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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Unter Kiwis in Neuseeland

 

10. Februar 2004, Waikawa Bay/Picton - Wellington
38.641 km, S 41-14-05 / E 174-54-37

Eigentlich hätten wir es wissen sollen - man baut sein Zelt einfach nicht vor den Toiletten auf, es sei denn, man betrachtet das Dauerrauschen einer defekten Klospülung als zarte Einschlafmusik. Um halb fünf wurde diese Melodie von peitschenden Regenhieben und fauchenden Windböen begleitet. "Na toll", denkt man sich, "wer von uns zweien geht jetzt raus, pflückt die Handtücher von der Wäscheleine und verschließt den in Mexiko verbeulten Alukoffer am Motorrad einigermaßen wasserdicht?" Grummelnd erbarmte sich Hanka diesmal - wenn das keine Vorfreude auf ein warmes, regensicheres Zuhause macht?

Nachdem wir etappenweise noch eine Mütze Schlaf zusammenaddiert haben, ist beim Klingeln des Weckers keiner von uns zum Aufstehen motiviert. Es sah anfangs ganz danach aus, als müssten wir das Zelt nass zusammenpacken, aber stattdessen kämpften wir dann doch nur mit den Sturmböen, die alles schnell trockneten. Als wir dann auf der Honda saßen, vom Wind hin und hergeschubst wurden und die nächste fette Regenwolke gerade zu Tropfen anfing, machten wir kehrt. Was tun wir uns da eigentlich an? Wir MÜSSEN doch nicht den Ausflug zum Kenepuru Sound machen. Wieso bleiben wir nicht auf dem Campingplatz, schreiben Postkarten, vergleichen Verschiffungsangebote nach Australien, etc.? Gesagt, getan.

Bisher haben wir uns auf unserer Reise noch nie um den Wetterbericht geschert -glücklicherweise sind wir auch noch nie so häufig nass geworden. Wie die Landschaften, so wechselhaft scheint auch das Wetter in Neuseeland zu sein. Man kann gerade noch ein paar Sonnenstrahlen genießen, beschließt daraufhin, sich mit Sonnencreme einzuschmieren, da das Ozonloch spürbare Auswirkungen hat - 10 Minuten später ist von blauem Himmel keine Spur mehr und es fängt prompt an zu regnen. In etwa diesen Zeitabständen fällt und steigt auch die Temperatur um einige Grade, so dass man nicht nur pausenlos mit Sonnencreme herumhantiert, sondern auch mit An- und Ausziehen beschäftigt ist! (Zudem darf man niemals Mückenspray vergessen, denn das ist gleich das nächste Übel.) Die Kiwi-Band Crowded House hat dem Klima hier bezeichnenderweise einen Song gewidmet: "Four seasons in one day".

Inzwischen lassen wir es auch bleiben, die Wolken zu beobachten, um irgendwelche Wetterprognosen selbst zu stellen. Man wird sowieso eines Besseren belehrt; und so kam es auch heute. Am frühen Nachmittag kämpfte sich unvorhergesagt die Sonne durch, so dass auch die Wetterpropheten mit ihrer Vorschau fehlschlugen. Nicht, dass wir darüber böse gewesen wären. Erik schmiss die Honda an und wir folgten bei schönstem Wetter dem herrlichen Queen Charlotte Drive durch die Fjordlandschaft bis Linkwater. Danach ging es entlang der kurvigen Küstenstraße vom Mahau Sound zum Kenepuru Sound. Die Küstenstraße ist traumhaft - man könnte Hunderte Bilder verknipsen, auch wenn man nie die ganze Dimension der Fjordarme mit der Kamera einfangen kann. Nach der Eiscreme-Pause in Portage machten wir uns auf den Rückweg. Um sechs sollten wir am Fährterminal stehen, wo uns pünktlich die "Lynx" erwartete. Der hässlich graue Katamaran (allerdings mit ansprechender Innenausstattung) schipperte uns und die Honda zusammen mit Scharen von Touristen in der Abendsonne durch den Queen Charlotte Sound Richtung Nordinsel. Wir waren nicht die einzigen Biker an Bord. Robbie und Shona luden uns gleich zu sich ein, wenn wir am Tongariro Nationalpark vorbeikommen. Dort soll man die schönste Tageswanderung Neuseelands machen können, die wir trotz der wenigen Zeit, die uns noch bleibt, fest eingeplant haben. Warten wir mal ab, wie das Wetter wird...

Wellington bei Nacht kam uns ziemlich leblos vor. Jedenfalls schien es uns nicht die Uhrzeit, um einen Eindruck von der Hauptstadt Neuseelands zu bekommen. Mühsam irrten wir zunächst auf der Suche nach einem Supermarkt oder Schnellimbiss durch die leblosen Straßen und landeten schließlich bei McDonalds, da sich nichts anderes finden ließ. Auch den Campingplatz außerhalb der Stadt zu finden, dauerte eine Ewigkeit und wir verbrauchten dabei gleich unser Pensum an trockenem Wetter. Noch bevor das Zelt ausgerollt war, fing es an zu regnen. Willkommen auf der Nordinsel!

 

11. Februar 2004, Wellington
38.671 km, S 41-14-05 / E 174-54-37

Das Wetter machte uns auch nachts zu Schaffen. Der Wind klatschte in furchteinflößenden Böen den Regen gegen unsere Zeltwand und hätten wir nicht im Zelt gelegen, wäre unsere "Hütte" bestimmt abgehoben. An Schlafen war jedenfalls nicht zu denken. Die Böen wurden derartig stark, dass es die Apsis bis ans Innenzelt drückte. Morgens stellten wir ernüchternd fest, dass die Giebelstange einiges abbekommen hat. Mal sehen, ob sich das wieder hinbiegen lässt. Wie wir später nachlesen, ist Wellington eine der windigsten Städte weltweit. Kein Wunder also, dass es einem die Zeltstangen verbiegt!

Nachdem unsere triefenden Handtücher auf der Wäscheleine ausgewrungen sind, schwingen wir uns auf die Honda Richtung City. Die "Kiwi-Hauptstadt" soll einige schöne Ecken haben. Wenn sich nur die dunklen Regenwolken endlich verziehen würden, könnte man sich sogar einen entspannten Tag machen. Es gelingt uns auch ansatzweise, nicht an das Wetter zu denken, zum Beispiel beim Mittagessen. Spontan kehren wir beim Inder ein und landeten einen kulinarischen Glücksgriff. Bei erneutem Regen flüchteten wir zuerst ins Kino, durchstöberten einen Buchladen nach neuer Literatur, hauten anschließend noch eine Stunde in die Computertasten im Internet-Café. Es nützte alles nichts, die Zeit totzuschlagen - es regnete noch immer. Es sah danach aus, als bleibt uns nichts anderes übrig, als die 15 km zurück zum Campingplatz im strömenden Regen zu fahren. Hätten wir wenigstens nur Motorradklamotten angezogen!

Wir rannten also zurück zum New World-Parkplatz, wo wir das Motorrad zurückgelassen hatten. Doch uns traf der Schlag: die Honda war spurlos verschwunden! Bei Hanka gingen gleich die Lichter aus - im Regen standen wir da und spielten die Möglichkeiten durch. Entweder jemand hat die Maschine geklaut oder New World schleppt tatsächlich Motorräder ab! Natürlich, es stehen ja überall Schilder herum, dass Parken maximal für 2 Stunden erlaubt ist. Verärgert stürmten wir in den Supermarkt, um uns darüber belehren zu lassen, dass wir das Motorrad mehr als 2 Stunden abgestellt hatten. Im Prinzip war es eine dumme Idee darauf zu hoffen, dass sich der Manager erweichen lassen würde, nur weil zwei Touristen nicht im Regen Motorrad zu fahren gedachten. Was ist Regen schon für die Kiwis - die benutzen ja noch nicht mal Regenschirme!!! Wie zu erwarten, ist die Abschleppfirma am anderen Ende der Stadt und wir mussten auch noch ein Taxi nehmen, um überhaupt dahinzukommen. Der Taxifahrer erzählte uns, dass dieser New World Supermarkt täglich bis zu 30 Fahrzeuge abschleppen lässt.

