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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Thailand – Der Süden


7. November 2004, Penang (George Town) – Trang

63.870 km, N 07-33-28 / E 99-36-32

Zeit, von Penang Abschied zu nehmen und zugleich auch von Malaysia. Einmal mehr beschleicht uns dieses seltsame Gefühl, das sich immer dann einstellt, wenn wir uns auf etwas Neues freuen, aber gleichzeitig am Gewohnten festhalten möchten. Dennoch steht uns mit Thailand eine ganz besondere Etappe bevor: hier fing nämlich alles für uns an. In Thailand trafen wir vor zwei einhalb Jahren Sabine und Fred auf einer BMW – die beiden hinterließen bei uns sagenhafte Inspirationen. Vor allem hatten wir bis dahin nie in Erwägung gezogen, dass Motorradreisen zu zweit auf einer Maschine im Rahmen des Möglichen liegen. Heute dürfen wir stolz darauf sein, den damaligen (mehr oder weniger spontanen) Entschluss durchgezogen zu haben. In den letzten 20 Monaten standen für uns 20 Länder offen!

Die Sonne ist mit uns, als wir morgens aufbrechen. Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir noch nicht, dass uns am Nachmittag etliche Stunden Fahrt im Dauerregen bevorstehen.

Die Grenzformalitäten waren schneller erledigt, als wir uns hätten träumen lassen. Zu unserer absoluten Verblüffung interessierte sich auf thailändischer Seite kein Mensch für unser Motorrad. Selbst unsere Pässe hätten wir noch nicht mal abstempeln lassen müssen. Die Polizei winkte ohnehin alle durch. Uns gab die Sache Anlass, unsere Situation in Bezug auf das ablaufende Carnet zu überdenken. Mit dem heutigen Tag hatten wir den notwendigen Ausreisestempel aus Malaysia auf den Papieren. Es wäre doch zu blöd, wenn wir nur wegen des Verfallsdatums unseres Carnets in 14 Tagen schon wieder aus Thailand ausreisen müssten! (Der ADAC verlangt bei Rückgabe des alten Carnets de Passages einen fristgerechten Ausreisestempel.) Leider lässt sich schwer abschätzen, wann genau das neue Carnet in Bangkok ankommen wird. Nach reichlichem Abwägen entschlossen wir uns, den thailändischen Zoll links liegen zu lassen und ohne Carnet nach Thailand einzureisen. Sollte es bei der Ausreise Ärger geben, wie Bernd und Heidi uns prophezeiten, müssen wir eben auf unsere bewährte Taktik bauen: sich dumm stellen und nett sein. Ohne das Carnet halten wir uns zumindest erstmal mehrere Routen- und Visaverlängerungsmöglichkeiten für Thailand offen. 

Sofort nach der Grenze in Sadao empfing uns eine andere Welt. Im Vergleich zu Thailand rückte Malaysia langsam aber sicher in ein noch moderneres Licht, als wir es ohnehin schon kennengelernt hatten. Jenseits der malayischen Grenze fuhren wieder Kinder mit überladenen Mopeds durch die Gegend, Leute hingen auf den Ladeflächen von Pickups und LKW’s und räudige Hunde stromerten die Straßen entlang. Uns entging allerdings auch nicht, dass die Menschen immer ein nettes Lächeln übrig zu haben scheinen und zumindest nach außen hin ein fröhlich-unkompliziertes Leben leben. Zweifelsohne geht von Thailand eine faszinierende Exotik aus – nicht nur auf die phantastisch duftenden Wok’s der Straßenstände bezogen. Bereits in dem Grenzort verkaufen sich etliche junge Mädchen: immer wieder sieht man goldkettenbehangene, grauhaarige Männer mit einem thailändischen „Jungblut“ im Minirock herumstrolchen. Sextourismus hat leider auch in dieser überwiegend islamischen Gegend von Südthailand Einzug gehalten.

Obwohl Pattani nur einen Katzensprung von Hat Yai entfernt ist, spürten wir hier rein gar nichts von den angekündigten Ausschreitungen gegen moslemische Thais. Dafür schlug jedoch das Wetter zu. Ab Hat Yai setzte der Regen ein und erinnerte uns wieder daran, dass der Monsun an der Ostküste wütet. Die Überschwemmungen glichen dem, was wir in Malaysia schon gesehen hatten. Als der Highway 4 endlich westwärts abknickt und sich gen Westküste zieht, ließ der Regen langsam nach. Pitschnass und völlig durchgeweicht erreichten wir kurz vor der Dämmerung Trang. Eigentlich wollten wir es heute noch bis Krabi schaffen, aber da haben wir uns leider doch um gute 150 km verschätzt. Was soll’s, morgen ist auch noch ein Tag und vielleicht haben wir bis dahin wieder trockene Klamotten.


8. November 2004, Trang – Ao Nang (Krabi)
64.069 km, N 08-01-59 / E 98-49-44

Wenn Trang etwas zu bieten hat, dann sicherlich ein paar nette Café-Häuser mit ungewohnt genüsslichem Filterkaffee, den Erik nach entbehrsamen Wochen sehr zu schätzen weiß. Zeit für ein ausgiebiges Frühstück haben wir heute reichlich, denn die restliche Strecke bis Krabi dürfte ein Klacks werden.

Obwohl es bereits morgens ganz nach Regen aussah, wurde das Wetter immer besser, je weiter wir uns der Küste näherten. Als die ersten, grünbewucherten Kalksteinformationen vor uns auftauchen, wissen wir genau, dass wir in Thailand angekommen sind. Von der Landschaft fasziniert, tauchen wir ein in eine malerische Gegend, die Scharen von Touristen in den Süden Thailands zieht und deren paradiesische Buchten auf Hunderten von Ansichtskarten abgedruckt sind. Krabi selbst bettet sich entlang einer mangroven-bewachsenen Bucht, umrandet von einigen fotogenen Karstfelsen, zu denen reichlich Bootstouren angeboten werden. In der Touristeninformation bekommen wir alles, was unsere Herzen höher schlägen lässt - angefangen von diversen Umgebungskarten, Detailplänen der umliegenden Inseln bis hin zu Unterkunfts-Preislisten – gratis! Diesen Informationsluxus haben wir schon lange nicht mehr erlebt! Bestens ausgestattet starten wir alsgleich zu den Strandorten von Krabi, um uns eine Bleibe zu suchen. Eventuell wollen wir von hier aus nach Kho Phi Phi oder auf eine der anderen Inseln – vorausgesetzt, es findet sich ein sicherer Unterstellplatz für unsere Honda.

