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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Australiens Outback

21. Juli 2004, Daintree - Archer Creek Picknick Area (bei Ravenshoe)
51.267 km, S 17-38-47 / E 145-20-51

Manche Tage ist alles nur ein Krampf - heute war jedenfalls kein guter. Mitten in der Nacht weckte uns Nevilles Schnarchen. Die rhinozerosartigen Geräusche aus der hinteren Ecke des Raumes ließen sich weder durch Zischen, Pfeifen, Klatschen oder Vogelimitationen abstellen. Irgendwann lagen wir resignierend kichernd im Bett, bis wir letztendlich doch noch herausfanden, dass das Klappern der Taschenlampe gegen das Kopfteil unseres Bettes seine Wirkung zeigte. Schlagartig kehrte Ruhe ein und wir konnten noch eine Mütze Schlaf nehmen - bis wir alle drei morgens um sieben von Mama-Wien aus den Betten geklingelt werden. Schlaftrunken wird einem gar nicht bewusst, ob man überhaupt Deutsch oder Englisch plappert.

Kurz hinter Daintree erinnerte uns die Honda daran, dass die alte Schluckauf-Krankheit noch immer nicht ausgestanden ist. Wir blieben gleich mehrere Male hintereinander einfach so stehen. Wieder einmal war der Tageskilometerzähler bei knapp über 300 km angelangt und wieder einmal sprang sie nach ein paar Schaukelversuchen ohne Probleme an. Wir müssen wirklich mal die Freaks im Transalp-Forum konsultieren, denn Erik wird einfach nicht schlauer, was dahinterstecken könnte.

Motorradstreckentechnisch war heute lediglich das erste Stück interessant. Von Mossman schlängelt sich die Straße die Atherton Tablelands hinauf, bis man über feuchtgrünen Regenwald bis hinunter zur türkisblauen Küste schauen kann. Die Aussicht vermittelt eine Vorstellung davon, wieviel Regenwald den endlosen Zuckerrohrplantagen und Wohnsiedlungen zum Opfer gefallen ist - Australiens Bulldozer-Politik ist manchmal wirklich erschreckend.

Mit jeder schönen Kurve schienen allerdings auch die Temperaturen zu sinken. Ein kalter Wind begleitete uns fortan bis Atherton, zerzauste das immer dürrer werdende Gras und die weiten, termitenbauten-bestückten Hochebenen. Atherton sollte unsere letzte Station vor dem Outback werden und so legten wir einen längeren Stopp ein: tanken, ins Internetcafé, zu Woolworth, um Lebensmittelvorräte einzukaufen - und dann sollte es eigentlich gleich weitergehen. Doch erst verloren wir auf dem Weg zur Bibliothek Hankas Handschuh und mussten umkehren und die Straße absuchen. Anschließend ließen wir die Kamera im Internetladen hängen und düsten panisch 20 km nach Atherton zurück. Immerhin bekamen wir sie wieder und das Verkehrswarnschild von den Baumkänguruhs, das wir eigentlich fotografieren wollten (und den Verlust dabei feststellten), landete zu guter letzt doch noch im Kasten. Auch mit dem Handschuh hatten wir sagenhaftes Glück, aber manchmal kommt alles auf einmal.

Ziemlich durchgefroren erreichten wir mit Sonnenuntergang Innot Hot Springs. Wir hatten uns die letzten Kilometer schon ziemlich auf die heißen Quellen gefreut. Flink das Zelt abgeschnallt und ausgebreitet (bevor es dunkel wurde), damit Hanka schon mal das "Bett" aufbauen konnte, während Erik bezahlen gehen wollte. Doch wir waren noch keine drei Minuten auf dem Campingplatz, als uns der Besitzer bereits vor Wut funkelnd entgegenstapfte. Ihm ging alsgleich ein cholerischer Anfall feinster Sorte ab und er beschimpfte uns aufs Übelste, dass wir gefälligst abzuhauen hätten. Alles nur, weil wir es gewagt hatten, bereits auf den Campigplatz zu fahren, bevor wir uns im Office gemeldet hatten (wie gesagt, es waren keine drei Minuten vergangen). Von Arbeitsteilung schien der Alte nix zu halten. Dabei dürfte man erwarten, dass man mit Wiederkehr-Gästen in einem anderen Ton umspringt. Jedenfalls waren wir nach der Szene ohnehin nicht mehr scharf darauf, ihm unser Geld in den Rachen zu werfen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmte hier sowiewo nicht. Schade nur für unsere kalten Knochen - ein heißes Bad wäre trotz der etwas heruntergekommenen Anlage verlockend gewesen.

Etwa 12 km den Highway zurück war ein Rastplatz, auf dem man kostenlos campen konnte. Immerhin gab es Bänke (die gab's noch nicht mal auf dem "Choleriker-Campingplatz") sowie Toiletten und Flusswasser zum Kochen. Zwar schliefen wir direkt neben dem Highway, aber anscheinend hatten wir keine andere Wahl. Ohne unser Lagerfeuer wären wir allerdings schon steifgefroren. Unser Kältegefühl sagt uns, dass es nicht mehr als 7 Grad Celsius sein dürften. Machen wir uns auf eine kalte Nacht gefasst! Erik hat jetzt schon die "Rüsselseuche" erwischt - kein Wunder bei den ständigen Temperaturstürzen!


22. Juli 2004, Archer Creek Picknick Area (bei Ravenshoe) - Georgetown
51.537 km, S 18-17-14 / E 143-32-57

Es war eine verdammt kalte Nacht! Hanka fühlte sich morgens trotz Eriks Fleecehose und wuscheligem Schlafsack-Inlet genauso durchgefroren wie am Vorabend, als wir ins Zelt gekrabbelt sind. Zum Glück wärmt die aufgehende Sonne schnell durch - das kann ja ziemlich heiter werden, wenn es bereits am Rande des Outbacks nachts so eisig wird! Zwischen hier und Darwin liegen stolze 2.800 km Halbwüste! Noch ist die Strecke einigermaßen befahren, aber unser erster Tag im richtigen Outback steht uns heute bevor.

In Mount Garnet füllen wir den Tank randvoll und nach dem Örtchen scheint auch die Zivilisation aufzuhören. Schnurstracks geradeaus zieht sich ein schmales Stück Asphalt hügelauf und -abwärts. Es dauert nicht lange, und wir machen erste Bekanntschaft mit den "Roadtrains". Die bis zu 50 m langen Trucks lehren einem schnell, wer der King der einspurigen Outbackstraßen ist. Verschwindet man nicht schleunigst vom Teer- auf den unbefestigten Seitenstreifen, kann man nur die Luft anhalten, bis sich die gigantische Wolke aus rotem Staub wieder legt. Mindestens drei Anhänger scheinen ziehen die Laster hinter sich her.

Am Abzweig zu den Undara-Lavatunneln stoppen wir um abzuwägen, ob die Touristenattraktion einen Besuch wert sei. Allerdings klingt der Reiseführer nicht sehr überzeugend und unser geologisches Interesse reicht nicht so weit, die stolzen Eintrittspreise zu blechen. Wenn das mal keine Abzocke ist - und schon geht es weiter Richtung Westen.

