Übersicht Tagebücher
Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Thailand – Der Norden


4. Dezember 2004, Bangkok – Nakhon Sawan

65.612 km, N 15-42-18 / E 100-08-22

Aus Bangkok wieder herauszufinden, ohne aus Versehen auf der falschen Spur zu landen, dabei möglichst fix die Thai-Englischen Richtungsweiser zu erfassen und auch noch den Verkehr im Auge zu behalten, wurde zur echten Herausforderung. Schon wollten wir aufatmen, weil wir diesmal ohne Zwischenfälle mit der Bangkok-Polizei auf Anhieb auf der richtigen Autobahn (und Fahrspur) gelandet waren, da stockte der ganze Verkehr. Ein kilometerlanger Stau hatte sich zusammengebraut – wir kämpften uns mühsam vorbei an röhrenden LKW’s und stinkenden Pickups, die rußige Spuren auf unseren Gesichtern hinterließen. Viel schlimmer als die Abgase war die Hitze! Nach Fahrtwind lechzend, folgten wir dem Beispiel der lokalen Mopeds und wuselten uns von einer engen Spurreihe zur nächsten durch den stehenden Verkehr. Es hätte tatsächlich fast geklappt und einer der Seitenkoffer wäre dabei auf der Strecke geblieben...

Der Rest der Strecke gen Norden gestaltete sich öde und langweilig. Heute ging es leider nur darum, Kilometer abzusitzen. Schade, denn nachdem man knapp eine Woche auf den Motorradsattel verzichtet hatte, wäre ein anspruchsvoller Bikerasphalt zum „Wiedereinstieg“ genau das Richtige. Damit müssen wir wohl leider warten, bis wir uns der burmesischen Grenze nähern.

In Nakhon Sawan machen wir uns auf die Suche nach einem Gästehaus. Der Ort ist nicht gerade ein Touristenziel, wie wir schnell feststellten. Sämtliche Schilder und Beschriftungen waren in Thai geschrieben – wie soll man da ein Hotel ausfindig machen? Wir probierten’s an der Tankstelle, wo tatsächlich jemand ein paar Brocken Englisch verstand und uns weiterschickte. Hanka stellte sich innerlich bereits auf Zelten ein, doch schließlich entdeckten wir doch noch eine Pension, wo wir hängenblieben. Ausgehungert begaben wir uns anschließend auf kulinarische Entdeckungstour und wurden gut fündig. Das Abendessen war wohl das allerleckerste Thaifood, seit uns Tina auf Ko Chang verwöhnt hatte. Überhaupt lieben wir an Thailand, dass man nie lange suchen muss, um sich den Bauch mit wunderbar wohlschmeckenden Sachen zu füllen. Hilfsbereit und großzügig bewirtete und beäugte man uns Fremde, als  wir über den Markt schlenderten und den verlockendsten Düften von einer Garküche in die nächste folgten. 

Den restlichen Abend zappten wir uns durch die 40 Programme unseres Zimmer-Fernsehers. Wann hat man schon mal den Spaß, Silvester Stalone oder Bruce Willis mit thai-synchronisierten Stimmen zu erleben? Echt witzig!


5. Dezember 2004, Nakhon Sawan – Mae Sot

66.132 km, N 16-42-55 / E 98-33-53

In der Trostlosigkeit des schnurgeraden Highways kam uns die Gelegenheit ganz recht, Dennis und Marijcke kennenzulernen (www.home.zonnet.nl/fietsvakantie). Die beiden Holländer sind mit ihrem Tandem gerade auf dem Weg nach Chiang Mai. Eigentlich radeln sie mit ihrem Anhängergespann schon seit einiger Zeit etappenweise um die Welt. So dauerte es nicht lange und wir schwelgten zusammen in süßen Erinnerungen an Südamerika, wo es den zweien ebenfalls am besten gefallen hat. Wie wir lachend feststellten, hätten wir letzte Nacht sogar beinahe im gleichen Gästehaus übernachtet – die beiden hatten nämlich diesselben Schwierigkeiten, in Nakhon Sawan eine Bleibe zu finden. Mal schauen – vielleicht sieht man sich nochmal irgendwo zwischen Laos, Kambodscha und Thailand. 

Ab Tak wurde es landschaftlich schlagartig interessant: 75 km geniale Kurven durch die Berge und dicke Wälder, so weit das Auge reicht. Erik genoss das Motorradfahren so sehr, dass sich Hanka gar nicht traute, ihn für Fotostops zu bremsen. Wie ein roter Tiger schnurrte die Honda im Gleichklang mit Erik durch die Höhen bis Mae Sot. Zu unserer Erleichterung gab es in dem Grenzörtchen ein paar Leute, die Englisch sprachen und wir fanden recht schnell ein gut von Backpackern frequentiertes Gästehaus.

PS: Wie wir in Mae Sot erfahren, hat heute der tief verehrte König von Thailand Geburtstag. Zur Feier des Tages gibt es ein Mini-Feuerwerk und Bier darf nur in den hinteren Räumen des Restaurants (fern der Öffentlichkeit) getrunken werden – wieso auch immer...


