Übersicht Tagebücher
Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
Bilder zum Kapitel

Inselhüpfen bis Bali

Die Insel Timor

19. August 2004, Dili – Atambua
55.420 km, S 09-06-13 / E 124-53-50

"Ab heute musst Du eine 30-Jährige durch die Gegend kutschieren" waren Hankas erste Worte am Morgen. Da war er nun, der große Tag. Erik zauberte ein liebevolles Geburtstagsfrühstück mit kleinen Geschenken (wie Nutella und Wassermelone) und versprach obendrein, dass wir demnächst wieder tauchen gehen. Das war Hankas größter Geburtstagswunsch.

Kaum dass die Teelichter ausgeblasen waren, die Erik irgendwo in der Küche gefunden hatte, ging es bepackt zur Bank. Kerstin hatte uns ans Herz gelegt, indonesische Rupiah noch in Dili zu tauschen. Wie wir merkten, war das nicht so einfach. Alles, was wir an Scheinchen des Nachbarlandes auftreiben konnten, waren gerade mal 166 Dollar. Mehr hatte die Zweigstelle der indonesischen Bank offenbar nicht auf Lager. Die ganze Aktion kostete uns unnötig viel Zeit, zumal wir eigentlich gestern schon den Geldwechsel erledigt haben wollten. Man muss dazu sagen, dass Dilis Banken um halb vier die Pforten schließen und nicht gerade auf Devisentausch spezialisiert sind. Wir lachten herzlich, als Eriks Aufzug in Motorradhose und Stiefel glatt für eine Uniform gehalten wurde und die Bankladies einfach nicht glauben konnten, dass es außer UN-Leuten offenbar auch zwei Touristen in Dili gab.

Endlich raus aus dem wuseligen Verkehr folgten wir der bergigen Küstenstraße zur Grenze. Die Dörfer westlich von Dili waren ganz anders als jene der vergangenen Tage. Vermutlich haben diese Menschen schon genug "Weiße" gesehen, denn die Grenze war in der Vergangenheit immer im Brennpunkt der Unruhen gewesen und entsprechend von der UN frequentiert. Die berauschenden Jubelrufe der Kinder, die uns sonst begleiteten, blieben jedenfalls aus. Auffälligerweise hatte die UN erstmal sämtliche "Topes" in den Dörfern wegrasiert, so dass es sich entspannt fahren ließ. Mittags stoppten wir an einer Reihe Straßenstände und probierten das, was alle aßen: geflochtene Bananenblattkörbchen mit Reis, Bananenchips sowie gekochten Mais - von Fisch oder Fleisch ließen wir lieber die Finger. Kichernd mampften wir unseren Mittagssnack: das Dorf war absolut urig und die spannende Fremde gefiel uns. Natürlich schien von uns komischen Besuchern und dem Motorrad mindestens genauso viel Faszination auszugehen. Die Luft knisterte vor Neugier. Mal schauen, was unser Verdauungsapparat von der ersten Straßenkost seit langem hält – bisher haben wir lebensmitteltechnisch nichts riskiert, um uns langsam an unsere neue Umgebung zu gewöhnen.

An der ost-timoresischen Grenze ging alles fix und ohne Probleme. Doch gleich am ersten indonesischen Posten schwante uns, dass in diesem Land andere Gepflogenheiten herrschen. Während Erik dem Zoll wieder einmal Step by Step erklären musste, welche Felder des Carnet des Passages auszufüllen seien, verteidigte Hanka draußen in der Knallsonne unser Motorrad gegen die neugierigen Grabscher. Hey, sowas hatten wir noch nicht erlebt!!! Dreist, wie die Typen waren, versuchten sie trotz Hankas Beisein auf die Bremse zu steigen und ließen sich nur durch Anschreien überhaupt davon abhalten, die Sitzbank auszuprobieren. Die Jungs zeigten kein Fünkchen Respekt – das kannten wir aus Ost-Timor anders. Hanka fand das Ganze gar nicht lustig und spätestens jetzt war die frühmorgenliche Geburtstagslaune komplett den Bach runter. Nachdem sich das Spielchen vor dem Immigration Office wiederholt hatte, lechzten wir nur so nach Fahrtwind, doch der ließ noch eine geschlagene Stunde auf sich warten:

Zuerst pfiff uns das Militär aus der Spur, um unser Gepäck zu durchsuchen. Normalerweise lief sowas bisher immer mit einem kurzen Blick in eine der Alukisten und höchstens noch in eine Seitentasche ab - und die Neugier war befriedigt. Doch diese Jungs waren wie die Schmeißfliegen und wollten alle gleichzeitig in unserem Gepäck herumwühlen! Wir sind noch nie wirklich gefilzt worden, doch am nervigsten war es, die ganzen Finger im Blick zu behalten. Die Idioten begriffen einfach nicht, dass wir nur eine Tasche nach der anderen aufmachen wollten. Wir passten dabei auf wie die Schießhunde, dass alles wieder an seinen Platz kam. Als alle über unseren Glücksbringerhasen "Beenie" gelacht hatten, durften wir endlich weiter. Doch die nächsten Nervensägen winkten bereits wichtigtuerisch vom Straßenrand: „Polisi“. Inzwischen waren wir mächtig angenervt und zeigten unser freundlichstes Lächeln, das man mit gebleckten Zähnen zeigen kann. "Checking, Checking" brüllten sie uns entgegen und wollten irgendwelche Papiere für's Motorrad von uns sehen. Wir hielten ihnen unser frisch abgestempeltes Carnet vor die Nase und beteuerten, dass alles jetzt in Ordnung sei. Die Hirnochsen hatten natürlich keinen blassen Schimmer, was ein Carnet de Passages ist. Erik konnte gerade noch verhindern, dass sie das Ding ahnungslos auseinder rissen. So langsam fragten wir uns, welcher westliche Büro-Hengst sich das sinnlose System mit den abzureißenden Paperschnipseln ausgedacht hat! Noch nicht mal in Neuseeland oder Australien wusste jemand, welcher Schnipsel wann auszufüllen sei. Wer ernsthaft glaubt, dass irgendein Land die Ein- und Ausreiseabschnitte verwaltet und womöglich noch hin- und herschickt, der träumt! Jedenfalls kostete es uns etliche Nerven, bis uns die aufgeblasenen Uniformträger endlich weiterfahren ließen.

Indonesien nimmt mit angeblich 231 Millionen Einwohnern den vierten Rang in der Liste der bevölkerungsreichsten Länder der Erde ein und bereits kurz nach der Grenze zweifelten wir daran keine Sekunde mehr. Die 25 km bis Atampua fuhren sich wie durch ein endloses Dorf, zugestopft mit Minibussen und Mopeds. Wenn uns Dili schon quirlig vorkam, dann war das nichts gegen die indonesische Seite der Insel. Kreuz und quer heizten die Scooter vor uns her und landeten oft knapp im Straßengraben, weil sie während des Überholens unser Motorrad anklotzen und wilde Zeichen geben mussten. Völlig anders als in Ost-Timor hinterließen die Indonesier bei uns gleich zu Anfang einen wenig symphatischen, zum Teil regelrecht respektlosen Eindruck. Pausenlos meinten irgendwelche Wichtigtuer, uns unbedingt und mit allen Mitteln darauf aufmerksam machen zu müssen, dass wir mit Licht fuhren. In knapp anderthalb Jahren unserer Reise hat sich noch keine einzige Nation darum geschert, dass wir tagsüber den Scheinwerfer benutzen, um gesehen zu werden. Keine Ahnung, ob die Leute hier glauben, wir würden ohne Licht Batterie sparen...? Uns nervte die wilde Gestikuliererei beizeiten. Wenn doch nur halb so viele Indonesier einen Aufstand machen würden, weil ihre eigenen Leute im Dunkeln ohne Licht unterwegs sind! Tanken wurde gleich der nächste Spießrutenlauf: sobald wir irgendwo stoppten, waren wir plötzlich von einer Horde stierender und grabschender Männer und Jungs umringt. Offenbar sprach kaum jemand English und unser Indonesisch beschränkt sich derzeit auf das Wörtchen "bensin". Sobald man etwas nicht verstand, lachte uns die Meute schamlos aus, was nicht gerade ein gastfreundschaftliches Gefühl bei uns hinterließ.

Natürlich war es unter diesen Umständen kaum möglich, sich in Ruhe abzusprechen, wie der Tag enden sollte. Bis Kupang ist es noch immer ein ganzes Stück, anderseits hätten wir in Atambua noch die Chance, eine Unterkunft zu finden - wovon wir in der Provinz nicht ausgehen können. Zelten ist bei diesen vielen Dörfern sicherlich keine gute Alternative, zumal die Leute hier alles andere als zurückhaltend auftreten. Als die Scooterfahrer um uns herum Lunte rochen, dass wir ein Hotel suchten, wollten uns plötzlich alle mit ihren Mopeds zur gewünschten Adresse lotsen. Auch wenn von dem Konvoi am Ende nur noch zwei Jungs übrig blieben, war uns schon klar, dass dies nicht ohne Gelddiskussionen enden würde. Zuerst lieferten uns die Typen am falschen Hotel ab, doch die Lonely-Planet-Adresse lag zum Glück gleich um die Ecke. Das Zimmer konnte man nur als Absteige bezeichnen; mit völlig durchgelegenen Betten. Aber die Honda hatte einen sicheren Parkplatz und die Chefin des Hauses sprach ein bisschen Englisch. Letztendlich hatten wir keinen Bock, noch weiter zu suchen und sehnten uns nach einer Tür, die wir endlich hinter uns schließen konnten. So blieben wir und rangierten die Honda in den Innenhof. Es war kaum zu glauben, aber die Massen auf der Straße folgten prompt mit in den Hof des Hotels und ließen Erik kaum absteigen. Mit dem knappen Trinkgeld waren die Mopedjungs nicht einverstanden – dabei hatten wir noch nicht mal etwas ausgemacht. Natürlich sahen wir nicht ein, gleich zwei Trinkgelder zu berappen und überhaupt - jemanden den Weg aus Nettigkeit zu zeigen, kennen die Typen anscheinend nicht! Natürlich gab es Krach. In diesem Moment rettete uns die Hotelbesitzerin und jagte schimpfend alle auf die Straße. Wir waren ihr wirklich dankbar und endlich schien ein bisschen Ruhe in unsere Köpfe einzukehren. Schien - wohlgemerkt.