90 km später stehen wir vor dem dampfenden Swimmingpool der "Tallaroo Hot Springs". 'Wenn schon gestern nichts aus dem Thermalbad wurde, dann vielleicht heute', denkt sich Hanka - doch Erik gefällt der Campingplatz überhaupt nicht. "Um mit ein paar Rentnern in der Badewanne zu sitzen und anschließend im Dreck zu zelten, zahle ich keine 28 Dollar", so Erik im O-Ton. Ganz so schwarz-weiß sah Hanka die Sache zwar nicht, aber schmollen nützte auch nichts. Die Tage, an denen wir uns mal nicht einig sind, kann man wirklich zählen. Letzten Endes fuhren wir doch weiter und Hankas Schmollmund verschwand spätestens, als Erik ihr spontan die Haare nachtönte und eine Ladung Wäsche frisch duftend auf der Leine wedelte. Unser Zelt steht übrigens strahlend auf einer weichen, grünen Wiese und die Beckenknochen freuen sich schon auf ein komfortables Nachtlager auf dem Campingplatz in Georgetown.

Während auf unserem Kocher ein duftendes Thai-Curry vor sich hinköchelte, fand sich am Straßenrand eine ganze Horde Wallabies ein, um den grünen Seitenstreifen abzugrasen. Leider verschwanden die Tierchen gleich wieder, als der Nachbar seine fünf Hunde Gassi fuhr. Wir trauten unseren Augen kaum, als die Köter vor, neben und um das Auto herumsprangen, während der "Cowboy" seine Runden drehte, damit die Viecher Auslauf bekamen. Auf die Idee muss man erstmal kommen...


23. Juli 2004, Georgetown - irgendwo im Outback südlich von Normanton
51.908 km, S 18-01-55 / E 140-55-07

Im Gegensatz zu gestern war das graue Asphaltband gen Westen heute mehr oder weniger zweispurig.  Zu den etlichen überfahrenen Wallabies und Känguruhs kamen allerdings auch noch Kühe hinzu. Man mag nicht glauben, wieviele Kuhherden durch's Outback ziehen - Viehwirtschaft erreicht bei Weiden von nahezu 2.000 Hektar Land völlig neue Dimension. Der Gestank von Kadavern schwängert in schweren Wolken die Luft, dass einem übel werden kann. Das Outback so zu riechen, hätten wir nicht erwartet - wir vermissen allerdings noch immer die endlosen Weiten roter Erde. Bisher dominieren struppige Eukalyptusbäume und dürres, senfgelbes Savannengras.

In Normanton liegt absolut der Hund begraben. Die Aboriginie-Gemeinde wirkt auf uns verwahrlost und schmutzig - genauso wie die hier lebenden Nachkommen der Ureinwohner Australiens. Wir decken uns an einem winzigen Supermarkt mit Benzin und Trinkwasser ein. Die Preise für die geringe Auswahl an Lebensmitteln sind astronomisch. An einem heruntergekommenen Fleischergeschäft kaufen wir nur Brot und etwas Fleisch. Wie gut, dass wir in Atherton schonungslos den Rucksack mit Proviant aufgefüllt haben!

Der Rastplatz 40 km südlich von Normanton ist dermaßen dreckig, dass wir ihn gar nicht erst als Übernachtungslager in Erwägung ziehen. Nichtsdestotrotz ist es an der Zeit, das Zelt aufzuschlagen; die Känguruhs werden allmählich aktiv und wir möchten keins am Bein kleben haben. Gerade als wir uns vom Highway in die Büsche schlagen wollen, erleben wir einen aprupten Landschaftswechsel und plötzlich sind alle Bäume verschwunden. Stattdessen wedelt endlos weites Steppengras bis an den Horizont. Wir schaffen es nach langem Suchen schließlich doch noch, eine einsame Baumgruppe zwischen Kuhfladen abseits vom Highway aufzutun und fix sind "Küche", "Schlaf- und Kaminzimmer" hergerichtet. Besorgniserregend ist lediglich eine tote Schlange, die man eigentlich nicht so gern im "Wohnzimmer" findet. Hoffen wir mal, es war keine giftige! Im "Fernsehen" läuft heute ein überwältigender, blutroter Sonnenuntergang mit unbeschreiblich schönen Lichtnuancen - oh ja - heute fühlen wir uns richtig wie im Outback. Was für ein Luxus, in dieser Wildnis auch noch mexikanische Tortillas zu dinnieren!

<<< Benzin in Normanton: 1,09 AUD pro Liter >><< (normal ca. 0,91 AUD pro Liter) >>>


24. Juli 2004, irgendwo im Outback südlich von Normanton - Cloncurry
52.253 km, S 20-42-22 / E 140-31-03

Inzwischen können wir geruchlich schon unterscheiden, ob da ein Känguruh oder eine verendete Kuh im Outback vor sich hinmüffelt. Die Kadaver stinken meilenweit und entlang der Straße haben die Roadtrains so einiges an Viehzeug platt gemäht. Grundsätzlich hätten wir uns das Outback um einiges verkehrsärmer vorgestellt. Wie die Zigeunerzüge rollen die Caravans der pensionierten Victorianer und New-South-Waliser durch die Lande, um dem Winter in den heimischen Breiten zu entfliehen. Im Moment haben die "Zugvögel" aus dem kalten Süden gerade Hochsaison. Wir kommen immer wieder mit Leuten ins Gespräch, die ihr Haus verkauft haben oder einfach die kalten Monate im warmen Norden überbrücken. Einige leben sogar halbjährlich in Neuseeland und halbjährlich in Australien - auch nicht schlecht, wie wir finden. Übrigens bezeichnen die Queensländer solche Leute als "Mexikaner"- we wonder why...

Seit heute durchstreifen wir endlich endlose Savannen aus rotem Staub. Rot haben wir uns Australien immer vorgestellt, doch die rote Erde gibt es nicht automatisch überall. Rot ist auch nicht gleich rot. Die Farbnuancen reichen von dunklem braunrot bis hin zu ziegelrot und altrosa. Hanka könnte am liebsten überall eine Handvoll Erde mitnehmen und ein Bild daraus machen. Doch genug sinniert - wird Zeit, dass wir mal wieder über Benzin und Reifen reden. Kurz nach dem Burke & Wills Roadhouse treffen wir Markus (auf BMW 1150 GS Adventure mit deutschem Kennzeichen) gefolgt von seiner Freundin Davia, die ihre ersten Motorraderfahrungen mit frischem, australischem Führerschein auf einer kleinen 250er Suzuki sammelt (www.monsterq.de). Leider hat Davia in der sengenden Hitze mitten im roten Staub die wenigste Geduld von uns für ein Schwätzchen unter Travellern und fährt schon mal weiter. Wir haben schon seit Ewigkeiten keine "Motorradnomaden" mehr getroffen und mit Markus lässt sich ganz nett plauschen. Vielleicht hören wir ja nochmal von ihm, denn unsere Pläne in Bezug auf East Timor schienen ihn auf Anhieb zu interessieren. Wir dagegen inspizierten gleich sein Bike samt Umbauten. Seit Tagen spinnen wir uns allabendlich alle möglichen Ausrüstungsteile für Motorradtraveller zusammen, die man vertreiben könnte, á la Grants „Cheap & Nasty Motorcycle Assecoires“. Erfahrungen haben wir ja mittlerweile schon einige gesammelt und wer weiß - vielleicht wird ja mal tatsächlich eine Geschäftsidee draus?

