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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Indonesien - Jawa und Sumatra

 
Die Insel Java

 15. September 2004, Gilimanuk - Cemoro Lawang
57.742 km, S 07-55-19 / E 112-57-50

Die Fähre nach Ketapang war der rostigste Kutter im Sammelsurium unserer indonesischen Fährabenteuer und hätte ehrlich die Bezeichnung "schwimmendes Wrack" verdient. Immerhin brauchten wir diesmal nicht wieder doppelt für's Motorrad zu blechen (24.000 IRD gesamt) und waren schon nach einer guten halben Stunde am Zielhafen. Kaum hatten wir ein Rad auf Jawa gesetzt, begleiteten uns - als ob wir's geahnt hätten - die "Hallo Mister"-Rufe. Bali ist wirklich anders als der Rest von Indonesien!

Anfangs hielt sich der Verkehr auf Jawa noch in Grenzen und wir machten gut Kilometer westwärts entlang der Küste. Doch gegen Ende des Tages starrten uns zwei rußgeschwärzte Fratzen aus dem Spiegel entgegen, dass man Angst haben musste. Wir konnten sprichwörtlich aufatmen, als wir endlich von der Hauptstraße in die Berge abbogen. Leider wurde das Wetter zusehends schlechter, je mehr wir uns unserem Tagesziel näherten. Zwar schniefte die Honda konstant bergauf und die Temperaturen stürtzten dabei allmählich in den Keller, aber die berühmte Vulkansilhouette um den Mount Bromo blieb gespenstig in einer dicken Suppe aus Nebel, Wolken und Regen verhangen.

Mit der Aussicht auf eine heiße Dusche, mieteten wir uns in ein verhältnismäßig teures Zimmer ein, bis Hanka nach 10 Minuten Zähneklappern der Tatsache ins Auge blicken musste, dass das Wasser kalt blieb. Ihre Eisfüße und -hände wurden bis zum Zubettgehen nicht wieder warm, obwohl der Glühwein im Hotel ein wirklich gelungenes Gebräu war. Wir fühlten uns an Weihnachten erinnert und ein bisschen auch an Südamerika. Schon lange her, dass wir an einem Tag 2.250 m Höhenmeter hingelegt und mehr als 15 Grad Temperaturunterschied zu spüren bekamen! Hoffentlich klart der Himmel auf, wenn wir uns morgen halb vier aus den Schlafsäcken pellen, um die Sonne über der Vulkanspitze des Bromos aufgehen zu sehen! Wir freuen uns auf dieses Highlight, von dem ausnahmslos alle Traveller schwärmen.


16. September 2004, Cemoro Lawang – Batu
57.867 km, S 07-52-24 / E 112-31-30

Als wir Punkt vier Uhr eingemummelt in unserer wärmsten Motorradmontur auf der Matte standen, um zum Bromo aufzubrechen, beäugte uns der Nachtwächter des Hotels mit einem eigentümlichen Blick. Nachdem wir auf den Jeep vor der Tür zeigten, der uns in der Dunkelheit vorausfahren sollte, deutete der gute Mann verwundert auf seine Uhr. Sofort fiel es uns wie Schuppen von den Augen: wir konnten uns gleich wieder ins Bett legen, denn es war erst um drei. Mal wieder hatten wir völlig ahnungslos eine Zeitzone überschritten - in Bali war es natürlich eine Stunde später als hier. Fassungslos grinsten wir uns in die verschlafenen Gesichter und pellten uns Schale für Schale aus unseren Sachenbergen. Es sollte uns nicht schwerfallen, für eine knappe Stunden wieder in die noch warmen Schlafsäcke zu kriechen. Wenigstens fanden wir schon mal heraus, dass der klare Sternenhimmel einen wolkenlosen Sonnenaufgang versprach.

Beim zweiten Anlauf stand auch wirklich der Jeep startbereit in der Ausfahrt. Doch der Trottel zischte trotz Absprache dermaßen schnell davon, dass wir keine Chance hatten, ihm zu folgen. Da standen wir nun vor dem Kraterbett des Bromos, mitten im Lavasand: vor uns tief zerfahrene Sandspuren, die kreuz und quer in alle Himmelsrichtungen verliefen – unser Anführerjeep wie vom Erdboden verschwunden. Über dem Kratersee lag dicker Nebel, dass man die Hand kaum vor Augen sehen konnte und wir hatten keinen blassen Schimmer, welche Richtung wir überhaupt einschlagen sollten. "Das war's dann", ging es uns gleichzeitig durch die Köpfe. In diesem Moment erinnerten wir uns dunkel an Kerstins Worte, lieber auf der anderen Seite des Kraters zu übernachten, da es kein Spaß sei, sich im Stockdunkeln orientierungslos durch die Sandpiste des Kratersees zu wühlen! Die Lichter des Jeeps hatte der Nebel binnen Sekunden vollkommen geschluckt, wobei zu allem Unglück dessen Rücklichter nicht mal funktionierten. Just bevor wir aufgeben wollten, tauchten die Scheinwerfer des nächsten Jeeps am Kraterrand auf und freundlich forderte uns der Fahrer auf, ihm zu folgen. Erik gab sein Bestes, sich an die Rücklichter unseres neuen Geleitfahrzeuges zu heften und gleichzeitig die Honda sicher durch den Sandsee zu jagen. Was waren wir auf diesen Kilometern dankbar für unsere grobstolligen Reifen! Die Mefo-Pellen hielten uns super in der Spur!

Im Morgengrauen erreichten wir den Aussichtspunkt Puncak Penanjakan, wo sich bereits eine Horde kamerabewaffneter Touristen und unzählige Verkäufer von Mützen, Schals, Winterjacken und heißen Getränken eingefunden hatten. Es war eine klirrende Kälte bei sternenklarem Himmel, während  im eben durchquerten Kraterbett noch immer ein dicker Nebelschleier wie Zuckerwatte hing. Von einem Bein auf’s andere tretend warteten alle frierend auf den spektakulären Sonnenaufgang vor der Kulisse des perfekt konischen Gunung Batok. Dahinter zeichnete sich der dampfende Bromo ab und ganz am Horizont lag der schwarz qualmende Gunung Semeru. Die Kulisse vermittelte den Eindruck, Millionen von Jahre in der Erdgeschichte zurückversetzt zu sein. Der anbrechende Tag tauchte diese surrealistische Szenerie noch dazu in immer wieder in neue Lichtstimmungen. Ein unbeschreiblich schöner Anblick!!!

Nachdem sich die Sonne rasch in Richtung Zenit bewegte, brauchten wir lediglich den Jeepkolonnen durch den Kratersee zu folgen. Wie eine Reiterkarawane tauchte plötzlich eine Pferdeherde mit ihren Führern aus dem Nebel vor der mystischen Kulisse eines hinduistischen Tempels auf. Am Pura Agung legen die Tourenveranstalter einen zweiten Stopp ein und man kann auf einen der Pferdesattel umsteigen, um den steilen Aufstieg zum Kraterrand des Bromos zu bewältigen. Die Höhenluft sorgte für eine schwer keuchende Ameisenschlange an Touristen, die zum Teil monströse Kamera-Ausrüstungen mit sich an den dampfenden Kraterschlund schleppten. Trotz des Andrangs war der Blick von oben fantastisch und wir ärgerten uns maßlos darüber, dass genau an diesem Ort unsere Kamera versagte! Mit Entsetzen mussten wir feststellen, dass die Linsenmechanik anscheinend den Geist aufgegeben hatte! Die Kamerageräusche hörten sich gar nicht gut an. Vermutlich schmeckte der alten Nikon die extremen Temperaturunterschiede nicht - das hatten wir ja schon mal. Jedenfalls ärgerten wir uns arg über die Enttäuschung, kein einziges Bild vom Kraterrand festhalten zu können. Wann kann man schon mal so leicht am schwefel-qualmenden Kraterschlund eines aktiven Vulkans stehen (nur 15 Minuten Aufstieg!)?

Da Erik die Kamera ja schon einmal erfolgreich repariert hatte, hofften wir auch diesmal auf ein kleines Wunder. Kaum hatten wir im Hotel unser Frühstück verzehrt, verzog sich Erik mit seinen Miniatur-Schraubendrehern in ein stilles Eckchen und "operierte" unsere Nikon. Es stellte sich heraus, dass der "Patient" unter einem abgewetztem Flachkabel leidet, welches vermutlich in der nebelfeuchten Luft einen Kurzschluss verursacht hat. Die "Operation" verlief zwar erfolgreich, aber der Fehler kann jederzeit wieder auftreten. Dennoch waren wir erstmal überglücklich, dass die Kamera die Arbeit wieder aufnahm. Das ist halt so eine Sache mit der Technik beim Reisen: wenn irgendwas den Geist aufgibt, bleibt einem oft nichts anderes übrig als sich hinzusetzen, auszutüfteln, wie was funktioniert und zu hoffen, dass man die Teile anschließend wieder zusammenbringt. Erik hat inzwischen ein wirklich gutes Händchen für diese Art von technischen Pannen, während Hanka dagegen auf’s Nähen spezialisiert ist...

Eigentlich hatten wir einen Ausruhtag in Cemoro Lawang eingeplant, aber nach den sonnigen, frühen Morgenstunden zog sich der Himmel um halb neun bereits wieder zu und erinnerte uns daran, wie ungemütlich kalt und feucht es hier oben werden konnte. Schnell waren die Sachen gepackt und wir düsten erneut durch den Sandsee, über den sich bereits wieder der typische Nebelschleier gelegt hatte.

Über verträumte Dörfer ging es auf der anderen Seite des Vulkanplateaus kurvige, enge Straßen hinab. Mehr denn je erinnerte uns diese Gegend an die Dörfer in Südamerika, auch wenn die Kuppeln der Moscheen verdeutlichten, dass wir uns auf einem anderen Kontinent befanden. Freudestrahlend begrüßten uns Kinder und Erwachsene und staunten über uns ungewöhnliche Passanten. Je tiefer wir ins Tal hinab kamen, desto größer wurden die Siedlungen und wir fanden uns alsbald im gewohnten Verkehrschaos wieder. Die Strecke durch Lawang und Malang wurde zur reinsten Verkehrsschlacht, bei der wir nicht die Verlierer sein wollten. Mittlerweile hat sich Erik fast denselben Fahrstil angewöhnt wie die Einheimischen - natürlich mit erheblich mehr Vorsicht und Zurückhaltung, man muss schließlich für die anderen mitdenken. Für uns hat Indonesien bereits Mexiko den Rang abgelaufen, das verkehrsmäßig schlimmste Land unserer Reise zu sein! Völlig verrückt, aber ein Menschenleben hat hier gerade mal einen Wert von 2.000 USD!!! Soviel schulde man der Familie für den Verkehrstod eines Angehörigen, vorausgesetzt der Schuldige wurde erwischt.

Es war eine Wohltat, sich wenigstes für eine Stunde dem ohrenbetäubenden Lärm und dem Ruß der Abgase zu entziehen, als wir im Internetcafé verschwanden! Der Laden war zwar räudig und auf den Tastaturen wuchsen sicherlich schon Mikroorganismen, aber wir waren froh, überhaupt mal wieder ein Internet gefunden zu haben - noch dazu mit einem Verbindungspreis von unglaublichen 75 Rupiah pro Minute (im Vergleich: auf Bali war der günstigste Tarif 250 Rupiah pro Minute!).

Wir schafften es anschließend lediglich bis Batu. Es war ein langer Tag und uns blieb leider auch nicht erspart, noch Ewigkeiten zu suchen, bis wir endlich ein sauberes Zimmer zu einem vernünftigen Preis gefunden hatten. Erschöpft ließen wir uns auf das schmale Bett sinken. Draußen schallten aus sämtlichen Richtungen die Gebetsaufrufe der Moscheen in den Sonnentergang - ein höllischer Krach, der manchmal fast an den schlechten Duschgesang eines frommen Moslemen erinnern konnte. Oops, über Religion sollte man nicht lästern.

Müde schleppten wir uns auf den Markt, um irgendwo Toastbrot zum Frühstück aufzutreiben (ja, ja, seit Bali gibt es Toastbrot zu kaufen) und unser Standard-Abenbrot Nasi Goreng auf die Teller zu bekommen. In den Straßenrestaurants (die eigentlich nicht viel mehr sind als aus stoffbehangenen Bambusstäben zusammengezimmerte Buden mit einem schmalen Tisch, Holzbänken und einer Gasflasche, über der ein Wok aufgestellt ist) geht es immer interessant zu. Während wir unseren feurig-scharfen Reis mampften, beobachteten wir fasziniert und angewiedert zugleich, wie der "Koch" eine Handvoll Welse aus einem Eimer nahm, auf dem Fußboden schlachtete, die Innereien den gierigen Katzen unter’m Tisch zuwarf und die Fische anschließend im Öl für die nächsten Gäste brutzelte. In den billigen Straßenrestaurants gibt es kein fließend Wasser und keine Kühlschränke - wir sind nach dieser Kochlektion nicht scharf darauf, bei der nächsten Gelegenheit Fisch zu probieren...


17. September 2004, Batu - Solo (Surakarta)
58.135 km, S 07-34-14 / E 110-49-29

Witzig, dass die Leute hier oft denken, dass wir eine Klimaanlage am Motorrad hätten. Zunächst glaubten wir, die Bemerkung wäre ein Scherz - bis wir dahinterkamen, dass nach dem Ausschalten des Motors hin und wieder der Kühlerventilator noch in Betrieb ist und die Leute deshalb aufgregt etwas von "AC" murmelten.

Die endlose Strecke bis Solo zehrte an unseren Kräften. Da wir die meiste Zeit der Hauptstraße folgen mussten, kämpften wir hart mit zahlreichen Bussen und Lastern Meile für Meile um die Asphaltspur. Es war keine Seltenheit, dass Busse und LKW's gleichzeitig eine Fahrradrikscha oder irgend einen Karren überholten, zusätzlich noch die Mopeds wie Fliegen durch die Lücken schwirrten und der gesamte Gegenverkehr ins Schotterbett ausweichten musste. Schlimmer kann's in Indien gar nicht mehr kommen!

Eine lautere Hupe wäre auf jeden Fall eine Investition für’s Überleben - vielleicht kann uns Jeffrey helfen, irgendwo eine aufzutreiben. Für Dienstag haben wir uns mit ihm in Bandung verabredet - Kerstin und Volker hatten Jeffrey über die Horizons Unlimited Community kennengelernt und uns wärmsten empfohlen, den hilfsbereiten Biker zu besuchen. Wir sind schon auf ihn gespannt und haben bereits eine Liste an Fragen im Kopf, die wir schon immer an einen Indonesier loswerden wollten, z.B. warum die Katzen in Indoensien keine oder nur verkrüppelte Schwänze haben.