Was wir in dem ganzen Trubel nicht wirklich registriert hatten, war die Bühne auf dem gegenüberliegenden Platz, wo in schriller Lautstärke die grausigsten Karaoke-Songs durch die Lautsprecher grollten. Gott, in welcher Welt waren wir nur gelandet? Da saßen wir nun in unserem vor Mücken schwirrendem Kämmerlein - dem Geburtstagskind standen geknickt die Tränen in den Augen - und hielten uns erschöpft die Ohren zu. Soll noch erwähnt werden, dass es keine Dusche gab? Bei all dem Trubel hatten wir einfach vergessen, danach zu fragen. Angewiedert "duschte" Hanka am Ende in der keimigen Nasszelle aus dem eiskalten Wasserbecken mit der Schöpfkelle, die die Einheimischen offenbar anstelle von Klopapier zum Reinigen benutzten. Wir müssen unbedingt noch herausfinden, wie das in Indonesien mit dem Waschen und der Toilette funktioniert... (Mandis kannten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.)


20. August 2004, Atambua - Kupang
55.749 km, S 10-09-40 / E 123-35-17

Fasziniert lauschten wir dem fremdartigen Gebetsgesang einer gewaltigen Moschee, der sich wie der Nebel im Morgengrauen über die Stadt legte. Uns sollte nicht entgehen, dass wir nun in die islamische Glaubenswelt eingetaucht sind.

Wir wollten ohnehin frühzeitig aufbrechen – in der Hoffnung, dem Verkehr zu entkommen. Als wir um kurz nach sechs Uhr die Honda aus der Ausfahrt rollten, bot sich uns ein unglaubliches Bild. "Erik, das musst Du Dir geben", grinste Hanka und sauste mit der Kamera um die Ecke. Auf dem Platz gegenüber des Hotels, wo uns gestern noch das jährlich stattfindende Sänger-Festival bis in die Nacht qualvoll beschallt hatte, sammelten sich die Massen zum Frühsport. Auf der Bühne stand irgendein Vortuner und äffte die komischsten Bewegungen vor, die alsgleich von der Meute in ihren (fast ausschließlich) hellblauen Jogginganzügen nachgehampelt wurden. Es war urkomisch - morgens um sechs! Das muss man sich mal in Deutschand vorstellen...

Unsere Rechnung ging leider nicht ganz auf, denn von weniger Verkehr konnte in den frühen Morgenstunden keine Rede sein. Eingemummelt quälten wir uns durch kühle Nebelfelder von einem Dorf ins nächste. Wie gut, dass wir gestern aufs Zelten verzichtet hatten, denn es schien einfach keinen Platz für unser Zelt zu geben, wo wir in Ruhe hätten campen können. Dann war es ja doch gut, dass wir die schreckliche Unterkunft in Kauf genommen hatten, gestanden wir uns ein. Hankas Geburtstag wollen wir jedenfalls woanders nachfeiern – vielleicht auf Flores, wo uns Dagmar und Peter eine schöne Adresse ans Herz gelegt hatten.

Unterwegs registrierten wir, dass die Dorfhütten um einiges aufwendiger gebaut waren als im benachbarten Ost-Timor. Viele Häuser waren aus Stein errichtet und hatten ordentliche Fenster mit Glasscheiben, Veranden und einem Sitzpavillon. Diese kommunale Open-Air-Sitzgelegenheit schien als „Wohnzimmer“ eines jeden Grundstückes zu dienen, denn hier trafen sich die Leute, aßen, erzählten oder hielten ein Nickerchen. Keine schlechte Idee, wie wir fanden. Wir wollten uns die Sache genauer anschauen und hielten vorsichtig in einem der Dörfer an. Obwohl wir nach unseren gestrigen Eindrücken auf das Schlimmste gefasst waren, kicherte man uns neugierig und schüchtern entgegen und wir durften Fotos schießen. Für die Leute schien es das Komischste auf der Welt zu sein, dass jemand ein Foto verschwendete, um die Dinge des Alltags festzuhalten. Dennoch war es ein gutes Gefühl, dass man uns immerhin an diesen Dingen teilhaben ließ.

Relativ früh erreichen wir Kupang. Da die Fähre nach Flores heute Abend um 18.00 Uhr ablegen sollte, machten wir uns gleich auf den Weg zum Pelni-Büro. Angesichts unseres Motorrades schickte man uns jedoch eiskalt wieder fort – offenbar kümmerte man sich lediglich um den Passagierverkehr. Verunsichert nahmen wir zur Kenntnis, dass es auch heute abend kein Passagierboot mehr geben soll. Komisch, im Internet gibt es einen professionell wirkenden Pelni-Fahrplan, der sogar Vakanzen prüft. Noch denken wir uns nicht viel dabei, aber in unseren Hinterköpfen braute sich bereits ein großer Berg an Zweifeln zusammen.

Als nächstes fuhren wir zum Hafen, wo man an der Ablegestelle heftig damit beschäftigt war, einen absolut verrosteten Kahn zu beladen. Angesichts dieses Seelenverkäufers schluckten wir erstmal den Kloß im Hals hinunter und fragten uns durch. Natürlich sprach wieder niemand Englisch, wir wurden belächelt und begafft, kamen aber kein Stück weiter. Der arrogante Fahrkartenverkäufer ignorierte uns, als wären wir lästige Schmeißfliegen. Irgendwie bekamen wir dann doch heraus, dass der durchlöcherte Rostkutter nach Sumba fährt – okay, da fiel uns schon mal ein Stein vom Herzen. Indonesiens Fähren haben nicht ohne Grund den Ruf, öfter mal mit Mann und Maus zu sinken. Was jedoch mit dem Boot nach Flores ist, das angeblich heute Abend ablegen sollte, wusste niemand. Es schien auch niemanden zu interessieren. Irgendeiner munkelte schließlich, am Montag würde ein Kahn nach Flores fahren, aber Genaues weiß man nicht. Oh Mann, das nervte vielleicht! Aus den bruchstückhaften Informationen reimten wir uns am Ende zusammen, dass es noch eine zweite Fähranlegestelle geben musste. Den ungefähren Richtungsangaben folgend, irrten wir solange herum, bis wir das Passagier-Terminal gefunden hatten. Den Typen, der die Hafengebühren offenbar nur von denen kassierte, die nicht zu seinem Freundeskreis zählten, ignorierten wir diesmal. Am Terminal war einiges los, aber wir hatten wenig Hoffnung, dass hier Fahrzeuge verschifft wurden.

Während Hanka am Motorrad wartete, stellte sich Erik der unliebsamen Aufgabe, sich durchzufragen. Wieder erzählte jeder irgend etwas anderes – de facto aber, dass heute definitiv keine Fähre nach Flores ging, aber morgen wohl. Die Frage ist nur, um welche Uhrzeit, von welchem Terminal, ob die Honda mitkommt und was es kostet. Keine der Fragen ließ sich zuverlässig klären, da jeder irgendwas anderes stammelte. Unterdessen ärgerte sich Hanka mit dem bekloppten Gesindel herum, das am Hafen herumlungerte. Was bilden sich die Heinis eigentlich ein – nur weil man die Sprache nicht spricht (hey, bei diesen Leuten hat man noch nicht mal die Motivation dazu, die Sprache überhaupt zu lernen), wird man wie dumm behandelt, oder was???

Summa Summarum waren wir lediglich soweit schlauer, dass eventuell morgen die Fähre nach Flores ablegt. Kurzer Kriegsrat und wir beschlossen, auf Gut Glück das Reisebüro in Kupang aufzusuchen, das der Lonely Planet als Tourenveranstalter erwähnt. Vielleicht wussten die irgendwas oder sprachen zumindest mal Englisch. Nach langer Sucherei zahlte sich dieser Versuch aus. Der Agent war zwar alles andere als freundlich, aber wenigstens schien er zuverlässig zu wissen, dass die Fähre morgen um 8 a.m. ablegen soll. Er stellte uns die Tickets aus, prüfte die Sache mit dem Motorrad und versicherte, dass alles seinen Gang gehen würde. Erik ließ sich noch einmal die Abfahrtszeit rückbestätigen und danach machten wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft. 

Erschöpft bezogen wir im Dunkeln ein einigermaßen akzeptables Zimmer. Der Strom war ausgefallen, aber für den Rest des Abends war uns so ziemlich alles egal. In dem Restaurant, das uns der nette Hotelbesitzer empfohlen hatte, wimmelte man uns gleich wieder ab, nachdem wir es gewagt hatten, nach Reis mit Gemüse zu fragen. Wir haben nicht mal mehr den Nerv, uns darüber aufzuregen. Frittierte Bananen sind das einzige, was sich stattdessen auf der Straße auftreiben ließ – sollte uns am Ende auch recht sein.

Schon jetzt deutet sich an, dass uns dieses Land erheblich Kraft kosten wird – wir haben noch 5 weitere Fähren vor uns und erinnern uns mit Schrecken an die chaotischen Horrorgeschichten von anderen Travellern, was nicht nur das Thema Fähren betrifft. Man sollte zwar nicht voreingenommen sein, aber bei all den blöden Leuten, mit denen wir uns heute rumgeschlagen haben, fällt es einem schwer, optimistisch zu bleiben.


