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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Monsun in Malaysia


17. Oktober 2004, Georgetown (Penang) bzw. Medan
61.684 km, N 03-34-28 / E 98-41-13

Hankas Tag:

Trotz dass wir den gestrigen Abend bereits ausgiebig mit Packen verbracht hatten, waren am Morgen noch genügend Dinge zusammenzuraffen. Hoffentlich sehen wir den mehr oder minder wertvollen Inhalt unserer Seitenkoffer in Malaysia wieder! Ich fühl mich unruhig und gestresst - vergess um ein Haar noch, Erik die 500 Ringgit für den Shipper mizugeben. Für Kopien von den Frachtpapieren bleibt keine Zeit. Erik musste nach Belawan aufbrechen und ich hatte drei Taschen und meinen Helm zum Fährbüro zu schleppen. Hastig verabschiedeten wir uns voneinander - die kommenden Stunden der Unwissenheit lasten wie ein Stein im Magen. Hoffentlich lässt uns Mr. Armir nicht wieder hängen, hoffentlich behält Erik die Nerven und schluckt seinen gekränkten Stolz, wenn es wieder Probleme wegen des Preises geben sollte! So viele Dinge, die mir durch den Kopf gehen!

Um kurz nach zehn trifft der Bus am Fährterminal ein. Ungeachtet dessen, dass die anderen Passagiere von einem Warteraum in den nächsten gescheucht wurden (es ist das pure Chaos), suche ich mir ein Sitzplätzchen und fixiere die Eingangstür. Wir hatten abgemacht, dass Erik schnell noch das Carnet und die Bill of Lading vorbeibringt - vorausgesetzt die Abwicklung klappt reibunglos. Da die Honda vor Erik in Penang eintrifft, könnte ich morgen alles daran setzen, dass sie nicht erst ins Warehouse gebracht wird, doch dazu brauche ich die Papiere! Die Minuten verstreichen, ohne dass Erik auftaucht. Das ist kein gutes Zeichen. Bestimmt streitet er sich gerade mit Mr. Armir herum, oder wartet noch immer auf ihn. Viertel vor elf ergießt sich aus heiterem Himmel ein Wolkenbruch. Das war's dann also - bei dem Wetter wird es Erik nicht mehr bis zum Terminal schaffen.

Meine Unruhe und Enttäuschung schlägt sich auf mein Gemüt nieder. Ich steige fast als letzte auf das Speedboot und flätze mich in die erstbeste Sitzreihe, um mich von der (extra für derartige Stimmungstiefe aufbewahrten) Motorradreise-Lektüre "Wüstenfahrer" aufbauen zu lassen. Der Trick funktioniert zunächst, doch irgendwann muss ich das Lesen aufgeben, weil mich langsam aber sicher die Seekrankheit packt. Jetzt helfen nur noch ein paar Tabletten und die Beine hochzulegen. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren und verwandelt den Passagierraum allmählich in eine Gefrierkammer. Dummerweise macht der Typ, der auf der mit einer Plane eingewickelten Gepäckpyramide ein Nickerchen hält, keine Anstalten, meine Tasche mit den Klamotten herauszurücken - allerhöchstens gegen ein paar Scheinchen. So klapper und schlafe ich mich bis kurz vor Penang durch. Statt der Posterreklame von vier Stunden, hat die Fähre ganze fünfeinhalb Stunden bis Penang gebraucht. Wenn Erik morgen auch so spät ankommt, können wir den Zoll glatt vergessen, ich kann ja schließlich nicht selbst die Honda aus den Hafen fahren – obwohl, wenn ich’s mir recht überlege...!

Schon mit dem ersten Eindruck finde ich meine Hoffnung bestätigt, dass in Malaysia geordnete Verhältnisse herrschen. Es bricht ein wahrer, innerer Jubelschrei in mir aus, als eine indonesische Frau mit ihren hundert Taschen beim Versuch, sich in der Schlange vor dem Immigrations-Schalter vorzudrängeln, von einem Polizisten knallhart zurecht gewiesen wird. Mit jedem weiteren Schritt auf malayischen Boden, registriere ich angenehm überrascht die wundervollsten Kleinigkeiten: alles wirkt so sauber und gepflegt, Papierkörbe an jeder Ecke, hatte auch schon fast vergessen, dass mancherorts grüne Parks und Blumenrabatten existieren. Doch das Beste: vom indonesischen Verkehrschaos ist hier keine Spur! Alles scheint geregelt und zivilisiert vonstatten zu gehen, es gibt tatsächlich Straßenschilder und Fahrbahnmarkierungen, keine klapprigen Rußschleudern und überhaupt: Georgetown kommt einem nahezu menschenleer vor nach den Wochen in den restlos überbevölkerten Städten Indonesiens. Irgendwie wirken auch die Menschen freundlicher. Hey - und was für eine Wohltat, dass offenbar fast jeder Englisch spricht! Armer Erik, Du musst noch einen Tag in Medan durchhalten! 

Dummerweise gab's auf der Fähre nichts zu essen - ob wegen des Ramadans oder nicht sei dahingestellt - so dass ich wohlwollend im Hotel zur Kenntnis nehme, dass es gratis BBQ gibt. Das trifft sich prima, denn ich habe kaum eine Handvoll Ringgit in der Tasche und die Moneychanger haben bereits geschlossen. Das Zimmer kann ich ohne Probleme morgen zahlen - besser könnte es nicht kommen! Eine innere Freude breitete sich obendrein darüber aus, ein richtiges Waschbecken statt Mandi im Zimmer vorzufinden - und Toiletten mit Klospülung sowie richtige Duschen gab es auch! Erik wird begeistert sein.

Trotz knurrenden Magens stürtze ich als erstes ins nächstbeste Internet-Café. Kaum eingeloggt, lässt mir die Betreffzeile von Eriks Nachricht bereits einen riesigen Stein vom Herzen plumpsen: die Honda ist auf dem Weg nach Penang! Was hatte ich mir alles für Sorgen gemacht! Ich freu mich wahnsinnig auf Erik! Kaum zu glauben, dass er mir bereits so sehr fehlt!

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Eigentlich wollte Erik an dieser Stelle seinen Tag schildern, aber unser E-Mail-Verkehr spricht Bände, weshalb wir die Zeilen einfach mal kopiert haben:

Son Okt 17 13:34:18 2004
Subject: Re: Bike ist unterwergs! 