Spontane, indonesische Gastfreundschaft lernten wir heute bereits kennen, als wir unter einem Dachvorsprung vor dem plötzlichen Regenguss Unterschlupf suchten. Für eine Viertelstunde goss es wie aus Kübeln und sämtlicher Mopedverkehr kam zum Erliegen. Wir "parkten" einfach unter dem nächstbesten Vordach eines verschlossen wirkenden Hauses und bekamen überrascht große Augen, als auf einmal die Tür aufging und uns jemand höflich zwei Stühle herausstellte. Ist doch nett, oder?

Mit schwarzverdreckten Gesichtern erreichten wir ziemlich gerädert Solo. Die Hauptverkehrsstraße ist nicht schwer zu finden, weil es die einzige fünfspurige Straße durchs Zentrum ist. Allerdings fragten wir uns, ob die einen an der Waffel haben: der Boulevard ist nämlich zur Einbahnstraße deklariert und der ankommende Hauptverkehr aus Richtung Surabaya wird gnadenlos eine schmale Seitenstraße in das nervige Stop and Go von Marktbuden hindurchgejagt!

Als wir endlich vor der ersten Übernachtungsadresse ankamen, waren wir sehr erleichtert, dass auf Anhieb alles passte. Selten wurden wir in einer Unterkunft so freundlich empfangen (Hotel Istana Griya). Wir bekamen einen guten Preisnachlass, Begrüßungs-Eistee, unser Gepäck wurde augenblicklich bis ins Zimmer geschleppt, die Mücken ohne Zögern mit Chemie gekillt, wir erhielten sogar Handtücher und rührend wie die Jungs waren, fanden sie auch noch eine sichere Garage für unsere Honda. Zu unserer weiteren Begeisterung gab es um die Ecke schnelles Internet für sage und schreibe 50 Rupiah die Minute sowie ein klasse Restaurant. So kamen wir gleich in den Genuss der hiesigen Spezialtität "Nasi Liwet" (Reis in Kokosnussmilch gekocht) und plauderten nett mit den Angestellten. Es hatte sich bereits bis zum Restaurant herumgesprochen, dass wir heute mit einem riesigen Motorrad angekommen waren, was natürlich für Gesprächsstoff sorgte. Zur Feier des Tages verwöhnte man uns mit einem leckeren Obstteller und Hanka bekam die spontane Idee, sich einen Tag der Kunst des Batiks zu widmen - zumal diese für die Gegend berühmt ist. "Du kannst ja eine Motorradplane machen", stichelte Erik, "die brauchen wir am Nötigsten". Trotz dass sich die Batikkurse sehr interessant anhörten, sah es leider nicht so aus, als gäbe es genügend Anmeldungen für morgen - schauen wir mal.

Obwohl wir vor Müdigkeit wie erschlagen waren, machten wir uns dennoch per pedes auf den Weg durch die nächtlichen Straßen. Das gesuchte Vorstellungstheater fanden wir zwar nicht, entdeckten aber jede Menge an Srabi-Ständen. Auch das ist eine hiesige Spezialität: Kokosreispudding auf einem Pancake mit Schokolade, Banane oder Jackfrucht zubereitet. Wir futterten uns von einer Bude zur nächsten, bis wir alle Geschmacksrichtungen durchprobiert hatten. Hier könnte man es ohne weiteres länger aushalten! Jedenfalls spürt man, dass in der Stadt Touristen gern gesehene Gäste sind.


18. September 2004, Solo (Surakarta)

58.135 km, S 07-34-14 / E 110-49-29

Auch ohne den Batikkurs entschieden wir uns einstimmig, noch eine zweite Nacht in Solo zu bleiben. Hanka fühlte sich derartig müde und erschöpft, wie schon ewig nicht mehr. Auch Erik würde ein Tag Ruhe guttun, denn bei ihm schleicht sich gerade eine Erkältung ein. Es gab also einige Gründe, die für eine zweite Portion Nasi Liwet und selbstgemachtes Schwarzbrot in unserem Lieblingsrestaurant um die Ecke sprachen (Wadang Baru).

Hanka freundete sich mütterlich mit dem kleinen Äffchen des Hotels an. Das arme Mädchen lebte traurig angebunden in der Seitengasse in einem winzigen Reich aus Mauer, Dachrinne und Bambusstäben. Am liebsten hätten wir das kleine Bündel mit seinen Kulleraugen auf die Weiterfahrt mitgenommen. Es tat einem in der Seele weh, mit anzusehen, wie sich das arme Tier in seinem winzigen Terrain fast zu Tode langweilte.

Nachmittags leistete sich Hanka einen Friseurbesuch (oha, das Trauma von Santiago de Chile schon überwunden?). Obwohl die nette Frisörin kein Wort Englisch verstand und sämtliche Modellkataloge das Verfallsdatum 1981 trugen, wurden sie sich irgendwie einig. Wo bekommt man schon einen Haarschnitt für weniger als 1 Euro? Da ist sogar der Ehemann glücklich, zumal er nicht selbst zur Scheere greifen muss! Eine wohltuende Kopf- und Schultermassage mit Aromatherapie gab's für wenig Geld auch gleich dazu - genau das Richtige für strapazierte Bikerknochen!

Um nicht wieder an den leckeren Srabi-Ständen hängenzubleiben und dabei den kulturellen Teil des Abends dem kulinarischen zu opfern, nahmen wir uns heute Abend eine Fahrradrikscha zum Theaterplatz. Allein die Rikschafahrt war ein Erlebnis für sich: Eingezwängt hockten wir auf der winzigen Sitzbank und wie in einer Geisterbahn zogen schmuddelige Straßenstände, qualmende Sate-Grille, herumlungernde Lumpensammler, schlafende Kinder und bedrohlich nahe kommender Seitenverkehr mit der entsprechenden Geruchs- und Geräuschkulisse an unserem hoppeligen Karren vorbei. Schwitzend und lachend zugleich lieferte uns der nette Rikschafahrer vor dem Wayang Orang Sriwedari ab, wo heute abend ein traditionelles Wayang Kulit (ein Schatten-Puppenspiel) stattfand. Obwohl wir nichts von der Geschichte verstanden, war das Zuschauen mega-interessant! Der vollkommen in seine Geschichte vertiefte Erzähler hantierte gekonnt mit den aus Leder gefertigten Stabpuppen vor einer Leinwand herum und wurde dabei von einem ganzen Orchester und einem zierlichen Mädchengesang begleitet. Scheinbar querbeet durch erzeugten die ungewöhnlichsten Instrumente (manche sahen wie eine Sammlung goldener Wärmflaschen aus) die eigentümlichsten Ding-Dong-Melodien. Das Ganze nennt sich Gamelan-Orchester. Zweifelsohne wird diese traditionelle Theaterkunst von Generation zu Generation weitergelehrt und wir freuten uns, dass wir die einzigen „Weißen“ im Publikum waren. Vielerorts (besonders auf Bali) schlachtet man solch traditionelle Kulturerlebnisse grausig kommerziell für Touristen aus - aber das hier, das war wirklich echt!



19. September 2004, Solo (Surakarta) - Pangandaran
58.482 km, S 07-41-30 / E 108-38-57

Es ist Sonntag - ein guter Tag zum Weiterfahren, zumal sonntags erfahrungsgemäß der Verkehr etwas lichter gesäht ist (bildeten wir uns irgendwie ein). Wir brechen früh auf - haben uns ein ziemliches Stück westwärts auf der Landkarte vorgenommen.

Nach einer Stunde erreichen wir Selo - links und rechts von uns die Vulkankrater Merapi und Merbabu. Gunung Merapi ist einer der gefährlichsten Vulkane Indonesiens, dessen regelmäßige Eruptionen schon viele Menschenleben gekostet hat. Friedlich wehte die bläulich-weiße Rauchfahne den Westhang hinab und mischte sich langsam unter die Schönwetterwolken. Eine traumhafte Kulisse! Tapfer kletterte die Honda bis ans Ende der Dorfstraße hinauf - man glaubt immer nicht, mit welch enormen Höhenunterschieden die Insel aufwarten kann - bevor wir uns weiter unseren Weg durch die Wolken in die Tiefe bahnten. "Noch sieben Stunden bis Pangandaran", prophezeite uns einer der Touristenguides in Selo. Wir hofften insgeheim, dass er angesichts unseres Motorrades nicht untertrieben hatte!

Mittags machten wir uns über den frischgebackenen Laib Schwarzbrot her, den wir uns heute Morgen extra im Wadang Baru bestellt hatten. Es schmeckte köstlich! Wenn wir schon hin und wieder bestimmtes Essen von daheim vermissen, so fehlt uns gutes Schwarzbrot gewiss am meisten. Mal sehen, wann es das nächste Mal leckeres, dunkles Brot zu beißen gibt. Hoffentlich müssen wir nicht bis Thailand warten.

Mit sieben Stunden Fahrzeit lag der Mann gar nicht so falsch - sehr zum Leid unserer Pobacken, die am Ende von einer Seite auf die andere rutschten. Es war heute eine  Monsterstrecke von 347 km (mag wenig klingen, aber auf Java ist das echt eine Leistung), zumal der Verkehr auf den kleinen Nebenstraßen den großen Intercity-Verbindungen in nichts nachsteht. Es ist ein Wunder, dass man so gut wie keine Unfälle sieht, wobei heute zwei absolut verrückte Mopedfahrer es fertiggebracht haben, stuntreif einem entgegenkommenden Bus mit den Ärmeln zu streifen. Uns blieb beinahe das Herz stehen - aber nicht, dass einer von denen gebremst hätte! Unser guter Freund Ricardo (Portugiese und BMW-Fahrer...) hätte seine helle Freude an dem, was hier tagtäglich so auf den Straßen abgeht.

Die Hauptattraktion des heutigen Tages wäre eigentlich Borobudur gewesen. Die gewaltige, buddhistische Tempelanlage wird sogar mit Angkor Wat auf eine Stufe gestellt, aber uns schreckten einerseits die gewaltigen Touristenmassen ab, andererseits wurden wir schon mehrfach vorgewarnt, dass sich die Sache nicht lohnt. Ohne dass es Hanka mitbekommen sollte, murmelte Erik im Vorbeifahren zu sich selbst: „Bin ich froh, dass ich da jetzt nicht rein muss.“ Wir stehen aber auch beide nicht sooo auf alte Steine, muss man dazusagen. 

Erschöpft erreichten wir das Küstenörtchen Pangandaran. Der Lonely Planet kündigt großspurig folgende Beschreibung an: "If Java has any answer to the beach resorts of Bali, Pangandaran is definitly it." Mal abgesehen davon, dass der Autor den zugehörigen Stadtplan im Suff gezeichnet haben musste, ist das verschlafene Kaff alles andere als Bali! Was hatten wir uns auf etwas Touristentrubel gefreut, der normalerweise Annehmlichkeiten wie westliche Küche, saubere Unterkünfte, Dusche statt Mandi, Internetcafés und teilweise sogar eine richtige Bäckerei mit sich brachte. Eigentlich verbinden wir mit Touristenorten eine Hassliebe, aber seit wir in Indonesien sind, wissen wir Touristentrubel manchmal zu schätzen...  Na jedenfalls fanden wir Pangandaran im Dornröschenschlaf vor. Der Ort wirkte so ausgestorben, dass sich nach wenigen Minuten gleich die ersten "Hotelabschlepper" wie die Geier auf uns stürzten. Leerstehende Hotelzimmer gab es zu genüge, was uns eine gute Verhandlungsbasis geben sollte. Ungeachtet der "guten Ratschläge" unserer Verfolger, probierten wir erstmal auf eigene Faust, was Schönes zu finden. Die erste Adresse stellte sich schon mal als Fehlanzeige heraus, was dem letzten unserer hartnäckigen Mopedbegleiteter natürlich Ansporn gab. In der Regel wollen die Jungs Bares für ihre Dienste, was uns meistens davon abhält, der vorgetäuschten Nächstenliebe zu vertrauen und uns zur Absteige eines Freundes, Schwagers oder sonstigen Verwandten schleifen zu lassen. Ein langer Tag auf dem Motorradsattel macht da manchmal mürbe und so folgten wir schließlich resignierend dem Typen ein paar Häuser weiter und landeten in einer netten Privatunterkunft. Zu unserem Erstaunen forderte der "Schlepper" nicht mal eine Provision ein und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Sind wir wirklich schon so voreingenommen, dass man den netten Leuten kaum eine Chance gibt oder war das eher Zufall??? Wir müssen dringend mal in uns gehen. Die Aggressivität des Verkehrs macht einen irgendwie meschugge! Kein Land war bisher so anstrengend zu fahren wie Indonesien!


20. September 2004, Pangandaran
58.482 km, S 07-41-30 / E 108-38-57

Wir schliefen wie die Engel - und das sogar ohne Einsatz unseres längst bewährten Moskitonetzes. Normalerweise rauben uns die penetranten Blutsauger den letzten Nerv, aber hier gab es erstaunlicherweise nicht eine einzige Mücke!

Wir ließen den Tag ruhig angehen, wuschen das Nötigste an Wäsche, schmökerten in unserer kleinen Bibliothek (seit unserem Bali-Besuch schleppen wir sage und schreibe sieben Bücher mit uns herum - wir müssen unbedingt was auslesen!) und machten einen Spaziergang durch den Ort. Leider fanden wir keine Möglichkeit, irgendwo Obst zu kaufen - auch das scheint immer wieder eine schwierige Angelegenheit in Indonesien zu sein. Erik schnieft ein wenig herum und könnte gut ein paar Vitamine vertragen. Immerhin gibt's diese wenigstens als flüssige Variante in Form von leckeren, frischen Säften, auf die sich getrost umsteigen lässt.

An der Küste war das Wetter enorm schwül und dunkle Regenwolken kündigten immer wieder laue Regengüsse an, ohne dass sich die Temperaturen dabei abkühlten. Irgendwie ermüdend die Schwüle - wir haben nicht mal Lust, am Meer baden zu gehen, obwohl die Wellen herrlich wild an den dunklen Vulkanstrand brandeten. Unser Elan reichte gerade mal soweit, uns bis um die Ecke zu einem der beiden Restaurants zu schleppen und die schmale, dunkle Gasse wieder zurück zu unserem Quartier. In der Gasse wimmelte es nur so von Ratten, die von einem Abwasserloch zum nächsten spurteten. Einmal mehr ging uns der Gedanke durch den Kopf, was unsere Eltern sagen würden, sähen sie uns kichernd aneindergeklammert, polternd durch die Gasse stampfen, um die Ratten zu vertreiben...


21. September 2004, Pangandaran - Bandung
58.785 km, S 06-52-23 / E 107-37-41

Wir hatten Jeffrey zugesagt, heute Abend in Bandung einzutreffen. Leider war er zwar ausgerechnet für ein paar Tage in Jakarta unterwegs, aber wir sollten es uns mit seiner Frau Milly bequem machen. Was für eine nette Einladung!