Zunächst standen wir vor verschlossenen Türen, aber ein Japaner mit demselben Schicksal telefonierte bereits mit der Abschleppfirma, die gleich jemanden vorbeischicken wollte. Unsere Stimmung war am Boden und wir konnten uns herausreden wie wir wollten - wir würden die Honda nicht zurückbekommen, solange wir nicht 160 Dollar auf den Tisch legten. Natürlich hören die den ganzen Tag nichts als Ausreden und Härte gehört zu deren Geschäft. Selbst Hankas Tränen zogen nicht, wobei die nach der Enttäuschung sogar echt waren. Wir mussten wohl oder übel blechen. 160 Dollar - das tat echt weh! Es gab noch nicht mal einen Preisnachlass für Motorräder und wir hatten auch noch den Abschlepppreis für PKW's zu zahlen. Die Stimmung am Abend war dahin. Wie ein Stein lag uns der Vorfall im Magen. Es schmerzte umso mehr, weil es im Prinzip unsere eigne Schuld war. Hanka hatte die Warnschilder noch gesehen, aber wer denkt schon, dass in Neuseeland kein Pardon für Motorräder gemacht wird! Am besten vergessen wir die Sache so schnell wie möglich. Shit happens!

 

12. Februar 2004, Wellington - National Park Village
39.087 km, keine GPS-Daten

Noch immer gebeutelt von der gestrigen Aktion fühlen wir uns heute ziemlich antriebslos. Definitiv werden wir in nächster Zeit die New World Supermärkte boykottieren und schon aus Prinzip woanders einkaufen gehen (hey, das erfüllt mit Genugtuung). Wellington hatte sich für uns zunächst erledigt - wir hatten keinen Bock auf die Stadt und wollten eigentlich nur weiter und das Drama hinter uns lassen. "Bloß nicht den Mut verlieren", sagten wir uns und Hanka beging die erste gute Tat des Tages beim Duschen. In der Kabine hatte jemand seinen Ehering vergessen, den sie natürlich an der Rezeption abgab. Nachdem ein ehrlicher Finder Hankas Ring in Oamaru abgegeben hatte, freute sie sich, für jemanden das Gleiche zu tun. Man fühlt sich miserabel, wenn man einen so wertvollen Ring verliert und wir wissen selbst zu schätzen, wenn jemand ehrlich ist (die Kiwis sind's zweifelsfrei).

Robbie und Shona hatten uns auf der Fähre gut mit Routenvorschlägen eingedeckt und wir bereuten nicht, den Umweg über Masterton nach Palmerston North zu folgen. Schon jetzt erlebten wir, dass sich die Nordinsel landschaftlich ziemlich von der Südinsel unterscheidet. Wir fahren erstmals durch grüne, hügelige Landschaft - alles wirkt weich und samtig, so dass die vielen Schafe gelungene, weiße Dekorationspünktchen abgeben.

Gegen Mittag sind wir in Wanganui. Der Ort gefällt uns auf den ersten Blick, aber wir verweilen lediglich in einem der vielen Parks entlang des Whanganui Rivers, um Picknick zu machen. Wir haben uns ein straffes Programm vorgenommen und wollen die als "River Road" bezeichnete Schotterpiste erkunden. Bisher waren alle Schotterpisten, die wir in Neuseeland gefahren sind, spektakulär. So sollte es auch heute sein.

Das Wetter blieb trocken und wir arbeiteten uns durch Maori-Land, vergessene Dörfer, in denen die Zeit stehengeblieben schien und idyllische Täler entlang des Flusses. Die Piste kurvte sich durch herrlich grüne Hügellandschaft - man musste lediglich aufpassen, dass nicht plötzlich ein Schaf oder ein entgegenkommendes Auto vor dem Scheinwerfer stand. Die Krönung der Strecke waren die sanften Hügel bei Raetihi, wo die Schotterpiste wieder auf Asphalt stößt. Genau so hatten wir uns Neuseeland immer vorgestellt, nicht ahnend, dass die Landschaften der geologisch noch jungen Inseln einiges mehr auf Lager haben als grüne Hügel. Jedenfalls ist es ein befriedigendes Gefühl, ein Bild, was man seit Jahren im Kopf trägt, irgendwo wiederzufinden.

Bei Shona und Robbie sind wir herzlich willkommen. Die beiden sind zwar selbst gerade erst ein paar Stunden vor uns aus Wellington angekommen und haben noch nicht mal ihre Motorradtaschen ausgepackt, aber wir stören keineswegs. Obwohl es in National Park Village noch nicht mal einen Supermarkt gibt, zaubert Shona spontan aus unseren Brotresten leckere, überbackene Sandwiches und bevor wir uns versehen, sind wir auf den Bus zum Tongariro Nationalpark morgen früh gebucht. Der Nationalpark gehört zu den heiligen Stätten der Maoris und selbst die Einheimischen raten davon ab, Fahrzeuge am Parkplatz zum Wandertrek unbeaufsichtigt stehenzulassen. Wir protestieren nicht und haben einen spaßigen Abend mit den beiden. Robbie ist ein wirkliches Original. Wie es sich für einen richtigen Kiwi gehört, springt er bei kühlen Temperaturen barfuß in T-Shirts und Shorts durch's Haus. Dabei zieht der Wind durch jede Ecke im Haus und Hanka packt ihre in dicke Socken eingewickelten Füße dezent auf die Couch, um die Eisbeine ein bisschen aufzuwärmen. Was freuen wir uns auf unsere weiche Koje - wir haben schon lange nicht mehr zusammen in einem Bett geschlafen!

 

13. Februar 2004, National Park Village (Tongariro Crossing)
39.087 km, keine GPS-Daten

Um 7.45 Uhr müssen wir mit unseren Lunchpaketen am benachbarten Hotelstehen, um uns per Bus zum Nationalpark kutschieren zu lassen. Nach einer Woche Regenwetter soll heute der erste (und einzige) schöne Tag werden. Vom Ort aus sieht man schon den ersten Vulkankegel majestätisch in der Landschaft thronen.

Nachdem wir die restlichen Backpacker aus den umliegenden Unterkünften eingesammelt hatten, ging es schnurstracks ins Nirgendwo. Dort hatte man einen Parkplatz angelegt (auf dem übrigens Unmengen an Campermobilen parkten) und einige Informationstafeln. Anschließend überließ man uns unserem Schicksal mit der Aufforderung, pünktlich um 17 Uhr am Bus zu sein.

Es waren Massen unterwegs. Und wenn wir schon von Massen sprechen, sollte man sich die Zahl von 1.800 Besuchern an diesem Tag auf der Zunge zergehen lassen! Anfangs ging es nur im Gänsemarsch voran, hinter quasselnden und nach Schweiß stinkenden Israelis, Deutschen und sonstigen Nationalitäten. Wir hofften innigst, dass sich die Leute aus den vielen Busssen irgendwann verteilten. Leider war dies auf der ganzen Strecke von 17 km nicht wesentlich der Fall und die Schlangen vor den Toilettenhäuschen konnten einen gut und gerne eine halbe Stunde zurückschlagen. Es schrie zum Himmel, in welchen Latschen manche Leute keuchend die Berge hinaufzukrabbeln versuchten. Manche hatten eine derartig schlechte Kondition, dass man nur hoffen konnte, nicht auch noch erste Hilfe leisten zu müssen.

