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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Laos – Sabaidee!


20. Dezember 2004, Chiang Khong – Huay Xai

67.495 km, N 20-17-03 / E 100-24-31

Mit 6 km Tagesstrecke dürften wir heute wohl unseren persönlichen Rekord für die kürzeste Etappe gesetzt haben. Dabei waren wir gleichzeitig in 2 Ländern unterwegs: westlich des Mekhongs verabschiedeten wir uns von Thailand, dem „Königsreich Siam“, und überquerten anschließend den Fluss nach Laos, dem „Gate to Indochina“, wie ein Torbogen auf thailändischer Seite ankündigte.

Da wir seit Wochen ohne legale Einfuhrpapiere (sprich einem gültigem Carnet de Passages) für die Honda in Thailand unterwegs und deshalb auf Ärger mit dem Zoll gefasst waren, versuchten wir es auf die bewährte Tour: sich lächelnd freundlich und dumm stellen. Auf der Suche nach dem thailändischen Immigrations-Büro liefen wir ausgerechnet gleich den Leuten vom Zoll in die Arme. Zum Glück gab’s im Ort zwei Zollstellen und man schickte uns ohne Umschweife weiter. Natürlich schlugen wir da nie auf – stattdessen fuhren wir direkt zur Bootsanlegestelle und ließen unsere Reisepässe am Immigrationsschalter ausstempeln. Dort wartete bereits ein englischer Expeditions-LKW auf seine Abfertigung. Als wir den Fahrer wild mit dem knallgelben Carnet de Passages herumwedeln sahen, wurde uns ein wenig mulmig. Musste der Typ ausgerechnet direkt vor unserer Abfertigung derartig auf den Papierkram aufmerksam machen? Wahrscheinlich fragte uns gleich der nächstbeste Hansi, ob wir auch so ein Zollpapier hätten? Unsere Sorge stellte sich als unbegründet heraus. Niemand kontrollierte irgendwelche Papiere und wir konnten problemlos eins der schmalen Mekhong-Boote anheuern. Dass wir nicht umhin kommen würden, 500 Baht (13 USD) für die Überfahrt zu blechen, wussten wir bereits von einigen anderen Bikern; und dass die Passage abenteuerlich werden konnte, ebenso. Bei dem Versuch, die schwere Honda auf den schmalen Kahn zu hieven, stellten sich die Thai-Jungs noch einigermaßen geschickt an. Flugs nahm man die Sitzbretter aus dem Kutter – bis auf eins, über das man das Vorderrad problemlos hievte. Die Jungs verschwendeten keine Zeit für Seile oder sonstigen Kram, um das Mototrrad irgendwie zu stabilisieren. Erik sollte sich stattdessen draufsetzen und die Maschine im Gleichgewicht halten. Notdürftig stapelte man anschließend die Sitzbretter seitlich unter den Motorschutz, aber gehalten hätte das nie. 

Binnen 5 Minuten waren wir auf der anderen Flussseite. Doch als schwierigstes Problem sollte sich die Entladung herausstellen. Während ein paar Jungs mit anpackten, das Bike rückwärts über das Sitzbrett und anschließend über die Bordwand zu wuchten, kippte das Ganze so einige Male in bedenkliche Schräglage. Mit Bärenkräften versuchte Erik, das Schlimmste zu verhindern und die ungeschickten Helfer zu koordinieren. Hanka wurde fast schlecht beim Anblick, wie die Typen ahnungslos an den Seitenkoffern oder am Blinker zupackten. Im Gezerre rutschte der ganze Kahn seitwärts weg und es hätte tatsächlich nicht viel gefehlt und unsere Honda wäre im Mekhong gelandet. Mit zitternden Händen und schlackernden Knien zurrten wir schließlich unsere Gepäckrolle wieder fest, nachdem wir allesamt festen Boden unter den Füßen hatten. So leicht wie die Ausreise aus Thailand vonstatten ging, so abenteuerlich erlebten wir die ersten Minuten in Laos... 

Brav ließen wir dann unser frisches Carnet abstempeln (ein dickes Dankeschön an Papa) und machten uns auf den Weg, um das gut versteckte Immigrations-Büro in Huay Xai zu finden. Inzwischen hatte sich tatsächlich die richtige Auto-Fähre von Thailand in Bewegung gesetzt und brachte den Expeditions-LKW nach Laos. Den Stress mit dem Schmalboot hätten wir uns eigentlich sparen können, aber schmunzelnd entgegnete Erik „dafür haben wir jetzt ein paar aufregende Fotos von der Mekhong-Überquerung“. Wo er Recht hat, hat er Recht – Hanka bleibt mittlerweile ohnehin nichts anderes mehr übrig, als ihre grauen Haare zu färben... 

Obwohl wir eigentlich gleich weiter nach Luang Nam Tha fahren wollten, beschlossen wir spontan, in Huay Xai zu bleiben. Einerseits war es schon fast Mittag und die bevorstehenden 200 km Piste sollten es in sich haben – andererseits hatten wir einen guten Übernachtungstipp für den Grenzort von Kai und Ulrike in der Tasche. Die Aussicht auf ein kühles Bierchen (Beerlao soll das Beste in Südostasien sein) mit Blick auf die Abendsonne hinter dem Mehkong schien verlockend und vernünftig zugleich. So konnten wir unseren ersten Tag in Laos ruhig angehen, ohne Hektik unsere Traveller Schecks in laotische Kip eintauschen und uns dabei wie Millionäre fühlen. Für 150 USD bekamen wir einen derart riesigen Stapel bunter Scheinchen, dass wir glatt behaupten können, nun יne fette Brieftasche zu haben.


21. Dezember 2004, Huay Xai -
Vieng Phoukha

67.637 km, N 20-40-25 / E 101-03-27

Man könnte nicht behaupten, wir wären nicht gewarnt gewesen. David Unkovich riet auf seiner Webseite davon ab, die Strecke Huay Xai – Luang Nam Tha zu zweit per Motorrad zu fahren und irgendwie blieben auch seine persönlichen Worte nicht recht bei uns hängen. Was hatten wir auch für Alternativen: etwa für viiiieeel Geld ein Boot anheuern, das uns den Mekhong runterschippert??? Nee, wir wollten fahren! Immerhin waren wir heute früh dran und ausgeschlafen, hatten den ganzen Tag Zeit, uns vorsichtig die 200-km-Piste entlangzuarbeiten. Anfangs ging es auch recht gut und wir genossen die eingestaubten Dörfer, wo uns aufgeregt winkend die Kinder entgegenliefen und jubelnd zuriefen, Kühe mit ihren Kälbern am Wegesrand vorbeizogen, Hängebauchschweine, Hühner und Enten vor unseren Rädern auf die andere Seite schossen. Uns waren die Laoten auf Anhieb symphatisch und selbst als wir uns trauten, um Erlaubnis für ein paar Schnappschüsse zu fragen, reagierten die Leute positiv. Nur einige Kinder fixierten uns wie versteinert, wahrscheinlich weil wir eine andere Hautfarbe hatten, blaue Augen aus den Helmen hervorblitzten, wir riesengroß aussehen mussten und ein gigantisches Motorrad fuhren...

Nach etwa 60 km bekamen wir zu spüren, was mit dem guten Rat gemeint war: das Hinterrad rutschte plötzlich weg, Erik zog die Maschine im letzten Augenblick herum und es sah so aus, als finge er sie noch ab, doch zu spät – wir stürzten knallhart auf die Seite und schlitterten so einige Meter. Den rechten Seitenkoffer riss es als erstes ab, dann landete die schwere Maschine auf Eriks Unterschenkel auf der Seite. Erschrocken sprang Hanka vom Rücksitz – was war das denn? Erik lag mit schmerzverzerrtem Gesicht und verdrehtem Bein im Dreck und im ersten Augenblick wusste sie nicht, ob sie zuerst das Motorrad oder Erik aufheben sollte, doch Erik nahm ihr die Entscheidung ab: „Mach Fotos, bin schon okay“.

Schadensbilanz dieser Szene: ein Humpelfuß, der rechte Seitenkoffer (wohlgemerkt erst in Chiang Mai nagelneu vernietet) schon wieder zerbeult, die rechte Frontverkleidung nun auch kaputt, die rechte Seitenverkleidung durch einen verbogenen Sturzbügel eingedrückt, die Tankrucksack-Seitentasche an zwei Stellen abgerissen und Eriks Sonnenbrille hatten wir auch irgendwie eingebüßt. Obendrein sahen wir aus wie die Schweine: von oben bis unten mit feinstem Staub eingepudert als ob wir יne Schlacht mit Mehlsäcken veranstaltet hätten. Mit nicht mal 30 km/h hatten wir gerade ganz gemütlich plaudernd eine staubige Kurve genommen – und offenbar gewaltig unterschätzt. Wieder auf den Beinen, zog es uns selbst die Beine weg: unter einer gut 8 cm dicken Staubschicht rollerten kleine Steinchen wie Glasmurmeln unter den Sohlen weg! Einmal vom Staub freigestiebt, sahen wir auch die abschüssige Bruchkante einer Spurrille, die das Ganze erst ins Schlittern gebracht hatte. Obwohl wir langsam fuhren, waren wir anscheinend nicht langsam genug – jedenfalls bezahlten wir den heutigen Sturz echt teuer!!! Vor allem Erik ärgerte sich schwarz; zumal er sich fest vorgenommen hatte, auf dieser Strecke keinesfalls den Boden zu küssen. Wir wussten ja, was uns erwartete – deswegen war Erik eigentlich ganz besonders vorsichtig gefahren. War wohl Pech.

Behelfsmäßig am Straßenrand versuchten wir, die Honda wieder fahrflott zu kriegen. Erik angelte sich den erstbesten Stein und drosch damit auf dem Koffer herum, damit sich das Teil wieder am Träger befestigen ließ. Hanka schnappte sich unterdessen Nadel und Faden und machte sich an der zerfetzten Tankrucksacktasche zu schaffen. Zum Glück sprang auch der Motor nach einigen Versuchen an und es konnte weiter gehen. Im wahrhaften Schneckentempo bewegten wir uns weiter, prüften vorsichtig jede Kurve auf Bodenbeschaffenheit und Staubtiefe und riskierten absolut nichts. Jedem der entgegenkommenden LKW’s, beladen mit Holzkohle für Thailand, ließen wir großzügig Platz, um selbst nicht blind vor Staub zu fahren. Natürlich kamen wir so kaum voran. Eigentlich wollten wir ein spätes Mittagessen in Vieng Phoukha einlegen, doch wir erreichten den Ort erst gegen vier Uhr; völlig ausgehungert, erschöpft und durstig. Uns fiel sogleich ein gelbes Schild zu einem Gästehaus auf und bei einer Flasche Wasser beratschlagten wir, ob wir die letzten 70 km bis Luang Nam Tha noch in Angriff nehmen sollten oder doch erst morgen. Der angeblich schlimmste Teil der Piste stand uns noch bevor: es sollte über rutschige Baumstämme über etliche Bäche gehen. Von Vieng Phoukha aus würden wir Minimum 3 Stunden für die Strecke brauchen. Das hieße, dass wir mindestens eine Stunde davon durch die Dunkelheit gurken müssten. Eigentlich hatten wir für heute genug Abenteuer.

Ohne lange zu überlegen, quartierten wir uns in einen der vielen freien Bungalows ein und schüttelten den Staub aus unseren Klamotten. Hanka machte sich fix an die Arbeit, den neu entdeckten Riss im Tankrucksack zu nähen, solange es draußen noch einigermaßen hell war. Wir rechneten nicht damit, nach Einbruch der Dunkelheit elektrisches Licht in unserer Hütte vorzufinden. (Dies blieb eine unbegründete Sorge.) Mit hängenden Mägen düsten wir anschließend ins Dorf und fanden sowas wie ein Restaurant, wo man uns ein leckeres Hühnchen-Curry vorsetzte. Ein Beerlao schmierte dazu unsere staubigen Kehlen, während vor dem Restaurantfenster ein paar Jugendliche so etwas wie „Fuß-Volleyball“ mit einem geflochtenen Plastikball spielten. Wie entspannt doch das Treiben wirkte! In Laos scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.


22. Dezember 2004, Vieng Phoukha – Luang Nam Tha

67.709 km, N 20-59-60 / E 101-24-38

Wir fühlten uns noch immer wie im Film, als wir morgens hungrig zwischen den wenigen Buden des Marktes umher stiefelten. Allerdings war dieser im Vergleich zu den Märkten Thailands nicht nur trostlos, sondern jämmerlich. Was sollten wir nur frühstücken? Das einzig Essbare schienen in Sojasauce gewälzte Glasnudeln, doch die waren so scharf, dass wir die Wahl alsgleich bereuten. Tapfer löffelten wir die völlig verschmutzten Tellerchen leer – hoffentlich gibt es kein Weihnachten mit Durchfall. Wir kauften noch eine uralte Pampelmuse und gaben anschließend die aussichtslose Suche nach einer Tasse Kaffee auf. Eigentlich dachten wir, Lao-Kaffee und Baguette seien DAS ultimative Frühstück in Laos, doch offenbar beschränkte sich dieses nur auf Touristenorte.