Fette Regenwolken verhießen nichts Gutes, als wir morgens die Honda beluden und uns von unserem netten Herbergsbesitzer verabschiedeten. Es war unerträglich schwül und wir wollten zusehen, Fahrtwind zu bekommen. „In Bandung ist es kühler“, gab man uns mit einem Schulterklopfen noch mit auf den Weg.

Um möglichst lange fern von der Hauptverkehrsstraße fahren zu können, wuselten wir uns auf Nebenstraßen durch die Dörfer. Wir nahmen bewusst den Umweg in den Kauf, zum Teil sogar schlaglochgesähte Straßen und einige orientierungslose Momente, nur um die Busse und LKW’s so lange wie möglich zu meiden. Es schien zu funktionieren. Zwar mussten wir nicht mehr gegen den Verkehr ankämpfen, sahen uns jedoch unerwartet mit einer neuen Gefahr konfrontiert: Überschwemmungen. Entweder setzte gerade die bevorstehende Regenzeit viel zu früh ein oder der Reiseführer sollte mal korrigiert werden. Jedenfalls war überall Wasser, wo auch immer wir langkamen. Die Gegend um Cijulang hatte es am schlimmsten erwischt. Hektarweise standen die Reisfelder komplett unter Wasser und etliche Dämme waren bereits gebrochen, so dass die Fluten ungehindert auf die Straße liefen. Teilweise war die Fahrbahn einige Hundert Meter lang in einen See verschwunden und wir beobachteten vorsichtig, wie hoch das Wasser bei den Leuten reichte, die mit Fahrrädern und Mopeds hindurchwateten. So hangelten wir uns von einem „See“ zum nächsten, bis wir unvorsichtig wurden. Mutig gab Erik vor dem nächsten Hindernis Gas und die Honda marschierte tapfer durch die Futen – bis die Straße offenbar einen Knick machte und das Wasser hier so hoch stand, dass es bis knapp unter die Ränder unserer Kofferdeckel reichte. Da hilft nur weiterfahren und hoffen, dass die Straße ungefähr dort verläuft wo man hinlenkt. Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass unsere Alukoffer schon längst nicht mehr wasserdicht sind – doch diese Sorge stellte sich zu spät ein. Zum Glück ist unser Motorrad nur halb so wasserscheu wir wir und die Einheimischen staunten ungläubig, wie wir mit einer Bugwelle vornan durch den See fuhren. Mit den niedrigen Scootern hatte man dagegen keine Chance, weshalb die Männer am anderen Ufer geschäftig an Zündkerzensteckern und Vergasern fummelten und uns anerkennden zujohlten. Natürlich hatten sie keine Ahnung, wie Hankas Knie eigentlich zitterten. Zum Glück sollte es die letzte größere Wasserdurchfahrt für heute bleiben und unsere Hosen und Stiefel konnten im Fahrtwind trocknen.

Als sich der Verkehr irgendwann mehr und mehr verdichtete, hofften wir, dass es bis Bandung nicht mehr weit sein konnte. War es auch nicht, aber wir brauchten dennoch mehr als zwei Stunden, bis wir uns im Zentrum wiederfanden. Die Sucherei kostete Nerven – nirgends gab es Wegweiser, ständig teilten sich die Spuren, führten in Einbahnstraßen und wir verloren nicht nur den Überblick, sondern alle Hoffnung, die Universität auf eigene Faust zu finden. Dort wollte uns Milly aufsammeln und zu sich nach Hause lotsen. Immer wieder fragten wir nach der Richtung – bis uns einer den guten Tipp gab, einem bestimmten Bemo zu folgen, das wohl an der Uni verbeifahren würde. Das erste Bemo hängte uns nach nicht mal 5 Minuten im Ampel-Stop-and-Go ab und wir verloren auch das zweite bald aus den Augen. Irgendwann kamen wir schießlich am Treffpunkt an und Milly ließ nicht lange auf sich warten. Die anschließende Eskorte war mehr als angenehm. Ebenso der warme Empfang in ihrem Zuhause, wo wir auch noch fürstlich bewirtet wurden. Es tat gut, nach solch einem Tag aufatmen zu können.


22.-26. September 2004, Bandung

58.785 km, S 06-52-23 / E 107-37-41

Jeden Tag schoben wir unsere Weiterreise weiter hinaus und Milly gab ihr Bestes, uns zum Bleiben zu überreden. Wir hatten unsere lieben Gastgeber schnell ins Herz geschlossen, die uns obendrein verwöhnten, als gehörten wir zur Familie.

Ein bisschen komisch war uns dennoch zumute, als wir unsere schmutzige Wäsche den zwei Dienstmädchen zum Waschen geben sollten – oder man uns Drinks servierte, wannimmer wir Durst verspürten. Für uns ist es undenkbar, Bedienstete zu haben, die den ganzen Tag kochen, einkaufen, saubermachen, die Hunde entlausen und einem jeden Wunsch von den Augen ablesen. Bis zum letzten Tag konnten wir uns einfach nicht daran gewöhnen, dass uns jedes Mal auf Sprung das Einfahrtstor aufgemacht wurde und wir unsere Taschen nicht selbst hineinschleppen durften.

Milly sorgte des öfteren für volle Taschen. Es schien ihr unglaubliche Freude zu bereiten, mit Hanka von einem Outlet Store zum nächsten durch Bandung zu kutschen. In einer Ausgeglichenheit hangelte sich Milly auf Schleich- und Hinterwegen durch’s Gewühl der viertgrößten Stadt Indonesiens, immer ein paar Rupiah Trinkgeld im Handschuhfach für selbsternannte Verkehrsregler, Parkplatzwächter und dergleichen. (Ah ja, so macht man das also.) Meistens hatte Erik eine gute Entschuldigung, um sich den anstrengenden Shoppingtouren zu entziehen. Er wollte sich endlich mal des Problems des „Schluckaufs“ unserer Honda annehmen. Stundenlang baute er die Gute bis zum Skelett auseinander und untersuchte wie Daniel Düsentrieb sämtliche Möglichkeiten, bis schließlich die Einbaulage der Benzinpumpe als Ursache des Übels erkannt und korrigiert wurde. 100 Punkte – das war die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen! Die Schrauberexperten des Transalp-Forums haben bei der Fehlersuche wieder einmal richtig gut geholfen.

Bandung ist DAS Textilzentrum von Indonesien und die Outletstores aller großen Marken schießen wir Pilze aus dem Boden: Boss, Armani, Levis, Nike etc. produzieren hier für wenig Geld, was sich anderswo richtig teuer verkaufen lässt. Entrüstet entnahmen wir den für den westlichen Markt vorgefertigten Preisschildern, dass die Sachen im westlichen Ausland für das zehn- bis dreizehnfache des indonesischen Preises verkauft werden!!! Schade, dass wir mit unseren Platzkapazitäten auf der Honda am Ende sind. Am liebsten hätte sich Hanka hier mit einer neuen Garderobe eingekleidet. Immerhin sprangen für sie zwei neue Hosen und für Erik Turnschuhe und ein Fleeceshirt heraus. Vor allem für ihn  ist hier vielleicht die letzte Gelegenheit bis Europa, etwas für seine langen Füße und Arme zu bekommen.

Trotz dass Jeffrey unheimlich beschäftigt war (er will nächstes Jahr als erster Indonesier eine Weltreise per Motorrad starten und sucht im großen Stil Sponsoren für sein Unterfangen - www.rideforpeace.net), nahm er sich dennoch viel Zeit für uns. Mal lud er uns zum Essen ein, mal organisierte er eine Spritztour im Oldtimer-Konvoi, bei dem wir mit einem Ford Galaxie, genauer gesagt dem Auto des ersten indonesichen Ministers, herumkutschiert wurden. Jeffrey kannte unglaublich viele Leute und war in der indonesischen Bikerszene bekannt wie ein bunter Hund. Mit seinem Charme und seiner Überzeugungskraft scheint er uns genau der Richtige, um mit einem solch ehrgeizigen Weltreise-Projekt Erfolg zu haben. Wir sind schon gespannt, wenn die Tour im Mai startet.

Selbst bei unserem größten Problem konnte uns Jeffrey helfen: wir brauchten dringend einen neuen Kettensatz. Mama-Wien war außer sich, als sie davon erfuhr –  aber wir wollten ihr einfach nicht neben der Reifenschlepperei noch weitere 5 Kilo Gepäck zumuten. In den letzten Tagen hatten wir daher immer wieder überlegt, ob Erik nicht einen Billigflug nach Singapur nehmen sollte, um von dort einen Kettensatz mitzubringen. Das verschleißfördernde Klackern der Kette war mittlerweile so laut geworden, dass unsere Hoffnung, es noch bs Kuala Lumpur zu schaffen, mit jeden weiteren Tag schwand. Da wir andererseits auch nicht auf Sumatra verzichten wollten, kamen uns Jeffreys Kontakte wie gerufen. Obwohl es in Indonesien aussichtslos schien, für unsere Motorradgröße Ersatzteile aufzutreiben, kannte er einen Mechaniker, der binnen eines Tages eine nigelnagelneue Kette montierte. Es war zwar keine Original D.I.D. Kette, aber wir nahmen das Teil mit Kusshand - konnten wir unser Glück doch kaum fassen! Außerdem wurde unser altes Ritzel abgedreht und mit einem neuen Zahnkranz versehen – voilá!


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7. September 2004, Bandung - Rangkasbitung

59.025 km, S 06-21-00 / E 106-14-50

Nach einer schönen Woche in Bandung mussten wir wirklich endlich weiter, sonst lief unser Visum ab, ohne dass wir Sumatra gesehen haben. Wie ein Schutzengel eskortierte uns Milly anderthalb Stunden lang durch das Chaos von Bandung, um sicherzugehen, dass wir den richtigen Weg aus der Stadt fanden. Das war unglaublich! Milly ist auf jeden Fall nicht nur eine klasse Gastgeberin, sondern obendrein die beste Autofahrerin, die wir je erlebt haben. Ganz schön schluchzend lagen wir uns zum Abschied in den Armen.

Ab Padalarang quälten wir uns alleine durch die Abgaswolken. Wie Erik zu pflegen sagt, schienen die anschließenden 150 km wie ein einziges Dorf und wir kamen einfach nicht voran. Die Honda durfte kaum über den 3. Gang hinaus: ein ewiges Stop-and-Go im Chaos aus unzähligen Bemo-Taxis, stinkenden Bussen, klapprigen Lastern, knatternden Mopeds in einer unerträglichen Schwüle, angereichert mit dem Ruß und Kohlenmonoxid. Haben wir schon erwähnt, dass allein auf Java, einer Insel etwa halb so groß wie Großbritannien, 120 Millionen Menschen leben? Ehrlich gesagt, uns kamen es mehr vor...Die Fahrerei durch Java zehrte wahnsinnig an den Nerven. Man musste ständig konzentriert aufpassen und angesichts der Tatsache, für 150 km sage und schreibe 6 Stunden Stop-and-Go bei reichlich Abgasinhalation in Kauf zu nehmen - treibt einen die Fahrerei an die Grenzen dessen, was man ertragen kann. Der heute erlebte Schmelztiegel von Bandung bis Bogor kam uns besonders schlimm vor.

Landschaft? Tja, landschaftlich lässt sich heute eigentlich nichts berichten, denn Natur sucht man in derartiger Überbevölkerung vergebens. Wir können uns gerade noch erinnern, dass wir nach einer kurzen Schleife über die Berge etliche Teeplantagen passierten, ansonsten haben die Indonesier auf Java nicht viel von der üppigen, tropischen Vegetation übrig gelassen. Aus diesem Grund war es schlichtweg unmöglich, irgendwo ein ruhiges Plätzchen für ein Mittagspäuschen zu finden. Uns blieb gar nichts anderes übrig, als uns in irgendeine Einfahrt zu einem der pompösen Anwesen der indonesischen Oberklasse zu stellen - doch selbst dort wurden wir neugierig von oben bis unten beklotzt, als wir unsere Mittagsbrote auspackten. Nach den angenehmen Tagen mit Milly und Jeffrey hatten wir schon fast vergessen, was es alles in Indonesien durchzustehen gilt!

Während wir uns Stück für Stück westwärts quälten, türmten sich um uns herum gefährlich dunkle Wolken auf. Die Regenzeit ist leider nicht mehr zu leugnen. Während der Tage in Bandung läuteten die ersten Schauer bereits das Ende der Trockenperiode ein. Anfangs gelang es noch, uns einigermaßen erfolgreich durch die Regengüsse zu mogeln, aber 3 km vor Jasinga erwischte uns ein heftiger Platzregen.

Verzweifelt hielten wir nach dem nächstbesten Unterstellschutz Ausschau und landeten zufällig vor einer dunklen Halle, die sich als Bäckerei entpuppte. Höflich bot man uns zwei Stühle an und anschließend deuteten die Jungs eifrig auf die Berge an Backwaren auf dem Fußboden, von denen wir probieren sollten. Soviel Freundlichkeit konnten wir einfach nicht abschlagen. Kichernd musterten die Bäckerjungs ihre ungewöhnlichen Besucher, während wir an den Gebäckspiralen knabberten - für uns war das, was man in Indonesien eine Bäckerei nennt, mindestens genauso faszinierend! Im Licht einer Petroleumlampe türmten sich auf großen Planen, auf dem Fußboden ausgebreitet, Haufen von frischen Pfannküchlein und anderem Schmalzgebäck, das sämtliche männliche Familienmitglieder geschickt in kleine Tütchen zum Verkauf abpackten. Dabei wurde gelacht, geraucht und genascht und eine Katze strolchte auch noch durch die dunklen Gänge. Die Backöfen mussten noch aus der Steinzeit gewesen sein und der schweißgebadete Bäcker erinnerte eher an einen Heizer, wie er über der heißen Glut in den Backöfen mit seinem Haken Bleche hin- und herschob. Draußen setzte ein mörderisches Gewitter die Straßen unter Wasser, während wir in der gemütlichen Runde einfach mit anpackten und beim Eintüten halfen. Wir hatten eh nichts besseres zu tun und unsere Spontanität wurde begeistert aufgenommen. Auf saubere Hände kam es hier niemanden an und auch nicht auf die Sprache - irgendwie verstanden wir uns auch ohne Englisch oder Indonesisch. Nachdem der Regen nachließ, durften wir nicht ohne eine große Tüte voller warmen Schmalzgebäcks weiterfahren - die Geste kam wirklich von Herzen. Gerührt verabschiedeten wir uns von unseren Bäckerfreunden in der Gewissheit, dass uns dieses zufällige Erlebnis noch lange in Erinnerung bleiben wird. Ist schon irgendwie komisch: gerade noch war man frustriert nur am Fluchen und möchte die Indonesier ohne Umwege am liebsten zum Teufel jagen und dann sowas! Aber sind es nicht genau solche Extreme, die das Reisen erst interessant machen? Jedenfalls sind wir schon regelrecht gespannt darauf, was für Unterschlüpfe wir noch so während der Regenzeit entdecken.



