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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Australien - Camping mit Känguruhs

 

24. Februar 2004, Auckland - Beaconsfield / Melbourne
40.188 km,
keine GPS-Daten

Warum gibt es eigentlich keine richtigen Schlafsessel an Flughäfen? Als uns der Airport Shuttle mitten in der Nacht zum Flughafen von Auckland kutschierte, hatten wir noch 2 1/2 Stunden Zeit, bis unser Flug um kurz nach sechs aufgerufen wurde. Mehr schlecht als recht konnten wir die Zeit bis zum Morgengrauen totschlagen.

Kein Wunder, dass wir uns nach einer schlaflosen Nacht ziemlich gerädert fühlten, als wir um 7.55 Uhr in Melbourne landeten. Ursprünglich wollte Mario uns direkt vom Flughafen abholen, doch seit gestern kann er auf einer Baustelle arbeiten. Anfangs überlegten wir, ob wir einfach den Tag in der City verbringen sollten, aber mit all unserem Gepäck war das keine so gute Idee und die Gepäckaufbewahrungstarife sind jenseits von gut und böse. Also verbrachten wir den Tag am Melbourner Flughafen bei dem Versuch, noch eine Mütze Schlaf zu bekommen.

Gegen drei nahmen wir den Airport-Bus in die Stadt und stiegen anschließend auf den Zug nach Südosten um. Beaconsfield lag am anderen Ende der Stadt, was mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine halbe Tagesreise bedeutete. Irgendwann standen wir mit Sack und Pack auf dem Bahnsteig in Beaconsfield und warteten auf die knattrigen Einzylinder-Geräusche von Marios KTM. Natürlich gab es ein großes Hallo, als Mario mit seiner orangefarbenen "Kati" um die Ecke geschossen kam. Mario konnte man wirklich vermissen! Irgendwie managten wir es, unsere Siebensachen auf's Motorrad zu laden und Mario chauffierte uns einzeln zu Harolds Haus, wo uns freudig "Dito", der zweite Hund von Harolds Frau, begrüßte. (Harold ist der älteste Sohn von Dave & Marjory, in deren Garage wir in Christchurch in Neuseeland schrauben durften.)

Australien wird uns gefallen - versprach uns unser erstes Gefühl. Wir sogen den Augenblick tief in uns auf, als die Sonne tiefrot hinter den Eukalyptusbäumen unterging, während ein undefinierbares Klingeln durch die Haine hallte. Unsere Vermutung, dass es sich um eine Art Zirkaden handelte, sollte sich als völlig falsch herausstellen. Wir lernten erst Wochen später, dass dies die Rufe von Bellbirds waren. In Beaconsfield muss es Hunderte davon gegeben haben!

 

25.-28. Februar 2004, Beaconsfield / Melbourne
40.188 km,
keine GPS-Daten

Wir sollten noch so einiges in Australien lernen. Dass in "Down Under" Känguruhs herumspringen und Koalas in den Bäumen hängen, weiß jedes Kind. Was uns jedoch regelrecht umhaute, waren die vielen Vogelarten. Wir müssen in den nächsten Wochen noch eine Menge an Namen lernen. Da waren krächzende Cockatoos, die einen ohrenbetäubenden Lärm machen konnten, freche Magpies, die erfolgreich Ditos Hundefutter klauten, farbenprächtige Rosellas, weißgefiederte Corellas und, und, und. Wir hätten nie erwartet, dass es in Australien so viele Großsittiche gibt! Erik wurde immer ganz aufgeregt, wenn wieder ein kunterbunter Vogel zur Futterschale kam.

Mit Harold verstanden wir uns auf Anhieb gut und er freute sich offensichtlich über Hankas Koch- und Backkünste, angefangen von peruanischer Passionsfruchtmarmelade (die Früchte hatte Mario auf Arbeit geklaut) bis hin zu Brombeerkuchen. Auch Dito wurde in diesen Tagen ziemlich verwöhnt. Wir nahmen ihn einige Male auf den Weg nach Beaconsfield mit, so dass der unkonditionierte Jagdhund abends japsend auf dem Küchenboden zusammenbrach. Harold versäumte es nicht, uns einen Vorgeschmack auf das Land der "no worries, mate" zu geben. In Kürze wussten wir, dass "stubbie holder" zur Überlebensausrüstung eines jeden "Aussies" zählen (wer will schon kalte Hände vom eisgekühlten Bier bekommen) und probierten Känguruhsteaks auf dem Barbecue (wirklich zart und köstlich). So langsam bekamen wir in diesen Tagen auch eine Größenvorstellung von Australiens. Eine unserer ersten Anschaffungen hier wurde eine Landkarte, auf der wir zunächst sämtliche Spots markierten, die wir als Tipps und Empfehlungen inzwischen gesammelt hatten. Fragt sich nur, wie wir die kreuz und quer verteilten Punkte in eine Route bringen wollen... Vermutlich haben wir nicht die Zeit, eine "acht" durch Australien zu fahren, also müssen wir uns wohl oder übel entscheiden, ob die Reise links oder rechts herum gehen soll. Das bedarf so einiger Bedenkzeit.

Leider konnten wir Harolds Gästezimmer nur für eine knappe Woche in Anspruch nehmen, weil seine kranke Frau, Terena, am Sonntag von ihren Eltern zurückkam. Ohne unsere Honda fühlten wir uns total unbeweglich und uns graute schon vor dem Umzug auf irgendeinen Campingplatz. Umso verblüffter schauten wir uns an, als wir plötzlich eine Einladung von zwei völlig fremden Leuten in unserem E-Mail-Postfach entdeckten. Wie sich herausstellte, hatte Arne aus Neuseeland seine Fühler für uns ausgestreckt und jemanden aus dem australischen BMW-Club kontaktiert. Ein erstes Telefonat mit Lyn bestätigte die herzliche Einladung und ein hergerichtetes Gästezimmer wartete bereits auf uns in Diamond Creek. Was für ein netter, unglaublicher Empfang in Australien!

 

29. Februar Beaconsfiel / Melbourne - Diamond Creek / Melbourne
40.569 km,
keine GPS-Daten

Mario war uns beim Umzug behilflich und lieferte uns in dem beschaulichen Suburb Diamond Creek, im Norden Melbournes ab. Grinsend registrierte Erik auf den ersten Blick die BMW RT 1150 in Keiths Garage - unter Bikern fühlt man sich wie in einer großen Familie. Auch ohne Motorrad wurden wir allerliebst von Keith und Lyn aufgenommen. Wir müssen aufpassen, dass uns das nette Lehrerpärchen nicht zu sehr verwöhnt, sonst haben wir keine Freude mehr am Campen...

 

1. - 8. März 2004, Diamond Creek / Melbourne
40.569 km,
keine GPS-Daten

Wie soll man in Worte fassen, was wir in den letzten Tagen an australischer Gastfreundschaft erlebten? Keith und Lyn hatten ihre helle Freude daran, uns mit den kulinarischsten Raffinessen, detailiertesten Hintergrundinformationen über Australien und umfassenden Sightseeing-Ausflügen nach Melbourne und Umgebung zu verwöhnen. Erik war sichtlich schwer beeindruckt, wie Keith sich im Laufe seiner Ehejahre zum Gourmet-Chefkoch gemausert hat (Vielleicht ein kleiner Ansporn?) und wir sammelten fleißig einige Rezepte. In Diamond Creek sahen wir erstmals Australiens berühmtes Wappentier: Känguruhs. Begeistert beobachteten wir die mannshohen Beuteltiere galant durch den Staub springen. Obwohl sich "hüpfen" plump anhört, waren wir fasziniert, mit welcher Leichtigkeit und Eleganz sich die Tiere fortbewegten!!!

Keith und Lyn nahmen uns mit auf eine Rundfahrt nach Geelong, zeigten uns Melbourne bei Nacht (feuerspuckende Säulen entlang der Southbank und musikalische Laser- und Wasserspiele im Casino) und die Zeit reichte sogar noch für einen gemeinsamen Motorradausflug nach Marysville.

Apropos Motorrad: am Mittwoch kam die Honda endlich in Melbourne an. Keith und Lyn begleiteten uns zu LEP, wo wir im Büro der Frachtagentur alle Papiere in die Hand gedrückt bekamen. Anschließend wurden wir 91 AUD bei der AQUIS los und hatten je einen Termin mit der Quarantänebehörde und einem Zollbeamten zu treffen. Leider waren die Jungs derart beschäftigt, dass die Honda erst zwei Tage später inspiziert werden konnte. Mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, erwarteten wir am Freitag die gefürchtete Quarantänekontrolle im Lagerhaus. Was hatten wir nicht alles schon für Stories gehört und wenn jemand Staub unter den Schrauben finden will, um Traveller abzuzocken, dann findet er garantiert welchen! In unserem Fall warf der Inspektor einen kurzen Blick auf die Honda, schielte nur flüchtig hinter das Nummernschild und schon hatten wir den Stempel auf den Papieren - no worries, mate! Erleichtert konnten wir anschließend unser Bike zusammenschrauben, Kiste und Verpackung zurücklassen und Australiens Straßen Gummi geben.

Wir waren noch keine fünf Minuten auf dem Highway, als uns die Polizei stoppte. Die Jungs hatten noch nie ein Nummernschild wie unseres gesehen und wollten uns gleich mal zeigen, wo der Hase langläuft. Angeblich dürften wir mit diesem Nummernschild in Australien nicht fahren - das kostet wohl 500 $ Strafe. Gelassen zeigten wir ihnen unser frisch abgestempeltes Carnet de Passage und der Gesichtsausdruck der beiden verriet spätestens jetzt, dass die Plinsen keinerlei Ahnung hatten. Resignierend zogen sie sich in ihr Polizeiauto zurück, um über die Funkzentrale herauszufinden, was eigentlich ein Carnet de Passage sei. Wir hatten weiß Gott schon etliche Fotos von deutschen Bikes in Australien gesehen! Kleinlaut erhielten wir unser Zolldokument zurück mit dem Hinweis, wir sollten unbedingt zur Straßenbehörde "VicRoads" fahren, denn die wüssten genau, wie Sonderfälle wie wir zu beschildern und versichert wären. Natürlich versprachen wir, dies unverzüglich nachzuholen.

Allein aus Neugier machten wir uns doch noch in Melbourne schlau und erhielten sowohl von VicRoads als auch vom Automobilclub die Aussage, dass die obligatorische, australische Fahrzeughaftpflicht nur für australische Nummernschilder ausgestellt werden kann. Mit deutschen Fahrzeugpapieren bekämen wir allerdings kein australisches Nummernschild. Irgendwo beißt sich da die Katze in den Schwanz! Erst nachdem Keith alle Hebel in Bewegung setzte, erhielten wir ein paar handfeste Infos zum Thema temporäre Einfuhr von Fahzeugen (http://www.aaa.asn.au/pages/motaust.htm). Da ja offensichtlich niemand Ahnung von der Materie hatten, beschlossen wir uns künftig freundlich-dumm zu stellen.

In Melbourne war am Wochenende die Hölle los: das erste Formel-Eins-Rennen stand an und gleichzeitig feierte die Stadt ihr berühmtes Moomba Festival. Blonde Boxenluder, jede Menge Schumi-Fans und dazwischen Rummel, Fressbuden, Konzertbühnen und ein erstklassisches, musikalisch untermaltes Feuerwerk hinterließen bunte Eindrücke. Wir trafen uns mit Mario, so oft es ging und organisierten ein kleines Traveller-Treffen mit den Schweizern Flavia und Marcel, mit denen wir seit einiger Zeit im E-Mail-Kontakt standen. Wie der Zufall es will, waren die beiden bei Bekannten in Diamond Creek untergekommen, 5 Minuten von unseren Gasteltern entfernt! Wir wurden uns schnell einig darüber, zusammen mit den Schweizern die nächsten Tage entlang der Great Ocean Road zu verbringen. Nach über zwei Wochen Warterei kreisen uns schon die Hummeln am Hintern!

PS: Die roten Markierungen auf unserer Australien-Karte überwiegen eindeutig entlang der Ostküste. Wahrscheinlich haben wir dort auch bessere Chancen, Arbeit zu finden. Wer weiß, vielleicht schaffen wir es ja doch noch nach Indien...? Die Route entlang der Ostküste steht jedenfalls erstmal fest.