Das Strandpanorama mit den vielen, kleinen, vorgelagerten Inselchen hat schon was - auch wenn uns beim Anblick der sonnenverbrannten, halbnackt entlang der Strandstraße langschlürfenden Pauschaltouristen eine Gänsehaut über den Rücken läuft. Ao Nang ist voll von Touristen – die Hauptsaison hat gerade begonnen. In der Mittagshitze eine preiswerte Unterkunft zu finden, entwickelt sich daher als zähe Verhandlungssache, während sich der Schweiss in Strömen in den Kniekehlen sammelt und wir einmal mehr unsere Motorradklamotten verfluchen. Bei gewissen Außentemperaturen und fehlendem Fahrtwind entwickelt sich in unseren Hosen eine eigene, höchst unangenehme Klimazone. So sind wir heilfroh, nach gut zwei Stunden Sucherei endlich die verschwitzten Dinger ausziehen und unter die kalte Dusche springen zu können. Die lange, schweißtreibende Quartiersuche schien sich dennoch auszuzahlen - zwar liegt unser Bungalow etwas außerhalb, aber wir sind ganz ungestört, haben nette Gastgeber und obendrein ein ideales Parkplätzchen.


9.-10. November 2004, Ao Nang (Krabi)
64.069 km, N 08-01-59 / E 98-49-44

Wir gehen die Sache in Ruhe an – schleppen unsere Plastikstühle zum Frühstück in den Palmengarten und überlegen uns reichlich, was wir in den kommenden Tagen eigentlich alles anfangen wollen. Irgendwie halten uns die Übernachtungspreise auf Kho Phi Phi davon zurück, gleich die nächste Fähre zu erwischen. Die Hochsaison schreckt ab und uns graut davor, den doppelt-dreifachen Preis für nichts als Massenabfertigung zu zahlen. Nachdem wir eingehend das Treiben am Strand studiert haben, sind wir uns eigentlich gar nicht mehr so sicher, ob wir überhaupt auf eine der Inseln wollen. Am Strand ist im regen Trubel kaum ein schattiges Plätzchen zu finden. So traumhaft Ao Nang gelegen ist und so fotogen auch die vielen Longtail-Boote in der Bucht ausschauen mögen – im Endeffekt ist es erschreckend, was diese für Ausflugsmassen hin- und herschippern. Ein Kommen und Gehen. Die laut röhrenden LKW-Motoren (natürlich ohne Schalldämpfer), mit denen die Boote angetrieben werden, veranstalten dabei einen Höllenkrach, dass jeder Pauschalurlauber eigentlich einen Preisnachlass wegen Lärmbelästigung rausschlagen könnte.

Bereits voreingenommen hörten wir uns weiter im Ort um. Selbst einige der Tauchschulen gestanden offen, dass es schönere Spots zum Tauchen gäbe als Koh Phi Phi – damit war auch das letzte Argument aus der Welt geschaffen und wir entschossen uns, Tauchen und Strandurlaub auf weiter nördlich zu verschieben. Um dennoch Hankas Vorfreude auf Inselfeeling gerecht zu werden, buchten wir kurzfristig einen Schnorchel-Tagestrip zu diversen Inselchen. Trotz vieler Leute war die Sache ihr Geld wert – traumhaft schöne Strände, tolle, weiß-türkisblaue Sandbänke, Affenbanden, die nur darauf warteten, etwas aus den Strandtaschen der Touristen zu klauen, und auch die Schnorchelgründe waren ganz nett. Wir entdeckten Seepferdchen, eine feuerrote Fächerkoralle und wurden im seichten Wasser von Trigger-Fischen attackiert. Unsere erste Begegnung mit einer Wasserschlange sorgte für mächtig Herzklopfen. Bei Hanka gingen gleich die Alarmglocken an – die Viecher sind nämlich giftig – aber die Schlange schien sich wenig für uns zu interessieren. Trotz regen Touristenbetriebes und dem üblichen nachmittäglichen Wolkenbruch kamen wir am Ende des Tages mit dem guten Gefühl zurück, trotz des Trubels einen herrlichen Tag verbracht zu haben.


11. November 2004, Ao Nang (Krabi) – Khao Lak

64.393 km, N 08-39-03 / E 98-14-47

Eigentlich sollte es heute für eine Nacht nach Phuket gehen. Es gab drei Gründe, die uns auf Thailands Urlaubsinsel Nummer Eins zogen: 1) Hankas berufliches Interesse an der Ferienhochburg, 2) deutsches Schwarzbrot, was solch ein Touristenmagnet quasi mit sich bringt und 3) sollte es in Padong Beach den nächsten kostenlosen Internet-Hotspot geben.

’In Padong Beach eine günstige Unterkunft zu bekommen, ist so aussichtlos wie Elendsviertel in Beverly Hills zu finden’. So oder so ähnlich nimmt uns der Lonely Planet die Illussion, uns in Reichweite des Hotspots einzuquartieren. Dabei wollten wir echt mal die Zeit nutzen und für unsere weitere Reiseplanung einige Sachen aus dem Internet runterladen. Zwar kann man in Phuket-Stadt in den Backpacker-Bleiben unterkommen, aber nachdem wir einige abgeklappert hatten, beschlichen uns erste Zweifel, ob wir nicht doch gleich weiterfahren sollten. Das größte Problem bei der Unterkunftssuche war die Honda – es schien partout keine Bleibe mit Parkplatz  zu geben. Angesicht der saftigen Übernachtungspreise in Phuket-Stadt kamen erste Zweifel auf, ob wir überhaupt irgendwo etwas Günstiges am Strand finden würden. 

Blieb nur noch das Thema Schwarzbrot. Immerhin bekamen wir Graubrot zu kaufen und nutzten die Gelegenheit, uns im Supermarkt mit Obst und Keksen einzudecken, so dass die Würfel eigentlich gefallen waren – auf Phuket bleiben wir nicht. Im Nachhinein war’s echt eine blöde Idee, überhaupt nach Phuket zu fahren. 100 km Umweg für die Katz – oder sagen wir mal: für ein Graubrot und eine Tüte Drachenfrüchte... Was soll’s! Khao Lak ist quasi um die Ecke und wie lange freuen wir uns schon auf unser einsames Paradies, wo diese Reise ihren Anfang fand. 