PS: Erik ist noch immer ziemlich erkältet, aber wenigstens sind die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht nicht mehr so extrem.

<<< Benzin am Burke & Wills Roadhouse: 1,19 AUD pro Liter >>>
<<< Benzin in Cloncurry: 0,98 AUD pro Liter >>>


25. Juli 2004, Cloncurry - East Leichardt Dam
52.429 km, S 20-47-12 / E 139-47-17

Mit Freuden erfahren wir morgens auf dem Campingplatz von unseren deutschen Nachbarn, dass es in Mount Isa einen richtigen Supermarkt gibt. Hanka hat ganze 120 km Zeit, sich auf das zu freuen, was alles im Einkaufswagen landen wird. Die Kilometer auf dem vollkommen zweispurig ausgebautem Barkly Highway rattern nur so herunter. Landschaftlich erinnert uns die Strecke heute eher an den Cowboy-Westen der USA. Erik könnte mit seinen kohlschwarzen Fingernägeln auch glatt als Cowboy durchgehen - musste er gestern morgen mitten im Outback das vordere Kettenritzel wechseln. Zum Glück schleppen wir noch immer unser erstes Ritzel als Reserve mit uns rum (Kette und Kettenrad sehen trotz 29.000 km dank des Schmiersystems noch ganz gut aus.).

Das erste, was wir von Mount Isa zu sehen bekommen, sind die thronenden Schornsteine der Mine. Wir werden anschließend bitter enttäuscht, als wir bei "Coles" vor verschlossenen Türen stehen. Es ist Sonntag und jeder kleine Zeitungsladen in Mount Isa scheint geöffnet zu haben, nur nicht der Supermarkt. Ein Blick in das einzige Lebensmittelgeschäft, das sonntags auf hat, lässt uns frustriert beschließen, dass wir irgendwo in der Gegend bis morgen warten wollen. Bis kurz vor Darwin kommt kein großer Supermarkt mehr und wir wollen in den nächsten 5-6 Tagen nicht vom Fleische fallen und auch nicht die übrteuerten Preise der Roadhouses zahlen. Hardcore-Traveller waren wir noch nie!

Die Mädels in der Touristeninfo haben einen guten Übernachtungstipp für uns parat, allerdings sind es 40 km zurück zu fahren bis zum East Leichardt Dam. Doch was sind in Australien schon Entfernungen? Fix sind die Wassersäcke mit Trinkwasser aufgefüllt und dann düsen wir bepackt den Barkley Highway zurück. Wir finden auch prompt den Abzweig – nur ein schmaler Privatweg - und danach geht es holtertipolter über Stock und Stein durch die Prärie, bis wir im Vogelparadies landen. Mitten in der rot-staubigen Savanne breitet sich ein von grünen Bäumen eingefasster See aus - fehlt nur noch, dass uns gleich ein kaltes Bier und das Werbeteam von Licher Pils erwartet. Zufrieden (auch ohne Bier) hängen wir die Hängematte an einen Baum direkt am See auf und lassen Sonntag Sonntag sein. Es gibt hier jede Menge Vögel - sogar Pelikane - und wir genießen die Stille eines idyllischen Fleckchens Australiens. Neville könnte uns jetzt sicherlich jeden einzelnen Vogelruf bezeichnen. Zumindest haben wir schon mal herausgefunden, dass die lautesten Geräusche von den großen, grau-rotfarbenen Brolgas stammen.

Noch ein paar Worte zu Mount Isa: die Stadt am Rande der Wüste soll nach ihrer Ausdehnung die größte weltweit sein. Und das bei gerade mal 22.000 Einwohnern! Zu spüren ist davon aber nichts, wenn man in der Stadt herumfährt. Offenbar haben die Cowboys einfach jede Menge umliegende Wüste mit eingerechnet, um auf die offizielle Fläche von 41.000 Quadratkilometern zu kommen - das entspricht sage und schreibe der Größe der Schweiz! Ist aber wirklich schwach für die größte Stadt der Welt, dass sonntags kein Supermarkt offen hat!

<<< Benzin in Mount Isa: 0,93 AUD pro Liter >>>


26. Juli 2004, East Leichardt Dam - Georgina River / Camooweal
52.678 km, S 19-55-60 / E 138-06-59

Uns weckt ein ohrenbetäubender Lärm - ein morgentliches Vogelkonzert, in dem jede Stimme mit maximaler Lautstärke flötet. Wir haben beide letzte Nacht von Krokodilen geträumt und eigentlich sind wir uns gar nicht mehr so sicher, ob es nicht doch welche im See geben könnte. Falls doch, dann jedenfalls nur Süßwasserkrokodile und die sollen ja angeblich harmlos sein. Zu baden trauen wir uns heute jedenfalls nicht mehr. Dunkel schwirren uns wieder die Worte von "KTM-Mario" im Kopf, prinzipiell nirgendwo in Nordaustralien baden zu gehen...

Nachdem alles Gepäck mehr oder weniger motorradgerecht zusammengepackt ist, düsen wir schnurstracks nach Mount Isa. Eigentlich müssten wir heute einen Rekord gewinnen für die maximalste Zuladung an Lebensmitteln, die man extra noch auf einem Bike verstauen kann. Die nächsten 6 Tage werden wir nicht verhungern und müssen dabei weder von Tütensuppen noch von Fertiggerichten leben. Drei Brote haben wir allerdings noch nie mit uns herumgeschleppt und damit diese nicht als teigige Klumpen enden, wurde kurzerhand der große Ortlieb-Wassersack als Brot- und Biscuitsack umfunktioniert (ja, Erik ist wieder mal vor dem Keksregal schwach geworden). Der Rest, der nicht mehr in irgendwelche Ecken und Winkel zu quetschen ist, landet im Rucksack hinter dem Tankrucksack. Nachdem der Einkaufswagen endlich leergeräumt ist und unsere Nerven in der sengenden Hitze glühen, brechen wir beide in einen Lachanfall aus. Wie ein Packpferd beladen steht die Honda vor uns, doch wie sollen wir eigentlich da noch draufpassen? Erik kann mit den Armen kaum noch die Lenkerstange erreichen und Hanka gibt mit einem Krampf im Bein sicherlich eine göttliche Figur ab bei dem Versuch, auf den schmalen Rest der Sitzbank zu klettern. Heute können uns die ganzen Campervans wirklich bedauern! Noch 1.600 km bis Darwin.