21. August 2004,  Fähre Kupang (Timor) - Ende (Flores)

55.941 km, S 08-36-17 / E 122-26-55

Im Übernachtungspreis sollte ein Frühstück enthalten sein und wir nahmen dankend Kaffee, Heiße Schokolade und zwei winzige Gebäckstücke entgegen, als eine freundliche Lady an unsere Zimmertüre klopfte. Nicht so nett fanden wir allerdings, dass sie anschließend Geld dafür haben wollte – und zwar einen exorbitanten Preis, den wir nie bezahlt hätten. Inzwischen war sie auch gar nicht mehr so freundlich und wir realisierten, dass wir der Tante prompt auf den Leim gegangen waren. Schließlich kamen uns andere Hotelgäste mit Kaffeebechern und einer frittierten Banane entgegen – dem wirklichen Hotelfrühstück. Der Tag fing ja gut an!

Pünktlich halb acht standen wir am Hafen, aber außer einer Handvoll müde aussehender Leute und dem üblichen Gesindel schien sich rein gar nichts zu regen. Von der Fähre war natürlich keine Spur, das Terminal hatte sogar noch geschlossen und ungläubig starrten wir auf unsere Tickets, auf denen fett 8 a.m. geschrieben stand. Na toll, die Kohle für die Tickets sahen wir bestimmt nicht wieder, ging uns durch die Köpfe. Schon der Hotelbesitzer schüttelte heute morgen ungläubig mit dem Kopf, als wir ihm von einer 8-Uhr-Fähre erzählten. Dieser Scherz war nun wirklich ein schlechter.

Uns blieb nichts anderes übrig als zu warten, bis jemand das Terminal eröffnete, aber inzwischen hatten uns verschiedene Typen versichert, das Boot würde um 11 Uhr kommen. Wir glaubten inzwischen nichts mehr – ist ja auch irgendwie fragwürdig, wieso einige Leute um acht Uhr am Hafen warten, wenn sie doch ohnehin wissen, dass die Fähre erst um elf Uhr ankäme...

So verstrich der Tag sinnlos. Es wurde elf – aber keine Fähre tauchte auf. Dann sollte das Schiff um zwölf Uhr kommen – von wegen – aber halb zwei war es plötzlich da. Wie zum Spott war die schneeweiße Fähre mit dem riesigen Schriftzug „We love Indonesia“ bemalt!!! Uns blieb die Spucke weg. Im Schneckentempo wurde anschließend das Schiff ausgeladen. Ein paar klapprige LkW’s und Hunderte von Reissäcke gingen von Bord, danach wurden wir an die Laderampe gewunken. Der Laderaum hatte sich inzwischen satt mit Abgasen gefüllt und so parkten wir die kleine Honda einsam in dem riesigen Schiffsrumpf. Da noch immer kaum Leute eingetroffen waren, machten wir uns keine Illusion, dass das Boot demnächst ablegen würde. Das konnte sich noch Stunden hinziehen.

Wir machten es uns auf dem Economy-Deck einigermaßen bequem, indem wir unsere Luftmatratzen auf dem Tarp ausbreiteten, während die Putzmannschaft leidenschaftslos so grob den Müll einsammelte. Es gab keinerlei Sitzplätze, was uns komisch vorkam, aber immerhin waren wir froh, dass unser Boot seetüchtig wirkte. Nach einer Weile hatte sich das Deck jedoch dermaßen in der Prallsonne aufgeheizt, dass es unerträglich stickig wurde. Die Klimaanlage funktionierte natürlich nicht und selbst die Notausgangstür ließ sich nicht öffnen. Hin und wieder kamen vereinzelt Leute an Bord, aber voll wurde es noch lange nicht. Schließlich ging die Sonne unter und abends um zehn sah es so aus, als sollte es langsam losgehen. Stattdessen warteten wir bis Mitternacht, bis die Fähre ENDLICH ablegte. Wenn wir morgen hoffentlich irgendwann in Flores ankommen, hat sich die Wut im Bauch vielleicht gelegt! Wir haben von Flores nur Gutes gehört und brauchen dringend mal ein paar positive Erlebnisse in diesem Land!


Die Insel Flores

22. August 2004,  Fähre Kupang (Timor) - Ende (Flores) - Ahuwair Beach
55.941 km, S 08-36-17 / E 122-26-55

Ein Blick nach draußen zeigte, dass wir noch immer auf dem Wasser unterwegs waren. Einigermaßen ausgeschlafen mumpelten wir unsere letzten Kekse zum Frühstück und Erik genehmigte sich einen Automaten-Kaffee, als sich am Morgen das Leben an Bord regte. Binnen Kürze verwandelte sich das stickige Deck jedoch dermaßen in eine Zigarettenqualm-Hölle, dass man nur von seinem Nachtlager flüchten konnte. An den fetten Rauchverbots-Schildern schien niemand Anstoss zu nehmen – nicht mal die Frauen mit Babies und Kindern. Es kommt uns so vor, als ob in Indonesien wirklich jeder Mann raucht; und das auch noch Kette! Irgendwann fiel uns verwundert auf, dass man uns bei Morgendämmerung mit dem Lautsprechergeknatsche des islamischen Morgen-Gebets verschont hatte. Vielleicht lag’s auch an unserem Zielhafen – Flores ist eine der wenigen Inseln Indonesiens mit katholischen Wurzeln.

Gegen Mittag zeichneten sich zwei herrliche Vulkankegel vom „Festland“ ab – das musste Flores sein. Wow, die Berge versprachen bereits auf den ersten Blick motorradgeile Fahrstrecken. Also schnappten wir uns unsere Motorradhosen und versuchten, in den engen, völlig mit Fäkalien überschwemmten Toiletten unsere Bikerkluft anzuziehen. Irgendwie schafften wir auch das und danach dauerte es nicht mehr lange, bis unser Schiff im Hafen von Ende anlegte. So ungeduldig wie sich die Leute von Bord wälzten, stürmten auch gleichzeitig unzählige Verkäufer und andere scheinheilige Typen an Deck, um das Ausladen zu behindern. Als wir endlich mit der Honda aus dem Frachtraum rollten, fühlten wir uns unsäglich erleichtert. Wir hatten das Schlimmste überstanden. (Hoffentlich!)

Flores gefiel uns auf Anhieb. Die Insel ist so grün, dass einem die Augen weh tun. Serpentinenstraßen schneiden sich durch einen undurchdringlichen, grünen Teppich steile Berghänge hinauf. Wo man hinschaut, schmiegen sich zartgrüne Reisterassen in die Landschaft – genauso, wie man sich Asien immer vorstellt. Hanka winkte nach jeder Kurve mit der Kamera, um Erik zum Anhalten zu bewegen und immer wieder neue Perspektiven von den tollen Reisterassen aufzunehmen. Es war einfach traumhaft. Aber nicht nur landschaftlich hinterließ Flores gleich einen positiven Eindruck, auch die Leute kamen uns um einiges angenehmer vor. Niemand starrte oder grabschte uns an oder spielte sich in irgendeiner Art von „Ordnungshüter“ vor uns auf. Wir konnten einfach fahren und genießen.

Kurvig, kurvig ging’s von einem Dorf zum nächsten; immer wieder mit tollen Blicken auf Vulkanhänge und blau schimmernde Meeresbuchten. In höheren Lagen wurden die Reisfelder von Kaffeeplantagen abgelöst und wir passierten sogar ein „orangefarbenes“ Dorf, in dem Hunderte von reich behangenen Mandarinenbäumchen wuchsen. Überall lagen Samen und Gewürze entlang der Straße zumTrocknen: Kaffee-Früchte, Nelken und allerlei andere Sachen, die wir nicht kannten. Anders als auf Timor, trugen hier viele Frauen traditionelle Sarongs in dunklen Farben und wir durften sogar spontan einer alten Frau über die Schulter schauen, die mit einem Webstuhl vor ihrem Häuschen saß und geschickt an solch einem Textilstück webte.

Verkehrsmäßig kamen wir ganz gut voran – man musste nur vor den Kurven höllisch auf den Gegenverkehr achten. Mehr als einmal kam uns ein Bus genau auf unserer Fahrspur entgegen. Also kündigten wir uns möglichst penetrant per Hupe an, immer mit einer Hand an der Bremse. Da wir nirgends in Kupang eine Landkarte von Flores auftreiben konnten, folgten wir quasi blind der groben Lonely-Planet-Zeichnung über den Trans-Flores-Highway. Meistens ließ sich anhand der Asphaltspuren erahnen, welcher Abzweig die Hauptstrecke sein musste. Den Rest fragten wir uns so durch, bis wir in Maumere landeten. Von dort brauchten wir in der Dämmerung nur noch die Straße nach Larantuka zu finden, von der 25 km später ein kleines, gelbes Schild den Holperweg zu den „Sunset Cottages“ ankündigte. Wir wurden nicht enttäuscht: liebevoll begrüßte uns Henderike in einer Gelassenheit, die man als Urlaubsatmosphäre bezeichnen konnte. Wir waren zwar die einzigen Gäste, aber das tat der Sache keinen Abbruch. Glücklich bezogen wir unseren Bambus-Bungalow direkt am Meer. Jetzt können wir aufatmen. Danke an Dagmar und Peter, die uns diesen Geheimtipp verraten hatten!


23. August 2004, Ahuwair Beach
55.961 km, S 08-36-17 / E 122-26-55

Nur noch eine Woche, bis Mama-Wien und Karli auf Bali ankommen! Dabei sind wir noch 3 Inseln von Bali entfernt! Hin und her gerissen, wieviel Zeit uns unsere weitere Routenplanung auf Flores noch erlauben würde, blieben wir schließlich nur einen Tag in dem kleinen Paradies Ahuwair Beach. Schweren Herzens hatten wir uns bereits die Insel Alor, von der Dagmar und Peter so schwärmten, aus den Köpfen geschlagen. Selbst für Lombok blieb uns keine Zeit, aber dahin ließe sich jederzeit problemlos von Bali zurückfahren.

Wir mussten einfach das Beste aus den Tagen machen; längere Tagesetappen fahren, notfalls einiges unterwegs weglassen oder letztendlich gar etwas später in Bali aufschlagen. Wenn fährentechnisch alles klappt und wir uns anstrengen, könnten wir vielleicht sogar pünktlich bei unseren Lieben sein.

