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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Abschied von Südostasien


Beschwingt ging’s über die Grenze, wo es für uns zum dritten Mal auf dieser Reise hieß: Willkommen in Thailand. Auch wenn wir diesmal nicht allzu lange verweilen sollten, kehrten wir dennoch gerne ins „Land des Lächelns“ zurück. Nur leider ist Südostasien für Motorradreisende noch immer eine „Sackgasse“. Wir kennen inzwischen einige Overlander, die versucht haben die Grenzbestimmungen der thailändischen Nachbarländer zu umgehen – erfolglos! Es scheint keine Möglichkeit zu geben, über Land Richtung Europa zu gelangen. Man sagt, dass viele Wege nach Rom führen, doch offenbar nicht per Motorrad... Uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als in ein Flugzeug zu steigen – irgendwohin Richtung Heimat. Nach sieben Monaten in Asien ruft ein weiteres Abenteuer – die letzte große Etappe unserer Reise.


10. Februar 2005,
Koh Kong – Trat
(72.564 km, N 12-14-29 / E 102-30-40)

11.-12. Februar 2005, Trat (72.654 km)

13. Februar 2005, Trat – Bangkok (72.977 km, N 13-46-21 / E 100-30-11)

14.-26. Februar 2005, Bangkok (73.058 km)

Ein Organisationsmarathon liegt hinter uns, der seinesgleichen sucht! Unsere letzten Tage in Südostasien waren dermaßen anstrengend, dass wir uns eigentlich ziemlich urlaubsreif fühlen. Ob uns unser nächstes Reiseziel überhaupt irgendwelche Urlaubsmomente bescheren wird, ist ohnehin zweifelhaft.. Aber lassen wir uns überraschen. Wir sind jedenfalls schon gespannt auf das, was als nächstes kommt.

Von Kambodscha aus steuerten wir zuerst Trat an – eigentlich mit der Absicht, noch ein paar ruhige Tage am Strand von Ko Chang zu verbringen (der großen Insel vor Trat). Doch leider war an Entspannung nicht zu denken! Mit der Ungewissheit im Magen, wie und wohin unsere Reise als nächstes weitergehen sollte, schaffte es keiner von uns beiden, seinen Kopf abzuschalten. So viele Dinge waren unklar und wir hatten gerade mal ein einziges Verschiffungsangebot in der Tasche: mit Transaircargo von Bangkok nach Delhi, Kalkutta oder Dhaka. Genau das war die große Frage, die uns unentwegt beschäftigte. Sollten wir die Honda nach Indien, Bangladesch oder gar in die Vereinigten Emirate schicken, um Europa ein Stück näher zu kommen – oder sollten wir doch einfach die Schlagzeilen ignorieren und nach Nepal fliegen? Seit Weihnachten hatte sich die Sicherheitslage in Nepal gewaltig verschlechtert. Mittlerweile wurde vom König sogar die Regierung aufgelöst; es herrscht Ausnahmezustand. Straßenschlachten zwischen Maoisten und Militär sind momentan an der Tagesordnung. Ebenso seien die Hauptverkehrswege um Kathmandu blockiert und etliche Brücken gesprengt. Im Forum von Horizons Unlimited berichteten zwei Traveller, dass ihre beiden Motorräder um ein Haar einer maoistischen Handgranate zum Opfer gefallen wären. Seitdem läuft die Website heiß. Glücklicherweise war die Granate nicht detoniert und die Jungs kamen mit dem Schrecken davon. Solche Schauergeschichten überzeugten uns schnell, Nepal sausen zu lassen. Schade, denn was unser Sackgassenproblem betrifft, wäre Kathmandu die preiswerteste und einfachste Möglichkeit der Verschiffung gewesen. Mal ganz abgesehen davon, dass Nepal selbst natürlich auch seinen Reiz hat.