Irgendwie kam unsere Fuhre doch in die Spur und wir packten die 180 km bis Camooweal. Heute scheint unser Glückstag zu sein, denn wir erfahren nicht nur, dass Mama-Wien und Karli nun definitiv nach Bali kommen, sondern uns begegnen auf dem öden Highway gleich einige seltene Outback-Bewohner. Zuerst entdeckt Hanka einen Emu am Straßenrand stehen. Der Vogel hat zwar bereits im Vorbeifahren die Panik in den Augen, aber Erik kriegt ihn doch noch für einen Moment zu sehen, als wir geschwind wenden. Anschließend kraucht genau vor uns eine große Schlange über die Fahrbahn. Da man Australiens Reptilien nicht über den Weg trauen kann, unternehmen wir gar nicht erst den Versuch, dem kriechenden Etwas zu nahe zu kommen. Wir haben sowieso keinen Schimmer, wie man die gefährlichen von den harmlosen Schlangen unterscheidet. Sprachlos wurden wir allerdings erst mit dem ersten Schwarm grün-gelber Wellensittiche. Zwar hatten wir gehört, dass Wellensittiche im trockenen Outback in großen Schwärmen leben, aber man soll die scheuen Vögel nur mit Glück zu sehen bekommen. Eriks altes Vogelliebhaberherz ging beim Anblick der grünen, tschilpenden Schwärme völlig über. Überglücklich stand er mit der Kamera im Busch und ließ sich von den geschäftigen Tierchen fesseln. Es müssen Hunderte von Wellensittichen gewesen sein und wie traurig kommt einem nach diesem Anblick das Käfigleben der Tiere in Einzelhaft vor!!! Am liebsten hätte Erik an Ort und Stelle das Zelt aufgeschlagen, aber wir haben leider nicht ausreichend Wasser dabei und müssen wohl oder übel nach Camooweal fahren. Der lokale Tipp, am Georgina River zu campen, ist dafür auch nicht schlecht. Es kommen zwar anscheinend keine Wellensittiche vorbei  aber die Lagune kann immerhin mit Pelikanen, Brolgas und allerlei anderen Vögeln aufwarten.

<<< Benzin in Camooweal: 1,22 AUD pro Liter >>>


27. Juli 2004, Georgina River / Camooweal - Barkly Homestead Roadhouse
52.944 km, S 19-42-43 / E 135-49-41

Die ganze Nacht fauchte ein eiskalter Wind. Fröstelnd schälen wir uns bei Sonnenaufgang aus den Schlafsäcken und gehen die üblichen Aufgaben an: Wasser aufsetzen, Schlafsäcke lüften, etc. Die Flusslagune stellte sich dabei als kleines Vogelparadies heraus. Während wir vor unseren Frühstückstellern saßen, kamen heute doch noch die grüne Schwärme von Wellensittichen zum Trinken vorbei. Anschließend besuchte eine kreischende Schar Corellas (schneeweiße Sittiche mit einem blauen Ring um den Augen) die Wasserstelle, um danach das Feld für die Galahs (graue Sittiche mit pinkfarbenem Kopf und Bauch) zu räumen. Erik hätte dem Spektakel noch stundenlang zuschauen können - vor allem faszinierten ihn die Wellensittiche. Grün-gelb ist übrigens die einzige natürliche Farbe und man glaubt kaum, welch wahre Flugkünstler die kleinen Vögel sind. Wie ein Heuschreckenschwarm jagen die Viecher ununterbrochen auf und ab. Nicht eine Minute bleibt der tschilpende Haufen irgendwo in Ruhe sitzen - wir hätten nie vermutet, dass die Tiere in ihrer freien Umgebung dermaßen agil sind!

Streckenmäßig gibt's heute rein gar nichts zu erzählen. Hinter Camooweal zieht sich der Asphalt meilenweit nur durch Savannengras - willkommen in Australiens abgelegenstem Bundesstaat: the Northern Territory. Tatsächlich muss man hier die Uhr eine halbe Stunde zurückstellen - wir haben noch nirgendwo halbstündige Zeitverschiebungen erlebt!

Heute und auch in den letzten Tagen sahen wir immer wieder vereinzelt Fahrradfahrer durchs Outback strampeln. Soviel Einöde alleine auf sich zu nehmen, kostet ganz schön

Kraft. Selbst für uns bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h ist der Barkly Highway ziemlich langweilig. Morgen wollen wir auf die alternative Route nach Norden abbiegen, um hoffentlich für zwei Tage den ganzen Caravan-Kolonnen zu entfliehen.

<<< Benzin in Barkly Homestead: 1,28 AUD pro Liter >>>


28. Juli 2004, Barkly Homestead Roadhouse - Cape Crawford Heartbreak Hotel Roadhouse
53.329 km, S 16-41-01 / E 135-43-37

384 km ohne Tankmöglichkeit. Soweit das Auge reicht nur gelbes Büschelgras. Nicht ein Strauch oder Baum bis zur flachen, blauen Horizontlinie. Ein einspuriger Asphaltstreifen immer geradeaus. Kühler Seitenwind, der uns während der Fahrt immer wieder an den Schotterrand drückt. Wir durchstreifen die Outback-Tablelands und folgen der Sonne immer nach Norden. Die Einöde schlaucht. Wir müssen vor allem auf die Roadtrains achten, die mit 3 Anhängern Kühen beladen die Spur für sich alleine beanspruchen, eine gefährliche Wolke Staub hinter sich herziehen und die Steine nur so aufs Visier prasseln. Arme Honda, die immer wieder die abrupt endende Asphaltkante rauf und runter muss. Erik versucht die Geschwindigkeit heute konstant bei 80 km/h zu halten, damit wir mit der Tankfüllung hinreichen. So vergehen die Kilometer deutlich langsamer als gewohnt und jeder von uns hängt seinen Gedanken nach: Erik sieht sich bereits als Motorrad-Zubehör-Hersteller ins Geschäft kommen und Hanka ist gedanklich noch immer bei den Fahrradfahrern. Letzte Nacht campten gleich zwei "pushbiker" in ihren winzigen Dackelhütten mit uns am Roadhouse und wir hatten die Gelegenheit, einige Details aus dem harten Leben eines Fahrradnomaden zu erfahren. Bryan aus Melbourne strampelt täglich zwischen 100 und 140 km und schleppt dabei bis zu 19 Liter Wasser durchs Outback! Man muss schon leidenschaftlicher Pedaler und Naturfreund zugleich sein, um die Endlosigkeit des Outbacks genießen zu können. Augustin ist obendrein auch noch leidenschaftlicher Mundharmonika-Spieler. Für ihn ist Fahrradfahren sein Leben. Der 70jährige Spanier war mit seinem Drahtesel schon in Südamerika (Quito bis Feuerland) und kennt Europa wie seine Satteltasche...

