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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Mittelerde Neuseeland  (Teil 1)

7. Januar 2004, Nadi - Auckland
34.017 km, S 36-51-00 / E 174-46-27

Der Flug von den Fijis nach Auckland dauert 3 Stunden und natürlich landet man in einer völlig anderen Welt. Was wir während der Busfahrt vom Flughafen in die Stadt so erspähen, wirkt sehr europäisch. Menschen, Häuser, Vegetation - kommt uns alles recht vertraut vor. Auch der Himmel zeigt sich wolkenverhangen und es nieselt leicht. Genaugenommen ist es das Erbe des britischen Einflusses, den wir wiedererkennen, doch auf diese Entfernung zählt England schon mal mit zur Heimat. Da sage doch einer, dass Reisen nicht tolerant macht!

Auf dem Weg von der Bushaltestelle zum Hostal verlaufen wir uns. Entnervt stehen wir mit unseren 4 schweren Taschen im Regen und Erik versucht gerade, die Gegend auf dem Stadtplan wiederzuerkennen, als ein kleiner Radlader angetuckert kommt. Der Fahrer erklärt uns ungefragt nicht nur den Weg zum Hostal sondern gibt uns nach einem kurzen Gespräch auch gleich seine Telefonnummer. Wir sollen es nicht versäumen, ihn und seine Frau einmal zu besuchen, wenn wir demnächst mit dem Motorrad nach Auckland kommen. Verblüfft ziehen wir weiter. Das würde zu Hause doch nicht so leicht passieren.

Am späten Nachmittag ziehen wir noch einmal in die Stadt und genießen die Annehmlichkeiten der westlichen Welt: Wendy's und Starbuck's Coffee, Internet und Kino. Seltsam, was man auf Reisen manchmal so vermisst.


8.-11. Januar 2004, Auckland

34.017 km, S 36-51-00 / E 174-46-27

Wir sind gezwungen, einige Tage in Auckland zu verbringen, bis unser Anschlussflug nach Dunedin geht. Das Hostel am Constitution Hill ist zwar nicht besonders schön aber zumindest nicht so unpersönlich wie die großen Backpacker-Housing-Machines in Central Auckland und immer noch in fußläufiger Entfernung zum Zentrum. Auch der redseelige Herbergsvater Robert hat uns bald ins Herz geschlossen - und wir ihn.

Beim Stadtbummel bekommen wir schon einige "Adrenalin-Attraktionen" zu sehen, für die Neuseeland berühmt ist: Eine riesige Schleuder, an der zwei Personen in einer Kapsel an Gummiseilen in den Himmel geschleudert werden; eine Hochhauswand, an der ein Mädchen nur mit einem Seil gesichert, mit dem Gesicht zum Boden herunterlief. Dann ist da noch der erst 8 Jahre alte, 328 m hohe Fernsehturm Sky Tower, für den seine Erbauer eine besondere Abstiegsmöglichkeit vorgesehen haben. Von der 192 m hohen Aussichtsplatform kann man kopfüber, an Seilen gesichert in die Tiefe springen. Wir zogen dann doch den Aufzug vor.

Wir genossen stattdessen andere Annehmlichkeiten der Großstadt. Abends bei einem Bier im Straßencafe draußen gesessen haben wir schon lange nicht mehr. Das erste Mal seit 10 Monaten (eigentlich 15 Monate, wenn man den deutschen Winter vor unserer Abreise mitzählt) erleben wir lange Sommerabende, an denen es erst nach neun dunkel wird.


12. Januar 2004, Auckland - Dunedin

34.017 km, S 36-51-00 / E 174-46-27

Es ist fast wolkenlos während des Flugs von Auckland über Christchurch nach Dunedin und so kommen wir in den Genuss, Mittelerde aus der "Drachenperspektive" zu genießen. Der perfekte, im ansonsten hügelig-platten Küstenland stehende, Vulkankegel Mount Egmont, dann die zerklüftete Insellandschaft des Marlborough Sounds, die Gebirge im Norden der Südinsel mit ihren verzweigten Flüssen, die aus der Luft wie Spaghetti aussehen. Die Südinsel wird übrigens auch "Mainland" genannt, obwohl nur ein Viertel der 4 Millionen Neuseeländer hier leben.

Um so mehr Touristen drängeln sich in der Hauptsaison auf der landschaftlich schöneren Südinsel und so bekommen wir mit Glück noch zwei Betten in einem Hostel. Hier lebt auch der riesige, 12 Jahre alte, gelbe Kater Zak, den alle schnell ins Herz schließen. Doch sein Frauchen macht sich Sorgen um ihn - Zak frisst nicht und das schon seit Tagen! Doch als wir Fisch zum Abendessen braten, kennt sein Appetit plötzlich keine Grenzen. Zak war wohl nur "sick of whiskas"...

 

13. Januar 2004, Dunedin
34.024 km, S 36-51-00 / E 174-46-27

Heute ist der Tag, an dem wir endlich unser Motorrad abholen können! Vier Wochen ist es nun her, seit wir die Honda in L.A. auf die große Reise geschickt haben. Gleichzeitig war es auf den Tag genau heute vor einem Jahr, als wir unser Motorrad von Hamburg Richtung Punta Arenas verabschiedeten.

Eriks Schritte werden immer länger und Hanka hat langsam Mühe, ihm zu folgen, je mehr wir uns dem Hafengelände nähern. Schnell haben wir die Adresse gefunden und kurz darauf stehen wir zum ersten Mal vor Robbie, unserem Spediteur. Wir sind etwas überrascht über sein Aussehen: Jeans, Holzfällerhemd, und ein Basecape, unter dem eine lange graue Mähne und ein verschmitztes Gesicht mit einem Rauschebart hervorschauen. In seinen E-Mails und am Telefon wirkte Robbie immer ganz wie ein seriöser, korrekter wenn auch unkomplizierter Geschäftsmann. Und das ist er auch - und ein ziemlich cooler noch dazu. Auf dem Beifahrersitz seines Pickup's wartet geduldig Robbies Schäferhündin Cathy, die er anscheinend überallhin mitnimmt. Jetzt erfahren wir auch, was Robbie eigentlich macht: Er kauft in Amerika beschädigte Motorräder, meist von Versicherungsfirmen, und exportiert diese nach Neuseeland, wo sie aufgebaut und wieder verkauft werden. Irgendwie rechnet sich das. Für den Transport mietet er einen ganzen Container an, wo er dann immer öfter auch Maschinen von Motorradreisenden mitnimmt. Abgesehen vom überaus fairen Preis hat man als Traveller dadurch den Vorteil, dass man keine Transportkiste bauen muss.