Blieben noch Indien, Bangladesch
und die Vereinigten Emirate auf der Liste stehen. Doch leider gaben diese Länder so einige Verschiffungs-Schauergeschichten her – allen voran Indien: korrupte Zöllner, betrügende Agenten, Schmiergelder, wochenlanger Papierkrieg, bis hin zu Totalverlust der Fracht. Die einschlägigen Traveller-Foren waren voll von solchen Erfahrungen. Zu blöd, dass man nicht einfach nach Indien fahren konnte! Dabei trennte nur ein kleiner Landgürtel Thailand von Indien: Myanmar. Es schien absurd, wegen dieser paar hundert Kilometer erneut die Honda zu verschiffen. Vielleicht hatten wir auch etwas übersehen. Um auf den neusten Stand zu kommen, recherchierten wir noch einmal nach Berichten anderer Traveller, die die Overland-Route kürzlich versucht hatten. Leider ohne nennenswerte Erfolge. Per Motorrad durch Myanmar zu fahren, ist zwar nicht gänzlich unmöglich, aber mit dermaßen enormen bürokratischem Aufwand bzw. ungeheuren Kosten für eine Eskorte verbunden, dass wir besser daran taten, Geldbeutel und Nerven zu schonen. Auch in China war nach wie vor keine politische Entscheidung gefallen. Wir deuteten es zwar anfangs als kleinen Lichtblick, dass ein Deutscher es kürzlich irgendwie per Bike nach China geschafft hatte. Allerdings ließen seine ungenauen Ratschläge per per E-Mail nur darauf schließen, dass es auf illegale Art und Weise geglückt war. Es sah definitiv so aus, als konnten wir es uns abschminken, auf eigene Faust ohne Verschiffung Richtung Heimat zu kommen.

In diesen Tagen waren wir verstärkt mit Cheryl und David im E-Mail-Kontakt. Kann sein, wir haben die beiden Australier schon früher erwähnt, obwohl es trotz gleicher Route (East-Timor, Indonesien, Malaysia, Thailand, Laos) noch nicht mit einem Treffen geklappt hatte. Die beiden Honda Shadows lagen – oder besser gesagt: fuhren – meist einen knappen Monat hinter uns. Jedenfalls standen die zwei vor dem gleichen Problem wie wir: wohin verschiffen, um nach Europa zu kommen? Emsig tauschten wir Neuigkeiten in Bezug auf unsere Recherchen aus. Wir kamen schnell zu der Ansicht, dass man trotz immenser Kostenunterschiede per Luftfracht anscheinend bessere Karten hatte als bei Verschiffung auf dem Seewege. Zumindest ließen sich die bekannten Probleme insofern entschärfen, dass alles grundsätzlich schneller und unkomplizierter vonstatten gehen sollte. Wir brauchten also dringend ein paar vernünftige Flugangebote – sowohl für die Honda als auch für uns.

Trotz des wunderbaren Nachtmarktes in Trat, der mit Sicherheit unseren persönlichen “Schlemmer-Oskar” für die besten Meeresfrüchte erhält, zog es uns nach Bangkok. Es fiel uns sagenhaft schwer, das traumhafte Frühstück in der gemütlichen “Blue Corner” in Trat zu genießen; ganz zu schweigen von unserer netten Unterkunft “Dream Guesthouse”. Wir mussten einfach nach Bangkok, um unser nächstes Reisekapitel ins Rollen zu bringen. Die Angebots-Resonanz per E-Mail war bisher derartig schlecht, dass uns nichts anderes übrig blieb, als uns in Bangkok ans Telefon zu hängen und die Cargo-Firmen abzuklappern.