Gleich nach unserer Lagebesprechung beim Frühstück schnappten wir uns unsere Schnorchelsachen und erkundeten das kleine Hausriff. Uns waren noch gut Australiens Wassertemperaturen um diese Jahreszeit in Erinnerung – hier dagegen war das Meer einfach herrlich badewannenwarm! Den Rest des Tages spielten wir mit dem trolligen Haustier-Äffchen Sam, lungerten in der Hängematte unter Palmen herum und plauderten stundenlang mit Christian. Die pensionierte Australierin wirkt im „Sunset Cottages“ als gute Fee und Investorin hinter den Kulissen und ermöglicht somit Ernie und Henderike den Traum vom eigenen Herbergs-Geschäft. Nächstes Projekt soll ein Stromgenerator und eine Waschmaschine werden, damit die Gästelaken nicht mehr von Hand gewaschen werden müssen. Aber auch ohne die Annehmlichkeiten der Zivilisation ist es den Dreien hervorragend gelungen, mitten in Indonesien ein liebevolles Ambiente zu schaffen.

Über eine Sache wunderten wir uns allerdings gewaltig: Morgens fanden wir unsere Seife angeknabbert auf dem Ablagebrett wieder (anstatt im Badezimmer) und auch an unserer Kerze und einem Brötchen hatten sich ein paar Zähne zu schaffen gemacht. Über unseren Verdacht, dass wir in der Nacht vielleicht Besuch von einem Äffchen hatten, lächelte Christian allerdings. Beherzt gestand sie uns, dass sie seit einiger Zeit einer Regenwald-Maus nachstellt, die dreist von einem Bungalow in den nächsten umzieht und dort für Unordnung sorgt. Wir nahmen die Sache gelassen.


24. August 2004, Ahuwair Beach - Moni
56.095 km, S 08-45-05 / E 121-50-55

Wieder einer dieser Tage, an denen sich innerlich alles gegen das Bepacken der Honda sträubt. Am liebsten wären wir noch ein Weilchen bei Christian, Ernie und Henderike geblieben. Ihr Gästehaus ist so eine Oase der Ruhe, dass wir gespannt sein dürfen, ob wir solch eine liebevolle Herberge je irgendwo anders im südost-asiatischen Trubel finden. Das Gewühl in Maumere kam uns bereits nach nur einem Tag der Abgeschiedenheit völlig unwirklich vor. Wir flüchteten gleich ins Internetbüro der indonesischen Telekom und fühlten uns für zwei Stunden (fast) wie nach Hause versetzt. Hanka war sehr gerührt angesichts der vielen, lieben Geburtstagsglückwünsche, die unser Postfach bereicherten. Jede Nachricht las sich wie ein kleines Geschenk. Natürlich war zwischen den Zeilen deutlich zu spüren, wie gern uns unsere Lieben wieder daheim hätten; Papa im O-Ton: "Hat die Honda nicht einen sechsten und siebten Gang?". Babyneuigkeiten gab's auch von Gunni und Betti: dem Zwerg scheint wohl ein Schniedel zu wachsen! Einen Neffen haben wir noch nicht in der Familie und Papa träumt bestimmt schon von der Enkel-Eisenbahn... Auf der Rückfahrt durch die wolkenverhangenen Berge und plätschernden Reisterassen gingen uns so viele Gedanken über unsere Lieben durch den Kopf. Es ist einfach schön zu wissen, dass man an uns denkt, auch wenn wir noch immer unendlich weit weg sind.

Per Zufall haben wir heute Mittag übrigens eine köstlich-kulinarische Entdeckung gemacht: Gado Gado. In die Erdnusssoße mit gedämpften Gemüse und Reis-Longtons hätten wir uns reinlegen können! Gado Gado müssen wir unbedingt mit den Wienern auf Bali essen gehen. In einer Woche nehmen wir hoffentlich Mama-Wien und Karli in die Arme. Oh - das wird Tränen geben!!!


25. August 2004, Moni - Bajawa
56.307 km, S 08-46-50 / E 120-58-14

"Man hat Flores nicht gesehen, wenn man die Kelimutu-Krater nicht gesehen hat." So oder so ähnlich sorgt der Lonely Planet für eine übertriebene Erwartungshaltung, die jeden Touristen in aller Herrgottsfrühe bei klirrender Höhenkälte den Berg hinaufjagen lässt. Jedenfalls gehörten wir nicht zu den Gutgläubigen, die um vier Uhr morgens den LKW zum Gipfel nahmen. Die Strecke lässt sich auch um acht Uhr ganz gut fahren, wie wir fanden -  wenigstens waren um diese Uhrzeit schon genug Souvenirverkäufer auf dem Parkplatz, die ein Auge auf die Honda werfen konnten. Wie die anderen, stiefelten wir anschließend zum Kraterrand – und waren leicht enttäuscht. Kelimutu zählt für uns jedenfalls nicht zu dem, was Flores ausmacht. Die drei verschiedenfarbigen Kraterseen mögen mystisch und sagenumwoben sein, sind aber nicht mehr als nur nett anzuschauen. Damit wäre die Sache von der "Must-See-Liste" zumindest abgehakt.

Was uns beiweiten mehr beeindruckte, war der Insider-Tipp von Christian: es gibt auf dem Weg zum Kelimutu einen Thermalpool mitten in den Reisterassen! Im Gegensatz zu den Hot Springs für Touristen in Moni, wissen von jener Thermalquelle nur die Einheimischen. Morgens ist man dort ganz für sich alleine, denn die Locals gehen erst abends baden. Es war traumhaft schön, wie wir mitten zwischen den Reisfeldern im warmen Wasser saßen! Was für eine ungewöhnliche Kulisse! Die saftig grünen Reisterassen zwischen schroffer Vulkanlandschaft, bewuchert von allem, was in den Tropen wächst - das ist für uns Flores!

Als wir mittags in Ende eintrafen, hingen unsere Mägen bereits in den Kniekehlen und wir setzten alles daran, den anscheinend einzigen Mann in ganz Ende mit einem Gado-Gado-Verkaufswagen zu finden. Unser indonesisches Leibgericht haben wir bereits zum festen Bestandteil unseres Speiseplans erklärt. Ab sofort braucht nicht mehr erwähnt zu werden, worauf die tagtägliche "Futersuche" hier hinausläuft.

Entlang der schwarzen Vulkanküste schlängelten wir uns aus dem Stadtverkehr. Die meisten nachfolgenden Dörfer sind moslemisch, was auf Flores die Ausnahme scheint. Es mag ein Phänonem sein, dass der schwarze Vulkansand kilometerlang mit grünlichen, runden Steinen übersäht ist. Die Leute machen jedenfalls sogar ein Geschäft daraus und verkaufen die grünen "Pepples" entlang der Straße säckeweise in allen Größenordnungen. Fragt sich nur, wo die ganzen grünen Kieselwege eigentlich sind - oder was immer mit diesen eigenartig grünen Steinchen passiert?

Irgendwann verriet ein Blick auf die grobe Karte, dass die Richtung nicht ganz stimmen konnte. Die Straße nach Bajawa schlängelt sich eigentlich durchs Inland und wir hatten mittlerweile gute 30 km entlang der Küste zurückgelegt. Fluchend ärgerten wir uns darüber, dass sich nirgendwo eine Straßenkarte von Indonesien auftreiben ließ. Wir fuhren völlig blind über die Insel! 20 km weiter fand sich jedoch eins der raren Schilder, auf dem groß und deutlich Bajawa geschrieben stand. Wenigstens waren wir nicht in einer Sackgasse gelandet und die Straße wirkte an sich auch ganz passabel. Auf dieser Seite der Insel ist es erstaunlicherweise zwar genauso bergig, aber wesentlich trockener als östlich von Ende. Erik findet ohnehin, dass wir mittlerweile genug Reisfelder fotografiert haben, auch wenn Hanka immernoch jedes Mal begeistert über die hellgrünen Bienenwaben-Felder jubelt.

Trotz (oder gerade wegen) der genial kurvigen Motorradstrecken auf Flores, mussten wir höllisch aufpassen. Wenn man sich den ganzen Tag auf kurvenschneidenden Gegenverkehr und träumende Hühner konzentriert, kommen einem 200 km Tagesstrecke mindestens doppelt so weit vor. Wir erreichten Bajawa völlig erschöpft. Nach langer Sucherei durch das Wirrwarr von Einbahnstraßen im Ort fand sich endlich eine ruhige Herberge, wo wir ziemlich erschlagen in die alten Krankenhausbetten fielen.


26. August 2004, Bajawa - Labuang Bajo
56.589 km, S 08-28-57/ E 119-52-49

Indonesisches Frühstück besteht meistens aus einem Stück frittiertem Gebäck oder Pfannkuchen, dazu gibt es Schwarztee bzw. fürchterlichen Kaffee. Mal abgesehen von der geschmacklichen Note, wird man davon alles andere als satt. Als man uns heute morgen Toast und ein gekochtes Ei vor die Nase setzte, kam uns das schon beinahe fürstlich vor. Offenbar verfügt unsere Herbergsbesitzerin über Quellen, die wir noch nicht entdeckt haben. Noch nirgendwo in Indonesien haben wir Brot (und dabei ist die Rede von simplen Toastbrot) zu kaufen gekriegt!

Wir rechneten mit mindestens neun Stunden Fahrtzeit bis Labuang Bajo - damit lagen wir letztendlich gar nicht so daneben. Während wir uns Kurve für Kurve durch die angenehm kühle Luft der Vulkanberge schraubten, breitete sich plötzlich erneut die Südküste vor uns aus. Verwundert folgten wir den Serpentinen bis ans Meer: Sind wir etwa wieder auf der Nebenstrecke gelandet? Viele Wege führen nach Rom, doch die endlose Kurverei die Berge hinunter und aus der Hitze der Küste wieder hinauf, mürbte an unseren Kräften und Nerven. Selten, dass wir uns mal streiten - aber heute funkte es richtig zwischen uns. Gestresst und genervt gab uns der Markt in Ruteng den Rest. Irgendwann steckten wir mitten im Verkehr fest und kamen - der prallen Sonne ausgesetzt - nicht weiter. Wir hatten Hunger und wo war eigentlich die dämliche Bank? Wir mussten unbedingt Geld tauschen, wenn wir morgen eine Tour zum Kommodo Nationalpark machen wollten. So halb per Zufall entdeckten wir schließlich das Schild der BNI Bank und wurden unsere Traveller Schecks sogar zu einer vernünftigen Rate los.

