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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Kambodscha – Spuren der Vergangenheit


22. Januar 2005, Ubon Ratchathani – Nang Rong (noch in Thailand)

70.989 km, N 14-37-48 / E 102-48-00

Eine Affenhitze! Unser kleines Thermometer zeigt schon am Vormittag schwüle 33˚C an. Selbst bei 80-90 Stundenkilomtern bringt der Fahrtwind keine Abkühlung mehr; wir schwitzen im eigenen Saft und verfluchen unsere Motorradkluft, die manchmal nicht mehr als nur ein notwendigen Übel sein kann.

Braune, trockene Stoppelreisfelder begleiteten uns die ganze Strecke – ein langweiliger Braun-Weiß-Film, der da an uns vorbeizog. Irgendwann brachte eine Reihe von Melonenbuden endlich Farbe ins Spiel. Uns kam die Erfrischung ausgesprochen gelegen, so dass wir uns ein gemütliches Schattenplätzchen unter einem Baum suchten. Schnell die Löffel rausgekramt und schon machten wir uns über zwei riesige Melonenhälften her. Verwundert über unsere seltsame Essmethode (aber eindeutig die, wo man die saubersten Finger behält), brachte uns der nette Melonenverkäufer sogar eine Bastmatte vorbei, damit wir es uns bequem machen konnten – eine nette Geste, wie wir fanden. Anschließend ging’s wieder auf den vor Hitze flimmernden Highway.

Eigentlich hofften wir, in der Gegend von Surin etwas von der traditionellen Seidenherstellung mitzubekomnen. Die umliegenden Dörfer sollen bekannt dafür sein, herrlichste Naturseide aus den Fäden der eigens für diesen Zweck herangezüchteten Seidenraupen zu weben. Leider ergab sich unterwegs jedoch keine Gelegenheit, sich dieses Verfahren einmal aus der Nähe anzuschauen.

Braun und vertrocknet säumten nichts als Reisefelder die Straße. Wie anders muss die Landschaft bloß während der Regenzeit wirken, wenn alles grün ist? Aufgrund der Trockenheit in dieser Gegend ist fast überall nur eine Reisernte im Jahr möglich. Wie wir erfuhren, wird der für seinen herrlichen Duft berühmte Jasminreis hier angebaut – wir werden daran denken, wenn wir das nächste Mal zuhause Duftreis kochen.

Während wir uns weiter den Highway 24 entlang arbeiteten, rollte in beide Richtungen alles, was mindestens zwei Achsen besaß. Der LKW-Verkehr war immens: Exportverkehr zwischen Thailand, Laos und Kambodscha donnert hier rund um die Uhr enlang. In Hoffnung auf ein ruhiges Gästehaus fernab der Hauptstraße folgten wir gleich dem erstbesten Abzweig mit einem Übernachtungswegweiser – und landeten einen absoluten Glücksgriff! Von außen vermittelte das Hostel zwar erst den Eindruck, als wäre es nicht ganz unsere Preisklasse, doch zu unserer Überraschung kamen wir wunderschön und günstig unter. Mr. Vic, der Besitzer, schien obendrein eine fantastische Informationsquelle zu sein. Wir wurden gleich hellhörig, als er von einem neuen Grenzübergang nach Kambodscha erzählte. Dieser Weg würde uns nicht nur einen albernen Umweg sparen, sondern gleichzeitig die ersten 100 km des schlechten und dicht befahren Highways 6, was die Hauptverkehrsroute zwischen Bangkok und Kambodscha ist. Die schlechte Nachricht: in Sinhakouville gab es in den letzten 5 Tagen für diese Jahreszeit ungewöhnliche Regenfälle. Hoffentlich erwartet uns in Kambodscha keine Schlammschlacht...


23. Januar 2005, Nang Rong (noch in Thailand)
71.038 km, N 14-37-48 / E 102-48-00

Mit einem herrlichen Konzert an Vogelstimmen wachten wir auf. Wenige Sekunden später fiel uns ein, dass wir ja wieder in Thailand waren. Leider landen in Laos nämlich die meisten Singvögel im Kochtopf. Allenfalls vernimmt man Vogelgezwitscher aus einem der winzigen Käfige, in denen manch einsames Kerlchen sein Klagelied singt.

Irgendwie ergab es sich von selbst, dass wir noch einen Tag länger in Nang Rong blieben. Manchmal sind es Gründe wie Fernsehen mit englischen Nachrichten, günstiges Internet, Wäschewaschmöglichkeiten, ein Hof zum Motorradbauen (die Hupe quäkte nur noch), die einem zum Bleiben bewegen. Nicht zuletzt hatten uns die begeisterten Schilderungen unseres netten Gastgebers auf einen Ausflug in die Umgebung neugierig gemacht.

Als die Wäsche trocken und unsere Hupe mit nie gehörter Lautstärke wieder funtionstüchtig war, konnten wir endlich aufbrechen. Mr. Vic hatet uns bestens mit einer selbstgemalten Umgebungskarte ausgestattet und mittels Fotos die umliegenden Highlights erklärt. Mit Sonnenuntergang erreichten wir den abgelegenen Mount Angkarn Tempel, den wohl kaum ein Tourist zu Gesicht bekommen hat. Mitten im Nirvana auf einem Hügel stießen wir zunächst auf einen gut 20 Meter langen, auf der Seite liegenden Goldbuddha. Von dort führte ein Weg direkt zu einem Tempelkomplex, gesäumt von einer „Zaunreihe“ aus sitzenden Buddhas. Dieser Ort hatte irgendwie nichts mit den sonstigen Tempeln gemein, die uns schon haufenweise in Thailand und Laos begegnet waren. Richtig mystisch mutete die ungewöhnliche Architektur an, wie Hanka mit begeisterten Augen feststellte. Auf Erik wirkte das Ganze eher wie eine kommunistische, verlassene Denkmalanlage aus Beton. Tja, an Steinen scheiden sich halt die Geister.