Im Laufe des Tages wurde es zunehmend heißer und wir pellten uns Stück für Stück aus den Unterziehklamotten. Nach 7 langen Stunden auf der Honda schmerzt das Sitzfleisch und wir sind ziemlich groggy, als wir endlich vor dem alten Pub und Roadhouse "Heartbreak Hotel" ankommen. Wie in einer anderen Welt hat sich auf den letzten 25 km Landschaft und Vegetation komplett geändert. Völlig unerwartet finden wir uns zwischen haushohen Ghost Gumtrees, üppig bewucherten Wiesen, grünen Flüssen und rotschimmernden Felsformationen wieder. Zur Abwechslung tummeln sich hier selbst grün-orangefarbene Papageien in den Baumwipfeln, was natürlich den Erik freut. Die Galahs scheinen ihm zuliebe sogar ein kreischendes Konzert zu geben. Zebrafinken haben wir übrigens heute auch unterwegs gesehen. Es ist schon irgendwie komisch, wenn man die aus Käfigen vertrauten Vogelstimmen plötzlich in freier Wildbahn wiedererkennt!

<<< Benzin in Cape Crawford: 1,42 AUD pro Liter >>>

Wir haben noch gut 5 Liter im Tank und sind äußerst angetan, dass die Honda nur knapp über 5 Liter auf 100 km verbraucht hat. Enorm, was 20 km/h weniger doch an Spritverbrauch ausmachen!


29. Juli 2004, Cape Crawford Heartbreak Hotel Roadhouse - Elsey National Park
53.793 km, S 14-57-09 / E 133-13-18

Das tagtägliche Aus- und Einpacken ist schon völlig zur Normalität geworden. Mittlerweile machen wir uns überhaupt keine Gedanken mehr darüber, sondern bringen es mit einer stumpfen Routine hinter uns. Alles hat seinen Ablauf und jedes Teil seinen Platz.

Knapp 270 km bis zum Stuart Highway. Zwar dürfen wir uns heute einiger Hügel erfreuen, aber dafür sind die gestrüpp-gesäumten Seitenstreifen größtenteils abgebrannt. Hier und da steigt noch eine blaue Rauchwolke aus dem schwarzen Unterholz - ein trauriger Anblick, den die Buschfeuer zurückgelassen haben.

Relativ zügig erreichen wir die "Zugvögel-Autobahn" mit all ihren Caravans, die entweder nach Darwin unterwegs sind oder gerade von da kommen. So richtig sagt uns der überfüllte Campingplatz direkt am Hi-way Inn Roadhouse auch nicht zu, so dass wir lieber noch 160 km Tagesstrecke bis Mataranka dranhängen wollen. Mataranka ist auf unserer Karte ohnehin schon als Übernachtungsspot markiert, denn die Thermalquellen dort sollen traumhaft schön sein.

100 km später treffen wir zwei entgegenkommende Bikes. Die silberfarbenen Alukoffer - beladen mit jeder Menge Gepäck - lassen schon von weitem erahnen, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit Traveller aus Europa sein müssten. Schon auf der Bremse stehend, noch mal einen Blick in den Rückspiegel: also doch - zwei große "Kuchenbleche" als Nummernschilder. Hanka erkennt noch GÖ und schon wird gewendet. Die Jungs verstanden unser Plauderbedürfnis und kamen prompt zurück, so dass wir Jörg und Andreas aus Göttingen kennenlernten (www.kvisel.de). Ihre beiden BMW's F 650 GS sahen an sich zwar nagelneu aus, hatten allerdings einige Blessuren abbekommen. Offensichtlich fuhren die Jungs die harte Tour durch Australien; kommend von Westen sind die zwei die "Canning Stock Route" gefahren. Australiens längster Track (eigentlich nur ein Viehweg) wartet mit 1000 Sanddünen, einer einzigen Tankgelegenheit auf 2.000 km Gesamtstrecke und 10 unzuverlässigen Wasserstellen auf. Es klingt schon ziemlich extrem, nur Dirtroads schlimmsten Kalibers zu fahren, sich dabei sechsmal die Alukoffer abzureißen, Spiegel und Blinker einzubüßen - aber Jörg hat ein ehrliches Bekenntnis auf den Lippen, dass es nicht mehr viel mit Spaß zu tun hätte, 90 Kilo Zuladung, Benzin und Wasser auf einer Maschine durch Australiens Wüsten zu prügeln. Gesponsert von Touratech und Continental, mit Satelitensender auf dem Heck und jeder Menge Schnickschnack an Ausrüstung reisen Jörg und Andreas eindeutig auf eine andere Art und Weise als wir. In dreieinhalb Wochen müssen die Jungs in Melbourne sein - na denn mal Gas! (Wir erfahren leider erst viel später, dass Andreas der Andreas ist, der das Motorradreisebuch "Auszeit" geschrieben hat.) Trotz dass uns allen in der brütenden Sonne bereits das Wasser von den Kniekehlen abwärts rann, versorgten uns die Jungs mit guten Infos zu den Thermalquellen und Campmöglichkeiten in Mataranka. Die Mataranka Homestead Springs sollen nämlich dieses Jahr vollkommen von stinkenden "Flugratten" belagert sein, wie uns die beiden in allen Details schilderten.

Ziemlich erschöpft erreichten wir nach 464 km Tagestour den Elsey Nationalpark - fuhren dabei beinahe noch ein Wallabie um. Am Lagerfeuer gab es anschließend den wöchentlich stattfindenden, wirklich interessanten "Rangers Talk", wo alle Rentner ihre Fragen loswerden konnten. Hanka musste ziemlich schmunzeln, weil das große Thema nicht etwa Giftschlangen oder Krokodile waren (die's hier ja auch gibt) - nein, wilde Esel und Zecken scheinen etwas zu sein, mit denen die Australier überhaupt keine Erfahrung haben...


30. Juli 2004, Elsey National Park
53.843 km, S 14-57-09 / E 133-13-18

Nach den zwei letzten Monstertagen auf dem Bike erinnert uns Hankas Rücken daran, dass wir schon seit 12 Tagen ohne Pause unterwegs sind. Die lange Fahrerei macht den Knochen spürbar zu schaffen und wir  sind endlich an einer Stelle, wo sich das Bleiben lohnt. Ein herrliches Gefühl, das Zelt morgens klatschnass stehen zu lassen!

Zuerst düsten wir zum Mataranka Homestead, wo uns schon auf dem Parkplatz eine übel riechende Wolke und ein fiebendes Gekreische entgegenschlug. Der angrenzende Campingplatz war so gut wie leergefegt und als wir uns den mit schwarzen "Beuteln" behangenen Bäumen näherten, wurde uns auch klar, wieso. In den Wipfeln hingen und flatterten Tausende von riesigen Fledermäusen!