Staubig ging es auf der gestrigen Piste weiter und es dauerte auch nicht lange und die erste „Brücke“ aus längs zur Fahrtrichtung gelegten Baumstämmen tauchte auf. Von diesen Verkehrshindernissen hatten wir bereits zu hören bekommen. Vorsichtshalber stieg Hanka gleich ab und ließ Erik mit hilfreichen Einweisungen über die Stämme balancieren.

Die zweite „Brücke“ klappte nicht so gut. Sich langsam vorwärts tastend verlor Erik auf halber Strecke das Gleichgewicht, tappte mit dem rechten Bein ins Leere und sprang verzweifelt nach Halt suchend im hohen Bogen vom Bike – 2 m tief in einen Bach. „Nee, das ist jetzt nicht wahr“, murmelte Hanka fassungslos. So schnell wie Erik ins Wasser gesprungen war, so schnell stand er auch wieder triefend auf der Brücke. Die Honda war zum Glück gerade noch so auf den Baumstämmen liegen geblieben und drehte noch immer das Hinterrad. Geschwind hievten wir die Fuhre auf den wackeligen Stämmen auf, bevor das Ganze ins Kippen geraten würde. Nachdem wir den ersten Schreck überwunden hatten und mitsamt dem Motorrad wohlbehalten auf der anderen Seite der Brücke angelangt waren, brach eine Lachsalve nach der anderen aus uns heraus. Dieser Stunt eben sah aber auch zu komisch aus!!! Schade, dass wir das nicht auf die Kamera bekommen haben! Natürlich hätte dieses Missgeschick auch ganz anders ausgehen können! Wir hatten noch 27 weitere Baumstammbrücken vor uns, an denen wir ja noch ein bisschen üben konnten. Erik schüttete das Wasser aus den Stiefeln und weiter ging’s. Nachdem er ja heute Morgen auf seinen essentiellen Frühstückskaffee verzichten musste, war er jetzt zumindest hellwach.

Eigentlich waren es nur 70 km bis Luang Nam Tha, aber die Piste wartete mit weiteren Überraschungen auf. Nie im Leben hätten wir die Strecke gestern noch geschafft – schon gar nicht in drei Stunden. Man musste ständig im Slalom um die Schlaglöcher und durch tiefe Fahrrinnen kurven, sich mit den zahlreichen Baumstammbrücken abmühen (zwischen den Baumstammritzen konnte zum Teil problemlos das Vorderrad verschwinden) und obendrein noch 10 Wasserdurchfahrten meistern. Die klaren Flüsse waren noch ohne Probleme zu schaffen – anders sah es bei den glitschigen Schlammlöchern aus, die die Piste hin und wieder unterbrachen. Immer wieder mussten wir anhalten, Wassertiefe und beste Fahrspur mit Steinen und Stöcken austesten, Luft anhalten und Gas geben. Mit Grauen stellten wir uns vor, wie diese 70 km wohl in der Regenzeit aussehen mussten...

Es ging schließlich alles gut und wir kamen ohne weitere Stunts und Stürze in Luang Nam Tha an. Für einen weiteren Adrenalinschub sorgte lediglich eine Gruppe älterer Akha-Frauen, als eine der traditionell gekleideten Ladies aus unerklärlichem Grund plötzlich vor unser Vorderrad sprang und wir eine harte Vollbremsung hinlegen musste. Wie ein Kaninchen starrte uns die Frau anschließend an – was wohl in der vorgegangen sein mag...

Kurzfristig schlugen wir unseren Plan in den Wind, noch bis Udom Xai weiterzufahren. Im Ort gab es Internet, was ein gutes Argument war, um zu bleiben und ein Lebenszeichen nach Hause zu senden. Schließlich konnten wir es nicht riskieren, unsere Lieben daheim ohne eine Nachricht von uns Weihnachten feiern zu lassen. Für die nächsten Tagesetappen gab es leider keine Internet-Garantie (weshalb sich diese Entscheidung als goldrichtig herausstellten sollte).

Also machten wir uns kurzerhand auf die Suche nach einer Unterkunft. Später tauchten dort auch noch Vincent und Bénédicte mit ihren Kindern auf. Wir hatten die französische Familie heute mehrmals überholt, als sie noch vorsichtiger als wir mit ihrem Mercedes-Bus durch’s Gelände wackelten. In Südamerika waren die vier schon und wollen demnächst das Auto nach Bangladesch verschiffen, um auf dem Landweg nach Frankreich heimzukehren. Nach ihrer Zeitplanung zu urteilen, dürften wir den vieren sicherlich noch einmal irgendwo in Indien oder im Nahen Osten über den Weg fahren (www.audetourdumonde.com).

PS: Erik glaubt übrigens, dass ihm letzte Nacht eine große Maus durch die Haare gelaufen wäre. So ganz nimmt ihm Hanka die Story zwar nicht ab, doch in den kommenden Tagen sollte sich ihre Meinung noch ändern.


23. Dezember 2004,
Luang Nam Tha – Nong Khiaw

67.944 km, N 20-34-21 / E 102-36-56

Halb fünf war an Schlafen nicht mehr zu denken – irgendein Vieh rumorte rastlos in unserem Bungalow herum und ließ sich durch keinerlei Geräusche in die Flucht schlagen. (Wohlbemerkt war die Hütte auf Stelzen über einen Teich gebaut.) Nachdem wir schließlich ein apfelgroßes Loch in der Bambusmatten-Wand entdeckten und einen Platsch ins Wasser hörten, schlossen wir aus, dass es sich bei dem Störenfried nur um ein Mäuschen handelte. Kleinlaut rückte Erik alsgleich mit der Sprache heraus, dass er im Reiseführer gelesen hatte, dass es in Laos vielerorts Ratten geben sollte. Na prima – das hatten wir ja noch nicht! Jetzt war auch klar, was ihm letzte Nacht durch die Haare gehuscht war...

Für die nächste Stunde ließen wir das Licht an, was zu helfen schien, standen aber schließlich doch auf und packten angewiedert unsere Sachen. Der kalte Morgennebel war heute obendrein von einem hässlichen Nieselregen begleitet, dass einem eigentlich die Lust vergehen konnte, frühzeitig zu starten. Andererseits hatten wir uns vorgenommen, nicht allzu spät in Nong Khiaw aufzuschlagen, um uns in Ruhe eine schöne Unterkunft für Weihnachten auszusuchen. Der Ort ist sicherlich bereits mit Backpackern überschwemmt.

Wir verabschiedeten uns vorläufig von der französischen Familie, die unser zeitiges Aufbrechen verdutzt zur Kenntnis nahm. Die vier wollten noch einen Tag in Luang Nam Tha verbringen. Wir rieten ihnen gut gemeint davon ab, unseren Bungalow zu beziehen.

Einmal unterwegs, wurde das Wetter langsam besser. Die als Asphalt gekennzeichneten 39 km bis Na Teuy nahmen unerwartet viel Zeit in Anspruch. Vom ursprünglichen Asphalt waren nur noch Fragmente übrig geblieben, aber gewaltige Straßenbauarbeiten kündigten eine Besserung des Straßenzustandes an.

In Udom Xai gab es endlich einen richtigen Markt, wo wir eine neue Sonnenbrille für Erik kauften. Während Erik durch die Gänge des überdachten Marktes streunte, um ein paar „special treats“ für Weihnachten zu besorgen, freundeten sich ein paar Männer mit Hanka an, die am Motorrad wartete. Die älteren Herren waren gut drauf, verteilten großherzig Lychees aus ihren Markttüten und genossen es offensichtlich, jemanden zum quasseln gefunden zu haben. In gebrochenem Englisch erzählte einer der Männer begeistert, dass er in Amerika lebte und zeigte seinen amerikanischen Passport stolz wie Oskar in die Runde.

Irgendwie scheint Laos – trotz des bergigen Nordens – ein beliebtes Fahrradland zu sein. Unglaublich, aber heute sahen wir gleich drei Drahtesel-Pärchen durch die Landschaft strampeln. Obendrein kam uns eine knallgelbe BMW entgegen gedüst und wir lernten Paolo und Max kennen. Wie es sich für zwei Rimini-Jungs gehörte, waren die beiden Italiener nicht nur unheimliche Chameure, sondern obendrein eine lustige Bekanntschaft. „I can not drivee withoute music“ schwärmte  Paolo, was sein Sozius-DJ Max kopfnickend bestätigte. Selbst ein Blick auf das Gepäck der beiden führte uns wieder mal vor Augen, was wir Deutschen doch für „Globetrotter-Perfektionisten“ sind. Klar, es geht offenbar genauso, in Jeans, mit Wanderstiefeln und losen Decken (mit Spanngurten irgendwo festgeschnallt) per Motorrad zu reisen. Wir werden sicherlich noch öfter an die spaßigen Italiener zurückdenken.

Kurz vor Nong Khiaw kamen uns bereits die ersten „Falangs“ entgegen – wir konnten das Dorf also gar nicht verfehlen. Herrlich gelegen zwischen steilen Kalksteinfelsen am Nam Ou Fluss empfing uns der Ort mit einem bunten Schilderwald – alles Wegweiser zu Guest Houses. Wir wollten uns zu Weihnachten mal richtig verwöhnen, uns was Schönes gönnen. Für eine heiße Dusche dürften es heute ruhig mal ein paar Kröten mehr sein. Doch unsere Ansprüche mussten wir sogleich wieder herunterschrauben, nachdem wir die ersten Bungalows begutachtet hatten. Offenbar mussten wir doch mit einer kalten Dusche Vorlieb nehmen und froh sein, überhaupt zwischen zwei freien Bungalows aussuchen zu können.

Dass wir dabei die falsche Wahl getroffen hatten, zeigte sich kurz darauf. Noch während wir im Bett über unsere Rüdiger-Nehberg-Lektüre erzählten, huschte eine Ratte über den Ablagebalken und gab uns ungeniert zu verstehen, dass sie auch den Bungalow bewohnte. Die Ratten hier sehen zwar etwas kleiner – sogar niedlicher – aus als sonst, aber wir verspürten dennoch keine Lust auf einen derartig dreisten Mitbewohner. Der Trick mit dem Lichtanlassen funktionierte bei diesem Biest jedenfalls nicht und wir waren kurz davor, uns aus den Decken zu schälen und in das andere Quartier zu ziehen. Fragte sich nur, ob a) der Bungalow abends um zehn überhaupt noch frei war und b) ob es da nicht auch ungebetene Mitbewohner gab. Draußen war es bereits ungemütlich kalt. Bei dem ständigen Geraschel stand jedoch fest, dass uns erneut eine schlaflose Nacht bevorstand. Zelt draußen aufbauen? Irgendwie fanden wir nach einiger Überlegung alle Varianten blöd. Letzten Endes schleppten wir all unsere Taschen und Habseligkeiten in unser Bett, bauten einen riesigen Turm, den wir samt uns selbst ins Moskitonetz einwickelten. Anfangs husteten wir zwar neben den staubigen Klamotten wie zwei Kettenraucher, aber irgendwann hatte sich der Staub wieder gelegt. Das Licht ließen wir vorsichtshalber an. Wir hatten ja auch noch unsere Halstücher, die wunderbar als Augenbinden funktionierten. Schnell noch Ohrenstöpsel herausgekramt und es dürfte keine Ratte mehr zu hören und zu sehen sein. Dann mal gute Nacht!


24. Dezember 2004,
Nong Khiaw – Vieng Thong

68.114 km, N 20-05-02 / E 103-22-11

So überstanden wir die Nacht ungestört. Auf eine zweite Nacht neben unserem Sachenberg im „Rattennetz“ hatte allerdings keiner von uns beiden Lust. Entweder fanden wir eine andere Bleibe oder wir fuhren weiter. Hey, es war schließlich Weihnachten!

Wieder klapperten wir dieselben Herbergen ab, die gestern ausgebucht waren. Diesmal achteten wir jedoch peinlichst darauf, ob sich irgendwelche Schädlinge irgendwo durch die Bambusmatten gefressen hatten oder sonstige Anzeichen von nächtlicher Ruhestörung zu entdecken waren. Es schien ein aussichtsloses Unterfangen – in unserer ersten Wahl checkte gerade ein Mädchen aus, die sich über „Geräusche in ihrem Zimmer“ und über die kalte Dusche (die eigentlich heiß sein sollte) beschwerte. Wir schauten uns kurz an und Hanka schwenkte gleich den Kopf gen Straße. In Nong Khiaw blieben wir also nicht. Diesmal hätten wir wirklich gerne mehr für eine Unterkunft gezahlt, doch der Standard war überall der gleiche – kalte Dusche eingeschlossen. Über das Rattenproblem schien sich hier auch niemand Gedanken zu machen. Man tat die Sache mit „Solly“ (sorry) ab und schon zogen die nächsten Gäste ein. Das ist halt das Problem, wenn so ein Dorf wie Nong Khiaw von heute auf morgen mit Touristen überschwemmt wird. Die Leute begreifen schnell, dass man sich nicht allzu viel Mühe mehr geben muss, wenn man erst mal im Lonely Planet als Must-Go-Location angepriesen wird.