Die Insel Sumatra 

28. September 2004, Rangkasbitung - Bandar Lampung
59.025 km, S 06-21-00 / E 106-14-50

Das Schlimmste von Indonesien haben wir heute wohl hinter uns gebracht: "ab Sumatra wird alles besser", versprachen uns Bernd und Heidi per E-Mail. Tatsächlich überraschte uns allein schon die Fähre von Merak nach Bakauheni. Wannimmer wir bisher mit ASDP übergesetzt hatten, wurden wir mit einem schadenfrohen Grinsen für die Größe unseres Motorrads doppelt abgezockt. Intuitiv hatten wir uns bereits auf mühseelige Diskussionen eingestellt, aber wir zahlten den Normaltarif von 19.000 Rupiah für 2 Personen samt Motorrad (1,30 EUR). Es kam sogar noch besser: statt des sonst so kohlenmonoxid-vergasten Frachtraumes erwarteten unsere gereizten Lungen ein luftiges Oberdeck, auf dem es sich gut aushalten ließ. So brauchten wir noch nicht mal wie gewöhnlich Zigarettenqualm und Schiffsdiesel inhalieren!

Nach zwei Stunden auf spiegelglatter See begrüßte uns die mit hübschen, vorgelagerten Inseln bestückte Küste Sumatras. Schon auf den ersten Kilometern wirkt Sumatra wesentlich wilder, grüner und großzügiger als die Schwesterinsel Java. Nachdem wir jedoch alle LKW's aus dem Bauch der Fähre überholt hatten, sahen unsere Gesichter genauso schwarz aus wie sonst.

PS: Eriks Flip Flops sind heute leider kaputt gegangen. Scheint aussichtslos, hier Badelatschen in Größe 45 aufzutreiben! Blieb ihm also nix anderes übrig, als die Dinger mit Draht zu reparieren...


29. September 2004, Bandar Lampung - Banding Agung
59.516 km, S 04-48-42 / E 103-55-34

Mit jedem Kilometer entkamen wir mehr und mehr den bemo-verstopften Städten und tauchten langsam in eine zunehmend ländliche Gegend ein. Endlich wurde auch der Verkehr weniger - während wir uns die ersten Stunden von Abgaswolke zu Abgaswolke durch eine Perlenschnur von LKW's hangelten, bogen diese Gott sei Dank irgendwann Richtung Sumatra-Highway ab. Nachdem uns alle davon abgeraten hatten, die Strecke über den südlichen Inlandshighway überhaupt in Erwägung zu ziehen, bogen wir statt dessen zur empfohlenen Straße entlang der Westküste ab. Wir konnten uns bildhaft vorstellen, welche Szenen uns mit dieser Entscheidung erspart blieben.

Erik hatte heute ohnehin nicht seinen Tag. Dass das Gebräu von Kaffee morgens kaum genießbar ist und Trinkwasser nur stundenweise eingeschaltet wird, ist alles nichts Neues in Indonesien. Auch dass man nirgends etwas in Ruhe essen kann, ohne dass die Leute sich benehmen, als gäbe es im Zoo eine Fütterung seltener Tiere zu beobachten, ist noch lange kein Grund, sich seine gute Laune verderben zu lassen. Eigentlich ist klar, wer von uns beiden heute auch noch von einem lästigen Insektenvieh fast ins Auge gestochen wurde... Manche Tage steht einem irgendwie alles bis zum Hals und man fragt sich, warum man sich das eigentlich alles antut. Es könnte ja so bequem daheim sein!!! Im Gegensatz zu Erik nahm Hanka heute die Lapalien total gelassen und trällerte bei bester Laune eine Melodie nach der anderen auf dem Rücksitz. Irgendwie gewöhnt man sich doch an (fast) alles, oder etwa nicht?

Etwas Aufregendes gab's heute auch: nein, nicht dass wir wegen eines entgegenkommenden Busses tierisch in die Eisen gehen mussten und dieser vor Schreck in einem Affenzahn zu schleudern anfing. Vielmehr etwas, was man nicht alle Tage erlebte: Nicht weit hinter Kotabumi sammelte sich auf einer Brücke eine große Menschentraube an. Irgendwas gab's da offensichtlich zu sehen. Wir glaubten zunächst, irgendein Fahrzeug (am allerwahrscheinlichsten ein Bus) wäre die Brücke hinunter gestürzt, aber sensationslustig zeigten die Menschen auf ein angespültes Bündel im Fluss. "Orang" wiederholten die Männer in einem fort, bis endlich der Groschen fiel. Wenn Orang Utan soviel wie Menschenaffe bedeutete, lag da im Wasser also die in einen Sackeingewickelte Leiche eines Menschen. Hanka hätte zu gerne herausbekommen, was es mit dem Toten auf sich hatte, aber die Dorfbewohner sprachen kein Wort Englisch und Erik drängelte zum Weiterfahren.

Fahrtechnisch bedingt besserte sich sogar Eriks Jammerlaune, denn der von Jeffrey empfohlene Abstecher zum Lake Ranau entpuppte sich als geniale Motorradstrecke: landschaftlich herrlich, guter Asphalt, viele Kurven, verträumte Dörfer und statt Bussen, Lastern und Bemos nur Hühner, Hunde und Kinder auf der Straße. Die Vegetation wurde zusehends wilder und üppiger. Sogar die morgentliche Schwüle wich den wesentlich angenehmeren Temperaturen der Berge. Malerisch breitete sich schließlich der Lake Ranau vor uns aus, eingefasst von den Wasserbetten der Reisfelder und gekrönt von der konischen Silhouette des Vulkans Candi. Am liebsten hätte Hanka heute spontan das Zelt direkt am See aufgeschlagen, aber das Veto kam prompt: „Nicht auch noch ungebetene Zuschauer beim Abendessen!“, ningelte Erik. Okay, bei 3 EUR für ein Zimmer lohnt sich das Aus- und Eingepacke wirklich nicht und der Mäusedreck kümmerte einen schon lange nicht mehr. Wer weiß außerdem, was der Himmel noch für Überraschungen bereithält - letzte Nacht hat es so geschüttet, dass heute morgen das Regenwasser in unserem Seitenkoffer stand.


30. September 2004, Banding Agung - Manna
59.787 km, S 04-27-54 / E 102-54-23

Wieder regnete es in der Nacht, dass wir umso dankbarer waren, ein richtiges Dach über den Köpfen zu haben. Das mit dem Zelten ist scheinbar wirklich keine gute Idee während der Regenzeit. Die Regenzeit hier erleben wir jedenfalls ganz anders als in Mittelamerika. Während man dort jeden Nachmittag nahezu die Uhr nach dem pünktlich einsetzenden Wolkenbruch stellen konnte, ist das Wetter hier ziemlich unbeständig. Regenschauer begleiteten uns heute den ganzen Tag, wobei wir die meiste Zeit nicht böse darüber waren, in der drückenden Schwüle ein paar Spritzer von oben abzufangen.

Streckenmäßig ging es heute traumhaft weiter. Zuerst kurvten wir durch die ursprünglichen Dörfer bis Liwa zurück. Bemerkenswert ist in dieser Gegend nicht nur der atemberaubende See Ranau, sondern eine ganz eigentümliche Häuserbauweise in den Dörfern. Die auf starke Bohlen aufgesetzten, dunklen Holzhäuser mit einem steilen, am Ende flach abgeknickten Dach wirken zwar müde und alt, aber die schönen Fenster, aufwendig mit Bleiglas- oder Schleifornamenten versehen, überlebten bestimmt schon Generationen. Im Vergleich zu den sonst meist kitschig-hässlichen (aber überall in Indonesien beliebten) Fliesenhäusern hatten diese alten Hütten richtig Stil!

Ab Liwa folgten wir der kurvigen Straße durch mehr oder weniger dichten Regenwald bis hin zur Küste. Zwischen Reisfeldern, die bis an die palmenbesäumten Strände und traumhaft menschenleeren Buchten heranreichten, schlängelte sich die Strecke einfach genial durch die Botanik - abgesehen von einigen mörderischen Straßenschäden - der absolute Motorradfahrertraum! Vor allem das erste Stück entlang der Küste begeisterte uns schwer. Und dabei gab's kaum Verkehr - hey, unsere Gesichter sahen am Ende des Tages schon lange nicht mehr so sauber aus wie heute! Eigentlich wussten wir von einigen anderen Travellern, dass Sumatra schön sein soll - aber dass es wirklich so schön wird, hatten wir nicht zu glauben gewagt. Einziger Wermutstropfen: außer Crackern und Waffeln gibt es auf der ganzen Strecke zwischen Liwa und Bintuan nichts Gescheites an Essen aufzutreiben. Man kann sich zwar auch damit über Wasser halten, doch zum Abend waren wir so ausgehungert, dass wir am liebsten 'ne ganze Kuh verzehrt hätten.


1. Oktober 2004, Manna
59.804 km, S 04-27-54 / E 102-54-23

Abends stellen wir fest, dass wir genau heute vor 19 Monaten im Flieger nach Buenos Aires saßen. Irgendwie erschreckt man selbst vor der eigenen Reaktion, wie unwichtig einem eine solche Zahl geworden ist! Am Anfang unserer Reise haben wir doch ohne Nachdenken auf den Tag genau gewusst, wie lange wir schon unterwegs sind! Heute müssen wir mit den Fingern nachzählen, wobei uns das Ergebnis noch nicht einmal besonders anhebt. Was kamen uns früher drei, vier oder sechs Monate Weltreise unwahrscheinlich lange vor!

Ein kurzer Blick auf die Überschrift verrät, dass wir noch immer - oder schon wieder - in Manna sind. Vielleicht ist uns gerade deshalb das Jubiläumsdatum überhaupt aufgefallen, weil wir wieder mal einen dieser Tage erlebten, an die wir noch lange zurückdenken werden. Die heutigen Ereignisse gehören nämlich zu der Sorte, die sich im Nachhinein gut als witzige Episode erzählen lassen. In der Gegenwart empfindet man es jedoch als alles andere als lustig, wenn plötzlich in irgendeinem Kaff beim Beschleunigen die Kette reißt und fürchterlich scheppernde Geräusche aus der Antriebsgegend das Schlimmste befürchten lassen. In den wenigen, grauenvollen Sekunden des Schrecks durchlebten wir eine unglaubliche Abfolge an Gedanken, die sich kaum wiedergeben lassen!

Der erste Schock wandelte sich nach Begutachtung der herunterbaumelnden Kette alsgleich in lähmende Hoffnungslosigkeit, bis anschließend ein inneres Stimmchen immer lauter wurde und sich der improvisierfreudige Optimist zurückmeldete. Bei den Versuchen, die Sache dann irgendwie zu reparieren, durchläuft man ein wahres Wechselbad der Gefühle. Es fängt damit an, dass man sowieso nicht das richtige Werkzeug zur Hand hat; geschweige denn die nötigen Ersatzteile. Man ist auf der Straße also zwangsläufig auf die Hilfe anderer angewiesen - und sei es eines Hammers wegen. Nachdem wir also resignierend die Honda zu einem schattigen Plätzchen am Straßenrand geschoben und den Asphalt nach evtl. verlorengegangenen Teilen abgesucht hatten, fummelte Erik zunächst die Kette von der Schwinge. Es dauerte nicht lange, und das halbe Dorf hatte sich zum Gaffen eingefunden (man möge meinen, die Kinder gängen zur Schule und die Erwachsenen zur Arbeit, aber hier ticken die Uhren irgendwie anders...). Obwohl wir unser Problem als offensichtlich einstufen würden, fanden die ungebetenen Gäste es anscheinend witziger, sich über uns totzulachen, als uns auf irgendeine Weise Hilfe anzubieten. Irgendeiner von der Truppe machte immer den Clown und es ist kein schönes Gefühl, wenn der Humor auf Kosten von uns ging, ohne dass wir auch nur ein Wort verstanden. In unsere Lage konnte sich offenbar keiner versetzen. Da hatten wir wieder das indonesische Phänomen: süß sauer! Einserseits erlebt man unglaubliche Gastfreundschaft, andererseits wir man behandelt wie ein Idiot. Klar kann man solche Situationen dem Verständigungsproblem zuschreiben, aber uns scheint das nicht das eigentliche Problem zu sein. Eigenartig finden wir beispielsweise, dass die Leute sich unglaublich schwer damit tun, Verständigung mit Händen und Füßen wenigstens in Erwägung zu ziehen. Ausnahmslos alle feixen jedes Mal, wenn wir es wenigstens versuchen.

Doch zurück zum Kettendrama: Irgendwann machten sich auf einmal zwei Männer mit einem Hammer an unserer Kette zu schaffen. Da keiner von denen ein Wort zu uns sagte, galt es binnen Sekunden zu entscheiden, ob die Typen überhaupt etwas von der Sache verstanden oder auf gut Glück am Ende nur mehr Schaden anrichteten. Mit Magenschmerzen bei dem Anblick, wie die beiden die Kettenglieder auf einen Stein legten und mit dem Hammer darauf herumdroschen, befürchtete Hanka in diesen Augenblicken das Schlimmste. Doch Erik ließ erstaunlich ruhig die Typen erstmal machen. Ganz so ahnungslos, wie es Hanka zunächst schien, stellten sich die Männer doch nicht an. Zumindest gelang es ihnen, mit dem Erbärmlichsten an Werkzeug zwei weitere lockere Kettenglieder erneut zu vernieten. Problematisch war jedoch, das abgerissene Ende wieder zusammenzufügen. Unser Ersatzkettenschloß für O-Ring-Ketten passte natürlich nicht (unsere neue Kette war ja keine O-Ring-Kette) und auf die Schnelle ließ sich auch aus einem Nagel kein Niet machen. Mittlerweile hatte Hanka den vorüberfahrenden Verkehr unter dem Gesichtspunkt einer möglichen Abschleppmöglichkeit studiert. Neugierig hielten die meisten im Vorbeifahren kurz an und so auch ein Pickup. Das war unsere Gelegenheit, die Honda die 20 km nach Manna zurückzubringen! Angesichts der mehr oder minder erfolglosen letzten beiden Stunden, hielten alle Beteiligten diese Entscheidung wohl für das Beste und packten mit dabei an, das Motorrad auf die Ladefläche des Pickups zu hieven.

In Manna lieferte man uns schweigsam bei der nächstbesten Mopedwerkstatt ab. Sofort versammelte sich wieder eine Menschentraube um uns herum. Der Meister war wohl gerade Mittag essen, übersetzte uns einer der wenigen Passanten, der ein paar Brocken Englisch sprach. Im Laufe des Wartens begannen wir sinnlos zu spekulieren, wer von der Meute wohl zur Werkstatt gehörte und wer nicht und wer schließlich der Meister sei. Plötzlich tauchte ein Typ auf, der sehr wichtigtuerisch wirkte, und irgendwelche Geldgeschäfte machte. Hanka bekam nur soviel mit, dass er unserem Pick-Up-Fahrer 60.000 Rupiah in die Hand drückte. Was ging da eigentlich vor sich? Anschließend kam er auf Erik zu und tat kund, dass wir nichts zu zahlen brauchten. Auf die Frage "Why?" antwortete er mit den Worten "Because I want to help". Er steckte uns einen Zettel mit seinem Namen (Eko) und seiner Telefonnummer zu und verschwand genauso so schnell, wie er gekommen war. Wo war der Haken an der Sache? Ungläubig schauten wir uns an, doch wieder übersetzte man uns, dass wir weder der Werkstatt noch dem Pick Up etwas schulden würden. Immer noch skeptisch warteten wir ab, was weiter passierte.