Auf dem Weg nach Bangkok sorgte der nächste Platten für einen Adrenalinschub und erinnerte daran, dass wir langsam aber sicher unseren lieb gewonnen Mefo durch einen neuen Satz Reifen ersetzen mussten. (Es war ohnehin klar, dass wir mit frischen Pellen aus Bangkok fliegen würden.) Zum ersten Mal erwischte es das Vorderrad – ein schauerhaftes Gefühl, wie Erik bei 80 Sachen die Kontrolle über die Lenkung verlor. Glücklicherweise wich die Luft viel langsamer als bei unserem letzten Kamikazeflug in Laos. Langsam und bedächtig brachte Erik die Maschine zum Stehen und schon hebelte er das Vorderrad von der Felge. Doch wie es unser Schicksal nun mal war, ließ auch der neue Schlauch gleich wieder Luft und wir waren mal wieder auf die Hilfe anderer angewiesen. Eine freundliche Familie nahm Erik mitsamt des Vorderrades auf ihrem Pickup mit zum nächsten Reifenflicker, der auch gleich einen passenden neuen Schlauch parat hatte. So war die Sache einigermaßen schnell behoben.

In Bangkok wurde unser altvertrautes Guesthouse für knapp zwei Wochen unser Organisationslager. Immerhin kannten wir uns in der Gegend bereits prima aus und wussten einigermaßen, wo sich was abspielte. Unser Stadtplan wurde quasi zum “Schlachtplan”, auf dem wir verschiedene Stationen abzuarbeiten hatten. Bei dieser Gelegenheit ließen sich gleichzeitig unsere Fähigkeiten vervollkommnen, das Busliniennetz zu begreifen. Schließlich ertappten wir uns sogar dabei, bei jeder Gelegenheit vertraute Busnummern zu notieren, um uns so die Fahrtrichtung der Linien zu merken. Im Einbahnstraßen-Dschungel des öffentlichen Nahverkehrs von Bangkok waren wir noch längst keine Profis, aber immerhin durchschauten wir nach ein paar Tagen so etwas wie ein System und verfuhren uns weitaus weniger als bei unserem letzten Bangkok-Besuch. Auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen war nämlich schon deshalb eine gute Idee, weil die Fahrerei per Motorrad durch Bangkok noch nervraubender war. Plötzlich landete man ohne Ausweichmöglichkeiten in Einbahnstraßen, rutschte im fließenden Verkehr unerlaubt in die Busspur oder verfuhr sich derartig, dass kein Weg mehr zurück führte. Am schlimmsten waren die gigantischen Kreisverkehre, in dessen Gewirr aus Spuren und thailändischen Schildern man hoffnungslos verloren gehen konnte. Garantiert stand an diesen Verkehrsfallen wieder ein Polizeiauto, um unerfahrene Bangkokpiloten wie uns herauszufischen. Diesmal waren wir jedoch schlauer und hatten uns noch in Trat Farbkopien von Eriks Führerschein laminieren lassen. Wir würden nicht ein zweites mal 400 Baht in den Wind schießen, die sich irgendein korrupter Bulle in die Hosentasche steckte. Zum Glück wurde Erik diesmal nur ein einziges Mal angehalten, wobei er den Polizisten sogar erweichen konnte, dass dieser ihn ungeschoren weiterfahren lies.. Doch wer weiß, wo überall wir die gefälschten Fleppen noch gebrauchen können...

Manche Momente fragten wir uns, wie wir den ganzen Organisationskram bewältigen sollten. Es schien fast, als stünden wir kurz vor dem Startschuss zu einer neuen Reise und die Zeit rann uns nur so durch die Finger. Fracht- und Ticketangebote mussten wir als erstes einholen. Außerdem waren da noch die entsprechenden Visa zu besorgen (wo auch immer die Reise hingehen sollte), neue Reifen aufziehen (die uns möglichst 15.000 km bis nach Europa brachten), Luft- und Ölfilter zu wechseln, Bremsbeläge und ein Kettenritzel zu besorgen, neue Schläuche und eine Menge Kleinkram aufzutreiben. Obendrein nutzten wir die Gelegenheit der Großstadt, unsere Garderobe aufzubessern – Erik’s Hose fiel schon förmlich auseinander und einige der T-Shirts hatten auch schon bessere Zeiten gesehen. Erik überwand sich sogar, sich von seiner vom jahrelangen Tragen ausgeblichen und löchrig gewordenen Badehose zu trennen. Was gab’s noch: einmal Schlafsäcke und Motorradklamotten waschen und trocknen, neue Studentenausweise besorgen, Motorradstiefel zum Schuster, neue Sonnenbrillen, unsere Webseite bedurfte einiger Updates und mit unseren Familien wollten wir schließlich auch mal wieder telefonieren. Anschließend noch schnell zum Friseur, der es in Nullkommanichts schaffte, Hankas Frisur und Laune so zu versauen, dass auch noch Eriks psychotherapeutische Unterstützung gefragt war.