Ruteng war allerdings erst die halbe Miete - noch immer lagen 120 km kurvigste Strecke vor uns. Das Stimmungsbarometer am Boden, die Hinterbacken wund gesessen und von uns selbst genervt, tauchte bei Sonnenuntergang schließlich Labuang Bajo mit den tausend kleinen, vorgelagerten Inselchen vor uns auf. Ein traumhafter Anblick! Wir verwendeten nicht viel Zeit auf die Suche nach einer Unterkunft und quartierten uns gleich in der erstbesten Adresse ein. Weil Dagmar und Peter dort auch abgestiegen waren, vertrauten wir willenlos dem Typen, der uns für morgen eine Tour nach Rinca klarmachte. Trotz unserer Zeitnot möchten wir die vom Aussterben bedrohten Riesen-Warane nicht verpassen.

Weil Labuang Bajo nur die Größe eines Dorfes hat, sprach sich im Nu herum, dass noch ein anderes großes Motorrad in der Stadt sei. Wir hörten von einer weißen Honda eines Deutschen, der nachmittags mit der Fähre angekommen sei. Es war nicht schwer zu erraten, wo er untergekommen sein konnte und wir hinterließen eine Nachricht. Keine fünf Minuten später kam ein "Weißer" die Straße entlang gelaufen und wir probierten es mit "Daniel???". Verblüfft darüber, dass wir seinen Namen kannten, landeten wir anschließend zusammen in einer Hafenkneipe. Mal abgesehen davon, dass er eine Yamaha XT fuhr und Schweizer statt Deutscher war, hatte der Buschfunk prima funktioniert. Wie vermutet, lagen hinter Daniel 15 Monate Nahost und Südostasien - genau die Strecke, die wir Richtung Heimat fahren wollen (www.ichbinweg.ch). Natürlich folgten die üblichen Reiseanekdoten über Chaos in Indien, Korruption in Bangladesch und Tauchspots in Malaysia. Automatisch bewirkte der Abend mit Daniel für uns beide jedenfalls Versöhnung. Wir haben uns doch lieb...


27. August 2004, Labuang Bajo - Ausflug nach Rinca
56.589 km, S 08-28-57/ E 119-52-49

Um sieben werden wir per Moped einzeln abgeholt und zum Boot gefahren. Wir sind die einzigen Gäste und ehrlich erstaunt, dass der Capt'n nur für zwei Hanseln den ganzen Tag auf dem Wasser zubringt. Nach zwei Stunden durch eine Vulkanwelt aus kleinen Inselchen setzt man uns auf Rinca ab. Der sogenannte Guide an Bord ist offenbar ausschließlich dafür angeheuert, um die beiden am Bootssteg herumlümmelnden Warane aus dem Weg zu jagen (Englisch spricht er ohnehin kein Wort). Bei all den anlegenden Booten hier fällt sicherlich die eine oder andere Mahlzeit für die zwei Riesenechsen ab...

Im Officehäuschen macht uns der Oberranger erstmal eine Rechnung auf, dass uns die Spucke wegbleibt: 40.000,- Parkeintritt, 30.000,- für einen Guide, 25.000,- Gebühr für eine Kamera und 2.000,- Bootsanlegegebühr; macht zusammen 97.000,- Rupiah (knapp 10 Dollar extra). Ist das hier die Touristen-Abzock-Nummer oder was? Bis dato waren wir davon ausgegangen, dass der Typ vom Boot unser Guide sei und mehr als den Parkeintritt konnten und wollten wir nicht zahlen. Auf irgendwelche Verhandlungen wollte sich der Typ partout nicht einlassen, aber wir hatten einfach nicht genug Geld dabei. Noch gestern war natürlich überhaupt keine Rede von irgendwelchen Extrakosten! Inzwischen beendete gerade eine deutsche Gruppe die Tour und wir erfuhren, dass die Kameragebühren wohl erst seit neustem berechnet wurden. Trotz des Gemenges passte der Hilfsranger höllisch darauf auf, dass wir ja keine Fotos von den Waranen machten. Nach ewigem Hin und Her einigten wir uns darauf, einen Brief an unser Hotel zu schreiben, damit einer der Ranger zwischenzeitlich die fehlenden Rupiah dort abholen konnte (wir dachten im Traum nicht daran zu bezahlen). Anschließend teilte man uns einen Studenten mit gebrochenem Englisch als Guide zu und wir durften uns auf den Weg machen. Natürlich war es inzwischen nach zehn – viel zu spät also für die Tour - so dass wir lediglich einen Waran in freier Wildbahn zu Gesicht bekamen. Der Rest der Horde lümmelte faul neben der Küche herum - von wegen, die Riesenechsen werden nicht gefüttert!

Ziemlich verärgert stiegen wir dann wieder auf’s Boot und ließen uns an einem der Korallenriffe zum Schnorcheln aussetzen. Angefangen von einer roten Fächerkoralle bis hin zu knallig pink- und lilafarbenen Seeanemonen mit Clownfischen entschädigte der Schnorchelausflug für die Enttäuschung auf Rinca. Dennoch blieb die Wut im Bauch. Der Typ im Hostel konnte was erleben!

PS: Tatsächlich entschuldigte sich der Tourenverkäufer später unterwürfigst, aber auf uns wirkte das Ganze wenig glaubwürdig. Von der Kamera-Gebühr hatte er noch nie gehört und dass noch andere Kosten anfielen, hätte er leider vergessen, uns zu sagen (und das obwohl wir nachgefragt hatten). Wir sind uns sicher, dass er den nächsten Touris wieder nur die halbe Tour verkauft.


Die Insel Sumbawa

28. August 2004, Labuang Bajo - Bima
56.645 km, S 08-27-15 / E 118-43-28

Für die Fähre Flores - Sumbawa gab es tatsächlich einen richtigen Fahrplan und wir sind hocherfreut, als das Boot mit nur 40 Minuten Verspätung am Morgen ablegte. Die nächsten 10 Stunden wurden für uns zur indonesischen Charakterstudie. Man hat sich schon beinahe daran gewöhnt, ständig und ohne Scheu von den Einheimischen begafft zu werden. Zurückgaffen funktioniert leider nicht in jedem Fall, also fingen wir an, die Klotzer zu ignorieren. Manchmal kann man natürlich dasselbe tun - vor allem wenn die Männer neben einem ungeniert im hohen Bogen über die Railing rotzen, dreijährige Kinder ihren Knabbermüll einfach so über Bord pfeffern oder die LKW-Fahrer bereits 20 Minuten vor Ankunft die stinkenden Dieselmotoren starten und den Frachtraum in eine blaudunstige Kohlenmonoxid-Höhle verwandeln, dass einem die Sinne schwinden. Okay, wir werden die Welt nicht verbessern. Soviel haben wir immerhin schon gelernt und andere Sitten kann man lediglich akzeptieren. Dennoch tun wir uns in Indonesien schwer damit - irgendwie werden wir einfach nicht warm mit den Leuten. Manchmal erschrecken wir selbst, wie sehr wir teilweise schon von vorhherein abblocken. Dieses ständigen „Hello Mister“-Rufe macht die Schotten einfach dicht. Schade, denn so haben wir kaum eine Chance, die netten Leute (wir sind sicher, es gibt sie) kennenzulernen.

Die Fähre ist total "siffig" und Hanka bringt es nicht mal fertig, einen Fuß in die Toilette zu setzen, um sich die verschwitzten Motorradhosen vom Leibe zu reißen - das will wirklich etwas heißen! Da es an Deck keine offenen Fenster gab, stanken wir in Kürze total nach Rauch. Wie schon eher beobachtet, scheint jeder, aber auch jeder Indonesier am Glimmstengel zu hängen. Andere Leute hemmungslos einzuqualmen (einschließlich Babies) scheint das Normalste auf der Welt zu sein. Junge, Junge - hier könnte noch ein lange Liste an Beobachtungen folgen, beispielsweise wie appetitlich Nudeln und Reis mit schmutzigen Fingern verschlungen werden. Eigentlich hätten wir erwartet, in Indonesien isst man mit Stäbchen.

Gegen vier dürfen wir als letztes Fahrzeug von Bord. Der Schlange stinkender und Staub aufwirbelnder LKW's folgend, hangeln wir uns durch Saba. Anstelle von Taxis benutzt man in Saba kurioserweise Pferdekutschen, die mit Glöckchen und bunten Pommeln meist nicht nur den zweirädrigen Karren, sondern auch den Gaul selbst verzieren. Bei so viel Trubel bleibt es allerdings nicht aus, dass sich ein bockendes Pferd mal quer auf die Straße stellt. Zum Glück geht es die meiste Zeit immer geradeaus, denn Blinker oder sonstige Richtungsanzeiger scheinen bei den Kutschen einfach nicht zu existieren.

Das Hinterland von Sumbawa ist im krassen Gegensatz zu Flores braun und karg. Die dürre Vegetation erinnert schon fast ein bisschen ans australische Outback, nur dass anstelle von Känguruhs Affen durch die Gegend hüpfen. Wir sahen gleich etliche die Straßengräben nach Müll absuchen. Ein lustiges Bild, wie ganze Affenfamilien auf den Leitplanken hockten! Leider sind die Gesellen zwar an Menschen gewöhnt, aber dennoch sehr misstrauisch und scheu. Sobald man mit dem Motorrad stoppte, ergriffen sie ängstlich die Flucht.

