergleichen. Motorradtransporte sind ohnehin schon schwierig zu organisieren, weil man als Laie Probleme hat, im Dschungel aus Tarifen und Gebühren durchzublicken. Leider bekommt man nie einen Endpreis angeboten, sondern muss Volumengewichte selbst errechnen und genaustens nachfragen, ob denn diese und jene Gebühren im Kubikmeterpreis enthalten wären. Vor allem über die neuseeländischen Einfuhrgebühren wie Zoll und Quarantäne schien niemand genau Auskunft geben zu können. Erschwerend kam hinzu, dass Amerika
nicht in Kilo und Zentimetern rechnet, sondern mit pounds und inches - ein Alptraum! Ein recht gutes Angebot haben wir bereits aus Neuseeland. Robbie bringt gelegentlich einen Container voller Motorräder nach Neuseeland, wo ab und zu auch ein Bike von Travellern noch Platz findet. Das Gute daran ist, dass wir uns dann die Herausforderung sparen, eine Transportkiste für die Honda zu bauen. Alle anderen Firmen scheinen nur in Kisten zu verschiffen und wir würden uns liebend gern den Aufwand dafür sparen. Einziger Haken an Robbies Angebot: wir können die Honda lediglich nach Dunedin schicken, was auf der Südinsel liegt (wir landen in Auckland), so dass zu den Transportkosten noch zwei Inlandsflüge hinzukämen (wir haben noch keine Vorstellung, was das extra kostet). Nebenbei versuchten wir noch eine ganze Liste an anderen Dingen zu erledigen. Es schien kein Ende zu nehmen; überzeugt Euch selbst:

To-Do-Liste Amerika

Motorrad:
- Verschiffung organisieren
- pünktliche Ankunft des Carnet de Passages mit Papa organisieren
- neue Reifen kaufen + aufziehen
- neue Bremsklötzer kaufen
- Ölwechsel
- Luftfilter wechseln
- Aufhängung für kaputten Seitenkoffer reparieren / evtl. Touratech-Händler ausfindig machen
- neue Schlösser für kaputten Seitenkoffer finden / evtl. Touratech-Händler ausfindig machen
- Blechschrauben am kaputten Seitenkoffer abfeilen
- gebrochenen Gepäckträger reparieren
- Bremslichtschalter für hintere Bremse reparieren
- Schmiersystem überprüfen
- Heizgriffe reparieren
- PUTZEN vor Verschiffung

Internet:
- Mails beantworten (...) - Newsletter schreiben - Überweisung Roland - Überweisung Girokonten
- Website: Landkarte einzeichnen - Geburtstagsgrusskarte für Josi
- Artikel an Döbelner Anzeiger schreiben - Kurzvorstellung als Ortlieb Sponsornehmer schreiben
- Fotos auf CD brennen
- Posting Transalp-Forum + AT-Forum

Sonstiges:
- Inlandsflüge Neuseeland anfragen
- Flug Neuseeland - Australien umbuchen
- Akkuladegerät reparieren / evtl. neu kaufen
- Ersatzbatterie Fotoapparat kaufen
- Reiseführer Fidschi / Neuseeland kaufen
- Kocherbeutel und Werkzeugtasche nähen
- neue Klick-Verschlüsse für Gepäckrolle
- Klick-Verschluss für Eriks Jacke kaufen
- Sonnencreme / Moskitospray / Nasenspray kaufen
- Sekundenkleber kaufen
- Motorradklamotten waschen
- Schlafsäcke und Inlets waschen
- Zeltnägel begradigen
- Zeltunterlagen reparieren / neu kaufen / putzen
- neue Zeltlampe / kleines Thermometer kaufen
- neue Turnschuhe für Hanka
- Fotos beschriften
- Tagebuch aufholen
- Weihnachtskarten an Familie schreiben

Die Beschaffung des Carnet de Passage sollte zur kniffeligsten Herausforderung für Hankas Papa werden. Bisher brauchten wir das offizielle Zoll-Dokument des ADAC's noch nicht, aber ohne kommen wir nicht nach Neuseeland und Australien rein. Der Arme hat in den letzten Tagen dermaßen viele bürokratische Zumutungen überstanden und in der Provinz kennt sich kein Mensch mit dem Prozedere aus. Das letzte Wort mit der Döbelner Sparkasse ist übrigens noch nicht gefallen. Es kann doch nicht angehen, dass man für eine Bankbürgschaft von gerade mal 3.000 EUR einen Bausparvertrag für 12.000 EUR abschließen muss, dazu eine Abtretungserklärung zu unterschreiben hat sowie eine Gehaltsabtretung ausfüllen, Krankenversicherungsnachweis, 3 Gehaltsnachweise und eine Lohnsteuerklärung vorweisen muss!!! Was bilden die sich eigentlich ein, den armen Papa zig Mal in die Bank zu bestellen für eine simple und einfache Dienstleistung, die eine Bankbürgschaft nun mal ist!!!!!!!! Hanka war wirklich auf Hundertachtzig, als sie das zu hören bekam. Nun betet und hofft Hankas Papa innigst, dass der ADAC (der nicht viel unbürokratischer zu sein scheint) keinen Mist macht, die 68 EUR Versandkosten nach Amerika gut investiert sind (für die man übrigens auch noch eine beglaubigte Überweisung per Fax erbringen muss) und alles rechtzeitig in Los Angeles ankommt. Wir müssen uns unbedingt ein Dankeschön für Papa einfallen lassen, denn dieses Theater mitzuspielen in der Sorge, dass die Kinder ihre Reise abbrechen müssen, ist nicht selbstverständlich. Einen großen Kuss schon mal an dieser Stelle. Hilfreich war auch Iria, die wir zufällig in der Jugendherberge kennenlernten. Da wir keine Ahnung hatten, wo in Los Angeles wir uns das Carnet am besten hinschicken lassen sollten, gab sie uns einfach ihre Au-Pair-Adresse.