24. Januar 2005, Nang Rong – O-Smach (Kambodscha)
71.205 km, N 14-25-33 / E 103-41-47

Manche Tage darf man lauter angenehme Überraschungen erleben – heute war für uns solch ein Tag.

Gleich nach dem Frühstück brachen wir zunächst ohne Gepäck auf. Ganz in der Nähe von Nang Rong gibt es ein Dorf mit traditioneller Seidenweberei, wie uns unser hilfreicher Mr. Vic erzählte. Touristen sehen die Leute dort kaum. Prompt war unsere Neugier geweckt und wir beschlossen schnell, uns diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen.

Wir folgen der Wegbeschreibung nach Nang Takai und es dauerte nicht lange, bis wir den ersten Webstuhl unter einem der Stelzenhäuser entdeckten. Wenige Häuser weiter, gleich der nächste. Während wir neugierig eine Runde durch’s Dorf drehten, hatte sich blitzschnell unser Besuch herumgesprochen. Freundlich wurden wir herangewunken und bekamen eine Live-Demonstration an den meterlang gespannten Fäden des uralten Webstuhls. Mit Bambusstangen wurden die Fußpedale betätigt und als wir uns den fertigen Stoff näher anschauten, blieb uns die Spucke weg. Von den Frauen sprach leider keine Englisch, aber wir verstanden auch mit Händen und Füßen, was für eine Mordsarbeit hinter der Seidenweberei steckt. Um Ornamente und Muster zu weben, wird der vorher mühsam aus Raupen-Kokonen gewonnene Seidenfaden mit Plastikbändern abgebunden und in verschiedene Farbtöne eingefärbt. Die so entstandene bunte Schnur ist dabei genaustens auf ein Muster abgestimmt, dass allerdings erst auf dem Webstuhl zum Vorschein kommt. Vier verschiedene Farben hatte allein der Seidenballen, der vor unseren Augen entstand. Ein Wahnsinn!

Wir waren überrascht, wieviel Zeit sich die Leute für uns nahmen, obwohl die Verständigung schwierig war. Irgendwann führten uns die Frauen zu einem Gemeinschaftshaus, wo wir die fertigen Exemplare an Seidenarbeiten des gesamten Dorfes bestaunen durften. Die Vielfältigkeit war überwältigend: angefangen von ganz feiner Seide bis hin zu schweren Musterstoffen. Hanka konnte sich von einem wunderschönen Schal, gefertigt aus feinster blauer Naturseide, gar nicht mehr trennen. Normalerweise kaufen wir ja unterwegs keine Andenken, aber irgendwie flüsterte uns heute eine Stimme ins Ohr – Hanka freute sich jedenfalls tierisch über das neue Accessoire.

Erst gegen Mittag verabschiedeten wir uns von unserem lieben Gastgeber Mr. Vic, der den Vormittag damit verbrachte, für uns Kartenausschnitte zu kopieren und obendrein eine detaillierte Skizze von der Grenze zu zeichnen. Gerührt nahmen wir seine letzten guten Tipps mit auf den Weg und gaben der Honda die Sporen.

Schon nach wenigen Kilometern stießen wir allerdings auf zwei entgegenkommende BMW’s mit Alukisten an den Seiten. Die Bikes stoppten, schienen dem Aufkleber nach Kiwis (Neuseeländer) zu sein, doch mit gelben Nummernschild??? Fix gewendet und schon lernten wir Jacqui und Trent kennen – tatsächlich Kiwis, aber vor 15 Monaten in England gestartet. Schon nach wenigen Minuten entwickelte sich Sympathie für die beiden Overlander. Natürlich bekamen sie große Ohren, als sie von unserer Absicht erfuhren, die Grenze in O-Smach zu nehmen. Auch sie hatten noch nie etwas von diesem Grenzübergang gehört – selbst der aktuellste Lonely Planet schreibt, dass hier Border Crossings nicht möglich wären. Da die zwei auch gerade auf dem Weg nach Kambodscha waren, schlossen sich die beiden BMW’s uns kurzerhand an. Es war ein absolut geniales Gefühl, nach so vielen Monaten des „Alleingangs“ zwei dicke Bikes im Rückspiegel kleben zu sehen!

Auf Nebenstraßen erreichten wir anderthalb Stunden später die Grenze. Der thailändische Zoll stempelte fix und unproblematisch die Carnets aus. Mehr Zeit hingegen ließen sich die Leute von der Immigration. Unterdessen hatte Hanka alle Hände damit zu tun, drei Motorräder gegen eine Schar neugieriger, bettelnder, fummelnder Kinder zu verteidigen. Schon an der Grenze merkte man deutlich, dass kambodschanische Kids יne ganze Spur dreister sind als in den Nachbarländern. Unverfroren wurde da selbst an Hankas Hosentasche herumgegrabscht. Von einer ganzen Meute umringt, merkte Hanka schnell, dass sich der Englischwortschatz der Kleinen gerade mal auf „What’s you name, Mister?“ beschränkte. Also nutzte sie die Gelegenheit, den neugierigen Kids eine kleine Englisch-Lektion zu erteilen und verriet ihnen die Bedeutung von „Mister: und „Misses“. Die kleinen Quälgeister kapierten schnell, auch wenn ihnen die Aussprache von „Missus“ ziemlich schwer fiel. Aufgeregt deuteten sie schließlich auf jede Person in der Nähe, um mit einem altklugen Kopfnicken den kleinen, aber feinen Unterschied zu üben. Wenigstens war dieses Thema für den Moment interessanter als unsere Motorräder.

