Märchenhaftes Rajasthan
28. Februar 2005, Dhaka (Bangladesch) – Delhi (Indien)
73.083 km, N 28-38-30 / E 77-12-53
Wie ein paar
verlorene Hühner scharrten wir uns mit den restlichen vier
Transit-Backpackern um den Frühstückstisch und warteten auf den
Abholbus. Jedem von uns hatte man eine andere Abfahrtszeit genannt, so
dass wir uns nur überraschen lassen konnten und unser Handgepäck bereit
hielten.
Im Schweinsgalopp
jagte der Busfahrer nach einiger Zeit des Wartens zurück zum Flughafen,
wo wir relativ fix unsere Flugickets und Reisepässe zurück erhielten.
Solche Dokumente gibt man ja eigentlich mehr als ungern aus den Händen.
Auf dem Weg registrierten wir im Tageslicht noch deutlicher als gestern,
wie zerschunden die Busse eigentlich aussahen. Von Lack war da keine
Spur mehr – stattdessen zog sich entlang der Seiten ein Mosaik aus
langen Schrammen, die natürlich Brems- und Rücklichter in
Mitleidenschaft gezogen hatten. Jede der vier Ecken war dermaßen
rundgefranst, dass man sich nur wundern konnte, wie die Seitenwände
überhaupt noch zusammenhielten. Die verschrammten Karosserien wurden
einfach nur wild mit Duct-Tape zusammengeklebt und anschließend mit
Farbe überpinselt. Nicht viel besser sahen die Fahrradrikschas aus. Zwar
waren die meisten nur aus Einzelteilen zusammengeflickt, aber dennoch
mit Girlanden, Bildern und Klimperschnuren dekoriert. Einige dagegen
hätten sicherlich einen Preis für die schönste Fahrradrikscha Asiens
gewinnen können. 11,5 Millionen Einwohner soll die Hauptstadt
Bangladesch’s zählen – und 1 Million Fahrradrikschas! Man stelle sich
nur mal diese Relation vor!
Der Hexenkessel
wurde einem aus der Luft erst richtig vor Augen geführt. Endlose,
komplett verbaute Betonflächen zeugten bereits von dem Problem massiver
Überbevölkerung. Entlang des Ganges über Indien schien es – zumindest
aus der Vogelperspektive – kaum noch Grünflächen oder Felder zu geben.
Soweit das Auge reichte: Beton, Beton, Beton. Beim Start konnte man noch
wunderbar ein Gewimmel aus Menschen und Fahrzeugen ausmachen. Zum
Schluss waren von einer Stadt weder Anfang noch Ende zu sehen. Wollten
wir da wirklich mit unserem Motorrad eintauchen? Ein bisschen mulmig
fühlten wir uns schon, aber auch voller Erwartungen, nachdem wir
mittlerweile so viele Meinungen über Indien gehört hatten.
Voller Aufregung
landeten wir in Delhi, nachdem sich an Bord ein heilloses Durcheinander
abgespielt hatte. Ein paar der „Turbanträger“ hatten die
Duty-Free-Whisky-Vorräte bereits angezapft, was zu einem wilden Streit
führte. Im harschen Ton fauchten sich die Männer mit glühenden Augen
unter wildem Gestikulieren an. Ein völlig besoffener, mindestens
60jähriger Inder versuchte außerdem direkt vor uns ungeachtet aller
Warnungen während der Landung aufzustehen, blieb dann aber schließlich
resignierend quer über den Sitzbänken liegen und blockierte mit seinen
Füßen den Gang beim Aussteigen. Wir bangten bis zur letzten Minute, dass
er sich neben uns übergeben würde. Die Passkontrolle schaffte er
jedenfalls nicht mehr – wir sahen ihn später schlafend in einem
Rollstuhl wieder.
Zu unserer
Erleichterung wurden wir wie versprochen von Bunny abgeholt. Er hatte
zur Begrüßung Papas Auto bekommen und wir waren sehr dankbar, uns nicht
gleich als erstes mit den Auto-Rikschas um einen vernünftigen Fahrpreis
herumschlagen und in der fremden Umgebung zurechtfinden zu müssen. Bunny
versuchte eifrig und ohne Redepause, uns ein Gefühl der Orientierung in
Delhi zu vermitteln und begleitete uns geduldig bei der Suche nach einer
Unterkunft mit Parkplatz in der quirligen Altstadt. Was es da alles zu
sehen gab – uns gingen die Augen über! Alles war bunt, aber auch
vollgestopft, dreckig und chaotisch; mitten in den Gassen lagen KÜHE!!!,
Männer pinkelten ungeniert in Ecken, rotzten auf die Straße und
rastahaarige Gurus bettelten um Geld. Ständig wurde man angesprochen.
Schon jetzt fühlen wir uns ziemlich überfordert. Wir müssen das Ganze
erstmal verdauen, die Eindrücke überschwemmen einen regelrecht. Am
besten, wir lassen es ganz langsam angehen. Hier im anscheinend
lebhaftesten Viertel Delhis, Pahar Ganj, sind wir zwar mittendrin, aber
es tut unheimlich gut, die Türe hinter sich zu schließen und ein
bisschen Abstand von allem zu gewinnen. Zwar kostete es uns einige
Nerven, überhaupt ein preiswertes Zimmer mit Aussicht auf einen
Parkplatz zu finden, aber hey – es gibt HBO im Fernsehen und sogar ein
Telefon haben wir – das ist doch was! Am Fenster hängt sogar 'ne
klapprig-alte Klimaanlage, auf der zwar ohne Scheu die Tauben nisten,
aber immerhin. Dabei kommt uns das Klima hier nach dem drückend-schwülen
Bangkok phantastisch vor. Angenehme 27°C sind eine Wohltat und selbst
die Luftverschmutzung scheint um einiges besser als in Bangkok zu sein.
1.-5. März 2005, Delhi
73.083 km, N 28-38-30 / E 77-12-53
Dass man sich mentalen Abstand von Indien einräumen sollte, spürten wir
in den nächsten Tagen immer wieder auf’s Neue. Die Welt da draußen war
einfach derartig voller Eindrücke, dass es schnell zu viel werden
konnte. Auch nach Tagen hatten wir kaum ein Foto geschossen – dabei
wurde man mit Motiven nur so erschlagen, dass wir gar nicht wussten, wo
wir eigentlich mit Fotografieren anfangen sollten. Noch nimmt uns das
Gewusel als Ganzes ein und wir müssen erst ein Auge für die Details
finden. Bis jetzt lässt sich Indien aber auch mit keinem anderen Land
vergleichen!
Unsere erste große
Sorge nach der Ankunft galt natürlich der Honda im Zoll. Bunny hatte für
uns alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Kontakt zu einem Agenten
herzustellen, der uns helfen sollte. Leider machte uns dieser kaum
Hoffnung, das Motorrad vor Ablauf der nächsten 3-4 Tage aus dem Zoll zu
bekommen. Wir nahmen trotzdem unsere Helme mit zum Flughafen – nur für
den Fall. Wie immer gingen wir optimistisch an die Sache heran und
hofften, dass die Abwicklung am Ende gar nicht so langwierig werden
würde. Bis jetzt war doch alles gut gelaufen. Noch wollten wir dem
Gefühl nicht recht trauen, aber irgendwie schienen uns die Inder an sich
ja gar nicht so schlimm zu sein, wie alle behaupteten.