Manche Tage fühlten wir uns so erschöpft, dass es uns teilweise leid tat, so lange in Mexiko geblieben zu sein. Wir möchten die Tage mit Mama-Wien und Karli in Acapulco zwar keinesfalls missen, zumal wir schließlich von Anfang an wussten, dass es im Dezember stressig werden würde. Da müssen wir halt
einfach durch. Fidschi ist inzwischen ein Ziel vor Augen, das uns wie URLAUB vorkommt.

Nachdem wir also fast eine Woche in San Diego verbracht haben, um die wichtigsten Dinge auf die Reihe zu bringen, hatten wir nicht mal einen halben Tag Zeit, um den weltberühmten San Diego Zoo zu besuchen. Kein Wunder bei dem Stress! Alles, was wir jetzt erledigen können, gibt uns mehr Zeit für
San Francisco. Schließlich wollen wir einen großen Traum wahrwerden lassen und trotz langer To-Do-Liste als Abschluss unserer "Panamericana-Tour" die Golden Gate Bridge mit dem Motorrad überqueren.

Immerhin schauten wir uns die Stadt ein wenig an und ehrlich gesagt hätten wir nicht erwartet, dass uns San Diego so gut gefallen würde. Beim nächsten Besuch bringen wir auf jeden Fall etwas mehr Zeit mit. Alles wirkte ziemlich überschaubar und ist von der Lage am Meer geprägt. Noch nie haben wir so viele Yachten in einem Hafen gesehen wie hier - das Geld liegt förmlich im Wasser! Während wir uns bisher in allen anderen Ländern ziemlich reich vorkamen, ist dieses Gefühl mittlerweile genau ins Gegenteil umgeschlagen. Wir freuten uns beispielsweise wie die Schneekönige, als wir als World-Traveller das Maritime Museum sogar gratis besuchen konnten. (Erik war schon immer ein Verhandlungskünstler und Amerikaner großzügig, oder?)

6. Dezember 2003, San Diego - San Luis Obispo
32.549 km, N 35-16-40 / W 120-39-22

Im Stress hätten wir beinahe den Nikolaus vergessen. Nicht aber der Nikolaus uns! Erik staunte am Morgen über jede Menge Nüsse in seinen Motorradstiefeln und ist seit heute großer Fan von Jellybeans. Hanka wurde vom kleinen Bruder des Weihnachtsmannes u.a. mit einer Dose Erdbeer-Smoothies beglückt. Die beste Nikolausüberraschung wäre allerdings Robbies Bestätigung für die Motorradverschiffung am 18. Dezember. Wir kriegen am Montag - hoffentlich - Bescheid. Wenn alles klappt, geben wir die Honda am 15. Dezember nach Dunedin (Neuseeland) auf. Unser Flug auf die Fidschis ist am 16. Dezember. Das würde perfekt aufgehen mit unseren Plänen für San Francisco, yeah, yeah! Warten wir ab.

Ansonsten haben wir ganze 530 km Tagesstrecke hinter uns gebracht. (Noch vor einem Jahr wäre es unvorstellbar gewesen, derartige Distanzen auf der Autobahn zu schrubben. Wir hätten nicht im Traum daran gedacht!) Jedoch wollen wir uns mit unserem persönlichen Etappenrekord nicht rühmen. Tage wie dieser sind ätzend, wenn es einfach nur darum geht, Kilometer zu machen. Man spinnt sich stundenlang seine Gedanken zusammen, rechnet nach allen möglichen Varianten die Entfernungsmeilen in Kilometer um oder versucht das träge Gehirn mit anderen Zahlenspielen zu trainieren. Dabei rutscht man von einer Backe auf die andere, verspannt sich den Rücken und wartet darauf, dass es endlich vorbei sein möge. Dabei sollte gerade das Fahren an sich das Reisen ausmachen, oder?

Obwohl wir eine Woche lang tollstes San-Diego-Winterwetter hatten, passte das trüb-nebelige Wetter heute auch noch richtig zum Betongrau des Freeways. Wir haben allmählich Bedenken, dass uns auch in San Francisco Nebelwetter erwartet. So ungemütlich die Fahrt an sich schon war, krönte eine schwere Regenwolke kurz vor San Luis Obispo die letzten Kilometer. Wir waren schon vor dem Guss bis auf die Knochen durchgefroren. Endlich im Hostal, setzten wir uns gleich als erstes eine Riesenkanne Tee auf. Noch immer kutschieren wir Coca-Tee aus Bolivien mit uns herum und jeder fragt uns, was wir für ein Zeug aufbrühen. Dabei ist es das reinste Wunder, dass uns noch keine Grenzkontrolle mit dem (vermutlich illegalen) Zeug erwischt hat. Doch bevor es weiter über den Ozean geht, sollten wir die Blätter lieber aufbrauchen. Wir werden schon Probleme haben, unseren chilenischen Hochland-Oregano nach Neuseeland mitnehmen zu können und wer weiß, woran sich die Quarantäne sonst noch hochzieht...?

Unter den Gästen ist übrigens auch eine Dame aus Neuseeland, die uns fleißig von ihrem Land vorschwärmte. So recht wissen wir allerdings nicht, ob wir sie so schwer verstehen, weil wir so erschöpft
sind oder ob uns in Neuseeland ein wirklich ungewöhnlicher Akzent erwartet. Keine Kraft, uns heute darüber weitere Gedanken zu machen. Todmüde fallen wir ins Bett. Wir haben die letzten beiden Plätze erwischt und freuen uns trotz schmerzender Knochen, dass wir genau nach Plan bereits die halbe Strecke nach San Francisco hinter uns gebracht haben. Der Countdown läuft!