Dennoch, es war der perfekte Tag, um die bizarre Vulkanlandschaft zu durchwandern. Nachdem wir den Südkrater erklommen hatten, blickten wir auf die mit einem Wolkenbart umkringelte Spitze des gut und gerne 100 km entfernten Mount Egmont zurück. Es war atemberaubend! Anschließend folgten wir der "Ameisenschlange" durch eine überdimensionale Hochebene, dem Central Crater, bis zum nächsten Aufstieg. Derartig facettenreiche Gesteinsfarben haben wir bisher lediglich in den Höhenzügen der Anden in Südamerika erlebt. Es war einfach herrlich! Bizarr klaffte der rote Krater aus der Lavaasche und wir folgten dem schwefelig dampfenden Pfad zu den Emerald Lakes. Smaragdgrün strahlten uns die Seen in der dunklen Gesteinslava entgegen – unbeschreiblich schön. Danach ging es langsam wieder bergab bis wir die Ketetahi-Hütte erreichten. Von dort aus schlängelte sich der Trek durch dürre Grassteppe mit tollen Ausblicken auf den Lake Tapo. Zu unserer Verblüffung sollte uns das letzte Stück durch dichten Regenwald führen. Erschöpft und voller bezauberneder Bilder im Kopf erreichten wir nach 8 Stunden Wanderung den Parkplatz. Was für ein Tag! Der Tongariro

Nationalparkes hat uns trotz der Touristenmassen regelrecht umgehauen! Leider kamen nicht alle Fahrgäste pünktlich an und wir säuerten vor uns dahin, während wir eine geschlagene Stunde auf die letzten Leute warteten. Die brachten noch nicht mal eine Entschuldigung hervor, zumal der Busfahrer nicht losfahren kann, bevor nicht alle Leute wieder zurück sind (was für 'ne blöde Regelung).

Als wir happy und benommen eine Stunde später als geplant bei Robbie und Shona eintrudeln, ist es leider bereits zu spät, um uns die Farm zu zeigen. Wir verschieben die Schafe auf morgen und bekommen große Augen, als wir stattdessen mit Steaks und Bier überrascht werden.

Im Dunkeln schnappen wir uns dann die Bikes, um ein Stückchen rauszufahren. Shona und Robbie kennen eine Glühwurmhöhle und wir hatten bisher noch nicht die Lust verspürt, uns mit Scharen von Touris eine der zahlreichen kommerziellen Glow Worm Caves anzuschauen. Wir hofften auch, unterwegs endlich mal ein Possum zu sehen, doch leider hatten die heute anscheinend etwas besseres vor. Mit Taschenlampen bewaffnet laufen wir das letzte Stück zum

Tunnel und da sitzen sie: Glühwürmchen (die haben übrigens nichts mit den herumfliegenden, heimischen Glühwürmchen zu tun sondern sind wirkliche Würmer). Wie ein Sternenhimmel spannten sich die leuchtenden Pünktchen entlang der Tunneldecke. Es war etwas ganz Besonderes für uns und wir danken den beiden sehr für diesen Geheimtipp (das war doch mal ein echter). Für uns sind es genau derartige Erlebnisse, die das Reisen ausmachen - nicht unbedingt die Sehenwürdigkeiten und Museen, die man abgeklappert hat. Happy und zufrieden lassen wir uns dann ins Bett fallen. Draußen zieht gerade ein Sturm auf, aber wir müssen ja nicht zelten...

 

14. Februar 2004, National Park Village - Napier
39.382 km, S 39-30-16 / E 176-53-55

Draußen tobte noch immer ein Sturm, der in heftigen Böen den Regen gegen die Fenster peitschte. Was hatten wir doch für ein Glück mit dem gestrigen Wetter! Über Nacht haben sich allerdings unsere Motorradstiefel mit Regenwasser gefüllt, weil wir sie tollkühnerweise auf der Terasse stehenlassen haben. Es blieb uns gar nichts anderes übrig, als in Turnschuhe zu schlüpfen und die Stiefel mit Zeitungspapier ausgestopft am Motorrad festzubinden, in der Hoffnung, dass sie während der Fahrt trocknen.

Nach dem Frühstück wartete Robbie schon mit einem Glänzen in den Augen im Hof. Mit Pudelmütze sah er auf seinem 4-Wheeler wie ein richtiger Farmer aus. Ohne Zweifel ist Neuseeland der größte Markt für 4-Wheel-Bikes. Monatlich zählt Neuseeland sogar 3 tödliche Unfälle mit 4-Wheelern. Wir haben noch nie auf so einem Ding gesessen, aber Robbie kutschiert uns sicher durch den Schlamm auf seine Farm. Wir staunen nicht schlecht, als er uns

stolz seine Schafherde zeigt: 700 Schafe und das bezeichnet er als Hobby!!! Wohlgemerkt kommen in Neuseeland 130 Mio. Schafe auf 4 Mio. Einwohner - das sind 35 Schafe auf jeden Kiwi. Einmal jährlich werden die Wolltiere geschoren. Robbie erzählt uns, dass ein guter Scherer 350 bis 400 Schafe am Tag schafft; bei einem Lohn von 1,50 NZ$ pro Tier kein schlechtes Saisongeschäft. Der Preis für Wolle liegt bei 3 NZ$ pro Kilo; verdient wird beim Schafezüchten in erster Linie am Fleisch. Shona und Robbie! leben jedoch eher von ihrem Skishop, den sie halbjährlich betreiben – mit 700 Schafen allein würde es kaum reichen. Interessant ist auch zu hören, wie die Schafböcke um ihre Rangordnung kämpfen. Es kann sogar soweit führen, dass sich die Böcke die Schädeldecke einrennen und verenden.

Auch einige Scherer wurden schon bei der Arbeit von einem Bock umgerammt, weil dieser die gebückte Haltung als Provokation auffasste. Makaber finden wir die Story von den Schafen, die aufgrund zu dicker Wolle nicht mehr aufstehen können. Als Farmer muss man kurz vor der Schersaison seine Weiden kontrollieren und evtl. die Schafe wieder aufheben, die auf dem Rücken liegen und nicht wieder hochkommen. Das muss man sich mal bildlich vorstellen - die wolligen Viecher verhungern tatsächlich jämmerlich auf der Weide! Kein Witz!!!

Als wir zur Lämmerwiese kommen, rennen uns die Jungen neugierig entgegen. Eigentlich sind es schon gar keine richtigen Lämmer mehr; dennoch ist eins besonders zutraulich und folgt uns auf Schritt und Tritt bis zum Zaun, wo es mähend zurückbleiben muss. Robbie braucht uns natürlich nicht lange zu überreden, den 4-Wheeler auch mal selber auszuprobieren. Kaum zu glauben, wie schwer die Dinger im Vergleich zum Motorrad zu lenken sind! Hanka schafft esbeinahe, uns drei an einem Hügel kentern zu lassen.

Traurig verabschiedeten wir uns nach der nächsten Regenhusche bei Robbie und Shona. Wir hatten eine tolle Zeit in National Park Village, doch wir müssen weiter. Nachdem wir noch nicht mal die Verschiffung nach Australien geregelt haben und es ganz danach aussieht, dass wir eine Transportkiste bauen müssen, haben wir uns entschlossen, relativ zügig nach Auckland zu fahren. Nachdem dort alles organisiert ist, können wir besser absehen, wieviel Zeit uns noch auf der Nordinsel bleibt. Zu wenig wird es ohnehin sein.