Aufregung machte sich breit, als wir die ersten Kreuzungen und Wegpunkte Richtung Khao Lak wiedererkennen. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass wir hier mit unseren Rucksäcken hängengeblieben sind. Rechts der glitzernde Tempel, den Hanka so mystisch in Erinnerung hatte – links unser kleines Restaurant, in dem Erik ihr einen Heiratsantrag machte – die Brücke mit den Elefanten (huch, inzwischen ist es eine ganze Herde) – und da der Abzweig zu unseren Strandhütten. Doch was unsere Augen ab da wahrnahmen, hatte gar nichts mehr mit dem ursprünglichen Paradies zu tun! Ziemlich schockiert standen wir vor einer riesigen Baustelle. Eine breite, verschlammte Straße gab den Weg frei zu einigen halbfertigen Luxusresorts; von unserem idyllischen Bungalowdorf kein einziges Überbleibsel mehr. Die hatten tatsächlich alles wegplaniert! Verstört zogen wir am Strand entlang, der mittlerweile von einer betonierten Fußgängerpromenade gesäumt wurde. Tränen schossen Hanka in die Augen. Es ist nur 2 1/2 Jahre her und alles war anders! Was ist nur aus dem ursprünglichen Fleckchen geworden? Fette Swimmingspools, edle Teakholz-Liegewiesen, romantisch arrangierte Restaurantnischen und klimatisierte Luxusbungalows protzten uns halbfertig in der Abendsonne entgegen. Wir fühlten uns, wie mitten ins Gesicht geschlagen! Unser Hafen der Ruhe, auf den wir uns schon seit Monaten freuten, existierte nicht mehr! In Kürze würde es dunkel werden und wir mussten uns wohl oder übel nach einer anderen Unterkunft umsehen.

Wir versuchten es am nächsten Strandabschnitt in Khao Lak, aber auch dort holte uns die erschreckende Realität ein. Nichts schien mehr, wie es einmal war und der neue Trend ging offensichtlich zu Luxusresorts & Spa’s. Wir kamen uns elendig verloren vor an diesem Ort, reagierten kaum auf die neugierigen Blicke der zahlreichen Touristen, die offenbar Khao Lak als neue Pauschalurlaubs-Destination entdeckt hatten. Natürlich fielen wir in dieser Umgebung mit dem Bike auf wie ein bunter Hund und bald schon wurden wir auf Deutsch angesprochen, wie teuer es denn war, das Motorrad nach Khao Lak zu verschiffen. Die Leute konnten natürlich nicht ahnen, was uns gerade durch den Kopf ging. Irgendwie wollten wir nur weg hier. Doch wohin?

Aus lauter Verzweiflung konsultierten wir doch den Lonely Planet, der eine Handvoll runtergekommener Hütten am Strand erwähnte – es sollte wohl die einzige wirklich billige Unterkunft sein. Als wir uns nach dem Weg durchfragten, reagierte der Typ vom Reisebüro, als hätten wir ihn gefragt, ob wir in einer Hundehütte schlafen könnten –  nach dem Motto, wollt Ihr wirklich DAHIN??? Klar, wir wollten es uns zumindest mal anschauen, bevor wir uns in eine teure Alternative einmieteten.

Mittlerweile waren wir derartig voreingenommen, dass wir uns regelrecht freuten, als wir die kleine Bungalowanlage für gar nicht so übel befanden. Zumindest war sie günstig, sauber, die Leute nett, das Restaurant gut und preiswert – für eine Nacht halten wir’s hier auf jeden Fall aus. Mann, Mann, Mann, heute morgen hatten wir eigentlich erwartet, einen easy Tagestrip vor uns zu haben und jetzt waren wir fix und fertig erst im Dunkeln untergekommen...


12.-16. November 2004, Khao Lak
64.497 km, N 08-39-03 / E 98-14-47

Trotz vieler Mücken hielten wir es gleich einige Tage in unserer kleinen Bungalowsiedlung aus. Es schien tatsächlich die einzige Unterkunft zu sein, die noch im „alten Khao-Lak-Stil“ existierte. Leider ist auch dieses Stück Land schon verkauft und im nächsten Jahr soll alles abgerissen werden. Traurig, welches Schicksal Khao Lak derzeit erfährt. Ob die Geldmacherei von Dauer sein wird, ist allerdings fraglich. Wir kamen mit einigen Urlaubern ins Gespräch, denen die aus dem Boden gestampften Schneidereien, Tauchshops, bayerischen Restaurants, Souvenirgeschäfte und Resorts genauso ungeheuerlich vorkamen wie uns.

Dennoch hatten wir ein paar freie Tage nötig. Hanka holte fleißig mit dem Tagebuch auf und Erik probierte so einige Programme am Laptop aus.Natürlich genossen wir auch die Stunden am Meer, obwohl nachmittags regelmäßig ein kleiner Monsunschauer hernieder ging und die Sonne verjagte.

Unser lange geplantes Vorhaben, endlich wieder Tauchen zu gehen, holten wir schließlich auch nach. Obwohl ein Tagestrip zu den 60 km vorgelagerten Similan Islands nicht gerade preiswert ist (3.500 Baht pro Nase), gönnten wir uns den Ausflug in eins der weltbesten Tauchgebiete. Es war ein gigantisches Erlebnis! Beim ersten Tauchgang zwar noch etwas unsicher (immerhin sind wir ja blutige Anfänger und es ist über ein Jahr her, dass wir das letzte Mal „Schnüffelstück-Feeling“ hatten), sahen wir neben Hunderten verschiedener Rifffische sogar einige Lion Fische, einen Hummer, eine Seeschlange und am schönsten: etliche Wasserschildkröten. Die Unterwasserwelt wartete mit atemberaubenden Korallengärten auf, wie wir sie noch nirgends vorher gesehen hatten. Völlig happy kamen wir am Abend von unserer Tauchtour zurück und hätten nichts lieber getan, als am nächsten Morgen wieder zu den Inseln zurückzufahren. Die Bedingungen zum Tauchen waren einfach perfekt: unglaublich gute Sicht, kein Regen und die als Nationalpark geschützten Tauchgründe konnten mit allem aufwarten, was das Taucherherz begehrte. Schade nur, dass die gigantischen Walhaie erst im Januar vorbeikommen!