Unsere Honda wartet schon unter einem Verschlag und alles ist heil geblieben. Was für ein schönes Gefühl es doch immer wieder ist, sein Gefährt in einem anderen Kontinent wieder in Empfang zu nehmen!

Doch schon stehen zwei der gefürchteten Beamten der Landwirtschaftsbehörde vor uns, um das Motorrrad auf irgendwelche organischen Verunreinigungen zu untersuchen. Wir haben schon tolle Geschichten über diese Inspektion gehört und dass man trotz noch so sorgfältiger Reinigung fast immer eine teure Entkeimungsprozedur in Kauf nehmen muss. Doch entweder ist die Desinfektionsanlage gerade kaputt oder die Beamten haben keine Lust - sie werfen jedenfalls nur einen kurzen Blick auf die Maschine und unsere Stiefel, die wir in den Koffern transportiert haben, und geben uns ihren Segen!

Genauso easy läuft es beim Zoll, zu dem uns Robbie fährt (Cathy nimmt derweil auf der Pritsche Platz). Der Beamte will das Motorrad gar nicht sehen und stempelt ohne viele Fragen das Carnet de Passage ab, das wir hier zum ersten Mal verwenden. Wir können kaum glauben, dass die ganze Prozedur nur eine halbe Stunde gedauert und keinen einzigen Dollar gekostet hat (mal abgesehen vom Carnet.

Dann könnten wir jetzt eigentlich losfahren, doch die Honda hat noch Startschwierigkeiten - die Batterie ist nicht mehr die Jüngste. Außerdem ist der Hinterreifen platt, was auch kein Wunder ist, denn wir hatten es nicht mehr geschafft, den in San Francisco mit Pannenspray geflickten Schlauch zu wechseln. Alles kein Problem - Robbie hat für solche Fälle schon ein Starthilfekabel und eine Druckluftflasche parat. Noch ein Abschiedsfoto mit Robbie und Cathy und auf gehts. Das war die bisher einfachste Verschiffung unserer Reise. Einziger Wermutstropfen an der Verschiffung nach Neuseeland bleibt, dass wir für's nächste Land schon wieder verschiffen müssen. Doch wir sind sicher, dass wir in den nächsten 6 Wochen dafür ausreichend entschädigt werden.


14. Januar 2004, Dunedin (Ausflug Otago Peninsula)

34.141 km, S 45-52-46 / E 170-29-44

Wir haben gerade unsere ersten Kilometer im Linksverkehr wohlbehalten hinter uns gebracht, als uns schon ein straßenbautechnisches Extrem erwartet: Die Baldwin Street in Dunedin ist die laut Guiness Buch der Rekorde steilste Straße der Welt (Gradient 1 in 1,266). Die Honda kommt zwar etwas ins Schnaufen, fährt uns aber brav im 1. Gang ans obere Ende der Straße. Hier möchte man nicht Briefträger sein.

Anschließend ein Ausflug zu der Dunedin vorgelagerten Otago Peninsula. Endlich wieder richtig Motorradfahren! Die Halbinsel bietet viele schöne Straßen durch eine zerklüftete Küstenlandschaft - zu Eriks Freude und Hankas Verdruss ein Großteil davon in Schotter. Leider hat die Honda die Überfahrt anscheinend doch nicht so gut verkraftet. Neben andauernden Startproblemen hat sie jetzt auch noch Aussetzer beim Beschleunigen. Da ist wohl dringend eine "große Durchsicht" fällig.

Am äußersten Zipfel der Halbinsel machen wir noch Bekanntschaft mit großen Seehunden - Fur Seals - die träge am steinigen Strand herumliegen. Die auch hier lebenden Pinguine sind da schon fleißiger, sie gehen tagsüber fischen und kommen erst abends zurück an Land (deshalb sehen wir auch keine). Doch auch ein anscheinend teilnahmsloser Seehund kann erstaunlich schnell und ungemütlich werden, wenn man ihm zu nahe kommt, wie Erik erschrocken feststellen muss. Erst später lesen wir eine entsprechende Warntafel, auf der auch steht, dass die Viecher richtig gut beißen können... Was tut man nicht alles für ein gutes Foto.


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5. Januar 2004, Dunedin - Papatowai

34.302 km, S 46-33-26 / E 169-28-14

Wir verlassen Dunedin Richtung Süden und biegen in Balclutha auf die "Southern Scenic Road" ab. Zum ersten Mal probieren wir neuseeländische Fish'n Chips. Das Fast-Food-Nationalgericht ist für unseren Geschmack aber etwas zu fettig.

Ein lohnender Abstecher führt zum Nugget Point - einer Landspitze mit schöner, zerklüfteter Steilküste, an der Seehunde leben. Zwischen den Felsen haben sich einige von der See isolierte Pools gebildet. Hier tummeln sich Seehund-Babies unter Aufsicht der Mutter. Ein richtiger Kindergarten!

Auf dem Camingplatz in Papatowai schlagen wir unser Zelt auf. Wir sind erstaunt über die gute Ausstattung des Campingplatzes, dabei ist dieser hier noch relativ einfach. Die meisten Plätze in Neuseeland haben nicht nur großzügige und sehr saubere sanitäre Einrichtungen sondern auch Gemeinschaftsküchen mit Herden, Kühl- und Gefrierschränken, Mikrowelle, Toaster, Wasserkocher... Wir brauchten kein einziges Mal unseren Benzinkocher auszupacken. Ausserdem gehören ein Aufenthalts- und Fernsehraum, Internet-Terminals, Barbeque, Spielplatz, Swimmingpool, Wasch- und Trockenautomaten zur Ausstattung vieler Campingplätze, die neben Stellplätzen für Zelte und Wohnmobile auch noch Kabinen oder Bungalows in verschiedenen Ausstattungen und Preisklassen anbieten. Unterkunft ist also kein Problem in Neuseeland, nur an Regentagen sind die Kabinen schnell ausgebucht, wie wir bald feststellen werden.