Mit frisch gestempelten Carnets und Pässen ging’s 100 Meter weiter auf kambodschanisches Terrain. Zunächst mussten wir dort unsere Einreisevisa erstehen (je 20 USD), dann zur Immigration und schließlich zum Zoll. Mittlerweile hatte sich uns ein Typ aufgedrängt, der sich partout nicht davon abbringen ließ, unseren Guide zu „spielen“. Natürlich war er auf Kohle aus, doch auf seine Hilfe konnten wir gern verzichten – die Formalitäten brauchten zwar seine Zeit, aber wir vier waren eben alte Hasen. Ein bisschen ungläubig blickten wir dennoch drein, als der Zoll keine Anstalten machte, unsere Carnets abzustempeln. Nach einiger Diskussion ging uns dann ein Licht auf, wieso: in dem Zollhäuschen gab es nämlich schlicht und einfach keine Stempel. Alles, was die vier Wände beherbergten war eine Britsche, ein Tischchen, eine Kanne Tee, ein Glas und einen Kugelschreiber. Uns erinnerte das Ganze irgendwie an unsere erste Einreise nach Boivien. Na hoffentlich gibt es kein Theater bei der Ausreise, wenn wir kein offizielles Importdokument vorweisen können...

Auch der Abend mit Jacqui und Trent wurde nett. Bei unserem ersten Anchor-Bier schmiedeten wir gleich Pläne, zusammen weiterzufahren. Hatten wir nicht schon ewig darauf gewartet, mal wieder neue Freunde „on the road“ kennenzulernen?


25. Januar 2005, O-Smach – Siem Reap
71.378 km, N 13-21-50 / E 103-51-14

Der Tag startete mit dem aufregenden Gefühl, heute mit drei Motorrädern das erste Stück Dreckpiste in Kambodscha hinter uns zu bringen. Irgendwie konnten wir kaum erwarten, die Bikes startklar zu machen und aufzubrechen.

Trent fuhr vornweg, wir als nächstes mit Jacqui im Rückspiegel. Die ersten Kilometer war die Straße recht gut befahrbar, wenn auch enorm staubig. Der feine, rotbraune Pulverstaub setzte sich sofort in allen Ritzen und Ecken fest und nach einer Stunde waren unsere Gesichter mit einer staubig-verschwitzten Kriegsbemalung versehen. Nach und nach durften wir Wellblech und Schlaglöcher „genießen“ und auch einige Sand-Staubpassagen lieferten einen Vorgeschmack auf Kambodschas Pisten. Etwa 85% des gesamten Straßennetzes soll in unbefestigtem Zustand sein. Viele der kleinen Holzbrücken, die wir passierten, waren so marode, dass bereits große Bruchlöcher in den Bohlen klafften. Zum Teil waren nur noch Rudimente von Brettern vorhanden, die bedenklich knarrten und links und rechts ins Leere reichten. Häufig führten „Umleitungen“ um diese Brückenfragmente, dann ging es für ein kurzes Stück holterdipolter durch tiefe Sandspuren über die Reisfelder. Trent als leidenschaftlichen Crossfahrer schien die Sache regelrecht Spaß zu machen und fuhr uns regelmäßig weit voraus. Jacqui dagegen cruiste eher in unserem Tempo, nahm die Sandpassagen nach Frauenart mit den Füßen, wie Hanka es ihr gleichtun würde.

Am anstrengendsten war die Hitze und der Staub. Einmal mehr verfluchte Hanka das verdammte Membran-Polyamid-Inlet ihrer Hose. Jacqui und Trent hatten es seit Indien aufgegeben, richtige Motorradkluft zu tragen. Was hat man auch davon, wenn man bereits am frühen Nachmittag derartig dehydriert ist, dass man kurz vor’m Hitzekollaps steht? Die immer schlimmer werdende Piste durch langweiliges Flachland kostete Kraft. Vor allem für uns Mädchen galt es heute Zähne zusammenzubeißen, auch wenn der Staub dabei knirschte. Schon ziemlich erschöpft erreichten wir Thkov und gönnten uns ein ausgiebiges Mittagessen und reichlich eiskalte Cola. Anschließend bogen wir auf den Highway 6 nach Osten ab. Die Piste wurde der Bezeichnung Highway in keinster Weise gerecht! Jetzt fing die Schüttelei erst richtig an und der Gegenverkehr auf dieser Hauptroute zwischen Thailand und Kambodscha zog meterlange Staubfahnen hinter sich her, der einem völlig die Sicht nahm. Unsere Augen klumpten vor Staub regelrecht zu und Rückenschmerzen erinnerten uns daran, dass eine Wirbelsäule nur bedingt als Stoßdämpfer fungieren kann. Immerhin waren wir froh, die Piste nur für eine Stunde ertragen zu müssen. In Richtung Thailand soll die Rüttelei noch wesentlich schlimmer sein. Unerwartet wurde die staubige Strecke irgendwann von Asphalt abgelöst. Instinktiv warteten wir zwar darauf, dass dieser herrliche, feste Untergrund nach dem nächsten Dorf zu Ende sei, doch er führte uns bis nach Siem Reap.

Die kalte Dusche war eine Erlösung und während wir genüsslich duschten, lief regelrecht braunes Schlammwasser unsere Waden hinunter. Anschließend brauchten nur noch unsere staubigen Stimmbänder mit Wasser und Bier geschmiert zu werden, was uns allen nicht schwerfallen sollte.