Bei gerade mal 14 Grad Celsius brechen wir am Vormittag auf. Robbie und Shona haben uns eine zweite Offroad-Piste ans Herz gelegt: die "Gentle Annie Road". Einsam zieht sich die Piste - zunächst asphaltiert - durch seichte Hügellandschaft bis sich vor uns ein Tal öffnet, in dem ein türkisklarer Fluss saftig grüne Weiden speist. Schon wieder haben wir Glück mit dem Wetter und als wir bei sage und schreibe 26 Grad Celsius in der Art-Deko-Stadt Napier ankommen, sind unsere Stiefel so gut wie trocken.

Für Napier müsste man eigentlich mehr Zeit einplanen. Es gibt so viele Art Deco Details zu entdecken - sogar McDonalds ist ein bisschen McDeco. Unser Campingplatz hat zwar nichts von Art Deco, ist aber dennoch schön. Schade nur, dass der Pool bereits geschlossen hatte, als wir vom Einkaufen zurückkamen.

Zur Feier des Tages - nämlich Valentinstag - verwöhnten wir uns mit einer Riesenladung selbstgemachter Eierkuchen, Wein und Kerzenschein. Die neuseeländischen Gasgrills sind schlichtweg ideal zum Eierkuchenbraten. Voll bis zu den Ohren fallen wir schließlich ins Zelt. Erik hat tatsächlich 12 Eierkuchen gegessen!!!

 

15. Februar 2004, Napier - Rotorura
39.765 km, S 38-07-19 / E 176-18-29

Uns wundert's langsam nicht mehr: am Morgen regnet es und das Thermometer kraucht bei 13 Grad Celsius herum. Nass packen wir das Zelt zusammen. Es hat sowieso keinen Sinn, die Sachen zu trocknen - vermutlich werden sie nächste Nacht ohnehin wieder feucht!

Im Nieselregen, der leider zunehmend stärker wurde, machten wir uns auf den Weg. Kein guter Tag, um Offoad zu fahren. Eigentlich soll die Schotterstrecke von Wairoa nach Rotorura landschaftlich eindrucksvoll sein. Für uns wurde die nicht enden wollende Piste durch Schlamm zur rutschigen Tortur. Goretex-Klamotten sind zwar eine gute Idee, leider aber völlig unpraktisch bei diesen Wetterverhältnissen. Ungläubig hielten wir irgendwann an, um unsere Unterwäsche auf Nässe zu untersuchen. Wir hatten die ganze Zeit das Gefühl, dass wir bis auf die Haut durchgeweicht sind. Doch alles war trocken. Tatsächlich saß das Wasser aber auf der Goretex-Membran. So soll es auch sein, aber diese eiskalte Wasserschicht auf der Haut fühlt sich nicht

nur unangenehm an, man fängt bei kühlen Temperaturen auch noch tierisch an zu frieren. Blasenentzündung vorprogrammiert! Eriks Fleecehose half Hanka ein bisschen, aber wir würden uns beim nächsten Mal nicht wieder Goretex-Klamotten kaufen. Bei Hitze passiert nämlich genau das Gegenteil: die Hitze staut sich am Körper. Besser sind vermutlich luftdurchlässige Materialien und bei Regen wasserdichte Überziehklamotten. Nur soviel zum kleinen Ausflug in die Welt der richtigen Motorradausrüstung.

Landschaftlich gab es in der feuchtkalten Waschküche heute nichts zu berichten. Selbst ein großer Wasserfall, den wir passierten, wirkte im Grau-und-Grau der Umgebung total unspektakulär. So schlingerten wir von Kilometer zu Kilometer. Erik musste wirklich kämpfen wie ein Tiger, damit wir uns nicht langlegten.

Kurz vor Rotorura hörte der Regen endlich auf und da wir ohnehin am "Thermal Wonderland" vorbeikamen, machten wir einen Abstecher. Mystisch dampfte es hier und da aus der Erde und ein schwefeliger Geruch führte uns bis zum Campingplatz direkt an die heißen Quellen. Leider sagte uns das Preis-Leistungsverhältnis nicht zu und es gab keine Möglichkeit, überhaupt irgendwo die nassen Klamotten zum Trocknen aufzuhängen. Wir hatten uns so auf ein entspannendes Bad in den Thermalquellen gefreut! Erschöpft rafften wir uns auf und düsten klappernd vor Kälte das letzte Stück nach Rotorura. Der ganze Ort ist mit Schwefeldämpfen durchzogen und es gibt wohl kaum eine Unterkunft, in der es nicht eine private Thermalquelle gibt. Sogar im Park dampft und stinkt es aus der Erde. Wir sind jedoch zu müde, um nähere Erkundungen anzustellen. Stattdessen jagen wir von einem Campingplatz zum anderen, aber leider sind die "Cabins" alle ausgebucht. Wir haben uns heute wirklich einen Bungalow verdient und erwischen telefonisch gerade noch die Rezeption im Top 10 Campground bevor die Feierabend machen. Unter dem Abtreter sind die Bungalowschlüssel für uns hinterlegt und wir haben sogar den Luxus einer eigenen Küche. Die Hütte ist groß genug, um alle nassen Sachen inklusive Zelt aufzuhängen und der Heizer lief den ganzen Abend auf Hochtouren, bis wir wie in einer Waschküche saßen.

Leider kamen wir auch nicht mehr in den Genuss eines Thermalbades, da der Pool bereits verschlossen war. Das gibt's doch nicht - jetzt sind wir schon in Rotorura, aber das, was den Ort ausmacht, können wir lediglich riechen. Schien nicht unser Tag gewesen zu sein.

 

16. Februar 2004, Rotorura - Auckland
40.036 km, keine GPS-Daten

Noch 8 Tage bis wir nach Australien fliegen. Wieder einmal beginnt ein Countdown für uns und wieder einmal haben wir keine Ahnung, wie wir ohne Hilfe die Verschiffung vorbereiten sollen. Uns lässt die Aufgabe keine Ruhe. Eine gewisse Pascale aus Belgien hatte im Horizons-Unlimited-Forum unseren Hilferuf entdeckt und daraufhin Peggy in Auckland kontaktiert. Die Belgierin hatte letztes Jahr ihre BMW nach Auckland verschifft und ihre Transportkiste stand seitdem nutzlos in Peggy's Garage. Wenn das kein Strohhalm war, nach dem wir greifen sollten! Danke Pascale!

Im Nieselregen machten wir uns auf den Highway nach Auckland. Da uns das Wetter weder zu einer Tour zum berühmten Lady Knox Geysir noch zu den sonstigen thermalischen Blubber- und Dampfaktivitäten überzeugen konnte, ließen wir sämtliche Attraktionen um Rotorura links liegen. Wie wir gehört hatten, sind einige davon ohnehin die reinste Touristenfalle: jeden Morgen wird beispielsweise der Lady Knox Geysir mit Seife manipuliert, damit auch ja um halb zehn eine Wasserfontäne vor die Kamera der Besucher schießt. Eigentlich hätten die Neuseeländer sowas gar nicht nötig, finden wir.