Um nichts zu vergessen, schrieben wir eine To-Do-Liste. Doch wie bei unserer ersten Reisevorbereitung vor zwei Jahren, stießen wir auf das bekannte Phänomen: Sobald man eine Sache von der Liste gestrichen hatte, fügte man im selben Atemzug zwei neue Punkte hinzu. Die Arbeit schien kein Ende zu nehmen. Allein die Wahl der richtigen Reifen kostete so einige Stunden Recherche. In die engere Wahl kamen diesmal lediglich der Michelin T66 und der Michelin Anakee – doch welcher war die bessere Wahl für eine Riesenetappe, bei der wir sicher sein konnten, überhaupt keine Reifen in unserer Radgröße zu bekommen? Selbst die Experten im Transalp-Forum taten sich mit einem eindeutigen Ratschlag schwer. So gab Erik dem T66 eine Chance – musste allerdings nach den ersten Stadtkilometern feststellen, dass sich der Gummi am Auspuff abschliff. Überhaupt fühlten sich die neuen Pellen ungewohnt wackelig an. Aus der einfachen Angelegenheit des Reifenwechselns entwickelte sich ein Monsterprojekt, dass bereits Tage verschlungen hatte. Nun friemelte Erik auch noch an der Auspuffaufhängung herum, um das nagelneue Seitenprofil nicht noch weiter abzusengen - übrigens mit der Hilfe von David, denn die beiden australischen Honda Shadows waren mittlerweile auf den Hof gerollt und wir lernten unsere beiden E-Mail-Freunde aus Brisbane nun endlich auch persönlich kennen.

Zwischendurch hängte sich Erik immer wieder ans Telefon, während Hanka am Computer rackerte. So zogen wir nach etlichen Tagen schließlich drei Cargofirmen in die engere Auswahl. Dubai als Destination fiel bei allen Anbietern durch – zu kostenintensiv. An den Luftfrachtpreisen für Delhi und Dhaka hatten wir schon genug zu knabbern. Trotz der beachtlichen Entfernungsunterschiede nahmen sich die Preise für beide Zielhäfen nicht viel voneinander. Also stürzten wir uns als nächstes auf Reiseführer und Karten, um überhaupt mal unsere Route abzuklopfen. Cheryl und David hatten sich inzwischen schon fest für Bangladesch entschieden, aber uns passten weder die Flugtermine noch die Tatsache, unzählige, anstrengende Kilometer durch halb Indien zu gurken, nur um dahin zu kommen, wo wir eigentlich hinwollten: nach Rajasthan. Andererseits war die Versuchung groß, mit den beiden Australiern zusammen zu verschiffen. Vielleicht wären wir ja zu viert bei Bestechungsversuchen im Vorteil? Für Bangladesch bräuchten wir allerdings extra ein Visum – addierte man also Kosten und Zeit für die Strecke Dhaka-Delhi zusammen, schien ein Direktflug nach Delhi die bessere Alternative. Immerhin hatten wir uns mittlerweile in den Kopf gesetzt, Mama-Wien am 17. Juli zu ihrem 60. Geburtstag zu überraschen. So viel Zeit blieb uns also nicht mehr für den Heimweg.