 

9. März 2004, Diamond Creek / Melbourne - Wye River
40.798 km, S 38-38-09 / E 143-53-21

Halb sieben klingelt uns der Wecker aus dem Schlaf. Draußen regnet es und wir kommen gleich in Versuchung, uns noch mal umzudrehen. Keith ist wie üblich schon auf den Beinen und versucht, dem Computer ein paar E-Mails zu entlocken. Selbst Steven (Familienbesuch aus Japan) ratscht schon mit den Reißverschlüssen seines Koffers, so dass wir uns letztendlich einen Ruck geben und aufstehen. Schauen wir mal, was Flavia und Marcel von dem Wetter halten. (Ist es nicht komisch, wir sind seit zwei Wochen in Australien und ausgerechnet heute regnet es.)

Heute heißt es leider auch mal wieder Abschied nehmen. Keith und Lyn sind uns richtig ans Herz gewachsen und wir werden uns gewiss nach den beiden sehnen - nicht nur, weil sie uns dermaßen verwöhnt haben! Der Campingalltag wird uns spätestens heute Abend an ein weiches Bett und Keiths weltbesten Obstsalat mit Macadamia-Nüssen und Erdbeeren erinnern.

Flavia und Tom sind noch beim Packen, als uns ihre Gasteltern, Annelies und Fred, freudestrahlend begrüßen. Fred unterhält uns in der Zwischenzeit mit einer lustigen Geschichte über Schlangen, denn von gruselig-giftigen Tieren gibt es in Australien eine ganze Menge! Eine der gefährlichsten Spinnenarten nistet sogar in seinem Kompostkübel, "Redbacks". Die kleinen Spinnen können mit ihrem giftigen Biss einen Menschen töten! Zwar läuft uns eine Gänsehaut über den Rücken, aber man kann sich angesichts des kleinen Tierchens nicht wirklich vorstellen, dass es so gefährlich sei. Doch wir hören nicht zum ersten Mal, dass einem die gefährlichen Spinnen und Schlangen ohnehin nur äußerst selten über den Weg krabbeln und die wenigsten überhaupt aggressiv auf den Menschen reagieren. Auch Freds "Redback" verzog sich gleich wieder, nachdem sie für ein Foto Modell gestanden hatte. Also Papa, mach Dir mal keine Sorgen um uns! Es passiert nur äußerst selten, dass Menschen überhaupt gebissen werden und wenn, dann meist nur bei dem Versuch, so ein Viech zu killen (was sich Hanka natürlich nicht mal im Traum einfallen lassen würde). Statt der gefährlichen Biester wollen wir uns heute lieber den kuscheligen Tierchen Australiens hingeben. Fred hat uns eine Stelle verraten, wo man Koalas sehen kann.

Endlich ist auch der "Tiger" fertig beladen und die Fahrt kann beginnen. Flavia und Marcel haben eine weltrekord-verdächtige Zuladung auf ihre Triumph gepackt. Noch nie haben wir eine derartige Fuhre auf einem Motorrad gesehen! 20 Minuten später steigen wir im Warrandyte Pound Bend Nationalpark ab und entdecken auch gleich am Parkplatz den ersten wuscheligen Eukalyptus-Fresser in den Bäumen sitzen. Koalas sehen wirklich aus wie Plüschtiere und wir hätten am liebsten einen geknuddelt! Einfach süß, die Bären, die ja gar keine Bären sind!!!

Happy und aufgeregt, weil wir gleich beim ersten Versuch freilebende Koalas inmitten eines nach Eucalyptusöl duftenden Waldes entdeckt haben, schrabbseln wir die Kilometer auf dem Highway nach Geelong. Es ist schön, wieder mal mit einem zweiten Motorrad "on the road" zu sein. Zusammen mit der überladenen Triumph ziehen wir allerdings ganz gewaltig die Aufmerksamkeit anderer auf uns; ein Gefühl, was sich durchaus genießen lässt. Wir sind schon gespannt darauf herauszufinden, was sich alles Schönes in den fünf riesigen Alukoffern versteckt.

Bei Geelong durchnässt uns die erste dunkle Wolkenwand. Der Regen setzt vor allem der Triumph ziemlich zu und Flavia sieht nicht glücklich aus, weil der Motor stottert. Mit 150.000 km hat der Tiger auch schon einiges auf dem Buckel! Während die Jungs über das Motorstottern fachsimpeln, suchen die Mädels schon mal ein trockenes Plätzchen für die Mittagspause. In einem Aborigines-Informationszentrum dürfen wir uns netterweise sogar mit unseren Stullenpaketen in die Caféteria setzen. Angesichts der tollen Auswahl an Aborigines-Kunst müssen Flavia und Hanka wieder mal beide Augen zudrücken - leider kein Platz für Souvenir-Trophäen!

Dafür tröstet uns gleich darauf ein Fetzen blauer Himmel, der die Sonne herauskommen lässt. Selbst der "Tiger" hat vor Aufregung das Stottern vergessen und wir rasen vergnügt der Great Ocean Road entgegen. Schon unser erster Eindruck von der über 300 km langen Strecke entlang des Southern Ocean ist überwältigend. Vor uns liegt eine traumhafte kurvenreiche Motorradstrecke entlang blauer Buchten mit wilder Brandung. Leider erleben wir die Strecke nicht für uns allein.

In Wye River schlagen wir unsere Zelte an einem idyllischen Fleckchen am Bach mit Enten, blaugefiederten Fairy Wrens und Kakadus auf. Der kostenlose Busch-Campingplatz scheint nicht mehr zu existieren, aber der "Big 4 Campingplatz" ist so schön gelegen und ansprechend sogar mit Küche ausgestattet, dass wir gar nicht böse darüber sind. Ob Keith und Lyn wohl gerade an uns denken, wie wir so in unserem Zelt liegen?

 

10. März 2004, Wye River - Warrnambool
40.999 km, S 38-23-10 / E 142-32-01

Die gefiederten Bewohner unseres Campingplatzes haben selbst in der Nacht für ziemlich Stimmung gesorgt. Selbst Hanka wurde von dem Geschrei eines Kakadus wach, der an unserem Zelt vorbeistolzierte und plötzlich zu zetern anfing. Der Lärm der trolligen Vögel ist ohrenbetäubend!

Mit schmerzenden Knochen und einem steifen Hals krabbelte Hanka schließlich wehleidig aus dem Zelt. Wir müssen uns wohl erst mal wieder an dünne Isomatten, Luftkissen und Schlafsäcke gewöhnen. Beim Packen haben wir allerdings noch genug Routine. Schnell ist alles wieder zusammengeräumt und wir staunen nicht schlecht über Flavia und Marcel, deren Handgriffe beim Gepäckverstauen wie in der Boxengasse funktionieren. Alles hat seinen festen Platz, jedes Teil wird in der gleichen Reihenfolge ausgepackt und wieder verstaut - das eigene System schon hunderte Male erprobt und bewährt. Würde man unterwegs keine Packroutine entwickeln, wäre die Liste an liegengelassenen Sachen um einiges länger! Apropos, wir haben unsere geliebte kleine Käsereibe bei Keith und Lyn vergessen...

Wieder auf der Great Ocean Road schlängeln wir uns weiter entlang der Küste. Zwischendurch passieren wir dichte Farn- und Eukalyptuswälder und landen schließlich im Melba Gully State Park. Dort führt uns ein idyllischer Weg durch den Regenwald zu dem 300 Jahre alten Otway Messmate, dem "Big Tree". Der urige Baum hat einen gigantischen Umfang von 27 m und bereits etliche Stürme und Feuer überlebt - ein äußerst eindrucksvoller Zeitzeuge, wie wir finden.

Trotz guter Wetternachrichten bleibt der Himmel jedoch bis auf weiteres wolkenverhangen und ein kühler Wind unser Begleiter. Als Hanka dann auch noch von einer Wespe gestochen wird, schien sich alles gegen uns verschworen zu haben. Enttäuscht fanden wir uns schon kilometerweit vorher damit ab, dass wir den spektakulärsten Teil der Great Ocean Road nicht im Sonnenlicht erleben werden. Doch wie durch ein Wunder riss die Wolkendecke kurz vor den 12 Aposteln auf und vor uns lagen im Sonnenschein die berühmten Felsformationen, umspült von tosenden, türkisgrünen Wellen. Unser Timing hätte nicht besser sein können! Die Aussicht war dermaßen atemberaubend, dass man schon für einen Moment die vielen Leute rundherum vergessen konnte. Mit uns ergötzte sich nämlich auch eine ganze Horde anderer Touristen an dem phänomenalen Wolkenloch über den 12 Aposteln. Neben dem riesigen Parkplatz in Shoppingcenter-Dimension startete und landete ein Hubschrauber nach dem anderen, damit zahlkräftige Urlauber das Highlight der Great Ocean Road auch aus der Vogelperspektive erleben können. Wir möchten nicht wissen, was hier in der Hochsaison bei schönem Wetter los ist! Dennoch sind wir vier einer Meinung; selbst mit Besuchermassen gehört die Great Ocean Road definitiv zu den "Must See's".

Mit etlichen Fotos in der Tasche ließen wir das magische Wolkenloch hinter uns. Am Straßenrand huschte noch schnell ein Echidna vorbei (australisches Säugetier, das Eier legt und wie ein Igel ausieht), der uns prompt umkehren ließ - leider war er doch zu schnell für die Fotolinse. Danach kam der erste große Supermarkt in Warrnambool in Sicht. Wir waren hungrig wie die Wölfe und mussten erstmal unsere Vorratstasche wieder aufstocken. Anschließend wurden die Zelte aufgebaut. Wir haben eine megagünstigen Campingplatz entdeckt - finden aber wenig später auch den Grund dafür heraus: die Güterzüge rollen hier lang, als ob die Lok jeden Augenblick durch's Zelt rattert. Was soll's, wir haben heute schon reichlich Glück gehabt und sind guter Dinge, als die Fischstäbchen auf dem Barbecue brutzelten.

 

11. März 2004, Warrnambool - Grampians National Park / Smith Mill Campground
41.209 km, S 37-06-28 / E 142-25-20

Die zweite Nacht im Zelt fühlte sich schon um einiges besser an. Wären da nicht die zwei Güterzüge über den Zeltplatz gerumpelt, hätte man sogar von einer ruhigen Nacht sprechen können. Wir lassen uns das Frühstück schmecken und dann beginnt wieder der Packmarathon. Punkt zehn sitzen wir alle vier auf den Bikes und düsen landeinwärts zu den Grampians.

Schon von weitem begrüßen uns am Horizont die markant-steilen Felsplatten des gleichnamigen Nationalparks, allerdings unter einem wolkenverhangenem Himmel. Von einem Kilometer zum anderen wechselt die braungraue, dürre Steppenlandschaft zu grüner Baum- und Buschvegetation. Wir freuen uns auf die Grampians, weil uns schon etliche Australier davon vorgeschwärmt haben.

In Dunkeln erhalten wir bei der Touristeninformation gute Karten und einen ersten Überblick, was es alles zu sehen gibt. Unser erstes australisches Buschcamping steht uns bevor und wir sind schon gespannt, ob die Wallabies (kleine Känguruhs) auch wirklich um die Zelte hopsen. Lautes Vogelgezwitscher begleitet uns die Straße hinauf in die Berge. Unser erster Abstecher im Nationalpark führt uns zum Mount William Lookout. Nicht etwa, dass wir mit den Mopeds gefahren wären - steile anderthalb Kilometer sind per Fuß bergauf zu stiefeln. Zugegebenermaßen halten wir den Marsch anfangs noch für einen schönen Verdauungsspaziergang. Als wir zum Parkplatz zurückkommen, sind wir allerdings fix und fertig. Wir sind wohl etwas aus der Übung. Inzwischen schwebt nicht eine einzige Wolke mehr am Himmel, so dass sich die Mühe allein schon der Fotos wegen gelohnt hat. Den nächsten Stopp legen wir bei den Silverband Falls ein. Diesmal wollen wir auf Nummer sicher gehen und suchen erstmal nach einem Hinweisschild, bevor wir den Fußmarsch in unseren dicken Motorradhosen antreten. Natürlich gibt es gerade kein Schild, aber Hanka bleibt beinahe das Herz stehen, als ein dunkler Schatten plötzlich aus dem Gebüsch springt: ein Känguruh! Auf Samtpfoten (oder besser gesagt Samtstiefeln) schleichen wir uns an und siehe da - erwischen es noch mit ängstlichen Augen in den Büschen sitzen. Wow - Australien hat vielleicht verrückte Tiere!

Der Wasserfall an sich entpuppte sich eher als ein Wasserfällchen, war aber dennoch sehenswert. Seltsamerweise verschwindet nämlich das herunterlaufende Wasser unterirdisch, anstatt einen Bach oder Fluss zu speisen. Auch sowas haben wir noch nirgendwo gesehen.