Liebe Hanka, 

ich hoffe, Du bist gut angekommen und das Hotel ist nicht so „schier"! Du wirst es nicht glauben, aber die Honda ist schon auf dem Schiff und - so Allah will - unterwegs nach Penang. Es gab keine Probleme mehr heute morgen. Der alte Sack war puenktlich da, wollte nur die vereinbarten 500 RM + 50.000 IDR und gab mir gleich die Papiere. Agus und sein Kumpel vom Zoll standen auch schon wieder bereit, um mir zu helfen (war aber nicht noetig, bis auf einen Wichtigtuer in Uniform der irgendetwas wollte und den sie abgewimmelt haben).

Das einzige Problem war, das der Liegeplatz fuer unser Schiff noch belegt war, so dass es erst gegen Mittag anlegen konnte. Ich habe deshalb die Papiere sicherheitshalber noch behalten und gewartet, bis ich das Bike selbst aufs Schiff rollen konnte. Das Schiff sieht seetuechtig und gepflegt aus und die Honda hat sogar Platz in einem geschlossenen Verschlag gefunden, wo sie ordentlich festgezurrt wurde.

Agus hat mich dann sogar noch mit dem Moped zurueck nach Medan mitgenommen. Er wollte kein Geld, obwohl ich es ihm angeboten habe. Hat nur darum gebeten, dass wir ihn weiterempfehlen.

Ich habe mein Faehrticket schon gekauft und komme morgen dann als Letzter von uns Dreien nach Penang. Hatten wir auch noch nicht: auf 3 verschiedenen Schiffen.

Das Frachtschiff heisst uebrigens KM Cipta Karya und soll angeblich morgen um 14 Uhr in Penang ankommen. Ich schlage vor, Du rufst den Agenten an und fragst ihn, wo das Schiff anlegt. Sag ihm, wir moechten das Bike direkt vom Schiff entgegennehmen, so dass keine Warehouse-Gebuehren anfallen, das waere mit Mr. Amir so abgesprochen. Evtl. kann er Dich ja schon mitnehmen/treffen, bevor ich mit der Faehre ankomme. Ich wuerde dann ins Hotel kommen, schnell die Sachen einstellen und nachkommen, wenn Du an der Rezeption eine Nachricht hinterlaesst. Falls das nicht klappt, warte im Hotel oder hol mich an der Faehre ab und wir fahren zusammen hin. Habe nur kein gutes Gefuehl, wenn das Bike ohne uns an Land geht... Hier in Medan haben schon ziemlich schraege Gestalten herumgehangen. 

Werde heute abend um 8 Uhr nochmal ins Internet gehen, dann koennen wir chatten. 

Liebhaben

Erik

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Und darauf Hankas Antwort: 

Lieber Erik, 

ufff, da faellt mir aber ein Stein vom Herzen!!!!!!!!!! Habe mir den ganzen Tag solche Sorgen gemacht, weil Du nicht mehr gekommen bist, um die Papiere vorbeizubringen. Habe beim Ablegen dann saemtliche kleine Boetchen abgesucht, um die Honda zu entdecken.

Bin jetzt gerade in Penang angekommen - nach fuenfeinhalb Stunden Faehre, nicht nach 4 wie die versprochen hatten. Das Boot ist statt um elf auch erst eine Stunde spaeter abgelegt - ich weiss nicht, ob wegen des fuerchterlichen Wolkenbruchs um elf.

Hier ist es eine Stunde spaeter als in Medan, d.h. ich bin kurz nach 19.00 Uhr Ortszeit erst angekommen. Wenn Deine Faehre morgen auch so lahm ist, schaffen wir es sicherlich nicht mehr zum Hafen. Sorry, aber schlechte Nachrichten. Ich setze mich trotzdem gleich morgen mit dem Agenten in Verbindung. Bloed ist nur, dass ich keinerlei Papiere in der Hand habe. Werds mit der internationalen Zulassung versuchen und erstmal alle Oeffnungszeiten in Erfahrung bringen (vor allem Zoll). Vielleicht macht es Sinn, die Bill of Lading hierher zu faxen? Ueberleg Dir das mal, im Hotel gibt es ein Fax: 04-2639710. Der Hafen ist uebrigens nicht in Penang, sondern auf dem Festland (hinter der Bruecke), zumindest haben die mir das gerade bei der Immigration gesagt. 

Dir wird Malaysia gefallen - hier merkt man gleich, dass geordnete Verhaeltnisse herrschen! Das Zimmer ist einfach aber gut - richtige Federmatratze, da wird sich mein Ruecken freuen. Auch sanitaere Anlagen sind ein Traum gegen Indonesien (kein Mandi), auch wenn sie nicht im Zimmer sind. Die Honda koennen wir im Hof gut parken und das Personal ist auch nett. hier spricht wirklich jeder Englisch - wie im Paradies! Heute um 8 gibt es kostenlos BBQ fuer Hotelgaeste. Na was sagst Du dazu??? 

Noch ein paar Tipps fuer Dich und morgen. Zieh Dir unbedingt Socken an und nehm Deine Jacke mit ins Handgepaeck. Die haben auf dem Boot die Klimaanlage auf 17 Grad eingestellt und ich habe jaemmerlich gefroren. Man muss sein Gepaeck abgeben und kommt erst in Pennag wieder ran, so dass ich nichts Warmes anzuziehen hatte. Ich hoffe, jetzt erwischt mich nicht auch die Erkaeltung! 

Ausreise: In Medan bevor Ihr aufs Schiff geht, gibt es zwei Schlangen, die die Ausreisestempel in die Paesse druecken. Die haben zwar keinen Computer da, aber ziemlich lange geguckt, weil wir ja ueber - Timor-Leste (Kupang) sagen die - eingereist sind. Tage nachgezaehlt hat aber keiner. Ich war in der linken Schlange, vielleicht ist die rechte Schlange besser und die nehmens nicht so genau. Ansonsten weisst Du ja, stell Dich hoeflich und dumm... 

Nimm Dir auch unbedingt was zu essen mit - wegen Ramadan gab's nix auf dem Boot und ich habe seit heute um sieben keinen Bissen mehr zu mir genommen!!!! Das Boot hatte ziemlichen Seegang - nimm die Tabletten greifbar mit (brauchst aber erst zu nehmen, wenn die Faehre ablegt). 

Bin so froh, dass ich aus Indonesien raus bin und dass Du morgen kommst und die Honda auch anstaendig auf den Weg gegangen bist. Ich vermisse Dich wie verrueckt!!!!!!!!!!!! Was soll ich nur machen ohne Dich??? 