Die Fahrt zum Flughafen per Auto-Rikscha war schon ein Erlebnis für
sich. Zentimeterknapp zogen kreuz und quer Kühe, Fahrräder und Passanten
an unserer Rikscha vorbei. Doch der Fahrer wühlte sich gekonnt mit Hupen
und Zurufen durch die ersten Kilometer des Verkehrschaos’. Anschließend
lief alles wie am Schnürchen. Wir bekamen sofort die Airline-Papiere
ausgehändigt (551 Rupie) und wurden gleich weiter zum Zoll geschickt.
Dort schob man uns ein Formular unter die Nase, das zur Abholung von
unbegleitetem Gepäck verwendet wird. „Unaccompanied Baggage“ – keine
schlechte Formulierung für ein Motorrad, dachten wir uns und legten 60
Rupie auf den Tisch. Anschließend winkte man uns zum nächsten Schalter,
wo eine riesige Gebührentabelle an der Wand nichts Gutes ahnen ließ.
Tatsächlich tauchte auf dem nächsten Formular eine riesige Rechnung auf:
Lagerhausgebühren. Natürlich wurde erneut das Volumengewicht zugrunde
gelegt und nicht etwa die tatsächlichen 309 kg; also knapp 70 kg mehr.
Doch die 3.355 Rupiah blieben da erstmal nur auf dem Papier stehen und
wir wurden ins Lagerhaus geschickt. Kurzer Papiercheck und schon brachte
ein Gabelstapler unsere Kiste unversehrt aus dem Lager gehievt. Wir
schauten uns sprachlos an. Wozu hatten wir uns eigentlich vorher so
verrückt gemacht? Das war doch eine leichte Übung von anderthalb
Stunden, in denen sich sogar ein Kantinenbesuch einbauen ließ. Unsere
ersten indischen Thalis schmeckten sogar einigermaßen, auch wenn wir uns
nicht gerade wohl dabei fühlten, während des Essens ungeniert begafft zu
werden. Wir griffen dennoch zu dem randgefüllten Tablett, einem Chapati
und langten auch unbeirrt in die Kiste mit den nicht unbedingt sauber
ausschauenden Löffeln.
Nach der Mittagspause öffneten sich die Pforten des Lagerhauses erneut.
Wir wussten nun schon, wo unsere Kiste stehen sollte und reichten
freudestrahlend dem noch kauenden Gabelstaplerfahrer unsere Papiere.
Leider musste die „Entlassung des unbegleiteten Gepäcks“ zum Schluss von
einem Oberst abgesegnet werden, der uns kopfschüttelnd zu verstehen gab,
dass die Sache so nicht funktionierte. Schade, dabei hatten wir die
Jungs einfach mal machen lassen. Offenbar schien man ja zu wissen, was
mit uns zu tun sei. Jetzt ärgerten wir uns, dass wir das Carnet de
Passages wegen unseres Einreisestempels zur Sprache gebracht hatten.
Vielleicht war das ein dummer Fehler. Jedenfalls brachte ein
Gabelstapler die Honda postwendend wieder zurück ins Lager und wir
wurden einen halben Kilometer weiter in ein anderes Zollhaus geschickt.
Hilfsbereit geleitete man uns in die zuständige Abteilung, wo wir um ein
Haar wieder abgwimmelt wurden, wäre da nicht eine freundliche Dame
gewesen, die sich offenbar auskannte. Der Big Boss war heute nicht im
Hause, was die Sache erschwerte. Sie verfrachtete uns deshalb kurzerhand
in das Büro des Stellvertreters und brachte die Sache mit dem Carnet ins
Rollen. Bei Kaffee und einem netten Gespräch über Klimaanlagen bekamen
wir nur einen Bruchteil der indischen Bürokratie mit, während etliche
Leute mit unserem Carnet, unseren Reisepässen, dicken Büchern und dem
restlichen Stapel an Papieren, die sich inzwischen angesammelt hatten,
immer wieder auftauchten und verschwanden. Schmunzelnd registrierten
wir, dass wir jetzt auf jeden Fall einen zusehends dicker werdenden
Aktenordner beim indischen Zoll hatten.
Irgendwann brachte uns ein Inspektor mit seinem Auto zurück zum
Lagerhaus, um die Ware zu inspizieren. Mit Brechstangen hebelte ein Team
von Lagerarbeiten unsere Kiste auf und versiegelte sie anschließend
wieder ordnungsgemäß mit Stahlband. Zum zweiten Mal verschwand unsere
Kiste in den riesigen Regalen.
Zurück im Zollhaus erhielten wir schließlich unser frisch gestempeltes
Carnet de Passages und konnten uns erneut auf den Weg ins Lagerhaus
machen. Langsam rannte uns die Zeit davon: noch eine Stunde, bis das
Lager die Tore schloss. Natürlich wollten wir jetzt, wo wir unserem Ziel
schon so nahe waren, alles daran setzen, unser Motorrad auch gleich
mitzunehmen. Geschwind legten wir dem Oberst unser Carnet und die
Papiere auf dem Tisch, doch der Knilch war immer noch nicht zufrieden
und schickte uns mit einem Typen ins Lagerbüro nebenan. Da waren wir
jedoch falsch und wurden weiter zur Zahlstelle gelotst. Dort kam dann
schließlich, was wir befürchtet hatten: 3.355 Rupie Lagerhausgebühren
waren zu begleichen. Erneut ärgerten wir uns über den Zimmermann in
Bangkok. Seine Nachlässigkeit bei den Maßen für unsere Kiste hat uns
mittlerweile mehr als 100 Dollar gekostet! Was soll’s, es ließ sich
nicht ändern und Eile war angesagt.
Fix hasteten wir zurück ins Lagerhaus, doch die Sache ging immer noch
nicht klar, denn es stellte sich heraus, dass wir nun noch einen
Gatepass brauchten, um das Zollgelände zu verlassen. Uns wurde der
gleiche ahnungslose Typ als Begleiter aufgehalst, der nach wie vor nicht
wusste, zu welcher Stelle er mit uns hinsollte. Das Ganze wurde langsam
echt nervig. Inzwischen marschierte die Sonne unaufhaltsam gen Horizont,
während unser „Hilfsagent“ von Pontius zu Pilatius geschickt wurde.
Irgendwann wusste er nicht mehr, auf welchen Schreibtisch er unsere
Unterlagen liegen gelassen hatte und machte sich peinlich berührt auf
die Suche. Um viertel sieben kam dann endlich unsere Honda auf einem
Wagen herausgerollt und wurde vor das Zollgelände auf die Straße
geladen. Immerhin gab es dort Straßenlaternen, denn wir mussten die
Honda ja noch zusammenbauen.