Relativ spät saßen wir auf der Honda und folgen der Landstraße weiter Richtung Osten. Die Kammstraße durch die Berge war traumhaft schön – natürlich die Dörfer eingeschlossen. Wir hielten so einige Male, um den Leuten beim Zermahlen von Maiskörnern zuzuschauen oder die fein herausgeputzten Jugendlichen bei ihren traditionellen Ballspielen zur Brautwerbung zu beobachten. Wannimmer wir spontan irgendwo stoppten, kamen die Leute von alleine auf uns zu, verhielten sich nett und offen. Selbst Fotos waren kein Problem – das alles hinterließ angenehme Eindrücke bei uns.

Schon den ganzen Tag trällerte Hanka ein Weihnachtslied nach dem anderen auf dem Rücksitz, doch unser richtiges Weihnachtsgeschenk begegnete uns zufällig auf der Straße. Die ganze Zeit in Nordthailand hatten wir uns gewünscht, einmal einen Elefanten zu sehen. Immer wieder stolperten wir über Elefanten-Dung, bekamen aber nie einen dieser grauen Arbeitsriesen zu Gesicht. Heute endlich wurde unsere Geduld belohnt. Direkt vor uns marschierte gemächlich ein stattlicher Elefantenbulle mit seinem Führer die Straße entlang. Der Anblick war so aufregend, dass er uns regelrecht unwirklich vorkam. Wie winzig wirkte dagegen unser Motorrad gegen diesen Riesen, der ohrenwedelnd brav seines Weges zog. Das Gefühl dieser Begegnung war unglaublich!

Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir das trostlose Kaff Vieng Thong. Hier gab es zwei Gästehäuser, von denen eins dusterer und grauslicher aussah als das andere. Die „Nasszellen“ entsprachen wortwörtlich dem Begriff; wir taten gut daran, diese besser nur zum Pinkeln aufzusuchen. Weihnachten hin oder her – wir hatten keine Wahl. Zum Zelten war es leider schon zu spät. Also schleppten wir unsere Siebensachen auf’s Zimmer, das aufgrund der Betonwände wenigstens rattensicher schien, und versuchten, den Gedanken an Heiligabend zu verdrängen. Zu unserer Überraschung kamen in der Dunkelheit noch drei weitere „Falangs“ mit dem Bus an (eine Australierin, ein Däne und ein Deutscher), so dass wir spontan beschlossen, gemeinsam irgendwo essen zu gehen. Es gab zwei Restaurants, wobei unser Reiseführer uns die Entscheidung abnahm. In dem einen sollte es nämlich eine tolle Spezialität geben: „barking deer“. Nachdem uns die Australierin davon übereugt hatte, dass es sich dabei nicht etwa um Hundefleisch, sondern tatsächlich um eine Art Reh handelte, bestellten wir alle „fàan“. Die toten Vögeljungen und undefinierbaren Eingeweide, die uns die Wirtin außerdem in einer Schüssel unter die Nasen hielt, lehnten wir höflich dankend ab. Im Nu baute sich dann eine reichlich gedeckte Tafel vor uns auf und wir ließen uns den „Weihnachtsbraten“ schmecken. Die echt laotische Küche enttäuschte uns nicht.

Gesättigt fragten wir uns, was wir mit dem angebrochenem Abend anfangen sollten. Draußen waren bereits die Bürgersteige hochgeklappt und man bekam nicht mal mehr irgendwo ein Bier zu kaufen. Kurzerhand gesellten wir uns zu dem letzten Lagerfeuerchen, das noch auf der Straße vor sich hin züngelte. Die Nacht war kalt und wir wurden freundlich ans Feuer gewunken. Die Einheimischen hatten absolut keinen Schimmer, dass für uns heute Weihnachten war. Mühsam entwickelte sich mit Händen und Füßen ein Gespräch, bei dem wir mühsam zu erraten versuchten, wovon uns die Leute eigentlich erzählten. Die Aha-Effekte sorgten immer wieder für reichlich Gelächter, doch schon bald brannte der letzte Bambuskolben nieder und wir wurden ins Bett geschickt.

Das war dann also Weihnachten. Ein bisschen melancholisch fühlten wir uns schon – dachten wehleidig immer wieder an unsere Lieben. Bei uns gab’s keinen Baum, keinen Stollen, keine Geschenke und überhaupt... Wie schön war doch dagegen letztes Weihnachten mit Annika, Bene und Patrick auf den Fijis? Dieses Jahr war Hankas Geburtstag bereits so „schier“ und Weihnachten hatten wir uns eigentlich auch anders vorgestellt. Doch bevor wir hier weiter auf die Tränendrüse drücken, sagen wir uns einfach: Nächstes Jahr holen wir alles nach!!!


25. Dezember 2004, Vieng Thong – Xam Nua
68.276 km, N 20-24-39 / E 104-02-57

Zum Frühstück lassen wir uns erstmals – ganz nach laotischer Art – eine deftige Nudelsuppe schmecken. Anschließend verabschiedeten wir uns von Ralf, Mia und Kris und düsten ab in den kühlen Morgennebel. Knapp 40 km Piste über Geröll und spitze Steine standen uns bevor; die ursprüngliche Teerdecke ließ sich nur noch schemenhaft erahnen. Anschließend ging’s schön kurvig auf gutem Asphalt weiter, 95 km entlang traumhafter Kammstraßen bis nach Xam Nua.

Das letzte Stückchen wurde für uns landschaftlich eins der bisher schönsten durch Laos: mit kleinen Siedlungen garnierte, steil abfallende, grüne Bergrücken soweit das Auge reichte. Die Dörfer in Laos faszinieren uns immer wieder mit ihren fröhlich winkenden Kindern, die von oben bis unten eingedreckt mit Stöcken, Kreiseln, Hundebabies und Schweinen spielten. Hin und wieder sah man, wie sich Frauen im schattigen Unterbau ihrer Stelzenhütten am Webstuhl zu schaffen machten; Mädchen mit Körben voller Feuerholz aus dem Busch entlang der Straße auftauchten; Traktortaxis voll beladen durch die Siedlungen tuckerten und jeder schien ein willkommendes „Sabaidee“ auf den Lippen zu haben. Manchmal erstarrten die kleinen Kinder mit großen Kulleraugen zu Stein, wenn sie uns kommen sahen. Unsicher, ob sie sich gleich hinter Mamas Rockzipfel verkriechen sollten oder doch lieber ausharren, um nichts zu verpassen, ging die Hand schließlich meist wie von alleine hoch, um uns zurückzuwinken. Als wir noch Kinder waren, hatten wir immer Angst vor’m schwarzen Mann – hier muss es genau anders herum sein – die Kleinen haben Angst vor’m weißen Mann!

Die Hühner stellten sich heute besonders dumm an: erst klebte Hanka eine gackernde Henne am Schienbein, anschließende nietete Erik auch noch ein Kücken breit – die vielen Hängebauchschweine scheinen ein wenig mehr Grips zu haben und hievten ihre schleifenden Bäuche immer gerade noch rechtzeitig aus dem Weg. Wir möchten nicht bestreiten, dass wir schon mal wieder Appetit auf Spanferkel hätten...

In Nua Xam bezogen wir gleich das erste Guesthouse. Mit trainiertem Blick erfassten wir sofort die Flusssenke, in der wir die Honda waschen können, den sonnigen Balkon (perfekt zum Wäschetrocknen) und als wir in dem sauberen Badezimmer den Boiler zu einer heißen Dusche entdeckten, sprang uns das Herz vor Freude höher. Hier bleiben wir. Obwohl die Unterkunft einfach ist, kommt sie uns nach den letzten Übernachtungspleiten wie ein Palast vor. Wir bekommen sogar Handtücher, Klopapier und Zahnpasta und als der nette Besitzer unsere Honda auch noch sorgsam mit einem Tuch abdeckte, hatte er erst recht einen Stein bei uns im Brett.


26. Dezember 2004,
Xam Nua (Ausflug nach Vieng Xai)

68.334 km, N 20-24-39 / E 104-02-57

Fantastisch ausgeschlafen strolchen wir zuerst zum Markt, wo um diese Zeit schon ordentlich Trubel war. Bambusmatten voller Gemüse wechselten mit Fisch, Mandarinen, Reis und Töpfen voller hausgemachter Gerichte ab. Zu unserer großen Freude entdeckten wir gleich einen Stand mit knusperfrischen Baguettes – genau das Richtige für einen Weihnachtsmorgen. Die Auswahl an Obst ist in Laos (im Gegensatz zu Thailand) eher dürftig und beschränkte sich lediglich auf grüne Papayas, Mandarinen, quietschsaure Pampelmusen und einige wenige Ananas-Früchte. Während wir über den Markt schlendernd die ersten Brotstangen schon mal reinfutterten, entdeckten wir ein eigenartiges, pelzmänteliges Vieh mit rattenartigem Schwanz. Es musste so etwas ähnlich wie ein Chinchilla gewesen sein, obwohl die ja nur in Südamerika leben und buschige Schwänze haben. Jedenfalls realisierten wir einige Stände weiter, dass diese Tierchen nicht unbedingt als Schmuse-Haustiere gedacht sind. Neben toten Singvögeln, Eichhörnchen und anderen Nagetierchen lagen nämlich auch einige aufgeschlitzte „Kuschel-Chinchillas“ als Frischfleisch zum Verkauf. Die Laoten scheinen keine Ausnahme darin zu sein, alles zu essen, was lebendig ist. Schon oft genug haben wir Kinder mit Katapulten auf Baumkronen zielen oder Männer mit Flinten umherziehen sehen. Für unsere Verhältnisse mag man derartige Wilderei grausam und kurzsichtig finden, doch in dieser Gegend scheint es ein fester Bestandteil des Speiseplans zu sein.

Ebenso wenig sind wir daran gewöhnt, dass vom Bus bis zum Moped grundsätzlich alle Fahrzeuge in fließenden Gewässern gewaschen werden. Die Honda hat eine Grundreinigung wirklich bitter nötig – also machen wir es wie die anderen: krempeln unsere Hosenbeine hoch und bewaffnen uns mit Schöpfkelle und Putzlappen, schieben unsere Maschine in den seichten Bach und schrubben los. Der Dreck muss derartig festgesessen haben, dass sich sogar unsere Alarmanlage wieder zu Ton meldete und juchzend kund tat, dass ihr die Dusche gefallen hatte. Für die nächsten Kilometer ließ sie sich gar nicht wieder beruhigen und flötete immer wieder während der Fahrt.

Nach 28 km erreichten wir Vieng Xai – ein trostloses Kaff, umgeben von schönen Kalkstein-Fels-Formationen, die an die Gegend um Krabi (Südthailand) erinnerten. Das 3.500-Seelen-Nest diente Anfang der Siebziger Jahre als raffiniertes Versteck für die Pathet Lao (die Laotische Revolutionäre Volkspartei). In den umliegenden Höhlen fanden nicht nur die kommunistischen Führungsköpfe Schutz vor den amerikanischen Bombenangriffen, sondern ganze Armeen nahmen in den gigantischen Räumlichkeiten sicheren Unterschlupf.

An dieser Stelle ist vielleicht ein kleiner geschichtlicher Abriss angebracht: Laos war zwischen 1964 und 1973 ungewollt zwischen die Fronten der Großmächte geraten: Während Amerika Krieg gegen Vietnam führte, bezahlte Laos die Präsenz der Nordvietnamesen im Land bitter. Knapp 2 Millionen Tonnen amerikanischer Bomben fielen auf das Land; das ist einiges mehr, als Deutschland im 2. Weltkrieg abbekommen hat. Beschämenderweise haben wir irgendwie rein gar nichts im Schulunterricht über den „geheimen Krieg“ der Weltmächte erfahren. Entsprechend wissbegierig folgten wir unserem Guide durch die Höhlen. Im Inneren der Kalkfelsen verbargen sich etliche Arbeits-, Besprechungs- und Schlafzimmer der historischen Schlüsselfiguren, die später den Weg für ein kommunistisches Land ebneten. Sogar ein Lazarett gab es, sowie mit Stahltüren und Sauerstoffmaschinen versehene Notfallbunker gegen Giftgas-Angriffe. Man konnte sich recht gut ein Bild davon machen, wie effektiv diese Felsen-Labyrinthe als Verstecke gedient haben. Angeblich hätten die Amerikaner diese geheimen Zufluchtsorte nie lokalisiert. Allerdings merkten wir auch, dass uns unser Guide als Vertreter der Pathet Lao manchmal nur die halbe Wahrheit erzählte. Zu DDR-Zeiten war’s ja schließlich nicht anders: Geschichte lässt sich „schönreden“.