16. Januar 2004, Papatowai

34.436 km, S 46-33-26 / E 169-28-14

Die Küstenregion namens Catlins ganz im Süden der Südinsel ist angeblich das bestgehütete Geheimnis in Neuseeland. Das ist natürlich Quatsch zumal es auch noch im Reiseführer steht. Stattdessen mischen wir uns unter die unzähligen anderen Touristen, die mit ihren Campervans, Mietwagen oder Fahrrädern die verschiedenen Sehenwürdigkeiten entlang der Southern Scenic Road abklappern. Ja, Neuseeland ist überlaufen von Touristen, jedenfalls jetzt in der Hauptsaison entlang der touristisch erschlossenen Regionen. Und es ist ganz offensichtlich, dass das Land ein Lieblingsreiseziel der Deutschen ist. Alle wollen anscheinend ein paar Hobbits sehen...

Die Sehenswürdigkeiten der Catlins Coastline sind hervorragend erschlossen. Straßen, Hinweisschilder, Parkplätze, Informationstafeln, Wanderwege und gekennzeichnete, zum Fotografieren besonders geeignete Aussichtspunkte machen die Fotojagd zum Kinderspiel. Die Gegend hat auch wirklich einiges zu bieten: Wasserfälle, dunkle Seen, in denen sich die Landschaft spiegelt, traumhafte Strände, Kalksteinfelsen mit gewaltigen Höhlen, versteinerte Urwälder, vom Wind flaggenartig geformte Bäume, immer wieder neue, faszinierende Küsten und Wälder mit Riesenfarnen, die für Neuseeland so etwas wie eine Wappenpflanze sind. Die Tierwelt kann dagegen mit Seehunden, Pinguinen und Delfinen aufwarten. An der Curio Bay sehen wir Delfine, wie sie in den sich brechenden Wellen zum Strand hin "surfen". Das ist ein unglaublich schöner Anblick. Hanka schwärmt den ganzen Rest des Tages.

 

17. Januar 2004, Papatowai - Oamaru
34.714 km, S 45-05-50 / E 170-57-15

In der Nacht hat es geregnet, doch während wir frühstücken, trocknet das Zelt schnell ab. Unser Frühstück in Neuseeland besteht übrigens meist aus "Crumpets". Das ist eine Art Omelett, nur kleiner und fluffiger, die es abgepackt wie Toastbrot in jedem Supermarkt zu kaufen gibt. Crumpets schmecken am besten getoasted und mit Marmelade oder Nutella bestrichen.

Unsere Route führt zurück über Dunedin entlang der Ostküste Richtung Christchurch und Amberley, wo in 2 Tagen ein Motorrad-Traveller-Treffen stattfindet. Paul aus Laguna Beach, Kalifornien, hatte von dem Treffen im Internet gelesen und uns gleich davon berichtet. Wir wollen uns das Ereignis nicht entgehen lassen.

In Dunedin kehren wir mittags noch einmal in unsere Lieblingskneipe ein. Das "Arc" in der High Street ist echt ein Geheimtipp. Es gibt ein Sommerspecial "1 Pint Bier für 2 Dollar", kostenloses, wenn auch langsames Internet und das Thai-Curry ist sensationell gut.

Nördlich von Dunedin fahren wir spontan einen kleinen Umweg über Seacliff und Karitane und werden mit traumhaften Ausblicken über die hügelige Küstenlandschaft belohnt. Ansonsten ist die Fahrt entlang der SH1 wenig aufregend. Die Moeraki Boulders, etwa 30 kugelförmige große Felsen am Strand, sind zu einer solchen Touristenfalle ausgebaut, dass einem schon die Lust am Anschauen vergehen kann.

Gerade noch rechtzeitig erreichen wir Oamaru, um den abendlichen Landgang der Gelbaugen-Pinguine zu beobachten. Auf einer Aussichtsgalerie warteten bereits 30 bis 40 andere Touristen, mit Ferngläsern, Kameras und Teleobjektiven bewaffnet auf das allabendliche Spektakel. In sicherer Entfernung von etwa 150 m watschelten schließlich ganze 2 Tiere über den Strand in ihr Nachtquartier in den Dünen. Wir kamen uns ein bisschen vor wie Pavarazzi...


18. Januar 2004, Oamaru - Amberley
35.022 km, S 43-09-26/ E 172-43-46

Das Motorrad-Traveller-Treffen bei Nigel und Kitty in Amberley ist ein voller Erfolg. Die beiden sind Mitglieder der Horizonsunlimited-Community - DEM Internetforum für Motorradreisende. Auf der Seite www.horizonsunlimited.com findet man unzählige Infos von und für Motorradreisende. Wir haben das Forum selbst schon einige Male genutzt und so z.B. aktuelle Hinweise zur Ersatzteilversorgung oder Verschiffung bekommen. Die Horizonsunlimited-Comunity ist eine Art weltweites Netzwerk von meist ehemaligen Motorradtravellern, die anderen Reisenden ihre Hilfe anbieten. Und wir finden es immer wieder wunderbar, wieviel Hilfsbereitschaft es unter Bikern gibt. Für uns steht fest: Sobald wir wieder ein Zuhause haben, treten wir in die Community ein.

Nigel und Kitty veranstalten sogar jedes Jahr eine Gartenparty, zu der sie alle Motorradreisenden einladen, die gerade in der Gegend sind. Wir erleben zum ersten Mal, was neuseeländische Gastfreundschaft heißt. Etwa 30 internationale Gäste werden mit einem Riesenbarbeque und literweise selbstgebrautem Bier versorgt. Die beiden lehnen es strikt ab, dass wir uns an den Unkosten beteiligen - stattdessen wird jeder Gast gebeten, ein interessantes Reiseerlebnis zu erzählen. Keine Frage, dass es eine lange Nacht wurde... Daneben wird natürlich jede Menge gefachsimpelt - immerhin steht der ganze Hof voller Maschinen mit Alukoffern an den Seiten. Die meisten Gäste waren übrigens aus Deutschland - wen wundert's?

Hankas größte Aufregung war heute jedoch die Erkenntnis, ihren Ring beim Abwaschen auf dem Campingplatz in Oamaru liegengelassen zu haben. Kreidebleich vor Schreck steuerten wir eine Telefonzelle nach der anderen an. Es war bereits zu spät, um noch mal umzukehren. Und wie immer in solchen Fällen, war die Nummer ewig lang besetzt. Nachdem Hanka drei Stunden lang mit Magenschmerzen auf der Honda hockte, erwischten wir endlich jemanden auf dem Campingplatz. Hanka wäre der netten Frau am liebsten um den Hals gefallen - jemand hatte das gute Stück abgegeben und es wär keine Frage, uns den Ring zuzuschicken. Verblüfft und überglücklich kehrte Hanka mit einem unbeschreiblichen Strahlen zum Motorrad zurück. Ihr fielen ganze Felsbrocken vom Herzen!