Liebhaben

Hanka


18.-20. Oktober 2004, Georgetown (Penang)

61.684 km, N 03-34-28 / E 98-41-13

Die Wiedersehensfreude war riesig und natürlich gab es viiiiel zu erzählen. Erik grinste irgendwann nur noch und spottete: "Hanka, Du quasselst wie ein Wasserfall!" Vermisst haben wir uns beide ganz schön doll - Wie soll das eigentlich mal werden, wenn wir wieder daheim sind und getrennter Arbeit nachgehen müssen???

Es war witzig zu beobachten, wie sich Erik an denselben Kleinigkeiten erfreute, die schon jetzt Malaysia zu einem angenehmeren Reiseland für uns machen. Irgendwie ist Georgetown ein einzigartiges Fleckchen - der reinste, kulturelle Schmelztiegel. Während man sich eben noch durch Chinatown geschlemmert hat, kann man wenige hundert Meter weiter ins "Little India" eintauchen und dabei zuschauen, wie die Köche - umnebelt von allerlei exotischen Düften - gekonnt den typischen Roti-Teig durch die Luft schleudern. Zweifelsohne ein kulinarisches Eldorado! Wenn wir an Georgetown zurückdenken werden, fällt uns sicherlich als erstes ein, wie wir an der trubeligen Straßenecke Lebuhan Chulie und Love Lane abends halb acht von den hektischen Straßenständen die weltbesten " Mee Karim " (chinesische Nudelsuppe) gefuttert, dazu die leckersten, frisch gepressten Fruchtsäfte geschlürft, vorher noch ein paar Lok-Lok-Spieße an der Bude nebenan gegart - und anschließend die knusprigen "Apom"-Kekse von gegenüber geknabbert haben. Hhhhhmmmm - himmlisch!  

Doch es ist nicht nur das Essen was uns hier viel besser schmeckt als in Indonesien. Auch die Leute sind von einem ganz anderen Schlag. Was ist das für eine Wohltat, wenn endlich mal nicht die Alarmanlage unserer Honda mitten in der Nacht losschrillt! Bisher kam noch keiner auf die Idee, alles anzufummeln oder sich mal auf die Sitzbank zu flätzen. Wesentlich angenehmer, als mit Mr. Armir Geschäfte zu machen, war auch die Verschiffungsagentur in Georgetown. Mal abgesehen, dass die uns versehentlich ein falsches Formular zur Abholung eines Containers ausgestellt hatten (was uns reichlich Zeit am Hafen kostete), glauben wir gerne, dass eine Verschiffung in entgegengesetze Richtung, von Penang nach Belawan, um einiges einfacher zu organisieren ist!

Unsere Honda verbrachte ihr erste Nacht zunächst im Warehouse. Als Erik mit der Fähre ankam, war der Zoll bereits geschlossen und wir mussten wohl oder übel am nächsten Morgen wiederkommen. Sollte irgend jemand jemals auf die Idee kommen, ein Motorradreisehandbuch zu schreiben - korrekte Zollinformationen hätten uns schon so manches Mal weitergeholfen. Der Cargo-Hafen ist nämlich nicht auf Penang, sondern auf dem Festland in Butterworth. Als wir dort morgens mit unserem Carnet de Passage antanzten, lotste uns gleich ein netter Typ ins Büro des Zollchefs. Der nahm lächelnd das heilige Dokument entgegen, hatte wohl auch schon davon gehört, blieb aber dennoch damit überfordert, wo was auszufüllen und abzustempeln ist. Anfangs ließ er sich auch gar nicht reinreden, als wir unsere Hilfe anboten; resignierte dann schließlich doch und wir bekamen, was wir wollten. Dass die Asiaten ausdauernde Bürokraten sein können, spürten wir noch mehr im Lagerhaus. Wir hatten unsere Dokumente bereits zusammen und die Honda blinzelte uns aus ihrem Verschlag hufescharrend entgegen, aber wir mussten partout warten, bis der Agent mittags das richtige Formular (wir hatten ja fälschlicherweise eins, um einen ganzen Container abzuholen) vorbeibrachte und der Lagermensch zufrieden endlich die Schlüssel zückte. Was ist es jedes Mal für ein schönes Gefühl, die Honda unversehrt im nächsten Land zurückzubekommen!


21. Oktober 2004, Georgetown (Penang) – Butterworth

61.684 km, N 03-34-28 / E 98-41-13

Eigentlich braucht unsere Honda hinten ganz dringend neue Bremsbeläge - ja und die Kette wird uns hoffentlich noch weiter bis Kuala Lumpur bringen. Um die Ersatzteillage in Malaysia abzuklopfen, hatten wir schonmal unsere Fühler über das Internet ausgestreckt. Jedenfalls lud uns Lim, Mitglied der Horizons Unlimited Community, gestern herzlich zum Steakessen in einen schicken Laden ein und vermittelte auch prompt den Kontakt zu einer Motorradwerkstatt. Die beiden Jungs dort, Berg und Mike, sind wirklich auf Zack und kurvten mit Erik zielsicher durch die Stadt, bis sie neue Bremsbeläge, neue Vorderradlager und sogar eine gescheite O-Ring-Kette aufgetrieben hatten, wenn auch ohne die passenden Ritzel. Obendrein zogen wir mit Sack und Pack nach Butterworth in besagte Motorradwerkstatt um, wo die Jungs auch noch ehrenamtlich die Lager wechselten. Unglaublich, wievielen hilfsbereiten Malaysiern wir in dieser kurzen Zeit bereits begegnet sind!


22. Oktober 2004, Butterworth - Tanah Rata
61.684 km, N 03-34-28 / E 98-41-13

Mit der Aufforderung, uns unbedingt zu melden, falls wir irgendwo in Malaysia Probleme hätten, verabschiedeten wir uns von unseren ungewöhnlichen Gastgebern Berg und Mike. Von Berg haben wir u.a. gelernt, dass man als Mosleme drei Frauen haben kann (eigentlich sogar fünf, aber das kann sich keiner leisten). Eriks Kommentar dazu: "Also ich stelle mir das anstrengend vor"....

So wenig, wie wir Autobahnfahren normalerweise mögen - so sehr freuten wir uns heute nach dem ständigen Stop-and-Go durch Indonesien über den aalglatten, vierspurigen Asphaltstreifen. Was für ein Fahrgefühl! Uns kam die Teerpiste regelrecht leer vor. Keine Ahnung, wann wir den Tacho das letzte Mal auf 100 Sachen gebracht haben! Voller Entzücken registrierten wir die erste Raststätte: blumenbepflanzt, mit stilvollen Sitzgelegenheiten, Papierkörben, Waschbecken, Tip-Top-Toiletten und verlockenden Obstständen. Wir waren definitiv wieder in der Zivilisation!