Der Weg zum Thermalpool glich einem Gruselkabinett. An den dichten Palmen gab es keinen Wedel, an dem nicht mindestens acht Flughunde hingen. Ständig flogen welche hin und her und die Exkremente tropften nur so von den Bäumen. Wenn die Viecher aufflatterten, schien die Sonne schauderhaft durch die hautigen Flügel und die Köpfe sahen wirklich aus wie die von Ratten - genauso klang auch deren Fieben. Es war der absolute Horror! Die "Flying Foxes", wie sie genannt werden, kommen normalerweise lediglich während der Regenzeit nach Mataranka, aber dieses Jahr sind die "Flugratten" unerklärlicherweise einfach geblieben. Vergeblich versuchen die Pächter des Touristikressorts die Viecher mit feuerwerksähnlichen Knallern zu vertreiben, aber nichts scheint zu helfen. Es ist eine einzige Katastrophe, zumal Flughunde immer wieder zu dem Ort zurückkehren, an dem sie geboren wurden und die jetzigen 250.000 schon fleißig dabei sind, sich zu vermehren ... - Prost Mahlzeit! (Zu allem Überfluss stehen "Flying Foxes" auch noch unter Naturschutz!)

Zehn Minuten später tauchen wir ein in die warmen Bitter Springs Thermalquellen. Das Areal ist paradiesisch und man schwimmt in einem naturbelassenem Strom aus warmen Wasser inmitten von Wasserlilien, Wasserfarnen, Reihern und kleinen Fischen. Wir sind froh, dass wir unsere Schnorchelsachen mitgenommen haben, denn die Unterwasserwelt in dem glasklaren Thermalwasser ist mal etwas ganz anderes, als das, was wir aus dem Meer kennen. Wie die Frösche paddeln wir begeistert stromauf- und -abwärts, bis sich ein Bärenhunger bei uns meldet.

Das Workout-Programm für die Arme war also absolviert und wir beschlossen anschließend, unsere Knochen 8 km entlang des Roper Creeks durch den Elsey National Park zu jagen. Im Roper Creek zu schwimmen ist an sich kein Problem, aber abgesehen von dem eiskalten Wasser fühlte sich Hanka pausenlos von Krokodilen beobachtet. Im Fluss gibt es Süßwasserkrokodile, die für Menschen ungefährlich sind, aber dennoch gehen bei dem Wort Krokodil unweigerlich die Alarmglocken an. Auf dem Weg zu den Mataranka Wasserfällen hörten wir einige "Freshies" (wie die Australier Süßwasserkrokodile nennen) von ihren Sonnenplätzen ins Wasser plumpsen, aber zu Gesicht bekamen wir eins der scheuen Tiere erst am späten Nachmittag auf dem Rückweg. Still und elegant schob sich ein knapp 2 m langes Exemplar durchs trübe Flusswasser - manchmal müsste man einfach ein Teleobjektiv haben!

Nach unserem Biathlon sind wir totmüde um kurz nach acht in unseren Schlafsäcken verschwunden. Hoffentlich bleiben Hanka gruselige Alpträume von Fledermäusen und Vampiren erspart!


31. Juli 2004, Elsey National Park - Nitmiluk National Park / Edith Falls
54.034 km, S 14-10-48 / E 132-11-13

Wir müssen mal wieder die schwierige Aufgabe bewältigen und eine Entscheidung treffen: Litchfield oder Kakadu Nationalpark. Uns bleibt nur noch eine Woche Zeit in Australien und wir wissen, dass es keinesfalls für beide Nationalparks reicht. Okay - Schlangen, Krokodile, Brolgas und andere Vögel haben wir mittlerweile schon gesehen und wir haben nicht gerade Lust, 100 AUD für eine Nationalparktour hinzublättern. Um die Tiere jedoch vor die Linse zu bekommen, bleibt einem nicht viel anderes übrig, als den Kakadu Nationalpark per Boot zu durchkämmen. Litchfield N.P. ist eindeutig die günstigere Alternative und einige Leute haben uns bereits erzählt, es sei auch die bessere. Also lassen wir die Würfel für die verbleibenden Tage fallen: Litchfield National Park. Nun beginnt nur leider gerade das Wochenende  (zu allem Überfluss auch noch ein langes), so dass wir uns keinen ungünstigeren Zeitpunkt für Darwins populärstes Wochenendsausflugsziel hätten aussuchen können. Ein Blick auf die Landkarte löst vorerst auch dieses Problem, denn unweit von Katherine hat uns jemand einen schönen Wasserfall zum Campen empfohlen.

Der Tipp stellte sich wahrhaftig als guter heraus. Sobald wir unsere vier Wände an einem schattigen Plätzchen aufgestellt hatten, sprangen wir mit unseren Taucherbrillen und Schnorcheln in den erfrischend kalten See der Edith Falls. Auf der Suche nach Schildkröten schwammen wir bis zum Wasserfall und Hanka entdeckte dabei ein Rudel gigantisch großer Fische, die im trüben Wasser plötzlich wie aus dem Nichts auftauchten. Erik lachte nur, als Hanka panisch die Flucht vor diesen dunklen Monstern ergriff. Salzwasser ist wohl doch eher ihr Element; zumindest kann man da beim Schnorcheln ungefähr abschätzen, was einem alles im Wasser erwartet...

Direkt neben uns hatten zwei Schweizer unterdessen ihr Zelt aufgeschlagen. Johann und Xavier tourten per Fahrrad durch Australien (www.australieavelo.ch). Die beiden Fahrradanhänger für ihr Gepäck sahen nach einer genialen Idee aus. Äußerlich wirkten die weißen Fiberglasbehälter zwar wie Heizöltanks, aber wir staunten nicht schlecht, was die Luzerner alles darin unterbringen konnten. Wenn wir schon immer dachten, dass Taucherbrillen und Schnorchel im Motorrad-Gepäck Luxus wären, dann wussten wir bisher nicht, dass manche Fahrradfahrer auch noch Flosen und Wetsuits mit sich durch die Gegend gondeln!


1. August 2004, Nitmiluk National Park / Edith Falls
54.034 km, S 14-10-48 / E 132-11-13

Letzte Nacht bekamen wir mal wieder Besuch von einem Wallabie. Neugierig stand das Vieh plötzlich in unserer Zeltapsis und schnüffelte gierig den Zeltreißverschluss neben Eriks Kopf ab. Das kann einem wirklich nur in Australien passieren...

Es fiel uns nicht schwer, einen Tag länger zu bleiben - zumal der Campingplatz schön ist und wir keine Lust auf die Feiertagsausflügler aus Darwin verspürten. Die Radlerwaden der Schweizer benötigten ebenfalls einen Tag Pause und wir bekamen sogar noch Biker-Gesellschaft aus Kassel. Bernd (63) und Rudi haben in den letzten neun Wochen ihre angemieteten Yamahas die rot-staubigen Offroadpisten durch Westaustralien gejagt und holen am Freitag treu ihre Frauen in Darwin ab. Mit einigen Blessuren am Fuß und der von Haus aus schlechten gemieteten Motorrad-Ausrüstung hatten die zwei das Abenteuer Outback ausgekostet und mit funkelnden Augen von ihren Erlebnissen zu berichten. Wir verbrachten den Vormittag damit, Stories und Erfahrungen auszutauschen und staunten über die Solarausrüstung der Schweizer, die mittels Sonnenstrahlung Wasser kochen, ihren Laptop und eine Taschenlampe laden konnten.