6. Dezember 2004, Mae Sot

66.132 km, N 16-42-55 / E 98-33-53

Heute ist Nikolaus und der letzte Tag unseres Thailand-Visums läuft ab. Leider steckt am Morgen kein neues in den Stiefeln, also müssen wir uns auf den Weg nach Myanmar machen, um kurz das Land zu verlassen. „Visa Run“ nennt man so etwas, welchen selbst die Auswanderer hier mangels einer thailändischen Langzeitvisa-Regelung regelmäßig in Kauf nehmen müssen. Wir gönnen uns also den Spaß.

Per Sammelbus geht’s in die 7 km entfernte Grenzstation nach Myawaddy, wo sich die Freundschaftsbrücke majestätisch über den Grenzfluß spannt. Während wir mit unseren Pässen Richtung Myanmar schreiten, benutzen viele der Einheimischen ungeniert den Flussweg. Mittels aufgeblasener LKW-Schläuche lässt sich so einiges über die Grenze transportieren, wie wir erstaunt feststellten. Für uns bedeutete der offizielle Weg, 10 US-Dollar pro Person auf den Tisch zu legen, um dafür ein Tagesvisum für Myanmar ausgestellt zu bekommen. Schade, dass man noch immer nicht sein Motorrad mitnehmen kann – wir wären gerne länger geblieben (und hätten uns damit eine teure Verschiffung gespart). Bevor wir die Brücke aber zurück nach Thailand nahmen, wollten wir uns wenigstens einen kurzen Eindruck von Myanmar holen. Schließlich waren wir wir einmal hier.

Gleich auf den ersten Blick fanden wir uns in einer anderen Welt wieder. Im Vergleich zu Thailand waren die Leute hier wesentlich ärmlicher gekleidet und auf der staubigen Straße prägten Fahrradrikschas statt Tuk-Tuk’s das Bild. Regelrecht auffällig war der Dreck und Müll überall. Am schlimmsten war es auf dem winzigen Markt, wo Tausende von Fliegen um die wenigen Dinge kreisten, die zum Verkauf auslagen. Was für ein Gegensatz zu Thailand!

Obwohl die Leute die Stipvisiten von „Weißen“ an der Grenze ja gewöhnt sein müssten, wurden wir überall neugierig beäugt. Es waren scheue, aber nette Menschen, denen ein Lächeln leicht fiel. Neugierig, wie wir waren, durften wir dabei zuschauen, wie Bethelnusshappen hergestellt werden. Die Kostprobe lehnten wir allerdings schüchtern ab. Hinterher ärgert man sich jedoch immer, es nicht doch mal versucht zu haben.

Um einen kleinen Eindruck eines anderen Landes reicher, kehrten wir nach zwei Stunden per pedes nach Thailand zurück. Die nächsten 30 Tage steht uns das Land wieder offen.


7. Dezember 2004, Mae Sot – Mae Sariang
66.370 km, N 18-09-42 / E 97-55-50

Während diese Zeilen aus den Fingern fließen, schwirren wir gedanklich noch immer in voller Fahrt steil bergauf, bergab, Linkskurve, Rechtskurve, Stop --- Wasserbüffel auf der Straße --- Rechtskurve, Senke, wieder Rechtskurve, steil bergauf durch rötlichen Staub, den ein Erdrutsch verwischt hinterlassen hat, Linkskurve bergab, Stop --- Polizei-Checkpoint! So motorradfahrer-fantastisch ging es heute einen Großteil der Strecke bis Mae Sariang. Die Vegetation erinnert bereits an Dschungel, wenn auch die Temperaturen in diesen Breiten mehr als angenehm für uns sind. Die Berge sorgen für genug kühlen Fahrtwind, dass man weder ins Schwitzen kommt noch die Jacke zuziehen muss. Einfach genial!

Nicht nur die Landschaft, auch die kleinen Bergdörfer erinnerten daran, dass wir mittlerweile in eine völlig andere Welt eingetaucht waren. Robuste Steinhäuser waren mittlerweile wackelig dreinschauenden Holz- und Bambushütten gewichen; es gab weder richtige Tankstellen noch Geschäfte oder sonstige Errungenschaften der Zivilsation. Hier schien wahrhaft die Zeit stehengeblieben zu sein. Kaum zu glauben, dass die überfüllten und völlig kommerziellen Strände des Südens, die Shoppingcenter in Bangkok, die leichten Thai-Mädchen in Begleitung ihrer betagten Farang-Männer auf der Sukhumvit Road – all das genauso ein Stück von Thailand ist wie diese Szenen.