An der Abfahrt Simpang Pulai hatten wir keinerlei Mühe, den Abzweig in die Cameron Highlandszu finden - war ja eh alles bestens ausgeschildert. So, wie sich die neue Straße langsam, aber stetig in die Berge schraubte, brachte sie fahrerisch echt Laune. Im Gegensatz zu indonesischen Straßen verdorben uns dabei weder stinkende LKW's noch sonstige, schleichende Hindernisse den Spaß - bis sich die indonesische Kette wieder in Erinnerung rief: Ein knackendes Geräusch, nur 60 km vor unserem Ziel, ließ uns abrupt stoppen. Das ungute Gefühl in der Magengegend bestätigte sich nach der ersten Inspektion der Kette: wieder war ein Niet gebrochen! Die als Niet verwendete Schraube aus Sumatra hing zwar noch mit den Enden im Kettenglied, war aber genau in der Mitte entzwei geknackt. Bis zum nächsten Ort kündigte ein Meilenstein unendliche 41 km an - wir hatten keine Ahnung, ob wir es soweit schaffen konnten. Die Sache war umso bedenklicher, weil die Honda noch etliche Höhenmeter auf der stetig ansteigenden Strecke unter voller Gepäckbeladung zu bewältigen hatte. Vorsichtig schaltete Erik bis zum vierten Gang rauf und versuchte, ohne großartige Beschleunigungs-Belastungen die Maschine konstant bei 40 km/h am Laufen zu halten. Jeder kleine Steinschlag oder sonstige Nebengeräusche ließen uns mit angespannten Nerven aufhorchen - die Meilensteine zogen dennoch langsam einer nach dem anderen an uns vorbei; hoffentlich hielt die Schraube! Hanka ertappte sich bereits dabei, die wenigen Fahrzeuge in unserer Richtung nach einer Ladefläche abzuscannen. Hätte die blöde Kette nicht noch bis Kuala Lumpur durchhalten können? Nun fahren wir schon eine gute, nagelneue D.I.D.-Kette in unserer Esstasche spazieren, aber uns fehlen leider noch die dazugehörigen Ritzel. Hoffentlich lassen sich diese in Kuala Lumpur auftreiben - dann wären wir alle Sorgen los.

Uns fiel ein Stein vom Herzen, als in Kampung Raja eine kleine Motorradwerkstatt vor uns auftauchte. "Damit wärt Ihr keine 20 km weiter gekommen", offenbarte uns sogleich der Meister nach einem Blick auf das Dilemma. Wir verschwiegen ihm, dass uns die Kette in diesem Zustand die letzten 41 km bis zu seiner Werkstatt gebracht hatte...

Zufällig hatte man ein Kettenschloss in unserer Breite zur Hand, so dass sich zwei Mechaniker flink an die schmierige Arbeit machten und das gebrochene Glied aus der Kette flexten. Dieses wurde anschliesend durch das zusätzliche Kettenschloss ersetzt. Binnen einer Viertel Stunde war die Honda wieder fahrbereit und wir ganz happy über die schnelle Reparaturlösung. Bei einem Werkstattpreis von 6 Ringgit (ca. 1,50 EUR) mag man gar nicht daran denken, was man als Notfallkunde an Werkstattkosten in Deutschland hingeblättert hätte...

Die letzten 20 Tageskilometer waren ein Klacks und wir konnten erleichtert endlich die Kurven genießen. Landschaftlich war der Trip in die vielgelobten Cameron Highlands bisher jedoch enttäuschend - außer verbetonierten Hängen sowie mit Gewächshäusern und Gemüsefeldern verschändelten Tälern gab es nicht viel zu sehen. Doch das mag an der Route gelegen haben - die alte Straße nach Tapah hat sicherlich mehr zu bieten. Wir werden sehen.


23. Oktober 2004, Tanah Rata
61.704 km, N 03-34-28 / E 98-41-13

Irgendwie ist heute nicht viel los mit uns. Im Gegensatz zu den meisten Backpackern unseres Guesthouses ist uns ziemlich egal, ob am Dschungel-Trail Nr. 13 zwei Hornissen über einen herfallen oder der Trail Nr. 8 derartig zugewachsen und verschlammt ist, dass man seine teuren Wanderboots völlig einsaut. Obwohl wir eigentlich selten in den waschechten Backpacker-Unterkünften absteigen, beschleicht uns langsam aber sicher das Gefühl, dass die durchorganisierten Billig-Bettenburgen der Lonely-Planet-Lobby nicht so unser Ding sind. Eins muss man jedoch zugeben: umfangreiche Informationen findet man hier allemal. So erfuhren wir voller Enttäuschung, dass der Nordost-Monsun dieses Jahr früher eingesetzt hat als normalerweise. Das bedeutete im Klartext, dass entlang der Ostküste Malaysias bereits Fährverbindungen und Unterkünfte der Inselparadiese dicht gemacht hatten – frühes Saisonende. Aus der Traum vom Tauchen, Schnorcheln und Sonnenbaden! Wir hatten uns eigentlich tierisch auf ein paar Ausspanntage auf den Perhentian Islands oder Tioman gefreut, um neue Kraftreserven aufzutanken. Indonesien steckt uns noch immer ziemlich in den Knochen.

Das Klima in den Highlands fühlt sich übrigens fast schon europäisch an. Bei etwa 1.500 Höhenmetern gedeihen heimische Gemüsearten und selbst Erdbeer-Farmen säumen eine nach der anderen die Straße Richtung Brinchang – leider alle wahnsinnig überteuert. Die Cameron Highlands sind jedoch nicht wegen ihres Obst- und Gemüsegartens so bekannt, sondern wegen der landschaftlich malerisch anmutenden Teeplantagen. Natürlich wollen wir die Gelegenheit nutzen, um eine der berühmten Teeplantagen zu besuchen und machen uns auf den Weg ins Sungai Palas Tea Estate. Zwischen Sonnenstrahlen und dicken Wolken folgen wir der engen, kurvigen Straße durch die sanft-grüne Flora, welche sich wie ein Streifenmosaik aus Teebüschen über die Hügel zieht. Traumhaft schön ist es hier; jedoch sind wir nicht die einzigen, die diese Landschaft per Kamera einfangen wollen. Zugegeben erinnern wir uns süß an die einsamen Teefelder um den Kerinci-Vulkan auf Sumatra – da waren überhaupt keine Touristen.