Vom Campingplatz aus gab es einen schönen Rundweg zum oberen Wasserfall und seinen "rockpools" zum Baden. Heute muteten wir uns allerdings nicht gleich wieder einen Biathlon zu.


2. August 2004, Nitmiluk National Park / Edith Falls - Litchfield National Park/ Florence Falls
54.338 km, S 13-05-48 / E 130-47-04

Bernd und Rudi brechen schon beizeiten auf und trotz Solarkocher überholen uns die Schweizer sogar noch beim Packen. In uns weigert sich  jedesmal irgend etwas, ein nasses Zelt einzupacken und so dauert es seine Zeit, bis alles trocken ist.

Bis zum Litchfield Nationalpark dürfte es eine Spazierfahrt von guten 200 km werden ... doch alles kam anders.

Unser letztes Stück Brot zum Mittag war leider mit Schimmelflecken durchzogen - natürlich weit und breit kein Geschäft in Sicht - und wir kramten raus, was die Lebensmitteltasche noch hergab. Als wir einigermaßen gesättigt am Südeingang des Nationalparkes ankamen, machte sich angesichts der schlechten Piste eine Vorahnung breit. "Es wird schon nicht so schlimm werden", murmelte Erik und trieb die Honda durch den feinen, roten Staub, den schlingernden Reifenspuren von Bernd und Rudis Yamahas folgend. Es kam schlimmer! Klatschend streiften uns danach Zweige und Gestrüpp, die neben der tiefen Fahrrinne wucherten, in der Erik die Spur zu halten versuchte. Staub und Hitze mürbten zusätzlich an unseren Kräften und sobald man stoppte, fielen penetrant Fliegen und Bremsen über einen her. Als wir nach 17 km durch Staublöcher, Steine, Sprungschanzen und einige, schlammige Flüsse schweißgebadet den Surprise Creek erreichten, fühlten wir uns schon ziemlich gerädert und eigentlich in der Stimmung, ein kühles Bad zu nehmen und unser Zelt aufzuschlagen. Der Campingplatz war wie leergefegt; nur die beiden Yamahas von Bernd und Rudi kochten einsam auf dem Besucherparkplatz in der Sonne. Gespannt folgten wir dem Trampelpfad zu den Surprise Creek Falls und wurden nach der spektakulären Ankündigung unseres Reiseführers arg enttäuscht. Ein Wasserfällchen tröpfelte quasi über zwei Pools in einen kleinen See. Bernd und Rudi kamen uns prompt entgegen gelaufen, genervt vor den aufdringlichen Fliegen flüchtend. Es war nicht zum Aushalten und auch wir sahen uns innerlich die restlichen 25 km Offroad-Piste bereits heute weiterfahren.

Genau das taten wir auch, nachdem Erik sich an einem spitzen Zweig zunächst einen Zehennagel eingerissen und anschließend den Motorradschlüssel auf dem Rückweg verloren hatte. Schien echt nicht unser Tag zu sein! Mit abgesenktem Reifenluftdruck und reichlich "Beinarbeit" schlingerte er die Honda durch das nächste Stück Tiefsand und Hanka verfluchte schwitztend die Motorradhosen, die nicht gerade für Spaziergänge bei 29˚C gemacht sind. So wechselhaft wie die Piste, erlebten wir auch die Landschaft. Australien schien uns auf die letzten Tage noch einmal alles bieten zu wollen: trockene Buschwüste, gigantisch hohe Termitentürme, dichter Regenwald und etliche Flussdurchquerungen. Wir sahen auch eine grünglänzende Schlange und einen dicken Goanna unseren Weg kreuzen.

Am abrupten Vegetationswechsel konnte man unschwer erahnen, wann die nächste Wasserdurchfahrt bevorstand. Irgendwann strauchelte die Honda vor einem ca. 20 m breiten, trüben Flussarm - wir hatten inzwischen zu zählen aufgehört, aber dies schien eindeutig die tiefste und längste Flussdurchquerung unserer Reise zu werden - der Wasserstandsmesser prophezeite gute 60 cm Tiefe - oha! Am anderen Ufer standen erschöpft Bernd und Rudi, die es gerade gemanagt hatten, ihre Bikes von einem Jeep durchziehen zu lassen. Aufgeregt kamen sie uns in voller Montur durch das oberschenkeltiefe Schlammwasser entgegen gewatet und kundschafteten dabei systematisch Stück für Stück die Bodenbeschaffenheit und Tiefe für uns aus, um gute Ratschläge zu geben, wo und wie am besten durchzukommen sei. Wir fanden total nett, dass sie extra auf uns gewartet hatten, aber Erik ließ sich nicht überzeugen, die Honda zu schieben. Zufällig kam just in diesem Moment ein Jeep zur Stelle, der einen Teil unseres Gepäckes mit auf die andere Seite nehmen konnte. Zuversichtlich startete Erik mit halbem Gewicht beladen den Motor und fuhr los. Gebannt und mit dem Schlimmsten rechnend, folgten unsere Augen der Szene, wie sich die Maschine mit einer Bugwelle eisern und spritzend durch die trübe Brühe grub. Das Wasser bis kurz unter die Kofferdeckel reichend fuhr - und fuhr - und fuhr die Honda ohne einen Mucks stolz wie ein Tiger auf der anderen Seite an Land! Natürlich gab es Beifall und Jubelrufe - konnte keiner von uns so recht glauben, was er soeben gesehen hatten. Sichtlich erleichtert, wateten alle mit triefnassen Stiefeln ans Ufer und der Jeep konnte das Manöver als nächstes versuchen. Es gelang und zufrieden setzten alle nacheinander ihren Weg fort.

Als Erik seine Handschuhe vermisste, waren alle bereits von dannen und auf den restlichen 4 km Piste hatten wir keine Chance, den Jeep einzuholen. Vermutlich hatten wir die Handschuhe mit dem restlichen Krempel ins Auto geladen und da lagen sie nun. Die Sonne ging bereits unter und wir hatten keinen blassen Schimmer, ob unsere Helfer nach links oder nach rechts auf die Hauptstraße abgebogen waren. So ein Mist! Verzweifelt kehrten wir wieder um und kurvten zum Fluss zurück, um dort nochmal nach den Handschuhen zu suchen. Wieder folgte uns ein Jeep und nett, wie die Aussies sind, versprach uns der Typ, am anderen Ufer nach den Teilen zu suchen. Prompt wedelte er kurz darauf mit den vermissten Handschuhen herüber und brachte uns die guten Stücke postwendend sogar zurück. Der nächste Jeepfahrer, ein Tourist aus New South Wales, brabbelte aufgeregt, dass wir bloß nicht durch den Fluss laufen sollten - es gäbe hier bestimmt Krokodile - zu spät!

Der Himmel färbte sich in ein kräftiges Blutrot, als wir erschöpft zum Buley Rockhole stürmten. Verschwitzt wie wir waren, mussten wir unbedingt noch ein schnelles Bad nehmen, was sich leider ganz schnell unter den Mücken herumsprach. Endlich auf dem Zeltplatz, quetschten wir unsere Nachtbehausung zwischen die zahlreichen Wagenburgen und stellten unsere nassen Stiefel am Lagerfeuer auf. Erst als unsere Zeltnachbarn zu Bett gingen und wir noch immer dabei waren, die Spaghettis in den Topf zu stecken, realisierten wir, wie spät es bereits geworden war. Das war aber auch ein Tag!