19. Januar 2004, Amberley

35.214 km, S 43-09-26/ E 172-43-46

Für alle, die Lust und Zeit hatten, bot Nigel heute noch einen Ausflug über Schotterstraßen in den Lake Sumner Forest Park an. Logisch, dass wir Lust haben und die Zeit nehmen wir uns einfach! Zusammen mit Mario auf einer KTM Adventure und Tim auf einer Transalp folgen wir Nigel, der auf seiner BMW F650 GS vorausfährt. Es ist immer wieder ein unbeschreiblich gutes Gefühl im Pulk von mehreren Enduros über Schotterpisten durch die Landschaft zu brausen. Die Staubfahnen, das leichte Driften in den Kurven, die Motorengeräusche - ein bisschen Freiheit und Abenteuer eben. An einem Flusslauf machen wir die erste Rast und Nigel kocht sogar Kaffee auf einem mitgebrachten Campingkocher. Dazu gibt es Tim Tam's. Die mit Milchschokolade gefüllten und überzogenen Waffelkekse sind das Lieblingsgebäck der Neuseeländer. Wir lernen gleich, wie man Tim-Tam-Coffee trinkt: Indem man zwei diagonal gegenüberliegende Ecken eines Tim Tam's abbeißt und diesen als Strohhalm benutzt. Anschließend muss man sich jedoch sehr beeilen, um die binnen Sekunden zerschmelzende Schokoladenmasse noch rechtzeitig in den Mund zu befördern.

Der restliche Weg zu den Seen wird noch abenteuerlicher. Mit dampfenden Auspüffen geht es durch zum Teil knietiefe Pfützen. Eriks Endurofahrerherz schlägt höher aber Hanka auf dem schlingernden Heck wird es himmelangst. Mit nassen Füssen und schlammbespritzten Maschinen kommen wir am See an, doch der Weg war das eigentliche Ziel.

Nigel und Kitty lassen uns am Abend nicht gehen, ohne dass wir noch einmal mit ihnen gegessen und dabei etliche Traveller-Geschichten ausgetauscht haben. Die beiden sind vor einiger Zeit mit einer Royal Enfield durch Indien gereist und legen uns das Land wärmstens ans Herz. Die Inder mit ihrer unglaublichen Mentalität dürften wir auf keinen Fall verpassen. Na, wir werden sehen...


20.-24. Januar 2004, Amberley - Christchurch
35.453 km, S 43-32-17 / E 172-34-59

Heute steht nur eine Mini-Etappe bis nach Christchurch auf dem Programm, wo wir uns mit Tim und dem Bremer Pärchen Claudia und Ingo auf einem Zeltplatz verabredet haben. Auch Mario, der bei Bekannten von Bekannten in Christchurch untergekommen ist, will am Abend noch einmal vorbeischauen. So geht das Bikertreffen mit seinem harten deutschen Kern in den dritten Tag...

Doch wir haben uns auch vorgenommen, das Motorrad mal wieder auf Vordermann zu bringen. In letzter Zeit konnten wir es am Morgen nur noch durch Anschieben zum Starten überreden und auch die Aussetzer beim Beschleunigen sind überaus lästig, vor allem beim Überholen vor Gegenverkehr, den es auf der Südinsel zum Glück nicht so häufig gibt... Dann ist da seit San Francisco noch die Pannenspray-Mischung im Hinterreifen, die sich allmählich auflöst, so dass wir neuerdings täglich Luft aufpumpen müssen. Höchste Zeit für einen Service also. Nigel hat uns die Adresse von einem günstigen Ersatzteilhändler mitgegeben, bei dem wir alles finden müssten, was die Honda brauchte.

Der Schlauchwechsel war schnell erledigt, doch Erik musste dabei feststellen, dass die hinteren Radlager ausgeschlagen waren. Noch ein Punkt auf der To-Do-Liste. Die Suche nach der Ursache für die Aussetzer zog sich wider Erwarten etwas länger hin. Benzinfilter und Kontakte der Zündanlage reinigen haben nichts gebracht, also versuchten wir es am nächsten Tag mal mit neuen Zündkerzen. Außerdem spendieren wir der Honda eine neue Batterie, das war nämlich langsam überfällig. Und siehe da, sie startet und beschleunigt wieder als wäre nichts gewesen!

Tim, Claudia und Ingo sind nach einem Tag wieder abgereist, doch wir wollten uns noch der Radlager annehmen, solange wir in Christchurch den günstigen Ersatzteilhändler hatten. Mario bot uns gleich seine Hilfe beim Lagerwechsel an und wir lehnten nicht ab, denn der KTM-Fahrer war uns schnell ans Herz gewachsen. Er ist aber auch ein Original!

Mario stammt aus Görlitz, doch seine Familie ist noch zu DDR-Zeiten in den Westen ausgewandert. Zusammen mit seiner Freundin Emma und zwei KTM's sind sie vor 2 Jahren auf Weltreise aufgebrochen; Ziel: Asien, Australien, Neuseeland. In Sibirien war dann erst einmal Schluss, einerseits wegen Motorschadens, andererseits, weil alle angrenzenden Staaten die Einreise verweigerten. Also ging es mit der Transsibirischen Eisenbahn und einem halbzerlegten KTM-Motor im Handgepäck bis nach Vladivostok und weiter mit dem Schiff nach Japan. Dort ging dann schnell das Geld zur Neige (Japan ist vor allem teuer), doch den beiden wurde von einem japanischen Bikerclub und der KTM-Niederlassung weitergeholfen. Bei den Bikern konnten sie wohnen und KTM spendierte eine Generalüberholung der beiden Motorräder. Anschließend schoss die Werksniederlassung sogar die Kosten für den Transport der Bikes nach Australien vor, so dass die Reise weitergehen konnte. In Australien wurde abwechselnd gearbeitet und gereist, ebenso in Neuseeland. Leider haben sich die beiden inzwischen getrennt, Emma ist nach Deutschland zurückgekehrt. Doch Mario kann nicht genug bekommen vom Reisen und will demnächst wieder nach Australien übersetzen. Soweit die Kurzfassung von Marios Geschichte, die er uns gespickt mit etlichen Anekdoten an diesem und den folgenden Abenden erzählte. Wir haben selten so einen lustigen, unbekümmerten und leidenschaftlichen Traveller getroffen.