Wir waren ehrlich überrascht, welch geschäftige „Metropole“ Siem Reap doch war – hatten wir eigentlich nicht mehr als nur ein Dorf erwartet, von dem aus die Touristenmassen nach Angkor Wat strömten. Stattdessen protzte entlang der Hauptstraße ein Luxushotel nach dem anderen und selbst an der Tankstelle gab es australischen Wein und neuseeländischen Käse zu kaufen. Dass wir in unserer günstigen Unterkunft auch noch Kabelfernsehen mit Filmkanal und Deutscher Welle genießen durften, versetzte uns regelrecht in Entzückung. Wir hatten zwar alle einen harten Tag hinter uns, aber Kambodscha schien auf den zweiten Blick doch nicht sooooo schlecht...


26.-27. Januar 2005, Siem Reap
71.457 km, N 13-21-50 / E 103-51-14

Noch ziemlich k.o. von der gestrigen Offroad-Piste, ließen wir den ersten Tag in Siem Reap ruhig angehen. Es fiel uns nicht schwer, den halben Tag zu verquatschen. Auf dem Hof unseres Quartiers hatte sich nämlich über Nacht ein holländischer Landrover hinzugesellt. Miranda und Gert treiben sich seit 16 Monaten in der Weltgeschichte herum (www.overlandx4x4.nl), kennen die meisten Orte (und Leute), die Jacqui und Trent auf ihrer Overlandroute passiert hatten und es hagelte nur so an lustigen Erinnerungen. Manchmal können wir uns kaum vorstellen, dass wir all diese Anekdoten noch vor uns haben. Vor allem in Indien ist schon so manche Reise-Euphorie zum Erliegen gekommen. Wir dürfen deshalb gespannt bleiben.

Weil wir gehört hatten, dass man kurz vor Sonnenuntergang ohne Ticket schon mal Angkor Wat schnuppern kann, machten wir uns zu zweit auf die Socken. Den ersten, winkenden Polizisten konnten wir gerade noch ignorieren, doch am zweiten war kein Vorbeikommen mehr. „Keine Motorräder nach Angkor Wat“ lautete die nüchterne Erklärung. Natürlich blitzten in unseren Köpfen sofort die Fotoaufnahmen von anderen Bikern auf – Kai und Urike, Bernd und Heidi – ohne Zweifel waren sie alle mit ihren Motorrädern in Angkor Wat! Entweder gaukelte uns der Hampelmann einen schlechten Scherz vor oder die hatten seit neustem die Regeln geändert. Man schickte uns schnurstracks zur Touristenpolizei  – doch dort konnten wir uns nur denselben Text anhören. Wohlgemerkt dürfen Kambodschaner ohne Kontrolle kostenlos das Gelände passieren: auf Mopeds, Fahhrädern oder was sich sonst noch auf Rädern fortbewegte. Touristen dagegen müssen nicht nur 20 USD Eintrittsgeld berappen, sondern sollten wohl auch noch für ihren Transport ordentlich Kohle lassen. Ohne kambodschanischen Führerschein ginge jedenfalls nix – da konnte selbst unser internationaler Führerschein nicht mithalten. Irgendwie konnte das alles nicht wahr sein! 

Wir blieben hartnäckig und flunkerten nach allen Regeln der Kunst, um den Jungs doch noch ein Zugeständnis aus dem Kreuz zu leiern. Jetzt waren wir den ganzen Weg aus Deutschland extra nach Kambodscha gekommen, um Angkor Wat, DAS Highlight von ganz Asien, zu sehen und durften nicht passieren ;-) Die kombadschanische Botschaft in Bangkok hatte uns den Zugang inklusive Motorrad zugesichert – schließlich wollten wir ja Fotos für eine deutsche Zeitung liefern ;-) Zwei der Typen hatten wir mit dieser Unschuldstaktik bereits weich gekocht, doch der Boss war ein harter Brocken und ließ sich nicht überzeugen. Den Vorschlag, dass jemand (mit kambodschanischen Führerschein) unser Motorrad durch das Angkor-Gelände fuhr, mit uns beiden hinten drauf, konnten wir einfach nicht ernst nehmen. Wie konnte ein kleiner Kombodschaner ein so großes Motorrad mit 1600 ccm ;-) fahren – mit uns auch noch auf der Sitzbank??? Das verstöße ganz gewiss gegen die Regeln. Aus Mitleid gestand man uns schließlich eine Ausnahme zu, die uns erlaubte, die Honda für eine halbe Stunde vor Dunkelheit zu eins bis zwei Tempelanlagen zu fahren, um dort Fotos zu machen. Nationalstolz ist Nationalstolz. Es sah jedoch nicht so aus, als hätten wir gute Chancen, den Versuch am nächsten Tag mit Jacqui und Trent im Schlepptau noch einmal zu starten. 

Wir überlegten hin und her, wie wir doch noch die Tempel mit unseren eigenen Motorrädern erkunden konnten. Was uns am meisten aufregte, war die Tatsache, dass man die (angeblich seit 2 Jahren bestehende) Regel offenbar nach Gesichtskontrolle praktizierte. Miranda und Gert waren nun schon 3 Tage mit ihrem Auto in Angkor – ohne Probleme. Uns wiederum sagte man, dass Autos ebenso wenig gestattet wären wie Motorräder. Es war einfach lächerlich.

In der Hoffnung, die Polizeiposten wären um diese Uhrzeit nicht besetzt, schlugen wir am nächsten Morgen um fünf am Ticketschalter auf. Die Rechnung ging leider nicht auf. Uns erkannte man sofort wieder und auch Jacqui und Trent mussten sich dieselbe Argumentation anhören, wie wir am Vortag. Resignierend versprachen wir brav, die Motorräder zurück ins Gästehaus zu bringen und eine Rikscha zu nehmen. Stattdessen machten wir uns anschließend auf Schleichwegen daran, zur ersten Tempelanlage zu kommen. Der Posten auf dieser Außenstrecke pennte glatt und winkend brausten wir mit zwei Motorrädern an ihm vorbei. Das wäre geschafft. Für den Rest des Tages hielten wir uns brav an die Regeln, parkten ordnungsgemäß auf den Besucherparkplätzen und verhielten uns so unauffällig wie möglich. Es funktionierte. Die Touristenpolzei auf dem Gelände interessierte sich nicht die Bohne für unsere Bikes. Yiiipeeeh!