Immerhin gibt es hier den Pluspunkt von Informationen. Sehr organisiert wird einem erklärt, wie man Tee pflückt, fermentiert und trocknet. Die kostenlose Fabrikführung lässt sich wunderbar mit einer Tasse Tee beenden, den Blick mit etwas anderen Augen noch mal über die Teefelder schweifend. Hanka findet die handverlesene Spitzenqualität jedenfalls köstlich - oder hat's am Ende doch am Ausblick auf die Plantagenhügel gelegen? Erik dagegen ist und bleibt ein Kaffee-Liebhaber


24. Oktober 2004, Tanah Rata - Kuala Lumpur
62.364 km, N 03-08-51 / E 101-42-08

Ob es in den Cameron Highlands immer so verregnet ausschaut oder wir einfach zur falschen Jahreszeit unterwegs sind, bringen wir nicht in Erfahrung. Jedenfalls besserten sich Wetter und Temperaturen mit jedem Kilometer, den wir durch das Dschungelgrün die Motorrad-Spaßmach-Kurven gen Küste heizten. Die Strecke nach Tapah entsprach so ziemlich dem, was wir uns vom Hörensagen unter den Cameron Highlands vorgestellt hatten: hügelige Teeplantagen, uriger Dschungel, Wasserfälle und alles entlang einer schönen Motorradstrecke.

Kaum auf dem Highway, zog uns der nächste Rasthof magisch an: Obstpause. Wegen der Touristenpreise hatten wir in den letzten beiden Tagen ziemlich an frischen Früchten gespart und die Vitamine mussten jetzt nachgeholt werden. Diese "Vitamin-Tankstellen" entlang der Autobahn sind wirklich eine geniale Idee! Zwar lassen sich die Preise auch hier nicht an den indonesischen messen, aber man kann sich getrost den Bauch vollschlagen. Die Mangos waren jedenfalls die besten, die wir je gegessen haben!

Anschließend ging's straff weiter Richtung Kuala Lumpur, wo einige Kilometer vor der City schon Burn und Ahmad an der Abfahrt auf uns warteten. Wieder einmal kam uns die Motorrad-Community im Internet zugute, denn die beiden Pegasus-Club-Mitglieder hatten uns bereits bei DEM Motorradhändler Kuala Lumpurs angekündigt und lotsten uns mit ihren Motorrädern bis ins Stadtzentrum. Die beiden hatten einen guten Unterkunfts-Tipp für uns, wo wir nach einigem Hin und Her selbst die Honda in den Hausflur des Besitzers stellen konnten. Vom Bett aus konnten wir sogar die gigantischen Petronas-Türme und den KL Tower sehen. Jetzt werden wir erstmal die Stadt auf uns wirken lassen. Nur an den Temperaturwechsel von 22 auf 38 Grad müssen wir uns erst mal wieder gewöhnen. Es ist einfach knalleheiß!


25.-31. Oktober 2004, Kuala Lumpur
62.364 km, N 03-08-51 / E 101-42-08

Huch, wer hätte gedacht, dass wir so lange in Kuala Lumpur bleiben würden? Die Stadt ist interessant und sehenswert – daran gibt es gar keine Zweifel. Und gutes Essen fanden wir auch, vor allem bei unserem Lieblingsinder gleich um die Ecke (die frischen Roti mit Dall und Lassi waren jedes Mal ein kulinarischer Traum, an den wir uns gewöhnen könnten). Natürlich haben auch die Petronas-Towers einen Wahnsinnseindruck bei uns hinterlassen. Die Glas-Stahl-Konstruktion galt bis vor wenigen Jahren noch als das höchste Gebäude der Welt - gegenwärtig hält Taiwan den Weltrekord, aber in Dubai wird schon fleißig am nächsten Wolkenkratzer-Rekord gebaut. Immerhin dürfen sich die Petronas-Towers nach wie vor „the highest twin towers in the world“ nennen. Architektonisch elegant wirkt das Gebäude ja, egal ob bei Tag oder Nacht (und wir haben echt Hunderte Fotos zu allen Uhrzeiten sowie aus allen Perspektiven geschossen). Dennoch kann man sich schwer vorstellen, dass man vor zwei 452 m hohen Türmen mit 88 Stockwerken steht. Irgendwie wirkt das Ganze in seinem Umfeld kleiner als erwartet. Neben endlosen Büros beherbergen die legendären Stockwerke u.a. auch ein riesiges Shoppingcenter, in dem man gut Ringgits lassen kann. Uns haben allein schon die Augen getränt, zwei Landkarten zu erstehen, die wir künftig gut gebrauchen können.

Was man relativ günstig in Kuala Lumpur bekommt – und nicht zuletzt der eigentliche Grund für unseren langen Aufenthalt wurde – ist Software und Computer. Nicht dass wir geplant hätten, einen Computer zu kaufen... Um es uns einfach zu machen – Karli ist an allem Schuld. Durch Bali’s Riesenauswahl an Software inspiriert, hatte er uns in den vergangenen Wochen eine Liste an Wunschsoftware zusammengeschrieben, die wir bei Gelegenheit besorgen sollten. Kuala Lumpur war die Gelegenheit. Es gibt hier ganze Einkaufszentren, ausschließlich mit Computersachen vollgestopft. Während wir auf der Suche nach Karlis Programmen durch die Gänge stiefelten, hatten wir irgendwann einen ganzen Stapel voller Computerangebote in den Händen. Die kleinen Laptops stachen uns an jeder Ecke ins Auge – und zugegebenemaßen waren es Hankas Augen, die besonders zu funkeln anfingen. Was wäre es schön, endlich einen eigenen Rechner zu haben – keine schmierigen Tastaturen in langsamen Internet-Cafés mehr, unsere Fotos auf יnem richtigen Bildschirm, CD-Brenner dabei, Homekino mit DVD-Laufwerk für triste Abende in tristen Unterkünften, kabellosen Internetzugang, wir könnten unsere Homepage künftig selbst bearbeiten, unsere Lieben zuhause über den Laptop anrufen, und, und, und. Allerdings waren da zwei Probleme: a) hatten wir nach eindreiviertel Jahren Reiserei keinen blassen Schimmer vom Stand der Technik und b) wo sollten wir einen Laptop unterbringen? Problem a) ließ sich relativ schnell aufholen, indem wir uns ausdauernd von einem Geschäft zum nächsten fragten, um uns über sämtliche technischen Highlights zu informieren. Obendrein gab’s ja auch noch das Internet, wo man eben mal schnell einen Preis-Leistungs-Vergleich mit Deutschland ziehen konnte. Problem b) sollte plötzlich das geringste werden. Hanka versprach hoch und heilig, sämtliche Klamotten auf essentiellen Bedarf zu prüfen und radikal auszusortierten. Auf diese Weise könnten wir ruckizucki ein paar Kilo loswerden.