Wir wühlen uns gut durch Aucklands Verkehrsschlangen. Die Highways sind voll bis zum geht-nicht-mehr und wir müssen uns erstmal wieder an die dichten, stinkenden Blechlawinen gewöhnen. Angesichts dieser wird einem erstmal bewusst, wie provinziell der Rest von Neuseeland eigentlich ist. Mit ein paar Blümchen in der Hand stehen wir schließlich vor Peggys Tür. Sie hat sich schon auf uns gefreut, zumal sie eine phantastische Zeit mit Pascale hatte. Auf den ersten Blick könnte das Crate auch für unsere Honda passen. Dem kritischen Blick des Ingenieurs entgehen zwar nicht die Holzschäden, aber Bretter liegen in der Garage jede Menge herum, um die Holzkiste auszubessern.

 

17.-18. Februar 2004, Auckland
40.130 km, keine GPS-Daten

Nach genauerer Inspektion ist der Ingenieur doch nicht mehr so happy mit Pascales Holzkiste. Währenddem Erik die gelben Seiten nach Verschiffungspreisen abtelefonierte, versuchte Hanka, ein neues Crate bei den Motorradhändlern Aucklands aufzutreiben. Falls wir ein Crate aus Metall auftreiben könnten, würden wir uns ganze 125 NZD für die Desinfektion sparen. Australiens Quarantänebestimmungen scheinen noch strenger zu sein als die neuseeländischen. Klar, müssen wir wieder alles penibelst putzen, aber jedes Stück Holz muss desinfiziert werden für den Fall, dass irgendwelche Käfer herauskrabbeln. Wie Erik herausfindet, übernehmen die Cargo-Firmen keinerlei Garantie dafür, dass eine in Neuseeland desinfizierte Kiste in Australien erneut behandelt wird (im schlimmsten Fall zahlt man dann auch doppelt: 125 NZ$ plus 150AU$). Also legt sich Hanka ins Zeug und findet auch tatsächlich einen Händler am anderen Ende der Stadt, der Metallcrates herumliegen hat.

Zusätzlich wandern wieder mal alle Klamotten, Spanngurte und Taschen in die Waschmaschine. Auch die Zeltausrüstung müssen wir uns vornehmen und nach Grassamen absuchen. Nachdem alles auf der Leine baumelt, düsen wir zum Konsulat. Wir haben noch kein australisches Visum und während die Reisebüros für die Ausstellung von Visa zur Kasse bitten, erhält man beim Konsulat kostenlos ein elektronisches Visum für 3 Monate ausgestellt. Zuerst zögern wir noch, ob wir nicht doch länger in Australien bleiben. Falls wir in Australien arbeiten können, reichen die 3 Monate keinesfalls, aber wir haben uns ja noch nicht mal entschieden, ob wir überhaupt arbeiten gehen müssen. Momentan haben wir ganz andere Sorgen als große Entscheidungen für unsere Overland-Idee zu treffen. Da man ein ETA auch in Australien noch verlängern kann, nehmen wir erstmal Abstand von der Variante, 80 NZ$ für ein Halbjahresvisum auszugeben. (Hanka liegt noch immer ein Stein im Magen wegen des Visums, was uns die australische Botschaft in Berlin seinerzeit falsch ausgestellt hat, ohne uns die Kosten dafür rückzuerstatten.) Zur Hauptpost müssen wir auch noch. Dort wartet unsere Original-Zulassung auf uns, die Robbie uns nachschicken musste, ein Brief vom Campingplatz Oamaru mit Hankas gefundenem Verlobungsring und auch ein Brief aus der Heimat: Hankas Eltern haben unsere neuen Jugendherbergsausweise in den Umschlag gesteckt und ein paar liebe Zeilen geschrieben. Ach, man müsste viel öfter mal Post bekommen - es war richtig schön!

Am Nachmittag machen wir uns auf den Weg, um die Metallkiste beim Motorradhändler abzumessen. Peggy begleitet uns auf ihrer BMW F650 und wir machen auf dem Rückweg gleich eine kleine Sightseeingtour aus der Strecke. Der erste Händler hatte leider nur kleine Crates in der Schrottkiste herumgammeln, aber wir hatten nebenan bei Suzuki Glück. Auf dem Hinterhof standen gleich mehrere Metallcrates in passender Größe. Einziger Haken: es waren noch nigelnagelneue Bikes in den Kisten verpackt. Der Werkstattmensch zog nur ein langes Gesicht, als wir unser Anliegen hervorbrachten. Nachdem wir jedoch den Manager überzeugt hatten, sich die Sache zu überlegen, bekamen wir einige Stunden später das Okay.

Jetzt hatten wir nur noch das Transportproblem, nämlich das Crate am anderen Ende der Harbour Bridge abzuholen und samt Motorrad irgendwann in den nächsten Hafen zu bringen. Inzwischen standen wir im regen E-Mail-Verkehr mit Pascale, die alle Hebel in Bewegung setzte, um uns zu helfen. Entweder war die kleine Belgierin besonders charmant zu den Transportfirmen oder die Preise haben sich innerhalb eines Jahres erheblich geändert. Wir konnten rechnen,wie wir wollten. Die Verschiffung nach Australien schien die teuerste unserer Reise zu werden - und das trotz der kürzesten Distanz.

Der Verzweiflung nahe, muss uns jemand einen Engel geschickt haben. Am Abend erhielten wir eine E-Mail von einem Arne, der unser altes Posting bei Horizons Unlimited aufgestöbert hatte. Seine Zeilen gingen runter wie Öl: er wohnt in der Nähe von Auckland, konnte uns einen Anhänger zur Verfügung stellen und herzlich eingeladen wurden wir auch noch. Arne hatte schon vorher einem Bikerpärchen beim Verpacken ihrer Maschinen geholfen, alle Werkzeuge in der Garage verfügbar und sogar einen Flaschenzug. Wir glaubten zu träumen!!! Auf einem Schlag schienen sich alle Probleme in Luft aufzulösen. Da das Wochenende naht, können wir gleich morgen zu ihm kommen. Bis Donnerstag Morgen ist unser Crate auch abholbereit und Stuart von der Suzuki-Werkstatt versprach uns, alle Schrauben aufzuheben. Daraufhin sagten wir LEP International ihr Verschiffungsangebot zu. Übermorgen müssen wir die Honda fix und fertig aufgeben. Es wird knapp, aber mit Arnes Hilfe werden wir es sicherlich schaffen. LEP war übrigens die einzige Firma, die Motorräder nicht als "dangerous goods" deklarieren, sofern Benzin und Öl abgelassen wurden. Demzufolge sparen wir einiges an Zusatzkosten pro Kubikmeter.

 

19. Februar 2004, Auckland - Bombay Hills
40.188 km, keine GPS-Daten

Peggy war wirklich unkompliziert und hatte vollstes Verständnis, dass wir vorerst zu Arne zogen. Die meiste Zeit war sie ohnehin ziemlich beschäftigt. Als Sekretärin des Ulysses Motorradclubs hatte sie jeden Abend zu tun - der Papierkram stapelte sich im ganzen Wohnzimmer und man konnte nur bewundern, dass es Leute gibt, die soviel Zeit und Herzblut in eine Sache stecken. Der Motorradclub der Ab-50-Jährigen organisierte Ralleys und diverse Veranstaltungen, bei denen Peggy schon zu früherem Ruhm gelangte. Eine Unmenge an Leuten hatte die Lady auf ihrem roten, winzigen Scooter schon irgendwo gesehen. Während alle anderen mit fetten Harleys und dergleichen aufwarteten, machte sich Peggy überall in Neuseeland einen Namen als "die Lady mit dem Scooter". Peggy wiegt gut und gerne 90 Kilo und desto charakterstärker finden wir ihre Geschichte vom "little red scooter". Leider fiel das Wahrzeichen der Ulysses-Lady einem Unfall zum Opfer und wurde mittlerweile von einer BMW F650 ersetzt.