Kurze Zeit später tauchte jemand mit unserer Kette auf - das gebrochene Glied mit einer abgesägten Schraube vernietet... Auch wenn Eriks Ingenieurherz angesichts dieser Reparaturmethode zunächst protestierte, musste er doch eingestehen, dass wir auf diese Weise zumindest erstmal weiterfahren konnten. Wie weit, weiss wohl allein Allah... Jedenfalls kein sehr beruhigendes Gefühl, zumal die Kette, „Made in Indonesia“, gerade mal 1000 km gelaufen war. Eigentlich hatten wir gedacht, damit locker bis Bangkok zu kommen. Fix zog man die Kette auf die Zahnräder bis alles passte und das war's dann auch. Unglaublich - wir brauchten tatsächlich nix zu zahlen. Noch immer verwundert über unseren schicksalhaften Gönner saßen wir auf. Indoensien süß-sauer!

Nach diesem Pannenerlebnis überzeugte Hanka Erik unschwer, erst mal in unserem Stamm-Padang Halt zu machen. Es war bereits halb vier und wir hatten wegen des Trubels noch nichts gegessen. Anschließend stellte sich die Frage, ob wir erneut den Versuch starten sollten, heute noch bis Bengkulu zu kommen. Der eben noch blaue Himmel kündigte inzwischen schwere Regenwolken an. Davon abgesehen mussten wir damit rechnen, dass die Kette uns wieder im Stich lassen würde, was uns bei einbrechender Dunkelheit zum Verhängnis werden könnte. Wir entschieden uns für die vernünftige Variante und bezogen erneut unser Hotel von letzter Nacht.


2. Oktober 2004, Manna - Bengkulu

59.997 km, S 03-48-12 / E 102-16-35

Was soll man noch Gescheites in die Tasten hämmern, wenn der Puls auf 180 geht? Indonesien ist echt der Gipfel!

Innerhalb der letzten 20 Minuten, wurde Hanka erst von einem Polizisten großspurig belehrt, dass wir uns angeblich ein indonesisches Nummernschild für's Motorrad ausstellen lassen müssten. Na ja, eigentlich stand Hanka lediglich mit der Honda vor einem Telefonkiosk und wartete auf Erik, als sich ein uniformierter Wichtigtuer vor ihr aufbaute. Nach dem Trauma an der indonesischen Grenze gingen bei ihr natürlich gleich die Lichter aus und sie setzte ihr freundlichstes Lächeln auf. Irgendwie ist es ohnehin ein Wunder, dass uns die Polizei in den letzten Wochen gänzlich in Ruhe gelassen hatte, aber irgendwann musste es ja kommen. Die Aufregung war zum Glück umsonst. Der "Verkehrskasper" war zwar lästig, aber eine völlig ahnungslose Plinse. Unsere angebliche Regelwidrigkeit nahm Hanka mit vorgetäuschtem Interesse zur Kenntnis. Es folgte die bewährten Masche, nach dem Motto: "Ja, ja, das erledigen wir doch glatt - danke für den Tipp".

Nach dieser glimpflichen Begegnung stieg Hankas Adrenalinpegel jedoch gleich wieder an, als wir vor dem nächsten "Wartel" stoppten. Erik versuchte erneut, den uns empfohlenen Mechaniker über Handy zu erreichen. Da wir die Honda nicht unbeobachtet auf der Straße stehen lassen - erst recht nicht abends - musste sich Hanka draußen die unverschämteste Anmache anhören, die ihr je unterkam. Unbeholfen zeigte ein Zwerg von Indonesier auf seine Hose, zog einen Kussmund und brabbelte etwas von Sex. Kein Witz - der meinte es wirklich ernst!!! Inzwischen hatte sich eine ganze Meute von komischen Typen um die Honda versammelt und wartete neugierig auf Hankas Reaktion. Das Beste, was ihr in diesem Augenblick einfiel war, lauthals loszulachen und sich auffällig laut über das absurde Angebot lustig zu machen. Nach einer Ewigkeit kam dann auch Erik aus dem Telefonkiosk und wir konnten endlich davondüsen. Was bilden sich die kleinen Spinner eigentlich ein? Ist das die Art, Besuchern Respekt zu zeigen? Während Hanka äußerlich einen juchzend amüsierten Eindruck erweckt haben mochte, brodelte ihr das Ganze jedoch ziemlich im Bauch. Raffen die eigentlich, wie man sich als Tourist(in) dabei fühlt? Aufgrund der Bombenanschläge genießt Indonesien momentan nicht gerade das beste Image, um Besucher zu gewinnen. Eigentlich schade, dass man auf diese Weise die wenigen Touristen auch noch verprellt! Soweit denken die Spinner natürlich gar nicht, aber ist doch verständlich, dass Hanka heute ziemlich die Schnauze voll hat von Indonesien! (Das war übrigens nicht die erste plumpe Anmache - sobald sich Hanka irgendwo ohne ihren Mann bewegte, beispielsweise auf Fähren, folgten grundsätzlich anzügliche Blicke oder Bemerkungen). Erik meinte, man sollte die Affen gar nicht ernst nehmen - tut man ja freilich auch nicht wirklich, aber man regt sich trotzdem auf, wie unverschämt respektlos die einem begegnen.

Während sich Hanka gegen die Idioten auf der Straße behauptete, versuchte Erik vergeblich, den netten Schwiegersohn unseres Hotelbesitzers (Mr. Omi) in Manna zu erreichen. Abdurahman hatte seinen Mechanikerfreund in Bengkulu kontaktiert mit der Aussicht, dass dieser irgendwie eine Ersatzkette für uns auftreiben konnte. Leider trafen wir ihn nach langer Sucherei in der Werkstatt nicht an und Abdurahman hatte am Telefon auch keine Neuigkeiten für uns parat. Also kehrten wir unverrichteter Dinge in die Absteige von Hotel zurück, wo wir uns den nächsten Idioten ausgeliefert fühlten.

Der Rezeptionist und eine Truppe angetrunkener Freunde klopft nun schon zum dritten Mal an unserer wackeligen Türe und will unsere Pässe sehen. Beim letzten Mal stand sogar ein angeblicher Polizist mit draußen. Im Nachhinein fiel denen anscheinend keine bessere Belanglosigkeit ein, als auf eine Pass-Kopie zu bestehen - warum auch immer. Dabei hatten wir schon vor zwei Stunden beim Einchecken alle Anmeldedetails vollständig ausgefüllt, aber auf einmal war denen das nicht genug. Die Sache stank. Die können von unseren Pässen gern abschreiben, was sie wollen, aber wir beschlossen, die Dokumente nicht an diese schrägen Vögel aus den Händen zu geben. Am Ende verschwinden die damit auf Nimmerwiedersehen.

Vielleicht sollten wir künftig in den Städten mehr Geld für eine Unterkunft ausgeben (nicht das diese hier ausgesprochen billig wäre) - aber hier mussten wir selbst die Kopfkissen neu beziehen lassen, so schmuddelig waren die Dinger! Neben dem dreckigen "Mandi" kullern noch die Zigarettenstummel unserer Vorgänger herum und ein alter, ekeliger Kamm ließ ahnen, dass hier vermutlich niemand saubergemacht hatte. Hanka will partout nur in Sachen auf dem Bett schlafen und selbst Eriks Sanftmütigkeit kann ihre Laune heute abend nicht mehr retten. Manchmal kommt eben alles zusammen und dann steht es einem bis oben, dass man sich in diesem Land mangels Duschen nur mit der eigenen Schüssel auf dem nach Pisse stinkenden Fußboden waschen kann, dass das Wasser nur stundenweise angestellt wird (vorzugsweise nur morgens um fünf mit dem ersten, ohrenbetäubenden Moscheengekratsche) und man in den Hotels nicht mal eine Zudecke bekommt...!

Bei all dem Mist hatten wir heute dennoch ein schönes Erlebnis. Unterwegs trafen wir zwei deutsche Radler, die sich tatsächlich seit eindreiviertel Jahren bis hierher durchgestrampelt haben (www.hongi.de.vu). Wir verquatschten spontan am Straßenrand zwei Stunden mit Mareike und Tommy. Schade, dass wir in entgegengesetzter Richtung unterwegs sind - wir verstanden uns auf Anhieb prächtig miteinander und es wäre nett gewesen, noch einige Stories miteinander auszutauschen. Obendrein wäre uns heute abend einiges erspart geblieben, aber wir haben morgen eine Monsterstrecke bis Sungai Penuh vor uns, so dass es trotz allem etwas für sich hat, in Bengkulu zu übernachten.

PS: Die Kette lief ganz ruhig und machte den Anschein, dass die Glieder halten. Hoffentlich täuschen wir uns nicht!


3. Oktober 2004, Bengkulu - Sungai Penuh
60.405 km, S 02-03-51 / E 101-23-34

Um dem gestrigen Abend die Krone aufzusetzen, wurden wir nachts halb zwei von der Alarmanlage unseres Motorrads geweckt. Die Honda stand vor unserem Fenster im Gang und irgendein Besoffener wollte wohl mal draufsteigen oder was auch immer.. Mann - was war das Hotel nur für 'ne Pleite! Dabei hatten wir mehr als eine Stunde gesucht, um überhaupt ein freies Zimmer irgendwo zu bekommen! Der Tumult im Flur hielt uns anschließend die restliche halbe Nacht mehr oder weniger wach und entsprechend schwungvoll sprangen wir um sechs Uhr aus dem dreckigen Bett, als der Wecker klingelte.

Wir waren vor allem froh, aus Bengkulu wegzukommen. Es hatte zwar leider nicht mit einer Ersatzlösung für unsere Kette geklappt, aber wenn wir das Teil im Auge behalten und regelmäßig die Glieder auf lockere Nieten prüfen, müssten wir eigentlich bis Malaysia kommen, sprachen wir uns Hoffnung zu.

Für uns ging's heute erst in Schlängelkurven, anschließend über Bergkuppen und Talsenken durch dichte Ölpalmen- und Parakautschuk-Plantagen; zwischendurch hin und wieder ein letztes Stückchen Regenwald, das bisher von den Abholzungen verschont geblieben war. Schon ziemlich erschreckend, wie krass die Natur vielerorts nur auf wirtschaftliche Ressourcen reduziert wird!

Unsere missmutige Stimmung besserte sich langsam auf der Weiterfahrt. Irgendwie kam es einem vor, als versöhnte die Honda für all die Nervereien, die uns in letzter Zeit so zugesetzt hatten. Mit dem heutigen Tag schafften wir übrigens den 60.000sten Kilometer unserer Reise!!! Das ist soviel wie anderthalb mal die Erde auf dem Äquator zu umrunden! Ein bisschen stolz kann man darauf schon sein, auch wenn unsere Popometer heute Streik einläuteten. Vermutlich braucht unsere Sitzbank mal eine neue Aufpolsterung. Unsere Hintern schmerzen von Tag zu Tag mehr, obwohl die ja eigentlich schon abgehärtet sein müssten. Nach 10 Stunden im Sattel durch Kurven und fiese Schlaglöcher hatten wir die Schmerzgrenze heute deutlich überschritten. Die letzten beiden Stunden wussten wir einfach nicht mehr, wie wir noch sitzen sollten.

Mal abgesehen von der Sache mit dem Sitzfleisch, wurde das letzte Stückchen richtig abenteuerlich. Von Tapan bis Sungai Penuh sind es zwar nur 64 km, aber die Straße führt herrlich verschlungen durch dichten Regenwald. In den Wipfeln der Bäume wimmelte es nur so von allen möglichen Affen, die neugierig und scheu zugleich auf uns herunterlukten. Vor zwei Wochen gab es hier etliche Erdrutsche und entsprechend wild sah die Straße aus, auf der sich Schlammlachen, umgestürzte Bäume, Geröll und Wasserrinnsale ausgebreitet hatten. Steil arbeiteten wir uns stetig bergauf durch den - Nationalpark, immer ein Auge auf das dichte Dschungelgrün gerichtet. Schon einige Leute sollen auf dieser Strecke einen wilden Tiger gesehen haben, aber ehrlich gesagt machten wir uns wenig Hoffnung, tatsächlich einen zu erspähen. Als wir jedoch plötzlich eine Gruppe Männer bemerkten, die mit Gewehren von einem Pickup abstiegen, ließen wir der Phantasie freien Lauf und zogen uns gegenseitig auf. Natürlich sahen wir dennoch keinen Tiger und die Jungs waren wohl lediglich auf Wildschweinjagd, aber immerhin lenkte uns die Illusion von unseren schmerzenden Hinterbacken ab.

Völlig unerwartet änderte sich die Flora auf den letzten Kilometern vor Sungai Penuh komplett. Gerade noch im feuchtigkeitsgeschwängertem Dschungel durchstreiften wir plötzlich bei deutlich kühleren Temperaturen weite Kiefernwälder bis sich endlich die Stadt vor uns ausbreitete - eingebettet in einen Talkessel, der schon beinahe an das Allgäu erinnerte.

Im Dunkeln erreichen wir Sungai Penuh und atmeten unglaublich erleichtert auf, gleich im ersten Quartier bleiben zu können. Keiner von uns hatte Lust noch Kraft, wieder ewig nach einer passablen Unterkunft zu suchen. So kaputt wie heute waren wir schon lange nicht mehr, aber 400 km Tagesetappe durch Indonesien wollen wahrlich gefahren sein!


4. Oktober 2004, Sungai Penuh
60.405 km, S 02-03-51 / E 101-23-34

Eine Wohltat, heute nicht schon wieder auf die Sitzbank klettern zu müssen! Stattdessen trainieren wir mal die restlichen Muskelgruppen: ein Bottich Wäsche muss gewaschen werden und die Stadt lässt sich wunderbar per pedes erkunden. Irgendwie gefällt uns das Flair in Sungai Penuh; es scheint gerade so das richtige Maß an Tourismus und verschlafener Ursprünglichkeit zu haben. Internet sucht man zwar beinahe vergebens, aber die Leute sind recht offenherzig und scheinen an jedem Fremden sehr interessiert zu sein. Beim Schlendern werden wir immer wieder in nette Gespäche verwickelt und selbst die sonst so lästigen "Hallo-Mister-Rufe" halten sich erstaunlich in Grenzen.