Nicht weit hinter Mae Sot passieren wir eine Art Camp – vermutlich für burmesische Flüchtlinge. Von Stacheldraht eingezäunt schmiegt sich eine blattlaub-gedeckte Hütte an die andere; es müssen Hunderte solcher Bretterbuden gewesen sein. Sofort als wir halten, stürmen uns die Kinder auf der anderen Seite des Zaunes entgegen, um neugierig einen Blick auf uns „Weiße“ zu erhaschen, bis sie schließlich von einer Frau unsanft zurechtgewiesen werden und folgsam die Flucht ergreifen. Touristenkontakt ist offenbar nicht erwünscht. Die nachfolgenden Kilometer gehen vor allem Hanka so einige Gedanken durch den Kopf. Was diese Menschen wohl durchgemacht haben mögen? Gibt es für sie überhaupt eine Zukunft, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Myanmar entfernt, zwischen thailändischen Polizei-Checkpoints, eingezäunt mitten im Dschungel? Einmal mehr wird uns auf dieser Reise vor Augen geführt, wieviel Handlungsbedarf es auf der Welt gibt. Am liebsten möchte man sofort reagieren: beispielsweise ein Schreibwarengeschäft in Bangkok leer kaufen, um damit die Schule wenigstens mit dem Nötigsten auszustatten (nicht das wir eine Ahnung hätten, was gebraucht würde). Für den Moment fühlen wir uns jedenfalls unbeholfen und gelähmt, und der Drang wächst, in unserer Zukunft irgend etwas Sinnvolles tun zu wollen. Vielleicht sogar beruflich? Wie können wir nach all diesen hautnahen Erfahrungen unserer Reise überhaupt jemals wieder einen „Aktenjob“ annehmen??? Mit wievielen Sinnlosigkeiten quält man sich eigentlich durch’s Berufsleben – in dieser absurden westlichen Überflussgesellschaft – wenn man diese Energie doch auf die wirklichen Problemen verwenden könnte!!! Irgendwann wunderte sich Erik, dass heute das „Sozius-Radio“ ausgeschaltet blieb – wenn Hanka nicht sang, stimmte meistt irgend etwas nicht. Vielleicht sollten wir bei der nächsten Internet-Gelegenheit mal einen Blick auf die Stellenangebote diverser Hilfsorganisationen werfen...

Nach und nach nahm uns die „grüne Achterbahn“ wieder gefangen: Kurven ohne Ende, Natur pur und nicht mal stinkende Busse oder Laster, die einem den Spaß verdorben hätten. Kurz vor Mae Sariang tauchte dann schließlich eine schwankende Wimpelstange vor uns auf: Celine und Steve strampelten sich mit ihren Fahrrädern gerade um die letzten Kurven ihrer Tagesetappe und wir verabredeten uns schnell mit den sympathischen Kanadiern im nächsten Gästehaus. Es wurde ein langer Abend zusammen, wo wir gespannt den Abenteuern der beiden in Indien lauschten (www.celineandsteve.com). Nach 2 Monaten heftigstem Kulturschock, den sie mit den Rucksäcken durch Indien erfahren hatten, kam ihnen Thailand nicht nur paradiesisch und sauber vor, sondern regelrecht „developed“.  Na ja – da sind wir echt mal gespannt, was uns denn so in Indien erwartet. Nach all den Stories, die wir über das Land gehört haben, kann man schon manchmal die Lust verlieren, überhaupt nach Indien hinzufahren.


8. Dezember 2004, Mae Sariang – Mae Hong Son

66.542 km, N 19-18-02 / E 97-58-05

Bergig kurvig ging’s heute gleich weiter, nachdem wir den halben Vormittag – vor unseren leergeräumten Frühstückstellern sitzend – mit Celine und Steve verquatscht hatten. Für die beiden geht’s demnächst mit ihren Drahteseln ebenfalls nach Laos, anschließend stehen Vietnam, China und Tibet auf dem Programm. Schießen uns Motorradfahrern da nicht gleich die Tränen in die Augen??? Echt schade, dass unsereins derartige Bordercrossings in Asien verwehrt bleiben!

Nachdem wir einige Kilometer gemacht hatten, entdeckten wir für unser Lunch-Päuschen ein idylisches Fleckchen direkt an einer Thermalquelle. Das blubbernde Wasser war allerdings so heiß, dass die hiesigen Mönche einen Abkühlungskanal gebaut haben, über den das dampfende Wasser in weitere Sammelbecken geleitet wurde und dort schließlich mit erträglichen Temperaturen zum Baden einludt. Bevor wir uns jedoch Gedanken machten, was wir anstatt von Bikini und Badehose sittengerecht anziehen sollten und ob wir wohl nach Männlein und Weiblein getrennt baden müssten, zogen wir doch den Asphalt vor und fuhren weiter.

Bernd und Heidis Unterkunftstipp in Mae Hong Son war leider derartig vage beschrieben, dass wir uns schließlich doch selbst auf die Suche nach einem schönen Gästehaus machten. Auswahl gab es entlang des kleinen Teiches reichlich, der mit dem wunderschönen Wat Chon Klang den Mittelpunkt des Ortes bildet. Hungrig, wie wir waren, blieben wir am erstbesten Restaurantgrill hängen, wo die in Bananenblätter und Alufolie eingewickelten Fische einen köstlichen Duft verbreiteten. Die selbstgemachte Tamarindensoße dazu war ein Traum! Leider fühlten wir anschließend derartig vollgefuttert, dass in unseren Bäuchen kaum noch Platz war, um all die anderen leckeren Sachen auf dem idyllischen Nachtmarkt auszuprobieren. Ein bisschen erinnerte uns die Atmosphäre an südamerikanische Märkte: bunte Wollmützen, gewebte Strickjacken, farbenfroh gemusterte Taschen, usw. Nicht zuletzt fühlte sich die frische Abendkühle fast schon bolivianisch an, obwohl das Thermometer noch immer im 20-Grad-Celsius-Bereich hing. Wir bekamen bereits letzte Nacht zu spüren, dass es hier zwischen all den Bergen mit dem Sonnenuntergang ungewohnt kalt wird. Abendliche 20 Grad Celsius fühlen sich für uns mittlerweile wie eisige Wintertemperaturen an! Wir wagen kaum daran zu denken, wie wir erst zittern werden, wenn uns mal wieder richtige Kälte bevorsteht...