7. Dezember 2003, San Luis Obispo - San Francisco

32.934 km, N 37-48-25 / W 122-25-43

Es ist ein sagenhaft enttäuschendes Gefühl, wenn man beim Aufwachen langsam aber sicher wahrnimmt, dass das Klopfen vom Regen nichts mit dem eben noch Geträumten zu tun hat. Als wir uns im Dunkeln aus den Federn schälen, gießt es draußen wie aus Kübeln. Das ist also Winter in Kalifornien! Im ganzen Haus ist es eiskalt und in der Küche tut sich noch gar nichts. Eigentlich hatte uns die Besitzerin gestern noch Pancakes zum Frühstück versprochen. Die sollten wir auch bekommen, allerdings von ihrer Tochter, die anscheinend noch nie in ihrem Leben Pancake-Teig angerührt hatte. Ohne Backpulver schmeckten die teigigen Dinger wie mehlige Fladen. Das waren gewiss die furchtbarsten Pancakes aller Zeiten!!!

Halb hungrig stiegen wir auf die Honda. Es regnete noch immer und uns schien, als wären wir die einzigen Gäste, die heute das Haus verließen. Egal, wir können es uns momentan leider nicht leisten, auf besseres Wetter zu warten. Wohl oder übel müssen wir dann halt öfter mal Stopps einlegen, um Hot Chocolate zum Aufwärmen zu tanken. Wieder auf dem Freeway, saute das Wetter so richtig und wir merkten, dass die Aufwärmstopps essentiell wurden. Hat das eigentlich Sinn, bei diesem Wetter nach San Francisco zu jagen? Woher nahmen wir eigentlich den Optimismus, dass es sich lohnen würde?

Es schien sich zu lohnen, denn je nördlicher wir kamen, desto mehr klarte der Himmel auf. Die Sonne hatte zwar nicht mehr genug Kraft, die 10 Grad kühle Luft deutlich aufzuwärmen, aber wenigstens kein Regen mehr. Bei Salinas entschieden wir sogar spontan, vom Freeway abzubiegen und den Highway Number One entlang der Küste zu fahren. Eigentlich wollten wir uns die berühmte Küstenstrecke für den Rückweg aufheben, aber wer weiß, welcheÜberraschungen das Wetter noch auf Lager hat. "Nutze die Chance, wenn Du sie hast!" Obwohl die Strecke erst südlich von Monterey am spektakulärsten werden soll, genossen wir dennoch den kleinen Vorgeschmack von wildtosender Brandung, Felsen, Sanddünen und Leuchttürmen entlang der kurvigen Küste.

Bei Sonnenuntergang erreichten wir San Francisco mit seinen kleinen Reihenhäusern entlang der steilsten Straßen - genau so, wie man San Francisco von unzähligen Filmen und Serien aus dem Fernsehen kennt. Und schließlich sahen wir sie: die Golden Gate Bridge! Wenn eine Brücke Charakter besitzt, dann diese! Majestetisch spannt sich das Wahrzeichen San Franciscos über die San Francisco Bay. Der Trip hatte sich schon gelohnt, obwohl wir uns nichts sehnlicher wünschen, als dass das Wetter morgen mitspielt, um uns die rostrote Stahlkonstruktion bei Tage anzuschauen. Sogar von unserer Jugendherberge aus sehen wir die Lichter der Brücke durch die Bäume blinken. Was macht es da schon aus, in einem ehemaligen Militärkrankenhaus mit Dormitories von 12 Personen zu schlafen? Wieder einmal steht die Honda vor der Tür auf der Straße. Wir müssen uns wirklich erst daran gewöhnen, dass man sein geliebtes Motorrad nachts sich selbst überlässt, weil die Brandschutzregeln nicht erlauben, Bikes innerhalb der Herbergseinrichtungen zu parken...

Für amerikanische Verhältnisse ist die Jugendherberge in Fisherman's Wharf jedenfalls echt grauenhaft. Alles erinnert noch immer an Krankenhaus und es werden nur zweimal pro Woche Holzscheite in den Kamin geworfen, damit die Backkpacker endlich mal ihre Knochen aufwärmen können. Abends wird es
richtig kalt! Aber was soll's, günstiger ist nichts zu haben und wir nehmen mit Freude zur Kenntnis, dass der Kühlschrank Pfannen voller Essen hergibt, die im In-House-Restaurant übrig geblieben sind. Wir sind nicht böse darüber, uns den Gang zum Supermarkt aufzusparen. Zwar haben wir keinen Schimmer, wieviele Tage das Essen schon im Kühlschrank steht, aber Amerika hat so viele Regeln - da vertrauen wir darauf, dass jemand ein Auge auf die Lebensmittelhygiene hat.


8.-9. Dezember 2003, San Francisco

33.016 km, N 37-48-25 / W 122-25-43

12 Leute in einem Zimmer - das war kaum zu ertragen! Zwei von denen schnarchten wie die Bären, rgendeiner stand stündlich auf und wühlte in irgendwelchen Plastiktüten. Die Leute an der Fensterfront verriegelten und verrammelten alles, so dass die Sauerstoffmoleküle arg knapp wurden. Einer stank dermaßen asssozial, dass man schon den Nachfolger in seinem Bett bedauerte. Der nächste stand vor dem ersten Hahnenschrei auf und packte in aller Seelenruhe seinen Rucksack ein. Wieder jemand anderes hörte seinen Wecker nicht klingeln. Erik schien das alles nicht weiter zu stören und bevor sich Hanka versah, trat er sogar der Schnarchergemeinde bei. Das war zuviel! Noch eine Nacht ohne Schlaf würde Hanka nicht mit guter Launeüberstehen, also flüchtete sie in der zweiten Nacht mit ihrem Kopfkissen einfach in den leerstehenden Nachbarraum. Leider funktionierte auch das nicht so ganz. Von ihrem eigenen Angstschrei und einem grellen Taschenlampenstrahl im Gesicht aufgeweckt, musste sie sich von dem Sicherheitstypen belehren lassen, dass es im Hostal "rules" gäbe. Ausgerechnet in dieser Nacht zog ein Asiate mit einem furchtbar lautem Rollenkoffer genau in das leere Zimmer, das sich Hanka ausgesucht hatte. Obwohl er der einzige Gast war, bestand der Sicherheitstyp darauf, dass dieses Zimmer immer nur an Männer vermietet wird. Es blieb ihr gar nichts anderes übrig, als sich ins nächste leere Zimmer zu verkrümeln, wo Erik mit einem Grinsen im Gesicht morgens auftauchte. Doch zurück zum ersten Morgen:

Nachdem Hanka inmitten der Schnarchmusik nur darauf wartete, dass es draußen hell wurde, spannte sich nach und nach ein strahlend blauer Himmel über San Francisco. Yes, yes, yes! Sieht aus wie unser Glückstag - also nichts wie raus aus den Doppelstockbetten und ab zur Golden Gate Bridge, bevor es sich die Sonne anders überlegt. Doch was war das??? Wir fanden die Honda traurig mit einem platten Hinterreifen vor der Jugendherberge sitzen. Der erste Plattfuß - irgendwann musste es ja mal passieren! Fragt sich bloß, warum ausgerechnet heute? Es war regelrecht makaber anzuschauen, wie wir zunächst die Honda vor der Kulisse der Golden Gate Bridge zur Tankstelle schieben mussten. Vielleicht hat ja jemand lediglich am Ventil herumgespielt? Unsere Vermutung schien sich zu bestätigen, denn nach dem Aufpumpen hielt die Luft erstmal. In der Aufregung hatten wir allerdings vergessen, eine neuen Foto-Chip mitzunehmen und so mussten wir doch glatt noch mal zur Jugendherberge zurückfahren. Wie zum Spaß fragte Erik schon, was uns als nächstes davon abhalten würde, endlich über die verdammte Brücke zu fahren. Gott sei Dank nichts, wie sich herausstellte. Endlich konnten wir uns völlig von der gewaltigen Konstruktion gefangen nehmen, sie aus allen möglichen Winkeln und Perspektiven bestaunen und fotografieren. Wir hatten es geschafft! Wir sind am nördlichsten Punkt unserer Reise angelangt! Ein unbeschreibliches Gefühl von Stolz und Zufriedenheit machte sich breit. Vergessen all die Aufregung, der Stress, das schlechte Wetter. Alle Hürden schienen bedeutungslos für diesen Augenblick. Wir hatten es wirklich geschafft.

Glücklich düsten wir anschließend durch die steilen Serpentinen der Lombard Street bis zum Coit Tower, um die Aussicht von da zu genießen. Ein Ausflug zur berüchtigten Gefängnisinsel Alcatraz hätte zwar auch seinen Reiz, allerdings auch seinen Preis. So beschränkten wir uns auf Cable Cars & Co. und strolchten durch die Stadt samt Chinatown. In San Francisco gibt es wohlbemerkt die größte chinesische Community außerhalb von China (mehr als 120.000 Chinesen) und während wir unseren Sinnen durch die exotischen Düfte und unverständlichen Sprachfetzen folgten, fühlten wir uns wirklich wie in Asien. Sämtliche Schilder, Geschäfte und Märkte sind auf chinesisch. Die Zahl der nichtasiatischen Gesichter kann man an einer Hand abzählen und Englisch hören wir fast nirgendwo. Von Chinatown taucht man dann in einen Tunnel ein und landet abrupt auf der anderen Seite in einer völlig anderen Welt: Amerika. Wir sind ziemlich beeindruckt, wie krass zwei Welten in einer Stadt direkt nebeneinander existieren können! Jedenfalls haben wir noch nirgendwo so extreme Grenzen erlebt.

Nachdem wir dann doch den unvermeidlichen Gang zum Supermarkt hinter uns gebracht haben - um nicht wieder das Essen aus den Asietten von wer-weiß-wann aus dem Kühlschrank zu holen - trauen wir unseren Augen nicht. Der Hinterreifen ist während der 15 Shopping-Minuten komplett platt und Erik muss wieder zur nächsten Tankstelle schieben. Diesmal hielt die Luft überhaupt nicht mehr und es blieb ihm nicht erspart, den restlichen Abend zum Schlauchwechseln zu opfern. Allerdings waren wir sehr erstaunt darüber, dass sich das winzige Loch ausgerechnet an der Seite des Reifens befand. Der Mantel selbst war okay und Gott sei Dank auch der Ersatzschlauch, trotz dass wir mit der Seitentasche neulich einen ganzen Arm Kakteen in Mexiko aufgespießt hatten. Unerklärlich ist uns allerdings, wieso der Schlauch bis zum Nachmittag gehalten hatte. Es schien fast so, als hätte die Honda extra für uns den ganzen Tag die Luft angehalten, damit wir über die Golden Gate Bridge fahren können... Ist sie nicht 'ne Gute?

Am zweiten Morgen ging Erik die Luft aus: der Reifen wieder platt!!! Das gibt es doch gar nicht! Wir lassen den Plattfuß zunächst erstmal stehen und beschließen, auf Cable Cars umzusteigen. Auf dem Trittbrett dieser historischen Dinger muss man einfach mal mitgefahren sein! Wahnsinn, wie die sich die steilen Gassen hinauf- und hinabziehen! Wir hatten so viel Spaß dabei, dass wir fast schon den Platten vergaßen.