Leider stellte sich nach dem Ausbau der alten Radlager heraus, dass die neu gekauften nicht passten. Marios KTM stand auch gerade zerlegt in der Garage seiner Gasteltern Dave und Marjory, so dass wir plötzlich ohne Fahrzeug dastanden, um die Radlager umzutauschen. Sobald Dave von unserem Problem mitbekam, bot er uns sofort seine Hilfe an. Am nächsten Morgen stand der 76jährige mit seinem Wagen auf dem Campingplatz um uns zum Motorradhändler zu fahren. Mario, der auch ein Ersatzteil zu besorgen hatte, kam gleich mit. Doch damit nicht genug. Unser Lenkkopflager war verschlissen; eine Reparatur die allerdings nicht unbedingt sofort erledigt werden musste und auch etwas zu umständlich war, um sie auf dem Campingplatz auszuführen. Dave und Mario überzeugten Erik, doch gleich neue Lenkkopflager mit zu kaufen und diese in Daves Garage auszuwechseln. Wenn man einmal am Basteln ist... Ach ja, fast hätten wir es vergessen, da waren noch die vorderen Bremsbeläge In L.A. hatten wir mit Paul und Yolandas Hilfe noch Neue besorgt, es aber nicht mehr geschafft, diese einzubauen. Jetzt war es höchste Zeit, nur hatten wir das Problem, dass einer der Bremsbelag-Haltestifte korrodiert und der Kopf bereits überdreht war. Beim freundlichen Honda-Händler hatten wir schon Ersatz besorgt, nur musste der alte Stift noch ausgebohrt werden.

Dave und Marjory waren richtig goldig, so wie man sich die liebsten Großeltern vorstellt. Sie konnten selbst kaum glauben, dass sie plötzlich zwei deutsche Motorräder in ihrer Garage stehen hatten, deren Besitzer mit ölverschmierten Händen daran herumbastelten - wie in alten Zeiten, also ihre beiden Jungs noch zuhause wohnten. Sie waren übrigens die Eltern von Marios Freund Harold, bei dem er für einige Zeit in Melbourne gelebt und gearbeitet hatte. Wie Mario sie gesucht und über Umwege gefunden hatte, ist schon wieder so eine typische Mario-Anekdote: Harold hatte ihm die Adresse in einem Vorort von Christchurch aufgeschrieben und als Mario, mit dem Zettel in der Hand, an der Tür klingelte, öffnete eine liebenswerte alte Dame, die ihn sofort freudig umarmte und ins Haus führte. Beim obligatorischen Begrüßungstee erzahlte Mario, wie er hergefunden hatte und was seit Melbourne so erlebt hatte. Sein Englisch ist zwar ziemlich holprig, dafür hat er keinerlei Scheu sich in der Sprache zu unterhalten. Alle Vokabeln, die ihm nicht einfallen, ersetzt er einfach durch die deutschen Wörter und wir staunten oft nicht schlecht, wie gut ihn die Leute trotzdem verstehen. Jedenfalls, nach etwa einer halben Stunde erzählte Mario, was er mit Harold so alles angestellt hatte. Die Dame hörte geduldig zu und fragte schließlich, wer dieser Harold denn eigentlich sei. Es stellte sich heraus, dass Harolds Eltern im Nachbarhaus wohnten, die alte Dame einen Bekannten hatte, der wohl so ähnlich aussah wie Mario und die beiden sich trotzdem wunderbar unterhalten hatten. Mario durfte nicht gehen ohne zu versprechen, demnächst noch einmal zum Tee vorbeizuschauen!

Den Bremsbelag-Haltestift hatten wir bald ausgebohrt und die alten Lenkkopflager ausgeschlagen bzw. abgeflext. Irgendwie scheint Honda aber die Transalp in Neuseeland mit anderen Lagergrößen zu versehen, jedenfalls hatten wir wieder einen Satz Lager gekauft, der nicht passte. Also fuhren wir mit Dave am nächsten Morgen wieder in die Stadt. Wir mussten diesmal eine ganze Reihe von Geschäften abklappern, bevor wir die richtigen Lager gefunden hatten und Dave zeigte dabei schon fast mehr Geduld und Ausdauer als Erik. Doch beim Einbau sahen wir uns schon mit dem nächsten Problem konfrontiert: Das Gewinde vom Steuerkopf war beschädigt und wir bekamen die Zentralmutter nicht mehr drauf! Es war zum Verzweifeln! Erik versuchte erst, das Gewinde von Hand nachzuschneiden, gab aber mangels geeigneten Werkzeuges bald auf. Wieder einmal kam Dave zu Hilfe. Sein jüngerer Sohn Michael ist Ingenieur und arbeitet in einer Maschinenbaufabrik in Christchurch. Mit dem ausgebauten Steuerkopf besuchten wir ihn am nächsten Tag bei der Arbeit, wo er uns das Gewinde nachfeilte. Wir waren so dankbar! Es ist wohl fast schon überflüssig zu sagen, dass uns das Rentnerpärchen auch noch bewirtete,während wir ihre Garage annektiert hatten. Marjory erfreute sich unterdessen Hankas Unterhaltung - die beiden tauschten gleich Rezepte aus und fuhren zusammen einkaufen. Es war unglaublich - wir sind jedesmal sprachlos, wenn wir so viel Hilfe von völlig fremden Menschen erfahren!

Endlich war alles repariert und es hieß Abschied nehmen von Dave, Marjory, Michael und Mario. Mario lud uns schon mal ein, ihn bei Harold in Melbourne zu besuchen, so dass wir demnächst noch Dave und Marjorys zweiten Sohn kennenlernen würden. Doch zuerst mussten wir uns sputen, noch ein bisschen etwas von Neuseeland zu sehen. Aus einem geplanten Reparaturtag waren 4 Tage geworden und heute in einem Monat geht unser Flug nach Australien.


25. Januar 2004, Christchurch - Lake Tekapo
35.729 km, S 43-58-24 / E 170-30-31

Irgendwie hatte Hanka eigentlich am Morgen befürchtet, dass sie wieder den Satz der letzten Tage zu hören bekäme: "Du Schatz, wäre es schlimm, wenn wir noch einen Tag bleiben?" Gott sei Dank sollte es heute tatsächlich weitergehen; yes, alle Reparaturen erledigt!!!