27. Dezember 2004, Xam Nua – Phonsavan
68.573 km, N 19-26-58 / E 103-13-26

Über extrem lange Anstiege mit anschließendem Gefälle ging es heute kurvig weiter entlang der nebelverhangenen Bergrücken durch den Nordosten von Laos. Absolut kein Fahrradgelände, wie wir mit Schreckensvorstellungen von Wadenkrämpfen befanden. Die tapferen Pedalentraveller ließen sich die Berge dennoch nicht nehmen. Witzigerweise hatten sich die hiesigen Dorfbewohner das regelmäßige Straßengefälle sogar zunutze gemacht: Mehr als einmal sahen wir Familienväter auf selbstgebauten Holzkarren, voll beladen mit Feuerholz und Kindern, die Straße ins Dorf hinunterrauschen. Das Ganze hatte etwas von Daniel Düsentrieb und funktionierte offenbar prächtig. Zumindest blieb diesen Kindern die sonst übliche, schwere Schlepperei von Holz in riesigen Körben erspart. Wir waren begeistert.

Unterwegs stießen wir plötzlich auf eine witzige Motorradtruppe von „Falangs“ – ein Engländer, ein Ire, ein Schotte und ein Australier – die mit gemieteten russischen Minsk-Maschinen aus Vietnam kamen. Der Engländer hatte gerade eine brilliante Sturzlandung auf dem Schotterstreifen hingelegt, humpelte und fragte schüchtern, ob er sich Werkzeug von uns borgen konnte, um seinen verbogenen Schalthebel zu richten. Klar doch! Nach zwei Minuten war der Schaden bis auf den abgebrochenen Blinker behoben. Russentechnik scheint noch immer unverwüstlich und kommt auch ohne großen Plastik-Verkleidungs-Schnickschnack aus. Wir sahen die vier müde und geschafft am Abend in Phonsavan wieder.

Als wir gerade in dem kleinen Kaff Nong Pet für Wasser und einen Snack stoppten, trauten wir unseren Augen nicht. Auf dem Markt hielt direkt neben uns ein Săwngthăew an (bunter Pick-Up mit Sitzbänken entlang jeder Seite, die normalerweise als Sammeltaxi dienen) und emsig machten sich die Leute daran, schwere Säcke von der Ladefläche zu hieven. Die Säcke waren gefüllt mit den verrosteten Überresten von Splitterbomben! Schnell stand eine Wage auf dem Markt und ein Alter mit französischer Baskenmütze machte sich daran, die ungewöhnliche Ladung abzuwiegen. Wannimmer es ein Teil auf 100 Kilo brachte, raunte ein Staunen durch die Menge und mit Kreide wurden dem „Sammler“ die abgewogene Menge quittiert. Diese Sammelstelle für Bombenschrott erinnerte irgendwie an das, was wir in der DDR unter Altstoffsammlung kennengelernt haben – doch welch makaberer Vergleich!

Schätzungsweise 30% der von Amerika abgeworfenen Bomben liegen noch immer unentschärft in den östlichen und nordöstlichen Provinzen von Laos! Vor allem Streubomben, sogenannte Bombies, sorgen immer wieder für tödliche Unfälle und Verletzungen von Kindern, die die verlockend gelben Stahlkugeln für Spielzeug halten. Internationale Hilfe bemüht sich darum, Laos von den gefährlichen Überbleibseln des „Geheimen Krieges“ zu säubern und damit landwirtschaftlich wertvolle Flächen wieder nutzbar zu machen. Leider ist dieser Prozess derartig mühsam, dass es nach den bisherigen Erfolgen nahezu ein Jahrhundert brauchen dürfte, um das Land bomben- und minenfrei zu bekommen.

In Phonsavan gibt es endlich wieder einen Laden mit (teurem) Internet. Seit Tagen brennen wir darauf, unsere Weihnachtsgrüße abzurufen und uns durch die letzten Fenster unseres Weihnachtskalenders zu klicken. Statt dessen erfuhren wir erstmals von der Katastrophe, die sich gerade entlang Südostasiens Küsten abspielte. So ganz konnten wir uns anfangs nicht zusammenreimen, was unsere Lieben eigentlich mit der Welle meinten und ob wir was abbekommen hätten? Stutzig blätterten wir uns zu den Nachrichten. Geschockt lasen wir die Schlagzeilen: Gestern hat im Indischen Ozean ein Seebeben der Stärke 9 nördlich von Sumatra eine z.T. 10 m hohe Flutwelle ausgelöst. Sri Lanka, Indien und die nördlichen Provinzen Sumatras sind von den Salzwasserfluten am schlimmsten betroffen. Aber auch Malaysia und der Süden von Thailand hat den Tsunami heftig zu spüren bekommen. Man spricht schon jetzt von 23.000 Toten – stündlich werden es mehr! Das war kaum zu glauben! Es war doch Weihnachten! Im Ort gab es ein teures Hotel mit BBC-Nachrichten. Schon in der Lobby hatten sich einige Leute vor der flimmernden Glotze versammelt und starrten gebannt auf die verheerenden Nachrichten. Wir sahen im Fernsehen Amateurvideos von Phuket und dachten mit Grauen an all die Menschen und Orte zurück, die wir erst kürzlich auf unserer Reise kennengelernt hatten. Es ist keine zwei Monate her, dass wir auf Penang waren...! Wie wird es wohl Ton und Tina auf Ko Chang ergangen sein...? Haben Berg und Mike in Butterworth etwas abbekommen...? Wir machen uns wahnsinnige Sorgen!


28. Dezember 2004, Phonsavan (Ausflug zu den „Plain of Jars“)
68.628 km, N 19-26-58 / E 103-13-26

Trotz „Monsterwelle“ ging in Laos alles seinen gewohnten Gang. Nichts, aber auch nichts wies auf die Katastrophe hin..

Stattdessen schaute beim Frühstück zufällig eine Omi wie auf Bestellung im Restaurant vorbei, die selbstgemachten Kokos-Gelee in Gläsern verkaufte. Mit ihren aufrichtig gemeinten Worten: „Try, I cook so good“ war sie uns auf Anhieb symphatisch und uns waren obendrein die Honigvorräte gerade ausgegangen. Schnell kamen wir ins Gespräch und sie lud uns spontan in ihr Haus zum Mittagessen ein. Freudig überrascht sagten wir zu.

Wie unglaublich gastfreundschaftlich die Laoten sind, erfuhren wir in den darauffolgenden Stunden. Irgendwie konnten wir gar nicht glauben, wieso Miss Laonesy eigentlich dazu kam, uns so königlich zu bewirten. Ihre jüngste Tochter, Miss Be, zauberte ein derart grandioses Festmahl, wie es in Deutschland wohl keine Neunzehnjährige zustande gebracht hätte! Obwohl in der Familie Geld offensichtlich knapp war und wir kurz davor waren, ihr eine kleine finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen, wurden wir verwöhnt, als ob wir zur Familie gehörten. Mit Sicherheit hätte Miss Laonesy kein Geld von uns angenommen. Sie schimpfte bereits wie ein Rohrspatz, weil wir eine Wassermelone als Dessert mitgebracht hatten.

Unsere Gastgeberin bestand darauf, uns auch noch zum Abendessen einzuladen. Und morgen früh wollte sie zeitig aufstehen und Fried Rice für die Weiterfahrt zubereiten. Wir trauten unseren Ohren nicht – das ging jetzt aber zu weit! Wir verabschiedeten uns herzlich von unseren beiden neuen Freundinnen und machten uns auf den Weg zu den „Plain of Jars“ – weswegen wir ja eigentlich nach Phonsavan gekommen waren. „Die Ebene der Tonkrüge“, wie die Hauptattraktion von Nordlaos auf deutsch heißt, ist eine ominöse Ansammlung von überdimensionalen Krügen, die seit Jahrhunderten versteinert in der Gegend umherliegen. Es gibt zwar verschiedene Theorien, die im Zusammenhang mit vorzeitlichen Beerdigungsritualen stehen, doch so richtig weiß keiner um die Bedeutung und Verwendung dieser bis zu zweieinhalb Meter hohen Gefäße. Heute machen sich die Touristen einen Jux daraus, in den Töpfen zu verschwinden und allerlei anderen Blödsinn für Fotos anzustellen. Einen greifbareren Bezug bekommt man jedoch zu den tiefen Bombenkratern, die noch immer als stille Zeugen des „Geheimen Krieges“ zwischen den historischen Krügen die Landschaft verunstalten. Die Gegend wirkt wie ein einziges Schlachtfeld und Grenzsteine der MAG (Mines Advisory Group) weisen darauf hin, welche Trampelwege sicher vor Minen und nicht detonierten Zündkörpern sind. Man sollte sich lieber keinen Schritt zu weit in die gefährliche Zone wagen. Die Sache ist einerseits faszinierend, andererseits sind die Töpfe über ein derart riesiges Areal in der Gegend verteilt, dass die Besichtigung schnell ermüdend wird. Schon nach dem ersten Schauplatz fanden wir, genug Fotos geschossen zu haben und fuhren zurück in den Ort.

Spontan ließ sich Erik anschließend auf einem klassischen Friseurstuhl nieder, wo ihn der hiesige „Barbier“ den südostasiatischen Einheitsschnitt verpasste. Für 5.000 KIP (ca. 30 Cent) war eine Rasur gleich inklusive. Soviel Service konnte Hanka nicht bieten, die ihrem Mann eigentlich seit Jahren die Haare schneidet. Aber das Friseur-Erlebnis gönnt sie ihm, zumal der Meister – wie er lächelnd zugab – noch nie blonde Haare zwischen die Finger bekommen hatte.

PS: Für Phonsavan können wir übrigens einen guten Inder empfehlen: Nisha Restaurant, an der Hauptstraße, Route 7 - seeeeehr lecker!


29. Dezember 2004, P
honsavan – Luang Prabang

68.896 km, N 19-53-18 / E 102 07 55

Ein eiskalter Wind begleitete uns heute durch die Hochebene, verfolgte uns bis in die Berge vor Phou Khoun und verschwand erst kurz vor Luang Prabang. Wir waren mittags bereits derartig durchgefroren, dass wir unbedingt eine heiße Nudelsuppe brauchten. Erik fühlte sich schon seit gestern, als wäre eine Erkältung im Anmarsch. Hoffentlich wird er nicht kurz vor Silvester noch krank!

Wie uns schon einige Leute angekündigt hatten, ist die Strecke nach Luang Prabang fantastisch: schroffe Berge, kilometerweite Aussichten, schöne Dörfer, wo uns die euphorischen „Sabaidee“-Rufe der winkenden Kinder voll in Anspruch nahmen, jede Begrüßung zu erwidern. Wir haben allerdings noch nicht herausgefunden, was die Leute mit den Hunderten von Graswedeln anstellen, die zum Trocknen ausgelegt die Straßenränder säumten. Offenbar schienen die Wedelflücker ihren Lebensunterhalt damit zu verdienen – wir werden uns auf dem Rückweg mehr Zeit nehmen, um der Geschichte auf den Grund zu gehen.

Luang Prabang empfing uns mit einem angenehm milden Klima, romantischen Gassen und herumziehenden Backpackern, die alle nach einem budget-gerechten Gästehaus Ausschau hielten. Kurzum: die Stadt war voll von Touristen und auch wir hatten unsere Mühe, eine einigermaßen preiswerte Bleibe zu finden. Offenbar waren wir nicht die einzigen, die Silvester ein bisschen Trubel erleben wollten.

Unser abendlicher Bummel über den Nachtmarkt wurde mit Glücksgefühlen belohnt: yummie – an jeder Ecke gab es etwas anderes Leckeres zu essen – fast so wie in Thailand! Soviel appetitliches Straßenessen haben wir noch nirgendwo in Laos gesehen! Auf Anhieb sind wir uns einig, dass wir die nächsten Tage auf Restaurants pfeifen und uns stattdessen durch die Stände des Nachtmarktes futtern. Mit köstlich frisch gegrilltem Mekhong-Fisch (für 1 EUR!) haben wir heute schon mal angefangen.


30. Dezember 2004 – 1. Januar 2005, Luang Prabang
68.896 km, N 19-53-18 / E 102 07 55

Schon wieder ein Jahr verstrichen! Während sich die restlichen „Falangs“ auf den Silvesterparties amüsierten und das neue Jahr in Luang Prabang begrüßten, fühlten wir uns ziemlich depremiert und reisemüde. Weder der Lao-Lao-Coloda wollte uns recht schmecken, noch die ganze Countdown-Zeremonie vor Mitternacht. Manchmal kommt einem die Welt so unreell vor! Die schockierenden Bilder des Tsunami-Unglücks ziehen uns immer wieder durch die Köpfe. Mangels Fernsehmöglichkeiten haben wir die aktuelle Ausgabe des Spiegel-Magazins aus dem Internet heruntergeladen und die ausführliche Titelstory voller Schrecken aufgenommen. In Khao Lak, jenem Ort der trotz unserer enttäuschten Rückkehr dennoch so viel Bedeutung für uns hat, werden täglich Hunderte von Leichen am Strand angeschwemmt! „Viele Leichen sind nicht mehr zu identifizieren, es ist alles ein schwarze, aufgequollene Masse Mensch, nicht mehr zu erkennen, ob Europäer oder Asiat; im Tod sind alle gleich“ heißt es da. Die furchtbaren Fotos verfolgen uns bis in den Schlaf: Grotesk verdreht, teils mit abgerissenen Gliedmaßen, aufgebläht, liegen tote Menschen halb verwest an dem Strand, an dem wir vor gerade mal 6 Wochen noch entspannt in der Sonne lagen. Khao Lak ist ein Begriff des Schreckens geworden. Uns fallen immer wieder andere Menschen in Khao Lak ein: der nette Tauchlehrer Alois, unsere liebe Bungalowvermieterin Mam mit ihrem kleinen Sohn, die hübsche Kellnerin mit ihrer maskulinen Stimme. Ob sie noch lebten? Geht es Tina & Ton auf Ko Chang gut – die Insel hat vermutlich ebenfalls die Monsterwelle abbekommen? Was ist wohl aus den Leuten geworden, die wir in Kanchanaburi und anderswo trafen, die auf dem Weg nach Südthailand waren? Von Luther (Medan, Indonesien) und Lim (Butterworth/Penang, Malaysia) haben wir Gott sei Dank beruhigende Nachrichten erhalten. Doch wie grausig muss es im Moment erst an jenen Unglücksorten sein, wo Hunderte von Angehörigen die Leichen-Müllsäcke und schachtelähnlichen Särge durchsuchen, um Gewissheit über den Verbleib ihrer Familien zu haben...