Anfangs mit dem unguten Gefühl von Verfolgunsgwahn unterwegs, konnten wir schließlich doch unsere Besichtigungstour genießen. Oder zumindest fast – mit uns waren natürlich Tausende von Besuchern in den Anlagen unterwegs, teilweise mit unzähligen Reisebussen herangekarrt. Irgendwie mussten die überproportionalen Hotelanlagen in Siem Reap ja ihre Daseinsberechtigung haben.

Der bekannteste Tempel, Angkor Wat, ziert nicht nur die Nationalflagge, Bieretiketten, zahllose Postkarten und jeden Geldschein in Kambodscha, sondern taucht mittlerweile in Millionen von Fotoalben seiner Besucher auf. Bei diesen Massen fällt es schwer, die architektonischen Details dieses knapp 900 Jahre alten Tempels zu würdigen. Nach den ersten Schnappschüssen von der aufgehenden Sonne machten wir uns alsgleich auf den Weg zur nächsten Anlage, den Bayon Tempel. Die Besonderheit dieses buddhistischen Tempels aus dem 12. Jahrhundert sind seine 54 Türme, jeweils mit 4 großen Steingesichtern verziert. Im Laufe des Tages erwachten diese 216, faszinierenden Gesichter je nach Lichtstimmung zum Leben – ein sagenhaftes Schauspiel.

Als unseren Lieblingstempel kürten wir jedoch Ta Phrom. Nicht unbedingt, weil diese Ruinen als Kulisse zur Lara-Croft-Verfilmung dienten, sondern vor allem wegen seiner sagenhaften Vegetation. Teilweise hat sich hier der Dschungel seinen Lebensraum zurückgeholt. Wurzeln von riesigen Bäumen schmiegen sich wie dicke Schlangen an den Ruinen fest und erzeugen dabei eindrucksvolle Symbiosen aus Holz und Stein. Nach jedem Durchgang gab es neue Fotomotive zu entdecken.

Man bräuchte Tage, um das 200 km² große Areal von Angkor auszukundschaften. Fernab der Trampelpfade der Tagestouristen gab es sicherlich noch jede Menge zu entdecken. Obwohl wir bereits ziemlich tempel- und touristenmüde waren, hat uns Angkor überraschend schwer beeindruckt. Auf Reisen läuft man schnell Gefahr, eine Sehenswürdigkeit nach der anderen einfach so „abzuhaken“, nach dem Motto „jetzt sind wir schon mal hier, jetzt müssen wir uns das auch anschauen“. Es ist ein schönes Gefühl, dass wir diese Attraktion trotz anfänglicher Vorbehalte richtig geniesen konnten.


28. Januar 2005, Siem Reap – Phnom Penh
71.790 km, N 11-33-36 / E 104-56-00

Entgegen aller Straßenberichte im Internet versichetern uns Miranda und Gert, dass der Highway 6 bis Phnom Penh abgesehen von einigen Dorfpassagen nun durchgehend aspahltiert sei. Das waren gute Neuigkeiten – statt neun nur sechs Stunden im Motorradsattel. Obwohl wir einiges mehr Zeit als Jacqui und Trent zum Packen benötigten, genossen wir unsere neuen Reisegefährten. Irgendwie war es ein berauschendes Gefühl, im Konvoi zu fahren. Einzig der stetig zunehmende Verkehr trübte die Fahrfreuden. Rücksichtslos wurde überholt und gehupt, was das Zeug hielt. Uns fuhr ein poltriger Truck fast in die Seite, als er beim Überholmanöver urplötzlich links rüberzog und einen unvorhersehbaren Slalom um die Schlaglöcher startete. Zum Glück brachte unsere Hupe wieder die volle Leistung.

Unterwegs hielten wir kurz in Skuon. Gert hatte uns schon stolz in den höchsten Tönen von der lokalen Spezialität vorgeschwärmt: frittierte Tarantel-Spinnen. Der Fotos wegen hatte er prompt von dieser widerwärtigen „Köstlichkeit“ probiert. Doch keiner von uns vieren konnte sich zu einer Kostprobe hinreißen lassen, als uns die ersten Frauen mit Tabletts voller fetttriefender Taranteln entgegenstürmten. Der Ekel war stärker als das Verlangen, nach dieser Mutprobe eine coole Geschichte erzählen zu können.

Gert und Miranda sollten wir später in Phnom Penh wiedertreffen. Die beiden schliefen dort auf dem Security-Parkplatz des 5-Sterne-Cambodiana-Hotels und kamen zum Duschen und Essen ins Okay Guesthouse. Leider war der Laden schon voll, als wir mit unseren Mopeds aufkreuzten. Hätten mal schlau sein und zwei Zimmer reservieren sollen. Was soll’s, ziehen wir morgen halt um.