Mega-interessant war der kleine Markt, wo es allerlei exotische Dinge zu entdecken gab. Während sich Pferdekutschen durch den knöcheltiefen Sumpf aus Abfällen und altem Gemüse quälten, entdeckten wir, wie Kokosraspel auf der Straße hergestellt wurden. Wir hatten schon befürchtet, man raspelt das Fruchtfleisch von Hand, aber dem ist Gott sei Dank nicht so! Ein junger Restaurantbesitzer ließ uns gleich von seiner Kokosspezialität kosten: Santang (scharfes Kokosmilch-Zitronengras-Gericht). Hinterher probierten wir noch leckere Pfannkuchen - einfach herrlich, sich spontan mal durch eine fremde Küche zu futtern! Wir sollten viel öfter über die lokalen Märkte schlendern. Selbst zu ein paar Sate-Spießen haben wir uns heute breitschlagen lassen - die allerdings nur einmal und nie wieder!

Über eine Episode mussten wir heute beide herzlich lachen: Durch unsere Nascherei hatten sich in Eriks Faust etliche Tütchen und Papierchen angesammelt, die er - wie von zuhause gewöhnt - brav mit sich spazierentrug, bis sich ein Papierkorb finden würde. Natürlich sucht man hier auf einem Markt vergeblich nach Abfalleimern; es landet ja ohnehin alles auf der Straße. Kleinlaut gestand Erik, dass er es nicht über sich bringen konnte, den Müll einfach fallen zu lassen. Wie ein braver Junge stand er da, umgeben von Süff, und suchte ernsthaft nach einem Papierkorb... Manchmal ist es gar nicht so einfach, Gewohnheiten und Wertvorstellungen unterwegs abzulegen!

Heute bot sich endlich die lang ersehnte Gelegenheit, eine lautere Hupe, genauer gesagt eine 110 dB-Zweiklang-Fanfare, zu kaufen. Als Verkehrsteilnehmer wahrgenommen und respektiert zu werden, hängt in vielen Ländern Asiens in erster Linie von der Fahrzeuggröße ab. Da aber Asiaten ihre Rückspiegel höchstenfalls zur Gesichtskosmetik verwenden, werden von hinten kommende Fahrzeuge nach der Lautstärke ihrer Hupe beurteilt. Mal schauen, ob sich diese Investition in unsere Sicherheit auszahlt und die Mopeds künftig wie die Fliegen davonstieben...


5. Oktober 2004, Sungai Penuh - Bukittinggi
60.725 km, S 00-18-02 / E 100-21-60

Morgens gleich als erstes widmet sich Erik unserer Motorrad-Kette, während Hanka unsere Siebensachen zusammenpackt. Prompt hat sich schon wieder ein Glied gelöst und hing nur noch an einem Niet. Also Finger schmierig gemacht, die Kette vom Ritzel gefummelt und einen Hammer aufgetrieben, um die Nieten wieder reinzuschlagen. Der Morgen könnte besser anfangen als mit Kettenreparaturen, aber wir haben dennoch einen herrlichen Tag vor uns.

Bei schönstem Sonnenschein präsentierte sich der Gunung Kerinci in voller Größe mit dampfendem Rauchhäubchen vor den hügeligen Teeplantagen der umliegenden Dörfer. In Sungai Penuh haben wir erfahren, dass der Kerinci kurz vor einem größeren Vulkanausbruch steht, so dass Klettertouren bereits abgesagt sind, und die Bauern um ihre Ernte bangen. Tatsächlich erlebten wir, wie sich unter die stetige, weiße Rauchfahne eine dunkelrosa Dampfsäule mischte - da ist defintiv was am Brodeln! So spektakulär, wie für uns aktive Vulkane auch scheinen mögen, so alltäglich ist für die Indonesier ein Leben mit dieser Gefahr.

Jedenfalls genossen wir die Fahrt durch die traumhafte Landschaft mit ihren verstreuten Dörfern sehr. Wir schienen so langsam in die Gewürzstube Indonesiens einzudringen: Zimtbäume mit ihren roten Blattspitzen verzauberten die ganze Gegend in vermeintlich herbstlich gefärbte Laubwälder und überall trocknete man die Rinde als große Röllchen in der Sonne. Hinzu kamen taubeneiergroße Muskatnüsse und Kardamomsamen.

Plötzlich gab es einen verdächtigen Knacks, der uns sofort anhielten ließ. Na prima - schon wieder eine Niete rausgerissen! Immerhin wissen wir spätestens jetzt, wie sich die nächste Kettenpanne ankündigt! Hanka trieb flugs von einem einfachen Bauern einen Hammer auf und Erik zog schon mal die Kette runter. Nach 25 Minuten Fummelei meinte Erik nur schmunzelnd: "Vielleicht können wir ja unsere Boxenstopp-Zeit noch verbessern?". Jedenfalls hätten wir uns auch nie träumen lassen, dass wir mal in Sumatra auf der Straße hocken und auf einem Stein die losen Kettennieten unseres Motorrades festschlagen müssen...

Natürlich wird man auf den anschließenden Kilometern bei jedem kleinen Steinschlag hellhörig, ob sich nicht schon wieder das nächste Kettenglied verabschiedet hat. Wir sollten jedoch heil in Bukittinggi ankommen, wenn auch im Dunkeln. Wahrscheinlich haben wir heute zu viel Zeit mit Fotografieren vertrödelt. Nicht nur der Kerinci war toll, sondern auch die uralten Minangkabau-Häuser. Die traditionellen Holzhäuser mit ihren schön geschwungenen Blechdächern prägen die ganze Gegend um Solok. Zufällig verriet uns eine nette, alte Dame sogar, dass das Haus, in dem sie lebte, 100 Jahre alt war. Wir durften sogar einen Blick nach drinnen werfen. Tatsächlich war der Fußboden von innen genauso gewölbt, wie die Außenfront es vermuten ließ. Wahnsinn, was für aufwendige Schnitzereien wie eine Tapete die Innenwände verzierten! Am liebsten wären wir länger bei der netten Dame hängengeblieben, aber leider fehlte uns die Zeit. Schade! Also weiter nach Bukittinggi. Erik freute sich schon wie verrückt auf die Touristenrestaurants der Stadt mit reichlich Auswahl an europäischer Küche. Die "Padangs" in Sumatra sind zwar nicht schlecht, aber der Gaumen freut sich auch mal über etwas anderes als immer nur Reis mit Scharfem.


6.-7. Oktober 2004, Bukittinggi
60.872 km, S 00-18-02 / E 100-21-60

Jeffrey hatte uns mit dem gewissen Bikerglänzen in den Augen einen Ausflug zum Danau Maninjau ans Herz gelegt. 44 Haarnadelkurven führen über einen steilen Abhang bis zum Kratersee, umrandet von einer dschungelbewachsenen Vulkankette. Die Aussicht war phantastisch und versprach das pure Bikervergnügen. Wir stoppten an so mancher Kurve für Fotos, düsten einmal um den ganzen See und beobachteten dabei etliche Horden an Affen, die entlang der Straße geduldig auf die Abfälle warteten, die die Leute aus den Autofenstern fallen ließen. Zwar haben diese Viecher mehr Auslauf als in Gefangenschaft, aber traurig ist der Anblick dennoch - zumal die Affenbabies gar nicht mehr lernen, durch eigene Futtersuche zu überleben. In Maninjau trafen wir sogar auf einen alten Mann, der einen großen Affen an der Leine spazieren führte. Soweit wir verstanden, war das Tier darauf abgerichtet, Kokosnüsse von den Palmen zu holen... Gegen Bananengeld posierte das Kerlchen sogar für Fotos auf der Honda (es ist das erste Mal, dass wir Geld für ein Foto zahlen, aber uns tat der Affe einfach leid).

Obwohl die Gegend um Bukittinggi für Regen bekannt ist, kamen wir in den Genuss von zwei herrlich sonnigen Tagen - und das sogar mitten in der Monsunzeit! Ganz so viel Glück hatten wir allerdings nicht, was die größte Einzelblüte der Welt betrifft. Rafflesien besitzen nichts, was Pflanzen "normalerweise" haben (weder Blätter noch Stengel noch Wurzeln), aber die feuerrote Blüte erreicht einen sagenhaften Durchmesser von 80 cm und bringt ganze 7 kg auf die Wage! Das wollte Hanka sich nicht entgehen lassen. Wir fuhren nach Palupuh und heuerten dort einen Guide an. Aber dort angekommen, nahm man uns gleich den Wind aus den Segeln. Momentan konnte man die Blüten lediglich im Stadium der Knospe bewundern. Erst in etwa einem Monat würden sich diese für höchstens eine Woche in voller Größe und Pracht entfalten. Wir ließen uns dennoch in den Dschungel führen, was an sich schon ein Abenteuer war. Während wir die verwuchertsten Schleichwege durch das Rafflesia Sanctuary krauchten, zeigte uns unser Guide u.a. wie Muskat- und Zimtbäume aussehen, wo Mimosen wuchsen und Orchideen sprossen. Stolz führte er uns zu der Stelle, wo die Rafflesiaknospen, wie braune Kohlköpfe an die Wurzel ihrer Wirtspflanze, scheinbar an den Boden geheftet waren. Die Tour hatte sich auch so gelohnt, wie wir schweißgebadet und schlammfüßig feststellten, als wir nach zwei Stunden Regenwaldabenteuer zu unserem Motorrad zurückkehrten. Die Honda sollte an diesem Tag auch noch auf ihre Kosten kommen. Wieder in Bukittinggi,nahm sich Erik die Zeit, unsere neue Hupe einzubauen. Zugegeben überkam uns ein bißchen schelmische Vorfreude, demnächst damit die Indonesier zu erschrecken.

Bukittinggi wird in den Reiseführern oft als DIE Stopover-Destination auf Sumatra angepriesen. Sicherlich ist die Stadt nett gelegen, aber unsere Erwartungen wurden in Hinblick auf alles andere eher enttäuscht. Interessant war jedoch der Markt, der sich per Treppen gleich über mehrere Etagen ausdehnt. Wir futterten uns von einem Stand zum nächsten, probierten lecker gepressten Zuckerrohrsaft und fanden selbst eine kleine Elektrobude, die das gebrochene Netzkabel unseres Ladegrätes für 1.000 Rupiah reparierte. Unglaublich, aber da waren 2 Männer eine viertel Stunde mit dem Kabel zugange und der Spaß kostete umgerechnet nicht mal 10 Cents!

Doch zurück zum kulinarischem Thema - nachdem uns Tommy und Mareike (die Fahrradfahrer) eine vage Beschreibung mitgegeben hatten, wo es die besten Pancakes Südostasiens zu probieren gäbe, testeten wir uns erfolglos durch die diversen Lokale, bis wir am letzten Abend endlich fündig wurden. Leider brutzelte der Eierkuchenmann nur in der Abendzeit, aber die megadicken Pancakes waren in der Tat spitzenklasse - per Fahrrad strampeln sich die zwei die Kalorien zwar offensichtlich schneller ab als unsereins, aber die Sünde war es definitiv wert!

Unser Newsletter liegt uns übrigens immer noch im Magen. Inzwischen haben wir es trotz rarer Internetmöglichkeiten zwar geschafft, etliche der verloren gegangenen E-Mail-Adressen aus dem Gedächtnis zu kramen, aber irgendwie ist der Wurm drin. Prompt gingen am Abend die Lichter aus - zwei Stunden Stromausfall! Als wir anschließend guten Mutes noch einmal zum Internetladen trabten, landeten wir dennoch vor verschlossenen Türen: wegen Umzugs Wiedereröffnung in 3 Tagen. Manchmal ist das doch zum Mäusemelken! Wenn Ihr Lieben daheim wüsstet, was wir schon alles wegen dem Internet durchgemacht haben. Also bitte keine Schelte, wenn Ihr länger nichts von uns hört!


8. Oktober 2004, Bukittinggi - Padangsidempuan
61.165 km, N 01-22-19 / E 99-16-38

Natürlich ließen wir heute keine Gelegenheit aus, um unsere neue Hupe auszutesten. Das Teil macht echt was her und hinter den unübersichtlichen Kurven vermutet wahrscheinlich keiner "nur" ein Motorrad. Kurven gab es heute jedenfalls reichlich. Der Schlängelstraße durch wilden Dschungel folgend, erreichten wir am Vormittag Bonjol. Genau durch den Ort zieht sich die Äquatorlinie - eine Tatsache, aus der die Bewohner mehr schlecht als recht Kapital zu schlagen versuchen. Eine zusammengefallene, hässlich verrostete Stahl-Weltkugel säumt den Trans-Sumatra-Highway und auf dem gegenüberliegenden Museumsgelände existiert auch tatsächlich eine verblasste Linie auf dem Asphalt, an der ein winziges Denkmal die Besonderheit des Ortes verrät (unser GPS zeigte dennoch, dass die wahre Linie 100 m südlich davon liegen müsste). Nicht vergessend, dass wir in Indonesien sind, wurden wir als einzige Besucher nicht nur von den üblichen Gaffern, sondern auch von jeder Menge T-Shirt-, Sticker- und Postkarten-Verkäufern belagert. Dennoch erfüllte uns der Ort mit Andacht: Ab heute geht unsere Reise nur noch auf der Nordhalbkugel weiter! Uijuijui, es geht nach Hause...

Da man am Äquator gute Chancen hat, vom Regen erwischt zu werden, wunderte es uns nicht, als uns nach einer Schlängelfahrt durch dunkle Nachmittagswolken schließlich eine graue Wand nur 40 km vor unserem Ziel voll erwischte. Dummerweise konnten wir uns jedes Mal, wenn der schlimmste Regen überstanden schien, doch nur wieder ein paar wenige Kilometer bis zur nächsten Unterstellmöglichkeit durch die Dörfer hangeln. Jedes Mal wurden wir neugierig umringt von einer Schar pitschnasser Kinder, die sich einen Spaß aus dem Regen machten. Einige nutzten die Abläufe der Dächer als Dusche, andere saßen wie die Wasserzwerge mit einem Fetzen von Plastikfolie auf ihren Fahrrädern - man konnte wunderbar eine Charakterstudie betreiben. Doch leider brachte uns das Wetter nicht weiter. Es schien sich langsam aber sicher einzuregnen und wir wagten uns schließlich wegen der einbrechenden Dunkelheit ins Nass. Wir mussten es irgendwie bis Padangsidempuan schaffen, denn in den kleineren Orten besteht im Prinzip keine Chance, eine Übernachtung zu finden. Selbst als wir den Ort schließlich erreichten, wies uns das erste Hotel gleich ab (angeblich ausgebucht - das ist uns auf Sumatra übrigens schon öfter passiert, obwohl man nicht den Eindruck hat, als ob überhaupt irgendwelche Gäste da wären). Bei der nächstbesten Adresse hatten wir Glück, auch wenn wir einen astronomisch hohen Zimmerpreis berappen mussten. Was soll der Geiz - wir waren nass bis auf die Haut und froh, endlich ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben. Außerdem ist das Zimmer groß genug, um eine Wäscheleine quer hindurchzuspannen. Nun gab's nur noch ein Problem: in den 4 Stunden im Regen hatten wir uns ausgemalt, wie köstlich es doch wäre, einen Topf Spaghettis zu kochen. Aber irgendwie hält das Gewinde der Benzinpumpe seit Neustem nicht mehr dicht - aus der Traum von Tomatensoße und Pasta. Während wir wie üblich irgendwo Reis essen gingen, diskutierten wir, wie sich das Gewindeproblem unserer Benzinflasche wohl aus der Welt schaffen ließe. Uns ist noch gut in Erinnerung, wie schwierig es in Mittelamerika war, eine neue Aluflasche aufzutreiben!