17. November 2004, Khao Lak – Ranong
64.699 km, N 09-57-56 / E 98-38-01

Besonders aufregend ist der Highway 4 gen Norden nicht gerade, aber Erik ist heilfroh, dass es endlich weitergeht und er sich nicht mehr von den Mücken um unseren Bungalow auffressen lassen muss. Bei Hanka sieht’s dagegen etwas anders aus: gern wäre sie noch länger geblieben. Mam und die anderen vom Happy Lagoon waren so liebe Vermieter und die Kokosnuss-Shakes zum Frühstück am Strand werden wir echt vermissen! Wir können noch immer nicht fassen, dass auch diese Oase demnächst dicht gemacht werden soll. Mal abgesehen von den Tauchsafaris zu den Similan Islands gibt’s ja dann eigentlich keinen Grund mehr, nach Khao Lak zurückzukehren...

Eine deutsche Bäckerei fanden wir prompt noch im benachbarten Bang Bang Niang – mit Margarine gab das dunkle Mohn-Körner-Brot ein hervorragendes Mittagessen ab. Erik grummelte zwar anfangs, weil der Brotaufstrich in diesen Breiten mehr als dürftig ausfällt, aber Hanka ist zur Zeit ziemlich auf dem „Brottrip“. Wann gibt’s schon mal was „Dunkles“ zu beißen???

Als wir 200 km später in Ranong eintrudeln, registrieren wir sofort, wie anders es sich anfühlt, endlich wieder in einem „normalen“ Ort gelandet zu sein – ohne Pauschaltouristen! Die Preise sind entsprechend „normal“, was den Geldbeutel freut. Schnell findet sich eine nette Bleibe, wo wir die Honda sogar für länger parken könnten. Allerdings sind wir uns absolut nicht einig darüber, wie die kommenden Tage aussehen sollen – Hängemattenurlaub auf Ko Chang oder weiter auf dem Festland nach Norden? Was der eine stinklangweilig findet, scheint für den anderen genau das Paradies auf Erden und schon flogen die Fetzen. So selten, wie bei uns ein Ehekrach entflammt, so schnell finden wir die Sache lächerlich. Irgendwie konnte es doch nicht angehen, dass wir uns wegen einer kleinen Urlaubsverlängerung stritten...??? Heute kamen wir jedenfalls zu keiner rechten Lösung, waren uns aber dennoch einig, das Kriegsbeil zu begraben. Wir haben uns doch viel zu gern, als so eine miese Stimmung aufkommen zu lassen – wegen יner Insel! Wahrscheinlich bleiben wir morgen erstmal in Ranong und erkundigen uns ausführlich, wie wir überhaupt nach Ko Chang kommen, um anschließend eine Entscheidung zu fällen. Irgendein Kopromiss wird sich finden.


18. November 2004, Ranong
64.699 km, N 09-57-56 / E 98-38-01

Prompt sah die Welt heute schon wieder ganz anders aus. Der Bootstransfer zu den Inseln ist deutlich günstiger als erwartet, die Auswahl an Bungalows nicht schlecht, unser Reise-Timing und selbst das thailändische Visum reicht dicke – also sind ein paar Tage Ko Chang durchaus drin. Obendrein hatten wir sogar eine vielversprechende Empfehlung für ein paar Ausspanntage im „Crocodile Rocks“. Vielleicht ist dies ja sogar die Gelegenheit für Cheryl und David, kilometermäßig ein wenig aufzuholen. Die beiden Australier sind uns seit einigen Wochen per Motorrad auf den Fersen und dürften derzeit kurz vor Thailand stecken – wäre echt schön, wenn wir den netten E-Mail-Geschichten irgendwann auch Gesichter zuordnen könnten.

Zur Feier des Tages verwöhnten wir uns beide mit einem neuen Haarschnitt: für Erik gab’s das übliche Do-it-yourself-Gratis-Verwöhnprogramm inkl. Fellmassage und Hankas Spontanität bei der Auswahl eines Friseursalons wurde mit einem gelungenem Styling belohnt (130 Baht inkl. Massage – das sind etwa 3 EUR, das muss man sich mal vorstellen). Die langen Haare sind jetzt um etliches kürzer, was nicht nur praktischerweise einen „Helmvorteil“ bringt, sondern obendrein ein völlig neues Selbstwertgefühl. Fehlt nur noch ein pfiffiges Kleid und Sandaletten, ... aber da wird der Erik auch schon hellhörig!

Obwohl die Friseurin (wie viele Leute hier) kein Wort Englisch sprach, scheinen wir in Thailand dennoch die wenigsten Verständigungsprobleme zu haben. Das Lächeln scheint den Thais quasi angeboren zu sein. Oft drückt die Mimik mehr als Worte aus. Im Gegensatz zu anderen Mentalitäten geniert sich in Thailand offensichtlich auch keiner, von Hand- und Zeichensprache regen Gebrauch zu machen. Preisangaben werden beispielsweise meistens von Haus aus aufgeschrieben, mit den Fingern gezeigt oder in den Taschenrechner eingetippt. Das sind nur wenige von vielen Beispielen. Heute nachmittag schauten wir spontan auf der Straße dabei zu, wie Erdnuss-Knoblauch-Maultaschen (oder wie auch immer man die Dinger bezeichnen mag) gemacht werden – für unsere Neugier gab’s eine gratis Kostprobe, obwohl wir gern das Schälchen bezaht hätten. Irgendwie empfinden wir die Leute wirklich als angenehm.


19. November 2004, Ranong – Ko Chang
64.699 km, ohne GPS

Wir haben wirklich ein Glück mit unserem Gästehaus – für die nächsten Tage darf die Honda gut behütet in der Lobby zwischen Restaurant und Internetcafé stehen bleiben und das meiste unseres Gepäckes können wir unterstellen. Viel mehr als Badesachen, Mückenspray, Sonnencreme und unseren Computer brauchen wir wahrscheinlich nicht für die Insel.