Einmal vor den Toren des Flughafengeländes hatte sich im Nu ein
neugieriges Publikum um uns versammelt, bestehend aus Zöllnern,
Lagerarbeitern, Landstreichern und Passanten, die offenbar gerade nichts
Besseres zu tun hatten als zu schauen, was es da zu schauen gab. Wir
ließen unser Werkzeug nicht aus den Augen und gaben uns alle Mühe, den
Jungs begreiflich zu machen, dass wir keine weiteren Schrauber am
Motorrad benötigten. Jeder wollte irgendwie mitmachen – oder den Lenker
mal halten – oder das Vorderrad mal anschauen – oder den
Kilometerstandszähler auf Null drücken – oder ausprobieren, ob die
Bremse schon ging. Eine wirkliche Hilfe waren sie jedoch, als es darum
ging, das auf den Telegabelholmen stehende Bike auf den Hauptständer zu
hieven. Dankbar nahmen wir auch das Angebot eines der Männer an, zwei
Flaschen Benzin von der nächsten Tankstelle aufzutreiben.
Sobald wir die Honda vollends aus der Kiste befreit hatten, wurde uns
gleich die Entsorgung der Teile abgenommen. Halb schockiert, halb
amüsiert beobachteten wir, wie unter einigen der Männer eine waschechte
Keilerei um das Holz ausbrach. Wer weiß, ob aus unserem Crate noch eine
Hütte gebaut oder ein Feuer zum Kochen gemacht wird – wir waren
jedenfalls froh, dass wir die Bretter so schnell los wurden.
Dann kam der große Moment: anlassen und – Jubel – die Honda sprang
gleich beim ersten Versuch an. Was für ein Gefühl: wir hatten unser
Maschinchen wieder! Langsam und vorsichtig eierten wir auf niedrigem
Luftdruck zur nächsten Tankstelle, als ein Typ auf einem Motorrad neben
uns auftauchte und uns aufgeregt irgendetwas mit ausgestrecktem Hals und
wedelnden Armen zurief. Wir konnten unseren Ohren nicht trauen: der
wollte doch tatsächlich bei voller Fahrt wissen, wie teuer unser
Motorrad sei...
Die erste Nachtfahrt durch Delhi lief besser als erwartet. Hanka lotste
mit dem Stadtplan in der Hand und Erik konzentrierte sich auf alles, was
vor, neben und hinter uns abging. Das letzte Stückchen über den Main
Bazar war, wie über einen Jahrmarkt zu trödeln. Im Schneckentempo
fußelte sich Erik durch Menschenmengen, Verkaufskarren, Rikschas,
Dreckhaufen und Kühe. Kaum zu glauben, wie unbeeindruckt indische Kühe
von diesem Gewusel sind. Die meisten zucken kaum mit der Wimper, wenn
der vorbeiziehende Strom haarscharf an ihnen vorbeischleift. Die armen
Viecher ernähren sich zwangsläufig von den Müllhaufen und dem, was man
ihnen vorwirft. Wie die Penner lungern die heiligen Tiere nachts in den
Eingangstüren und Häusernischen in Pahar Ganj herum – auf der Suche nach
Futter und ein wenig Ruhe. Wenn man den ganzen Tag mit knurrendem Magen
herumgescheucht wird, träumt man nachts wahrscheinlich von einem
schattig-stillen Plätzchen auf einer saftigen grünen Wiese. Schon
traurig zu sehen, welches Dasein die heiligen Kühe in Indien fristen.
Nach unseren Vorstellungen werden sie nicht gerade wie Heilige
behandelt, sondern eher wie Aussätzige. Viele von ihnen sind total
unterernährt, krank, deformiert oder gar angefahren worden.
Per Rikscha ging es für uns am übernächsten Morgen ins schicke
Diplomatenviertel von Delhi. Zuerst mussten wir zur deutschen
Vertretung, um nach zwei Empfehlungsschreiben anzustehen. Für diesen
schwachsinnigen Schmalzbrief wird man unverschämte 20 EUR los (pro
Exemplar!), aber anders kommt man in Delhi leider nicht an ein
Pakistan-Visum. Gerade als wir uns innerlich über die Tante hinter dem
Schalter mit ihrer spießig-kleinkariert-deutschen Art aufgeregt hatten,
trudelte der nächste Traveller ein. Daniel fährt zur Zeit im umgebauten
Bus mit seiner sechsjährigen Tochter Rosa durch die Lande und will bis
Ende April zurück in Berlin sein. Natürlich trafen wir den jungen Papa
gleich vor der pakistanischen Botschaft wieder, wo man nur mit
hartnäckiger Drängelei seine Position in der Warteschlange behaupten
konnte. Vor dem winzigen Außenfenster in der Mauer war die Hölle los.
Visaantragsformulare musste man sich quasi erkämpfen und beim Ausfüllen
aufpassen, dass nicht der nächste Hintermann die Chance zum Vordrängeln
nutzte. Irgendwann waren wir schließlich an der Reihe und erhielten
unfreundlich die Auskunft, dass wir um drei Uhr wiederkommen könnten, um
die Visa abzuholen. Na das war ja mal יne gute Nachricht – tags zuvor
hatte man uns am Telefon noch gesagt, dass die Bearbeitungszeit 3 Tage
betragen würde.
Spontan entschlossen wir uns, die Mittagszeit zusammen mit Daniel und
Rosa am Connaught Platz zu überbrücken. Endlich konnte uns jemand mal
die indische Speisekarte erklären! Leider quatschten wir uns ziemlich
fest und als wir vor der Botschaft aufschlugen (um halb vier), war das
Visafenster verriegelt und verrammelt. Aus irgendeinem Grund hatte es
Stress gegeben und keiner der zahlreichen Wartenden wussten, wann und ob
der Schalter heute nochmal geöffnet wurde. So vergingen die Stunden und
es wurde fünf, bis sich hinter der Klappe etwas regte. Wir wurden
mürrisch abserviert; sollten morgen früh zum Bezahlen und morgen
nachmittag zum Abholen wiederkommen. Schließlich wären wir nicht wie
vereinbart um drei in der Schlange gewesen. Wir schluckten – sooooo
deutlich hatte sich der schlecht gelaunte Heini am Vormittag noch nicht
ausgedrückt, aber was blieb uns anderes übrig?
Verärgert düsten wir unverrichteter Dinge zum Connaught Platz
zurück, um unseren Frust bei McDonalds zu begraben und endlich das zu
tun, was wir schon die ganze Zeit erledigen wollten: eine vernünftige
Landkarte für Indien aufzutreiben. Erik wäre allerdings im Traum nicht
eingefallen, dass es in Indien bei McDonalds mangels Rindfleischs (Kühe
sind heilig) ja gar keine richtigen Burger gibt... Stattdessen hatte man
die Wahl zwischen widerlichen Veggie- und Chickenburgern in
Masala-Geschmacksrichtung – die waren tatsächlich so ungenießbar, wie es
sich anhört. Immerhin hatten wir heute wenigstens ein Erfolgserlebnis
und erstanden für wenig Geld einen super Straßenatlas. Vielleicht muss
man in Indien einfach die kleinen Erfolge mehr feiern?