Wie können wir nur solch ein banales Tagebuch schreiben, erzählen, was wir gemacht haben – wenn es doch im Vergleich zu jenen Ereignissen so unbedeutend ist!!! Beschämt realiseren wir das Ausmaß der Katastrophe an den Küsten erst jetzt. Mit Grauen malen wir uns aus, wie unsere Lieben daheim die Katastrophe durch Fernsehen und Videoaufzeichnungen viel intensiver miterlebt haben als wir. Wir hingegen haben nur Fotos mitbekommen – keine Filmaufzeichnungen, keine Einzelschicksale. Die Medien in aller Welt berichten seit dem Unglückstag von nichts anderem. Wie sehr sich unsere Familie und Freunde um uns Sorgen gemacht haben – und was wir selbst für ein unglaubliches Glück hatten – begreifen wir erst allmählich.

Über dies und viele andere Dinge grübeln wir in diesen Tagen, liegen nachts stundenlang wach, stellen alles in Frage. Das ungewohnt kalt-trübe Wetter (wir hatten seit Wochen nur sonnige Tage) drückt zusätzlich auf die Stimmung. Momentan kommt uns alles so sinnlos vor.

Was erwarten wir eigentlich überhaupt von unserer Reise? Sollen wir einfach im Sommer heimkehren, sagen „ja, wir haben uns zweieinhalb Jahre die Welt angeschaut – es war schön“ und das war’s dann? Tagesordnung. Was sollen wir bloß anfangen mit unseren Erfahrungen und Gefühlen, die daraus rühren, ein bisschen was von der Welt gesehen und verstanden zu haben? Uns erschreckt der Gedanke an die Rückkehr in unsere schnelllebige, westliche Gesellschaft. Natürlich ist die Anteilnahme der Menschen am Leid der Welt riesig – doch wie schnell auch wieder vergessen. Je mehr wir von den Schattenseiten in der Welt erfahren, desto mehr drängt sich uns der Wunsch auf, endlich etwas Sinnvolles zu tun. Nicht zu vergessen, nicht zu verdrängen, sondern uns zu engagieren; vielleicht ein Projekt aktiv zu unterstützen, eine Familie, Kinder, eine Schule, gefährdete Korallenriffe, bedrohte Tierarten, was auch immer. Es gibt so viel Handlungsbedarf! Wir dagegen reisen nur so von einem Ort zum anderen, verschleudern unser Erspartes – was ist daran sinnvoll?? 

Andererseits sind wir so stark von Zweifeln geplagt, dass wir selbst nicht wissen, was den Sinn ausmacht. Ist nicht jederlei Hilfe ohnehin nur ein Tropfen auf den heißen Stein, falls sie überhaupt ankommt? Wer will sich außerdem mit den Schattenseiten dieser Welt ernsthaft auseinandersetzen? Das Thema ist leidig, ausgetrampelt und am Ende will doch niemand davon hören. Man beneidet uns vielleicht um diese Reise, weil wir ja so viele Länder und Menschen sehen. Das mag stimmen, aber wer beneidet uns um die traurigen Erfahrungen, die wir immer wieder gemacht haben: Armut, verwahrloste Kinder, abgeholzter Regenwald, Tiere in erbärmlicher Gefangenschaft, erschreckende Müllprobleme und, und, und. Dabei sind wir noch nicht einmal mit wahrem Elend konfrontiert worden. Wir können die Augen nicht verschließen, aber auch nicht mit den Bildern leben. Wo ist letztendlich der Sinn von zweieinhalb Jahren „Sightseeing-Tour“


2. Januar 2005, Luang Prabang – Vang Vieng
69.153 km, N 18-55-37 / E 102-26-48

Tja, was sollen wir heute bloß zu Papier bringen... Dass wir uns noch vor Sonnenaufgang aus dem Bett gequält haben, um dem wunderbaren, traditionellen Ritual der Mönche beizuwohnen, die mit schnellen Schritten durch die Straßen auf ihrer morgentlichen Kollekte Reis und andere Lebensmittel einsammelten? Dass uns die traumhafte Landschaft hinter Phou Khoun mit ihrer Schönheit aus schroffen, zipfelmützenartigen Felsen fast erdrückte? Dass heute den ganzen Tag Hankas Lieder vom Sozius ausblieben? Die Honda versuchte ihr Bestes, unsere Stimmung zu heben. Wir haben noch immer keine Antworten auf all die Fragen, die uns beschäftigen.

Vang Vieng empfing uns idyllisch gelegen mit zahlreichen Restaurants, etlichen Pancake-Straßenständen und netten Gästehäusern. Wir werden hier ein paar Tage bleiben.


3.-5. Januar 2005, Vang Vieng
69.176 km, N 18-55-37 / E 102-26-48

Es gibt jede Menge Arbeit für uns – der Stumpfsinn des stundenlangen Wäschewaschens von Hand (ja, endlich sind auch mal die Motorradklamotten wieder dran), sowie der zahlreichen Näharbeiten, die sich aufgestaut haben, verschafft uns ein wenig Ablenkung; ja bessert letztendlich sogar unsere Stimmung. Vang Vieng ist ohnehin der ideale Platz, um auf andere Gedanken zu kommen. Abenteuerliche Bambusbrücken spannen sich wackelig über die vielen Flussarme des Nam Song, steile Karstfelsen ergeben dabei eine wunderbare Landschaftskulisse, romantische Chill-Out-Bars locken mit Sonnenuntergangs-Matten, die teilweise sogar auf den Fluss hinaus gebaut worden sind. Aus jeder Ecke wehen andere sphärische Klänge und abends buhlen die Restaurants nicht nur mit den besten Pizzen, sondern den beliebtesten DVD-Filmshows um die entspannungssuchenden Backpacker. Natürlich steht tagsüber auch ein reichliches Aktivitätenprogramm zur Auswahl und wir waren kurz davor, uns Fahrräder auszuleihen. Doch Erik wollte nur äußerst ungern auf Pedalen umsteigen und bevor sich Hanka versah, hatte er den Zustand der umliegenden Brücken bereits auf ihre Mototrradtauglichkeit ausgekundschaftet und eine Karte von der Gegend besorgt.

Per Honda machten wir uns auf den Weg in die umliegenden Dörfer und Höhlen. Hanka blieb jedes Mal fast das Herz stehen, wenn Erik vorsichtig die schwere Maschine über die schmalen Bambuskonstruktionen „fußelte“. Nach unseren bisherigen Brückenabenteuern in Laos sah sie das Motorrad bereits in den Fluss kippen, Erik eingeschlossen. Doch der packte die die langen Brückenmeter erstaunlich gut, winkte brav für Fotos und brachte die Honda sicher an jedes nachfolgende Ufer. Für die Einheimischen gehören derart wagemutige Unterfangen zum Alltag – schon die Kinder düsen im Affenzahn mit ihren Fahrrädern über die schmalen Bretter und selbst für die Asienscooter á la Honda Dream und dergleichen stellen die Bambusbauten keine Hürde da. Die „Dieselbüffel“ (kleine Allzwecktraktoren) manangten die Wasserhindernisse auf ihre Weise und fuhren geradewegs hindurch. Die Tuk-Tuks taten es ihnen gleich. Doch dass die Wasserdurchfahrten nicht immer gelangen, erlebten wir wenig später, als sich eins der dreirädrigen Fahrmobile im Schlick festfuhr. Lachend stiegen alle Insassen nacheinander aus und halfen beim Schieben. Es ging weder rück- noch vorwärts. Erst als Erik mit zupackte, ließ sich die Fuhre schließlich durch den Fluss zerren. Das Ganze löste eine unglaubliche Erheiterung bei allen Beteiligten aus und auch wir brauchten erstmal eine Verschnaufpause, um unsere Lachmuskeln zu entspannen.

Wir kraxelten schweißgebadet zur Phu Kham Höhle, ließen uns anschließend am Seil in das erfrischende Wasser eines türkisgrünen, natürlichen Pools klatschen und zogen weiter zur nächsten Höhle. Die urigen Dörfer auf dem Weg sind zwar offenbar einige Fahrradtouristen gewöhnt, haben jedoch ihren ursprünglichen Charme bewahrt. Winkend kamen uns überall die Kinder entgegen gestürmt – „Sabaidee!!!“ – und als Erik an einer Schule hupend die Hand zum Gruß hob, brach der gesamte Schulhof in einen gigantischen Jubel aus. Es war herrlich.

Mehr als die Höhlen selbst begeisterten uns die landschaftlich wunderschön gelegenen Wege, die über Dörfer von einem Höhlenabzweig zum nächsten führten. Bei manch entlegenen Höhlen machte für uns der Weg dahin den Abstecher erst zum Erlebnis. Da uns die Phu Kham Höhle trotz ihrer tollen Lage bereits zu touristisch erschlossen war, versuchten wir es bei der zweiten Höhlenwahl mit einer weiter abgelegenen. Nachdem wir den halb verschüttenden Eingang entdeckt und einen Blick hinein riskiert hatten, machten wir uns auf den Rückweg. (Sorry Hannes, aus uns werden wohl keine Höhlenforscher mehr werden.) Die Honda hatten wir auf einem Reis-Stoppelfeld zurück gelassen, da der schmale Weg über Zäune durch eine Art Gemüsegarten führte. Zwischen den baumhohen Kasawa-Pflanzen kam uns schließlich eine Schar Kinder entgegen, die sich schon lange vorher durch ihr heiteres Gekicher verraten hatten. Als sie uns schließlich wahrnahmen, stiebten sie kreischend, wie von der Tarantel gestochen, in die Büsche. Ihre Tragekörbe und Macheten landeten kurzerhand am Wegesrand. Nur eins der älteren Mädchen blieb stehen und hielt sich den Bauch vor Lachen, während ihre kleineren Geschwister uns noch immer mit ängstlichen Augen aus dem Gebüsch fixierten. Wir fanden die Situation äußerst amüsant, und da wir nun schon mal von Natur aus hier die Bösewichte waren (wer hat Angst vor’m weißen Mann...), konnte sich Erik nicht verkneifen, sich in Richtung des Gebüsches zu beugen und BUHH zu rufen. Quiekend stiebten die erschrockenen Kinder aus dem Gebüsch, stolperten hektisch über ihre Körbe, während das Mädchen sich nun vor Lachen krümmte. Nach den ersten Schrecksekunden begriffen die Kleinen schließlich auch und stimmten schließlich mit in ein herzliches Lachen ein. Es war so herrlich! Wir hätten diese Begegnung gern auf Video festgehalten, aber wie kann man derartig spontane Erlebnisse filmen geschweige denn fotografieren? Wir schmunzelten noch lange über diesen Moment – ob die Kinder sich wohl noch vor den nächsten „Weißen“ verstecken?


6. Januar 2005, Vang Vieng – Vientiane
69.334 km, N 17-57-49 / E 102-36-18

Manchmal tragen die Kinder hier nebst ihrer gewöhnlichen Schuluniform (weiße Hemden, dunkle Hosen/Röcke) rote Halstücher. Wir fragen uns verwundert, ob es im kommunistischen Laos gar noch Pioniere gibt? Je intensiver man sich umschaut, desto mehr Parallelen lassen sich zu altvertrauten DDR-Zeiten finden. Auch die Geschäfte erinnern an „Konsumzeiten“ – es gibt zwar alles, aber irgendwie auch nichts. Auffällig ist, dass von den meisten Produkten nur eine Marke den Bedarf deckt – nichts mit der erdrückenden Auswahl der westlichen Gesellschaft. Wer Kaffeesahne will, muss Bärenmarke nehmen, wer Instant-Kaffee trinkt, muss mit Nescafé Vorlieb nehmen, wer Teebeutel kaufen will, hat die Wahl zwischen Lipton und Lipton, gibt es mal irgendwo Marmelade, dann nur die von Best Food, usw. Gerade unter den Lebensmittelmarken gibt es kaum eine hiesige und angesichts der teuren Preise kommt es uns manchmal so vor, als ob auch das Obst von Thailand importiert wird. Manchmal nervt es schon, Ewigkeiten herumzusuchen, bis man findet, was man braucht. Honig zum Beispiel gibt es in Vang Vieng nirgends zu kaufen, obwohl die Touristenrestaurants offenbar eine geheime Quelle für den Wabensaft kennen.