PS: Ein neuer Schaden zu vermelden: nachdem wir heute unseren USB-Speicherkartenleser unsanft fallen lassen haben, sagt das Ding keinen Mucks mehr. Jetzt müssen wir schon wieder einen neuen kaufen – hoffentlich werden wir in Chiang Mai fündig!

PPS: Unser Zimmernachbar schnarcht gerade, dass die Wände wackeln – es ist unglaublich – offensichtlich scheint das jedoch sein junges Thai-Mädchen nicht zu stören. Oder man nimmt es wohl in Kauf, wenn der reiche Knacker das Zimmer bezahlt...


9. Dezember 2004, Mae Hong Son – Nongpajam Village
66.653 km, N 19-29-21 / E 98-13-58

Eigentlich wollten wir heute nur ein Stückchen bis Pai fahren und dort vielleicht länger bleiben. Doch wie so oft, kam alles anders.

Die Straße schlängelte sich fantastisch durch die Berge, von einem dichten Vegetations-Dschungel begleitet, durch den fast unscheinbare Wege in verschiedene Dörfer führten. Wannimmer man sich darüber wunderte, dass plötzlich tradionell gekleidete Leute wie aus dem Nichts auftauchten und entlang der Hauptstraße mit Körben und Taschen auf den Schultern wanderten, war garantiert ein Bergdorf in der Nähe. Am nächsten Aussichtspunkt erfuhren wir, dass in dieser Gegend diverse Volksstämme ihre Heimat haben, u.a. Karen, Lahu, Hmong, Akha, und Lisu. Zugegeben klangen die meisten Bezeichnungen ziemlich fremd in unseren Ohren, aber vom traditionellen Stamm der Langhals-Frauen hatten wir schon gehört. Allerdings lag uns nichts ferner, als eines dieser Dörfer zu besuchen, in das Touristen dann mit Kameras bewaffnet wie über einen Safari-Zoo herfielen. Ethno-Sightseeing – nein danke! Nichtsdestotrotz reizte uns die Gegend schon, vor allem wegen der kurvigen Landschaft. Vielleicht konnte man ja mehr so auf die sanfte Art etwas über die Bergdörfler des Goldenen Dreiecks lernen. Trekking wäre hierzu auch eine überlegenswerte Möglichkeit; etwas Bewegung würde unseren faulen Knochen sogar guttun. Doch ein deutscher Urlauber mit seinem Honda-Scooter, den wir am nächsten Aussichtspunkt trafen, nahm uns jegliche Illussion, dass wir in Pai finden würden, was uns vorschwebte. „Viel zu touristisch dort, da müsst Ihr schon nach Soppong“. 

Da der Ort ohnehin auf dem Weg lag, konnten wir uns ja mal umschauen. Wir merkten schnell, dass wir unbedingt eine bessere Landkarte von der Gegend brauchten, falls wir die Hinterstraßen und Bergdörfer erkunden wollten. Der Typ vom Aussichtspunkt verriet uns noch, wo er seine Karte aufgetrieben hatte, danach trennten sich unsere Wege. Die Karte bekamen wir leider nirgends in die Hände; dafür trafen wir allerdings einen coolen Amerikaner mit Rock, der hier zu leben schien, und uns verriet, dass gerade ein Guest House in den Bergen eines Lisu-Dorfes aufgemacht hätte. Von Soppong war es nur ein Abstecher von 4 km, allerdings mit steilen Offroad-Passagen. Beim Wörtchen Offroad fingen Eriks Ohren jedoch gleich Feuer und schon düsten wir steil bergauf, den gelben Schildern zum Lisu Mountain Guesthouse folgend. Was die Einheimischen mit ihren 100ccm-Scootern schafften, müssten wir doch locker mit der Transalp hinbekommen... so locker sah Hanka die Sache jedoch nicht. Die Piste war natürlich ausgerechnet an den Stellen am ausgewaschensten, wo es am steilsten bergauf ging. Mühsam wühlten wir uns durch tiefe Spurrillen und landeten schließlich auf einer Bergkuppe, wo uns freudig überrascht Andy und Boo begrüßten. Das Guesthouse hatte tatsächlich erst diese Woche eröffnet und wir waren als die zweiten Gäste überhaupt herzlich willkommen. Die Bungalows gefielen uns auf Anhieb, abends Lagerfeuer klang auch verlockend, warme Duschen – was will man mehr. Selbst Zelte standen bereit; wollte Hanka nicht kürzlich erst zelten? Wir zogen am Ende doch den Bungalow vor. Nachts wird’s hier ziemlich eisig und das Bett sah einfach verlockend kuschelig aus. Scheint, wir haben ein kleines, idyllisches Paradies entdeckt. Andy kann uns nicht nur die Traditionen der Lisu näher bringen, sondern ist obendrein passionierter Endurofahrer, der die Gegend wie seine Westentasche kennt und einige gute Routentipps parat hat. Was sind wir nur für Glückskinder!