Ein bisschen ärgerlich waren lediglich die fetten Wolken am Himmel, während wir vier Reparaturtage bei strahlendem Sonnenschein "verschwenden" mussten. Was soll's. Wir freuten uns riesig, dass es endlich weiterging. Irgendwie meldete sich bereits ein komisch Gefühl in unseren Köpfen, weil wir noch nicht viel von Neuseeland gesehen haben. Wir waren hungrig auf ein paar Abenteuer im Land der "Lord of the Rings"-Kulissen.

Unser Tagesziel sollte der Lake Tekapo sein - ein traumhaft gelegener See vor den schneebedeckten Gipfeln des Aoraki / Mt. Cook National Parks. Klingt erstmal gut, doch als wir ankamen, erwischte uns die erste Regenwolke. Bis auf einen winzigen Moment sahen wir leider nicht viel von den Bergen, die partout hinter Wolkenschleiern versteckt bleiben wollten. Lediglich das berauschende Blau des Sees entsprach unseren Erwartungen. Natürlich fuhren wir auch zur völlig von Touris überfüllten "Church of the Good Shepard". Die alte Holz-/Steinkirche liegt sicherlich traumhaft - zumindest bei schönem Wetter betrachtet. Vielleicht haben wir ja morgen mehr Glück.

Die Suche nach einem geeignetem Übernachtungsplätzchen nahm heute gute 2 Stunden in Anspruch. Der ausgeschriebene Campingplatz war weder schön gelegen noch günstig. Da wir guter Hoffnung waren, doch noch einen Blick auf Neuseelands höchsten Berg - den Mount Cook - zu erhaschen, wollten wir unser Zelt lieber am See mit Blick auf die Berge aufschlagen. Die Suche führte uns automatisch auf die andere Seite des Sees, doch so einfach ist es mit dem Wildcampen in Neuseeland leider nicht. Hauptproblem sind vor allem die endlosen Weidezäune. Neuseeland scheint komplett eingezäunt zu sein! Bis wir endlich einen Zugang zum See durch Privatland gefunden hatten, verging eine Ewigkeit. Wir hatten keine Wahl, als Holtertipolter über Steine und Kaninchenlöcher einen Hang hinabzudüsen, wo bereits ein anderes Wohnmobil stand. Ist man denn in Neuseeland nirgends alleine? Wir bauten dennoch unsere vier Wände direkt am See auf und waren gerade damit fertig, als der Himmel für den Rest des Abends seine Schleusen öffnete.


26. Januar 2004, Lake Tekapo - Cromwell

35.942 km, S 45-02-23 / E 169-12-52

Schafe im Regen sehen echt ulkig aus. Irgendwie nehmen sie eine Haltung an, die sich schwer beschreiben lässt: wie aufgedunstene Wolltrottel stehen sie da auf den klatschnassen Wiesen. Wahrscheinlich machten wir heute keine viel bessere Figur auf der Honda. Es goss den ganzen Tag wie aus Kübeln – keine Chance, mehr als nur den Sockel vom wolkenverhangenen Mount Cook zu sehen oder den Lindes-Pass in voller Schönheit zu genießen. Stattdessen zählten wir die Kilometer, während sich unsere Motorradsachen so langsam mit Regenwasser vollsogen. Ein Thermoter in Twizel zeigte 3 Grad Celsius an - wahrscheinlich waren 13 Grad gemeint, auch wenn wir inzwischen so durchgeweicht und zerfroren waren, dass sich unsere Gliedmaßen wie kurz vor dem Gefrierpunkt anfühlten. Alles, worauf wir uns freuten war eine heiße Dusche, Tee und ein richtiges Bett in Queenstown. Bei diesem Wetter wollten wir uns mal wieder ein Hostal gönnen. Letzte Nacht trommelte der Regen grausame Meldodien auf unser Zelt, so dass wir kaum ein Auge zubekommen haben.

In Cromwell müssen wir noch einmal tanken und Erik stellt beim Aufstehen bestürzt fest, dass er einen klatschnassen Hintern hatte. Irgendwie schien die gute Goretex-Membran den Wassermassen nicht mehr standhalten zu können. Auf der Toilette stopfte er sich kurzerhand einen Stapel Papierhandtücher in die Unterhose. Es ist schon eine Weile her, seit er das letzte Mal Windeln getragen hatte, aber es half. Dann stülpen wir die klatschnassen Lederhandschuhe über und weiter ging es. Gedanklich waren wir bereits im 59 km entfernten Queenstown.

Plötzlich schlitterte das Hinterrad in der Kurve und wir stellten fest, dass der Reifen platt war. Super - ausgerechnet bei diesem Wetter!!! Im strömdenden Regen schoben wir 1 km zurück bis zur Tankstelle, aber selbst nach dem ersten Luftaufblasen stand fest, dass der Schlauch raus musste. Eriks Blick verriet keinerlei Begeisterung - jedesmal wenn er gerade glaubt, alles an der Honda in Ordnung gebracht zu haben, kommt irgendetwas Unerwartetes dazwischen. Der Hostal-Mensch in Queenstown lässt zum Glück mit sich reden und storniert unsere telefonische Reservierung. So können wir die Maschine mit ihrem Plattfuß erstmal auf den nächsten Campingplatz schaffen, trockene Klamotten überziehen und weitersehen. Wie wir hören, freuen sich die Leute hier über den ersten Tag richtigen Regens, weil alles vertrocknet. Wir dagegen gönnen uns wegen des Mistwetters mal einen Bungalow mit richtigem Bett, Fernseher und Wasserkocher. Die überdachte Terasse! ist wie geschaffen zum Reifenwechseln... Ein überfahrener Igel war offenbar der Grund der Panne. Doch entweder war da noch irgendwo ein zweiter Stachel versteckt oder der in San Francisco geflickte Ersatzschlauch hält nicht richtig dicht: kurze Zeit nach dem Aufpumpen ist der Reifen schon wieder platt! An manchen Tagen bleibt einem auch nichts erspart! Also noch einmal: Hinterrad ausbauen, Reifen runterhebeln, noch einmal nach Igelstacheln absuchen (nichts gefunden), Loch im Schlauch suchen, flicken, Reifen wieder aufziehen, Hinterrad einbauen, Luft von Hand aufpumpen. Diesmal hielt alles dicht - uff!

PS: Traurige Verlustbilanz: wir haben anscheinend unser Schweizer Taschenmesser auf dem Parkplatz eingebüßt, als uns zwei Australier vom Brötchenschmieren ablenkten. Die gute Nachricht: Ein paar Tage später ist es wieder aufgetaucht.