9. Oktober 2004, Padangsidempuan - Tuk Tuk (Pulau Samosir am Danau Toba)
61.398 km N 02-40-10 / E 98-51-15

Es fühlte sich alles andere als angenehm an, morgens in die noch regenklammen Klamotten zu steigen! Wir brachen zeitig auf, um hoffentlich diesmal den Regenwolken zu entgehen...

Je nördlicher wir kamen, desto schlechter wurde der Trans-Sumatra-Highway. Jeder Trial-Fahrer hätte seine wahre Freude daran gehabt, sein Bike durch die katastrophalen Schlaglöcher und unangekündigten Hindernisse mit Geschick zu manövrieren. Ein Gruß an unsere Nieren, die heute ordentlich durchgeschüttelt wurden. Um uns für die kommenden Tage ausreichend mit Vitaminen zu versorgen, sammelten wir auf der Fahrt alles an Obst ein, was sich zum Verkauf bot. Noch immer finden wir es schwierig, in Indonesien Obst aufzutreiben. So trudelten wir in Prapat mit einem Rucksack voller Bananen, Ananas, Rambutan, Passionsfrüchten und Sapodillas ein - nur um festzustellen, dass wir all die Sachen ebenso auf dem Markt vor der Fähre nach Samosir hätten kaufen können. Wieder mal typisch!

Die Fähre überhaupt zu finden, gelang uns nur dadurch, sämtliche Leute nach dem Weg zu fragen. Nicht dass sich jemand mal die Mühe machen würde, ein paar Wegweiser anzubringen... So kurz vor unserem Ziel erwischte uns auch prompt wieder eine Regenwolke. In dicke Wolken gehüllt lag der Danau Toba vor uns. Wir hatten schon so viel über den See mit seinen Batak-Häusern gehört, dass wir uns auf ein paar relaxte Tage auf der Insel freuten – es soll ein wahres Backpacker-Paradies sein. Zunächst mussten wir jedoch zwei Stunden vor der Anlegestelle totschlagen, denn die Autofähre verkehrt lediglich im 3-Stunden-Takt. Inzwischen waren wir ja im Warten auf irgendwelche Fähren ziemlich erprobt.

Kurz bevor der Kahn im Schneckentempo ablegte, unterhielten etliche Kinder das Publikum, indem sie vor der Fähre nach geworfenen Münzen und sogar Eiern tauchten. Es war ein äußerst amüsantes Schauspiel, wie die Jungs unermüdlich durch's Wasser schossen und sich freudestrahlend eine Münze nach der anderen in den Mund schoben. Das meiste der ertauchten Moneten wurde anschließend gleich in Sate-Spieße investiert, mit denen sie sich die Bäuche vollschlugen. Den Rest der Überfahrt gaben dann zwei der Jungen obendrein eine astreine Gesangsvorstellung ab, wobei sie sich gekonnt vor die heruntergekurbelten Fensterscheiben der Autos postierten. Die Stimmen werden uns noch lange in Erinnerung bleiben - zusammen mit dem Bild, wie sich zusehends die Dämmerung über den wunderschönen See legte.

Auf Samosir angekommen, bogen wir gleich Richtung Tuk Tuk ab. Heidi und Bernd hatten uns einen Übernachtungstipp mit einer vagen Wegbeschreibung per E-Mail geschickt. Wir fanden auch das Gästehaus, was der Beschreibung am nächsten kam, standen jedoch vor verschlossenen Türen. Tja, da mussten wir uns wohl auf eigene Faust im Dunkeln etwas suchen. Offenbar hatten wir dabei ein äußerst glückliches Händchen. Begeistert bezogen wir einen urigen Batak-Stil-Bungalow, mitten in einem paradiesisch duftenden Garten. Hier fühlten wir uns von Anfang an wohl und machten es uns gleich auf der Terasse unter dem großzügig geschwungenem Batak-Dach gemütlich. Irgendwie cool, mal in einem richtig traditionellen Haus zu wohnen - auch wenn uns die Eingangstür zu unserem Bungalow gleich die Tränen in die Augen schießen ließ: die Pforte des Batak-Hauses war schätzungsweise nur 1 Meter hoch und damit nicht viel größer als ein Fenster - eigentlich nix für solche langen Leute wie uns! Vielleicht machen wir 'ne Strichliste, wer sich häufiger den Balken gegen die Rübe knallt...

PS: Sogar unser auslaufender Benzinkocher erahnte heute abend seine letzte Chance und endlich gab es die Spaghettis, die wir schon seit East-Timor mit uns herumschleppten. Erik klebte das undichte Gewinde einfach mit Klebeband ab, ´ne Weile dürfte das erstmal halten.


10.-11. Oktober 2004, Tuk Tuk (Pulau Samosir am Danau Toba)
61.409 km, N 02-40-10 / E 98-51-15

Wir verbrachten zwei sehr erholsame Tage am Lake Toba, an denen wir nicht viel mehr taten als auf der Terrasse vor unserem Bungalow herumzulümmeln, unseren mitgebrachten Obstvorrat zu vertilgen oder die umliegenden Restaurants auszutesten. Vor allem die Ruhe hier tat unseren Nerven gut; kein ohrenbetäubendes Auspuffgeknatter auf den Straßen, keine Moscheen, die um fünf Uhr morgens per Lautsprecher die Weisheiten des Korans verkündeten. Den einzigen "Lärm" hier machten die Frösche mit ihrem allabendlichen Konzert.

Ein besonderes Erlebnis wurde der Besuch in "Jennys Restaurant". Für 3 Holländer und uns veranstaltete man spontan einen Fisch-Grillabend mit anschließenden traditionellen Batak-Songs, begleitet von tollen Gitarrenklängen. Das ausgezeichnete Essen wurde an einem großen Tisch serviert, an dem auch die Familie des Besitzers mit Platz nahm. Es ist immer schön, mit den Einheimischen näher in Kontakt zu kommen. Auf diese Weise erfährt man viel mehr über Land und Leute. Zum Beispiel, dass die Batak-People - wie sie sich selbst stolz nannten - ein alter Volksstamm aus dem Norden Sumatras ist, mit eigener Sprache, Kunst und Kultur. Heute leben die Batak-People hauptsächlich vom leider sehr zurückgegangenen Tourismus sowie vom illegalen Anbau von Marihuana und den "Magic Mushrooms". Wir empfanden unsere Gastgeber und die Inselbewohner allgemein als die einige der freundlichsten und lebenslustigsten Menschen, die uns in Indonesien begegnet sind. (Erst später erfuhren wir, dass die Batak-People noch bis ins 20. Jahrhundert zu festlichen Anlässen gern Kannibalismus praktizierten, wobei sie ihre Opfer bei lebendigem Leibe verspeisten...)

Der Höhepunkt des Abends waren jedoch zweifellos die Gesangseinlagen der „Batak-Band“: eigentlich eine bunt zusammengewürfelte Gruppe aus Freunden und Familie, deren musikalische Begeisterung zu spüren war. Besonders unser Gastgeber Rinto am "Schlagzeug" (bestehend aus einer Tischplatte, einer leeren Bierflasche, Aschenbecher, Gabeln und Löffeln) war einfach unglaublich. Aber auch sein stimmgewaltiger Vater sorgte immer wieder für Begeisterungsstürme beim Publikum. Die Batak-People haben nicht nur ein erstaunliches Gemüt, sondern ebenso phantastische Stimmen. Das Singen scheint den Leuten hier einfach in die Wiege gelegt zu sein. Jedenfalls erlebten wir einen sinnlich-fröhlichen Abend, den wir nicht so schnell vergessen werden.

Unvergesslich freundlich waren auch die Leute in unserer Unterkunft. Mr. Moon verwöhnte uns mit leckerem Gado-Gado, brachte sogar fünfmal Nachschlag an der leckeren Erdnusssoße und wenn wir vorher gewusst hätten, dass er sich beim Kochen auch mal gerne über die Schulter schauen lässt, hätten wir die Gelegenheit sicherlich nicht versäumt. Hin und her gerissen, ob wir nicht doch noch einen Tag länger am Danau Toba bleiben könnten, entschieden wir uns schweren Herzens, morgen nach Medan aufzubrechen. In 5 Tagen laufen unsere Visa aus und wer weiß, ob wir mit der Verschiffung unserer Honda nach Malaysia nicht ohnehin in Zeitnot kommen.


12. Oktober 2004, Tuk Tuk (Pulau Samosir am Danau Toba) - Medan
61.684 km, N 03-34-28 / E 98-41-13

Unser Herbergsvater Mr. Moon sollte mit seiner Wetterdiagnose Recht behalten: Nach dem gestrigen Regen hatte sich der Himmel aufgeklart und zeigte sich in seinem schönsten Blau. Schweren Herzens bepackten wir die Honda und machten uns auf den Weg nach Medan; nicht ohne dass uns der Hoteleigentümer des "Liberta" zum Abschied völlig unerwartet einen geschnitzten Gecko schenkte. Danau Toba ist wirklich ein paradiesisches Fleckchen Indonesiens (vielleicht sogar das angenehmste) und wir wären so gern noch länger geblieben! Uns war klar, dass uns erneut Verkehr, Dreck, Lärm und nervige Indonesier erwarteten - halt das Übliche. Medan wird obendrein genau mit diesen Kriterien im Reiseführer angekündigt. Aber hatten wir eine Wahl?

Die Strecke bis Tele fuhr sich phantastisch. In steilen Serpentinen führte eine schmale Straße bis an den Rande des Kratersees hinauf, von wo man traumhafte Aussichten über Kiefernwälder zurück auf den Danau Toba und seine "Insel" Samosir genießen konnte. In Tele lauerte bereits die erste Regenhusche auf uns. Da wir früh aufgebrochen waren, hatten wir eigentlich gehofft, wenigstens bis zum Nachmittag vom Regen verschont zu bleiben. Dass bereits um elf die nächste Regenwand aufzog, war mehr als beunruhigend. Mit Unterstellen kamen wir jedesmal nur wenige Kilometer voran und allmählich nervte es, dauern wieder von einer neuen Horde Schaulustiger beklotzt zu werden. Also kramten wir schließlich doch die Regenjacken heraus, Erik zog sich seine Hosenmembran kurzerhand über und ab ins Nass.

Wir schafften es mit Ach und Krach bis Sidikalang, als sich ein gewittriger Wolkenbruch ergoss. Das Wetter legte prompt den Verkehr lahm und wir mussten Zuflucht unter dem nächstbesten Vordach suchen. Die Hoffnung, während der Zwangspause gleich etwas Essbares aufzutreiben, endete in der Realität damit, nichts anderes als trockenen Reis zu bekommen. Das Fleisch, was uns die schlurfende Omi später aus ihrem Suppentopf anbrachte, mochten wir lieber nicht anrühren – wir hatten wirklich keinen Appetit auf die undefinierbaren Fleischstückchen und nicht zuletzt wissen wir auch, dass die Leute in der Gegend Hunde essen...

Irgendwo hatten wir allerdings noch eine kleine Flasche Ketchup im Gepäck vergraben - und während wir unseren Reis futterten, brachen wir in Lachen aus angesichts der skurilen Situation: Wo in Deutschland könnte man bitte sein vor Dreck und Nässe triefendes Motorrad mit dem Vorderrad halb in einem Café abstellen, dabei zwei Türen weiter essen, sein eigenes Ketchup mitbringen und bei einem Verzehrumsatz von 30 Cent obendrein seine Mandarinenschalen liegen lassen??? Jedenfalls wird man von Reis unbestritten satt. Vollgetankt ging es weiter durch den Regen durch das Karo Hochland nach Berastagi. Unsere klatschnassen Klamotten lagen uns mittlerweile eiskalt auf der Haut, doch der Regen schien für den Rest des Tages nicht mehr aufhören zu wollen.

Medan gab uns dann den absoluten Rest. Wir quälten uns durch den zähen Verkehr der drittgrößten Stadt Indonesiens, ohne ein System zu erkennen, wie man ins Zentrum gelangt (geschweige denn realisiert, wann man überhaupt im Zentrum ist). Es scheint unser Los in Sumatra zu sein, immer erst im Dunkeln anzukommen. Nach langer Sucherei fanden wir endlich das Hotel, was Kerstin und Volker uns empfohlen hatten. Allerdings mussten wir wohl oder übel mit dem heruntergekommenen Dormitory Vorlieb nehmen, da kein anderes Zimmer mehr frei war. Für eine Nacht wird's schon gehen und wir sind eh müde und kaputt.

PS: Bevor Erik endgültig Feierabend hatte, musste er Hanka noch die zweite Lake-Toba-Zecke aus der Lende operieren. Uns bleibt auch nichts erspart!