10.-11. Dezember 2004, Nongpajam Village

66.762 km, N 19-29-21 / E 98-13-58

Mitten in dieser Idylle mit Blick auf die einfachen Holzhäuser des Lisu-Dorfes begannen wir uns richtig heimisch zu fühlen. Hin und wieder kamen neugierig die Einheimischen in ihren farbenprächtigen Trachten vorbei, um einen scheuen Blick auf uns zu werfen oder den Versuch zu starten, ein paar Handarbeiten zu verkaufen. Andere trafen sich einfach mit Boo, um den Nachmittag auf dem Fußboden der Terasse zu verplaudern. Es war alles sehr natürlich und uns faszinierte die scheue Zurückhaltung der Leute. Rein aus diesem Gefühl heraus verzichteten wir größtenteils auf Schnappschüsse per Kamera. Irgendwie hätte das einfach nicht gepasst.

Eines unserer schönsten Erlebnisse im Lisu Village wurde ein Spaziergang mit Andy und Boo durch’s Dorf, wo uns die beiden liebevoll als ihre Gäste vorstellten. Freundlich wurden wir aufgefordert, überall mal reinzuschauen. Aber was uns viel mehr gefiel, war die spontane Begegnung mit einem älteren Mann, der aus einfachsten Materialien Armbrüste herstellte. Weder Andy noch Erik schafften es, den Bogen richtig zu spannen – der Alte jedoch hatte es absolut drauf und traf obendrein zielsicher jeden Apfel, während wir anderen beinahe die herumspazierenden Hühner killten.

Mit Taschenlampen bewaffnet nahm uns Andy anschließend mit, um einige der umliegenden Höhlen zu erkunden. Er selbst hatte von diesen erst kürzlich von den Einheimischen gehört und entsprechend unberührt fanden wir die Kalksteinhöhlen vor. Wie die Abenteurer kletterten wir von einer in die nächste, bestaunten gigantische Stalaktiten, eingebrochene Zwischendecken, ekelige Spinnweben und die verstreuten Knochen eines toten Schweins. Die Kletterei in der gruseligen, feuchtkalten Umgebung sorgte für Entdeckerfeeling pur – wohlgemerkt am nächsten Tag für heftigen Muskelkater obendrein. Schätze fanden wir leider nicht, aber zumindest Aufklärung darüber, dass in dem unterirdischen Fluss zwar weiße Fische lebten, aber keine ohne Augen, wie ein Gerücht der Einheimischen kursierte.

Völlig gegensätzlich dazu war der Besuch der Höhle Tam Lo. Mit Besucherparkplatz, Schildern, Kletterstricken und dergleichen ausgestattet, ist diese Höhle bestens für den Tourismus erschlossen; wenngleich die Höhle immer noch von Mönchen zum Meditieren und Beten benutzt wird. Es erinnerte schon beinahe an eine Filmkulisse, wie die Mönche im Gänsemarsch mit Lampen und Laternen aus der gigantischen Höhlenöffnung spazierten, während sich am Himmel ein einmaliges Phänomen abspielte: ein Strom aus angeblich 300.000 Schwalben flog im wilden Durcheinander in den Höhleneingang, während gleichzeitig Scharen von Fledermäusen aus der Höhle in die Dämmerung hinausschwärmten: ein faszinierendes „Verkehrschaos“, doch ohne Staus und Unfälle...

Mit Andy hatten wir jedenfalls den „Motorrad-Guru Nordthailands“ gefunden. Seinen wertvollen Routentipps zu folgen, machte richtig Spaß. Auf kleinen Pisten gelangten wir nicht nur zu den wunderschönsten Bergdörfern, sondern kamen landschaftlich und fahrerisch voll auf unsere Kosten. (Strecke zum Empfehlen: via Ban Ja Bo – Ban Mai Hung – Ban Huai Hia bis zum Armee-Checkpoint an der burmesischen Grenze; zurück über Ban Mae Lana – Ban Ya Pa Nae – Ban Tam Lod – Ban Muang Phaem (wo man auf Elefanten reiten kann) und zurück über Ban Tam Lod) Langsam begannen wir uns, wie in einer Familie zu fühlen. Zu viert kurvten wir am letzten Abend mit den Bikes nach Soppong, wo auf einem großen Jahrmarkt die „Miss Hill-Tribe“ gekürt werden sollte. Dorfschönheiten aus der ganzen Gegend hatten sich dazu eingefunden – so dass man prima Unterschiede in Aussehen und Trachten der einzelnen Stämme vergleichen konnte. Nebenbei erhaschten wir einen Blick auf einen Thai-Box-Kampf und freuten uns wie die Kinder über das Lichterspektakel, als chinesische Papierlampions wie Ufos in den eisigen Nachthimmel abhoben.


12. Dezember 2004, Nongpajam Village – Chiang Mai
67.049 km, N 18-47-31 / E 98-59-29

Natürlich waren wir länger in Nongpajam hängengeblieben, als wir eigentlich beabsichtigten. So wurde der Abschied von Andy und Boo ein trauriger, doch wir werden die Zeit hier nicht vergessen.