Zwischen Sightseeing und Eindrücken sammeln, versuchten wir gleichzeitig, unsere To-Do-Liste weiter abzuarbeiten. Die Suche nach einem Touratech-Händler blieb leider erfolglos dank des völlig veralteten
Händlerverzeichnisses im Internet. Vergeblich suchten wir nach Shops, die es schon seit mehr als drei Jahren nicht mehr gibt! BMW konnte uns auch nicht weiterhelfen, auch nicht mit ordinären Bremsbelägen. Da die Honda den ganzen Tag noch immer mit dem Plattfuß vor der Herberge wartete, machte sich Erik im Anschluss an unsere erfolglose Tour durch die Motorradläden San Franciscos ans Reifenflicken. Wieder war ein nadelgroßer Einstich an der Seite des Reifens die Ursache des Plattfußes. In uns regte sich der Verdacht, dass jemand mit 'ner Nadel durch die Gegend rennt, um derartig kleine Gemeinheiten auszuleben. Leider können wir es nicht beweisen, auch wenn Hanka sich ohnehin die halben Nächte schlaflos um die Ohren schlägt.

10. Dezember 2003, San Francisco - Santa Cruz
33.159 km, GPS-Daten leider verloren gegangen

Wir wissen, dass die Zeit für San Francisco viel zu kurz gewesen ist, aber wir müssen zurück nach Los Angeles. Beizeiten sind wir fertig gepackt und - dann folgt der Schlag vor den Kopf - die Honda hat wieder einen Platten! Langsam finden wir das nicht mehr lustig und egal, wann wir heute aus der Stadt kommen, wir bleiben keine weitere Nacht in dieser Jugendherberge! Erik hatte partout keine Lust, den Reifen in dieser Woche zum dritten Male von der Felge zu hebeln. Irgendwo hatten wir nach eine Flasche Pannenspray und so probierten wir es damit. Es schien ohnehin wieder ein neuer Nadelstich an der Seite des Reifens zu sein. Im Hostal wusste natürlich niemand, wie das passieren konnte, jeden Morgen einen Plattfuß vorzufinden - angeblich wäre das zum ersten Mal vorgekommen.

Natürlich kommen wir erst mittags in die Spur, schießen noch ein paar Bilder von den Straßen San Franciscos und wühlen uns durch die Bücherei. Wir müssen dringend ins Internet und in Amerika, wo die Leute fast alle einen Computer zuhause stehen haben, sind die besten und günstigsten Zugangsmöglichkeiten schlicht und einfach die Bibliotheken.

Die Hauptbibliothek ist allerdings hoffnungslos überfüllt. Natürlich haben wir nicht die Zeit, zwei Stunden auf den nächsten freien Rechner zu warten, um eine halbe Stunde online gehen zu können. Andererseits müssen wir herausfinden, wie es mit der Verschiffung weitergeht und evtl. die Flüge nach Dunedin zusagen. Wir wollen es weiter stadtauswärts versuchen und haben in San Franciscos Szeneviertel Castro Glück. Während Erik draußen friert und wartet, auch noch einen Regenguss abkriegt, regelt Hanka die letzten Details für den Motorradtransport. Robbie hat uns endlich den 15. Dezember als Abgabetermin zugesagt. Uff, der Preis ist auch akzeptabel. Das sind doch endlich mal gute Nachrichten!!! Ein riesiger Stein fällt uns vom Herzen, denn im Geiste sahen wir uns schon eine Transportkiste zusammenzimmern.

Wenigstens das bleibt uns erspart, obwohl wir noch immer schrecklich viele Sachen bis zum 15. erledigen müssen. Wir hatten noch nicht mal Zeit, überhaupt auch nur einen Blick auf Schließsysteme im Baumarkt zu werfen, damit wir unseren Seitenkoffer erneut verriegeln können. (Momentan passt noch nicht mal der Deckel wieder richtig drauf.) Irgendwie werden wir es schon hinbekommen - noch 4 Tage - allerdings auch noch mehr als 700 km zu fahren!

Von Twin Peaks aus haben wir noch mal einen schönen Rückblick auf die Skyline San Franciscos und danach geht es schnurstracks auf den Highway Number One. Gut, dass wir die Strecke schon kennen, denn so können wir vorerst auf weitere Fotostopps verzichten. Mit der Stadt der Cable Cars und Golden Gate Bridge lassen wir auch die halbstündigen Regengüsse hinter uns, die heute morgen noch ein Spielchen mit uns trieben. Die Kilometer rattern herunter, die Luft im Reifen hält - unser Countdown läuft weiter.

Da es früh dunkel wird, schaffen wir es lediglich bis Santa Cruz. Während hier im Sommer sämtliche Unterkünfte ausgebucht sind, steckt der Ort momentan im Winterschlaf und es sind kaum Gäste da. Umso besser für uns, denn wir bekommen ein ganzes Zimmer für uns allein - endlich wieder eine Nacht richtig schlafen! Die Jugendherberge im Stil einer victorianischen Villa ist phantastisch. Nicht nur die Küche haut uns vom Hocker, es gibt kostenlos Internet und der Safeway Supermarkt füllt zweimal in der Woche zwei gigantische Kühlschränke mit Lebensmitteln auf, bei denen das Verfallsdatum abgelaufen ist. Bei insgesamt 4 Gästen brauchen wir uns nicht genieren, einen der fünf Kirschstrudel in den Ofen zu schieben. Es ist soviel da, dass einem erstmal bewusst wird, wieviel Essen gerade im Einzelhandel Tag für Tag weggeschmissen wird. Das müssen Tonnen sein!!! Da sind superteure, französische Käse, mindestens sechs verschiedene Sorten ! Brot, Aufstriche, Obst und Gemüse, Joghurt, ... Die Lebensmittelvorräte werden an Rentner und Bedürftigte verteilt, was wir eine klasse Lösung finden. Könnte man nicht in Deutschland etwas ähnliches praktizieren? Leben wir nicht in einem Schlaraffenland? Gibt es nicht viel zu viel Verschwendung in den westlichen Ländern?