Im „Sturzflug“ ging es aus den Bergen in eine weite, heiß-schwüle Ebene. Der Highway 13 führt von dort direkt in die Hauptstadt von Laos, Vientiane. Dass diese Stadt wohl eher einem Provinznest gleicht, anstatt den Erwartungen einer Hauptstadt gerecht zu werden, lernten wir schnell. Eigentlich toppt lediglich Dili in Osttimor das Image einer „Dorfhauptstadt“. Gemütlich reihen sich ein paar Straßenzüge entlang des Mekhongs, das sogenannte Zentrum. Drumherum gibt’s noch ein paar Tempel und unverkennbar kommunistische Prunkbauten. Natürlich darf auch eine Paradestraße nicht fehlen – fertig ist die Hauptstadt. Für die meisten Laoten ist der musikalisch untermalte Fontänenspringbrunnen sicherlich das Größte auf der Welt. Der zugehörige „Arc de Triumph“ lässt uns angesichts seiner lieblosen Unvollständigkeit eher schmunzeln. Dieser Betonklotz wurde aus amerikanischen Fördergeldern erbaut, die eigentlich für den Bau einer Flughafenlandebahn vorgesehen waren...

Bemerkenswert sind in Vientiane jedoch die heimeligen Bäckereien – ein schönes Überbleibsel aus der Kolonialzeit. Heute sind die Backstuben von Croissants und Baguettes wohl eher Touristentreffpunkte. Wo kann man auch schon mal schönen Filterkaffee mit aufgeschäumter Milch und heiße Schokolade trinken, dazu hausgebackene „Sandtaler“ und „Kipferln“ knabbern? Das ist doch fast schon wie Zuhause.


7.-11. Januar 2005,
Vientiane

69.351 km, N 17-57-49 / E 102-36-18

Der 7. Januar sollte für uns ein ganz besonderer Tag werden und bleiben. Am 7. Januar erblickte unsere Nichte Anna Luise das Licht der Welt in Dresden. Unglaublich – Betti und Gunni sind die stolzen Eltern einer bildhübschen Tochter geworden. Fasziniert fixieren wir die ersten Fotos im Internet (www.sonnenpyramide.de), studieren Ähnlichkeiten der Kleinen und staunen, wie gut Betti die Geburt per Kaiserschnitt überstanden hat. Hanka befällt sofort die Sehnsucht nach einem eigenen Baby und auch Erik reagiert nicht unbeteiligt. Wir können es kaum erwarten, die Kleine irgendwann diesen Sommer in den Armen zu halten. Bis dahin wird sie vielleicht schon sitzen und krabbeln können – ach, wir wären am liebsten schon jetzt dabei!!!

Da Internet in Vientiane endlich mal richtig günstig ist, schleppen wir unseren Laptop ins nächstbeste Internetcafé und stöpseln die Kopfhörer an. Fix wählt der Rechner Bettis Telefonnummer im Krankenhaus an, die wir dank Hankas Eltern schnell rausbekommen haben, und schon quäkt uns Anna Luise am anderen Ende der Welt entgegen. Was für ein tolles Gefühl! Dass Betti ihr kleine Maus genießt, ist offensichtlich. Auch Gunni ist schon auf dem besten Wege, Anna Luise zu verwöhnen, indem er sie bereits im Krankenhaus stolz wie Oskar überall mit hinschleppt. Heimweh macht sich breit.

Eisern klemmen wir uns ansonsten für 3 Tage hinter den Computer, um mit unseren Tagebucheinträgen aufzuholen, Fotos zu katalogisieren, Zeitungsartikel und Newsletter zu schreiben, unsere Webseite upzudaten und hochzuladen, E-Mails zu beantworten, unsere nächste Verschiffung zu organisieren und dergleichen mehr. Es gibt Unmengen an Sachen abzuarbeiten. Soviel, dass Erik angesichts der vielen Computerstunden schon mürrisch wird. „Wollen wir eigentlich reisen oder nur noch vor’m Computer sitzen?“ Manchmal fragt man sich ernsthaft, ob die ganze Arbeit überhaupt einen Sinn macht. Mal abgesehen von unserem Administrator Gunnar kann sich wahrscheinlich kaum jemand vorstellen, wieviel Zeit man in so eine Homepage investiert. Andererseits kam als Antwort auf unseren letzten Newsletter folgende Zeilen:

Dienstag Jan 11 15:14:49 2005
Subject: RE: www.worldon2wheels.de - Newsletter

hallo ihr beiden,

ich verfolge eure reiseberichte seit einiger zeit und bin voll begeistert! hab mir echt sorgen um euch gemacht, obwohl ich euch nur vom lesen kenn und bin jetzt echt beruhigt, dass es euch gut geht!

ich hab eure adresse von simone und ferdinand, die ihr in thailand kennengelernt habt und die zur zeit auch unterwegs sind! (sind bekannte von meinem freund!!)

mein freund und ich fliegen am 10-08-05 nach wichita / kansas und beginnen dort unsere 1/2-jährige motorradtour. seit ich eure reise verfolge, kann ich es fast nicht mehr erwarten! ich hab zwar immer wieder meine zweifel, ob es richtig ist, was ich mach (wohnung kündigen, familie und freunde zurücklassen usw.....), aber durch eure erfahrungen fällt es mir immer leichter, mal alles hinter mir zu lassen und ein wenig die welt zu erkunden!

ich wünsche euch beiden noch alles gute, viel glück und fun auf all euren wegen und freu mich schon wieder auf die nächsten berichte und vor allem auf die megageilen fotos!!!!! 

lg aus straubing in niederbayern

marion


12. Januar 2005,
Vientiane – Paksan

69.548 km, N 18-24-01 / E 103-39-58

Mancherorts ist die Erde so rot wie in Australien. Wie ein ziegelrotes Staubband zog sich die Piste entlang des Mekhongs, auf der wir im Anschluss an die Friendship Bridge nach Thailand unfreiwillig gelandet waren. Laut Karte sollte es heute eigentlich nur Asphalt unter’m Hinten geben. Stattdessen gruben wir uns 40 km Offroad durch staubbedeckte Löcher; zunächst durch den „Gemüsegarten“ von Vientiane, anschließend durch trostlose Dörfer. Verwunderlich, aber heute vermissten wir gänzlich die fröhlichen „Sabaidee“-Rufe der winkenden Kinder, die uns normalerweise durch Laos begleitet hatten. Scheint so, als seien die Menschen hier von einem anderen Schlag.

Nach anderthalb Stunden Hoppelei landeten wir schließlich an einer Kreuzung – links oder rechts? Wir entschieden uns für links, hofften, nach wenigen Kilometern endlich auf den Highway 13 zu stoßen. Die Theorie ging auf. 90 km guten Asphalts brachten uns geschwind nach Paksan. Von dort noch weiterzufahren, machte für heute wenig Sinn. Die Offroad-Piste hatte uns zuviel Zeit gekostet, als das wir noch knappe 200 km vor Einbruch der Dunkelheit schaffen würden. Fix ist ein Gästehaus gefunden. Erwähnenswert ist hier nur ein komischer, storchenartiger Vogel, der wie eine Statue die Einfahrt bewachte. Als Erik ihm zu nahe kam, hackte das Vieh wild nach seiner Hand und spannte seine riesigen Schwingen bedrohlich auf gute 3 Meter aus. Wir haben noch nie einen derartigen „Storchgeier“ gesehen, wundern uns, ob diese Vögel überhaupt Haustiere sein dürfen. Respekt hat er jedenfalls verdient, dieser Wachhund mit dem langen Schnabel.

Da es noch früh am Nachmittag war, wollte Erik die Stunden vor der Dunkelheit für eine Durchsicht an der Honda nutzen. Hanka halft ihm gerade noch beim Aufbocken, als uns die Maschine um ein Haar umkippte. Dem Hauptständer hatten wir wohl mittlerweile doch zu viele Bodenschläge zugemutet... Jedenfalls knickte das Teil wie Alu weg, brach und hing nur noch an einem „Faden“ an der Aufhängung. Soviel zum Thema Durchsicht – die nächsten Tage müssen wir erstmal einen Schweißer finden, der uns den Ständer wieder anschweißt!


13. Januar 2005, Paksan - Savannakhet
69.877 km, N 16-33-38 / E 104-44-56

Die Landschaft erinnert noch immer an das Einheits-Braunrot des australischen Outbacks. Mal abgesehen von den fehlenden Känguruhs und Wallabies gibt es jedoch einen gravierenden Unterschied zum „Roten Kontinent“: der Müll. Je südlicher wir kommen, desto mehr flattern Plastiktüten und sonstiger Verpackungsmüll in der Botanik herum. Am schlimmsten sieht es in und um die Dörfer aus. Alles, was sich nicht verwerten lässt, fällt den Leuten aus den Fingern und landet dort, wo auch immer der Wind die die Tüten und sonstigen Abfälle hinweht. Niemand scheint sich dieser Umweltverschmutzung bewusst zu sein – uns dagegen springt dieses grauenvolle Bild regelrecht an. Oft genug haben wir schon selbst erlebt, dass in Asien jede Kleinigkeit x-mal in Plastik gepackt wird. Allein die Sache mit den 900 ml Trinkwasser-Plastikflaschen ist der pure Wahnsinn. Da werden tagtäglich Millionen dieser Einwegflaschen mit Trinkwasser gefüllt, anschließend in Plastiktüten verpackt und möglichst noch mit Strohhalmen versehen! Wie dieser Plastikwahnsinn vermieden oder immerhin umweltgerecht entsorgt werden könnte – darüber hat sich hier offenbar noch niemand Gedanken gemacht! Ist doch irgendwie krank!

Schlimm und typisch, dass derartige Umweltsünden immer wieder in Dritte-Welt-Ländern auffallen. Es gibt halt genug andere Probleme, denen Vorrang eingeräumt wird. Uns fällt es jedenfalls schwer, sich an den Anblick zu gewöhnen, wenn wieder mal ein nach Futter suchender Wasserbüffel am Straßenrand auf einer Plastiktüte herumkaut.

Monoton zieht sich der Asphalt des Highway 13 weiter gen Süden. Die Kilometer rattern nur so herunter und wir kommen gut voran. In Savannakhet hat uns schließlich der Mekhong wieder, der mittlerweile in eindrucksvoller Breite Laos von Thailand trennt. Angesichts einer Tagesstrecke von 329 km haben wir uns ein Bierchen verdient, während wir uns den Sonnenuntergang über dem gewaltigen Fluss anschauen. Unsere Stimmung ist noch immer ziemlich am Boden.


14. Januar 2005,
Savannakhet

69.877 km, N 16-33-38 / E 104-44-56

Von gestern auf heute hat uns beide eine Erkältung erwischt. Wir plündern unseren Medizinbeutel, wie’s nur geht und legen erstmal den Schongang ein. Selten, dass es uns zur gleichen Zeit ausräumt. In Hamburg haben wir uns immer gewünscht, zusammen krank zu werden, um den ganzen Tag verschnieft im Bett kuscheln zu können. Es hat nur einmal geklappt...

Bei unserem Frische-Luft-Schnapp-Spaziergang entdecken wir etliche Spuren aus der französischen Kolonialzeit. Leider verfällt die herrliche Architektur zusehends – kein Geld, um dieses Kulturerbe zu bewahren. Nett sind die Gassen in Savannakhet schon irgendwie – wenn’s am Ende auch nicht mehr als ein Provinznest ist, mit ewas historischem Charme.


15. Januar 2005, Savannakhet – Pakse
70.129 km, N 15-07-24 / E 105-48-05

Es ist kühl geworden. Der trübgraue Himmel scheint mit der trostlosen Landschaft eins werden zu wollen und ein unangenehmer Wind drückt die Temperaturen auf 21˚C herunter. Mit Hals- und Gliederschmerzen krauchen wir erkältungsgebeutelt dennoch auf die Honda. Von Savannakhet haben wir genug gesehen – vielleicht ist das Wetter 200 km weiter südlich sogar besser?

Ein paar wenige, frisch-grün-bestellte Reisfelder verleihen der trostlosen Landschaft nicht viel Abwechslung. Der Plastikmüll ist allgegenwärtig und wird immer schlimmer. Konsequent hält Erik am Gasgriff fest, bis wir in Pakse eintrudeln. Wir genehmigen uns noch einen Vitaminschub, fühlen uns jedoch beide ziemlich angeschlagen. Wenigstens haben wir uns beide!