Mit einem letzten Routen- und Unterkunftstipp im Kartenfach machten wir uns auf den Weg Richtung Chiang Mai. Andy hatte nicht übertrieben – die Piste über die Dörfer war wieder einmal ein Schmankerl. Zwar mussten wir hin und wieder nach dem Weg fragen, aber die bergig-kurvige Gegend belohnte mit landschaftlichen Höhepunkten. In ein paar Jahren könnte die Strecke motorradparadiesisch asphaltiert sein, zumindest wird gerade daran gebaut. Währenddem wir uns schon ausmalten, wie toll die Straße zu fahren wäre, holte uns ihr jetztiger Zustand schnell auf den Boden der Tatsachen zurück – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit einem Male rutschte das Hinterrad seitlich weg, ließ die Maschine ausscheren und wir schlitterten mitten in der Baustelle einige Meter über den aalglatten, angefeuchteten Lehmboden, der gerade zum Teeren vorbereitet wurde. Wieder einmal verbeulte es den rechten Seitenkoffer und unsere Fuhre überzog eine schmierig-rote Schlammschicht. Dabei hatten wir gerade noch vor ein paar Tagen überlegt, wie lange unser letzter Sturz zurückliegt... War ja klar, dass es gerade dann passierte! Solange nichts kaputt gegangen war, konnten wir jedenfalls mit der Blamage gut leben und setzten unseren Weg ein wenig vorsichtiger fort.

Nach und nach wurde der Zustand der Piste immer schlechter und ging von Lehm zu großen Steinen über. Entsprechend langsam kamen wir voran und die Sonne zog schon wieder erschreckend schnell gen Horizont, als wir endlich die Lichter von Chiang Mai im Tale leuchten sahen. Heute wurde uns erstmals richtig bewusst, dass Weihnachten vor der Tür stand. Vor den Toren der Stadt waren die Hotelanlagen großzügig mit blinkenden Lichterketten, fliegenden Rentieren und Weihnachtskugeln geschmückt, dass einem richtig heimlig zumute werden konnte. Solange wir in noch in den Bergen kurvten, fühlten sich sogar die Temperaturen dementsprechend an – doch das wurde in Chiang Mai anders. Bei angenehmen Temperaturen eines Frühlingsabends schlugen wir vor dem Jonadda Guest House auf, wo wir überglücklich ein traumhaftes Zimmer bezogen mit der besten heißen Dusche, die wir je hatten!


13.-17. Dezember 2004, Chiang Mai
67.106 km, N 18-47-31 / E 98-59-29

Chiang Mai wurde für uns eine dieser Stationen, wo es hauptsächlich darum ging, organisatorischen Kram zu erledigen. Im Gegensatz zu Bangkok war es hier viel leichter, von A nach B zu kommen und so bemühten wir uns, so viel wie möglich abzuarbeiten.

Joe’s Bikeshop war natürlich eine unserer ersten Anlaufstellen. Binnen eines Tages besorgte uns der nette Exildeutsche neue Zündkerzen für die Honda, Ersatzbremsbeläge und zwei Ölfilter. Leider klappte es nicht mit einem neuen Luftfilter – sowas könnte höchstens Yut in Bangkok aus Singapor bestellen. Damit wäre unsere Ersatzteilliste für die Overland-Route bis zur Türkei eigentlich schon nahezu abgearbeitet. Die alten Mefo-Reifen fahren wir nach ewigen Überlegen nun doch noch weiter bis nach Bangkok; das müssen die jetzt einfach noch mitmachen. Bei dem jetzigen Restprofil wäre es einfach zu schade, extra für Laos und Kambodscha neue Pellen aufzuziehen.

John, der Besitzer unseres herrlichen Guesthouses, half Erik dabei, den zerbeulten Seitenkoffer neu zu vernieten. Mit einer ansehnlichen Motorradsammlung in der Einfahrt hatte der witzige Australier auch eine vernünftige Ausstattung an Werkzeugen parat – Hammer und Nietenzange inklusive. Hier in Nordthailand kennt eigentlich jeder ausgewanderte Westler jeden anderen – und wenn man dasselbe Hobby fröhnt wie beispielsweise Motorradfahren, kann man unter Umständen gar David Unkovich zu seinen Freunden zählen. Leider scheint der Meister momentan so beschäftigt, dass es leider nicht mit einem Treffen klappte. Immerhin statteten wir seiner Webseite einen Besuch ab (www.gt-rider.com), eine wirklich gute Informationsquelle zu allem, was man als Biker über Pisten und Grenzüberquerungen innerhalb des Goldenen Dreiecks wissen muss. Wir fühlten uns jedenfalls noch nie so gut auf ein Land vorbereitet wie auf Laos. Per Internet hatten wir etliches an Straßen- und Routenberichten recherchiert, inzwischen sogar detaillierte Vorstellungen von dem, was uns erwarten würde und obendrein eine exzellente Straßenkarte (nämlich die von David Unkovich) im Gepäck. Allein diese erweckte den Eindruck, als wäre es die beste Karte, die wir je auf unserer Reise in die Hände bekommen haben. 