Am 27. Februar bestand die erste Chance, zwei Flugplätze nach Delhi auf Warteliste zu bekommen und nach ewiger Abstimmung mit der am günstigsten und zuverlässigsten scheinenden Cargo-Agentin buchten wir den Termin schließlich fest. Nun mussten wir nur noch hoffen, dass unsere Flüge auch tatsächlich bestätigt wurden. Außerdem brauchten wir dringend eine Transportkiste für die Honda. Anders als bei unserem ersten Cargoflug Quito-Panama ging diesmal leider kein Weg an einem “Crate” vorbei.

Die Dinge schienen schneller ins Rollen zu kommen, nachdem nun endlich der Termin stand. Unsere Agentin versprach uns, einen guten Zimmermann zu besorgen. Für etwa 4.000 Baht (ca. 100 USD) wollte der uns eine Transportkiste nach unseren Vorstellungen bauen. Den Transport dieser zum Flughafen übernahm zum Glück die Cargofirma. Nachdem wir einen Termin gefunden hatten, brachten wir die Honda ins Speditionslager und trafen uns mit dem guten Mann, der uns für den darauffolgenden Tag eine stabile Holzkiste zusicherte. Wegen unserer Verständigungsprobleme zeichnete ihm Erik kurzerhand eine Bauskizze mit den exakten Maßen unseres letzten Crates. Danach mussten wir ihm nur noch verklickern, dass es uns auf zwar auf Stabilität, aber in erster Linie auf Leichtigkeit der Holzkiste ankam. Aus Kostengründen war uns sehr daran gelegen, die Frachtrate lieber nach dem Kilo- und nicht nach dem Volumenpreis zu zahlen (welcher von beiden am Ende höher ist, wird in Rechnung gestellt). Wir hatten inzwischen nur noch zwei Tage bis zum Cargoflug – verfügten also nicht gerade über ein Zeitfenster, das Pannen erlaubte. Überpünktlich schlugen wir morgens vor der Spedition auf, wo auch schon ein hölzerner Käfig auf die Honda wartete. Uns schien die Konstruktion gleich auf dem ersten Blick viel zu groß und das Maßband bestätigte unsere Befürchtung, dass der Zimmermann reichlich großzügig Hand angelegt hatte. Sämtliche Außenmaße von Eriks “ingeneurgerechter Zeichnung” hatte der Typ doch glatt als Innenmaße für unsere Kiste angesetzt. Die fetten Balken addierten reichlich 7 cm zu jeder Kantenlänge. Was nun? Das Kind war bereits in den Brunnen gefallen und ein “Kürzen” der ganzen Konstruktion schien auf die Schnelle eine unrealistische Idee. Es war Freitag, der Zoll wartete schon auf die Abfertigung und ebenso die Airlines. Der Zimmermann zuckte nur mit den Schultern. Was blieb uns also anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und die Kiste so zu nehmen, wie sie war. In Windeseile schrumpften wir die Honda auf Kistengröße zusammen und stopften etliches an “entbehrlichem” Gepäck hinzu. Binnen rekordverdächtigen 2 Stunden hatte der Gabelstapler unser geliebtes Motorrad verpackt und verzurrt auf der Gabel und schob die Honda auf den LKW, der mit einem schweißgebadeten Erik zum Flughafen düste. Dort erlebte er nach dem Wiegen der Ladung den Gau. Weil die Kiste viel größer als kalkuliert war, wurde uns statt der tatsächlichen 309 kg nun 367 kg Volumengewicht in Rechnung gestellt – ein feiner Unterschied, der uns knapp 100 USD mehr kostete! Doch es lohnte nicht, sich darüber aufzuregen. Für andere können wir nur den Tipp geben, bei solchen Aktionen dem Zimmermann auf die Finger zu schauen.

Alles andere klappte wie am Schnürchen. Wir wussten, dass unsere Agentin deshalb so preiswert anbot, weil sie keine zusätzlichen Gebühren für “dangerous goods” berechnete. Stattdessen regelte sie diesen feinen, aber kostenintensiven Unterschied mit Schmiergelden. Offenbar war sie bestens darüber im Bilde, welche Leute einen Blick auf den Papierkram zu werfen hatten. Danach hofften wir, die Honda in Delhi wiederzusehen. Inzwischen waren auch unsere Flüge auf Wartelist bestätigt. Uff – das Timing hatte geklappt.