Im Nu fanden wir uns im Scooter-Gewimmel von Bima wieder. Das Kaff ist genauso schrecklich laut und schmutzig, wie die Herberge, in die wir einchecken. Es ist eine dieser Unterkünfte, wo das Mandi wegen eines defekten Wasserhahns ununterbrochen überläuft, die Kippen unseres Vorgängers noch herumliegen (hoffentlich ist es nicht auch noch die Bettwäsche unseres Vorgängers). Aber Erik kränkelt ein bisschen herum und hatte bei den Übernachtungsverhandlungen lediglich im Focus, dass die Honda irgendwo sicher verschlossen steht... Leicht fiebrig kroch der Arme völlig erschöpft ins Bett, nachdem wir wieder einmal vergeblich nach einem Internetzugang gesucht hatten. Mist, hoffentlich verpassen wir Bernd und Heidi nicht, die uns mit ihren KTM’s entgegen kommen.


29. August 2004, Bima - Alas
56.976 km, S 08-31-03 / E 116-59-42

Letzte Nacht ließ sich nur mit Ohrenstöpseln ertragen, so laut war die Geräuschkulisse vor unserem Fenster. Dazu kam eine unerträgliche Hitze - wir müssen künftig dringend darauf achten, dass unsere Zimmer einen Ventilator haben - und die Mücken fraßen uns bei lebendigem Leibe. Die Matratze hätte man am liebsten gar nicht berührt; vielleicht zeigt uns ein Fakir noch irgendwann, wie man schwebend schläft. Es war wirklich die heruntergekommenste Absteige, die man sich vorstellen konnte und wir sahen zu, dass wir fortkamen. Die gute Nachricht: Eriks Fieber ist zum Glück weg! Hanka hatte schon befürchtet, dass wir bleiben müssen.

Auf der Hauptstraße der Insel ging es relativ ruhig zu und während wir auf dem kurvenreichen Flores nur 40 bis 50 km in der Stunde schafften, kamen wir auf Sumbawa ganz gut voran. Am frühen Nachmittag erreichten wir bereits Sumbawa Besa, was eigentlich unser Tagesziel sein sollte. Internet gab es in der Stadt leider auch nicht und das Handy von Bernd und Heidi war noch immer ausgeschaltet. Blieb uns wohl nichts anderes übrig, als weiterhin nach den beiden KTM's Ausschau zu halten. Alles, was wir von Bernd und Heidi wissen ist, dass sie am 25. August die Fähre von Bali nach Lombok genommen haben. Wenn nicht hier, treffen wir die beiden hoffentlich noch auf Lombok!

Mit dem Sonnenuntergangs-Gebetsaufruf des Muezzin erreichen wir Alas, das letzte Örtchen vor dem Fährhafen Poto Tano. Da der Lonely Planet nichts an Übernachtungsmöglichkeiten für diese Ecke hergibt und Hafenstädte selbst einen kriminellen Ruf haben, fackeln wir nicht lange und suchen uns ein Quartier. Das saubere Zimmerchen kommt uns im Gegensatz zur letzten Herberge regelrecht luxuriös vor und der Deckenventilator ist eine Wohltat. Nach Internet zu suchen, hat auch hier keinen Sinn und mit dem Telefonieren klappt es wieder nicht. Indonesien ist übrigens das erste Land auf unserer Reise, wo wir echte Probleme haben, Internetzugang zu finden.

PS: Mittlerweile haben wir herausgefunden, dass die braunen, kiwiartigen Früchte "Sapodillas" sind, die wir in Australien kennen und lieben gelernt haben. Zwar bleiben Nevilles spitzenmäßige Sapote-Milchshakes unvergesslich, doch auch pur geben die süß-klebrigen Früchte einen prima Schokoladenersatz ab.


Die Inseln Lombok und Bali

30. August 2004, Alas - Padangbai
57.109 km, S 08-31-50 / E 115-30-37

Unser zweiter Hochzeitstag! Verschnieft wünscht Hanka Erik am Morgen einen "Happy Husband". Wie in der Werbung von Wick Daymed hat sie über Nacht die Grippe erwischt, nur das leider sowohl Wick Daymed als auch Paris außer Reichweite lagen. Dennoch ging's in aller Früh weiter.

Die Fähre nach Lombok verkehrt stündlich und so mussten wir nicht lange warten, bis das Boot ablegte. Am Horizont konnte man bereits deutlich den Vulkan Gunung Nangi (2.330 m) über der Insel türmen sehen, doch Erik hat bereits Wanderstreik angekündigt, sollten wir noch einmal nach Lombok zurückkommen und die Besteigung des Gunung Rinjani auch nur in Erwägung ziehen (fauler Kerl!). Trotz dass die Überfahrt lediglich eine gute Stunde dauerte, hatten wir uns ausgerechnet eine mit heftigem Seegang ausgesucht. An Bord ergatterten wir leider keinen freien Sitzplatz mehr, so dass wir gefrustet in den Frachtraum zurückkehrten. Dort war man bereits aufgeregt dabei, einen völlig überladenen Laster mit Seilen und einem Balken unter der Ladefläche zu fixieren. Die quietschende Fuhre schwankte arg bedrohlich mit jeder Welle hin und her. Mangels einer Handbremse rollte der Karren schließlich auch noch vor und zurück, so dass man sich innerlich schon ausmalen konnte, wie die Fuhre jeden Moment filmreif durch den Frachtraum schleuderte. Doch es kam noch besser: auf einmal krachten die Wellen über die Bordwand des Kahnes und spülten badewannenweise Wasser hinein. Jetzt begann man, die kreidebleichen Leute, die bisher in den schaukelnden Bussen sitzen geblieben waren, zu "evakuieren". Eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm flüchtete panisch auf das Sitzbrett neben Hanka und klammerte sich panisch zitternd an ihrem Rücken fest, wie ein Äffchen. Es muss der Frau Trost gegeben haben, dass Hanka beruhigend ihre Hand auf die klammernden Finger legte, doch Hanka konnte sich für den Rest der Fahrt nicht von der Stelle bewegen. Immerhin bekam Erik ein Seil, um das Motorrad zu sichern - nachdem eins der Mopeds bereits umgekippt war und gegen die Honda rutschte. Zu guter Letzt übergab sich auch noch der kleine Junge auf dem Schoss der Frau, die sich noch immer an Hankas Rücken klammerte, und besudelte seine verängstigte Mutter von oben bis unten. Wegen ihrer Triefnase war Hanka heute bestens mit Klopapier ausgestattet, was die Frau mit einem Blick des Dankes honorierte. Das war aber auch יne Überfahrt!

Kaum dass wir wieder festen Boden unter den Rädern hatten, stürzten wir uns in Lomboks Verkehrsgewühl. Es sind nur 75 km von einer Seite der Insel bis auf die andere, doch das Chaos aus LKW's, Bemos, Mopeds und Pferdekarren forderte seinen Tribut an Zeit. Entlang der Hauptstraße fuhr es sich wie durch ein einziges, großes Dorf. Zwischen den Hütten wurde Reis, Gemüse und Tabak angebaut, was der an und für sich tristen Vegetation eine grüne Note verlieh. Ansonsten schien uns Lombok abgeholzt, karg und überbevölkert.

Eisern fuchste sich Erik durch den Verkehr, als wir in Mataram eintrudelten. Ihm klangen noch immer Daniels süße Worte in den Ohren: „Ab Lombok seid Ihr wieder in der Zivilisation, da gibt’s Mc Donalds und Internet“. Wie ein augehungerter Wolf stürzte sich Erik sogleich in den Fast-Food-Laden, als wäre Mc Donalds der Himmel auf Erden. Kopfschüttelnd folgte Hanka – dagegen kam sie nicht mit Argumenten an. Ein Internet gab es auch endlich, doch leider keine Nachricht von Bernd und Heidi. Sieht so aus, als wird es nix mehr mit uns vieren. Mama-Wien und Karli sind dagegen gut in Singapur gelandet und kommen heute auf Bali an.

Am Hafen Lembar wartete bereits die Fähre nach Bali. Leider trog der Schein, denn es gingen noch gut zwei Stunden ins Land, bis der Kutter endlich ablegte. Obwohl es auf der Karte wie ein Katzensprung aussah, sagte man uns, dass die Fähre sage und schreibe fünf Stunden bis nach Bali braucht. Die Hoffnung schwand, es heute noch bis Kuta zu schaffen. Im Gegensatz zur morgentlichen Fähre war die See diesmal zum Glück ruhig. Im Schneckentempo tuckerte das Boot Bali entgegen und verstärkte in uns das hibbelige Gefühl von ungeduldiger Vorfreude auf unseren Besuch. Wir freuen uns nicht nur auf die beiden Wiener, sondern auch auf ein paar Tage Urlaub.

Im Dunkeln legten wir Padangbai an. Vernünftig wie wir sind, cancelten wir damit das Abenteuer, noch zur späten Stunde weiter nach Kuta zu fahren. Den Moscheen sei Dank, dass wir an frühes Aufstehen gewöhnt sind, so dass wir Mama-Wien lieber morgen zum Frühstück überraschen.

Kaum dass wir ein Rad auf Bali gesetzt haben, spürten wir bereits, wie anders die Atmosphäre hier ist. Wir werden aufs Netteste in einem der vielen schönen Gästehäuser empfangen, bekommen für wenig Geld ein fantastisches Zimmer mit richtiger Dusche, Toilettenpapier, Handtüchern und Frühstück obendrein. Überall blüht es und alles ist so liebevoll arrangiert, dass wir zu träumen glauben. Dabei hatten wir schon fast vergessen, dass heute unser unser zweiter Hochzeitstag ist. Bei unserer erfolglosen Suche nach einem Restaurant um diese Stunde, landeten wir schließlich in einer dunklen Gasse, aus deren Richtung uns exotische Gamelin-Klänge entgegenschlugen. Zufällig platzten wir in Hinterhof-Show und ließen uns zusammen mit den Einheimischen von der traditionell hergerichteten, ausdrucksstarken balinesichen Tänzerin faszinieren.