Nun konnte es also fast schon ins nächste Reiseland gehen – wäre da nicht noch eine formelle Sache, die uns schon seit längerem auf den Magen drückte: unser neues Carnet de Passages. Wie sich herausstellte, war die Sorge unbegründet, denn Hankas Papi und der ADAC hatten ganze Arbeit geleistet und der Brief war bereits bei Paris und Elaine ins Haus geflattert. Manchmal ist es schon verrückt, wieviele Zufälle passieren müssen, dass man solche Leute wie Paris und Elaine trifft. Wir erinnerten uns noch gut an Michaels Bemerkung in Neuseeland, dass seine Schwägerin mit ihrem Mann in Chiang Mai lebte. Auf der Suche nach einer thailändischen Kontaktadresse baten wir Michael per E-Mail um Hilfe und alles weitere ergab sich von selbst. Beinahe wäre die Sache dennoch schief gegangen, denn die angegebene Adresse stellte sich als falsch heraus. Glücklicherweise kannte der Kurier aber Paris’ Arbeitsstelle und stellte das Dokument doch noch zu. Uff! 

Auch ohne Carnet wäre es eine Reise wert gewesen, die beiden Philippinen kennenzulernen. Spontan wurden wir zu einem philippinischen Abendessen in ihr Heim eingeladen und lernten bei der Gelegenheit gleich den Rest der Familie kennen: die Oma war früher eine berühmte Schauspielerin in ihrem Heimatland und wir durften die vielen Zeitungsartikel und Werbefotos der noch immer attraktiv aussehenden „Mommy Naty“ (wie sie liebevoll genannt wird) bewundern. Aber auch Paris and Elaine leisten in ihrem Leben Großartiges. Die beiden arbeiten für eine Hilfsorganisation, die sich um erschreckend bedürftige Kinder der teils vertriebenen Bergvölker Nordthailands kümmert. An diesem Abend fanden wir unsere Vermutungen bestätigt, dass es sich bei dem Camp, das wir kürzlich passiert hatten, um ein Auffanglager für burmesiche Flüchtlinge handelt. Paris hatte schon etliche Male als Priester mit Flüchtlingen gearbeitet und hatte so einige schlimme Geschichten zu erzählen, wie es den unterdrückten Minderheiten in ihrer neuen Heimat der Hoffnung wirklich erging. Wir lernten an diesem Abend jedenfalls viel über die Schattenseiten im „Land des Lächelns“. Es ist nicht alles Gold, was glänzt und Korruption ist nach wie vor ein Riesenproblem in Thailand.


18. Dezember 2004, Chiang Mai – Fang

67.310 km, N 19-55-18 / E 99-12-51

Jedes Mal, wenn es nach längerer Station bei uns weitergehen soll, kommen wir morgens nicht aus dem Knick. Über die Tage kriecht irgendwie immer sämtlicher Kram aus den Taschen, Tüten und Säckchen hervor, dass es ein Krampf ist, alles wieder ordentlich an seinen Platz zu bringen. Man könnte es ungefähr mit dem lästigen „Wohnungsaufräumen“ daheim vergleichen, auch wenn uns bei derartigen Aktionen der „Badputz“ erspart bleibt.

Nachdem wir mit Ach und Krach zur Checkout-Zeit startklar waren, tauchte zufällig doch noch DER Motorradguru des Goldenen Dreiecks bei John auf: David Unkovich. Wir hatten den Exil-Australier bereits per E-Mail mit etlichen Fragen zu unserer bevorstehenden Route durch Laos bombardiert. Alle restlichen Unklarheiten konnte er gleich an Ort und Stelle aus der Welt schaffen. Eine Sache war nämlich mehr als fraglich: können wir den berüchtigten Highway 13 zwischen Laos und Kambodscha fahren? „Pfff – forget about it“, winkte David ab „You will never do it two-up and with this kind of luggage. All the people who have done it, say it’s been the worst trip you could imagine“. Also bleibt uns wohl doch nichts anderes übrig, als von Süd-Laos über Thailand nach Kambodscha weiterzureisen. Yut in Bangkok hatte zwar noch ganz andere Töne vom Highway 13 geflötet, aber gut zu hören, dass doch etwas an den Gerüchten dran zu sein scheint. Für die Infos dankbar, verabschiedeten wir uns von Thailands berühmtesten Biker. Unser Schmunzeln ließ sich jedoch nicht verbergen, als er sich dabei auf seinen Honda-Scooter schwang. Standesgemäß wäre eher seine Hona Africa Twin gewesen und er gab daher grinsend zu verstehen, dass er sich „ a bit embarrassed“ fühlte... Wir konnten’s verschmerzen.

Halb zwölf kamen wir endlich auf die Piste. Wir hatten uns die Streckenempfehlung der Golden-Triangle-Rider-Website vorgenommen über Chiang Dao - Arunothai - Sinchai - Doi Ang Khang - Nor Lae - Fang - Ban Tha Ton. Die Seite verspach nicht zuviel: es wurde eine der genialsten Motorradstrecken, die wir in ganz Thailand gefahren sind. Einen Steinwurf von Myanmar entfernt ging es immer entlang der Grenze durch einzigartige Berge, die immer wieder mit spektakulären Aussichten überraschten. Hin und wieder kam es uns vor, als ziehe die Honda nicht mehr richtig – solch schaltintensive Fahrerei hatten wir schon lange nicht mehr erlebt. Spätestens als wir ein paar Autos eingeholt hatten, realisierten wir, dass diese genauso mit den Steigungen kämpften wie wir. Im ständigen Kurven-auf-und-ab bemerkte man kaum die extrem steilen Höhenunterschiede. Es machte fantastisch viel Spaß, zumal der Asphalt größtenteils griffig war. Wir passierten wunderschöne Bergdörfer, wo sich das bunte Leben entlang der Straße abspielte; Kinder in den Wassergräben herumplanschten und Erwachsene die Wasserbüffel von den Feldern nach Hause trieben. Begeistert legten wir einen Fotostopp nach dem anderen ein, bis die untergehende Sonne dazu mahnte, langsam nach einer Unterkunft Ausschau zu halten. 