29.-31. Januar 2005, Phnom Penh
71.883 km, N 11-33-36 / E 104-56-00

Verkehrs-Chaos, Mopeds mit 3 m langen Anhängern (wunderbar geeignet, um beispielsweise Billiardtische, bis zu 8 riesige Steingut-Wassertöpfe oder ganze Schulklassen zu transportieren), korrupte Polizisten (How much can you pay?), prachtvolle Denkmäler, vergoldete Tempel, verstümmelte Bettler, total verwahrloste Kinder (von den Hunden ganz zu schweigen), überall bettelnde Hände: Dollar, Dollar, Money, Money, ein 5-Sterne-Luxushotel, 150 m weiter erschreckende Slums, Müll ohne Ende, der breite Mekhong, der sich seinen Lauf entlang der sandigen Ufer voller Abfälle sucht, unerträgliche Hitze (35 Grad), dass man sich kaum bewegen möchte, nie gesehene Schwärme von Fliegen auf den süffigen Märkten, der Lucky Supermarkt mit sagenhaften Leckereien aus aller Welt, billige Open-Air-Friseursalons im Schatten riesiger Bäume – das alles ist Phnom Penh. In der Millionenstadt begenet man Gegensätzen, die wir nirgends so krass erlebt haben.

Am schlimmsten ist das Elend. Viele Menschen karren mit selbstgebauten Rollstühlen durch die Gegend. Manche von ihnen tragen kaum einen Fetzen Stoff auf der Haut. Männer mit zerbrochenen Beinprotesen und Krücken betteln sich entlang der Touristenrestaurants – ebenso unzählige, dreckige Kinder oder Frauen mit Babies. Als „Falang“ wird man immer angesprochen. Kindern geben wir grundsätzlich kein Geld, aber was soll man angesichts der vielen Krüppel nur tun? Wegschauen? Weiterlaufen? Die Taschen ausleeren? Wir haben immer wieder Gewissenskonflikte. Aber es sind einfach so viele Menschen, denen es hier dreckig geht! Einen Vorgeschmack auf dieses Elend hatten wir schon in Siem Reap bekommen. Wo so viele Touristen sind, lässt sich vielleicht ein knapper Lebensunterhalt zusammenbetteln. Klar, versucht der eine oder andere Halbwüchsige, mit Tricks an Kohle zu kommen und die Gutmütigkeit der Spender auszunutzen. Ein Junge beispielsweise hatte auf erstaunliche Weise seinen Arm verdreht, der sich 20 Meter hinter den Touristenrestaurants auf einmal wieder in die ganz normale Position bringen ließ. Dumm sind die Kinder keinesfalls, ja teilweise sogar ziemlich pfiffig. Sobald wir nicht aufpassten, wurde die Bremse unserer Honda in Dauerbetrieb genommen, die Sitzbank ausprobiert, am Gasgriff gedreht, die Alukoffer aufgemacht – das übliche Fummelprogramm halt, dass wir seit Indonesien schon vermisst hatten. Man’s kann den Zwergen kaum übelnehmen – die Erwachsenen leben es ihnen vor.

Phnom Penh soll kein ungefährliches Pflaster sein, besonders nach Einbruch der Dunkelheit. Schon aus Bequemlichkeit heraus verbrachten wir die Abende im Guesthouse zusammen mit Jacqui, Trent, Miranda, Gert und wen auch immer die Holländer während des Tages noch so aufgegabelt hatten. Der Gesprächsstoff schien uns jedenfalls nicht auszugehen...

Für reichlich Diskussionen sorgten unsere verschiedensten Eindrücke nach dem Besuch des „Tuol Sleng Museums“ und der „Killing Fields“. In dieser als Gefängnis umfunktionierten Schule bzw. an den Exekutionsstätten vor den Toren der Stadt wurden während der 70er Jahre ganze Familien und Bevölkerungsschichten auf brutale Art und Weise ausgelöscht.  Für uns sind viele Fragen offen geblieben. Vielleicht sollte man von einem Museumsbesuch auch nicht erwarten, sämtliche Hintergründe und Zusammenhänge zu verstehen, die die blutrünstige Herrschaft der Roten Khmer mit sich brachten. Doch allein schon die Zahl der Todesopfer führt ein Ausmaß des Schreckens vor Augen, das man sich ohnehin kaum vorstellen kann. Mit dem Ziel, Intellektuelle und Andersdenkende aus dem Wege zu räumen, die nicht in das irrsinnige Konzept eines reinen Bauernstaates passten, wurden Hunderttausende Kambodschaner brutal gefoltert und umgebracht. Schätzungen zufolge sind zwischen 1975 und 1979 an die 2 Millionen Menschen unter der Pol Pot Herrschaft ums Leben gekommen. Das sind fast 20% der Bevölkerung! Es ist regelrecht auffällig, dass es in Kambodscha verhältnismäßig wenig Menschen mittleren Alters gibt. 50% der Bevölkerung sind jünger als 15 Jahre. Wieviel sinnlos vergossenes Blut


1. Februar 2005, Phnom Penh - Sihanoukville
72.203 km, N 10-36-17 / E 103-31-41

Auf viele Besucher hat Phnom Penh eine deprimierende Wirkung – für uns steckte die Hauptstadt Kambodschas voller Geschichte. Traurigerweise war nichts von alledem jemals Gegenstand im Schulunterricht – weder bei uns noch im Kiwi-Land, wie Jacqui und Trent einräumten. Dennoch zog es uns weiter, zumal der Anblick der wartenden Motorräder für Bikerweh sorgte. Wir freuten uns schon wie verrückt darauf, endlich wieder Meeresluft zu schnuppern. Nach den Tagen im heiß-stickigen Phnom Penh dürfte uns vieren die frische Salzbrise nur allzu gut tun. Knapp zweieinhalb Monate ist es her, dass wir Thailands Strände auf- und abspazierten. Es kommt uns wie eine Ewigkeit vor!