Wie der Zufall es wollte, lernten wir gerade in diesen stressigen zwei Wochen einen “Motorradnomaden” nach dem anderen kennen. So wurden die Abende lang und obwohl wir uns frühmorgens wie erschlagen fühlten, genossen wir die Gelegnheit, unsere Erfahrungen, Fortschritte und Entscheidungen mit Gleichgesinnten zu teilen. Manchmal lernt man monatelang keinen einzigen Biker kennen und andere Male trifft man einen nach dem anderen. Da waren zum Beispiel Ralf und Caroline, die die Overland-Route vor zwei Jahren von Australien gefahren sind. Wir hatten die beiden zufällig im Horizons Unlimited Forum aufgestöbert, schnell Sympathie empfunden und obendrein erfahren, dass sie ihren Urlaub in Thailand verbringen wollten. Obwohl wir uns eigentlich nicht kannten, erklärten sich die beiden sofort bereit, einen neuen Luftfilter und Wasserentkeimungslösung aus Deutschland mitzubringen. Was sind wir schon erfolglos nach diesen beiden Dingen herumgerannt und von Pontius zu Pilatius geschickt worden!!! Ein Riesendankeschön an unsere beiden Wahl-Österreicher, die wir mittlerweile echt zu unseren Freunden zählen. Wir wir lachend feststellten, hatten wir sogar einen gemeinsamen Bekannten: Ennio Cavallucci. Zufällig war Ennio sogar in der Stadt und es gab ein großes Hallo, als wir unseren italienischen Transalp-Maestro wiedersahen. Letztens hatte er noch in Kanchanaburi Pizzaöfen gebaut. Die Runde erweiterte sich um Klaus und Judith. Auch die zwei kannten das Gefühl, zu zweit auf einer Honda zu reisen und hatten es schon bis in die Türkei geschafft. Weitere Pläne wurden bereits geschmiedet. Außerdem waren da noch die Belgier Jurgen und Greet, die ebenfalls eine interessante Story zu erzählen hatten. Seit vier Jahren ist das Pärchen etappenweise auf dem Weg nach Australien; doch letztes Jahr verbrachten die zwei als Englischlehrer in Taiwan. Die Runde interessanter Leute riss nicht ab. Dass Cheryl und David zu den bewundernswerten “Motorradsenioren” gehörten, hatten wir bereits im Internet erfahren. Mit 57 und 59 Jahren wurden die beiden vom thailändischen Roten Kreuz abgewiesen, Blut für die Tsunami-Verwundeten zu spenden. Die Aussies trugen’s mit Humor, dass ihr “Blut zu alt sei”. Wir genossen es sehr, die zwei nach Monaten regen E-Mail-Verkehrs endlich kennenzulernen, obwohl sie fast genauso busy mit ihrer Verschiffung waren wie wir. Fleißig sammelten wir Tipps und Stories unserer Reisebekanntschaften und Caroline schaffte es sogar, uns ein wenig die Angst vor Indiens chaotischem Straßenverkehr zu nehmen. “Das Land wird Euch gefallen – es gibt einfach sooo viel zu sehen. Vergesst nicht, dass die meisten Traveller aus Europa kommen und Chaos nicht gewöhnt sind. Tatsächlich ist nämlich die Fahrerei auch nicht so viel anders wie in Indonesien. Das habt Ihr doch auch prima gemeistert...”