13. Oktober 2004, Medan
61.684 km, N 03-34-28 / E 98-41-13

Heute mal eine etwas andere Schilderung dessen, was wir heute erleben durften:

4:10 Uhr: Hanka schreckt quiekend aus dem Schlaf, weil ihr eine Kakalake (so groß wie ein Handy) über's Bein gekrabbelt ist. Erik muss wohl oder übel das Vieh aus dem Moskitonetz jagen.
4:20 Uhr:
Die Moschee direkt gegenüber (es ist die größte in Medan) beginnt mit einem 20-minütigem, erbarmungslosen Gebetsgesang á la plärrendem Kassettenrekorder in einer Lautstärke, die Tote auferstehen lassen kann.
4:30 Uhr: Allgemeine Geschäftigkeit startet im Hotel. Jemand schlurft ständig in Badeschlappen durch den Innenhof vor unserer Tür entlang. Im anschließendem Dämmerzustand träumt Hanka von Kakalaken.
6:15 Uhr: Der Alarm unseres Motorrads geht an - Wieder konnte jemand die Finger nicht von der Honda lassen! Ist ja nichts Neues...
6:25 Uhr: Die Alarmsirene wird erneut ausgelöst und Hanka springt wutschnaubend aus dem Bett. Begreifen's die Leute einfach nicht?
6:30 Uhr: An Schlafen ist jetzt endgültig nicht mehr zu denken und wir stehen auf.
7:00 Uhr: Sogenanntes "Frühstück" ist im Übernachtungspreis inklusive. Es gibt zuckersüßen Schwarztee, Kaffee und je ein staubtrockenes Brötchen.
7:30 Uhr
: Ein Zimmer ist frei geworden, in das wir gleich mit unserem Krempel umziehen können. Hoffentlich ohne Tierchen!
8:00 Uhr: Wir machen uns zu Fuß auf den Weg von Pontius zu Pilatius durch Reisebüros und Fähr-Offices, um unsere Vermutung bestätigt zu finden, dass wir die Honda nicht per Fähre nach Penang kriegen. Keiner hat wirklich einen Plan, geschweige denn Informationen, die uns weiterhelfen könnten.
10:00 Uhr: Wir flüchten ins nächste Internet-Café, um über Horizons Unlimied die Telefonnummer des Agenten in Malaysia herauszubekommen.
11:00 Uhr: Erik telefoniert mit dem Verschiffungsagenten in Malaysia - wir bekommen die Handynummer des Typen, der in Medan die Verschiffung abwickeln soll, doch der Kontaktmann spricht kein Englisch. Außerdem verabreden wir uns für 14.00 Uhr im Hotel mit einem Chinesen, der unser Motorrad per Container nach Penang bringen könnte.
13.15 Uhr: Im Hotel erfahren wir, dass die Chinesen schon da waren. Keiner weiß irgendeine Nachricht, geschweige denn, ob sie wiederkommen. Erik versucht unterdessen, jemanden Englischsprachigen aufzutreiben, der mit dem Typen der ersten Schiffsagentur telefonieren kann. Es stellt sich heraus, dass wir jemand anderen kontaktieren sollen. Dieser jemand gibt uns wieder eine andere Nummer. So kommen wir nicht weiter! Inzwischen hat sich ein Bemo-Fahrer eingeschaltet, der uns evtl. weiterhelfen könnte.
14:30 Uhr: Die Chinesen sind noch nicht wieder aufgetaucht. Hanka wartet weiterhin im Hotel und Erik fährt zusammen mit dem Bemo-Fahrer von einem Reisebüro zum nächsten, um einen bestimmten Typen zu suchen, der uns angeblich helfen könnte. Der taucht nach einer Ewigkeit in dem verquarzten Büro auf, verpisst sich aber gleich wieder. Ein anderer Typ sieht angesichts unserer Not gleich Dollarzeichen in den Augen, telefoniert ein bisschen und überzeugt Erik, mit ihm zu einer Cargo-Firma zu fahren. Bei der Cargo-Firma handelte es sich um UPS, die natürlich keine Motorräder verschiffen. Aber der Chef war nett und versprach, sich für uns schlau zu machen. Gegen 20 Uhr sollen wir ihn nochmal anrufen. In der Zwischenzeit wartet Hanka im Hotel vergeblich auf die Chinesen und verliert langsam die Geduld, weil ständig irgend jemand den Alarm an der Honda auslöst. Ein Telefonat mit den Chinesen ergibt schließlich, dass sie uns morgen früh evtl. einen Preis geben könnten.
18:00 Uhr: Erik kommt mit Kopfschmerzen völlig entnervt von seiner "Tour" zurück. Der ahnungslose Typ, der uns über UPS vermitteln wollte, hat uns um 20.000 Rupiah erleichtert und schleicht seitdem staunend ums Motorrad herum. Wirklich geholfen hat er uns nicht.
18.15 Uhr: Der Alarm geht wieder an. Wir lassen uns wutentbrannt ein indonesisches Schild schreiben mit den Worten "Don't touch!" ... Das hätten wir schon viel früher machen sollen!
18.30 Uhr: Wir spielen nochmal unsere Chancen durch - Quintessenz unserer heutigen Bemühungen sind zwei vage Angebote, die sich morgen evtl. konkretisieren. Nicht gerade sehr viel. Wir entschließen uns, Paul anzurufen. Der Holländer hatte uns beim Grillfischabend am Lake Toba seine Nummer zugesteckt, falls wir auf eigene Faust nicht mit der Verschiffung weiterkämen.
19:30 Uhr: Paul will sich bemühen, etwas für uns anzuleiern. Morgen Nachmittag kann er uns evtl. ein Treffen mit einem Agenten vermitteln.
19:35 Uhr: Für heute können wir nichts mehr ausrichten. Im Internet wartet auch noch Arbeit auf uns. Endlich funktioniert unser Newsletterscript wieder und wir machen uns eifrig daran, die letzten Wochen per Newsletter zusammenzufassen.
21:30 Uhr: Das Internet-Café schließt - uns fehlen nur etwa 10 Minuten und der verdammte Newsletter wäre endlich ad acta gelegt. Irgendwie kommt immer wieder etwas anderes dazwischen; auch da ist der Wurm drin!
22:00 Uhr: Ziemlich geschlaucht wollen wir eigentlich nur noch ins Bett. Der Zettel an unserem Motorrad scheint zu wirken - kein Alarm mehr. Wir hatten schon befürchtet, morgen würde die Motorradbatterie keinen Mucks mehr von sich geben.
22:30 Uhr: An Einschlafen ist dennoch kaum zu denken. Irgendwelche Indonesier haben es sich ausgerechnet in den Sesseln vor unserem Zimmerfenster bequem gemacht und unterhalten sich in voller Laustärke. Wir sind hundemüde und unruhig wegen der Dinge, die morgen kommen mögen. Außerdem graut uns schon vor der vierten Stunde, da wir genau wissen, was uns aus dem Schlaf reißen wird.


14.-16. Oktober 2004, Medan
61.684 km, N 03-34-28 / E 98-41-13

Das Spiel dest ersten Tages wiederholte sich in einigen Passagen auch in den nachfolgenden: morgens lag regelmäßig eine tote Kakalake im Zimmer, der Muezzin der größten Moschee Medans mahnte in aller Herrgottsfrühe zur Frömmigkeit und wir versuchten weiterhin krampfhaft, die Überfahrt unseres Motorrades nach Malaysia zu organisieren.

Luther, der Typ von UPS, wurde für uns unerwartet zu einer großen Hilfe. Er opferte Stunden seiner Arbeitszeit, um für uns herumzutelefonieren und fand sogar ein Frachtschiff, das unsere Honda mitgenommen hätte. Mal abgesehen von den Kosten, hatte die Sache allerdings einen Haken: wir mussten die Honda wieder mal in einer Kiste verpacken, die Kiste irgendwie 35 km nach Belawan transportieren, dann noch zum Zoll und all das musste binnen eines Tages geschehen. Uns war das Timing einfach zu knapp – zu groß die Unsicherheit, dass irgend ein Glied der Kette nicht funktionieren würde. Der Kistenbauer rief zwischenzeitlich schon zurück, weil er erst am Nachmittag kommen könnte. Uns wollte es einfach nicht gelingen, in die Zuverlässigkeit der Indonesier zu vertrauen. Wir wussten außerdem, dass uns jeder Tag mit abgelaufenem Visum in Indonesien 20 USD kosten würde (Verlängerung nicht möglich). Am 17.10. mussten wir raus sein. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel. Nachdem wir mit Luther hin und her überlegt hatten, versuchte er es schließlich doch noch mal mit der Nummer, die uns der Verschiffungsagent aus Malaysien gegeben hatte. Klar, hatten die ein Schiff nach Penang – am Sonntag; kein Crate; 500 Ringit kostet das Ganze (125 USD). Uns fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt brauchten wir nur noch nach Belawan fahren, die Verschiffungspapiere abholen – die Zollabwicklung würden wir alleine hinkriegen. Wir wären Luther beinahe um den Hals gefallen.

Flugs fuhren wir nach Belawan, fanden den Zoll und auch gleich einen Typen, der auf Anhieb etwas mit unserem Carnet de Passages anfangen konnte. Geschwind führte er uns zu seinem Chef, erklärte ihm knapp, was wo auszufüllen sei und prompt hatten wir den Ausreisstempel für den 17.10. auf dem Carnet, ohne dass wir irgendwelche Frachtpapiere auf den Tisch zu legen hatten. Mr. Amir kannten die Jungs und so ging die Sache klar. Too easy!

Anschließend lotste uns Anan (der Typ vom Zoll) zum Büro von Mr. Amir, das wir wohl ohne seine Hilfe nie gefunden hätten. Leider war Mr. Amir gerade nicht da. Seine „Tippse“ beschielte uns arrogant von oben bis unten – wir sollten warten. Anan versuchte inzwischen, die Sekretärin dazu zu bewegen, Mr. Amir anzurufen bzw. die Frachtpapiere auszufüllen. Wir hatten schließlich nicht den ganzen Tag Zeit. Leider wurden wir eines Besseren belehrt. Nach Stunden tauchte endlich dieser Mr. Amir auf, würdigte uns keines Blickes, brachte weder eine Begrüßung noch eine Entschuldigung hervor und diskutierte genervt mit Anan herum, was wir denn wollten. Von seiner telefonischen Zusage, unser Motorrad für 500 Ringit nach Malaysia zu bringen, wollte er nichts mehr wissen. In unseren Hosentaschen ballten sich die Fäuste. Was war das denn für ein A...? Bevor wir schlucken konnten, verschwand er genauso schnell wieder, wie er gekommen war. Wir waren geplättet. Nachdem uns Anan übersetzte, dass Mr. Amir jetzt in die Moschee zum Beten gegangen sei, platzte uns beinahe der Kragen. Anan war zum Glück auf unserer Seite und bläute der Tippse ein, dass wir morgen wiederkämen, notfalls zusammen mit Luther – mal sehen, ob er sich dann auch nicht mehr an das Telefongespräch erinnern konnte.

Natürlich tauchten wir am nächsten Morgen mit einem äußerst unguten Gefühl in Mr. Amirs Büro auf. Unser Samariter Anan hatte sich zusammen mit seinem Feund Argus ebenfalls eingefunden, da niemand in der sogenannten Agentur Englisch sprach. Von Mr. Amir war natürlich keine Spur und wir warteten wieder bis zum Mittag, als er endlich auftauchte. Kurz angebunden gab er Anan zu verstehen, dass der ausgemachte Preis zu wenig war. Aha, darauf lief die Sache also hinaus – wir waren „Weiße“ und konnten natürlich den Gringopreis zahlen. Freundlich und bestimmt erklärten wir, dass wir seinem Angebot, nämlich 500 Ringit, zugestimmt hätten. Was denn nun der Grund wäre, das dieses Angebot nicht mehr galt? Er versuchte sich damit herauszureden, die Warehouse-Gebühren würden noch hinzukommen. Doch wir waren inzwischen alte Hasen und durchschauten die unfeinen Methoden dieses Geschäfts: ins Warehouse würde die Honda nämlich gar nicht gehen, da Erik am Sonntag pünktlich das Motorrad direkt auf dem Schiff abgeben konnte. Vermutlich hatten wir jetzt seine Autorität untergraben, die Papiere bekamen wir jedenfalls auch am Samstag, einen Tag vor Verschiffung, nicht.

Bis zum Nachmittag zogen sich die Verhandlungen hin, die immer wieder vom üblichen, stundenlangen Verschwinden unseres Agenten unterbrochen wurden. Wir hatten die Schnauze gehörig voll und trauten unseren Ohren nicht, als Mr. Amir plötzlich anfing, von einem Trinkgeld zu lametieren. Was bildete sich dieser arrogante, dreiste Typ eigentlich ein??? „Es müssten schon 50.000 Rupiah extra sein, dann wäre das Geschäft okay.“ Entrüstet versuchten wir zu erklären, was in unserem Land ein Trinkgeld sei – es half nichts. Am Ende sahen wir ein, dass wir nicht umhinkamen, die Kohle abzudrücken – obwohl Erik beinahe soweit war, die Sache in letzter Minute noch platzen zu lassen. Wir schluckten sämtliche Gefühle von verletztem Stolz hinunter und willigten ein, die 50.000 Rupiah zu zahlen. Eigentlich wäre es uns ums Prinzip gegangen, doch wir hatten aufgrund unserer abgelaufenen Visa eindeutig die schlechteren Karten. Hoch und heilig versprach uns Mr. Amir, am Sonntag pünktlich vor dem Lagerhaus zu erscheinen. Wir gaben ihm auch zu verstehen, dass wir uns auf keine weiteren Gelddiskussionen einließen. Ein gutes Gefühl hatten wir nach 3 unnötigen Verhandlungstagen dennoch nicht und hofften, dass er uns nicht hängenließ.

Tja, wären wir nicht an diesen arroganten Sturschädel geraten, hätten wir glatt noch einen Ausflug zum Orang Utan Zentrum Bukit Lawang unternehmen können. Aber was nützt uns >hätte<. Tatsächlich scheint Mr. Amir der einzige Mann in Medan zu sein, der einigermaßen kostengünstige Motorradtransporte nach Malaysia vermitteln kann. Von uns darf er allerdings nicht damit damit rechnen, die Werbetrommel für ihn zu rühren. Leider können wir auch keine Alternative empfehlen – Freunde die kurz nach uns von Dumai nach Melakka verschifften haben ähnliche Horrorgeschichten zu berichten.
 

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Nach 2 Monaten kehren wir schließlich Indonesien den Rücken. Wir haben hier wunderbare Landschaften bestaunen, an malerischen Stränden verweilen und richtigen Regenwald erleben dürfen. Während dieser Wochen konnten wir sogar ein bisschen der Sprache aufschnappen, lernten viele liebe Menschen kennen, aber auch viele Schattenseiten. Ehrlich gesagt gehörte das Land nicht zu unseren liebsten Reiseländern. Das Reisen per Motorrad hat uns sehr viel Kraft gekostet und wir konnten das Land wenig genießen. Häufig haben wir gelitten und geflucht, so dass wir uns manchmal selbst auf die Nerven gingen. Vermutlich erlebt man Indonesien ganz anders, wenn man es ohne eigenes Fahrzeug entdeckt. Wir können die Tage und Nächte an einer Hand abzählen, an denen die Alarmanlage unserer Honda – wohlgemerkt im Hotel - mal nicht ausgelöst wurde. Viele andere Kleinigkeiten kamen hinzu, so dass wir oft nicht mehr in der Lage oder Stimmung waren, die schönen Dinge zu erleben. Vielleicht waren wir durch die vorhergehenden Monate in der westlichen Welt auch einfach zu sehr verwöhnt und hatten uns zu wenig auf den moslemischen Inselstaat vorbereitet. Gerade weil wir im Vorfeld viel Gutes von Indoensien gehört hatten und mit positiven Erwartungen gekommen waren, erlebten wir vor allem die ersten, aber auch die letzten Tage wie einen Faustschlag ins Gesicht. Sicherlich spielt es auch eine Rolle, dass wir zum ersten Mal einen moslemischen Staat bereisten. Ein Zitat einer Backpackerin lässt uns nach all den Wochen jedenfalls aufblicken: „Wer glaubt, dass Indien schwierig zu bereisen sei, der war noch nicht in Indonesien...“ Es kann ja nur besser kommen und wir freuen uns schon sehr auf unser nächstes Reiseziel: Malaysia.

 

Hanka und Erik
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