Von den Silverband Falls geht's dann direkt zum Campingplatz in den Busch. Mitten im Wald gibt es ein paar Picknicktische, dazu einige Feuerstellen, Plumpsklos und einen Wasserhahn. Wider Erwarten ist der Platz schon ziemlich voll, so dass wir leider keine freie Feuerstelle mehr ergattern. Unsere beiden Zelte stehen in Nullkommanichts und schon brutzeln die Bohnen auf den Campingkochern. Heute kochen die Männer! Nun fehlen noch die versprochenen Wallabies, aber die lassen sich irgendwie nicht blicken. Dafür haben wir jedoch genug Gesprächsstoff über exotische Länder wie Indonesien, Indien, Pakistan und Iran. Es klingt schon faszinierend, was Flavia und Marcel so alles erzählen! Vor allem die Geschichten über Indiens chaotische Straßenverhältnisse bringen uns immer wieder zum Schmunzeln. Da sich Indiens Straßenverkehr nach dem Prinzip des Rangstärksten regelt und man somit als Motorradfahrer quasi chancenlos ist, mussten die beiden teilweise zu ziemlich drastischen Methoden greifen. Mit so einer Riesenfuhre rutscht man natürlich ungern in den Straßengraben, so dass Flavia bei arg sturen LKW-Fahrern schon mal per Lederhandschuh eine Pistole immitierte, um dem Tiger den Weg freizuräumen... (Das mag vielleicht krass klingen, aber wir können uns gut vorstellen, dass einem manchmal schon komische Ideen in solchen Situationen kommen!) Leider trieb uns die Kälte dann bald in die Schlafsäcke. Scheint eine kalte Nacht zu werden und wir wissen jetzt, weshalb die Feuerstellen die begehrtesten Stellplätze sind.

 

12. März 2004, Grampians National Park / Smith Mill Campground
41.257 km, S 37-06-28 / E 142-25-20

Nach einer eisigen Nacht bei 6 Grad Celsius rücken wir am Morgen zuerst das Zelt an die nächste freie Feuerstelle. Diese Nacht sind wir diejenigen, die mit warmen Füßen in die Schlafsäcke krabbeln. Während wir unser Zelt durch den Busch tragen, besuchte uns doch glatt ein Wallabie. So sehen also die kleinen Känguruhs aus!

Während das Wallabie den Campingplatz nach Futter abgraste, lassen wir uns das Frühstück schmecken. Allerdings muss Marcel tapfer unsere Mittagsbrote gegen die Magpies verteidigen (Magpies sind eine australische, schwarz- weißgefiederte Krähenart), die frecherweise jeden Moment ausnutzen, um an Fressbares heranzukommen.

Anschließend starteten wir zu den MacKenzie Falls, die gleich um die Ecke in die Tiefen plätschern. Schon auf dem Parkplatz begrüßten uns kreischende Magpies - mal wieder bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, Touristen die Schnitten aus der Hand zu stehlen - und zahme Kookaburras, die als Fotomodell herhalten müssen. Danach lassen wir uns von den tosenden Wassermassen im wahrsten Sinne des Wortes berauschen. Die MacKenzie Falls gehören zweifelsfrei zu den Highlights im Grampians National Park. Während wir da auf einem Stein unsere Brote verpicknickten, sinnierten wir wieder einmal darüber, wie unsere Reise weitergehen soll. Wieder einmal kommen wir auf keinen grünen Zweig, was unsere Route und damit unseren Heimkehrtermin betrifft. Auch solch eine Entscheidung muss erstmal reifen, denn wenn wir erstmal wieder zuhause sind, gibt es kein Zurück mehr!

Anschließend düsen wir erstmal zu den "Balconies". Die schroffen Aussichtsklippen findet man auf jeder Titelseite von Prospekten und Büchern über die Grampians. Aber von wegen träumerisch auf dem obersten Klippenvorsprung sitzen ... Die Klippen sind aus umwelttechnischen Gründen abgesperrt und wirken von der offiziellen Aussichtsplattform aus nicht halb so eindrucksvoll! Vielleicht hätte das Ganze auch bei blauem Himmel schöner ausgesehen, aber der ließ heute noch eine geschlagene Stunde auf sich warten.

Unsere nächste Anlaufstelle wurde Halls Gap, wo es ein hübsches Grampians-Informationszentrum und eine kleine Ausstellung über die Aboroginie-Kultur zu sehen gab. Dort entschieden wir uns auch, die Wandertour zu den Pinnacles zu machen, die uns ein deutscher Urlauber schon empfohlen hatte. Die Strecke führt über riesige Steine durch einen eindrucksvollen Canyon, anschließend durch eine enge Felsgasse bis auf eine Aussichtsplattform hinauf. Immer wieder stoppten wir, um mit allen Kameras plus Stativ die Landschaft per Foto festzuhalten. Marcel und Flavia hatten einen ganzen Rucksack an Fotoausrüstung dabei, so dass wir uns mit der kleinen Digicam schon bescheiden fühlten. Die Wanderung war herrlich; vor allem kaum Touristen unterwegs. Wir hätten uns wirklich geärgert, wenn wir diese Seite der Grampians ausgelassen hätten.

Geschafft und müde bringen uns die Motorräder zurück zum Campingplatz, wo auch schon das Wallabie auf uns wartet. Hanka hatte noch die schlaue Idee, unterwegs für Holz anzuhalten. Der Wald um den Campingplatz ist nämlich schon derartig abgegrast, dass es kaum noch für ein Lagerfeuer gereicht hätte. So haben wir binnen zwei Minuten ein Riesenbündel Holz zusammengesammelt, mit dem wir - wie die Bauern den Esel - den Gepäckträger der Honda beluden. Ein knackend-warmes Lagerfeuer war gesichert und gab den richtigen Rahmen für weitere Abenteuergeschichten von Marcel und Flavia.

 

13. März 2004, Grampians National Park / Smith Mill Campground - Maryborough
41.424 km, S 37-02-25 / E 143-44-42

Nach zwei Tagen Buschcamping steht erstmal fest, dass wir heute einen richtigen Campingplatz mit Duschen und Waschmaschinen ansteuern. Zwar verzichtet man beim kommerziellen Camping auf so nette Besucher wie Wallabies, aber manchmal spürt man eben, dass wir doch zu den Abenteurern gehören, die der zivilisierten Welt entsprungen sind.

Leider trennen sich heute auch unsere Wege. Die Schweizer müssen zurück nach Melbourne, wo sie am Abend die Fähre nach Tasmanien vorgebucht haben. Obwohl Fahrzeuge kostenlos nach Tasmanien mitgenommen werden können, ist uns die Überfahrt immer noch sehr teuer. Auch soll Tasmanien landschaftlich und klimatisch Neuseeland ähneln. Wir heben uns die Insel lieber fürs nächste Mal auf.

In Ararat biegen wir Richtung Bendigo ab, während Marcel und Flavia den Weg nach Melbourne nehmen. Die beiden waren sehr unterhaltsame Reisebegleiter und wir werden wohl noch einige Zeit das Bild vom vollbeladenem Tiger im Rückspiegel in unseren Köpfen haben.

Wieder allein unterwegs, machten wir uns in der alten Goldgräberstadt erstmal auf die Suche nach einem Internet. Wenn schon Zivilisation, dann richtig! Leider blieb die Suche erfolglos und wir werden wohl oder übel bis Montag warten müssen, wenn die Bibliotheken wieder geöffnet haben. Also touren wir gemütlich weiter und bleiben spontan in Maryborough hängen. Dort gibt es erstmal eine schöne Dusche, danach kurze Hosen angezogen (scheint als hätten wir seit den Grampians eine Klimagrenze überfahren), die Waschmaschine vollgepackt, unsere Isomatten mal gründlich geschrubbt und ab zum Supermarkt. Wenn Marcel und Flavia sehen könnten, was für große Steaks wir uns anschließend auf dem Barbecue gegrillt haben...

 

14. März 2004, Maryborough - Bearii
41.737 km, S 35-53-59/ E 145-20-14

Trotz erneuter Bahnschienen direkt neben dem Campingplatz haben wir extrem gut geschlafen. Morgens veranstalteten die Papageien und Kakadus um uns ein Konzert, als wären wir im Vogelpark. Dazu strahlte die Sonne und Erik konnte es nicht erwarten, die Crumpets zu toasten, die wir uns mal wieder geleistet haben. Crumpets werden wir immer mit Neuseeland verbinden, denn seit dem Kiwi-Land sind wir süchtig nach den Dingern. Was gibt es besseres zum Frühstück als Crumpets und selbstgemachte Maracuja-Bananen-Marmelade (Hanka hat natürlich dafür gesorgt, dass seit Melbourne ein Glas der peruanischen Leckerei mitfährt)?

Von Maryborough geht's dann gut gesättigt über Bendigo und Echuca nach Nordosten. Mal abgesehen von den Ortschaften gibt es nicht viel Abwechslung - in Rot-, Braun- und Beigetönen zieht sich die Landschaft unendlich Richtung Horizont. Ab und zu sehen wir überfahrene Känguruhs. Noch gibt es Büsche und Bäume, aber wir können schon mal vorahnen, wie eintönig die Fahrerei im Outback werden wird. Hanka sollte sich langsam wirklich eine Sozius-Beschäftigung ausdenken, sonst knallt demnächst ihr Helm noch öfter schlaftrunken gegen Eriks Schädel.

Vor lauter Eintönigkeit vergessen wir auch noch glatt das Tanken. (Das ausgerechnet uns das passiert!!!) 20 km nach Echuca fällt uns auf, dass für die nächsten 150 km keine nennenswerte Ortschaft mehr kommt. Wir wollen unser Glück erstmal in Tongala probieren und biegen in das "Dorf mit der goldenen Kuh" ab. Dort gibt es erstaunlicherweise sogar eine Tankstelle, aber sonntags sind die Zapfsäulen dicht. Bleibt uns also nichts anderes übrig, als zurück bis nach Echuca zu düsen und aufzutanken. 52 km für die Katze - wenn das keine eigene Dummheit war! Wir sollten uns mal schleunigst wieder an die großen Entfernungen gewöhnen!

Weil uns heute sonst nichts Spektakuläres erwartet, haben wir uns einen State Park zum Übernachten ausgesucht. Der liegt zwar mitten im Nirvana, aber auf unserer Karte ist sogar ein Campingplatz eingezeichnet. In Bearii allerdings führt uns die Straße auf Farmgelände und wir kehren erstmal orientierungslos um. In dem Dorf gibt es zu unserer Freude einen kleinen Lebensmittel- und Alkoholladen, aber die Dame kann uns leider nicht weiterhelfen. Kurzerhand nehmen wir eine öffentliche Grünanlage für uns in Beschlag, denn da finden wir Toiletten (zu denen wir allerdings keinen Schlüssel haben), eine verstaubte Bank und einen erstaunlich grünen Rasenplatz. Wir spekulieren darauf, dass die Dorfbewohner wegen uns keinen Aufstand machen. Wahrscheinlich werden sie sich nur wundern, wer auf ihren Gemeinschaftsplatz sein Zelt aufgeschlagen hat.

Zu Hankas Überraschung übernimmt Erik für heute das Kochen und zaubert eine thailändische Kokossoße aus dem Einweckglas. Während sich langsam die Düfte über den ganzen Platz ausbreiten, starten doch plötzlich die versenkten automatischen Sprinkler die Rasenbewässerung. "Ach deshalb ist die Wiese so blendend grün inmitten dieser staubig-braunen Gegend." Gerade noch rechtzeitig können wir unsere Zeltausrüstung außer Reichweite bringen - das hätte ein wirkliches Malheur gegeben! Andererseits hätten wir eigentlich die Spinkler gleich als Duschgelegenheit nutzen können. Zum Glück ist es noch nicht so weit mit uns, dass man uns abends nackt durch den Dorfpark hüpfen sehen würde...

Nach dem Sonnenuntergang entdecken wir zum ersten Mal ein Buschfeuer in weiter Ferne. Dicker Rauch steigt auf und der Horizont lodert feuerrot. Das Szenario gruselt einen - hoffentlich sterben keine Koalas!

 

15. März 2004, Bearii - Bonegilla / Wodonga
41.929 km, S 36-08-27/ E 147-00-37

Es hat sich tatsächlich niemand an uns seltsamen Dorfpark-Asylanten gestört - mal abgesehen von den Galahs (das sind grau-pink gefiederte Papageien), die pünktlich zum Sonenaufgang mit ihrem Terrorgekratsche begannen. Vor einem Jahr hätten wir uns wahrscheinlich noch nicht getraut, unser Zelt mitten in einem Dorfpark aufzuschlagen.