Nach einigen Diskussionen und langem Angebotsvergleichen schlugen wir schließlich zu. 700 Euro wechselten den Besitzer und mit einem Grinsen bis zu den Ohren schleppten wir den Riesenkarton zu Starbucks Coffee. Starbucks Malaysia stellt nämlich Hotspots zur Verfügung, von denen man sich gratis per Wireless Network Card ins Internet einwählen kann. Das mussten wir sogleich austesten! Die ersten Zeilen an unsere Lieben sprühten nur so aus den Fingern – was für ein Gefühl, mit יnem eigenen Rechner bei Starbucks zu sitzen und mit der Welt zu kommunuzieren. Hanka trinkt zwar immer noch keinen Kaffee, aber Stammkunde bei Starbucks ist sie jetzt schon!


1. November 2004, Kuala Lumpur - Cherating
62.714 km, N 04-07-36 / E 103-23-28

Nirgendwo anders in Südostasien ist es so günstig wie in Malaysia, ein paar Sachen per Post nach Hause zu schicken. Nach unserem Laptop-Kauf haben wir natürlich den idealen Karton zur Hand und müssen ohnehin für unseren Neuerwerb erstmal Platz in den Taschen schaffen. Dabei merken wir, dass es gar nicht so leicht ist, die bewährte Packroutine umzumodeln. Wohin bloß mit den dicken Fleece-Sachen, die zwar gut polstern aber in jeder Tüte einfach ein nur ein unhandliches, aufgeplustertes Bündel ergeben? In mühevoller Kleinarbeit verstauten wir schließlich alles irgendwie und düsten anschließend mit einem 5-Kilo-Paket unter’m Arm ins KLCC zur Post. Nach einem filmreifen Spießrutenlauf durch diverse Postschalter und etliche Schreibwarengeschäfte war schließlich der Karton mit dem richtigen Papier eingewickelt und verklebt sowie sämtliche Formulare vollständig ausgefüllt – die asiatische Bürokratie ließ mal wieder grüßen, denn die ganze Aktion nahm sage und schreibe anderthalb Stunden in Anspruch. Hanka ertappte sich am Ende dabei, über sich selbst zu schmunzeln, als sie völlig entnervt auf dem Fußboden des Shoppingcenters sitzend versuchte, mit der kleinen Taschenmesserschere aus fünf Packpapier-Bögen die vorgeschriebene Verpackung für unser Paket herzustellen. In zwei bis drei Monaten soll’s dann in Wien ankommen – schauen wir mal.

Es ist Mittag, als wir endlich auf der Autobahn Richtung Ostkueste sind und große Regenwolken veranlassen uns zu immer wieder neuen Befürchtungen. Durch die Berge schaffen wir es noch trocken, erwischen dann in Kuantan die letzten Tröpfchen eines heftigen Schauers. In Kuantan gibt’s übrigens coole Verkehrsampeln: bei rot wird per Countdown die Wartzeit angezeigt – ebenso, wie lange die Grünphase dauert. Jedenfalls sah auch in Cherating die Strasse aus, als wäre soeben ein Wolkenbruch hernieder gegangen – Monsunzeit. Die Feuchtigkeit bringt leider Schwärme an Mücken mit sich, die wie ausgehungerte, kleine Monster gleich über uns hierfielen, als wir unsere kleine Bungalowhütte in Strandnähe bezogen. Die Hütte ist zu Hankas Entsetzen leider schon bewohnt: bei Eriks Versuchen, die tarantelähnliche Riesenspinne hinter der Tür zu vertreiben, flüchtete das Vieh und verkroch sich irgendwohin unter unser Bett. Na dann mal gute Nacht!

PS: Nur ein kurzer Reminder zum Thema „Andere Länder, andere Sitten“: Die schönen Obststände an den Autobahnrasthöfen haben wir heute vermisst. Stattdessen staunten wir nicht schlecht darüber, als auf einmal diverse Sate-Stände direkt am Highway auftauchten. Die grillen da in aller Seelenruhe ihre Schaschliks während der Autobahnverkehr vorbeirollt – oder einfach mal auf eine Zwischenmahlzeit auf der Autobahn stoppt.


2. November 2004, Cherating – Kota Bharu
63.067 km, N 06-07-52 / E 102-14-33

Trotz unseres „Mitbewohners“ haben wir erstaunlich gut geschlafen. Leider sah das Wetter morgens immer noch nicht besser aus und unser Handtuch fühlte sich noch genauso klatschnass an wie gestern Abend, als wir es aufgehangen hatten. Eine solche „Waschküche“ ist das reinste Mückenparadies und Erik weiß langsam nicht mehr, ob er sich die Moskito-Coils noch hinter die Ohren hängen soll, damit sie etwas nützen. Uns ist klar, dass wir einfach zur falschen Jahreszeit in dem Aussteigerörtchen gelandet sind: nichtmal eine Tasse Kaffee ließ sich für den grummelnden Erik auftreiben. Also reisen wir ab.

Kaum 5 Minuten unterwegs, fing es auch noch an zu schütten. Zum Glück ist es so warm, dass alle Sachen fix wieder trocken sind. Die zahlreichen Überflutungen unterwegs bezeugen, dass in letzter Zeit einiges an Wasser vom Himmel gekommen sein muss. Als uns für den Rest des Tages überwiegend die Sonne begleitet, wissen wir unser Glück noch gar nicht recht zu schätzen. Wir erfahren später, dass sich die Sonne seit einer Woche nicht mehr gezeigt hatte. Zum Teil goss es hier 16 Stunden am Stück wie aus Kübeln...

Die Küstenstraße ist abgesehen von den Überflutungen nicht besonders interessant. Irgendwie dreht sich alles um’s Öl: angefangen von Ölpalmen-Plantagen bis hin zu Ölraffinerien – landschaftlich also nicht sehr aufregend. Wir kommen trotz Landstraße dennoch gut voran, erreichen mittags Kuala Terengganu, obwohl wir einen ziemlichen Umweg fuhren, als wir an einer Kreuzung falsch abbogen – Halbzeit unserer Tagesstrecke. Plötzlich durchzuckt die Honda beim Anfahren ein seltsames Rasseln. Erik zieht sofort die Kupplung und instinktiv ahnen wir beide, dass die markerschütternden Geräusche der Kette zuzuschreiben sind. Besorgt stoppen wir sofort am Straßenrand. Die erste Vermutung, dass die Kette erneut gerissen sei, bestätigt sich Gott sei Dank nicht. Stattdessen bammelt das schmierige Ding auf der Radnabe. Offensichtlich war die Kette schlicht und einfach vom Ritzel gesprungen. Falsche Sparsamkeit also, dass wir unseren neuen Kettensatz nicht schon in Kuala Lumpur aufgezogen hatten. Seit der letzten Reparatur war die alte Kette tadellos gelaufen, so dass wir den Wechsel noch etwas hinauszögern wollten. Das hatte sich jetzt gerächt.