Mit dem Sammelbus geht’s anschließend zum Hafen – die Fahrt an sich ist schon ein Erlebnis, so selten, wie wir mal Bus fahren. Die Bootsablegestelle ist lächerlich klein, aber wir sind schon mal erleichtert, dass nur eine Handvoll „Falangs“ unter den Wartenden ist. Betriebsam wird der Kahn mit riesigen Eisblöcken, Paletten von Getränken, Eiern, Gemüse, Baumaterialien und dergleichen beladen – fehlte nur noch das Lebendvieh. Nach einer ewigen Warterei (echt übel, was man als Backpacker zwangsläufig für Zeit mit Warten verbringen muss) war der durch die Ebbe bedingte Wasserpegel hoch genug, dass unser Kapitän die Fuhre ablegen konnte. Zwischen all der Inselverpflegung fanden wir kaum Platz für unsere Füße, dann ging es auch schon los und Wasser schwappte und spritzte kräftig über die Bordwand.

Wir fuhren ins schöne Wetter hinaus und träumten bereits vom einsamen Paradies zwischen all den Inselchen, die wir passierten. Allzu einsam schien Ko Chang auf den ersten Blick allerdings nicht. Den langen Sandstrand säumten so einige Hütten, Müll brannte irgendwo zwischen Palmenwipfeln und erwartungsvoll stürmten die Hüttenbewohner an den Strand, um die neuen Lebensmittelvorräte vom Boot zu ziehen. Wir gingen als letzte von Bord und überraschten Tina & Ton, die eigentlich noch nicht mit Gästen gerechnet hatten. Die Saison auf Ko Chang hat noch nicht ganz angefangen und außer dass sich letzte Woche wohl einer mal ins „Crocodile Rocks“ verirrt hatte, schlummerten die beiden noch den Inselschlaf. Uns waren die zwei sofort sympathisch. Einziges Problem: es gab keine Eliktrizität, was an sich ja ganz romantisch ist, aber wir uns für die nächsten Tage einiges an Arbeit am Laptop vorgenommen hatten. Sofort stürzte Ton gegen unseren Willen los, um bei den Leuten nachzufragen, die einen Generator besaßen. In Nullkommanichts war dieses Thema aus der Welt geschaffen und wir konnten den Generator eines benachbarten Resorts anwerfen lassen, wannimmer wir arbeiten wollten. Eigentlich ist es ja schon beschämend, extra einen Generator wegen des blöden Computers laufen zu lassen, aber außer uns schien überhaupt niemand ein Problem damit zu haben. Die beiden wollten offensichtlich, dass wir bei ihnen blieben und auch wir hatten uns bereits in den liebevoll gezimmerten Bungalow mit Hängematten-Terasse und Blick über die ganze Bucht verliebt. Hhhhhhhhhhach, jetzt können wir uns mal so richtig fallen lassen und entspannen. Ein Stoßgebet an Ulrike und Kai, die uns dieses wunderschöne Flekchen verraten hatten.


20.-22. November 2004, Ko Chang
64.699 km, ohne GPS

Da ja Erik regelmäßig vom „Inselkoller“ heimgesucht wird, ist es schon erstaunlich, dass er es ganze drei Tage auf Ko Chang ausgehalten hat. Das seine Gedanken dennoch um die Honda kreisten, konnte er leider nicht ganz abstellen. Irgendwie fühlt er sich jedes Mal ohne seine rote Freundin wie ein halber Mensch.

Nichtsdestotrotz genossen wir eine herrlich ruhige Zeit mit Tina und Ton. Die beiden sind phantastische Gastgeber, begnadete Köche und obendrein interessante Gesprächspartner. Tina stammt aus Österreich, Ton ist in Bangkok aufgewachsen – die beiden sind wahrlich ein ungewöhnliches Pärchen. Ton ist eigentlich Tempelmaler von Beruf. Seine künstlerische Begabung spiegelt sich in vielen Details des kleinen Resorts wider. Ein Blick auf die wunderbar luftige, kuschelige Terasse über den Meerklippen gab einem immer wieder das Gefühl, in eine Ausgabe von „Schöner Wohnen“ zu schauen. So oder so ähnlich könnte sich Hanka durchaus vorstellen, ihr Leben zu gestalten. Das „Zuhausesein-Gefühl“ wurde dadurch abgerundet, dass Hanka jederzeit mit im Wok herumrühren durfte, wannimmer einer von uns Hunger verspürte. Zu viert lebten wir wie in einer kleinen Familie – kochten aus der großen Eisbox, was gerade an Vorräten da war oder blieben einfach nur als Gast in einer der Hängematten mit einem Buch liegen.

Wir machten es uns zur Angewohnheit, jeden Tag einen langen Spaziergang über die Insel zu unternehmen. Von einem Beach aus war der Sonnenuntergang besonders schön zu sehen, in der nächsten Bucht gab es leckere Fruchtshakes am Strand – aber alles in allem war es vor allem ruhig und entspannend auf Koh Chang, ohne Touristenmassen – eigentlich genau das, was wir in Khao Lak vergeblich gesucht hatten.

Eines Nachmittags wurde unsere gemütliche Runde um zwei neue Gäste erweitert: Ottokar und Tabea aus Berlin. Die beiden waren ein faszinierendes Pärchen - Tabea seit Kindesbeinen gehörlos und Ottokar ein erfolgreicher Schauspieler (peinlich, dass wir uns im deutschen Filmgeschäft überhaupt nicht auskennen). Erstaunlich, wieviel wir in der kurzen Zeit über Gehörlosigkeit lernten. Wir wurden immer wieder mit neuen Denkanstößen überrascht, als wir damit begannen, physische Selbstverständlichkeiten mal von einer ganz anderen Seite zu betrachten. Danke an Tabea und Ottokar für diese intensiven Erlebnisse!


23. November 2004, Ko Chang – Ranong
64.699 km, N 09-57-56 / E 98-38-01

Irgendwann musste es ja weitergehen. Auch wenn sich Hanka insgeheim wünschte, dass das als unzuverlässig geltende Nachmittagsboot zum Festland nicht kommen möge, kündigte sich das Wassertaxi mit dem knattrigen Diesel-Motor doch mit trauriger Nüchternheit an. Unser kleiner Inselurlaub ging definitiv dem Ende entgegen, da tröstete auch die Vorfreude auf die Honda oder den lieb gewonnenen Sagu-Sojamilch-Suppen-Stand in Ranong nicht hinweg. Natürlich lässt sich nicht bestreiten, dass es ein gutes Gefühl war, die Honda unversehrt wiederzusehen. In der Zwischenzeit hatte man in unserem Gästehaus in Ranong die halbe Lobby umgebaut und die Arme stand eingebaut und verstaubt zwischen Tischen und Computern. Morgen müssen wir wohl die Seitenkoffer abbauen, um die Gute da überhaupt rauszukriegen.