Nachdem alles in Ruhe gepackt ist, geben wir der Honda die Sporen. Erneut auf der Hauptstraße, wird die braune, triste Graslandschaft plötzlich von grünen Obstplantagen abgelöst. Hanka kriegt so richtig Lust, irgendwo Obst pflücken zu gehen, um sich in paar Dollar hinzuzuverdienen. So ein paar Tage mal wieder zu arbeiten, wäre zur Abwechslung gar nicht schlecht. Was man nicht alles vermissen kann...

In Yarrawonga, wo ein mit toten Bäumen gespickter See den Murray-River anstaut, starten wir zum wiederholten Male den Versuch, eine Bibliothek zu finden. Ähnlich wie in Amerika oder zu Hause scheint es ziemlich schwierig in Australien, irgendwo einen öffentlichen Internetzugang zu finden. Es hat ja (fast) jeder einen Computer daheim stehen. Bibliotheken sind daher eine günstige Anlaufstelle für uns - es sei denn, sie haben auch montags geschlossen. Im nächsten Ort, Rutherglen, haben wir endlich Glück und nehmen den einzigen Rechner gleich in Beschlag.

Entlang des Murray Rivers, dessen Wasser das Land fruchtbar hält, gelangen wir schließlich nach Wodonga - unserem Tagesziel. Wir brauchen vor allem eine Dusche bei den Temperaturen (heute waren es sommerliche 32 Grad) und da gleich mehrere Campingplätze am Hume-See mit Swimmingpools locken, können wir die Aussicht auf eine schöne Abkühlung nicht ausschlagen. Wenigstens muss man sich im Pool nicht wie Krokodilfutter fühlen, denn keiner in Australien ist so lebensmüde, trotz Hitze irgendwo ein Bad zu nehmen - wir auch nicht! (Später erfahren wir, dass es Krokodile nur im Norden Australiens gibt - na toll!)

 

16. März 2004, Bonegilla / Wodonga
41.958 km, S 36-08-27/ E 147-00-37

Schon am Morgen steht fest, dass wir noch einen Tag länger bleiben. Hanka gefällt der Campingplatz so gut und einen Tag am Pool - das wäre doch mal was! Wir wissen gar nicht, wieso wir jeden Tag weiterfahren. Jetzt endlich treibt uns doch nichts mehr, mal abgesehen von unserem australischen Visum, das wir eventuell verlängern könnten.

Während wir noch einige Besorgungen in Wodonga erledigen, freundet sich die Honda schon mal auf der Straße mit einer Suzuki DR 650 an. Ihren Besitzer, George, lernen wir zufälligerweise auch kennen. Der deutsche Auswanderer verspricht uns, am Abend mal mit seiner Frau vorbeizuschauen.

Wir freuen uns riesig, als die zwei mit einer Schüssel selbstgebackener Kekse auf dem Campingplatz auftauchen. Es wurde ein sehr lustiger Abend mit den beiden. Für morgen haben uns George und Karin sogar zu sich eingeladen und wir sind schon neugierig auf das Seitenwagengespann in ihrer Garage.

Erik hat heute übrigens der Honda was Gutes getan und die Frontverkleidung erneuert. Seit Neuseeland hat das Duct Tape reichlich Farbe gelassen und wir finden beide, dass unserem Motorrad rot besser steht als gelb! Jetzt sieht die Maschine auch wieder fotogen aus.

 

17. März 2004, Bonegilla / Wodonga - Bethanga
42.085 km,
keine GPS-Daten

Den sonnigen Tag wollen wir mit Eierkuchen starten, denn wir haben noch eine ganze Packung Eier zu verbrauchen. Normalerweise geht das ganz gut auf dem Gas-Barbecue; es sei denn, er hat eine Kraterform mit Loch in der Mitte, in das der Teig jedes Mal hineinfließt. Wir veranstalteten zunächst die reinste Eierkuchenschweinerei, bis wir dann doch Benzinkocher und Pfanne herauskramten. Es dauerte zwar den halben Vormittag, bis 22 Eierkuchen fertig waren, aber hey - wir haben doch die Zeit! Andere Leute gehen arbeiten und wir können uns den Luxus leisten, zwei Stunden lang Eierkuchen zu backen und unsere vollen Bäuche anschließend im Swimmingpool spazieren zu schwimmen.

Karin holte uns dann mittags vom Campingplatz ab und lotste uns nach Bethanga. Obwohl wir nur eine gute viertel Stunde zu fahren hatten, fanden wir die Gegend sehr bemerkenswert. Der Hume Stausee steht - ähnlich wie der Lake Mulwala - voller bizarrer, abgestorbener Bäume, die schon 70 Jahre lang seit der Flutung des Tales im Wasser staken. Auf dem kurzen Stück überqueren wir sogar die längste Binnenbrücke Australiens über den Lake Hume - eine schöne, alte Eisenkonstruktion. Entlang des Ufers ziehen sich in rot, beige und braun eingetrocknete Wasserränder in den schönsten Farben wie auf einem Aquarell.

Als George von der Arbeit kommt, satteln wir auch gleich die Maschinen und starten einen Ausflug in die Umgebung. Es ist schön, wenn jemand einem die Gegend über die Feldwege und Hinterlandstraßen zeigen kann. Mit einer Staubfahne hinter den Reifen ging es über Stock und Stein entlag des Murray-Flusses, der Victoria von New South Wales trennt. Anschließend düsen wir durch den Mt. Granya State Park bis wir auf den Aussichtsgipfel gelangen. Dort steht ein sogenannter Feuerüberwachungsturm, auf dem ein pensionierter Feuerwehrmann die Gegend auf Brände überwacht. Der Alte schien ganz froh über ein bisschen Unterhaltung zu sein und lud uns auf seine Aussichtsplattform ein. Tapfer kletterte auch Hanka - trotz Höhenangst - die Eisenleiter hinauf und anschließend bekamen wir hautnah einen Buschbrand in der Ferne mit, der per Löschflugzeug und Wasserhelikopter gerade unter Kontrolle gebracht wurde. Nach dem anschaulichen Exkurs in die Welt australischer "Firefighter" stoppten wir auf dem Rückweg an der gewaltigen Staumauer und genossen leckere Sandwiches im Hotelbistro mit Blick auf die Staumauer.

Wieder einmal haben wir viel Glück mit unseren Gastgebern, die sich extra für uns Zeit von den Kindern genommen haben. Daniel und Philip werden wir hoffentlich in den nächsten Tagen noch kennenlernen, wenn sie von Oma Jarka kommen. Es ist ganz praktisch, eine tschechische Omi in Australien zu haben, vor allem weil die Kids beim Babysitten gleich dreisprachig aufwachsen.

 

18.-20. März 2004, Bethanga
42.387 km,
keine GPS-Daten

Die Zeit bei George, Karin, Jarka, Daniel und Philip war einfach schön. Sofort fühlten wir uns wie zur Familie gehörig: Jarka erzählte schöne Geschichten von früher, holte auch gleich die Nähmaschine heraus, um den klaffenden Riss in Eriks Hose wieder zusammenzuflicken und kochte eine wunderbare Lasagne. George gab uns etliche gute Ausflugstipps und nahm uns einen Tag mit dem Boot auf den See hinaus. Wir hatten einen Mordsgaudi, sind zum ersten Mal auf der "Donut-Schleuder" hinter dem Boot hergedüst, haben australische Pelikane bestaunt, sind zwischen den bizarren toten Bäumen schwimmen gegangen und Karin zauberte uns jeden Tag ein hervorragendes Lunchpicknick.

Eigentlich wollten wir gar nicht so lange bleiben, aber Erik fand in Georges Garage ein Paradies für Bastler und es schien der richtige Zeitpunkt gekommen, um die Alukoffer einmal einer Generalüberholung zu unterziehen. George hatte nicht nur gutes Werkzeug, sondern auch gute Ideen, wie man die an der Aufhängung gerissenen Seitenwände verstärken und vernieten kann. Dann stellten wir auch noch fest, dass der Gepäckträgerbügel gebrochen war, was unseren Aufenthalt wieder um einen Tag verlängerte. George konnte sogar schweissen, verstand auch was von GPS-Geräten und Computern und brachte einige Stunden zusammen mit Erik in der Garage zu, wo es einiges zu reparieren gab. Bis auf den defekten Speicher unseres GPS' haben die Jungs auch prompt alles in Ordnung bringen können. Das hält jetzt alles für mindestens noch ein Jahr!

Wie immer vergingen die Tage im Fluge und uns zieht es nun langsam auch weiter. Die Dirt-Roads in der Gegend kennen wir inzwischen sogar schon ohne Landkarte. Die Gegend ist wirklich schön und immer wieder faszinierte uns der Lake Hume mit seinen toten Bäumen. Jedenfalls würden wir gern mal wiederkommen - allein schon um zu sehen, was aus den beiden Junior-Bikern Daniel und Philip geworden ist.

 

21. März 2004, Bethanga - Tom Groggin Campground / Mt. Kosciuszko National Park
42.630 km, S 36-32-20 / E 148-08-03

Ein letztes Nutellabrot-Frühstück und guter Filterkaffee bei Familie Stahl - dann heißt es für uns Caravan ausräumen und packen. Wir haben uns schon richtig an unser neues Zuhause gewöhnt und Hanka hätte vermutlich nichts dagegen, das Zelt gegen den Wohnwagen einzutauschen. So eine mobile Schlaf- und Kochkabine müsste man sich ans Motorrad hängen können...

Schweren Herzens verabschieden wir uns von Karin, Jarka und Philip, während George und Daniel uns mit der Suzuki noch ein Stück begleiten wollen. Wir folgen dem Vater-Sohn-Gespann in Richtung Burrowa-Pine Mountain National Park. George kennt sich gut in der Gegend aus und zeigt uns versteckte, alte Eisenbahnbrücken, eine Wombathöhle und einen guten Aussichtspunkt mitten in den Bergen. Auf einem riesigen Felsen mit Ausblick genießen wir ein letztes gemeinsames Picknick, bevor es über Stock und Stein wieder zurück zur Hauptstraße geht. Den Schleichweg hätten wir nie ohne George gefunden und trotz roter Staubkruste an unseren Sachen, fanden wir jeden Kilometer lohnenswert. Sogar umgekippte Eukalyptusbäume mussten die Männer aus dem Weg schaffen, um durchzukommen. Unterwegs gab es auch noch einen (leider überfahrenen) Wombat zu bestaunen. Hanka ist schon so lange auf der Ausschau nach einem. Wombats sind nachtaktiv und man sollte ihnen lieber nicht im Dunkeln per Motorrad begegnen. Die Leute erzählen uns, dass einen Wombat anzufahren sich in etwa so anfühlt, wie gegen einen großen Stein zu knallen. Wir wollen es lieber nicht ausprobieren, zumal die felligen Gesellen echt niedlich aussehen.

Als George und Daniel schließlich gen Wodonga abbiegen, machen wir uns in die Spur nach Corryong. Dort wird schnell vollgetankt, der Wassersack aufgefüllt und eine Karte vom Kosciuszko National Park kriegen wir auch in der Touristeninfo. Danach tauchen wir ein in die Eukalyptuswälder der Snowy Mountains. Die meisten Bäume sind noch mit den schwarzen Spuren eines vergangenen Buschfeuers versehen. Trotz der schwarzen Stämme grünt und wächst es schon wieder auf und unter den Bäumen, was zeigt, wie erstaunlich sich Australiens einheimische Pflanzen nach großen Buschbränden regenerieren.

Am Murray River schlagen wir in Tom Groggin unser Lager auf: Buschcamping heute nacht. Die Känguruhs lassen auch nicht lange auf sich warten und kommen neugierig bis ans Zelt gehopst. Wenn Känguruhs einem nicht zwangsläufig ein Lächeln auf's Gesicht zaubern - vor allem, wenn sie bis ans Lagerfeuer gehüpft kommen?

 

22. März 2004, Tom Groggin Campground / Mt. Kosciuszko National Park - Bega
42.933 km,
keine GPS-Daten

Die Nacht war kalt und entsprechend frisch ist es am Morgen. Kaum sind wir aus den Schlafsäcken, haben wir schon wieder Besuch vor der Hütte. Die Känguruhs sind herrlich - diesmal ist sogar ein riesengroßes Männchen mit von der Partie. Neugierig schleichen sich die jungen an unseren Frühstückstisch bis plötzlich zwei Autos auftauchen. Es ist wie in einem schlechten Film - mit Kameras bewaffnet, springt eine Horde trampeliger Touristen auf den Parkplatz, immer hinter den armen Känguruhs her, die natürlich die Flucht ergreifen. Den großen Burschen jagen sie bis zum Fluss hinunter, wo er verzweifelt das Weite sucht. Danach werden wir beide beglotzt wie die Affen im Zoo und "klack" schlagen die Autotüren wieder zu. Es dauerte keine Viertelstunde und sämtliche Känguruhs sind vertrieben. Echt super! Am liebsten hätte sich Hanka noch bei den Idioten bedankt, die warm und ruhig heute Nacht in ihren weichen Hotelbetten verbracht haben, wahrscheinlich keinen Finger für ihr Frühstück krumm machen mussten und jetzt hier auftauchen wie die Vandalen und die Buschidylle zerstören. Was soll's, wir werden sicherlich noch viele Känguruhs zu sehen bekommen.