27. Januar 2004, Cromwell - Milford Sound

36.301 km, S 44-40-34 / E 167-56-15\b0

Gleich am Morgen kaufen wir in einer Werkstatt um die Ecke einen neuen Ersatzschlauch. Und wir passen ab heute höllisch auf, dass wir nicht wieder einen überfahrenen Igel treffen. War uns übrigens auch neu, dass man sich dabei so leicht einen Platten einfängt. Vielleicht liegt es auch an dem weichen Bridgestone, der uns jetzt schon die 3. Panne beschert hat.

Das Wetter sieht nicht wirklich stabil aus, aber wenigstens momentan regnet es nicht. Noch vor Queenstown kommen wir an der weltbekannten Kawarau Bridge vorbei - bekannt als spektakuläre Bungy Jumping Plattform. Neben der Brücke wurde ein beachtliches Besucherzentrum errichtet, mit Restaurant undAussichtsplattform. Die Sprünge gehen am laufenden Band: mit und ohne Eintauchen in den Kawarau River, Junge und Alte, deutsche, britische und japanische Touristen. 43 Meter geht der Sprung in die Tiefe. Für einen Moment strauchelte Hanka noch mit sich selbst, aber wir gehören wohl eindeutig zu den Angsthasen. 130 Dollar für 5 Sekunden Adrenalinrausch ist uns eigentlich der Spaß auch nicht wert, obwohl genau die Kawarau Bridge die weltweit erste Bungysprungbrücke war.

Bei Queenstown klart der Himmel auf und wir bekommen einen ersten Eindruck, wie malerisch die Hauptstadt des Adrenalin-Tourismus am Lake Wakatipu gelegen ist. Doch wir haben uns vorgenommen, heute noch bis zum Milford Sound zu fahren, soll es doch übermorgen dort schon wieder regnen. Der Blick in die Zeitung und das Abstimmen der Reiseroute mit dem Wetterbericht geht uns in Neuseeland schon langsam in Fleisch und Blut über.

Die 119 km lange Milford Road von Te Anau zum Milford Sound ist in den Reiseführern als Traumstraße beschrieben und wird diesem Ruf mit Sicherheit gerecht. Natürlich ist man nicht allein hier und alle Sehenswürdigkeiten samt zugehöriger Parkplätze sind bestens beschildert. Aber die Fahrt durch den Fjordland National Park, entlang wunderschöner Täler, Zauberwälder, Seen und Wasserfälle, von schneebedeckten Bergen umrahmt, ist unbedingt zu empfehlen. Klar war es auch das Wetter, das uns begeisterte: Endlich wieder blauer Himmel, streckenweise jedenfalls. Im letzten Drittel führt die Milford Road durch eine ziemlich kühle Hochlandschaft mit kleinen Gletschern an den Berghängen. Im Winter gibt es hier durchschnittlich am Tag eine Schneeblokade durch Lawinen – und einen sehr beschäftigten Winterdienst.

Am Parkplatz vor dem Eingang zum Homer Tunnel begegneten wir den Kea's, dem einzigen Papagei, der in alpiner Hochlandschaft lebt. Der Kea hat zwar kein besonders farbenprächtiges Gefieder, sieht aber wunderbar drollig aus und ist erstaunlich zutraulich. Er ist größer als eine Krähe, fast schon wie ein kleines Huhn. Erik als Papagei-Fan kann nicht widerstehen, einen der Vögel mit ein paar Erdnüssen zu bestechen, für ein Foto zu possieren. Später erfahren wir, das Kea's auf Parkplätzern gern schon mal Motorradsitzbänke zerfleischen und bei Autos die Scheibengummis herausziehen...

Der Homer Tunnel ist ein etwas gruseliges Erlebnis. Von den in den Fels gehauenen Wänden rinnt Gletscherwasser, Beleuchtung gibt es so gut wie nicht und auch die Straßenarbeiter mit ihren trüben Laternen sind schwer zu erkennen. Dabei ist er so schmal, dass man sich schwerlich vorstellen kann, wie hier zwei Reisebusse aneinander vorbeipassen können. Nach knapp einem Kilometer ist der Spuk vorbei und es geht bergab bis zum Milford Sound. Hier gibt es nicht viel mehr als einen schönen Ausblick von der Anlegestelle für Bootsrundfahrten und eine Jugendherberge, bei der wir unser Zelt aufschlagen. Zelten war anscheinend nicht so die Idee, denn wegen unserer Freiluftausrüstung müssen wir uns mit den Sandfliegen anlegen - die Biester hier schlagen alle Rekorde in Anzahl, Größe und Blutrünstigkeit!


28. Januar 2004, Milford Sound - Queenstown
36.561 km, S 45-01-55 / E 168-39-14

Nachdem wir das Zelt mehr schlecht als recht unter den Attacken der lästigen Sandfliegen zusammengestopft haben, fahren wir erneut die Straße zum Milford Sound hinunter. Dort herrscht bereits reichlich Andrang an den Ausflugsbooten, die Massen von Japanern und sonstigen Fotohungrigen durch den Milford Fjord schippern. Krönung der Tour ist nicht nur die Landschaft durch den atemberaubenden Sound, sondern wer Glück hat, erspäht auch ein paar Robben oder gar Delfine. Klingt eigentlich verlockend, aber irgendwie schreckt uns die Aussicht auf ein 500 Mann-voll-gerammeltes Touriboot dermaßen ab, dass wir uns gar nicht erst nach den Preisen erkundigen. Stattdessen marschieren wir zu den 15 Minuten entfernten Bowen Waterfalls um die Ecke, um wenigstens einen richtig großen Wasserfall in Neuseeland bestaunt zu haben.

Anschließend genießen wir die Rückfahrt auf der Milford Road, wo wir die restlichen Sightseeing-Parkplätze ansteuerten, die wir gestern nicht mehr geschafft hatten. Die Strecke ist wirklich einzigartig - nur Erik ist ein bisschen traurig, weil heute vor dem Homer Tunnel keine Kea's herumstolzierten. Er hatte sich schon so auf die putzigen Clowns gefreut.