16.-18. Januar 2005, Pakse
70.325 km, N 15-07-24 / E 105-48-05

Mit unserer Vermutung sollten wir jedenfalls Recht behalten: die Temperaturen in Pakse kletterten tagsüber auf sonnige 32˚C. Selbst abends wehte ein angenehm flauer Wind über den Mekhong, zu dem ein eiskaltes Beerlao erst so richtig schmeckte. Wir finden die Gegend zumindest nicht sooo schlecht, wie sie im Reiseführer eingestuft wird.

Gerade wegen unserer Erkältungen genießen wir den Luxus, uns zeitlich treiben lassen zu können. Es war jedenfalls eine gute Idee, unsere Laos-Visa im Vorfeld um ein paar Tagezu verlängern. Von Pakse aus wollen wir noch einen Abstecher ins Bolaven-Plateau machen und obendrein einen Tagesausflug in die Gegend von Champasak unternehmen. Doch zunächst kümmerte sich Erik um die Honda. Der in Lappen eingewickelte Hauptständer klebte noch immer provisorisch befestigt am Sturzbügel – doch da gehörte er schließlich nicht hin. Schnell fand sich eine Werkstatt. Ungeachtet dessen, dass mal wieder Sonntag war, kroch der nächste Mechaniker ohne zu fackeln unter das Motorrad und schweißte das schwere Teil an seinem Platz fest (20.000 KIP, das sind ca. 1,40 EUR). Zufrieden kehrte Erik auf den Hof unseres Gästehauses zurück und konnte sich anschließend der längst vorgesehenen Inspektion widmen. Alle Schrauben schienen noch zu sitzen, kein Öl, wo keins sein sollte und auch die Einkaufsliste für Ersatzteile musste nicht ergänzt werden. Alles paletti – welch ein gutes Gefühl!

Am zweiten Tag machten wir uns auf den Weg zum Wat Phou. Die Tempelruine steht auf der Liste der UNESCO, was dazu geführt hat, die Eintrittspreise in anderthalb Jahren zu versechsfachen: von 5.000 KIP auf 30.000 KIP pro Person! Wir sind in der sengenden Mittagshitze eigentlich nicht wirklich erpicht darauf, in unseren Motorradklamotten über die ausgedehnte Tempelanlage zu latschen und nehmen den heftigen Preisaufschlag als Anlass, doch lieber weiterzufahren. Natürlich ist es nicht wirklich viel Geld. Nur die Relation stimmt nicht ganz, wenn man für den gleichen Preis zwei Nächte lang ein Doppelzimmer mit Bad bekommt. Knapp 70 km lagen seit Pakse hinter uns, zwei Drittel davon auf staubiger Dreckpiste. So wendeten wir die Honda, fuhren einfach weiter nach Champasak. Dort kann man per Fähre über den Mekhong setzen und landet schließlich wieder auf dem Highway 13, der direkt nach Pakse führt.

Als wir die Fähranlegestelle erreichen, genehmigen wir uns erstmal eine Kokosnuss, um den Staub runterzuspülen und das Treiben entlang des Flusses zu beobachten. Da war aber auch was los! Allein die unterschiedlichen Fährtypen sind eine Story wert: die erste Fähre bestand eigentlich aus einem separaten Bötchen, das per Gelenk mit einer Bretterplattform in Größe eines Volleyballfelds verbunden war und diese antrieb. Nachdem dieses „schwimmende Volleyballfeld“ mit LKW’s beladen war und sich langsam zum anderen Ufer schieben ließ, näherte sich die nächste Konstruktion. Bei dieser Fähre waren drei Boote miteinander verbunden, indem die Bretterplattform einfach quer obenauf lag. Der Fährbesitzer wohnte zudem gleich auf dem Eigenbau: ein kleines Häuschen fand ebenso Platz wie Wäscheleine und Spülecke. Hin und wieder sahen wir ähnliche Abwandlungen in miniatura, wo einfach Bretter über zwei Schmaalboote gelegt wurden – eine wunderbare Transportmöglichkeit für Mopeds bis hin zu Reissäcken. Unglaublich, was da alles über den Mekhong schipperte!

Anstatt von Ban Muang den Loop zu schließen und nach Pakse zurückzukehren, bogen wir den Highway 13 nach Süden ab. Mit der abenteuerlichen Wegbeschreibung von Kai und Ulrike zu einer zerfallenen Klosteranlage in der Tasche, frästen wir uns nachfolgend durch die Dörfer. Nach und nach wurde die Schotterstraße immer schmaler, bis wir schließlich auf Kuhtrampelfaden orientierungslos durch die Botanik hoppelten. Den Optimismus der Leute, die wir immer wieder verunsichert nach dem Weg befragten, konnten wir anfangs nicht teilen – das konnte doch nie im Leben der richtige Weg sein! Es war der richtige. Anfangs übersahen wir zwar glatt den Abzweig zu den Klosterruinen und düsten daran vorbei, doch ein entgegenkommender Scooter lotste uns alsgleich durch unsere eigene Staubwolke zurück. So landeten wir mitten im Wald, wo ein paar alte Steine eine ursprüngliche Mauer erahnen ließen. Der Dschungel hatte bereits gut daran getan, die restlichen Überbleibsel des Klosters zu überwuchern. Kaum waren die ersten Fotos geschossen, tauchte ein Typ mit Rangerjacke aus dem Unterholz auf und wedelte doch tatsächlich mit einem Ticketblock. Kaum zu fassen, aber der wollte wirklich 5.000 KIP Eintritt pro Person und ließ sich auch nicht abwimmeln. Hoffentlich hielt die Kohle nicht nur als Zigarettengeld her, sondern findet Verwendung für Wegweiser oder wenigstens eine Infotafel, was es hier eigentlich zu sehen gibt. (Sind wir nicht Illusionisten?)

Über Stock und Stein ging’s zurück. Staunende Kinderaugen begleiteten uns durch die wenigen Dörfer, aber die „Sabaidee-Rufe“ des Nordens vermissten wir auch heute wieder. Mitten in dem Geholper tauchte plötzlich eine Gruppe Mönche vor uns auf. Mit einem Heft Englischer Grammatik in der Hand, packte der Anführer die Gelegenheit am Schopfe, sein Englisch mit uns zu praktizieren. Vermutlich gab es diese Chance nicht allzu oft in dieser abgelegenen Gegend. Leider reichten seine Fremdsprachenkenntnisse noch nicht soweit, um mehr über das Leben als Mönch erzählen zu können. Wir hätten gern noch mehr erfahren, aber aufschlussreich war die Begegnung trotzdem. Pubertierende Jungs selbigen Alters (zwischen 16 und 19) in Deutschand haben sicherlich nicht viel anderes im Kopf als Mädels...

Kaum hatten wir den guten Asphalt des Highway 13 wieder unter den Rädern, gab es eine böse Überraschung: ohne Vorwarnung brach das Heck aus und die Honda fing mit 90 km/h heftigst an zu schlingern. Im Affenzahn eierten wir im Zickzack auf die Gegenfahrbahn, wo ein entgegenkommender Scooterfahrer große Augen bekam (zum Glück nur ein Scooterfahrer und weit genug entfernt). Gedanklich sahen wir uns stürzen, doch irgendwie konnte Erik die Maschine trotz bedenklicher Schräglagen nochmal abfangen. Hanka klammerte sich während dieser schrecklichen Sekunden instinktiv an Eriks Rücken fest, versuchte jede seiner Bewegungen „mitzugehen“ und ganz ruhig zu sitzen. Langsam abbremsend schlingerten wir von einer Seite auf die andere, bis wir schließlich zum Stehen kamen. Der Hinterreifen kochte, war platt bis auf die Felge. Wir zitterten nicht nur, uns schlackerten regelrecht die Knie, als wir abstiegen! Dieser Platten hätte ganz anders enden können – nicht auszumalen! Unser Schutzengel hatte mal wieder ganze Arbeit geleistet. Wir konnten selbst kaum glauben, dass wir uns nicht langgemacht hatten!

Nach der gedanklichen Zigarettenpause (natürlich ohne Zigaretten) kramten wir das Werkzeug heraus. Mehr aus Routine als aus Vorahnung hatte Erik heute morgen noch gemeint: „Lass uns das Werkzeug mitnehmen, falls wir einen Platten haben“. So richtig schmunzeln konnte er darüber trotzdem nicht.

Der Übeltäter war schnell gefunden: ein fetter, krummer Nagel steckte bis zum Anschlag im Reifen. Der Schlauch hatte mehr abbekommen als wir gehofft hatten: der Gummi war nicht nur an etlichen Stellen mit Dreiangeln versehen, sondern das Ventil hatte es komplett herausgerissen. Unser Ersatzschlauch lag natürlich gut verpackt im Gästehaus in Pakse. Kurzerhand kramte Erik den Ersatzschlauch für’s Vorderrad unter der Sitzbank hervor. Wir hatten den Schlauch bereits mehr als 70.000 Kilometer mit uns herumgefahren, ohne ihn je gebraucht zu haben. Wegen der Radunterschiede war der Schlauch zwar eigentlich zu groß, aber notfalls konnte man damit die letzten 34 km bis Pakse kommen. Inzwischen wanderte die Sonne beachtlich schnell dem Horizont entgegen – mit unserer kleinen Handluftpumpe pumpten wir also wie die Weltmeister im Wettlauf mit dem Sonnenuntergang. Unweigerlich mussten wir an Ken denken, der schon in Brisbane die Vorzuge eines Minikompressors in den höhsten Tönen gelobt hatte. Okay, vielleicht ist so ein Teil das nächste Geburtstagsgeschenk.

Kurz vor der völligen Dunkelheit war das Rad wieder eingebaut und das Werkzeug von der Straße gesammelt, doch was war das? Unser mühsam aufgepumpter Reifen ließ Luft, war binnen weniger Minuten wieder platt. Das war kein Spaß mehr! Irgendwie scheint es unser Los zu sein, dass auf jeden Platten sofort ein zweiter folgt. Wir standen irgendwo im Nirvana mit dem platten Hinterrad, es wurde dunkel, Erik hatte sich schon die Hand am Montierhebel aufgeschrammt, wir hatten Durst und unsere Mägen hatten seit dem Frühstück nichts als eine Kokosnuss bekommen. In etwa 300 Meter nahmen wir zwei Lichter wahr – wenn das nicht unsere Rettung war! Tatsächlich gehörten zwei Häuser zu den Lichtern und die Großfamilie nahm uns freundlich auf. Wir mussten nicht viel mit Händen und Füßen erklären; die Leute begriffen unser Problem schnell. Fix baute Erik bei vollzähligem Publikum das Hinterrad erneut aus (zum Glück hatten wir tags zuvor den Hauptständer wieder anschweißen lassen, ansonten wäre die Sache keine Routineangelegenheit mehr gewesen). Ein „Ladyboy“, der den blonden Erik schon vom ersten Augenblick ganz verliebt betrachtete, chauffierte Erik alsgleich samt ausgebautem Hinterrad auf seinem knallgeben Scooter zur nächsten Reifenflickerei. Selbst im Dunkeln sah die Fuhre göttlich zum Totlachen aus – der Scooter schien unter dem überdimensionalen Sozius beinahe zusammenbrechen zu wollen und mit Lachtränen in den Augen blieb Hanka und der Rest der Family zurück. Die Kids starteten alsgleich, ihren ungewöhnlichen Besuch mit Breakdance-Einlagen zu unterhalten. Wie die Äffchen wirbelten sie über den Betonboden der Hütte, taten alles, um begeisterte Aufmerksamkeit zu erhaschen. Anschließend startete die Lao-Lao-Runde der Männer. Freundlich wurde Hanka eingeladen, ein Gläschen des hochprozentigen Reisschnappses mitzutrinken. In Anbetracht ihres fast nüchternen Magens schlug sie das Angebot jedoch dankend aus. Dann kam auch Leem, der Ladyboy, wohlbehalten mit Erik zurückkutschiert – und mit unserem prall gefüllten Reifen! Danach ging alles schnell und wir konnten den rührenden Leem kaum davon abhalten, seine makellos lackierten Fingernägel an unserer Radnabe einzusauen. Wir verabschiedeten uns aufs Herzlichste von unseren Rettern. Irgendwie ist es immer wieder gut zu wissen, wenn man in der Welt nicht allein gelassen wird.

Staubig und verschmiert fuhren wir anschließend im Schleichtempo direkt bei unserem Lieblingsinder in Pakse vor. Es war mitterweile 21 Uhr geworden, wir hatten Bärenhunger und ein fettes Lächeln im Gesicht, als wir die Erlebnisse des Tages noch einmal bei Beerlao und Lassi reflektierten. Jetzt konnten wir stundenlang darüber debattieren, ob wir künftig nur noch Ausflüge mit Ersatzschlauch, Verbandtasche und Taschenlampe starten... Wir hatten an diesem Tag jedenfalls verdammt Glück!