Der Tag fing ohnehin nicht gut an, denn unsere Kamera hat sich verabschiedet. Scheint irgendwelcher Staub die Linsenmechanik zu blockieren. Dabei hat die Gute schon so viel mitgemacht und wir können uns gar nicht erklären, wieso sie auf einmal über Nacht rumspinnt. Hoffentlich überlegt sie es sich nochmal, denn wir wollen nur ungern eine neue kaufen! (Warum kann sie nicht wenigstens noch bis Südostasien halten?)

Dass die Kamera nicht funktioniert, drückt leider den ganzen Tag auf die Stimmung. Vor allem Hanka kann anfangs die Fahrt kaum genießen und hat weder Augen für den höchsten Berg Australiens, den Kosciuszko (2.228 m), noch für den idyllisch gelegenen Lake Jindabyne - wir können ja eh keine Bilder schießen. Im Kosciuszko National Park begleiten uns hektarweise schwarz verbrannte Baumstämme - es scheint, als wäre der halbe Baumbestand des Parkes abgefackelt. Erst nach Thredbo sehen die Wälder besser aus und auch Hankas Sorgenfalten glätten sich so langsam. Vielleicht ist ja Hopfen und Malz an der Kamera noch nicht verloren. Ansonsten kaufen wir halt eine neue, das Leben geht weiter! Vielleicht muss sie auch nur mal richtig durchgeschüttelt werden - George hat uns ohnehin eine gute Schotterpiste empfohlen und schon biegen wir in Berridale vom Highway auf die Dirtroad ab. Die Strecke nach Bombala ist fantastisch - das reinste Känguruh-Land. So weit das Auge reicht nur sanfte Grashügel, dekoriert mit großen Steinen. Die unendlichen Weiten unter blauem Schäfchenwolkenhimmel sind faszinierend und eigentlich ist kaum vorstellbar, dass wir kurz hinter Bombala in dichte, grüne Farnwälder eintauchen.

In Pambula füllen wir unseren Wassersack auf (der nach Eriks kürzlicher Nachrüstung eines Dichtungsrings auch nicht mehr tropft und jetzt sogar als Kopfkissen taugt) und machen uns auf die Suche nach einer Informationskarte über den Bournda National Park. Wird Zeit, dass wir uns ein Nachtlager suchen. Im gleichen Moment hält eine Honda VFR vor uns an und wir lernen James und Rae kennen. Binnen fünf Minuten sind wir überredet, ein Bett dem Campingplatz vorzuziehen und wenig später tafelt James in seiner Komikermanier ein bombastisches Dinner vor uns auf. Bei Wein und Whisky wird der Abend extrem lustig und die beiden sind völlig fasziniert von unseren Geschichten. Es kommt einem schon etwas unheimlich vor, wenn die eigenen Stories andere Menschen sichtbar inspirieren. Wir dagegen finden unglaublich, wieviel Glück wir ständig haben (defekte Kamera hin oder her). Mit James und Rae haben wir schon wieder neue Freunde gewonnen und ist es nicht phantastisch, wenn man morgens noch nicht mal ahnt, dass man abends im Kerzenschein bei tollen Menschen an einem Tisch sitzt und über Gott und die Welt plaudert? Das würde einem sicher nicht in Deutschland passieren (traurig, oder?)! Apropos, so ganz können wir uns noch nicht an den Gedanken gewöhnen, dass James Priester von Beruf ist. Wir haben jedenfalls noch nie einen derartig offenen und lustigen Priester getroffen, der auch noch Motorrad fährt. Ist nicht genau das das Tolle am Reisen? Unsere 4 Liter Wasservorrat spendieren wir jedenfalls James' Blumen im Garten. Sieht ganz danach aus, als halten wir es eine Weile bei James aus.

 

23.-25. März 2004, Bega
43.130 km,
keine GPS-Daten

Aus einem Rasttag wurden gleich drei - jeden Abend verschoben wir unsere Abreise auf den nächsten Tag, denn wir hatten eine extrem gute Zeit mit James! Abends kamen immer Leute vorbei, mit denen wir gemeinsam aßen und bei Wein und Kerzenschein stundenlang schwatzten. James liebt es, unter Menschen zu sein. Es ging nie um das Thema Glauben, was wir begrüßten; vielmehr um tiefgründige Erfahrungen und darum, mit welchen Augen wir die Welt erleben. Natürlich muss man nicht unbedingt reisen, um etwas über sich selbst herauszufinden. Dennoch erstaunt es uns selbst, wieviel kleine Dinge sich für uns verändert haben - seit wir reisen! Wir sind so glücklich, dass wir den Eindruck haben, unser positives Gefühl überträgt sich sogar auf andere... Es ist einfach überwältigend!

Toll war auch die Erfahrung, dass James uns in seine Relgionsstunde an einer Schule einbaute. Zuerst wollten wir nicht so recht, denn uns geht es nicht darum, bewundert zu werden. Stattdessen teilen wir lieber unsere Geschichte mit Interessierten - und wir staunten nicht schlecht, WIE interessiert die Kids waren. Sie bombardierten uns förmlich mit Fragen, wollten wissen, was wir über den 2. Weltkrieg oder die Terroranschläge auf Bali denken, wie wir zu zweit auf das Motorrad passen, ob wir Heimweh hätten und wo es uns bis jetzt am besten gefiele, usw. Einige der Kinder verstanden bereits nach Kürze, worum es in unseren Erzählungen ging und wir sind gespannt darauf, was James uns von der nächsten Unterrichtsstunde berichtet.

Die Tage mit James vergingen wie im Fluge. Obwohl er viel zu tun hatte, fand er dennoch die Zeit, auf eine Motorrad-Spritztour mit uns zu kommen oder uns zum Lunch zu treffen, wo wir einen Batzen Semmelknödel in uns hineinstopften. (Wir werden noch ein bisschen üben, um Jarkas Rezept nächstes Mal besser hinzubekommen.) Für Palmsonntag plant James etwas ganz Aufregendes: während der Messe wird sein als Esel verkleidetes Motorrad in die Kirche fahren, auf dem Jesus steht. Schon jetzt lachen sich alle Beteiligten ins Fäustchen, wie wohl die Gemeinde reagieren wird. Noch ist der Auftritt top secret, aber James' Ideen kommen gut an.

Mit ihm gab es jedenfalls immer etwas zu lachen, was offensichtlich auch Rae guttat. Wir hätten die beiden liebend gern verkuppelt, denn es schien, als gäben sie eine tolle Familie ab. Wir besuchten auch Rae und ihre dreijährige Tochter Romely in ihrem alten, liebevoll gestaltetem "Dollhouse" um die Ecke. Na, vielleicht wird es ja noch was mit den dreien... (Sorry, das konnten wir uns gerade nicht verkneifen.)

Im Übrigen verdient Erik ein großes Bienchen, weil er es doch tatsächlich hingekriegt hat, unsere Kamera zu reparieren! Zwar gibt er nicht zu, dass er was von Fotoapparaten versteht, aber die Tatsache ist einfach genial! Ein großer Stein, der uns von Herzen fällt!

Am Dienstag verbrachten wir den Nachmittag am Nelson Beach im Mimosa Rocks National Park. Entlang der Pazifikküste reiht sich ein Nationalpark an den nächsten, wie an einer Perlenschnur. Unermüdlich schäumt die Brandung an (fast) einsame Sandstrände und dichte Farnwälder voller Zirkaden und Termitentürme. Als wir auf den Parkplatz bogen, stolzierte majestätisch ein Goanna (eine Art Leguan) herum, bestimmt einen Meter lang und schwarz mit weißen Flecken, so dass man ihn unbewegt im Schatten der Baumkronen kaum wahrnahm.

Der Strand war traumhaft und wir stürzten uns nur so in die Wellen (hier gibt's weder Haie noch Quallen). Als wir wieder zum Motorrad zurückkamen, fanden wir einen Zettel an die Honda geklemmt. "Das gibt es doch nicht!", Fred und Annelies waren hier und haben unser Motorrad erkannt! Natürlich mussten wir gleich auf dem Rückweg nach Tathra auf dem Campingplatz anhalten, um die beiden in unsere Arme zu nehmen. (Fred und Annelies waren die beiden aus Diamond Creek, bei denen Flavia und Marcel gewohnt haben.) Es gab ein großes Hallo und wir schüttelten nur die Köpfe darüber, wie klein doch die Welt ist! Fred gab uns gleich eine ganze Tüte frischer Garnelen mit auf den Weg und wir verabredeten uns für den nächsten Abend zum "Prawning". Da wir - außer auf dem Teller - noch nie Shrimps im Ozean gesehen geschweige denn gefischt hatten, freuten wir uns den ganzen Mittwoch auf den Abend. Das Wetter war gut und so machte es uns gar nichts aus, zwei Stunden lang im Wasser zu waten. Die Lagune in Tathra ist momentan vom Meer abgeschnitten, so dass man nichts anderes tun muss, als die leckeren Meeresfrüchte einzusammeln. Wir hatten einen Heidenspaß, die Viecher mit Netz und Unterwasserlampe zu jagen und am Ende hatten wir eine schöne Mahlzeit zusammen. Völlig im "Prawning-Fieber" hätte sich Hanka am nächsten Tag am liebsten gleich die Ausrüstung zugelegt (der Kilopreis für Garnelen liegt im Supermarkt z.Z. bei 25 $). Würden wir in Australien leben, wäre Garnelenfischen jedenfalls unser neustes Hobby. Noch immer aufgeregt über den spannenden Abend fuhren wir zurück zum Wohnwagen, wo Fred flink die frischen Prawns in den Kochtopf schickte, um uns die Zubereitung beizubringen. Stolz wie Oskar fuhren wir mit unserem ersten Paket selbstgefangener Garnelen durch die Nacht nach Bega - Danke an Fred und Annelies für dieses unvergessliche Erlebnis!

 

26. März 2004, Bega - Cave Beach Campground / Booderee National Park
43.434 km, S 35-09-41 / E 150-40-01

Heute war dann doch der Tag gekommen, an dem wir Abschied von James nehmen mussten. Er hatte sich extra Zeit für uns genommen und auch noch Rae und Romely überredet, uns ein Stück auf dem Weg nach Norden zu begleiten. So folgten wir James' Honda nach Tathra mit Raes Auto im Rückspiegel.

Zuerst machten wir an der alten Wharf halt, denn Fred hatte uns verraten, dass hier große Rochen rumgeisterten. Die Tiere ließen auch nicht lange auf sich warten und glitten anmutig über den Meeresboden - echt wunderschön!

In Bermagui verabschiedeten wir uns schließlich endgültig von den dreien. James steckte uns noch einen Umschlag zu, in dem wir später eine selbstgemalte Karte mit einer rührenden Nachricht und 50 $ fanden. Was mag wohl nur in ihm vorgegangen sein...!

Rae gab uns einige Tipps entlang der Küste und wir wollten versuchen, es heute noch bis Jervis Bay zu schaffen. Traurig zogen wir weiter nach Norden.

Am späten Abend erreichten wir den Eingang des Booderee National Parks. Er hatte gerade wiedereröffnet, weil ein Buschfeuer kürzlich 50% des Nationalparkes vernichtet hatte. Leider beschränkte sich deshalb die Auswahl an Campingplätzen am Meer nur auf einen einzigen, der für einen Freitagabend ziemlich gut belagert war. Wir fanden kaum noch ein ebenes Plätzchen für unser Zelt, aber wenigstens reichten diesmal die Feuerstellen aus - oder auch nur, weil die Nacht so mild war. Bis auf ein paar Kookaburas gab es nichts Aufregendes und wir gingen zeitig schlafen. Sind irgendwie ganz schön müde.

PS: Heute hat Hankas Bruder Geburtstag. Ach Gunni, wir hätten gerne mit Dir Whisky getrunken. Leider blieb unser Anruf kurz nach Mitternacht unbeantwortet, sonst hätten wir glatt für Dich gesungen!

 

27. März 2004, Cave Beach Campground / Booderee National Park
43.434 km, S 35-09-41 / E 150-40-01

Erneut ist die Isomatte morgens platt - das Ding ist also doch kapputt! Wir sind ja bald in Sydney, wo wir mal wieder ein paar Sachen erledigen müssen, u.a. Löcher in Isomatten flicken.