Mit einer Wegbeschreibung zu Arnes Haus in den Hügeln von Bombay Hills bewaffnet, stürzten wir uns in den Verkehr stadtauswärts. Vom ersten Augenblick an entwickelten wir ein herzliches Gefühl für Arne und Ilse. Unsere beiden dänischen 2 Samariter waren einfach rührend! Arne arbeitete von zuhause als Programmierer für Bang & Olufsen und Ilse kümmerte sich um Haus und "Wheelie". Das schwarze Hängebauchschwein (eine spezielle neuseeländische Rasse, die sich hauptsächlich von Gras ernährt) freute sich auch über unseren Besuch und ließ sich kraulen.

Doch dann machten wir uns an die Arbeit. Zuerst musste die Honda sorgfältig geputzt werden. Arne war perfekt ausgestattet mit einer Hochdruckpistole, so dass wir schnell vorankamen. Selbstlos ließ Arne seinen Schreibtisch zurück, um uns unter die Arme zu greifen. Am Nachmittag fuhren wir mit dem Anhänger nach Auckland, um das Crate abzuholen. Die Suzuki-Leute hatten ganze Arbeit geleistet: alle Schrauben waren fein in einer Tüte gesammelt und die Jungs hatten sich besonders Mühe gegeben, beim Auseinandernehmen keine der Metallstreben zu verbiegen. Zusätzlich konnten wir die dazugehörige Papphülle und Polstermaterial mitnehmen, um die Honda gut zu verpacken. Das lief ja schon mal wie am Schnürchen.

Zurück in Arnes Werkstatt schraubten wir das Crate zusammen, hangen die Honda an den Flaschenzug und schraubten Vorderrad, Spiegel, Lenker und alle zerbrechlichen Teile ab. Anschließend wurde alles gut verpackt. Wir arbeiteten bis zum späten Abend und erledigten schon mal das Gröbste. Morgen früh sind nur noch ein paar letzte Handgriffe zu erledigen und dann wäre es geschafft. Überglücklich können wir noch gar nicht glauben, dass uns eine Nachtschicht erspart bleibt.

Ilse versorgte uns mütterlich mit selbstgebackenem Brot, hausgemachtem Joghurt und zauberte erneut ein festliches Abendmahl. Wie können wir den beiden jemals für ihre Gastfreundschaft und Hilfe danken?

Irgendwie erinnern uns die zwei ein bisschen an Carlos und Julia in Argentinien, die uns nach dem Unfall so familär umsorgten. Das sind Menschen, die tragen soviel Liebe im Herzen, dass man ihnen eigene Kinder wünschen würde.

 

20. Februar 2004, Bombay Hills
40.188 km, keine GPS-Daten

Der große Tag: heute geht die Honda auf die Reise nach Australien. Nach dem Aufstehen zieht es uns gleich wieder in die Garage, um das Werk zu vollenden. Um elf steht dann die Transportkiste festgeschnürt auf Arnes Anhänger und wir machen uns auf den Weg nach Auckland. Die Spedition ist in Flughafennähe, so dass wir zumindest nicht noch mal durch die ganze Stadt kutschieren müssen. Trotz dunkler Wolken schafft es der Regen nicht, unsere Papphülle auf dem Weg nach Auckland zu durchweichen. Edwin von LEP zeigt sich auch vor Ort genauso nett wie bereits am Telefon und kümmert sich zunächst um den Papierkram. Anschließend überlassen wir die Honda dem Gabelstapler. Es ist immer ein bisschen Abschiedsschmerz dabei, unser Motorrad ins Ungewisse zu schicken.

Anschließend müssen wir noch zum Zoll, um unser Carnet de Passage ausstempeln zu lassen. Mürrisch und genervt belehrt uns der Alte erstmal, dass der Lappen ohne Unterschrift des Fahrzeughalters nichts wert wäre. (Er war wirklich der erste und letzte unfreundliche Neuseeländer, den wir trafen.) Erik hat es doch tatsächlich gewagt, das wichtigste aller Papiere auf der Vorderseite nicht zu unterschreiben. Tja, in Dunedin haben die genauso darüber hinweggesehen wie wir. Nachdem der Missstand behoben wurde, stellte sich der Alte an wie der erste Mensch, um den richtigen Zettel auszufüllen. Erik musste ihn sogar noch freundlich darauf hinweisen, welche Felder wichtig sind und letztendlich kriegten wir auch den Stempel. Wir fragen natürlich nicht zweimal nach, als wir einfach so abzwitschern konnten. Auch Arne stand ein Schmunzeln im Gesicht, aber wir freuen uns tierisch, weil der Spaß nicht mal etwas gekostet hatte. Mario wurde angeblich mit 65 NZ$ zur Kasse gebeten, um sein Carnet ausstempeln zu lassen.

Erleichtert kehren wir anschließend zu Ilse zurück. Hey, wir haben es geschafft!!! Wir können selbst kaum glauben, was wir in dieser Woche alles zuwege gebracht haben! Ohne Arne hätte es allerdings nicht funktioniert. Allein die Vorstellung, ein Crate mit Brettern aus dem Baumarkt auf dem Fußweg vor irgend einer Jugendherberge zusammenzuzimmern ist der reinste Horror. Ganz davon abgesehen wäre da auch noch die Transportfrage zu lösen. Fast unmöglich!!!

Selbst Ilse und Arne empfanden den Abend, als hätten wir etwas zu feiern. Ilse bewirtete uns köstlich und wir köpften eine Flasche guten neuseeländischen Weins. Haben wir es wirklich verdient, so verwöhnt zu werden?

 

21. Februar 2004, Bombay Hills - Ohauiti / Tauranga
40.188 km, keine GPS-Daten

Nicht dass Arne und Ilse uns schon genug geholfen hätten - wir haben noch 3 Tage Zeit in Neuseeland und es würde sich doch anbieten, einen Motorradausflug zu machen. Arne war tatsächlich so verrückt, uns seine BMW F650 GS für's Wochenende auszuleihen. Natürlich konnten wir nicht Nein sagen, zumal wir ohnehin viel zu wenig Zeit für die Nordinsel hatten. Nun war die Frage, ob wir lieber einer Einladung nach Tauranga folgen oder doch die Tour zum Ninety Mile Beach machen sollten. Nach einem Blick auf die Landkarte entschieden wir uns für Ersteres.

Shelley hatte uns per E-Mail irgendwann kontaktiert und herzlich eingeladen, die hauseigene Motorrad-Crossstrecke auszuprobieren. Bisher waren einige unserer schönsten Erlebnisse meist die mit Einheimischen und Erik fand das Angebot zugegebenermaßen sehr verlockend (ja, da schlug das alte Croosherz aus der Jugendzeit höher). Zwar kam uns der Wetterbericht so unwirklich wie in einer Seifenoper vor: die ganze Nordinsel voller Regenwolken (dieses Bild blieb regelrecht in unseren Köfpen hängen), aber wir sattelten dennoch die BMW.

Ein bisschen ungewohnt war das Handling anfangs schon, aber die kleine F650 hatte spürbar ein Quentchen mehr Power unter'm Sattel als unsere Honda. Dennoch haben wir beiden Riesen auf dem deutlich kleineren Motorrad keine allzu gute Figur abgegeben. Erik im O-Ton: "ein Frauenbike". Na das musste Hanka doch glatt mal ausprobieren und drehte ein paar Runden auf dem Parkplatz. Irgendwie juckt es sie ja schon, den Führerschein zu machen. Vielleicht wandert der Lappen doch irgendwie noch in Australien in ihre Tasche. Falls wir länger als ein halbes Jahr bleiben - und uns das irgendwie offiziell bescheinigen lassen - könnte man sich glatt überlegen, ob man nicht die Kohle investiert und unter'm Strich noch um einiges günstiger abschneidet als daheim.