27. Februar 2005, Bangkok (Thailand) – Dhaka (Bangladesch)

73.058 km, ohne GPS

Um 16.35 Uhr sollte es nach Bangladesch gehen. Sieben Monate Südostasien liegen hinter uns und wie so oft wird einem gerade im Nachhinein bewusst, was für eine gute Zeit wir erleben durften. Laos hat fantastische Bilder in unseren Köpfen hinterlassen, in Malaysia verblüfften uns die gastfreundlichen Menschen, Kambodscha war für uns eins der ärmsten und ergreifendsten Länder, Indonesien das landschaftlich schönste und abwechslungsreichste. Dreimal durften wir nach Thailand zurückkehren – dreimal durchlebten wir ein Wohlgefühl angenehmer Vertrautheit. Zweifelsfrei gehört auch Thailands Küche zu einer unserer liebsten und wir freuen uns schon jetzt auf die Gelegenheit, irgendwann wiederzukommen. Selbst das anstrengende Bangkok hat doch irgendwie was.

Etwas wehmütig schlürften wir heute unsere letzten 10-Baht-Fruitshakes bei der immer vor Freude strahlenden Nong. Ein letztes Mal gab es die leckeren Kokosnäpfchen und Sticky Rice mit Mango und Kokosnusssoße zum Frühstück. Wann werden wir je wieder (fast) bedenkenlos Milchshakes und Meersfrüchte so günstig auf der Straße essen können?

Wir sind schon ein bisschen traurig, als uns das Taxi am Flughafen absetzt. Das war’s dann also – ab jetzt beginnt ein völlig neues Kapitel unserer Reise. Daß wir in eine völlig neue Welt eintauchen würden, begriffen wir gleich in der Wartehalle. Am Checkin in der Bangladesh Airlines tummelte sich eine Warteschlange der interessantesten Gestalten. Mit ihren hellen „Schlafanzügen“, den witzigen Mützchen und Kappen wirkten die Männer wie Märchenfiguren aus „Tausend und einer Nacht“. Frauen sah man überhaupt nicht, so dass Hanka alle Blicke auf sich zog, als sie selbstbewusst in gewohnter Manier mit Tickets und Pässen in den Händen eincheckte und Erik lediglich die Taschen auf’s Band hievte. Wieder einmal hielten wir den Atem an, als die Waage 5 Kilo Übergepäck anzeigte und wieder einmal hatten wir Glück und zahlten keinen Penny drauf. Selbst Exit-Plätze waren uns sicher.

Mit einem einstündigen Zwischenstopp in Yangon / Rangoon (Myanmar) brachte uns das heruntergekommene Flugzeug weiter nach Dhaka. Sitze und Tische waren so dreckig, dass man am liebsten gar nichts anfassen wollte. Die verschlissenen Polster und mit Klebeband zusammengeschusterten Gepäckfächer hinterließen den Eindruck, als ob die alte Boing von einer anderen Linie ausrangiert und als Entwicklungshilfe gespendet worden war. Am schlimmsten war jedoch der säuerliche Geruch nach Magenexkrementen, der sich auf ewige Zeiten in den Polstern festgestetz hatte. Kein Wunder, dass die Stewardessen extrem schlecht drauf waren. Als Hanka auf Toilette gehen wollte, wurde sie regelrecht angeschnauzt.

Nachdem wir mit Verspätung in Dhaka gelandet waren, empfing uns das pure Chaos. Keiner der Transit-Passagiere hatte einen Plan, was nun weiter mit uns passieren sollte. Hanka stürmte erstmal auf die Damentoilette, wich aber erschrocken zurück, als zwei verschleierte Frauen dort auf dem süffigen Fußboden hockten und Tee kochten. Das Waschbecken triefte vor Erbrochenem, aber für die beiden Frauen schien es der normalste Ort auf Erden, um Tee zu trinken...