Jetzt konnten wir nun endlich unsere weitere Route planen. Bunny gab uns
so viele Tipps, dass wir gut und gerne 6 Monate in Indien verbringen
könnten. Er half uns außerdem bei der Besorgung einer Abdeckplane – kein
leichtes Unterfangen bei der Größe unseres beladenen Motorrades.
Schnurstracks fuhr er mit uns ins Mopedviertel, wo sich ein Teilehändler
neben den anderen reihte. Doch die gesammelte Motorradplanen-Kollektion
der halben Straße bis hin zur Größe XXL passte wegen der Seitenkoffer
nicht mal über unser Heck. Mit einer Riesenmenschentraube um unser
Motorrad herum kam schließlich einer auf die Idee, es stattdessen mit
einer Autoplane zu versuchen. Keine fünf Minuten später tauchte eine von
irgendwoher auf und siehe da: sie schien zu passen, denn das Publikum
nickte zufrieden. Wir drei dagegen konnten die Honda vor lauter Menschen
kaum noch sehen, nahmen die Aktion jedoch gelassen. Man wird ja
wahnsinnig, wenn man sich darüber ärgert, dass die Inder einem keinen
Raum lassen.
PS: Noch was zum Essen: Im Grunde lieben wir ja indische Küche, aber
wenn man hier so einen Blick hinter die Kulissen wirft, kann einem schon
Angst werden. Jeder Straßenstand in Thailand schien hygienischer zu sein
als die von Fett und Ruß geschwärzten, indischen Restaurantküchen!
Immerhin hat man genug Auswahl an vergetarischen Gerichten, auch wenn
sich die exotisch gewürzten Hülsenfrüchte bereits langsam aber hörbar
durch unsere Verdauungstrakte arbeiteten...
6. März 2005, Delhi – Jaipur
73.349 km, N 26-54-35 / E 75-48-45
Unsere ersten 266 km auf Indiens Straßen haben wir recht gut gemeistert.
Mit vier Spuren und überschaubaren Verkehrsverhältnissen soll der
Highway 8 zwischen Delhi und Jaipur allerdings auch zu den
„Elitestrecken“ innerhalb Indiens gehören. Die „Kings of the road“ –
Busse und LKW’s – verhielten sich zurückhaltender, als wir uns
vorgestellt hatten. Per Hupe konnte man regelrecht mit denen
kommunizieren, was wohl offenbar auch erwartet wurde. Nach einem kurzen
„Hallo-ich-komme-hinter-Dir-und-gebe-Gas-Huper“, fuhren die schweren
Verkehrshindernisse brav links rüber und ließen uns passieren.
Allerdings waren wir auch froh über unsere lautstarke, indonesische
Monsterhupe, die ja doch einiges hermachte. Etwas ungeduldiger erlebten
wir die PKW’s, die es meistens nicht lassen konnten, entsprechend des
ungeschriebenen Gesetzes der indischen Rangordnung (nach Größe) auf
Biegen und Brechen an jedem Moped vorbeizuziehen. Dennoch – mit Ausnahme
eines Geisterfahrers blieb die Sache berechenbar und schien nicht halb
so aggressiv, wie uns beispielsweise einige Verkehrsteilnehmer
Kambodschas noch in Erinnerung waren.
Wir staunten nicht schlecht, als in der fortschreitend karger werdenden
Landschaft plötzlich die erste Karamel-Karwane auftauchte. Angeführt von
weiß gekleideten Männern mit Turbanen und in bunte, wehende Gewänder
eingehüllten Frauen, trotteten die schwer beladenen Dromedare entlang
der Straße. Fasziniert hielten wir sofort an, staunten über die
unglaubliche Szene und schmunzelten über die Hunde, die stolz oben auf
den bepackten Höckern thronten. Je weiter wir in Rajasthan eintauchten,
desto häufiger wiederholten sich die exotischen Karawanen vor unseren
Augen. Es war fantastisch!
Unser erster Eindruck von Jaipur selbst überstieg alles Vorstellbare.
Vor der märchenhaften Kulisse der gewaltigen Amber Festung stapften bunt
bemalte Elefanten, klimperten geschmückte, frisch mit Mustern frisierte
Dromedare, stiefelten seelenruhig Kühe entlang. Nicht zuletzt rundeten
die herrlichen, farbenprächtigen Gewänder der Frauen den Eindruck ab, in
einem Märchen aus Tausend und einer Nacht gelandet zu sein. Uns gingen
die Augen über!!! Da waren mittelalterlich anmutende Straßenmärkte
mitten in einem pulsierenden, orientalischen Treiben. Da gab es
wundersame Tempel, einen davon inmitten eines Sees. Allein die filigran
verzierten, terrakottafarbenen Häuserfassaden verliehen der ganzen Stadt
einen wahnsinnig exotischen Zauber. Einfach irre!
Jaipur wird übrigens die „rote Stadt“ genannt. 1876 ließ Maharaja Ram
Singh die gesamte Altstadt in jener Terrakotto-Farbe streichen, um den
Prinz von Wales zu begrüßen. (Rot gilt in Indien als die Farbe der
Gastfreundschaft.)
Auch wir fühlten uns auf Anhieb fürstlich empfangen und konnten nicht
widerstehen, uns in den ehemaligen Palast des Barons von Diggi
einzumieten. Das traumhafte Anwesen wurde zu einem Hotel umfunktioniert,
was den stolzen Übernachtungspreis von 20 USD in den Hintergrund rücken
lässt. Zum Auftakt haben wir uns den Luxus verdient, oder? Während grüne
Papageien aufgeregt ihre Flugmanöver durch die herrliche Gartenanlage
probten, genossen wir die abendlichen Sonnenstrahlen herrlich entspannt
im Liegestuhl, beobachteten die niedlichen Streifenhörnchen herumturnen
und lauschten den Rufen eines Pfau’s. Eine solche Gartenkulisse macht
Lust auf’s Heiraten – schade, dass wir’s schon hinter uns haben. Aber
vielleicht ist ja der Gedanke, später ins Wedding-Planning-Business
einzusteigen, doch nicht so abwegig... Lust darauf hätte Hanka schon,
wenn sie das hier so sieht!
7.- 8. März 2005, Jaipur
73.349 km, N 26-54-35 / E 75-48-45
Jetzt sind wir gerade erst seit einer Woche in Indien, und Erik lag
schon mit Fieber und Verdauungsproblemen darnieder! Auch
Langzeitreisende sind eben nicht vor „Montezumas Rache“ gefeiht. Zum
Glück brachte ein Tag im Bett die Sache schnell wieder ins Lot.