Kaum war die Honda unter den nächstbesten Baum in den Schatten geschoben, stoppte auch schon das erste Moped, um uns Hilfe anzubieten. Der Malaysier mit dem ungewöhnlichen Namen Joachim zog beinahe eine besorgtere Miene als wir, als er die bammelnde Kette erblickte. „Es ist doch Ramadan und viele Werkstätten hätten im Fastenmonat geschlossen“, gab er zu bedenken. Eigentlich brauchten wir lediglich einen Hammer und einen Kettenbrecher – dann müsste es gehen, Kettenrad, Ritzel und Kette auszutauschen. Geschwind machte er sich mit Erik auf dem Rücksitz seines kleinen 70-ccm-Moped (auch eine Honda) auf den Weg zum nächsten Mopedshop. Geschlossen. Immerhin trafen die beiden einen Typen an, der einen Mechaniker herbringen konnte. So geschah es dann auch und nach einigem Hin und Her wurde beschlossen, die alte Kette nochmal aufzuziehen und vorsichtig zur Werksatt zu düsen. Da wir noch nichts im Magen hatten und unsere Wasserreserven bereits aufgebraucht waren, düste Joachim fix nach Hause und kam mit Getränkedosen, Bananen und Crackern zurück. Anschließend begleitete er uns mit zur Werkstatt, um beim Übersetzen zu helfen. Die Jungs legten auch sofort los, doch Erik zog es zugleich die Sorgenfalten auf’s Gesicht. Die hatten noch nie eine dicke Kette gesehen, schlachteten in Kürze ihren Kettentrenner damit, zogen Imbusschrauben auf Nimmer-wieder-lösen mit einem Hebel fest, und, und, und. Erik musste nicht nur aufpassen wie ein Luchs, sondern selbst Hand anlegen, um das Schlimmste zu verhindern. Nach geschlagenen 3 Stunden war die Sache schließlich erledigt und die neue Kette glitzerte grausilber auf dem nigelnagelneuen Kettenrad. Wir verabschiedeten uns herzlich von Joachim und sahen zu, dass wir es noch vor der Dunkelheit nach Kota Bharu schafften. Irgendwo auf dem Weg zog dabei eine irre aussehende, eigenartige Wolkenformation unsere Aufmerksamkeit auf sich: wie eine Mischung aus Ufospuren und Atombombenunfall türmten sich gruselig-graue Wolkenhaufen aufeinander, mit einem Lichtkranz aus violett-türkisen Farbkombinationen sowie einem durchscheinenden Ring aus unschuldigem Himmelblau. Mystisch, mystisch!


3. November 2004, Kota Bharu
63.067 km, N 06-07-52 / E 102-14-33

Der Großteil des Tages ging am Laptop drauf. Endlich mal Zeit, um einige Sachen einzurichten und ein bisschen herumzuspielen, da es ohnehin immer wieder regnet.

Am Abend holte uns Jazlan mit seiner Familie zum Ramadan-Buffet ab. Wir hatten den Malaysier gestern flüchtig kennengelernt, als wir wegen der Kette in Kuala Terengganu liegengeblieben waren. Da uns Joachim bereits so gut umsorgte, steckte er uns später seine Telefonnummer zu. Trotz dass kaum jemand seiner sechsköpfigen Familie Englisch sprach, nahm er sich die Zeit, mit uns über unsere Reise zu plaudern. Jazlan gehört zu einem der wenigen, die in Malaysia eine BMW fahren – und so gab es natürlich genügend „Biker-Gesprächsstoff“. Nebenbei war das Essen phantastisch – endlich erklärte uns mal jemand die malaysischen Spezialitäten und wir luden uns die Teller voll, um das meiste davon auszuprobieren. Irgendwie tut es ja schon der Seele gut, hin und wieder ganz zivilisiert in einem stilvollen Restaurant zu essen, als immer nur auf der Straße. Jedenfalls verabschiedeten wir uns herzlich von unserem neuen Freund, der uns am liebsten noch einen fast neuen Metzeler-Reifen geschenkt hätte, der in seiner Garage ohnehin verstaubte. Sähen unsere Mefos nicht immer noch so gut aus, wären wir sicherlich auf das Angebot zurückgekommen. Unglaublich, was für nette Leute wir in Malaysia ständig kennenlernen!

Einer der Gründe, weshalb wir nach Kota Bharu gefahren sind, ist der hiesige Nachtmarkt. Nachtmärkte gibt es in Südostasien vielerorts, wobei dieser einer der besten sein soll. Zwischen zwei Regenhuschen stromerten wir also auf den Markt, nicht ohne dass Erik angesichts des Planenmeers an Buden anmerken musste: „Lass uns nur schnell da durchgehen“. Im Endeffekt war der Markt keineswegs sooo toll, wie angekündigt - zumal wir wenig Verwendung für moslemische Kopftücher, Gewänder und Kappen haben. Das eigentlich Interessante war für uns die sich an den Markt anschließende Gebetshalle, wo man open air mal live mitbekommen konnte, was sich in einer Moschee abspielt. Frauen sind von Männern seperat in einer Art „Holzverschlag“ untergebracht. Zum Gebet trägt man unschuldiges weiß: die Frauen lange Schleier, die am Hinterkopf verknotet werden und bis zur Hüfte herunterreichen; die Männer weiße Kappen. Vor den „heiligen Hallen“ türmen sich Berge von Schuhen, da man diese nur barfuß, mit gewaschenen Füßen überhaupt betreten darf. Bleibt zu erwähnen, dass die Lesung des Korans per Lautsprecherbeschallung erfolgt, von einem uralten Tonbandgerät, das sicher schon bessere Zeiten gesehen hat.