Als zweites nehmen wir wahr, dass da was auf's Zeltdach klopft. "Es nieselt!" - kerzengerade springen wir auf und sichern erstmal die Zeltunterlage. Danach lassen wir uns wieder auf die volle und die leere Isomatte zurücksinken und überlegen uns erstmal, wie der Tag aussehen soll. Eigentlich wollten wir gern einen Tag bleiben und am Meer verbringen. Am besten, wir fangen gleich mal damit an - und schon sind wir in den frischen Wellen, bevor es Frühstück gibt.

Als wir vom Strand zurückkamen, hörten wir das schon beinahe vertraute "Doing - Doing - Doing" von vier Känguruhs, die den Campingplatz auskundschafteten. Eins räumte erstmal seinen Beutel auf, das nächste flätzte sich in den Staub und ein anderes kratzte sich ulkig am Rücken. Obwohl wir schon einige gesehen haben, sind wir noch immer fasziniert von diesen lustigen Gesellen Australiens.

Um den vielen Campern und Surfbrettbesuchern aus dem Weg zu gehen, verzogen wir uns an den etwas weiter gelegenen Bherwerre Beach. Die Überlegung war goldrichtig, denn dort fanden wir einen riesenlangen, feinen Sandstrand quasi für uns allein. Letztendlich war auch das Wetter gar nicht mehr so schlecht und Hanka in einer guten "Tagebuch-Schreib-Laune".

Hungrig kehrten wir nach einem langen Strandspaziergang zum Zeltplatz zurück. Oh Mann, inzwischen gab es bald doppelt so viele Zelte! Man musste ernsthaft aufpassen, um nicht über die Zeltleinen zu stolpern! Wir fragen uns, ob dieses "Massencamping" normal für die Ostküste ist. Bisher dachten wir jedenfalls, die Busch-Campingplätze in den Nationalparks seien ganz ruhig. Na jedenfalls sind wir morgen weg.

An dieser Stelle wollen wir einmal den australischen Camper beschreiben, denn wir haben hier gerade genug Anschauungsexemplare um uns herum. Meistens handelt es sich hierbei um Familien, die ihren Kindern ein "wahres" Abenteuer bieten wollen - sei es am Wochenende oder im Urlaub. Für so ein "wahres" Abenteuer benötigt man zunächst ein cooles Auto (am coolsten ist natürlich ein 4-Wheel-Drive-Jeep), das man bis unter die Decke vollpacken kann und ein mannsgroßes Zelt, so ungefähr halbe Zirkuszeltgröße. Grundsätzlich sind australische Camper mit einem Riesenteil von Kocher ausgestattet, natürlich mit angeschlossener Barbecue-Platte und transportabler Gasflasche. Das wichtigste Utensil ist jedoch der "Esky", eine Plastik-Kühlhaltebox, von der man am besten gleich mehrere dabei hat, um auf ja keine Vorräte analog des Kühlschrankes daheim verzichten zu müssen. Außerdem wird ein Esky allein schon für Bier benötigt. Weiterhin sind auch auf einem wahren Campingabenteuer die "stubby holder" mit von Partie, damit das wichtigste aller Getränke auch geöffnet noch kalt bleibt. Schlafsäcke und Isomatten scheinen eine nette Erfindung der Europäer zu sein, denn hier verwendet man lieber eine kuschelige Bettdecke auf einem 10 cm dicken Aufblasbett - natürlich inklusive Kopfkissen und Seidenpyjama! (Möglichst nimmt man zum Aufblasen einen Kompressor mit oder wenigstens eine riesige Luftpumpe, damit es auch ein wahres Abenteuer wird.) Um die Mahlzeiten einzunehmen, wird eine Art Wohnzimmer immitiert. Hierzu dient entweder ein Partyzelt oder ein Tarp, unter dem Tische und Stühle platziert werden (eine Tischdecke ist nicht zu vergessen). Natürlich sprechen wir bei Stühlen nicht von etwaigen Klapphockern, sondern der Camping-Luxusversion mit ausklappbarer Kopf-, Arm- und Fußlehne sowie Bierdosenhalter. Wir finden eigentlich, dass der australische Abenteuercamper noch ein drittes Zimmer benötigt. Es ist so unerfreulich, wenn drei Paddelboote, vier Surfbretter, Federballspiel und Rugby-Ball einfach in der Botanik herumliegen. Wie wär's mit einem Garagenzelt? Bei Einbruch der Dunkelheit verblüffen uns die wahren Abenteurer am meisten. Es werden Zitronella-Laternen und Gaslaternen angezündet, über deren Helligkeit wir immer noch staunen, wenn wir bereits eingekuschelt auf unseren Isomatten liegen, von denen eine morgen garantiert wieder platt ist!

 

28. März 2004, Cave Beach Campground / Booderee National Park - Cronulla
43.642 km,
keine GPS-Daten

Morgens um drei werden wir von einem eigenartigen Geräusch wach. Es kam nicht etwa von der Isomatte, denn um die Zeit war sie schon längst wieder platt. Irgendein Vieh schien genau vor unserem Zelt Gras zu rupfen. Inzwischen hellwach, grübelten wir darüber nach, welche nachtaktiven Tiere Grasfresser sind, aber irgendwie wollte uns keins so recht einfallen. Also schlüpfte Erik in die Turnschuhe und bewaffnete sich mit der Taschenlampe. "Du wirst es nicht glauben, ein Känguruh steht hier" flüsterte er aufgeregt zu Hanka, die schon gespannt die Ohren spitzte. Fressen Känguruhs derartig schnell und auch noch nachts? Der mannshohe Bursche ließ sich noch nicht mal von der Taschenlampe einschüchtern, so dass Erik schon um einen Faustkampf fürchtete. Auge in Auge mit dem Känguruh siegte Erik letztendlich doch und der Störenfried zog "Doing, Doing, Doing" von dannen, wobei er zur Freude unserer Nachbarn noch über deren Zeltleine stolperte...

Kaum wieder im Schlafsack stellten wir fest, dass eine Mücke die Gunst der Stunde genutzt hatte, um uns ihre lästige Gesellschaft zu leisten. Also starteten wir die nächste Jagd - der Punkt ging erneut an Erik. Für den Rest der Nacht war an richtigen Schlaf nicht mehr zu denken. Erst im Morgengrauen sank Hanka ins Reich der Träume - leider nicht für lange, denn die Rosellas (bildschöne rot-blau-gefiederte Papageien) starteten ihr Morgengeschrei in den höchsten Tönen. Beim Frühstück traute sich sogar ein ganz Mutiger bis auf unseren Tisch, um von den Wheetbix zu naschen und Ansprüche auf ein Stückchen Apfel zu stellen. Logisch, dass er bei Eriks Herz für Papageien Erfolg hatte.

Wir sind die ersten, die morgens vom Cave Beach verschwinden, was uns ehrlich gesagt wundert. "Ach richtig, heute nacht wurden ja die Uhren auf Winterzeit umgestellt!" Jetzt sind wir nur noch acht Stunden vor der Uhr in Deutschland, statt zehn.

Um acht sind wir schon auf dem Princess Highway Richtung Sydney. Die Touristeninfo in Nowra hat gerade so ihre Pforten geöffnet, als wir uns ahnungslos nach einer Bibliothek erkundigen. Fehlanzeige, sonntags ist der Versuch anscheinend zwecklos, per Bibliothekscomputer ins Internet zu kommen. Was sind wir aber auch optimistisch...

Vergeblich versuchen wir anschließend von Ort zu Ort entlang der Küste, Lizzy zu erreichen. Sie hat uns eingeladen, bei ihr zu wohnen, wenn wir nach Sydney kommen. Allerdings haben wir keinen Schimmer, wo wir überhaupt hinfahren müssen und das Telefon ist dauerbesetzt. Also arbeiten wir uns Kilometer für Kilometer an Sydney heran, bis wir endlich bei Lizzy durchkommen. Ihr Sohn gibt uns erstmal Instruktionen bis Cronulla, wo wir am frühen Nachmittag schon eintrudeln. Die nächstbeste Telefonzelle in Cronulla ist unser und siehe da - Lizzy ist zufällig gerade gegenüber im Surfclub. Sofort werden wir dem halben Club vorgestellt, wo alle am frühen Nachmittag schon fleißig beim Biertrinken auf der Terasse sind. Das Meer ist herrlich, die Wellen gespickt von Surfern und Halbstarken und wir gehen in unserer schwarzen Motorradkluft bald ein, so heiß brennt die Sonne. Natürlich können die waschechten Australier im Club nicht verstehen, wieso wir als Deutsche den Wasserhahn einem "schooner" (Glas Bier) vorziehen...

Bei Lizzy konnten wir dann erstmal aus unseren Hosen springen und auf Shorts umsteigen. Sie wohnt mit ihrem Partner Stephen in einem riesigen Haus, wo u.a. auch eine Holländerin und eine Japanerin sowie ihr an Liebeskummer leidender Neffe Asyl gefunden haben. Stephen ist Musiker, hat eine Musikschule und spielt natürlich in einer Band. Lizzy ist das dazugehörige Energiebündel, die das Haus managt, in Hunderten von Clubs mitmischt, keine Party auslässt, leidenschaftliche Ducati-Fahrerin und Stuntgirl ist, Gott und die Welt kennt, gelegentlich 24 Stunden als Krankenschwester arbeitet - und das alles gar nicht anstrengend findet. Die beiden haben jedenfalls ein aufregendes Leben, von dem wir schon einiges mitbekommen haben.

Am Nachmittag machen wir vom Haus aus, was traumhafte 5 Minuten vom Meer liegt, einen Strand-Spaziermarathon nach Cronulla. Morgen kommt Sydney an die Reihe. Hoffen wir mal, dass das Wetter so schön bleibt.

 

29. März - 2. April 2004, Cronulla
43.950 km,
keine GPS-Daten

Lizzy hatte immer viel um die Ohren - in ihrer Geschäftigkeit schaffte sie es sogar, auch noch Verabredungen für andere zu treffen. Einen Abend nahm sie uns in eine Blues-Kneipe mit, wo wir Stephen auf einer Jam-Session Gitarre spielen und singen hörten - das war echt toll! Einen anderen Abend sollten wir uns mit einer Bekannten treffen, die zufällig ein Oldtimer-Motorrad fährt. Die restlichen Abende zogen wir uns höflich zurück. Sydney machte wirklich pflastermüde und wir kehrten jedes Mal völlig erschöpft nach Cronulla heim. Australiens heimliche Hauptstadt kostete uns so einige Kilometer zu Fuß. Sich mit der Honda in den Stadtverkehr zu stürzen, wurde jedes Mal eine nervraubende Angelegenheit. Aggressiv drängelten und wurschtelten sich die Blechlawinen von Ampel zu Ampel. Wie in Mexiko zeichneten sich am Ende des Tages unsere rußgeschwärzten Gesichter von den Helmen ab! Sydney hat wahrhaftig ein ernsthaftes Verkehrsproblem!

Für uns entsprach die Stadt leider nicht ganz dem Image von Sydney als einer der schönsten Städte der Welt. Wer hat nicht schon hundertmal Fotos von Sydneys charakteristischer Skyline gesehen: die Sydney Harbour Bridge und das unverkennbare Opernhaus? Leicht enttäuscht fanden wir uns vor der Silhouette der Oper wieder, geschockt von der Menge an grau-dreckigem Beton, aus dem das Wahrzeichen gebaut ist. Fotogen fanden wir den Koloss lediglich von der gelungenen Stahlkonstruktion aus, der Sydney Harbour Bridge, sowie bei Nacht. Sorry, das mag sich hart anhören, aber wir waren wirklich vor den Kopf gestoßen. Auch in ihrer Größendimension entsprach die Oper nicht unseren Vorstellungen, denn angesichts des riesigen Hafenbeckens wirkt das Gebäude ziemlich klein. Spektakulär ist jedoch die Baugeschichte des Opernhauses: aus 7 Mio. $ geplanten Baukosten wurden nach gravierenden Problemen und Terminverschiebungen sage und schreibe 102 Mio. $ - und den dänischen Architekten (Jørn Utzon) schickte man glatt in die Wüste! Um für uns doch noch ein Highlight aus der viel fotografierten Kulisse zu machen, zeigte uns Lizzy die Stadt bei Nacht. Ohne sie wäre uns ein atemberaubender Sonnenuntergang mit Blick auf beide Wahrzeichen entgangen. Vom Mrs. Macquaries Point aus zogen dabei Hunderte von "Flying Foxes" (Flughunden) in die Abenddämmerung hinaus. Mystisch schön erlebten wir diesen Moment und genauso wollen wir Sydney in Erinnerung behalten. Auf dem Rückweg stoppten wir an einem Park. Wir konnten einfach nicht glauben, dass mitten in der Stadt Possums lebten! Was hatten wir uns in Neuseeland schon die Augen nach den possierlichen Tierchen ausgeguckt und hier standen die Kerlchen mit ihren großen, schwarzen Nachtaugen mitten im Park!