Unterdessen machte sich Hanka alleine auf den Weg in die Stadt, um
Jaipurs berühmte Schmuckläden auszukundschaften. Schockiert eilte sie
schnellen Schrittes an den unzähligen Obdachlosen vorbei, die auf dem
Gehweg entlang der Sawai Ram Singh Marg vor sich hinvegetieren. Es war
erschreckend zu sehen, welches Leben sich keine fünf Minuten hinter dem
schönen Garten des Diggi Palace Hotels abspielte. Entlang der
Straßenmauer stank es fürchterlich nach Fäkalien und kleine Kinder
spielten inmitten des Drecks. In diesen Augenblicken schämte sich Hanka
dafür, dass wir letzte Nacht 800 Rupie für ein Bett ausgegeben hatten.
Alleine unterwegs wurde Hanka ständig angesprochen: Rikschafahrer, Sari-
und Schmuckverkäufer, Bettler – alle versuchten, irgendwie ihre
Aufmerksamkeit zu gewinnen. Es war anstrengend und nervig ohne Erik,
auch wenn er spätestens beim Juwelier das Handtuch geworfen hätte. ‚Für
den Rückweg nehme ich mir eine Rikscha’, dachte sich Hanka in der
Hoffnung, dass ihr die Schlepper und grausigen Szenen entlang der
„Obdachlosenmauer“ erspart blieben. Doch stattdessen lernte sie erstmals
die typisch indische Verbohrtheit kennen. „Hotel Diggi’s Palace“ ist
halt doch nicht „City Palace“ – same, same, but different!
Schon nach zwei Minuten versuchte Hanka dem sturen Rikschafahrer klar zu
machen, dass er auf dem Weg in die falsche Richtung war. „Oh yes, City
Palace, I know“ – sprach’s und trampelte weiterhin in entgegengesetzte
Richtung in die Pedale. Wie bitte soll man jemanden begreiflich machen,
erstmal zuzuhören, bevor man sich ereifert? Der Typ ließ sich in
keinster Weise von seiner Überzeugung abbringen, zu wissen was Hanka
meinte. Immerhin hatten wir schon vorher von diesem indischen Phänomen
gehört, aber die Erkenntnis half natürlich nicht weiter. Man konnte
machen was man wollte – der Typ radelte weiterhin stur zum City Palace.
Vielleicht war es auch nur Taktik, um mehr Fahrgeld zu ergaunern?
Irgendwann hinter dem City Palace hielt er verunsichert an. Offenbar war
der Groschen gefallen und er hatte endlich bemerkt, dass sich Hanka
nicht davon überzeugen ließ, dass ihr Fahrtziel erreicht wäre.
Jedenfalls fand sich nun ein Grund, den Preis um 200% erhöhen. Oha!
Inzwischen war Hanka auf 180 und stieg wutentbrannt aus, um sich nach
einer anderen Rikscha umzusehen. Resignierend gab sich der Typ
schließlich die Blöße und versprach, zum Diggi’s Palace zu fahren.
Leider hatte er keine Ahnung, wo das Hotel überhaupt war und fragte sich
durch, während sich ein paar Halbstarke einen Jux daraus machten, neben
der Rikscha herzurennen und Hanka in die Brust zu kneifen. Nach derartig
frechen Mutproben stand ihr gerade noch der Sinn...
Natürlich gab es ein Riesentheater, als wir endlich vor dem Diggi’s
Palace ankamen. Beleidigt warf der Rikschafahrer die Scheine einfach in
die Gosse und wetterte wie ein Rohrspatz los. Moment mal, wir hatten
vornweg einen Preis vereinbart und entweder konnte er den ausgemachten
Betrag inklusive angemessenem Trinkgeld nehmen oder es bleiben
lassen! Schließlich war er derjenige, der nicht zuhören wollte, obwohl
ihn Hanka die ganze Zeit klar zu machen versuchte, dass er etwas
missverstanden hatte. Der Typ ließ nicht locker und mittlerweile hatte
sich eine ganze Gruppe Männer in die sinnlose Diskussion eingemischt,
auf die Hanka ohnehin keinen Bock hatte. Schnell waren alle Männer der
Meinung, Hanka solle ihm einfach mehr Geld geben, damit er Ruhe gäbe.
Doch so lief das nicht! Wahrscheinlich hatte er diese Masche schon
Hundert mal probiert. Allein aus Prinzip ließ Hanka ihn mit hochrotem
Kopf stehen, nachdem sie seinen todfeindlichen Blick erwidert hatte. In
diesem Moment war es ihr eine Wohltat, in den herrlichen Garten des
Hotels einzutauchen und ihren Ärger in der Abendsonne im Liegestuhl zu
vergessen. Oh Mann, als Frau kann Indien noch einiges anstrengender
sein!
Hätte Hanka zu jenem Zeitpunkt schon den „Lassiwalla“ entdeckt, hätte
der ganze Vorfall nur halb so bitter geschmeckt. Mit diesen wahnsinnig
leckeren Joghurtshakes ließ sich nämlich Durst, Staub, Frust und
sonstige Begleiterscheinungen des indischen Subkontinents einfach
herunterspülen. Im Rekordtempo teilten die Männer die herrliche
Erfrischung in Tonbechern auf der Straße aus, nachdem sie vorher jedes
Getränk mit einem leckeren Stück Joghurtkruste versehen hatten. Das
Zeug machte süchtig, auch wenn es Hanka als Terrakottakönigin unheimlich
schwer fiel, die schönen, handgemachten Einweggefäße nach der Benutzung
in die Tonne zu werfen. Vielleicht darf sie ja einen Becher behalten,
wenn wir zurück nach Jaipur kommen..? So oder so sind die göttlichen
Lassis schon jetzt ein Grund, sich auf ein Wiederkommen zu freuen.
Morgen wollen wir unsere Runde starten und noch ein wenig tiefer in
Rajasthan eintauchen. Erik ist ja schon wieder auf den Beinen.
9. März 2005, Jaipur – Pushkar
73.485 km, N 26-29-26 / E 74-33-19
Schneller als erwartet ließen wir das Gewusel der Stadt hinter uns und
fanden uns auf dem Highway 8 wieder. So gut wie von Delhi bis Jaipur war
dieser Abschnitt allerdings nicht mehr ausgebaut. Vierspurig ging’s nur
zeitweise voran und zahlreiche, völlig unorganisiert ausschauende
Baustellen zeugten von monatelanger Asphaltschusterei. Gerade, als wir
wieder Gas geben konnten, kamen uns plötzliche mehrere Geisterfahrer
entgegen. Über drei Fahrspuren verteilt raste der Verkehr in beiden
Richtungen aufeinander zu. Wir hielten die Luft an, als vor uns endlich
ein Laster hinter den anderen einscherte, um im letzten Augenblick Platz
für den Gegenverkehr zu machen. Erst Minuten später begriffen wir dieses
Chaos: Man hatte den Gegenverkehr des Highways wegen einer
kilometerlangen Baustelle auf unsere Seite geleitet und damit unsere
rechte Fahrspur blockiert. Aus diesem Grund kamen uns also die
„Geisterfahrer“ entgegen. Nicht ein einziges Verkehrsschild kündigte
dieses gefährliche Unterfangen an. Obendrein hielt sich hier keiner
daran, eine einspurige Fahrbahn auch als solche zu betrachten. Ohne
Skrupel überholten die „Geisterfahrer“ auch noch in zwei fremden Spuren,
bis der Gegenverkehr auf der Autobahn zum Erliegen kam! Der Stärkere
überlebt in Indien!!!