11. Dezember 2003, Santa Cruz - Cambria
33.413 km, N 35-33-57 / W 121-04-55

Herrlich ausgeschlafen machen wir uns am Morgen auf die Socken. Der Reifen hat noch immer dicht gehalten und nach nächtlichem Regen ist auch der Himmel strahlend blau. Erik fällt ein Stein vom Herzen! Gerade als wir aufbrechen wollen, bringt der Hausmeister mehrere Schubkarren voller Safeway-Lebensmitteltüten herein. Natürlich braucht er uns nicht lange überreden, unsere Taschen randvoll zu stopfen. Yummi, Käse haben wir uns in Amerika überhaupt noch nicht geleistet, weil der so teuer ist. Wir nehmen mit, was wir fortkriegen können und bedanken uns herzlich bei den lieben Herbergseltern.

Nicht so viel Glück hatten wir dagegen in Monterey. In der Hoffnung, kulanterweise auch im Monterey Bay Aquarium gratis reinzukommen, fragten wir nach Discount-Möglichkeiten für Round-The-World-Traveller. Wäre doch zu schön gewesen, wenn wir an dieser Stelle Montereys Hauptattraktion ein bisschen Honig hätten um's Maul hätten schmieren können. Leider ließen die sich in keinerlei Hinsicht erweichen, von den 19,40 USD Eintrittsgebühren pro Kopf Abstand zu nehmen. Hin und her gerissen, ob man allein schon aus Prinzip stur bleiben oder weich werden müsste, siegte der Geiz. Schade, Hanka hätte sich liebend gern das Aquarium angeschaut, aber 40 Dollar finden wir echt unangemessen. Was soll's - wir wollen ja sowieso irgendwann noch mal nach San Francisco, San Diego und sicher ist auf der Wiederholungstour mit neuem Geldbeutel auch das Monterey Aquarium noch drin. Dann aber gleich mit anschließendem Tauchgang durch Kaliforniens Kelpwälder!!!!

Zum Trost freuten wir uns über das schöne Wetter und die phantastischen Eindrücke vom Highway One. Die Aussichten entlang der steilen Klippen und wilder Brandung sind atemberaubend - wir hätten uns einen perfekteren Tag an der sonst im Winter nebelverhangenen Küste nicht aussuchen können! Im Nachhinein waren wir sogar ganz froh darüber, den Tag nicht im Aquarium verbracht zu haben, sondern die Sonnenstunden zu nutzen, um eine unserer Traumstraßen in vollen Zügen zu genießen.

Trotz der Sonne waren auch auf dem Rückweg nach L.A. die Stopps für heiße Schokolade nötig. Eine Tasse des wohltuenden Kakaos hielt so etwa zwei Stunden an, danach fühlten wir uns erneut bis auf die Knochen durchgefroren. Ehrlich gesagt hätten wir nicht gedacht, dass wir noch mal unsere Fleece-Unterhosen brauchen, geschweige denn die Thermoskanne vermissen. Winter in Kalifornien ist halt doch Winter und Camping können wir im Prinzip vergessen. Umso mehr freuten wir uns über unsere erste Einladung nach Laguna Beach. Paul und Yolanda wollen uns aufnehmen und wir sind schon ganz aufgeregt, wer sich hinter den netten Zeilen per E-Mail verbirgt. Am Telefon klang Paul ziemlich aufgeschlossen und nett. Obwohl morgen abend niemand zuhause sein wird, sollen wir uns keine Gedanken machen und uns willkommen fühlen. Hanka musste zwar zweimal nachfragen, ob wir wirklich einfach so reinschneien können, aber Paul lachte nur: "Hey, ich kenn Euch doch vom Internet." Wer in Deutschland würde jemand "Fremdes" einfach seinen Schlüssel zum Haus hinterlegen, wenn man sich noch nie im Leben vorher begegnet ist??? Na ja, wir freuen uns jedenfalls!

Bei unserem letzten Hot-Chocolate-Stopp kurz vor Cambria werden wir stutzig. Während wir vor dem Heißluftgebläse der Cafeteria sitzen und unser Überlebenselixier schlürfen, läuft im Fernsehen ein Video über See-Elefanten. Komisch, aber der Leuchtturm im Film sieht genauso aus wie der um die Ecke! Michel und Susanne hatten uns auch erzählt, dass es am Highway One See-Elefanten gäbe, aber wir wussten nicht genau, wo das sei. Beim Weiterfahren sehen wir bereits von der Straße aus einige der dicken Speckriesen am Strand rumfaulenzen. Morgen müssen wir unbedingt noch mal zurückkommen. Jetzt ist erstmal ein Bett wichtig und in Cambria gibt es die einzige Jugendherberge weit und breit. Nett und zuvorkommend werden wir als einzige Gäste in dem kleinen Cottage aufgenommen. Alles ist so familär, dass wir uns gleich zuhause fühlen. Unser Zimmer ist ganz liebevoll und kuschelig eingerichtet, dass es sich eher wie ein Kinder- als ein Jugendherbergszimmer anfühlt. Während im Kamin ein Feuer prasselt, quetschen uns die Herbergseltern über alle möglichen Details unserer Reise aus. Momentan kommt hier nicht so oft jemand vorbei, so dass die drei gar nicht glauben können, dass bei diesen Temperaturen jemand auch noch per Motorrad unterwegs ist.