Tagsüber strolchten wir stundenlang durch Darling Harbour, Chinatown,The Rocks, Circular Quay, Sydneys Business District und wie die Stadtviertel alle heißen. Inmitten dieses Trubels ließ sich Hanka per IMAX-Film in die Unterwasserwelt des Great Barrier Reefs entführen und freut sich jetzt erst recht auf das bevorstehende Schnorchelerlebnis. Sydneys Straßen sind geschäftig und voll - uns schien es DIE Metropole Australiens schlechthin. Wie provinziell uns doch Melbourne gegen diese Welt der "Superschönen" und "Erfolgsjunkies" im Nachhinein vorkommt! Die Leute in Sydney kommen unsjedenfalls ganz anders vor als die gemütlichen Australier, die wir bisher kennengelernt haben.

Apropos Melbourne: Überglücklich holten wir unsere kleine Käsereibe im Postamt ab, die Keith und Lyn uns nachgeschickt hatten. Bei unserer Vorliebe für Pasta und Tacos ist sie inzwischen eines unserer wichtigsten Küchenutensilien geworden!

Lizzy war sicherlich das absolute Gegenteil zu Keiths & Lyns "home sweet home". Immer beschäftigt, scherte sich niemand darum, ob es Abendessen gab oder nicht. Als Musiker lebte Stephen ohnehin eher im Nachtrhythmus - Surfen und Musik füllten sein Leben aus - und Simon (Lizzy's Sohn) bestellte sich lieber 'ne Pizza, über deren Reste sich anschließend gierig Princess Honey hermachte und dabei eine Riesensauerei veranstaltete. Princess Honey gebührt fast schon ein eigenes Kapitel. Das handzahme Rainbow-Lorikeet-Weibchen regierte die Küche nach allen Regeln der Kunst. Wann immer man etwas Essbares ausbreitete, war der Vogel neugierig zur Stelle. Den Kopf zur Seite drehend und einen Rabatz machend, inspizierte Honey mit Vorliebe sämtliche Einkaufstüten, ob sich vielleicht darin Weintrauben, Birnen, Broccoli oder andere Köstlichkeiten verbargen. Der Vogel gab eindeutig den Ton an. Telefonieren war fast unmöglich, denn erst immitierte Honey die Tastengeräusche, so dass man völlig verwirrt war, ob man die richtigen Nummern gewählt hatte oder nicht. Anschließend folgte ein mordsmäßiger Lärm, so dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstand, geschweige denn das seines Gesprächpartners. Lizzy klärte uns auf, dass Honey beim Telefonieren eifersüchtig wird. Man muss sie lediglich auf die Schulter klettern lassen und sie fragen "Wanna say Hello?" bis sie "Hello" auf papageien-englisch hervorbringt - anschließend gibt sie sich zufrieden. Aber wehe man hintergeht sie - wir haben uns telefonisch bei der Einwanderungsbehörde ganz schön blamiert! Die müssen kurz davor gewesen sein, den Tierschutzverein zu alarmieren...

Lizzy vermietete die ganze untere Etage ihres Hauses an Studentinnen. Aus diesem Grund ging es hier immer "very international" zu und wir lernten einiges darüber, wie man beispielsweise Thai-Curry zaubert. Besonders ins Herz schlossen wir Anna, eine Holländerin, die in Australien Fuß zu fassen versucht. Wir können gut verstehen, weshalb gerade Europäer nach Australien auswandern. Allerdings ist es mittlerweile mindestens genauso schwer wie in Amerika, den Immigrationsbehörden-Marathon zu durchlaufen. Wir sind schon gespannt zu hören, ob es bei Anna klappt.

Für unsere Honda war es an der Zeit, ihr einen neuen Hinterreifen zu gönnen. Nach 12.000 km war von dem anfangs dicken Mittelprofil nicht mehr viel übrig. Wie schon in den USA gab der Bridgestone Trailwing das scheinbar beste Preis-Leistungsverhältnis ab und der Vorderreifen sieht verblüffenderweise noch fast wie neu aus. Mit neuem Hintergummi besohlt folgten wir Lizzy auf ihrer röhrenden Ducati in den Royal National Park. Der Ausflug war wunderschön und Lizzy überzeugte uns erneut, dass die Frau zweifelsohne "Schmackes" besitzt. In ein paar Tagen startet sie übrigens einen 4-Monatstrip um die Welt mit dem Rucksack. Wir sind uns ganz sicher, dass sie eine gute Zeit haben wird! Ein volles Programm ist sie ja ohnehin gewohnt.

 

3. April 2004, Cronulla - Perrys Lookdown / Blue Mountains National Park
44.101 km, S 33-35-57 / E 150-20-44

Wieder ein Morgen des Abschieds. Lizzy klingelt für uns noch einen Freund in Forster an, bei dem wir eine Surfstunde nehmen können. Hanka ist gleich Feuer und Flamme, da Surfen zu den Dingen im Leben gehört, die sie schon immer mal machen wollte. Wenn schon Surfen lernen, warum nicht hier, wo doch Australien berühmt für seine Surfboys ist... Mit der Vorfreude darauf, etwas Neues und dazu richtig Australisches zu machen, verabschieden wir uns gerührt von Lizzy, Stephen, Simon, Honey und Anna. Es ist schon ein besonderes Haus und DizzyLizzyLodge trifft die Beschreibung recht gut, wie wir finden.

Nach dem beschaulichen Cronulla erwartet uns erneut der zähe Blechlawinenverkehr um Sydney. Es ist eine Qual, sich bei 30 Grad durch Ruß, Ampeln und Stop & Go zu arbeiten. Schon am Mittag sind unsere Gesichter rußgeschwärzt und wir brauchen dringend eine Verschnaufpause. Just im richtigen Moment entdeckt Hanka neben dem Highway ein Riesengeschäft der Salvation Army. Inzwischen entgeht dem wachsamen Auge kein Op-Shop mehr, denn die Second-Hand-Geschäfte sind DIE Gelegenheit, um Eriks Garderobe zu erneuern. Trotz etlicher Versuche hatten wir bisher nie Glück, etwas Neues für Eriks langen Arme und Beine zu finden, doch heute schien unser Tag gekommen. Stolz marschierten wir mit einer coolen Hose und einem warmen Sweatshirt aus dem Geschäft - alles zum Spottpreis von 9,50 AUD (etwas mehr als 6 EUR). Solche Op-Shops müsste es in Deutschland geben! (Es ist zu bemerken, dass Erik noch vor gar nicht allzu langer Zeit nicht mal einen Fuß in derartige Second-Hand-Läden gesetzt hätte!)

Anschließend düsen wir weiter nach Katoomba, immer den Schildern zu den Blue Mountains folgend. Der Verkehr ist anstrengend und wir kommen erst am Nachmittag in Katoomba an. Als Tor zum Blue Mountains National Park ist der Ort entsprechend touristisch. Alles trifft sich am Echo Point am südlichen Ende der Stadt, wo eine Plattform eine faszinierende Aussicht über endlose, in blauen Dunst gehüllte Eukalyptustäler und die berühmten "Three Sisters" freigibt. Mit Videokameras, Einwegknipsern, Digicams bis hin zu Mobiltelefonen bewaffnet drängen sich die gestellt grinsenden Scharen entlang des Geländers, um die drei markanten Felsformationen abzulichten. Natürlich knipsen wir auch das obligatorische Foto, watscheln aber anschließend gleich in die Touristeninfo. Wir brauchen Wasser und einen Tipp für einen schönen Buschcampingplatz in den Eukalyptuswäldern.

Eine gute halbe Stunde später stehen wir am Perrys Outlook und erwischen gerade noch ein freies Fleckchen für unser Zelt. Unterwegs sahen wir die ersten schlimmen Narben der schweren Buschbrände im letzten Jahr. An den schwarz verkohlten Baumstämmen schlug bereits wieder erstes Eukalyptusgrün aus. Eukalyptusbäume sind erstaunlich, denn die Stämme verbrennen nur sehr schwer, was den Bäumen das Leben rettet. Nach nicht allzu langer Zeit schlagen die Äste wieder aus und bei manchen Arten schält sich sogar die verbrannte Rinde in langen Streifen ab und fertig ist ein neuer Eukalyptusbaum. Die Eukalyptusbäume sind übrigens die Namensgeber für die berühmten Blue Mountains. Über den dichten Wäldern hängt ein eigenartiger, bläulicher Schleier, der aus gefiltertem Sonnenlicht in der eukalyptusöl-haltigen Luft resultiert. Jetzt sind wir nur noch gespannt darauf herauszufinden, ob es hier auch Koalas gibt.

 

4. April 2004, Perrys Lookdown / Blue Mountains National Park - Raymond Terrace
44.388 km, S 32-46-52 / E 151-44-09

Dank unserer lärmenden Zeltnachbarn, die mit reichlich Alkohol beladen spätabends auf der Bildfläche erschienen, traute sich kein einziger Eukalyptuswald-Bewohner in unsere Nähe. Nicht mal die futtergierigen Magpies kamen vorbei, die normalerweise immer etwas Fressbares abzugreifen hoffen. Die giggelnden Weiber hatten noch nie in ihrem Leben ein Zelt aufgebaut. Kein Wunder, dass sie eine Nacht in der "Wildnis" für das ultimative Abenteuer hielten - Plumpsklos eingeschlossen. Für uns war es jedenfalls das erste Mal Bushcamping ohne Tiere.

Am Morgen hing ein fieser Nieselregen über den Blue Mountains und jegliche Aussichtspunkte entlang der gut beschilderten Nationalparkstraße blieben in einen graunassen Vorhang eingehüllt. Um dem Regen zu entfliehen, wollten wir schnurstracks nach Norden weiterziehen, hatten wir doch vergangene Woche an der Küste noch fabelhaftes Wetter. Leider ging die Rechnung diesmal nicht auf und wir wurden von sintflutartigen Regenfällen erwischt. Das Wasser stand förmlich auf der Straße und uns blieb zeitweise nichts anderes übrig, als uns irgendwo unterzustellen. Wenn das so weiterging, schaffen wir es nie rechtzeitig nach Byron Bay! Annika und Bene hatten uns detailiert ihre letzten Aufenthaltspunkte in Ausralien mitgeteilt. Wenn wir uns schon in Neuseeland nur knapp verpasst haben, klappt es hoffentlich noch hier mit einem fröhlichen Wiedersehen. Ab dem 7. April wollen unsere "Fiji-Freunde" in Byron Bay sein.

 

5. April 2004, Raymond Terrace - Forster
44.546 km, S 32-11-52 / E 152-30-43

Die Campingplatzbesitzerin war so nett und ließ uns unsere klatschnassen Motorradklamotten über Nacht zum Trocknen in ihr Hinterbüro aufhängen. Leider reine Verschwendung, wie sich ernüchternd auch an Eriks Geburtstag herausstellte.

Wir feierten heute seinen 33. und passend zur Schnapszahl gab es drei Miniflaschen Whisky, neue Badelatschen (die 6 Jahre alten 99-Cent-Flip-Flops hatten wirklich ausgedient), Kuchen und Geburtstagskerzen, leckere Lindt-Schokolade, Werthers Echte, ein kleines Kochbuch (Eriks erstes) und eine Überraschungskarte von Lizzy, Stephen, Simon, Anne und Princess Honey. Zur Feier des Tages wollten wir surfen gehen. Lizzy hatte uns bei einem Freund (Surflehrer und ehemals Elftbester der Weltrangliste) in Forster bereits angekündigt.

Doch bevor wir in die Spur kamen, hatten wir alle Hände voll zu tun, das gerade so trocken gewordene Zelt und all unsere restlichen Habseligkeiten unter den nächstbesten Dachvorsprung zu schleifen. Wieder öffnete der Himmel seine Schleusen und ließ uns eine halbe Stunde unter unserem Regenschutz Däumchen drehen. Nicht gerade das bestellte Geburtstags-Surfing-Wetter!