19. Januar 2005,
Pakse – Tad Lo

70.451 km, N 15-31-60 / E 106-16-26

Ganz seicht und auf dem Mootrrad beinahe unmerklich steigt die Straße östlich von Pakse an und führt hinauf in klimatisch kühlere Gefilde: das Bolaven Plateau. Die Gegend ist mit durchschnittlich 1.200 Höhenmetern die „Kaffeestube“ von Laos. Während der Kolonialzeit wurde hier der Anbau von Kaffee und Tee eingeführt. Den Franzosen ist es auch zu verdanken, dass Lao-Kaffee mit Sorten wie Robusta und Arabica bis in die heutige Zeit die höchsten Preise auf dem Weltmarkt erzielt. Wir können uns das kaum vorstellen, denn im Gegensatz zur mittelamerikanischen Kaffeeplantagenkunst schien uns der Kaffeeanbau in Laos alles andere als professionell organisiert. Das mag ein Vorurteil sein, doch meist wucherten die Kaffeebüsche (ohne Anzeichen von regelmäßigem Verschnitt) mit einer Staubschicht überzogen hinter den Wohnhäusern. Es kam auch schon mal vor, dass auf den zum Trocknen ausgelegten Früchten Hunde herumrobbten, Schweine dran schnüffelten oder Hühner draufkackten. Richtige Plantagen einschließlich Besucherführungen waren hier jedenfalls nicht zu erwarten.

Lao-Kaffee wird übrigens in einem Glas serviert, wobei am Boden zweifingerhoch die süße Dosenmilch steht. Durch Umrühren wird das süffige, dickflüssige Gebräu nicht heller, stattdessen aber süßer. Die Asiaten lieben ja schwere Süße, aber für einen Milchkaffee-Trinker wie Erik bedurfte es einiger Gläser zur Gewöhnung, bis er das zähe, tiefschwarze Morgengetränk zu schätzen gelernt hatte. Bis zum letzten Tag haben wir allerdings nicht herausgefunden, woher Lao-Kaffee seine typisch zähflüssige Konsistenz hat.

Als Nichtkaffeetrinker findet man schnell heraus, dass das Bolaven Plateau noch mehr zu bieten hat als Kaffeeduft und Flechtmatten, nämlich vor allem Wasserfälle. Keine 40 km hinter Pakse stürzen gleich die ersten Wassermassen als „Doppelwasserfall“ in einen tiefen Kessel, die Tad Fane-Fälle. Direkt mit Blick auf dieses schöne Schauspiel gibt es ein Resort mit einigen Luxusbungalows. Die Nacht soll 20 USD kosten, was den Laden ziemlich einsam wirken ließ. Offenbar kamen die meisten Touristen wie wir nur zum Gucken, um anschließend den nächsten Wasserfall abzuklappern.

Auf der Erdpiste von Thateng bis Ban Beng hieß es nochmal Staub schlucken. Anschließend war es nicht mehr weit bis Tad Lo, wo man direkt am gleichnamigen Wasserfall günstige Bambushütten mieten konnte. Das kleine Dorf faszinierte auf Anhieb durch seine herrliche Lage und eine ursprüngliche Beschaulichkeit, die seinesgleichen sucht. Es gibt keinen idyllischeren Film als von der eigenen Bungalowterasse zu beobachten, was sich alles im und entlang des Flusses abspielte. Da wurden Kinder und Wäsche gewaschen, Schweine stiebitzten Küchenabfälle, Kühe kauten ausdauernd an dem kurzen, grünen Grasteppich, Fische wurden geangelt, Steine umgedreht, Fahrräder geputzt – und alles vor unseren Augen. Im Gegensatz zu den sonst schon recht gut ausgetrampelten Touristenpfaden in Laos stimmte hier noch das Verhältnis zwischen „Falangs“ und Einheimischen. Noch versaut kein Kommerz diese Idylle. Das potentielle „Big Business mit Touris“ lässt sich höchstens ansatzweise erahnen und auch nur, wenn man die beiden wunderhübschen Elefantendamen mit einschließt, die gehorsam zahlende Gäste durch die Gegend trugen. Wir beließen es nur beim Schauen und Staunen, aber Hanka traute sich zum ersten Mal, einen Elefantenrüssel zu streicheln: ein sagenhaftes Gefühl!


20. Januar 2005, Tad Lo
70.451 km, N 15-31-60 / E 106-16-26

Wir können gar nicht anders, als bleiben – immerhin gestatten uns die Visa noch einen Tag und der Ritt bis zur Grenze ist locker in einem halben zu schaffen. Die Idylle des Dorfes bewirkte bei uns wahre Gemütswunder. Waren wir in Luang Prabang und Pakse noch unentschlossen, reisemüde und heimwehgebeutelt, so ist spätestens seit dem heutigen Tag die Welt wieder einigermaßen in Ordnung. Wir sollten zu schätzen wissen, was wir auf dieser Reise erleben dürfen. Dennoch ist es nicht immer einfach, diese Erfahrungen positiv zu bewerten. Gerade in den letzten Wochen waren wir immer wieder von Zweifeln geplagt; stellten alles in Frage, suchten nach Antworten. Noch nie in den knapp zwei Jahren Reisens haben wir beide eine derartige Sinneskrise durchlebt. Wannimmer sich bei einem von uns die Reisemüdigkeit andeutete, so war wenigstens der andere guter Dinge und half dabei, das Tief zu überwinden. Diesmal war das anders. Manchmal passieren einfach Dinge, die ein Gefühl der Ohnmächtigkeit auslösen. Mit Sicherheit hat die Tsunami-Katastrophe einen Teil zu diesem Gefühl beigetragen und uns immer wieder Impulse zum Grübeln gegeben. Vielleicht entsteht ja gerade im Moment so etwas wie eine vage Idee davon, was künftig Bestandteil unseres Lebens werden könnte. Irgend etwas Sinnvolles wird sich finden.

Entspannt schlenderten wir durch’s Dorf, freuten uns über jedes noch so kleine Detail, das die Einfachheit des Lebens in Laos ausmacht. Manchmal kann man wirklich nur staunen, wie die Welt anderswo auch funktionierte. Soviele dreckige, aber auch glückliche Kinder wie in Laos haben wir selten irgendwo erlebt. Dabei kommt man schon in Versuchung, bei der nächsten Gelegenheit eine Plüschtiersammlung daheim zu starten. Mangels richtigem Spielzeug sieht man die Kinder mit allem Möglichen „Abfall“ spielen: ein Stück Stacheldraht, ein buntes Schleifenband, was immer sich halt findet.

Dass in Laos bereits sehr viele Hifsorganisationen stationiert sind, haben wir in den letzten Wochen immer wieder erlebt. Absurderweise fahren die Hilfsleute die fettesten Jeeps und Offroader, so dass man schon von weitem erahnen kann, dass bei jenen Fahrzeugen wieder irgendwelche Sticker auf der Fahrertüre kleben. Auch hier in Tad Lo gibt es ein ausländisches Hilfsprojekt. Vor 11 Jahren wurde oberhalb des Flusses ein Staudamm angelegt, der während der Trockenzeit tagsüber Wasser sammelt, um abends alle Schotten für die lokale Stromgewinnung per Wasserkraft zu öffnen. Wie enorm der Wasserfall bei Sonnenuntergang anschwillt, durften wir selbst zwei Abende erleben.

Im Dorf selbst gibt es kaum Grundstücksgrenzen. Alles spielt sich irgendwie wie in einer großen Gemeinschaft ab. Sichtschutz und Privatsphäre scheinen hier Fremdbegriffe, die aus einer kalten, emotionslosen Welt kommen müssen. Auch die Uhren ticken hier anders. Wir verplaudern Stunden mit Tom, der uns in seinem kleinen, gemütlichen Bambusrestaurant jeden Tag kulinarisch verwöhnte. Es gab nicht jeden Tag das, was auf der Speisekarte so stand, doch das störte keinen. Tom war momentan vielmehr damit beschäftigt, eine zweite Bambushütte zu zimmern, um für seine Frau eine vernünftig große Restaurantküche einzurichten. Wir staunten, mit welch einfachen Mitteln ein solches Unterfangen in die Tat umgesetzt werden kann – zumindest dachten wir das. Tom schilderte uns, dass es nicht so leicht wäre, gutes Bambusholz aufzutreiben. Auch bei den Palmenmatten, die als Dach dienten, gibt es qualitative Unterschiede. Er wollte vor allem eine solide Hütte bauen, die einige Jahre hält. Es machte den Anschein, als sollte ihm das mit Hilfe des Dorfingenieurs gelingen. Immerhin kostet ein solches Projekt umgerechnet etwa 100 USD – das ist ein ganzer Batzen Geld für einen Laoten. Manchmal kann man nur still in sich gehen. Wir verschleudern monatlich im Schnitt etwa 1000 USD...
 

Von Laos nach Thailand

21. Januar 2005, Tad Lo – Ubon Ratchathani
70.708 km, N 15-12-06 / E 104-51-41

Ein bisschen wehmütig ist uns schon zumute, als wir unsere Siebensachen packen müssen. Vergeblich halten wir Ausschau nach dem winzigen Kälbchen, was in den letzten beiden Tagen immer vor unserer Bungalow-Terasse herumturnte, füttern noch mal die Hühner mit Kekskrümeln, schmunzeln ein letztes Mal über die Schweine, die sich die Hängebäuche mit den Küchenabfällen des Restaurants vollschlagen. Tad Lo war ein wirklich schöner Abschluss für 5 Wochen Laos. Uns hat vor allem die Einfachheit des Lebens hier fasziniert; natürlich die zurückhaltend-angenehmen Menschen inbegriffen. Leider treibt uns dieser blöde Stempel in unseren Pässen zur thailändischen Grenze. Nicht, dass Thailand eine schlechte Wahl wäre – im Gegenteil, wir freuen uns u.a. schon auf die guten, preiswerten Obststände, das sagenhafte Angebot an Essen, die tollen Märkte. Aber Laos ist halt eine völlig andere Welt als Thailand.

An der Grenze sind wir so fix ausgestempelt wie noch nie. Selbst der Zöllner war zu unserem Erstaunen genaustens mit einem Carnet de Passages vertraut – klatsch, klatsch – Stempel, einen Schnipsel abgerissen – Khàwp Jąi – das wär’s dann. Ein anderer Carnet-Schnipsel auf dem Schreibtisch verriet übrigens, dass Rotel-Tours heute schon vor uns über die Grenze gefahren ist.

Auf thailändischer Seite ging’s nicht ganz so fix. Die Jungs vom Zoll hatten gerade Mittagspause, so dass die Schranke bis 13 Uhr hartnäckig geschlossen blieb. Anschließend durften erstmal alle zweirädrigen Karren mit Grasbüscheln und anderem Schnickschnack passieren bis sich die angestauten LKW’s in Bewegung setzten. Als „gebrannte Kinder“ waren wir einmal mehr überrascht, wie einfach man heutzutage vom Kommunismus in den Kapitalismus über die Grenze konnte. Mönche brauchten anscheinend gar keine Papiere und überhaupt schien es nicht gerade, als ob die Schranke zwei konträre Gesellschaften voneinander trennte.

Gleich hinter der Schranke holte einem der Kommerz von Thailand ein: alles war irgendwie bunter, glitzernder und automatisch drängten sich uns immer wieder Vergleiche mit Laos auf. Die Hauptstrecke nach Ubon Ratchathani kam uns unverhältnismäßig verkehrsreich vor, hatten wir doch in den letzten Wochen eine unvergleichliche Ruhe auf den Straßen genießen dürfen. (An das Linksfahren müssen wir uns allerdings erstmal wieder gewöhnen.) In Thailand gab es wieder richtige Autos, während in Laos kaum jemand ein Auto sein eigen nennt – es sei denn, einen Pickup, der sich wunderbar dazu verwenden lässt, um alles Mögliche (Leute, Wasserbüffel, Reissäcke, Melonen, Körbe, etc.) von A nach B zu transportieren. Auffällig sauber wirkten die Straßenränder auf thailändischer Seite. Wedelnde Plastiktüten bis in den Baumkronen hinauf gehörten leider zum laotischen Straßenbild, vor allem im Süden des Landes.  

So ließen wir 90 Thai-Kilomter bis zu unserem Tagesziel auf uns wirken, frischten stetig unsere schlummernden Detailerinnerungen an Thailand auf. Während uns damals die Einreise von Malaysia vorkam, als ob wir einen kleinen Schritt rückwärts getan hätten, so war das Gefühl heute wie zwei große Schritte vorwärts. Thailand muss für Laoten jedenfalls der „Westen“ sein. Nachdem wir in der „Metropole“ Ubon Ratchathani eine Stunde in einem Internetcafé zwischen computerspielgeschädigten Kids bei ohrenbetäubender Ballerlautstärke zugebracht hatten, fühlen wir uns regelrecht ein bisschen kommunistisch eingeschüchtert. Für Kinder in Laos wäre diese Art von Zeitvertreib unvorstellbar...

PS: Erik hat heute übrigens gelernt, mit Flip Flops zu fahren. Es kostete ihm zwar einige Überwindung, mit den Gummisandalen auf’s Moorrad zu steigen, doch die Einheimischen düsen ja alle so durch die Gegend. Verblüfft stellte er bei unserem Internet-Ausflug fest, dass die Variante funktionierte – zumindest auf kurzen Wegen.

 

Hanka und Erik
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