Unsere Weiterreise nach Thailand gibt Anlass, noch einige Informationen einzuholen. Da der Süden Thailands momentan ein Pulverfass zu sein scheint und die jüngsten Unruhen in Pattani gerade erst eine Woche her sind, zapfen wir jede mögliche Informationsquelle an, um Näheres zu erfahren. Natürlich rät das Auswärtige Amt von Fahrten in die betroffenen Provinzen ab, genau wie die thailändische Botschaft in Kota Bharu selbst. Der Hostelbesitzer wiederum argumentierte sachlich, dass es für uns keine Probleme geben dürfte und auch die gerade angekommenen Backpacker hatten keinerlei Probleme bei der Durchreise. Was machen? Da wir letztendlich weder in Zeitnot sind und unseren Schutzengel nicht unnötig in Anspruch nehmen wollen, steht am Ende des Tages fest, dass wir die Westküste nach Thailand rauffahren. Dann können wir noch einen kurzen Zwischenstopp in Penang einlegen – hmmm, uns hüpft jetzt schon das Herz, wenn wir an die leckere Küche dort denken!


4. November 2004, Kota Bharu – Penang (George Town)
??? km, N 03-34-28 / E 98-41-13

Schien nicht unser Tag werden zu wollen: zuerst verschlafen wir und nachdem wir halb elf endlich startklar sind, fängt es prompt an zu regnen. Mitten in der Stadt ist jedoch alles derartig zugeparkt, dass wir auf die Schnelle nicht mal ein Plätzchen zum Unterstellen finden. Hanka sieht Erik nur wie von der Tarantel gestochen vom Bike springen, unter den erstbesten Dachvorsprung flüchten und die Honda mit allen Taschen und ihren Lederhandschuhen im strömenden Regen stehen lassen. Während sich diese Szene wie im Film vor Hankas Augen abspielt, kommt sie gerade ziemlich entgeistert mit zwei Flaschen Wasser aus dem Supermarkt. Die nächste Husche ließ auch nicht lange auf sich warten und so ging es im Stop-and-Go Richtung Machang. Leider wurden allmählich die Wartepausen länger als die Lücken, in denen wir fuhren. Mit Schrecken verriet uns schließlich die Uhr, dass wir für die 38 km bis Machang ganze zwei Stunden vertrödelt hatten. So schafften wir es nie bis an die Westküste! Mittlerweile fragten wir uns auch, ob wir in letzter Zeit einfach alles falsch machten. Hätten wir überhaupt an die Ostküste fahren sollen, obwohl wir wussten, dass der Monsun bereits eingesetzt hatte...? Es nützte nichts, da mussten wir jetzt durch. Hartnäckig düsten wir trotz starken Regens gen Westen. Wir hatten beide keine Lust, vor Penang noch mal irgendwo zwischenzuübernachten zu müssen.

Nach und nach wurde auch das Wetter endlich besser, die Überflutungen links und rechts der Straße ließen nach und wir kurvten entspannter durch die Berge der Banjaran Bintang. In der Trockenzeit ist die Strecke sicherlich traumhaft und wir entdeckten sogar einen ausgeschilderten Campingplatz am Temengon-See. Ganz in der Nähe gibt es sogar wilde Elefanten im Dschungel. Dass die Urwaldriesen nicht nur auf den witzigen Verkehrswarnschildern existierten, verrieten einige Häufchen am Straßenrand, die uns jedes Mal in helle Aufregung versetzten. Leider lief uns keiner der grauen Gesellen vor die Linse, da hätten wir wohl noch bis zur Dunkelheit warten mussten.

Trocken und ziemlich erleichtert kamen wir noch vor der Dunkelheit mit der Fähre auf Penang an. Sogleich machte sich ein angenehmes Gefühl in uns breit – es ist sooooo schön, wenn man zur Abwechslung mal irgendwo ankommt, wo man sich schon auskennt!!! Selbst unser altes Zimmer im Gästehaus konnten wir erneut beziehen, stürmten nach der erfrischenden Dusche auch gleich zu unserem Lieblingsinder und freuten uns schon insgeheim auf all die anderen leckeren Straßenstände, die wir unbedingt morgen noch abklappern müssen. George Town ist und bleibt ein Schlemmerparadies!

PS: Eriks Bauch macht uns Sorgen. Der Ärmste kriegt von Tag zu Tag neue, juckende Pusteln. Mittlerweile sieht er schon aus wie ein Aussätziger: voller roter, wulstiger Stiche. Anfangs tippten wir noch auf einen Floh (die zieht er nämlich magisch an), aber seit letzter Nacht sind so viele hinzugekommen, dass einem unmöglich ein Floh derartig zusetzen kann. Als wir schon nahezu beschlossen hatten, morgen zum Arzt zu gehen (wer weiß, vielleicht ist’s irgendein Ausschlag), entdeckten wir die Ursache des Übels, als wir unser Moskitonetz aufhingen. Schon gestern waren uns komische Käfer aufgefallen, die in unserem Zimmer herumkrabbelten. Unser Netz wimmelte nur so von denselben, mittlerweile fetten und blutgefüllten Viechern, die die Reise von der Ost- an die Westküste ohne Probleme überlebt hatten. Hanka mögen sie offenbar nicht, so dass sich die Biester uneingeschränkt an Erik gelabt hatten. Wir hatten schon manchmal von „Bedbucks“ gehört, ohne zu wissen, wie die aussehen. Jetzt wissen wir es: die Biester sind nichts anderes als Wanzen!!! Gleich mitten in der Nacht starteten wir angewidert eine blutige Tötungs- und Desinfektionsaktion, die sich gewaschen hatte. Wahnsinn, mit was für Mist man sich als Dauernomade so alles rumschlagen muss!


5.-6. November 2004, Penang (George Town)
??? km, N 03-34-28 / E 98-41-13

Das angenehme „Fast-wie-Heimkehr-Gefühl“, das uns schon gestern Abend beschlich, hielt weiterhin an, so dass wir uns spontan dazu entschlossen, noch einen Tag länger zu bleiben. Es gab außerdem Wäsche zu waschen und der Typ aus dem Internet-Café hatte richtig gut Ahnung, wie wir unseren Laptop anzuschließen hatten. Abgesehen davon konnte sich Hanka auch nicht recht von den allabendlichen Fressgelagen durch Chinatown lossagen (Mee Karim, anschließend See Kuo T’ng and Apom Manis zum Nachtisch) – und überhaupt, Penang ist einfach nett.

Die schon längst geplante Inselrundfahrt holten wir auch nach – schöne Kurven entlang der Nordküste und kleine Strandbuchten, dass wir uns ärgerten, die Badesachen nicht eingepackt zu haben. Für uns ist Penang immer wieder eine Reise wert.

 

Hanka und Erik
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