Landschaftlich tauchten wir mehr und mehr in die Wüste ein. Zwar gab es
hier keine Sanddünen (was man sich klassischerweise unter Wüste
vorstellen mag) aber dürre, karge Weite, in der sich nicht viel
Vegetation behauptete. Hin und wieder entdeckten wir Dromedare, die in
dieser Gegend ihr Dasein hauptsächlich als Lasttiere fristeten.
Wahnsinn, wie schnell und graziös die Viecher mit ihren langen Beinen
einen monströs beladenen Holzkarren durch die Gegend zerren konnten! In
Kishangarh schufteten die Trampeltiere besonders hart, denn die Stadt
lebt vom Marmorgeschäft. Ein feiner, weißer Puderstaub überzog den
ganzen Ort und jeder, aber auch jeder, schien hier am Geschäft mit dem
edlen Gestein beteiligt zu sein. Ein Steinmetzger nach der anderen
reihte sich entlang des Highways 8 und wir bekamen anhand der riesigen
Gesteinsblöcke eine ungefähre Vorstellung, mit welchem Farbspektrum
Marmor überhaupt aufwarten kann. Die Farben reichten von rot, pink, grün
bis hin zu schwarz und klassisch weiß.
Just hinter Kishangarh überraschte uns eine schwarze Wolkenwand, die
sich binnen Sekunden als krachendes Gewitter über uns ergoss. Fix
flüchteten wir unter einen Dachvorsprung aus Blech, bevor wir ganz bis
auf die Haut durchgeweicht waren. Gewitter in der Wüste – was sollte das
eigentlich – oder waren wir am Ende doch noch gar nicht richtig in der
Wüste angekommen?
Zum Glück zog die Wand genauso schnell ab, wie sie gekommen war und wir
konnten uns wieder auf den Asphalt wagen. Ein herrlich frischer Duft
nach Regen lag in der trockenen Luft. Alsbald überzeugten uns ein paar
malerische, abgelegene Dörfer doch noch davon, dass wir in den
Wüstenstaat eingetaucht waren: hinter den mittelalterlich anmutenden
Behausungen, aus denen winkende Kinder gestürmt kamen, türmten sich
schließlich meterhohe Sanddünen und schwuppdiwupp landeten wir vor den
Toren des Pilgerörtchens Pushkar, das schon als Wüstenoase zählt!
Wieder brauchte die Suche nach einer hondagerechten Unterkunft so
einiges an Zeit, aber bei der Gelegenheit bekamen wir gleich einen
Eindruck von dem Wallfahrtsörtchen, das nicht nur gläubige Hindus,
sondern auch zahlreiche Touristen anzieht. Mit seinen weiß-verwaschenen
Häuserfassaden, gespickt um den fast quadratisch angelegten, heiligen
See wirkt der Ort schon recht einzigartig. Irgendwie schien Pushkar
weder so verstopft, noch so quirlig wie andere Städte Indiens und
strahlte in seiner Überschaubarkeit eine faszinierende Ruhe aus. In den
engen Gassen stank es zwar ziemlich nach Kuh- und Kamelmist, denn an
einem heiligen Ort dürfen natürlich die heiligen Tiere nicht fehlen.
Dennoch gefiel uns das Flair – auch wenn offenbar viele Israelis die
Stadt als coole Chill-Out-Location zu beanspruchen scheinen.
Kaum zu Fuß auf Entdeckungstour unterwegs, wurden wir prompt als
„Neulinge“ in der Stadt erkannt und gleich von den Priestern angehauen.
Irgendwie verfügen die Jungs über ein dermaßen zielsicheres Auge, dass
sie jedes neue Gesicht aus der Masse sofort ausmachten. Wir hatten
diesmal unsere Hausaufgaben gemacht und schon im Reiseführer gelesen,
dass die Priester von Pushkar für ihre Geschäftstüchtigkeit berüchtigt
sind und dabei recht aufdringlich werden können. Der Trick funktioniert
folgendermaßen: mit netten Gesten drückt einem plötzlich jemand eine
Blüte in die Hand und heißt dich im heiligen Ort Pushkar willkommen.
Soweit ganz süß. Als nächstes versucht der Priester, dich zu seinem
„Ghat“ (Treppen zu einem heiligen Gewässer, um Gebete und Waschungen zu
vollziehen) zu lotsen, um den heiligen See zu sehen, die Blüte dort ins
Wasser zu geben und sich etwas zu wünschen. Klingt auch noch nett.
Danach wird man vom Priester gesegnet und hier offenbart sich der Haken,
um den sich die ganze Geschichte dreht: Rupies! Natürlich gibt man gern
eine Spende von 10 oder 20 Rupies, doch das faßt der Heilige Mann dann
als Beleidigung seines Glaubens auf und tut dies auch lautstark und
beharrlich kund. Will man den Priester wieder loswerden, wird man selbst
vorher einige hundert Rupies los. Natürlich handelt es sich dabei um
eine Abzocke die nichts mit dem hinduistischen Glauben zu tun hat. Wir
konnten uns die Szene recht gut ausmalen, denn es war schon kein
Leichtes, den Typen auch nur die Blüte zurückzugeben. Man konnte gar
nicht so schnell schauen, wie einem die nächste Blume zugesteckt wurde,
denn in Pushkar gab es natürlich zahlreiche Ghats (und damit Priester).
Wir erkannten schließlich den Wert von tiefen Hosentaschen, in denen man
seine Hände vergraben konnte. Irgendwann ließen uns die Priester
schließlich in Ruhe. Vielleicht merkten sie auch an der Hartnäckigkeit
in der Stimme, ob man „Nein danke“ nur aus Höflichkeit sagte oder ob man
tatsächlich genug von der Masche hatte.
Durch Jacqui und Trent schon vorgewarnt, stürzten wir uns am Abend
natürlich gleich in eins der beliebten Buffetrestaurants. Für gerade mal
100 Rupies (umgerechnet ca. 2 EUR) kann man hier in reicher Auswahl
essen bis man platzt und die indische Küche war wirklich nicht schlecht.