12. Dezember 2003, Cambria - Laguna Beach
33.907 km, keine GPS-Daten

Die Gemeinde der See-Elefantenschützer in Cambria ist wahnsinnig stolz auf die immer größer werdende Herde an Tieren. In den letzten Jahren hat sich die Geburtsrate der See-Elefantenbabies vervielfacht und Cambria ist einer der wenigen Plätze in der Welt, wo die knuffigen Riesen ans Festland kommen. Der benachbarte Highway scheint die Faulenzer in keinster Weise zu stören. Friedlich lümmeln die schwabbeligen Schnarcher im Sand herum. Die ersten Geburten stehen bevor aber glaubt mal, dass man als Laie ein schwangeres Weibchen von einem normalen Fettwanst unterscheiden könnte... Am besten sehen die Alpha-Männchen aus, denn die haben die wirklich langen Nasen-Rüssel, denen die Spezie ihren Namen verdankt. Das Teil lässt sich regelrecht aufrecken und ist unglaublich beweglich beim Schnarchen. Soweit wir uns erinnern können, haben wir noch nie See-Elefanten gesehen und hier liegen die schweren Fettriesen des Pazifiks direkt wenige Meter vor uns. Man weiß bis heute nicht genau, weshalb See-Elefanten - anders als Robben - diesen Rüssel haben. Fakt ist, dass sie unverhältnismäßig tief und lange tauchen können, was die Tiere wiederum einmalig macht. Trotz des unfeinen Geruchs können wir uns gar nicht wieder losreißen, zumal die Vertreter der Gemeinde noch etliche Informationen über ihre stolzen Schützlinge auf Lager hatten.

Anschließend wird es Zeit, der Honda die Sporen zu geben. Wir müssen es heute bis Los Angeles schaffen, was noch knappe 500 km bedeutet! Die kleine Abkürzung entlang des State Highways 154 sollte sich bezahlt machen. Unsere Herbergseltern in Cambria hatten uns eine landschaftlich tolle Strecke versprochen, was diesmal nicht mal amerikanisch übertrieben war. Erst erspähten wir märchenhaft grüne Wiesen voller orangefarbener Kürbisse (Halloween ist doch längst vorbei), aber auch die Gegend um den Lake Cachuma wäre defintiv einen Erkundungsausflug wert gewesen. Es ist ätzend, wenn man einfach keine Zeit hat. Zielgerichtet steuerten wir Los Angeles entgegen. Highway, Highway, Highway. Immerhin wussten wir uns über jedes Grad Celsius mehr zu freuen, denn ab Santa Barbara stiegen die Temperaturen spürbar an. Dabei hatten wir schon befürchtet, dass es in L.A. inzwischen auch so kalt geworden wäre.

Im Dunkeln erreichten wir die ersten Suburbs und quälten uns durch den abendlichen Blechlawinenstau der Metropole. Erschöpft gönnten wir uns eine letzte heiße Schokolade in Santa Monica. Leider ist auch keine Zeit für Venice Beach und die ganze Gegend, die uns bei unserem ersten gemeinsamen Urlaub vor 6 Jahren so vertraut wurde. In Erinnerung an damals müssen wir noch immer lachen, wenn wir an Eriks ersten Versuch zurückdenken, auf Rollerblades am Venice Beach langzufahren (das ist da, wo Bodybuilder am Strand trainieren und jeder cool aussehen will). Aber fangen wir gar nicht erst an mit dem Quatsch von "was-waren-wir-damals-noch-jung-und-verliebt". Sind wir das nicht heute noch immer? Auf jeden Fall!!!

Laguna Beach liegt südlich von Los Angeles und wir sollten noch einige Stunden im stockenden Highway-Verkehr zubringen, bis wir den Abzweig endlich sahen. Pauls Wegbeschreibungen waren perfekt und wir fanden auf Anhieb die Adresse. Der Schlüssel lag am vereinbarten Platz und aufgeregt schlossen wir die Tür auf ....................................... Wow! Uns traf der Schlag! "Erik kneif mich mal, ich glaube ich träume!" Das Haus war tatsächlich ein Traum und Paul hatte zwei Zettel und ein Telefon auf den Fußboden für uns ausgebreitet mit sämtlichen Details, wo wir was fanden (Kühlschrank, Zimmer, Computer, Badewanne, Garage, etc.). In unserem Zimmer stand eine Flasche Wein. Wir kamen uns wie im Film vor (so ungefähr wie bei "Pretty Woman") und konnten einfach nicht begreifen, wie jemand derartig großzügig sein konnte. Völlig baff kicherten wir uns immer wieder an und waren umso gespannter darauf, Paul und Yolanda endlich kennenzulernen. Die beiden waren auf einer Weihnachtsfeier, aber Paul schien vermutlich genauso gespannt auf uns. Das Kennenlernen wurde ebenso herzlich wie unser Empfang. Paul, der sich als ehemaliger Deutscher über uns "German visitors" freute, konnte gar nicht genug von unseren Erlebnissen hören. Zusammen mit Yolanda (die eine sagenhafte Mutter von 6 Kindern ist) verwirklicht er in tappenstückchen seinen Traum, die Panamericana mit dem Motorrad zu fahren. http://www.natureseeker.com Diesen Sommer waren die zwei schon in Alaska und das nächste Stück bis Panama Anfang nächsten Jahres ist bereits fest geplant. Aufgeregt und glücklich schliefen wir in dieser Nacht ein. Sind wir nicht zwei unglaubliche Glückskinder?


13.-14. Dezember 2003, Laguna Beach

33.907 km, keine GPS-Daten

Unser Glückzustand hielt in diesen Tagen weiter an. Diesen Zustand haben wir in erster Linie Paul und Yolanda zu verdanken, ohne die wir die letzten stressigen organisatorischen Dinge nie geschafft hätten. Paul nahm sich extra ein paar Tage frei und telefonierte lediglich mit seiner Firma, damit er mit uns neue Schlösser und Bremsbeläge kaufen konnte (er hat doch tatsächlich welche gefunden, die augenblicklich passten), das Carnet de Passage in Thousends Oaks am anderen Ende von L.A. abzuholen, usw. (Stolz und aufgedreht holten wir das Zolldokument bei Iria ab und den Stein, der Papa vom Herzen gefallen ist, konnte man bis nach Amerika plumpsen hören!!!) Der Arme hat uns Hunderte Kilometer durch die Gegend kutschiert, um unsere To-Do-Liste mit uns abzuarbeiten. Erik freute sich wie ein Kind, als Paul ihm sogar die Schlüssel für seinen Diesel in die Hand drückte! Nebenbei durften wir sogar noch die BMW GS 1150 austesten, und Hanka schlug auch eine Probefahrt auf dem Rücksitz der Goldwing nicht aus. Wir wissen gar nicht, wie wir ihm für alles danken sollen!!! Unsere Reise könnten wir nicht halb so schön erleben, wenn da nicht so wunderbare Menschen wären wie Ihr!