Auf aalglattem Asphalt ging es schnurstracks von Phnom Penh an die Küste; vier Stunden langweilige Reisstoppelfelder, anschließend Ölpalmenhaine und schließlich blaugrünes Meer mit weißen Schaumkronen. Kaum dass wir die verschwitzten Motorradhosen vom Leibe gerissen hatten, stürzten wir uns in die herrlichen Wellen. Der Strand war wunderschön, auch wenn die tropischen Palmen fehlten. Nur schade, dass man selbst hier ständig angebettelt und von Verkäufern angequatscht wurde. Man hatte einfach keine Ruhe. Manche Tage fragt man sich schon, ob es wirklich Not tut, das Krüppel wie Hunde auf allen vieren durch den Sand rutschen, um Touristen anzuschnorren. Angeblich soll es für Landminen-Opfer Krücken und teilweise sogar Protesen kostenlos geben – aber was wissen wir schon über Kambodscha.


2.-8. Februar 2005, Sihanoukville
72.203 km, N 10-36-17 / E 103-31-41

Was hatte sich Hanka schon auf erholsame Tage am Meer gefreut! Statt in den Wellen zu planschen und Sonne zu tanken, lag sie fast eine Woche mit Fieber, Rotznase und üblen Hustenanfällen im Bett. Da wir bei der Schwüle in unserer Bikerkluft eigentlich permanent durchgeschwitzt sind, ist es ein Leichtes, sich beim Motorradfahren die Seuche zu holen. Leider hat es Hanka diesmal richtig übel erwischt.

Trent und Jacqui verabschiedeten sich von uns für einen Tag, unternahmen einen Ausflug nach Kampot, während Erik das Krankenlazarett hütete. Hanka schlief die Nächte kaum durch, wurde immer wieder von herzzerreißenden Hustenattacken geschüttelt und verzweifelten Gedanken, ob das Fieber nicht doch ein Symptom von Malaria oder Dengue-Fieber sein könnte. Nach ein zwei Tagen schlug das Breitband-Antibiotikum endlich an und langsam verschwand auch das Gefühl, ganz wackelig auf den Beinen zu sein. Schätzungsweise 4-5 Kilo hatte Hanka abgenommen!

Geduldig warteten unsere beiden Neuseeländer Reisegefährten während diesen Tagen auf das Zeichen zum Weiterfahren. Hin und her gerissen verschoben wir unsere Abreise von einem Morgen auf den nächsten; wollten sicher sein, dass Hanka für 250 km Offroadpiste fit genug sei. Einen guten Nebeneffekt hatte die Warterei immerhin: Joe und Mat, zwei Engländer auf Suzuki DR’s, hatten inzwischen aufgeholt und trudelten am 6. Februar in Sihanoukville ein. Ironischerweise versuchten die beiden schon seit Monaten, sich an Jacqui & Trent’s Reifen zu heften und die zwei einzuholen. Nun endlich hatten sie die Gelegenheit, all die Abenteuer und gemeinsamen Bekannten in Indien, Türkei und Nepal bei Rotwein und Bier Revue passieren zu lassen.

Verständlich, dass jeder nach solch ausgiebigen Abenteuergeschichten wieder mit den Hufen scharrte. Fünf Motorräder standen auf dem Hof und warteten nur auf die nächste Offroad-Piste. Unsere Honda sollte die einzige bleiben, die einen Tag länger als die anderen ausharren musste. Nachdem Erik mal wieder einen Nagel aus dem Reifen gezogen und diesen geflickt hatte, lag es an Hankas Grippe, die uns noch länger in Sihanoukville hielt. Vielleicht wäre es irgendwie gegangen, aber ein schniefend-hustender Sozius kann für alle zur Behinderung werden. Immerhin blieb ein kleiner Trost, nämlich dass wir Trent und Jacqui spätestens in Trat wiedersehen. Als die vier Einzylinder jedoch vom Hofe rollten, beschlich uns das seltsame Gefühl, dass dies ein Abschied für länger ist.


9. Februar 2005, Sihanoukville – Koh Kong
72.461 km, N 11-36-44 / E 102-58-46

Wie ein Schluck Wasser hing Hanka nur noch in den Motorradhosen, als sie die warmen Dinger nach über eine Woche überstreifte. Wahnsinn – wo sind die Pfunde nur hin? Die Vorfreude auf’s Weiterfahren war jedenfalls größer als das sonstige Gemurre über die schweißtreibende Synthetikkluft. 

Die ersten 90 km ging’s auf vertrauter Strecke zurück Richtung Phnom Penh. Wir hatten allerdings schon beinahe vergessen, wie rücksichtslos manche Kambodschaner fahren. Auf diesem Stück wurden wir heute gleich zweimal um Haaresbreite ins Schotterbett geschickt. Eigentlich wollten wir uns derartige Nervenkitzel noch für Indien aufheben... 

Unbeschadet erreichten wir schließlich den Abzweig auf die Piste – 150 km rote Erde duchwachsen mit reichlich Wellblech, Schlaglöchern, Rollsplitt und staubigen Sandeinlagen. Damit die Sache nicht langweilig wird, packe man zwischen die hügeligen Wälder obendrein noch 4 Fährpassagen. Binnen Kürze sind wir nicht nur mit der üblichen Staubschicht überzogen, sondern bis auf die Haut durchgeschwitzt. Die abenteuerlich anmutenden Fähranleger wurden zur einer willkommenden Gelegenheit, um literweise Wasser aufzutanken. Kambodscha fühlt sich immer wieder sagenhaft heiß an – und das, obwohl diese Jahreszeit als „cool season“ bezeichnet wird! Immerhin genossen wir heute die landschaftliche Abwechslung. Sicherlich sähe das ganze Land so urig zugewuchert aus, hätte man stattdessen nicht schon den ganzen Dschungel für endlose Reisfelder abgeholzt.