Da es so aussah, als ob die meisten Fluggäste wir wir einen Anschluss nach Delhi gebucht hatten, trabten wir der Meute einfach hinterher. Anschließend drängelte man sich um einen Schalter, wo man offenbar sein Anschlussticket abgeben musste und im Gegenzug eine Nummer erhielt. Was danach passieren sollte, war unklar. Erstmal hinsetzen und warten. Irgendwann kam dann ein Typ heranmarschiert und rief dazu auf, ihm zu folgen. In einem ähnlichen Gedränge musste anschließend jeder seinen Reisepass abgeben und erhielt eine zweite Nummer. Das Ganze nahm schon allein eine Stunde in Anspruch. Jeder weitere Schritt war mit nervraubenden Wartezeiten verbunden: das Einteilen in Gruppen – Warten – der Marsch zum Transitbus – Warten – Einsteigen – Warten – Losfahren. Oh lala – dann hatte man es plötzlich eilig! Der Fahrstil unseres Busfahrers erinnerte stark an ein Computerspiel. In einem Wahnsinnsspeed jagte er den zerschrammten Karren Richtung City, hupte penetrant jedes Hindernis aus dem Weg, um bloß nicht auf die Bremse gehen zu müssen. Wer bremst, verliert – oder so ähnlich. Wir sogen unterdessen unter heimlichen Stoßgebeten jedes Detail auf, das sich hinter den heruntergekurbelten Busscheiben abspielte. Es wimmelte nur so von herausgeputzten Fahrradrikschas, die nicht nur Männer und verschleierte Frauen beförderten, sondern sämtliche Lastfuhren, die man sich vorstellen konnte. In der Hoffnung, noch einen Keks oder Schokoriegel aus dem Flugzeug von uns abzugreifen, wurden wir immer wieder von armen Frauen mit Kindern angebettelt - es schienen beinahe die einzigen weiblichen Wesen, die man in der Dunkelheit noch zu Gesicht bekam.

Unterwegs registrierten wir erstaunt riesige Werbeplakate und Leuchtreklame - Colgate und Coca Cola bleibt offenbar keinem Land der Welt verwehrt. Anschließend wurden wir vor einem chicen Hotel abgesetzt, staunten nicht schlecht über die riesigen Zimmer und das fantatsische Abendessen, das man uns auftischte. Ähnlich der Indischen Küche gab es knusprige Roti, Dhal, Linsen, Reis und allerlei Gemüse bis zum Abwinken.

In unserer Neugier konnten wir es nicht lassen, trotz des Transitverbots uns kurz aus dem Hotel zu stehlen. Zu gerne wollten wir ein bisschen um die Ecken luken und staunen, was es da zu sehen gab. Natürlich fielen wir auf wie zwei bunte Hunde und hatten offenbar auf das exotische Treiben dieselbe Anziehungskraft, wie dieses auf uns. Unentwegt wurden wir angesprochen, vor allem von den Rikschafahrern. Dabei hatten wir noch nicht mal Geld in den Taschen, zumal wir uns ja gar nicht offiziell durch Dhaka bewegen durften. Nach wenigen Metern verwickelte uns ein netter Typ mit strahlenden Augen in ein Gespräch und bot uns an, uns die Gegend zu zeigen. Er sprach ausgezeichnet Englisch, allerdings nach moslemischer Manier nur mit Erik. Obwohl Hanka wusste, dass es sich für einen Mann nicht gehören würde, eine Frau anzusprechen, fand sie die Sache äußerst gewöhnungsbedürftig. Gar nicht so leicht, sein weibliches Mitteilungsbedürfnis zu kontrollieren!

Mit einer Handvoll netter Eindrücke kehrten wir ins Hotel zurück, wo es gleich an der Tür klopfte. Bevor wir überhaupt den langen Weg zur Klinke laufen konnten, stand der Typ vom Zimmerservice bereits mitten in unseren vier Wänden uns schaute sich neugierig um. Wir nahmen ihn dankend die frische Seife und eine Rolle Toilettenpapier ab und jagten ihn wieder hinaus. Keine fünf Minuten später wiederholte sich das Spiel und wir begannen unverzüglich Witze darüber zu machen, wieviele Stückchen Seife und Klopapierrollen wir wohl am Ende des Tages entgegen genommen hatten. Ob die Inder wohl genauso neugierig sind?

 

Hanka und Erik
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