_____________________

Fähre Sumbawa - Lombok: 35.000 IRD für 2 Pers. sowie 1 Motorrad
Fähre Lombok - Bali: 55.000 IRD für 2 Pers. sowie 1 Motorrad, wobei wir anschließend zusätzlich noch ein zweites Ticket für 40.000 IRD für die Honda wegen Übergröße lösen mussten


31. August 2004, Padangbai - Kuta
57.185 km, S 08-42-36 / E 115-10-12 

Erik konnte es kaum erwarten, dass wir aufbrachen. „Die Mama ist doch ganz in der Nähe!“ Zwei Stunden später rollten wir aufgeregt vor die Hoteladresse in Kuta und noch ehe wir die Helme von den Köpfen ziehen konnten, fiel uns Mama-Wien um den Hals und riss uns in mütterlicher Euphorie regelrecht vom Bike. Was für eine Wiedersehensfreude! Es ist ein unglaubliches Gefühl, nach so langer Zeit irgendwo in der weiten Welt Besuch von daheim zu bekommen!

Nachdem die Freudentränen getrocknet sind, werden wir zu einem zweiten Frühstück genötigt. „Esst doch noch was!“ - zugegeben, das hatten wir schon lange nicht mehr gehört! Erik ließ sich das nicht zweimal sagen und machte sich genüsslich über den Hotelschinken her.

Anschließend kam die große Bescherung und die Taschen wurden ausgepackt. Wir wollten gar nicht mehr daran glauben, aber die zwei hatten doch tatsächlich die gesponserten Mefo-Reifen aus Deutschland mitgeschleppt! Oh, die Honda wird sich freuen, wenn wir die abgefahrenen Sohlen endlich auswechseln! Eine weitere Freude waren die Schwarzbrote und der leckere Käse, Nutella, Toffifees, Bücher und Zeitschriften, Briefe von Hankas Eltern... Sogar mit nachträglichen Geburtstagsgeschenken wurden wir verwöhnt! Uns war, als hätte man Weihnachten dieses Jahr vorverlegt.

Natürlich gab es sooooooo viel zu erzählen, dass wir kaum dazu kamen, uns eine eigene Bleibe zu suchen. Wir fanden ein liebes Gästehaus gleich nebenan, sollten aber die nächsten Tage gerade mal zum Schlafen dort vorbeikommen.


1.-10. September 2004, Kuta
57.229 km, S 08-42-36 / E 115-10-12 

Unter dem Hotelpersonal der Wiener hatte es sich ganz schnell herumgesprochen, dass zwei „Weltreisende“ auf Besuch da waren. (Man merkt, dass die Eltern trotz aller Sorgen schon mächtig stolz auf einen sind.) Wir wurden wie Ehrengäste behandelt und niemand hatte etwas dagegen, wenn wir ein- und ausgingen, am Pool lagen oder leckere Milch-Shakes auf die Zimmerrechnung schreiben ließen. So konnten wir ungstört viel Zeit mit unseren Lieben verbringen.

Wir freuten uns über jede noch so kleine Annehmlichkeit und führten den beiden damit ungewollt vor Augen, wie unser Nomadenleben normalerweise aussah. Bei all dem Elternstolz wurden wir dennoch oft genug bedauert, mit so viel Entbehrungen (wie fehlende Waschmachine, Computer, Bücher, Kleiderschrank etc.) reisen zu müssen. Für unsere Eltern ist noch immer unvorstellbar, dass wir mit dem Motorrad reisen, obwohl sie fast schon genauso an der Honda hängen wie wir.

Nach den Putz,- Wasch- und Laptop-Schreib-Aktionen in Acapulco, waren unser Besuch diesmal schon darauf eingestellt, dass wir trotz Urlaub wieder jede Menge zu tun hatten. Mama-Wien wirkte erneut kräftig als Waschfee bei der Schrubberei unserer Motorradklamotten mit. Dennoch versuchten wir diesmal, die Sache auf das Notwendigste zu beschränken. Hanka hatte sich zudem vorgenommen, den neuesten, 1000 Seiten fetten Harry Potter Band durchzuwälzen.

Karli fand in Kuta seinen eigenen Beschäftigungs-Sport: nämlich die zahllosen CD- und DVD-Läden nach brauchbaren Computerprogrammen und Konzertaufnahmen abzuklappern. Wenn irgendein Urlauber es geschafft haben sollte, ALLE diese Läden in Kuta einmal von innen gesehen zu haben, dann Karli ;-) Auf diese Weise füllten sich die Urlaubskoffer der Wiener nicht nur mit Souvenirs, Geschenken und יnem Stapel unserer ausrangierten Sachen, sondern auch mit einer ansehlichen Zahl der kleinen Silberscheiben.

Apropos Sachen – wir hatten schon seit Wochen hin- und hergegrübelt, womit wir unseren Lieben als Dankeschön für’s Kommen, Reifen- und Gepäckschleppen eine Freude machen könnten. Bis uns einfiel, dass Mama-Wien doch gerne mal schnorcheln gehen wollte. Wenn wir diesen Wunsch als leidenschaftliche Unterwasserratten nicht unterstützen sollten... Schnell war ein Jeep ausgeliehen und wir düsten mit Badesachen und zwei aufgeregten Mitfahrern nach Padangbai. Schnochel- und Tauchgründe gab es dort, das wussten wir, und obendrein hatte das Wasser eine wesentlich bessere Qualität als irgendwo um Kuta. Hanka erprobte sich zunächst im flachen Wasser als „Schnorchellehrerin“ – mit überwältigenden Erfolgserlebnissen bei ihren braven „Schülern“. Wenig später schipperte uns ein wackeliges, schmales Einbaumboot mit Auslegern ins Meer hinaus und setzte uns am Riff ab. Unser Bootsmann sprang gleich mit ins Wasser und fütterte die ersten neugierigen Fische an. Mama-Wien und Karli trauten ihren Augen nicht – „das ist ja wie im bunten Aquarium“, riefen sie begeistert. Das Schnorcheln klappte fast von alleine, es gab ja so viel zu bestaunen! Erik entdeckte sogar einen Hai, doch leider war gerade keiner von uns in der Nähe (vielleicht gut so). Während unsere Lieben begeistert Korallen und Fische entdeckten, entging uns leider nicht, dass die nächste Ferienanlage am Strand ein Abwasserrohr mitten durch’s Korallenriff verlegt hatte. Uns standen die Haare zu Berge, angesichts dieser üblen Schweinerei – es flog hier ohnehin schon genug Müll ins Meer!

Unsere gemeinsame Schnorchelpremiere ließen wir in einem Strandrestaurant bei leckerem Grillfisch ausklingen. Während unsere Füße im warmen Sand steckten und die Sonne blutrot unterging, schmiedete Mama-Wien schon aufgeregt Pläne, wann und wo sie das nächste Mal schnorcheln gehen könnte. Wir waren genauso happy wie unser Besuch und freuten uns, dass die Sache doch so super geklappt hatte. Demnächst müssen wir unbedingt herausfinden, ob man in Goa schnorcheln kann. Unsere „treusten Fans“ schmieden schon Pläne, wo sie uns das nächste Mal besuchen könnten. Bei der Idee von Goa hüpft auch Karlis Herz (als Fan von indischer Kultur) gleich höher. Na mal sehen, ob und was sich so ergibt.

Wie es ja leider immer ist, vergingen unsere 10 gemeinsamen Urlaubstage im Fluge. Der Heimreisetag rückte rasend näher und als wir uns gerade mal so richtig an das „Luxusleben“ mit unseren Gastgebern gewöhnt hatten, mussten die zwei auch schon die Flugtickets aus dem Hotelsafe kramen. Diesmal lagen sich Mama-Wien und Hanka strahlend in den Armen – hatten sie sich doch ganz fest vorgenommen, KEINE Abschiedstränen zu weinen, sondern sich auf das nächste Wiedersehen zu freuen. Die beiden hielten sich tapfer!

Natürlich kam das Heimweh, nachdem die beiden zum Flughafen gefahren waren. Plötzlich wurden die vertrauten Straßenzüge, Restaurants und Geschäfte zur traurigen Erinnerungsfalle, in der wir uns einsam und fremd fühlten. Eigentlich hätten wir es wissen müssen, dass es keine gute Idee ist, noch einen Tag länger als unsere Lieben in Kuta zu bleiben. Doch die neuen Reifen mussten noch aufgezogen werden und eigentlich wollten wir ja auch nicht herumheulen.


11. September 2004, Kuta - Ubud
57.278 km, S 08-30-36 / E 115-15-37

Ohne großartigen Antrieb - weder zum Packen noch so recht zum Weiterfahren - machten wir uns in die Spur. Mechanisch folgten wir den vertrauten Gassen durch Kuta nach Sanur, bis einer der Abzweige Ubud ankündigte. Ubud hätte Mama-Wien total gefallen. Nach dem Motto "shop until you drop" werben Kunsthandwerksläden und Galerien um die Aufmerksamkeit der Besucher. Die Auswahl ist unglaublich; dabei sollten die Balinesen mal aufpassen, dass sie nicht ihre ganzen Holzreserven verschnitzen! Völlig anders als der große Kommerz von Kuta  besticht Ubud durch eine Beschaulichkeit - eingebettet in Reisfelder, Tempel, Bildergalerien und Meditationssalons -, die zum Bleiben einlädt. Von der Idylle fasziniert, beschlossen wir prompt, genau dies zu tun.