Zurück auf dem Festland verlief der Abend ziemlich sentimental – unsere Gedanken und Gespräche kreisten noch immer um Ko Chang, Tina & Ton und die nicht weniger interessante Begegnung mit Tabea & Ottokar. Wir hatten in diesen Tagen so viel Neues aus der Welt der Gehörlosen gelernt und irgendwie vermissen wir die Gegenwart der beiden. Uns fielen noch 1000 Fragen an die zwei ein und Hanka schosss es ehrlich die Tränen in die Augen bei der Vorstellung, wie die vier heute abend alleine beim Abendessen auf der Klippenveranda vor der wunderschönen Inselkulisse sitzen, die uns innerlich wie ein Traum von einem eigenen Zuhause vorkam. Irgendwie fühlt sich das Ganze noch trauriger an, weil diese Sehnsucht nach eine persönlichen Oase für andere sicherlich schwer nachvollziehbar ist. Manchmal tut es weh zu akzeptieren, dass es immer nur ein vorübergehendes Wohlfühlgefühl ist, dass man unterwegs erlebt. Sind uns schöne Unterkünfte inzwischen so wichtig geworden? Eriks Logik ergibt zumindest irgendwie Sinn – diese Sentimentalität mag vielleicht daher rühren, weil wir selbst kein richtiges Zuhause mehr haben...


24. November 2004, Ranong – Bang Saphan
64.975 km, N 11-10-02 / E 99-29-53

Da hatten wir extra die Stefan-Loose-Bikerroute inklusive Detailkarte abfotografiert, die Fotoformate von Hand geändert und natürlich ausgedruckt – und verfransten uns heute dermaßen, dass der halbe Tag dabei draufging.

Bis Chumphon kamen wir noch recht zügig voran. Der Highway 4 führte uns in zahlreichen Kurven durch sattgrüne Dschungelvegetation; in weniger als 80 km ist man von der West- an der Ostküste Thailands. Von Chumphon aus wollten wir uns dann die Nebenstraßen weiter nach Norden durchschlagen, um die tollen Steilküstenabschnitte (wie vom Stefan Loose Reiseführer beschrieben) nicht zu verpassen. Leider fanden wir nicht annähernd das, was die Route versprach. Statt am Meer entlang zu fahren, prügelten wir die Honda durch endlose Kautschuk- und Ölpalm-Plantagen. Thailand ist übrigens weltführender Lieferant von Naturkautschuk und uns schien, als würde der strenge Geruch der zum Trocknen aufgehangenen Latexmatten für den Rest des Tages an uns kleben bleiben. Bis wir endlich den nächsten Ort, Pathiu, gefunden hatten, verging eine Ewigkeit, in der wir vermutlich dreimal irgendwo falsch abgebogen waren und ebenso oft in die falsche Richtung geschickt wurden. Eigentlich dachten wir immer, Thailands Straßen seien super gut beschildert – sind sie auch unbestritten – nur leider hörten auf den Nebenpisten irgendwann die zweisprachigen Wegweiser auf, so dass wir nur raten konnten, was die thailändischen Schiftzeichen bedeuten könnten. In den verschlafenen Nestern nach dem Weg zu fragen, schien ein genauso aussichtloses Unterfangen, da wir mit unseren englischen Ortsbezeichnungen in den seltensten Fällen verstanden wurden. Überhaupt entstand bei uns heute der Eindruck, dass die Leute, die normalerweise nicht mit Tourismus in Berührung kommen, um einiges zurückhaltender und verschlossener uns „Westlern“ gegenüber sind.

Aus diesem Grund bekam Erik eine super Idee. Es war bereits später Nachmittag, als wir Bang Saphan erreichten. Eigentlich unschlüssig darüber, ob wir noch ein paar km auf den Tacho bringen oder uns doch lieber eine Unterkunft suchen sollten, hielt er vor der Bäckerei im Ort. Mit den Worten „Warte mal, ich komme gleich wieder“, folgte er seinem Instinkt und fand unter den Verkäuferinnen tatsächlich eine, die Englisch sprach. Zu Hankas Verblüffung erklärte er später, dass dies das einzige Geschäft im Ort mit einem zweisprachigen Ladenschild war. Auch die Baguette-Stangen, die für thailändische Bäckereien nicht üblich sind, ließen auf europäischen Einfluss schließen. Er lag mit seiner Vermutung goldrichtig. Binnen 10 Minuten hatte die hilfsbereite Bäckerin ihre Kontakte abtlefoniert und für uns einen günstigen Bungalow am Strand gefunden, wo wir überglücklich einzogen. Die Wasserqualität des Meeres lässt zwar ziemlich zu wünschen übrig, aber das störte uns wenig – hauptsache endlich raus aus der klebrigen Motorradkluft und rein in die Badesachen!

Uff, der heutige Tag war eine Erfahrung und wir werden uns demnächst reichlich überlegen, ob es sich wirklich lohnt, den ganzen Tag auf kleinen Nebenstraßen umherzuirren. Morgen haben wir deswegen saftige 375 km vor uns, wenn wir wie geplant bis Kanchanaburi kommen wollen.


25. November 2004, Bang Saphan – Kanchanaburi
65.383 km, N 14-02-17 / E 99-30-37

Wir haben’s tatsächlich bis Kanchanaburi geschafft! Im Vergleich zum abwechslungsreichen Süden war die Strecke allerdings absolut langweilig zu fahren. Bei dieser Einöde im Sattel gab man sich zwangsläufig seinen Geistesblizten hin, um seine grauen Zellen irgendwie zu beschäftigen. Die Kilometer wollten einfach nicht vergehen. Hinzu kam ein stürmischer Wind, der immer wieder kräftige Seitenhiebe verteilte, dass es nur so flatterte. Immerhin war’s heute unter einer konstant fetten Wolkendecke temperaturmäßig gut auszuhalten.