Na ja, frierend und angenässt treffen wir schließlich in Tauranga ein. Shelley wollte uns eigentlich halb fünf an der großen BP-Tankstelle treffen. Doch wir warten vergebens. Auch der Tankstellenmensch kennt keine Shelley Dean und alles, was wir ansonsten wissen, ist das irgendwo in der Nähe ihr Motorradgeschäft sein müsste. Wir lassen uns die Adresse aus den gelben Seiten heraussuchen und machen uns auf den Weg. Zwischendurch versuchen wir es auf Shelleys Handy: ausgeschaltet! Zuhause plappert uns die Mutter mit wilden Wegbeschreibungen voll. Shelley müsste im Motorradgeschäft noch sein, aber die Mutter kann uns die Adresse nicht sagen. Also verlassen wir uns erstmal auf die gelben Seiten. Leider Fehlanzeige - die Hausnummer existiert nicht und auch an der nächsten Tankstelle hat man noch nie etwas von dem Geschäft gehört. Irgendwie kommt uns das Ganze langsam Spanisch vor. Schließlich befragen wir einen Taxifahrer, der endlich eine Ahnung hat und weiß, wohin der Laden umgezogen ist. Wir finden schließlich auch endlich das Geschäft versteckt in einer Seitenstraße. Aber wir landen vor verschlossenen Türen. Okay, ein letzter Versuch bevor wir aufgeben. Während Hanka vor dem Geschäft wartet, düst Erik nochmal zur Telefonzelle. Als er Shelleys Nummer wählt, klingelt ein Handy direkt hinter ihm. Shelley hat uns genauso gesucht und anscheinend haben wir uns überall nur um ein paar Minuten verpasst. Schwere Geburt, aber wir sind ganz happy, als Shelley für uns einen 4-Wheeler auf die Ladefläche bugsiert und uns anschließend zu ihrem Haus mitten im Busch lotst. Das hätten wir echt nie gefunden!

Wir werden allerliebst von ihrer 85jährigen Mutter, der Schwester und ihren beiden Kindern empfangen. Obwohl das Haus alt ist, verzaubert es inmitten des Busches durch seinen eigenen Charme, der nicht zuletzt der Herrin des Hauses zu verdanken ist. Wir haben noch nie im Leben eine derartig agile 85jährige kennengelernt. Großmama zaubert erstmal ein phantastisches Abendessen auf den Tisch, plappert unterdessen ununterbrochen über alles, was ihr einfällt, telefoniert aufgeregt zwischendurch mit ihren Sportsfreundinnen und schwärmt uns gleichzeitig von ihren Bowling-Aktivitäten vor. Unglaublich, die Frau. Wir sind regelrecht begeistert, was für eine unglaubliche Aura von dieser Familie aus drei Generationen ausgeht. Es wird gelacht und gescherzt und von Anfang an fühlen wir uns behaglich. Als Großmama Hankas Ehrgeiz für Puzzles weckt, landen wir alle zusammen im Wohnzimmer und versuchen uns an den restlichen Teilen eines blumigen!Sommerhauses, das Großmama schon zum Verzweifeln gebracht hat.

Spontan landen wir später mit Shelley und Großmama auf dem 4-Wheeler und steuern in pechschwarzer Nacht in den Wald, um die Glowworms in den dichten Farnbäumen zu finden. Während Shelley das eiernde Gefährt lenkte, plapperte die 85jährige ohne Unterbrechung. Der Weg ist ziemlich schlammig, deswegen zuckt uns noch der Gedanke durch den Hinterkopf, dass Großmama stürzen könnte. Aber die lässt sich von unseren Sorgen überhaupt nicht beeindrucken wuselt anschließend ohne Taschenlampe oder Stock durch den dunklen Wald, um uns aufgeregt die besten Stellen voller strahlender Glühwürmchen zu zeigen. Diese Frau ist wirklich unglaublich! Wir müssen regelrecht schmunzeln, als wir zu viert auf dem wankendem Quad zurückschlingern. Leider lief uns auch heute wieder kein einziges Possum über den Weg. Dabei nennt die Familie ein 144 Acres (57 Hektar) großes Areal aus Wäldern und Weiden ihr eigen, wobei allein bei einer einzigen Giftköderaktion im vergangenen Jahr 4000 Possums erlegt wurden!

 

22. Februar 2004, Ohauiti / Tauranga (Ausflug Mount Maunganui)
40.188 km, keine GPS-Daten

Wie versprochen drückte uns Shelley morgens gleich den Schlüssel für den 4-Wheeler in die Hände. Sie zeigte uns den Beginn des Tracks durch den Wald und danach sah sich Erik gleich der ersten Herausforderung gegenüber: nämlich das Gefährt einen steilen, wie Schmierseife rutschigen Schlammberg voller tiefer Furchen hinaufzufahren. Shelley war eigentlich mitgekommen, um die ausgewaschenen Schlammfurchen mit einer Schaufel zu begradigen. Nach drei Anläufen schaffte Erik den Berg und danach waren wir die nächsten 17 km auf uns alleine gestellt.

Durch den vielen Regen war die Piste zum Teil in einem üblen Zustand. Wo die Sonne nicht hinkam, erwarteten uns tiefe Schlammlachen. Um das Schwanken des 4-Wheelers beim Fahren authentisch festzuhalten, schoss Hanka spontan einen Kurzfilm. Während sie mit der Kamera an einer Kurve stand, bugsierte Erik das Gefährt einen Berg hinunter, nahm elegant die Linkskurve durch einen Bach und anschließend sollte es wieder bergauf gehen. Erik bekam jedoch die Kurve nicht ganz, der 4-Wheeler kippte um und Erik flog im hohen Bogen den Hang hinunter. Während sich Hanka vor Lachkrämpfen kaum noch halten konnte, wurde der Stunt komplett als Videosequenz gefilmt. Nach der ersten Schrecksekunde kamen auch bei Erik nur noch die Lachtränen geschossen. Normalerweise filmen wir so gut wie nie - in diesem Falle war es sogar doppelter Zufall, dass die Kamera genau im richtigen Augenblick eingeschaltet war!

Auf der ganzen Tour hatten wir jede Menge Spaß. Ein Teil des Tracks, der gerade mal so breit war wie der 4-Wheeler selbst, führte in scharfen Kurven durch ein Stück dichten Farnwalds. Galant manövrierte Erik die schwankende Karre ohne Blessuren durch den grünen Dschungel aus Baumstämmen und Büschen. Hanka klammerte sich dabei mit aufgerissenen Augen wie ein quietschendes Aeffchen an seinem Rücken fest. Das darauffolgende Stück Schlamm sollten wir nicht so leicht schaffen. Die Spurrillen waren dort so tief, dass wir mit der Achse permanent aufsetzten und sich diese jedes Mal in den Schlamm eingrub. Beim ersten Steckenbleiben war Erik noch guten Mutes, den 4-Wheeler alleine aus dem Schlamm ziehen zu können, aber Pustekuchen. In dem rutschigen Schlick fand man einfach keinen Halt und man unterschätzt, wie schwer so eine Maschine ist! Wohl oder übel musste Hanka im Schlamm mit anpacken. Nach 5 Versuchen, 5 mal Abrutschen, 5 mal Steckenbleiben sowie 5 Kraftakten, die Karre aus dem Schlamm zu ziehen, waren wir von oben bis unten eingesaut und fix und fertig. Dennoch stand uns immer noch ein Grinsen im Gesicht. Die ganze Situation kam uns dermaßen unwirklich vor.