Selbstverständlich wurde diese auch von zahlreichen anderen, vor allem
israelischen Backpackern heimgesucht und der Geräuschpegel erhöhte sich
entsprechend. Wir aßen natürlich viel zu viel und genossen den
anschließenden Abendbummel durch die engen Gassen. In Pushkar wimmelte
es zwar nur so von Tourishops und ratternden Nähmaschinen, die alles im
Flower-Power-Look zusammenflickten, aber es gab auch indische Lebensart
zu entdecken. Abends nahmen die Inder offenbar gern einen Becher heiße
Milch zur Brust – es soll ja beim Einschlafen helfen. In gigantischen,
gusseisernen Pfannen blubberte an jeder zweiten Ecke ein
überdimensionaler Bottich voll Milch. Damit das Zeug über der Gasflamme
nicht anbrannte, rührte man emsig mit einem gigantischen Kochlöffel am
Pfannenboden herum, ohne dabei allzu viel von der beliebten Milchhaut zu
zerstören. Mit einem Schöpfgefäß wurde die Milch auf Bestellung in einen
Krug gegeben und etwa 20 Mal mit einem beindruckendem Schweif durch die
Luft in den nächsten Krug gegossen. Natürlich ging dabei kein Tropfen
daneben und das Ergebnis, eine wunderbar geschäumte Milch, konnte sich
trinken lassen – wäre da nicht mindestens ein großer Esslöffel Zucker
gleichermaßen mit im Krug verschwunden...
10. März 2005, Pushkar
73.485 km, N 26-29-26 / E 74-33-19
Es hatte über Nacht geregnet, so dass uns eine schmierige Pampe aus
Kuhmist und Dreck in den Gassen erwartete. Überall stank es – wir
mochten uns nicht vorstellen, wie tief die Pfützen während der
Monsunzeit ausschauten. Von einem Bein aufs andere durch den dampfenden
Mist hüpfend, steuerten wir das nächstbeste Buffetrestaurant an. Bei
einer Tasse Kaffee mit herrlichem Blick über die weiße Stadt und den im
Dunst verhangenen See begannen wir den Tag in aller Ruhe. Man konnte
stundenlang den zahlreichen Affen zuschauen, wie sie über die
Wellblechdächer der Stadt jagten. Wir hatten nie davon gehört –
geschweige denn erwartet – dass es in Indien so viele Affen gab! Die
schwarzgesichtigen Viecher müssen in Pushkar jedenfalls eine
regelrechtes Ärgernis sein, denn auf dem einen oder anderen Dach sah man
ab und zu jemanden eine lange Latte schwingen, um die Plagegeister zu
verjagen. Auch direkt am heiligen See schienen sich die Biester gerne
auszutoben. Wahrscheinlich konnten sie dort die eine oder andere
Opfergabe abgreifen, um ihren Speiseplan zu ergänzen.
Einige der insgesamt 52 Ghats wollten wir uns heute aus der Nähe
ansehen. Das Wasser des Pushkar-Sees gilt als besonders heilig – und so
sieht man immer wieder gläubige Pilger im geweihten Nass baden.
Unvorstellbar für jemanden aus „unserer Zivilisation“, wie wir
empfanden. Aus der Nähe wirkten diese Rituale ziemlich faszinierend,
befremdend und wunderschön zugleich. Angesichts der Kuhfladen,
Futterkörner für Tauben und des sonstigen Drecks taten wir uns zwar
anfangs schwer damit, die Treppen barfuß zu betreten, aber was sein
muss, muss sein. Aus Respekt den Gläubigen gegenüber, ist an diesem
heiligen Ort auch Fotografieren strengstens untersagt und man wird durch
nicht übersehbare Schilder dauernd daran erinnert. So schlenderten wir
barfuß von einem Ghat zum nächsten und versuchten, die faszinierenden
Bilder so intensiv wie möglich im Gedächtnis abzuspeichern.
Erstaunlicherweise ließen uns heute sogar besagte Priester in Ruhe –
wahrscheinlich hatten sie schon die „Frischfleisch-Backpacker“ ins
Visier genommen...
Wenn man den See umrundet, ergeben sich immer wieder neue Facetten und
Perspektiven auf die schöne Kulisse entlang des heiligen Wassers (das im
übrigen nicht gerade eine zum Baden einladende Wasserqualität zu haben
schien). Kleine Tempel laden zum Verweilen ein und selbst eine faule
Herde abgeklappert dreinschauender Kamele entdeckten wir etwas abseits
des Trubels. Die an völlig entzückte Touristen gewöhnten Tiere ließen
sich ohne Scheu als Fotokulisse verwenden, ohne dass man selbst eine
Mutprobe riskieren musste. Auf der anderen Seite des Sees entdeckte
Hanka einen Miniaturmaler, dessen Arbeiten gleich ihr Herz eroberten.
Mit einem winzig dünnen Pinsel tupfte und schnörkelte er oft monatelang
an einem einzigen Werk. Die meisten seiner Bilder, gefertigt auf Seide,
Kamelknochen oder Palmenholz, waren in ihrer Detailgetreue und
filigranen Feinheit so wunderschön gezeichnet, dass man am liebsten dem
armen Mann sofort ein Stück abgekauft hätte. Doch Eriks Gesichtsausdruck
bei dieser Idee erübrigte auch nur einen Gedanken daran – war doch klar,
was er von einem solchen Kauf hielt. Bei so faszinierender Arbeit hätte
Hanka wahrscheinlich ohnehin jeden Preis gezahlt, allein schon weil der
nette Maler wochenlang an einem einzigen Kunstwerk herumpinselte.
Wir nahmen uns heute jedenfalls vor, die tollen Bilder des Tages ganz
fest in Erinnerung zu behalten. Ein zauberhafter Sonnenuntergang lockte
uns dazu noch einmal ans Ufer des Sees, aus dessen Richtung schon von
weitem Trommelgeräusche durch die Gassen drangen. Auf den Stufen vor dem
Sunset Cafe hatte sich tatsächlich eine Meute der interessantesten
Gestalten eingefunden: Gurus mit zu Türmen aufgedrehten Rastazöpfen
saßen im Schneidersitz auf ihren kleinen Teppichen, tief in ihre
Meditation versunken. Alternative Backpacker tanzten einen urkomischen
Affentanz im Rhythmus der tranceartigen Trommelschläge. In knallbunte,
wehende Gewänder eingehüllt, priesen Inderinnen und Kinder Silberschmuck
an, banden immer wieder klimpernde Fußkettchen an die Füße der
Touristinnen in der Hoffnung, endlich ein Stück zu einem guten Preis zu
verkaufen. Bettler hielten flehend ihr Hände offen, krauchten geduckt
von einem zum nächsten. Hier und da blitzte eine Kamera, um diese
seltsam schöne Stimmung einzufangen. Spiegelglatt lag der See vor der
wunderschönen Kulisse des heiligen Hinduortes in der Wüste. Pushkar –
wir werden wiederkommen.
PS: Schon erwähnt, dass hier mindestens fünfmal am Tag der Strom
ausfällt? Mit Kerzen kommen wir ja ganz gut zurecht, aber doof ist, wenn
der klapprige Ventilator stehenbleibt – dann ist wirklich schwitzen
angesagt. Seit unserer Ankunft in Delhi scheint es jeden Tag heißer
geworden zu sein.