Mittags halten wir in Hua Hin und nehmen uns die Zeit, die deutsche Bäckerei zu suchen, die eine gutbürgerliche Backstube verspricht. Bingo – richtig echte Frühstücksbrötchen und Schwarzbrote in der Auslage, die schon von weitem dafür sorgen, dass sich unweigerlich die Kiefermuskaltur anspannte. Auf einer Bank am Bahnhof sind die duftenden Schätze im Nu verspult und wir entscheiden einstimmig, gleich nochmal Nachschub einzukaufen. Ein knusprig frisches Roggenmischbrot und sechs Brötchen baumelten duftend ohne zweimal nachzudenken hinter den Tankrucksack.

Kanchanaburi scheint zu halten, was uns andere Biker versprachen. Der Ort wirkt relaxt und es gibt ein erstaunliches Angebot an schönen Unterkünften direkt am River Kwai, dass wir uns schwer damit tun, uns für eine Bleibe zu entscheiden. Sicherlich halten wir es hier ein paar Tage aus.


26.-27. November 2004, Kanchanaburi
65.383 km, N 14-02-17 / E 99-30-37

Wie sich herausstellte, waren wir zufällig genau zur richtigen Zeit in Kanchanaburi. Einmal im Jahr findet ein Feuerwerks-Licht-Ton-Spektakel statt, wo die Bombardierung der Brücke am Kwai-Fluss mit Szenen aus dem 2. Weltkrieg erstaunlich realistisch nachgestellt wird. Tagsüber sind wir zusammen mit vielen anderen Besuchern noch über die legendäre Eisenbrücke gelaufen und abends sahen wir selbige vor unseren Augen zusammenstürzen. Die Show war beeindruckend und am nächsten Morgen natürlich alles wieder unversehrt. Dem Spektakel liegt eine traurige Vergangenheit zugrunde, die der Film „Die Brücke am Kwai“ berühmt gemacht hat.

Wir haben das Bedürfnis, uns einen historischen Überblick zur Brücke am Kwai und dem damit verbundenen Mordsprojekt zu verschaffen, eine Eisenbahnlinie durch den Dschungel bis nach Myanmar zu bauen. Das Thailand-Burma-Railway-Museum liefert hierzu eine professionelle Ausstellung. Mehr als 100.000 Menschenleben (hauptsächliche Burmesen, aber zum Teil auch alliierte Kriegsgefangene) hat es gekostet, das Wahnsinns-Bauvorhaben von 415 km Eisenbahnlinie durch schwierigstes Gelände und Malariagebiet umzusetzen. Während ganze 5 Jahre für den Schienenbau veranschagt waren, prügelten die Japaner (die Thailand besetzt hielten) das Vorhaben in nur 16 Monaten durch – auf erschreckende Kosten der „Arbeitssklaven“. Noch heute kommen erschütternd viele Hinterbliebene aus aller Welt nach Kanchanaburi, um der Angehörigen zu gedenken, die während des Baus der „Todeseisenbahn“ ihr Leben ließen.

Ursprünglich wollten wir einen Ausflug in die Umgebung zum Hellfire Pass unternehmen, den Spuren der ehemaligen Eisenbahnlinie folgend. Doch irgendwie konnten wir uns nicht so recht dazu aufraffen. Unsere Antriebslosigkeit hatte zumindest etwas Gutes: mitten in Kanchanaburi trafen wir eine silberne Transalp mit Alukisten. So selten, wie wir unterwegs eine Transalp gesehen haben, so wenig hätten wir mit einem italienischem Eigentümer gerechnet. Ennio Cavallucci (diesen Namen muss man einfach voll ausklingen lassen) war ein „asiatischer Dauernomade“, wie er sich selbst bezeichnete. Seit 10 Jahren fährt er seine Transalp durch die Welt, immer mit regelmäßigen Arbeitsunterbrechungen in Italien. Der Italiener wirkte auf uns vom ersten Ausblick an wie ein wahrer Lebenskünstler – die letzten Wochen in Kanchanaburi hat er einem Restaurant geholfen, einen italienischen Pizzaofen zu bauen und dem Koch das italienische Pizza-Geheimnis anzuvertrauen. Wir durften uns life und kulinarisch davon überzeugen, dass er keine schlechte Arbeit geleistet hatte.

An diesem Abend lernten wir gleich noch ein thailändisches Ritual kennen: „Mondbötchen“. Die aus Blumen, Kerzen, Räucherstäbchen gefertigten und auf eine Styropor- oder Bananenstammscheibe befestigten Kunstwerke lässt man traditionell bei Vollmond in den Fluss, um sich für seine Sünden zu entschuldigen. So oder so ähnlich erklärte man uns die alte Tradition. Makabererweise verschmutzt diese Zeremonie den Fluss noch schlimmer als alle Entschuldigungen wett machen könnten. Für einen Augenblick mögen die schwimmenden Kerzenbötchen hübsch aussehen, doch am Morgen zogen unzählige, zerzauste Fragmente dieser flussabwärts. Der River Kwai ist schon jetzt so schmutzig, dass Badeverbots-Schilder aufgestellt sind.


28. November 2004, Kanchanaburi – Bangkok
65.513 km, N 13-46-21 / E 100-30-11

Bis Bangkok ist es ein gerade mal ein Katzenprung von 130 km. Es ist Sonntag und wir starten guter Hoffnung, dass wir vom Verkehrschaos der Metropole verschont bleiben würden.

60 km vor Bangkok verdichtete sich jedoch der Verkehr und wir zirkelten um einen LKW nach dem anderen durch den Stau. Die Abgase und die Hitze forderten ihre Schweißperlen, aber frischer Fahrtwind war einfach nicht in Sicht. Irgendwann rollte es wieder, doch wir anscheinend genau in der falschen Fahrspur. Bei der ersten Gelegenheit zog uns die Polizei aus dem Verkehr und wir lernten, dass wir im Wirrwarr aus doppelstöckigen Autobahnspuren mit unseren Motorrad nur die äußere Parallelstraße benutzen dürfen. Im Eifer des Orientierungs-Gefechts hatten wir die winzigen Moped-Verbotsschilder glatt übersehen. Fortan kämpften wir uns auf der äußersten Ampelspur durch den Tuk-Tuk-Verkehr und fanden uns bereits in Kürze in Banglamphu wieder – genau dem Stadtteil, wo wir hinwollten. War doch gar nicht so schlimm...