Anscheinend war niemand sonst auf dem langen Track unterwegs, der uns zu Hilfe kommen könnte und wir malten uns schon bildhaft auf, wenn Shelley kurz vor der Dunkelheit aufgetaucht wäre. Irgendwie schafften wir es dann doch noch und waren heilfroh, dass es danach streckentechnisch nur besser wurde. Selbst Hanka wuchs über sich selbst hinaus, als sie sich das letzte Stück sogar ans Steuer wagte. Nach drei Stunden Abenteuer und harter Arbeit fuhren wir den 4-Wheeler vor Shelleys Haus. Nicht nur wir sahen aus wie nach einem Schlammcatchen, auch unser Gefährt brauchte dringend eine Wäsche. Lachend erzählte uns Shelley, dass die Worldchampions den Track in weniger als 15 Minuten fahren können. Schätze mal, wir brauchen noch ein bisschen Übung!

Unsere Motorradklamotten und Stiefel hatten wir also in Auckland umsonst geputzt. Wenn die australische Quarantäne wüsste, wie wir heute ausgesehen haben - die würden uns glatt wieder zurückschicken. Ist nicht irgendeine Kontrollfrage bei der Einreise, ob man in den letzten zwei Wochen auf einer Farm zugebracht hat? Ach, natürlich - nöööööööö!

Großmama und die Waschmaschine nahmen sich unserer vor Dreck steifen Motorradkluft an, damit wir auf Arnes Bike umsteigen und die Gegend ein bisschen erkunden konnten. Es ist ein herrlicher Tag und der Wetterbericht mal wieder ein Schuss in den Ofen. Bei herrlichem Sonnenschein starteten wir Richtung Bay of Plenty. Wegen des angenehmen Klimas und der traumhaften Kulisse, die die Küste mit dem Mount Maunganui bietet, ist Tauranga die am schnellsten wachsende Stadt in ganz Neuseeland.

Wir verbringen romantische Stunden am Strand, bewundern die Kiwis, die trotz eisiger Wassertemperaturen ohne Scheu im Meer herumspringen, staunen über Tausende von Muscheln, die wie in einer Schmuckschatulle am Strand herumliegen und genießen den phantastischen Spaziergang entlang der schwappenden Wellen am Fuße des Vulkankegels. Auf dem Rückweg entdecken wir endlich, wonach wir schon seit Wochen suchen: Kiwiplantagen. Wahrscheinlich haben wir noch nie die unscheinbaren, rebenartigen Pflanzen irgendwo wahrgenommen. Wenigsten wissen wir jetzt, dass Kiwis nicht (nur) aus Italien kommen. In drei Monaten beginnt die Ernte hier, so dass wir leider keinen Vorgeschmack auf die riesigen, braunwuscheligen und noch steinharten Früchte bekommen.

Jedenfalls erlebten wir heute den perfekten Bilderbuchtag, den wir in einem lustigen Abend mit Familie Dean ausklingen lassen. Danke Arne und Shelley, dass wir dies erleben durften!

 

23. Februar 2004, Ohauiti / Tauranga - Bombay Hills - Auckland
40.188 km, keine GPS-Daten

Großmama erwartete uns bereits mit einem gigantischem Frühstück. Mit dem kochenden Kaffeewasser in einer Hand, dem Telefon auf die Schulter geklemmt, um einer ihrer Bowling-Freundinnen von ihrem neusten morgentlichen Missgeschick zu berichten (über einen Nagel gestolpert, als sie die ausgebrochenen Kuehe wieder einfangen wollte), holte die 85jährige Großmama doch plötzlich zum Kick aus, um mit einem Bein die oberste Besteckschublade zu schließen. Wir trauten unseren Augen nicht und kicherten wie zwei Kinder in uns hinein. Diese Frau ist wirklich unglaublich!!! Mit einem verstauchtem Zeh hätte man eigentlich erwartet, dass die heutige Verabredung zum Gras-Bowling geplatzt wäre - nicht aber für Großmama! Aufgeregt stürzte sie in ihrem weißen Bowling-Outfit, was ihr übrigens fabelhaft stand, durchs Haus und zeigte uns demonstrativ ein paar Würfe mit dem schweren Kugeln im Hausflur. Schmunzelnd packten wir anschließend unsere Siebensachen auf die BMW.

Irgendwie waren wir schon traurig, dass die Zeit so schnell verging. Morgen fliegen wir bereits nach Australien und da dies unsere letzte Flugstrecke von unserem Round-the-World-Ticket ist, hoffen wir darauf, dass wir künftig mehr Zeit für die wesentlichen Dinge haben - uns endlich mal frei fühlen können!

Ein wenig geknickt machten wir uns auf den Rückweg nach Auckland. Dort stand uns bereits der nächste Abschied bevor von Menschen, die uns lieb geworden sind. Doch bevor wir die BMW wohlbehalten zurück in Arnes Hände gaben, machten wir einen kleinen Schlenker über die Coromandel Halbinsel, für die man eigentlich drei Tage Zeit und auf jeden Fall ein Zelt einplanen müsste. Wieder einmal müssen wir uns lediglich mit einem kurzen, landschaftlichen Eindruck zufrieden geben. Aber besser als gar nichts. Schließlich wissen wir zu schätzen, dass wir überhaupt die Tage noch nutzen konnten und nicht seit Freitag rastlos in Auckland festsaßen.

Dummerweise mussten wir jedoch auf dem Rückweg eine frisch betonierte Baustelle passieren, die ziemliche Schlieren an Arnes Bike hinterließ. Wir können nicht glauben, dass die einfach den Beton auf die Fahrbahn schütten und jeder im Gegenverkehr sein Fahrzeug von oben bis unten einsaut. Mit einem ziemlich schlechten Gewissen fuhren wir die grau gesprenkelte BMW am Nachmittag auf Arnes Hof, aber der sah das graue Dilemma gelassen und holte gleich den Hochdruckreiniger aus der Garage.

Nachdem wir Ilses selbstgebackene Brot zum Mittagessen nicht abschlagen konnten, half unser anschließender Protest auch nicht, Arne davon abzuhalten, uns bis zurück nach Auckland zu fahren. Uns ging der Abschied ziemlich auf den Magen. Wir werden nie vergessen, welch sagenhafte Gastfreundschaft wir in den letzten Tagen erlebt haben!

Auch Peggy hat ein Stein bei uns im Brett. Wir feierten unseren letzten Neuseeland-Abend mit Kerzenschein und einer Flasche Wein und konnten Peggy auch nicht davon abhalten, uns morgens um drei zum Airporttaxi zu verabschieden. Irgendwie haben wir ziemlich gemischte Gefühle, weil erneut ein Kapitel unserer Reise zugeschlagen wird. Man freut sich auf das Neue - Australien - aber gleichzeitig wünscht man sich, am Alten etwas länger festhalten zu können. Manchmal kommt einem alles so schnellebig vor!

Trotz des schlechten und wechselhaften Wetters - von dem alle steif und fest behaupteten, dass es nicht normal wäre - haben wir Neuseeland sehr genossen. Neben traumhaften Landschaftsstrichen haben uns jedoch vor allem die "Kiwis" selbst begeistert. Wir haben selten so offene Leute getroffen, noch nie so viele Einladungen erhalten und dennoch hatten wir kaum Zeit, alles in Ruhe zu genießen. 6 Wochen waren zumindest uns zu kurz und wir sind eine Rekordzahl von sage und schreibe 6.000 km in ca. 4 Wochen gefahren wenn das nicht für sich spricht!


Hanka und Erik
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