Trotz dass wir so beschäftigt waren, Motorrad und Zeltausrüstung waschen und putzen mussten, nahmen sich Paul und Yolanda enorm viel Zeit für uns. Am ersten Abend erlebten wir zur Party einer Bekannten die weihnachtliche Boots-Parade der Yachten in Huntington Beach. Kitschig amerikanisch schipperten die schreiend bunten Schiffe durch die Kanäle an den privilegierten Villen vorbei. Keine Ahnung, was das noch mit Weihnachten zu tun haben soll, aber Spaß hatten wir alle. Hanka genierte sich lediglich der Sandalen wegen, die sie tragen musste (Sandalen mit Socken, ist das nicht oberpeinlich?); hatte sie doch ihre Turnschuhe in Acapulco verschenkt und nicht erwartet, dass wärmere Schuhe so schnell wieder notwendig wären. Gleich am nächsten Morgen wurde sie allerdings auch von dieser Qual befreit und springt jetzt stolz mit himmelblauen Turnschuhen durch die Gegend.

Da wir uns vor lauter Stress noch kein bisschen weihnachtlich fühlten, beschlossen Paul und Yolanda genau das zu ändern. Auf den Fidschis wird ohnehin keine Weihnachtsstimmung bei uns aufkommen und so erlebten wir unser ganz persönliches Vor-Weihnachten bei den beiden. Paul trieb im Internet das
gesamte Repertoire an Weihnachtsliedern auf und so verbrachten wir weihnachtlich summend und pfeifend die Stunden in der Garage und am Computer. Yolanda zauberte auch noch ein himmlisch leckeres Weihnachtsessen - es war einfach wunderbar mit den beiden! Dennoch fühlten wir uns schrecklich undankbar, weil wir insgesamt so beschäftigt waren. Es kommt uns beinahe schon wie der Organisationsmarathon während der letzten Tage in Hamburg vor, als wir nach Südamerika aufbrachen. Allerdings mit dem feinen Unterschied, dass wir uns ehrlich gesagt gar nicht recht auf das Bevorstehende freuen. Fidschi klingt zwar nach Urlaub, aber irgendwie würden wir lieber ein paar Tage mehr mit Paul und Yolanda verbringen - ganz in Ruhe! Leider aussichtslos, denn die Flüge vor Weihnachten sind dermaßen dicht, dass wir nicht mal umbuchen können.


15. Dezember 2003, Laguna Beach - Palm Dessert

33.907 km, keine GPS-Daten

Heute ist der große Tag! Bis zur letzten Minute packen und putzen wir noch, hoffen innigst, dass es nicht regnen möge und machen uns vormittags auf den Weg zur Spedition. Robbie verpassten wir allerdings nur knapp in der Spedition und so mussten wir unser Motorrad und die Helme einem (beinahe) ahnungslosen Asiaten namens Kohji anvertrauten. Irgendwie beschlich uns ein seltsames Gefühl: das Geld hinterlegten wir in einem Umschlag und wir erhielten weder einen Vertrag noch sonst eine schriftliche Vereinbarung. Ob die selbstgekritzelte Empfangsbestätigung rechtlich wirksam wäre, ist auch fraglich. Wir mussten sogar unsere Original-Zulassung hinterlegen, die der amerikanische Ausfuhrzoll verlangt. Spätestens an diesem Punkt fühlt man sich, als ob man gerade eine große Dummheit begeht. Aber irgend etwas sagte Hanka, dass wir Robbie trauen können. Es wird schon alles klar gehen. Werden ja sehen, ob wir unsere Honda in Neuseeland in Empfang nehmen können oder nicht!

Nachdem wir die Honda abgeliefert haben, spüren wir förmlich, wie die Anspannung langsam weicht. Pünktlich werden wir als Motorradlose von Paul und Yolanda eingesammelt und düsen nach Palm Dessert, wo die beiden erst diese Woche ein zweites Haus gekauft haben. Uns gehen im Auto nach Tausende Dinge durch den Kopf - haben wir wirklich nichts vergessen? Nachdem uns (erstmal) nicht Beunruhigendes mehr einfällt, beschließen wir, den Tag ganz in Ruhe ausklingen zu lassen und uns mit den beiden über das Haus zu freuen. Palm Dessert ist ganz in der Nähe von Palm Springs, dem beliebtestem Pflaster für Stars und Sternchen aus Hollywood. Unglaublich, was die Amis an Protz einfach in die Wüste gebaut haben! Natürlich flanieren wir durch die Stadt, wo allerdings zum Montagabend im Winter alle Bürgersteige hochgeklappt sind. Zuerst führt er uns zu seinem Lieblingsitaliener und beschließt anschließend, den Whirlpool heute Nacht noch einzuweihen!So sitzen wir stundenlang unterm Sternenhimmel, lassen uns Schwimmhäute wachsen und plauschen über Gott und die Welt. Uns ist schon ein bisschen melanchonisch zumute, wenn wir daran denken, dass morgen ein völlig neues Kapitel unserer Reise aufgeschlagen wird. Eins wissen wir aber: Paul und Yolanda sind bereits unsere beiden Sternchen. Wir werden sie schrecklich vermissen!

 
Hanka und Erik
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