Da wir für Bangkok gleich 3 Unterkunftsempfehlungen auf dem Stadtplan verzeichnet hatten, klapperten wir ein Gästehaus nach dem anderen ab, bis sich eine Bleibe mit sicherem Motorradstellplatz fand. Nachdem das Gepäck ins Zimmer gehievt ist, ließen wir uns erleichtert aufs Bett fallen – doch angesichts der knochenharten Matratze breitete sich sofort ein schmerzverzehrtes Grinsen auf unseren Gesichtszügen aus. Routinemäßig „tätscheln“ wir bei unserer Quartiersuche eigentlich immer die Matratze an, doch bei einer 15 cm, solide wirkenden Bettunterlage wie dieser hatten wir den Rückentest glatt vergessen. Da waren wir also in Bangkok, aber uns schienen knochenharte Nächte bevorzustehen. Wie gut, dass wir mit unseren Luftmatratzen solch absehbare  Strapazen kompensieren können.


29. November – 3. Dezember 2004, Bangkok
65.612 km, N 13-46-21 / E 100-30-11

Bangkok bleibt ein echtes Erlebnis, obwohl wir die Stadt vorher schon ein wenig kannten. An jeder Ecke gibt es etwas Interessantes zu sehen, riechen und zu schmecken. Gekocht und gebrutzelt wird eigentlich überall und zu jeder Tag- und Nachtzeit. Man wird quasi ständig in Versuchung gebracht, etwas Neues auszuprobieren. Unsere Gegend scheint ein kulinarisches Fantasialand. Wir lassen es schnell zur Angewohnheit werden, 2 bis 3 Fruchtsäfte pro Tag zu schlürfen, Klibberbällchen, Kokosnäpfchen oder Waffeln zu knabbern – kurz gesagt, es uns richtig gutgehen.

Nicht allzu gut geht die Fahrerei mit dem Motorrad. Wider Erwarten hatten wir zwar keinerlei Probleme mit den überall herumwuselnden Tuk-Tuks und Mopedtaxis, dafür aber mit der Polizei. Der Versuch, zur Laos-Botschaft per Motorrad zu fahren, scheitert an mehreren Verkehrspolizisten. Die uniformierten Ordnungshüter stehen aber auch an jeder Kreuzung und warten nur darauf, dass man in die verkehrte Fahrspur rutscht. Bei einem zig-spurigen Kreiverkehr gehen wir den Bullen prompt ins Netz. Im Wirrwarr aus Ampeln, Verkehr und der Anstrengung, bloss die richtige Ausfahrt zu erwischen (Schilder sind zwar größtenteils zweisprachig, aber man muss sich mit den Augen erstmal fix durch die thailändischen Schiftzeichen hangeln) landen wir aus Versehen prompt in der Busspur. Obwohl wir uns bisher jedes Mal aus der Affäre ziehen konnten, hat der Ordnungshüter kein Erbarmen mit uns und zieht Eriks Führerschein ein. 400 Baht (10 Dollar) sollten wir löhnen, dann könnten wir samt Führerschein weiterdüsen. Was blieb uns also anderes übrig, als 400 Baht in der Westentasche des Polizisten wandern zu lassen? Die Weiterfahrt zur Botschaft gaben wir auf – in der Stadt wimmelte es nur von Bullen, dass wir unsere Visa kurzerhand doch lieber über ein Reisebüro besorgen ließen.

Nach dieser Erfahrung kauften wir uns gleich einen Busnetzplan und beschlossen, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Die Honda stand sicherer im Hotel. Vielleicht sollten wir uns ja sogar ein paar vernünftige Führerscheinkopien besorgen, um aus derartigen Situationen mit einer Freifahrt rauszukommen?

Leider stellte sich heraus, dass das Busfahren auch nicht so einfach war. Die klapprigen Geschosse fuhren nämlich selten dahin, wo man glaubte und es kostete einiges an Zeit und Nerven, sich durch die Stadt zu wurschteln. Mehr als einmal bog der vermeintlich richtige Bus irgendwo von der Hauptroute ab und bescherte uns etliche Meilen zu Fuß. Offenbar waren wir zu doof für Bangkok’s Busliniensystem.

Dennoch mussten wir uns wohl oder übel durchkämpfen. Wieder einmal galt es nämlich, eine Riesenliste an Besorgungen zu erledigen. Nicht nur um Visa mussten wir uns kümmern, sondern wir brauchten vernünftige Landkarten für Laos und Kambodscha, Ölwechsel war fällig und es galt vor allem zu entscheiden, welche Route für die kommenden Wochen die beste war. Knackpunkt an der Sache war die Tatsache, dass unser Carnet ablief und wir die Dokumente nicht gerade in die thailändischen Nachbarländer schicken lassen wollten. Nebenbei wurde auch langsam aber sicher unser Thailand-Visum knapp und die Frage der Routenplanung hatte wesentlichen Einfluss darauf, ob unsere Reifen die Strecke noch mitmachen würden. Kambodschas Dreckpisten sind berühmt-berüchtigt, andererseits lohnte es sich, für schätzungsweise 7.000 km extra noch einmal neue Reifen aufzuziehen? Schlecht sahen die Mefos ja eigentlich noch nicht aus. Wannimmer wir Anfang nächsten Jahres aus Bangkok nach Nepal oder Indien verschiffen, müssen wir ohnehin nigelnagelneue Schlappen aufziehen, die uns möglichst bis in die Türkei bringen. Die Chancen, auf der Overland-Route Reifen oder andere Ersatzteile zu bekommen, standen nämlich mehr als schlecht.

Nach etlichen Überlegungen und einigem Hin und Her entschieden wir uns, die „Runde“ durch Südostasien im Norden zu starten, d.h. zuerst nach Laos zu fahren. Das Visum für Laos hatten wir in der Tasche – Kambodscha müssen wir einfach später noch einmal versuchen (kaum zu glauben, dass der kambodschanischen Botschaft in Bangkok derzeit die Visumsticker ausgegangen sind).

Todmüde fielen wir abends in unsere hart-weichen Betten. Der Organisationskram in der heißen Stadt kostete Kraft und es stellte sich beizeiten die Vorfreude auf’s Weiterfahren ein. Nordthailand dürfte einiges entspannter und vor allem kühler werden. Wenn alles klappt, sollte unser neues Carnet in den kommenden Tagen mit uns in Chiang Mai eintreffen. Hoffentlich.

 

Hanka und Erik
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