Obwohl es in dem Örtchen Unterkünfte en gros gibt, findet sich nicht so leicht eine motorradgerechte Bleibe in unserer Preisklasse. Die meisten Gästehäuser sind malerisch schön inmitten einer Tempelmauer angelegt. Dabei sind die Toreinfahrten so schmal, dass nicht mal ein Roller durchpassen würde, mal ganz abgesehen von den unüberwindbaren hohen Stufen, die die Balinesen einfach lieben. Erst nachdem die frisch gewaschenen Motorradhosen schweißgetränkt sind, gelingt es uns, in einer der schmalen Gassen eine schöne und zugängliche Herberge zu finden. Das Zimmer mit Terasse gefällt uns so gut, dass Erik schulterzuckend die Treppenzufahrt in Kauf nimmt. Wir genießen sogar den Luxus einer warmen Dusche! Ein bisschen schlaff und heimwehgebeutelt fühlen wir uns nach den schönen Tagen mit unseren Lieben dennoch, aber Ubud hat jede Menge an Ablenkung zu bieten. Es ist gut, wenn wir uns ablenken. Ach, was sind wir nur anhänglich geworden!

PS: Heute haben wir ein neues Gebräu entdeckt und zufrieden bei Kerzenschein auf der Terasse geschlürft: Reiswein mit Zitrone - hmm lecker!!!


12. September 2004, Ubud
57.319 km, S 08-30-36 / E 115-15-37

Das Wetter hier ist ganz anders als in Kuta. Der Morgen begrüßt uns wie eine tropische Waschküche mit Regenschauern und einer drückenden Schwüle.

Dass wir noch eine Nacht länger in unserem Gästehaus verbringen wollen, ist längst beschlossene Sache. Dafür ist es hier einfach zu schön! Einziger Wermutstropfen dabei ist die Offenbarung des Vermieters, dass sich der Übernachtungspreis um 10% erhöht hat - angeblich sei die Government Tax noch nicht in den Verhandlungspreis inkludiert gewesen. Balinesen sind halt doch Indonesier...

Erik fühlte sich von der feuchtwarmen Schwüle wie gerädert und machte kurz nach dem Frühstück die "Hufe hoch", während Hanka durch die Schmuckgeschäfte und Galerien wandelte und sich dabei inspirieren ließ.

Zu einem Nachmittagsausflug konnte sich Erik doch noch aufraffen. Eher zufällig entdeckten wir in Tegallalang die vielfotografierten Reisterassen, die sich traumhaft in eine Schlucht hineinschneiden. Reisterassen haben wir zwar mittlerweile bereits ohne Ende gesehen, aber selbst Erik musste sich eingestehen, dass diese hier zu den schönsten zählten.

Kurz darauf landeten wir vor der Gunung Kari Anlage, die angeblich zu den eindrucksvollsten Sehenswürdigkeiten auf Bali gehören soll. Mal abgesehen davon, dass zu unserer Überraschung die Wasserbecken von den Einheimischen als "Mandi" zum Waschen und Zähneputzen genutzt werden, waren wir eher enttäuscht. Wahrscheinlich haben wir schon zu viele balinesische Tempelanlagen gesehen.


13. September 2004, Ubud - Lovina
57.421 km, S 08-08-37 / E 115-02-56 

Die Strecke bis Ubud ist die reinste Spazierfahrt. Leider ist jedoch nicht zu übersehen, dass die Wälder beinahe flächendeckend abgeholzt sind. „Du liebe Zeit – die Schnitzer!“, ging uns erschrocken durch die Köpfe. Während wir uns durch das angenehm kühle Vulkanhochland schrauben, warten hinter jeder Kurve dunkle Regenwolken auf uns – zum Glück sind wir schneller. Steil fällt die Straße dann zur Küste hinab. Wir schnappen unterwegs noch eine Nase voll Nelkenduft auf, da die Blüten immer wieder entlang der Straße zum Trocknen ausgelegt sind, danach empfängt uns die Hitze des flachen Küstenstreifens.

Kurz vor Lovina kehren wir abrupt um, da in unseren Augenwinkeln ein amüsantes Bild hängen geblieben ist: eine kleine Baustelle, auf der wohl um die fünfzig Leute allen Alters am Wuseln waren. Das mussten wir uns einfach nochmal aus der Nähe anschauen. Tatsächlich sollten für jede helfende Hand 5 Dollar Tageslohn herausspringen und so schleppten alte Frauen und Kinder schwere Eimer voll Betonmischungen heran. Die Meute bildete ein lebendes Förderband – im wahrsten Sinne des Wortes.

Lovina entspannt uns ein wenig, da uns ein Typ in einem sehr schönen Bungalow am Strand unterbringt. Es ist noch zeitig am Nachmittag, so dass es sich lohnt, die Badehose rauszuholen. Angesichts der nach Umsatz bettelnden Muschelketten- und Sarong-Verkäufer flüchtet Erik jedoch gleich wieder. Hanka hingegen freundet sich ganz nett mit einer dieser Frauen an. Ein leichtes Leben haben die wirklich nicht, zumal die Leute hier im Norden ganz besonders unter den eingebrochenen Besucherzahlen leiden, die der Bali-Bombe zuzuschreiben sind.

Statt in Kettenanhänger und den ganzen restlichen Plunder, investieren wir unser Geld lieber ins Abendessen. Ein netter Fischer schlug regelrecht Purzelbäume für uns, als wir in sein Restaurant einkehrten und präsentierte uns stolz seinen Tagesfang. Mit einem Zwinkern bestand er darauf, dass wir gleich vier der riesigen, verlockend aussehenden Makrelen speisen müssten. „Hey – I’m a fisher man – if you would like to eat fish in my restaurant, you will get fish and not just a piece of fish“. Wir hatten ein gute Wahl getroffen, doch die Portionen schafften wir beim besten Willen nicht. Zufrieden räumte unser Fischer den voll beladenen Tisch wieder ab, während im Nachbarlokal die Gäste noch immer auf ihre Bestellungen warteten – grinsend gab er uns zu verstehen, wie sehr ihn das amüsierte. Die Leute hätten ja gleich zu ihm kommen können... 


14. September 2004, Lovina - Gilimanuk
57.505 km, S 08-10-18 / E 114-26-10

An manchen Tagen fragt man sich, ob man nicht langsam zu alt für all die Anstrengungen sei: Unter unserem Moskitonetz kreisten dermaßen viele Mücken, dass wir nachts um dreiviertel drei auf Blutsaugerjagd gehen mussten. Zudem war es so heiß, dass wir resigniert die Tür sperrangelweit offen ließen, damit der Ventilator die einigermaßen angenehme Nachtluft unter die Moskitoschwärme quirlte. Nachdem wir wutig eine weitere Stunde der Mückenrazzia geopfert hatten, fühlten wir uns am Morgen nicht nur total zerstochen, sondern auch wie durch den Wolf gedreht.

Gleich am Morgen erleben wir eine enttäuschende Schnorchelrunde (zwischen wenigen Korallen und noch weniger Fischen tümpelten Abfälle und Müll in einer trüben Brühe); und fluchen über das megalangsame Internet (mal abgesehen von der nervigen Sucherei nach einem Internetzugang überhaupt war die Verbindung teuer und stürzte etliche Male vollkommen ab). Der Norden von Bali kommt uns überhaupt nicht mehr balinesisch vor - je weiter wir nach Nordwesten stoßen, desto mehr werden wir zurück in die indonesisch-moslemische Welt versetzt. Von der einzigartigen Kultur, die wir eigentlich mit Bali verbinden, ist nicht mehr viel zu spüren.

Auch die flache Landschaft wechselt zwischen vereinzelten Reisfeldern, den ersten großen Weinplantagen und Abschnitten von trister Dürre und sattem Grün, während die Wolken bedrohlich schwarz über den entfernten Sockeln der Vulkankegel hängen.

Labuhan Lalang stellte sich glatt als Reinfall heraus. Zwar soll es ganz in der Nähe gute Schnorchelgründe geben, doch die Strände sind fest in den Händen von Luxusresorts und teilweise nur per Boot zu erreichen. Bootsausflüge zum Riff kosten soviel wie anderthalb Monatslöhne eines Indonesiers (300.000 Rupia), ganz zu schweigen von den Übernachtungspreisen! Zwar wird die Region sogar offiziell als Nationalpark unter Schutz gestellt, aber was sich die Indonesier darum scheren, können wir uns bereits ausmalen. Die verwucherten, affenreichen Wälder des Nationalparkes betrachtet man jedenfalls als willkommene Gelegenheit, um mit Messer und Machete um sich zu schlagen, Grünfutter abzusensen und auf Mopeds und Fahrrädern für das heimische Viehzeug rankarren...

Wir haben eigentlich keine andere Wahl, als bis zu dem Hafenörtchen Gilimanuk weiterzufahren und dort nach einer Bleibe Ausschau zu halten. Spätestens jetzt ärgerten wir uns darüber, nicht noch eine Nacht in Lovina geblieben zu sein. Ein hässlich-typisch-indonesisches Zimmer, gegenüber einer plärrenden Moschee, mit Mandi und Hock-Klo statt Dusche (ja, ja, die touristischen Gegenden von Bali haben uns schnell verwöhnt). Natürlich gibt es weder einen Ventilator, noch eine Zudecke. Manche Tage kann man das nur ertragen, indem man sich über all die Kleinigkeiten lustig macht. Es wird die nächsten Tage leider nicht besser werden. Uns graut schon vor dem überbevölkertem, chaotischen Java!

PS: Schon erwähnt, wie hoffnungslos es ist, hier irgend etwas als Brotaufstrich zu finden? Wir haben noch einen schönen Schwarzbrotkanten aus Ubud und sind weiß Gott flexibel, aber es gibt weder Butter noch Avocados noch Käse noch Honig noch sonstirgendwas. Überglücklich kaufen wir einem Straßenrestaurant vier schrumpelige Tomaten ab. Besonders nach den Verwöhntagen in Kuta fühlen wir uns wirklich zu alt für solche Sachen – wie wir beide soeben feststellen, während wir uns in unserem schieren* Zimmer Mama-Wiens Strandtuch feixend als Bettdecke teilen.


* Das Wörtchen „schier“ trifft wohl so einiges, was wir in Indonesien erfahren. Jedenfalls finden wir die Bezeichnung so treffend, dass wir diese österreichische Vokabel ab sofort in unseren Sprachgebrauch aufnehmen.

 

Hanka und Erik
zum vorigen Kapitel

zum nächsten Kapitel