3. August 2004, Litchfield National Park/ Florence Falls - Darwin
54.588 km, S 12-25-46 / E 130-54-03

Die Nacht wurde leider nicht viel besser. Hatte man es erstmal geschafft, die benachbarten Schnarchgeräusche aus dem Gedächtnis auszublenden, weckten einen die knackenden Zweige eines herumstreunenden Dingos wieder auf. Unsere volltrunkenen Nachbarn waren so clever und hatten sämtliche Barbecue-Reste draußen liegen lassen!

Ziemlich gerädert machten wir uns morgens auf den Weg zur "Lost City". Zehneinhalb Kilometer 4-Wheel-Drive-Piste über tiefes Wellblech und schlingernde Staubabschnitte, bis wir vor den eigenartigen Steinformationen standen, die ein bisschen an verfallene Maya-Tempel erinnerten. Erik mochte mit seinem schmerzenden Zeh erst gar nicht herumlaufen, sonst dachten die Leute noch, er hätte einen Motorradunfall gehabt... Jedenfalls muss man gestehen, dass wenn die Australier eine Route als 4-Wheel-Drive markieren, dann ist es wirklich auch 4-Wheel-Driving! Wenigstens blieben uns diesmal Flussdurchquerungen erspart, aber ob sich der Ausflug gelohnt hat, ist fraglich. Wir haben hoffentlich keine Schrauben unterwegs verloren.

Die berühmten Florence Falls sind dagegen um einiges besser zugänglich, was leider Scharen an Touristen anzieht. Malerisch schön sind die Wasserfälle gelegen, aber allein der Besucherparkplatz wirkte wie eine Karikatur der Australier: dickbäuchige „Mates“ mit überdimensionalen "Eskies", um jederzeit einen eisgekühlten "Stubbie" zur Hand zu haben. Man mag nicht glauben, wieviel Bier hier bereits in der Mittagshitze gekippt wird. Angesichts der quirligen Massen verging uns spontan die Lust, am Wasserfall baden zu gehen. Soviel also zum Litchfield Nationalpark.

Wie ein Magnet zog es uns nach Darwin. Wir hatten noch soviel in der Stadt zu erledigen und die Lebensmittelvorräte neigten sich endgültig dem Ende. Hätten wir gewusst, wie voll und überteuert Darwins Campingplätze sind, wären wir wohl trotzdem noch eine Nacht länger im Busch geblieben. Wir schlugen gute zwei Stunden damit tot, einen günstigen und ruhigen Zeltplatz mit Busanbindung zu finden. Am Ende durften wir noch froh darüber sein, unsere vier Wände direkt neben dem Stuart Highway auf ein Stückchen Dreck, unmittelbar neben der Campingplatzküche aufzustellen. Mancherorts spürt man wirklich eine 2-Klassen-Gesellschaft auf Campingplätzen: die für einen Stromanschluss zahlenden Campervans stehen schön schattig auf den saftigsten Wiesen und Zelte müssen sich mit dem begnügen, was sich nicht vermieten lässt. Na ja, die absolute Härte war jedoch der Fluglärm! Offenbar probte das Militär mit ihren Düsenjägern gerade die Schmerzgrenze Darwins Bevölkerung aus!


4.-6. August 2004, Darwin
54.677 km, Camping: S 12-25-46 / E 130-54-03, YHA: S 12-27-47 / E 130-50-20

Leider fand sich auch am nächsten Tag keine bessere Alternative zu unserem  restlos überfüllten Campingplatz. Lediglich unsere letzte Nacht in Australien verbrachten wir in der Jugendherberge downtown und wir sahen damit unser erstes australisches Backpackers von innen. Dies ermöglichte uns den Luxus, mit einem trockenen Zelt und frisch gewaschener Wäsche morgens halbwegs ausgeschlafen zum Flughafen zu shuttlen.

Uns blieb nicht mal die Zeit, die Swimmingpools auf dem Campingplatz oder in der Jugendherberge auszutesten. Eine letzte Gelegenheit, um kostenlos im Internet zu arbeiten (und ein Geheimtipp zugleich) fand sich in der "Northern Territory Library". Auf diesem Wege erfuhren wir, dass Kerstin und Volker gerade ihre letzten Tage in Dili verbringen und eine schöne Unterkunft für uns hätten. Wir waren mit den beiden Yamaha-Overlandern schon einige Zeit im E-Mail-Kontakt und freuten uns um so mehr darauf, dass wir uns nun bald treffen würden (www.motorcycle-worldtour.de). Einige gute Tipps zu Südostasien, Indien und Iran bekamen wir auch von Rob und Danielle, denen wir per Zufall bei unserer Campingplatzsuche über den Weg liefen. Das englisch-kanadische Biker-Pärchen wartete gerade sehnsüchtig auf ihren Container aus Singapor und wir besuchten sie abends mit unseren Landkarten auf dem Campingplatz. Es ist unbeschreiblich erfrischend, mit Gleichgesinnten über Eindrücke und Erlebnisse per Motorrad zu plaudern, weil einen das Reisefieber wieder so richtig mitreißt...

Zwischendurch trieben wir einen neuen Ölfilter für die Honda auf und Erik konnte in Johns Garage sogar den fälligen Ölwechsel machen (John gehört zur Horizons Unlimited Community). Einen netten Abend verbrachten wir mit ihm und seiner Familie auf dem Mindil Beach Sunset Market, wo wir endlich auch mal gebratenes Krokodil probieren konnten. Aus Rücksicht auf Erik verzichtete Hanka allerdings auf die Possum-Bratwürste, die ebenfalls zur Verkostung standen.

Pünktlich am Freitag lieferten wir die Honda bei Perkins ab - in der Hoffnung, sie am Dienstag in Dili wiederzusehen. Die gute Nachricht: großzügig berechnete man uns nur 1,5 Kubikmeter Transportvolumen, so dass uns diese Verschiffung lediglich 165 AUD kostet. Die schlechte Nachricht: das Schiff wird ausgerechnet nächste Woche gewartet und wenn wir Glück haben, kommt die Honda am Freitag in Dili an (statt dienstags). Was soll's, wahrscheinlich dauert es ohnehin eine Weile, bis die indonesische Botschaft in Dili unsere Visa ausgestellt hat.

So langsam wird uns bewusst, dass die Zeit gekommen ist, von Australien Abschied zu nehmen. Ein bisschen sentimental wird man am letzten Abend schon. Die letzten fünfeinhalb Monate haben uns mit Sicherheit geprägt. Es waren weniger Australiens Landschaften die uns begeistern, als vielmehr seine offenherzigen Menschen und die einzigartige Tierwelt in einem endlos weitem Land - Down Under!


Hanka und Erik
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