Während wir angesäuert auf die vierte Fähre warteten (die Einweiser hatten nämlich alle vorgewunken und uns stehen lassen), erlebten wir einmal mehr, wie sorglos die Einheimischen mit Müll umgingen. Eben getrunkene Safttüten landeten mit dem ganzen anderen Rest ohne mit der Wimper zu zucken im Fluss. Abfallpapier wurde grundsätzlich an Ort und Stelle aus der Hand fallen gelassen (heißt ja auch schließlich ..fallpapier) – auf dass der Wind die bösen Geister damit vertreibe. Aber in Kambodscha gibt es so viele Probleme, da ist der Müll wohl das geringste.

Ein anderes Extrem holte uns in unserem Tagesziel Koh Kong ein und führte uns beschämt vor Augen, dass die westliche Welt wohl auch keine heile ist. Um es uns einfach zu machen, hielten wir am Straßenrand den erstbesten „Falang“ an und fragten nach dem Weg zu „Otto’s Restaurant“. Der Schuss ging prompt nach hinten los. Mit hochrotem Kopf drehte sich der scheinbar angetrunkene Glatzkopf von seinem Scooter um und brüllte in die Menge Kambodschaner „Hey, where is Otto’s?“. Wir wären am liebsten im Erdboden versunken. Natürlich reagierte keiner der Einheimischen mit einer hilfreichen Geste, sondern nur mit ungläubigen Kopfschütteln, dem wir uns nur anschließen konnten. Der „Proll“ ließ sich leider auch nicht davon abhalten, die Leute auch noch auf der anderen Straßenseite anzuschreien, bis uns schließlich ein anständiger Tourist aus der peinlichen Lage rettete. Dieser wusste auf Anhieb, welchen Laden wir suchten und erklärte uns auf die sanfte Tour den Weg zum „Otto’s“. Leider packte nun den Besoffenen der absolute Elan. Euphorisch fuhr er uns mit seinem Scooter wie eine Schmeißfliege voraus, bis wir ihn an der ersten Ausfahrt stehen ließen. „Hey, is this place Otto’s?“ schrie er lautstark den Frauen vor der erstbesten Hofeinfahrt zu – es war noch nicht mal ein Guesthouse. Wir fuhren gleich weiter und taten so, als gehörten wir nicht zu diesem Typen... Wie peinlich es doch manchmal sein kann, ein „Westener“ zu sein.

PS: Jacqui und Trent sind mit den Engländern gestern gleich bis Pattaya durchgerauscht. Also doch kein Wiedersehen in Trat... Schade!
 

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Mit 18 Tagen haben wir mehr Zeit in Kambodscha verbracht als geplant. Dennoch fühlt sich ein Rückblick an, als hätten wir lediglich einen ganz oberflächlichen Eindruck vom Land bekommen. Neben Hankas Bettlägigkeit liegt das mit Sicherheit daran, dass wir uns ausschließlich auf der Haupttouristenroute bewegt haben. In den Touristenorten bekommt man leider nicht viel vom eigentlichen Leben mit – obendrein haben wir nirgends so viel Zeit mit anderen Travellern verbracht wie in Kambodscha: Jacqui & Trent, Gert & Miranda, Mat & Joe – was sich sicherlich auf unsere englische Sprachpraxis, nicht jedoch auf das Ziel, wenigstens eine Handvoll Wörter in kambodschanisch zu sprechen, ausgewirkt hat. Wir haben es uns wirklich einfach gemacht – nutzten den Luxus, uns statt über landestypische Khmer-Küche über „Western Food“ herzumachen und haben überhaupt erschreckend wenig Fragen gestellt. Vielleicht wird man ein wenig melanchonisch, wenn gerade der letzte Tag in einem Land an einem vorüberzieht. Hanka hat die Gelegenheit genutzt, noch einiges über Kambodscha nachzulesen. 

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, empfanden wir die ständig gegenwärtigen Bettler als die traurigste Erfahrung. Man neigt dazu, die Sache vom Tisch zu wischen, weil es die oft schrecklich Verkrüppelten ohnehin nur auf die Touristen absehen. Natürlich macht der Anblick von amputierten Gliedmaßen betroffen, doch können wir als Ausländer wirklich das Problem lösen, indem wir unsere Brieftasche ausschütten? Außerdem sind es ja so viele: am Strand, bei jeder Gelegenheit an der Straße, beim Essen – eigentlich immer klopft oder streicht eine Hand an einem. 40.000 Krüppel soll es in Kambodscha geben. Doch damit nicht genug: Kambodschas Reisfelder und Wälder sind mit schätzungsweise 7 Millionen Landminen verseucht. Jeden Monat erwischt es zwischen 300 und 600 Landsleute – oft sogar tödlich. Auf 300 Einwohner kommt einer, der mindestens ein Körperteil durch Landminen verloren hat. 

Doch zu Kambodscha fallen uns nicht nur die Bettler ein – wir staunten über die Kinder vor den Angkor Wat Tempeln, die in zig verschiedenen Sprachen plapperten, alle Länder, Hauptstädte sowie die Wechselkurse der Welt auswendig herbeten konnten. Wir schmunzelten über die vielen Frauen und Mädels, die es offenbar nicht nur bequem, sondern auch chic fanden, im Schlafanzug auf der Straße herumzurennen. Wir lachten mit den Kindern, die nach jeder leeren Getränkedose oder Bierflasche geierten, weil es dafür bei Altstoffsammelstellen Taschengeld gibt (übrigens eine großartige Idee; pro Bierflasche gibt es 500 Riehl und für 2 Dosen 100 Riehl). Wir rechneten wie die Verrückten, wenn die Zapfsäule einen Preis in US-Dollarn ausspuckte, wir mit Thai-Baht zahlen konnten und das Wechselgeld in Riehl erhielten. Noch nie haben wir ein Land erlebt, wo gleichzeitig 3 Währungen kursieren!

 

Hanka und Erik
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