Im Prinzip wäre das Wetter sogar ideal gewesen, um sich doch noch auf den Routeburn Track zu wagen. Die Wanderstrecke soll zu den schönsten Neuseelands zählen, aber mit unserem Gepäck auf dem Motorrad fühlen wir uns ziemlich „gehandicapped.“ Nicht zuletzt wird immer davor gewarnt, Fahrzeuge unbeaufsichtigt auf den Parkplätzen stehen zu lassen und wir haben unsere Zweifel, ob wir unsere Sachen als die sicherlich einfachste Beute riskieren sollten. Dann ist auch noch das Problem der Klamotten. Mit Motorradjacke und -stiefeln lässt sich eigentlich nicht wandern, doch sollen wir das Zeug irgendwo im Busch verstecken und darauf hoffen, dass wir es in 3 Stunden da noch wiederfinden ...? Nach einer sinnlosen Diskussion einigen wir uns darauf, nach Queenstown weiterzufahren. Manchmal muss man eben einsehen, dass nicht immer alles geht!

Unsere zwangsläufige Entscheidung sollten wir nicht bereuen. Der Sonnenschein war auf unserer Seite und begleitete uns selbst auf der Schotterstrecke nach Queenstown (Mt Nicholas Road). Wir folgten der staubigen Piste durch zunächst tiefen Schotter entlang der Weidezäune mit Hunderten von Schafen. Per Zufall wurden wir sogar Augenzeuge dessen, wie ein Hirtenhund ein Lamm zu Boden riss und es am Halse festhielt, bis der Schäfer es befreite. Das Ganze wirkte ziemlich rabiat auf uns, aber es ist andererseits auch schwer vorstellbar, wie man sonst einer riesigen, mähenden Horde Schafe Herr werden soll. Die Viecher trabten anschließend nach allen Regeln der Chaostheorie vor unserer Honda her, sprangen panisch nach links und nach rechts und ließen uns erst wieder freie Fahrt, nachdem wir jedes einzelne Tier hupend überholt hatten. Das ist Neuseeland!!!

Als nächstes Abenteuer erwartete uns eine schwankende Hängebrücke am South Mavora Lake, die wir zufällig entdeckten. Die ganze Konstruktion aus verflochtenen Stahlseilen weckte bereits von unten betrachtet Hankas Höhenangst. Zitternd wagte sie sich auf den ersten Anstieg zur Brücke, die sich wankend über den Fluss spannte - keine Chance! Obwohl sie diesmal wirklich eisern versuchte, ihre Angst zu überwinden, musste sie Zentimeter für Zentimeter rückwärts zurückkriechen. Erik lachte nur von der anderen Seite herüber, durfte sich aber kein Stück bewegen, um bloß keine zusätzlichen Schwingungen zu verursachen. Trotz Hankas Enttäuschung über die eigene Courage freuten wir uns über unsere spontane Entdeckung. Dieses Highlight steht bestimmt in keinem Reiseführer.

Nach und nach zogen sich die immer größer und weitläufiger werdenden Viehweiden durch ein grandioses Tal, eingebettet von sanften Bergen. Schnurgerade zog sich die Staubpiste durch die braun-gelbe Landschaft und wir genossen es, endlich mal (fast) allein zu sein. Bis auf ein (deutsches) Radfahrerpärchen trafen wir unterwegs auf niemanden - die ganze Atmosphere erinnerte uns irgendwie an die Weiten Südamerikas. Nach einiger Zeiten wechselten die Brauntöne in grün über und wir folgten einem Flusslauf durch die einsame Landschaft, bis wir an einen See gelangten: Lake Wakatipu. Uns verschlug es beinahe die Sprache: in einer traumhaften Kulisse aus spiegelglattem, tiefblauen Wasser türmten schneebedeckte Berge im Hintergrund. War das ein Anblick!!! In keinster Weise hätten wir mit solch einem Landschaftswechsel gerechnet. Wir konnten uns gar nicht sattsehen!

Bis zur Farmerstation Walter Peak war es nur noch ein Katzensprung. Von dort wollten wir das alte Dampfschiff T.S.S. Earnslaw nach Queenstown abpassen. Walter Peak ist wohl die schönste Farm, die wir je zu Gesicht bekommen haben. Wie ein Schloss liegt neben der Schafsfarm ein altes Residenz-Cafe am Ufer des Sees, eingebettet in einen traumhaften Garten. Wir fühlten uns wie in einer Märchenwelt, als in dieser unrealen, perfekten Kulisse das alte Dampfschiff vor uns auftauchte. Die Massen an Bord zur nachmittaglichen Kaffeeausfahrt holte uns jedoch für einen kurzen Moment in die Realität zurück. Während sich der Tourischwarm vom Schiff drängte, hatten wir vier Minuten Zeit, um unsere Seitenkoffer abzubauen und Motorrad sowie drei Ladungen Gepäck durch das Gewühl an Bord zu bringen. (Das Dampfschiff nimmt lediglich Fahrräder und Motorräder mit!) Danach tuckerte der

Dampfer in aller Seelenruhe Queenstown entgegen - im Abendlicht eine einmalig idyllische Fahrt, zumal für die Rückfahrt kaum Leute auf dem Schiff geblieben waren. Es herrschte genau die Stimmung, in der man am liebsten einen Picolo zur Brust genommen und sich ganz und gar seiner Glücksgefühle hingegeben hätte.

Kurz vor dem malerisch gelegenem Queenstown begrüßten uns bereits auf dem See die Adrenalinjunkies der Stadt. Fasziniert beobachteten wir einen Para-Bungysprung: während ein Motorboot mit einem Gleitschirm an der Strippe durch die Wellen düst, springt man aus schwindelerregender Höhe von einer Art Plattform-Bank, die am Gleitschirm befestigt ist, per Gummiseil ins Wasser. Was ist denn schon stinknormales Wasserski gegen sowas??? Über Queenstwon wimmelte es nur so von farbenprächtigen Fall- und Gleitschirmen und wir ahnten bereits, welche Flut an Adrenalin-Angeboten uns in der Stadt erwarten würde: Jetboating, Shotover Jet, Rafting, Skydiving, Pipeline Bungy, Paragliding, Canyoning um nur einige zu nennen.

In Seelenruhe luden wir vor den Straßencafes der Shotover Street unser Gepäcksystem auf die Honda und machten uns anschließend auf die Suche nach einem Campingplatz. Wir fanden auch einen, aber dort war die Hölle los. Wie Ameisenhügel reihten sich Zelte an Zelte auf einer riesigen Wiese – alles war groß und unpersönlich und uns ärgerte, dass man für Duschen und Barbecue-Grill extra bezahlen musste. Sicherlich braucht man sich in Queenstown nicht allzu sehr um Besucher zu bemühen ...

 
Hanka und Erik
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