Nach der ersten Sintflut folgte ein unschuldiger, blauer Himmel, der unsere Hoffnungen auf eine Surfstunde anheizte. Zwischen sonnigen Abschnitten und schwarzen Regenwolken hangelten wir uns weiter nördlich den Pacific Highway entlang bis zum Abzweig nach Forster. Nach einer mühsamen Sucherei fanden wir den Surfshop des Erfolgssurfers und folgten der Außentreppe in die erste Etage. Die Tür stand offen. Keine Spur von irgend jemanden. Schockiert schauten wir uns kurz an: Sollen wir gleich wieder verschwinden? So tun, als wären wir nie dagewesen? Zu spät! Gary, der offensichtlich soeben von der Toilette kam, hatte uns bereits unschlüssig an der zerfledderten Fliegengittertür stehend entdeckt. Vor uns stand ein halb angezogener, drahtiger Glatzkopf mit einem Pferdeschwanz und einer Kippe im Mundwinkel hängen. Unbeholfen bat er uns reinzukommen und entschuldigte sich gleich für das Chaos - was man eben so tut, wenn man in einem Durcheinander aus Surfbrettern, Wetsuits, überquillenden Aschenbechern, dreckigem Geschirr, verranzten Sofakissen und Pornomagazinen lebt. Wir versuchten, uns nichts von unserem Eindruck anmerken zu lassen, während unsere Augen vergilbte Werbeplakte von Gary Hughes als Punker-Fotomodell der Achtziger zeigten. Dazwischen flatterten einige ausgeblichene Poster, auf denen die abgelichteten Miezen in scharfer Reizwäsche persönlich-anzügliche Widmungen für den Starsurfer hinterlassen hatten. Gary schien noch immer von den alten Zeiten zu zehren, die einen gescheiterten Draufgänger hinterlassen haben. Wie kamen wir bloß aus dieser Nummer wieder heraus? Draußen fing es gerade wieder an zu schütten und zum ersten Mal waren wir dankbar für den plötzlichen Guss. Klar, dass wir bei diesem Wetter keine Lust auf unsere allererste Surfstunde hatten - das verstand auch Gary und bedankte sich, dass wir dennoch vorbeigeschaut hatten. Das war ja ein ziemlicher Reinfall! Grinsend schwangen wir uns auf die Honda und beschlossen, uns ein Quartier zu suchen. Zur Feier des Tages wollten wir uns mal eine "Cabin" leisten - immerhin hatten wir ja nun das Geld für's Surfen gespart. Mit großen Augen bezogen wir unseren Wohnwagen inklusive Mini-Küche, Mikrowelle, Fernsehen mit Videokanal, Terasse und einem herrlichen Bett.

 

6. April 2004, Forster - Urunga Lagoon
44.792 km, S 30-31-23 / E 153-01-33

Wir können es nicht glauben: der erste Blick aus dem Fenster verrät blauen Himmel. Draußen gibt es gleichzeitig einen Luftkampf zwischen Rosellas, Kakadus und Rainbow Lorrikeets, die kreischend Baum für Baum erobern. Hätte es nicht zu Eriks Geburtstag schon so schönes Wetter sein können? Wir beschließen an Ort und Stelle, den Geburtstag noch ein bisschen zu verlängern und verwöhnen uns mit einem Nutella-Crumpet-Frühstück auf unserer Terasse. Unser Wohnwagen ist echt super ausgestattet mit Toaster, Wasserkocher und allem Drum und Dran. Es fällt uns richtig schwer, wieder auszuziehen, zumal wir wie die Engel im Bett geschlafen haben.

Spätestens als wir uns in Forster etwas näher umschauen, wünschen wir uns einen Extra-Tag in unserem Wohnwagen. Der Strand sieht verlockend aus mit grasbewachsenen Sanddünen, tollen Wellen und einem türkisklaren Fluss, der über hellblaue Sandbänke dem Pazifik zufließt. Zwischen den hier angelegten Austernfarmen tummeln sich gelangweilt die Pelikane in der Morgensonne. Doch statt Meer und Sonne müssen wir erstmal Bits und Bytes tanken - in der Bibliothek. Erik ist schon gespannt wie ein Flitzebogen, wer alles an seinen Geburtstag gedacht hat. Was ist doch das Internet praktisch!

Mit Schrecken stellen wir kurz vor zwölf fest, dass wir heute noch ein paar Kilometer machen müssen. So sehr wir uns auf Annika und Bene freuen, so gern wären wir noch ein bisschen länger bei den "Great Lakes" geblieben. Die Gegend gefällt uns richtig gut, wenn auch der Tourismus bereits um sich greift. Also machen wir uns in die Spur, um Byron Bay etwas näher zu kommen.

Im Laufe des Tages sind leider von dem morgendlichen blauen Himmel nur bruchstückhafte Fetzen übrig geblieben. Wir meistern auf dem Motorrad einen Tanz durch tiefschwarze Wolken und Sonnenschein. Kaum ziehen wir uns die Regenjacken von den Klamotten, weil es so warm ist, holt uns in der nächsten Kurve gleich ein neuer Regenguss ein. Immerhin sind die Güsse nicht so endlos wie gestern und wir tauchen immer wieder in sonnige Abschnitte ein, die herrliche Regenbogen in die Landschaft zaubern.

Der Pacific Coast Highway nervt uns mittlerweile enorm. Es gibt immer wieder Baustellen, aber am schlimmsten ist der dichte Verkehr. Was freuen wir uns doch auf's Outback! Vielleicht können wir morgen auch auf ein paar kleine Nebenstraßen abbiegen; heute müssen wir erstmal Kilometer machen. Wir fahren und fahren erstmal durch, bis wir in Urunga an der Touristeninfo hängenbleiben. Es ist bereits vier und langsam Zeit, sich nach einem Campingplatz umzusehen. Das alte Rentnerpärchen in der Touristeninfo hat auch tatsächlich einen Geheimtipp für uns. Erik muss lediglich sein Indianer-Ehrenwort geben, dass wir zu niemanden ein Wort verlieren, wer uns den Platz verraten hat. Mit einer geheimen Karte auf dem Tankrucksack finden wir problemlos die Lagune am Meer und das Fleckchen Wiese, was uns die beiden Alten empfohlen haben. Camping ist zwar nicht erlaubt, aber wir vertrauen dem Geheimtipp. Die Lage ist traumhaft: gleich am tosenden Strand bauen wir neben der Lagune unser Zelt auf. Erik kriegt gleich noch den versprochenen Haarschnitt verpasst und dann tauchen wir ab in die warmen Wellen, bevor der Mond über dem Meer aufgeht.

Während Erik mühsam aus regennassem Holz ein Lagerfeuer zu zaubern versucht, kümmert sich Hanka in alter Manier um's Kochen. Plötzlich bewegt sich etwas in der Dunkelheit gleich neben dem Kocher. Oh Gott, eine riesige Spinne! Die ist garantiert giftig! Hysterisch ruft Hanka Erik um Hilfe, aber nach der ersten Schrecksekunde trauen wir uns gar nicht mehr recht, das Vieh mit der Taschenlampe anzufunzeln. Die Biester können doch springen und so wie die aussieht, ist es eine Funnelweb. Ihr Gift ist tödlich und wir überlegen keine Minute länger. unsere Badelatschen sofort gegen die Motoradstiefel einzutauschen. Wo eine Spinne rumkraucht, gibt es bestimmt noch mehr! Kaum die Stiefel an, leuchtet Hanka noch mal das Gras nach jenem Monster ab, doch es ist verschwunden. Oh Mann, hoffentlich ist das Vieh nicht zu unserem Zelt gekrabbelt. Allein schon bei dem Gedanken kriegt Hanka eine Krise. Doch bevor sie sich noch weitere Gedanken machen kann, treiben uns die ersten Regentropfen Hals über Kopf ins Zelt. Vergessen ist die Spinne, es sei denn, das Tierchen taucht heute nacht wieder auf...

 

7. April 2004, Urunga Lagoon - Lennox Head
45.091 km, S 28-47-10 / E 153-35-30

Hanka konnte noch so vorsichtig beim Zusammenpacken sein; die Spinne ließ sich jedenfalls nicht wieder blicken. Fred hatte Recht - die Viecher haben mehr Angst vor Menschen als es umgekehrt sein sollte.

Wir freuten uns ziemlich darauf, Annika und Bene wiederzusehen. Aus Byron Bay sind die beiden inzwischen geflüchtet, wie uns die elektronische Post flüsterte. Wir waren keineswegs böse darüber! Der Badeort ist nicht nur als absolute Touri-Hochburg verschrien, sondern lässt das Maß an Erträglichem zum alljährlichen Blues-Festival überlaufen, wurde uns berichtet. Die beiden haben sich mittlerweile in Lennox Head, 25 km südlich von Byron Bay einquartiert und sogar an einen benachbarten Campingplatz für uns gedacht.

Als wir die Aussicht über den Surferstrand in Lennox Head inhaliert hatten, schlugen wir unser Zelt nach langen Diskussionen über einen akzeptablen Stellplatz endlich auf dem Campingplatz auf. Offensichtlich wollten die nicht nur einen Wochenends- und Bluesfestivals-Aufschlag kassieren, sondern obendrein noch das osterliche Saisongeschäft abgreifen. Bloß nicht aufregen!

Der Frust war bereits vergessen, als am Abend zwei Gestalten suchend über den Campingplatz strolchten und auf den "Bula-Begrüßungsruf" reagierten: Annika und Bene! Wir haben es das letzte viertel Jahr nicht geschafft, uns über den Weg zu fahren und das musste mit Pizza und Bier gefeiert werden. Wiedersehensfreude macht durstig!

 

8. April 2004, Lennox Head
45.144 km, S 28-47-10 / E 153-35-30

Über Nacht hatte es derartig gerregnet, dass einige Zelte abgesoffen waren. Auch unsere Hütte stand inmitten einer Wassersenke, aber hatte glücklicherweise dennoch dichtgehalten. Als australischer Camper muss man schon Härte zeigen - schließlich ist Camping (wie bereits erwähnt) das ultimative Abenteuer; vorausgesetzt der Fernseher erleidet dabei keinen Wasserschaden. Die Aufregung war natürlich groß, als am Morgen sämtliche Wassereinbrüche unter den Zeltnachbarn ausgewertet werden mussten. Angeblich soll es Ostern in Byron Bay IMMER regnen, doch wir sind langsam die ständigen Schauer leid! Seit wir Sydney verlassen haben, schifft es einfach jeden Tag, auch wenn wie zum Trost immer wieder die Sonne herauskommt!

Eine der sonnigen Gelegenheiten nutzten wir, um doch mal nach Byron Bay zu düsen. Immerhin würde sich so das Supermarkt-Problem von selbst lösen. Pastakochen im Backpackers mit Annika, Bene, Ron und Hendricke klang nach einem verlockenden Plan und mit dem Motorrad ließen sich leicht die Zutaten heranschaffen. In den feuchten Morgenstunden hatten wir zu Genüge unser Fiji-Ritual wiederholt und Rommé gespielt. Ein Scrabble-Spiel ließ sich zur Abwechslung zusätzlich noch auftreiben, aber Bene ließ keine Gelegenheit aus, um die unmöglichsten Wörter zu erfinden. Die beiden hatten sich überhaupt nicht verändert!

In Byron Bay war tatsächlich die Hölle los. An jeder Ecke versuchten sich die erfolglosen Talente mit ihren Blues-Einlagen ein paar Dollar zu verdienen, zumal die Eintrittstickets zum Festival selber ein kleines Vermögen kosteten. Nachdem die Einkäufe erledigt waren, fuhren wir zur Leuchtturmklippe. Gerührt standen wir am östlichsten Punkt Australiens und blickten auf's Meer hinaus. Auf der einen Seite der Klippe zogen sich endlose Sandstrände die Küste entlang und in der Bucht auf der anderen Seite sprangen Delfine durch die Brandung! Es war wunderschön. Hanka konnte nicht anders und musste trotz Motorradstiefel die Hundert Treppen zum Strand hinunter strapsen, um die Delfine aus der Nähe zu sehen. Dieses Erlebnis bleibt uns unvergesslich, vor allem weil ein Regenbogen über dem Meer die nächste Regenwand ankündigte. Vor dem Leuchtturm wurden noch fix ein paar Hochzeitsbilder geschossen, die Delfine sprangen vergnügt durch die Wellen und Hanka raste so schnell es ging die Treppen wieder hinauf, während ein Maler sich bemühte, eben noch die Lichtstimmung über der Bucht mit seinen Pinselstrichen einzufangen und - danach öffnete der Himmel erneut seine Schleusen. Kein Wunder, dass unseren Freunden bereits die Mägen knurrten, als wir endlich mit den Einkaufstaschen in Lennox Head auftauchten. Es wurde ein Festessen, allerdings auch ein Abschiedsmahl. Übermorgen fliegen Annika und Bene nach Singapur.


Hanka und Erik
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