Wir schafften es zwar nicht mehr bis Ban Tha Ton, aber in Fang sollte es auch einige Übernachtungsmöglichkeiten geben. Zum krönenden Abschluss stürzte sich die Straße von Nor Lae nach Fang wie eine Serpentinenwand ins Tal hinab. Dieses Stück von 4 km war zweifelsfrei das steilste der ganzen Strecke. Doch da es für uns in Haarnadelkurven bergab ging, knatterte unsere Honda vergnügt mit dem Auspuff wie ein Popcorn-Automat. Anschließend wurde die Straßenführung ziemlich uneindeutig. Nach links oder rechts oder doch geradeaus? Hilfesuchend schauten wir uns um. Komischerweise wollte jedoch niemand unsere Frage verstehen, welche Richtung wir nach Fang einschlagen mussten. Thai zählt sicher zu den schwierigsten Sprachen, aber was kann man eigentlich bitte bei dem Wort „Fang“ falsch aussprechen? Amüsiert probierte Hanka schon sämtliche Betonungen von Fang durch – es soll in der Thai-Sprache 7 verschiedene „Zungen“ geben (die Art und Weise, wie man die Stimme am Ende eines Wortes hebt und senkt). Die armen Ausländer, die sich daran versuchen, Thai sprechen zu lernen...


19. Dezember 2004, Fang – Chiang Khong
67.489 km, N 20-16-07 / E 100-24-23

Sechs Uhr in der Früh werden wir von einer dermaßen laut Musik wach, dass wir verärgert unter die Kissen kriechen. Die Thais mögen den zarten Klängen ihrer traditionellen Musik einen morgentichen Rhythmus zum Besenschwingen  abgewinnen können (damit beginnt übirgens in Thailand jeder neue Tag: kehren und gleich als nächstes wird der Reis angesetzt), aber schon aus diesem Grund werden wir diese Art der Klänge nie als wohlklingend empfinden.

Draußen sind es nicht mal 15 Grad Celsius und ein fetter Nebelteppich hat das ganze Tal in eine feuchte Kälte eingehüllt. Unter diesen Umständen entkommen wir nur schwer der molligen Bettwärme. Die ersten zwei Stunden auf der Honda frieren wir mehr, als dass wir die Fahrt genießen können. Landschaftlich ist die heutige Etappe obendrein nicht mit der gestrigen zu vergleichen. Erst mittags kommt die Sonne hervor und taucht das sanfte Tal zu unseren Rädern in ein schönes Licht. Wie eine Ader schneidet sich der gewaltige Mekhong-Fluß in die Landschaft. Der Anblick des drittgrößten Stromes in Asien löst bei Hanka eine Begeisterungswelle aus, auch wenn der Fluss momentan an manchen Stellen nicht viel breiter als die Elbe ist. „Mensch, wir sind am Mekhong – das klingt doch irre!!!“ Im selben Atemzug machte sie eine ernüchternde Entdeckung – „Uuuuuups – irgendwie fühlt sich der rechte Seitenkoffer ungewohnt wackelig an“ – „Sch... der Stahlträger war komplett durchgebrochen!“ Wir hatten schon irgendwie damit gerechnet, dass eines Tages der feine Riss im Trägerrohr brechen würde – nicht jedoch, dass es so schnell passierte. Der Träger war gleich an zwei Stellen abgerissen und unser Aluköfferchen hing nur noch wie am letzten Faden am Gestell. Fix kramten wir sämtliche Spanngurte heraus, die wir noch hatten, und fixierten das Teil behelfsmäßig am Gepäckträger. Vorsichtig krochen wir dann die letzten 10 km bis Chiang Khong. Eigentlich gut, dass die Sache jetzt passiert ist und nicht erst in den kommenden Tagen, wenn uns in Laos das schwierigste Stück Offroad-Rüttelpiste bevorsteht. Damit war auch die Entscheidung gefallen, ob wir die Nacht auf thailändischer oder laotischer Seite des Mekhongs verbringen würden – wir brauchten erstmal einen Schweißer.

Nachdem wir unser Gepäck im erstbesten Gästehaus mit Blick auf den Mekhong abgeladen hatten, machte sich Erik gleich auf die Suche nach einer Werkstatt. Ungeachtet dessen, dass heute Sonntag war, schweißte man ihm in einer kleinen Tuk-Tuk-Werkstatt um die Ecke gleich den Kofferträger für 40 Baht zusammen (umgerechnet nicht mal 1 EUR). Hoffentich hält das יne Weile! Hanka flickte zur selben Zeit Handschuhe und Rucksack mit Nadel und Faden zusammen. Es geht zur Zeit mal wieder alles kaputt!

 

Hanka und Erik
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