11. März 2005, Pushkar – Jodhpur
73.688 km, N 26-17-48 / E 73-01-26
Der morgendliche Gewitterregen wiederholte das Schlammbad von
gestern: knöcheltiefe, stinkende Viehkloake klebte in den Gassen. Mit
hochgekrempelten Hosenbeinen wateten wir hungrig ins „Om Shiva“, wo uns
erneut das leckere Frühstücksbuffet erwartete. Trotz dass in Pushkar aus
religiösen Gründen nicht nur jede Art von Fleisch, sondern sogar Eier
von den Speisekarten verbannt sind, staunten wir nicht schlecht, wie gut
Eierkuchen auch ohne Eier schmeckten... Für 100 Rupees aßen wir uns noch
mal so richtig satt, bevor wir uns schweren Magens auf die Honda
schwangen.
Anstatt der Hauptroute zu folgen, die die Busse und LKW’s nach Jodhpur
nahmen, entschieden wir uns kurz entschlossen für die Nebenstraßen
durch’s Hinterland. Beim Bepacken der Honda hatte uns einer aus dem
„Publikum“ versichert, dass die Strecke über Merta nicht nur 50 km
kürzer und verkehrsärmer sei, sondern auch gut asphaltiert wäre. Der
Mann sollte Recht behalten.
Entspannt ging es über die Dörfer, oder vielmehr das, was man als
Wüstensiedlungen bezeichnen konnte. Flach und karg dehnte sich die
Stein-/Sandwüste bis zum Horizont, mühsam bewirtschaftet von Kamelen und
wenigen Traktoren. Man nahm deutlich den Unterschied wahr, dass die
Leute auf dem Land um einiges ärmer sind als in Pushkar oder Jaipur. Die
typischen Kamellederschuhe fielen den meisten Männern hier beinahe in
Einzelteilen von den Füßen und auch die Saris der Frauen stachen zwar
nach wie vor mit ihren knalligen Farben ins Auge, waren aber längst
nicht so üppig mit Gold und Glitzer verziert wie anderswo. Doch selbst
bei der Feldarbeit trägt frau alles, was die Schmuckschatulle hergibt:
klimpernde Armreifen, Nasen- und Ohrringe, Ketten inklusive klingelnder
Fusskettchen und teilweise gar aufwendiger Haarschmuck...
Kurz vor Jodhpur war dann Schluss mit lustig. Autorikschas drängelten
mit PKW’s und Bussen um die Wette, dass wir ständig ein Auge auf unsere
Seitenkoffer haben mussten. Innerhalb der Stadttore wurde das Gerangel
noch wilder, teilten sich die Gassen nach jeder Kurve aufs Neue –
obendrein wuselte man sich durch Menschenmassen und Kühe. Wie sollte man
sich da zurechtfinden? Kurz entschlossen kramten wir das GPS aus dem
Tankrucksack, gaben die Koordinaten der Hotelempfehlung von Ralf und
Caroline ein und ließen uns blind durchs Gewühl lotsen. Zu unserer
Verwunderung funktionierte diese Taktik auch ohne elektronischer
Landkarte (nur mit Richtungspfeil und Entfernungsangabe) außerordentlich
gut und wir landeten trotz des Gassengewirrs schnurstracks vor dem
Havelee Inn Pal
Hotel. Wir waren begeistert! Dieser kleine schwarze Zeiger hatte uns
heute wirklich etliche Nerven bei der Suche nach einem Quartier mit
Motorradparkplatz erspart. Und was für ein tolles Quartier wir gefunden
hatten: ein alter Palast, angenehm ruhig und dennoch das größte Treiben
genau vor der Türe. Nicht nur in dem wunderschön gestalteten Zimmer
fühlte man sich wie der Staatsbesuch persönlich; das Badezimmer war so
groß, dass man Walzer darin tanzen konnte – und wir taten es auch vor
lauter Begeisterung!
Mit großartigem Blick auf das gewaltige Fort vor der untergehenden Sonne
lassen wir uns gerade über den Dächern der Stadt mit rajasthanischen
Spezialitäten verwöhnen, abgeschottet vom gedämpften Lärm in den engen
Gassen. Auf den ersten Blick wirkt Jodhpur unheimlich laut und wuselig.
Fahrradrikschas fehlen in der Wüstenstadt zwar komischerweise auf der
Bildfläche, aber dafür sind bestimmt doppelt so viele, ununterbrochen
hupende Autorikschas unterwegs. Was als die „Blaue Stadt“ in Rahjastan
bekannt ist, scheint aus ihrer Mitte wenig blaue Farbe auszustrahlen.
Irgendwie enttäuschend – wo sind all die blauen Häuser, die der Stadt
den Namen gaben? Das müssen wir auf jeden Fall noch herausfinden.
12. März 2005, Jodhpur
73.698 km, N 26-17-48 / E 73-01-26
Nach einem Ausflug zur Meherangharh Festung, die hoch über der
Stadt emporragt, müssen wir unseren ersten Eindruck von Jodhpur
korrigieren. Wir sind beeindruckt, als sich fantastisch leuchtend ein
knallblaues Häusermeer vor unseren Augen ausbreitet. Ob wohl nur die
Fassaden westwärts Richtung Fort blau gestrichen sind? Jodhpur trägt
jedenfalls zu Recht den Namen „Blue City“. Blau ist übrigens die Farbe
der Bramahnen, der obersten Kaste im Hinduismus. Irgendwann bemalte man
die ganze Altstadt in diesem Farbton. Die grell-blauen Innenhöfe und
Fassaden der Stadt vermitteln ein Gefühl wie in Griechenland. Ein
herrlicher Kontrast zur braungelben Wüstenlandschaft vor den Toren der
Sadt.
Den restlichen Teil des Tages durchschlenderten wir neugierig die
Gassen. Man konnte jederzeit etwas Neues entdecken, wenn man sich die
Zeit nahm und aufmerksam das Treiben beobachtete. Schon gestern
bemerkten wir einen winzigen Schlüsselladen – was eigentlich nichts
weiter als eine winzige Nische in einer Wand war, vollgestopft mit
rostigen Schlüsseln und uralten Schlössern. Der nette „Schlüsselmann“
fand sogar in einer seiner vielen Schachteln einen kleinen
Schlüsselring, mit dem sich Hankas Reißverschluss an ihrer Motorradjacke
wieder in Schuss bringen ließ. Keine 10 Minuten später hielten wir
fasziniert vor einer Werkstatt inne, wo zwei charmante Männer damit
beschäftigt waren, farbige Armreifen aus einer bunten Kunststoffmasse
herzustellen. Natürlich sind die Inder jederzeit daran interessiert,
etwas zu verkaufen – für die Frauen, die dennoch nicht zuschlagen
wollten, gab’s mit einem vielheißenden Augenzwinkern jedenfalls einen
handgefertigten Fingerring umsonst. Nette Geste! Im nächsten Viertel
entdeckten wir heute schließlich den Gewürzmarkt, schnupperten und
kosteten uns durch die farbigen Gewürzboxen voller Kreuzkümmel,
Kardamom, Zimt, Nelken, Ingwer, Mangopulver, gepresstem Zuckerrohr. Für
interessierte Touristen gibt’s auch schon mal יne Gratisführung durch
Indiens Gewürzküche – leider nicht den entsprechenden Kochkurs dazu.
Dafür gönnten wir uns nach Belieben die lokale Spezialität: Makhania
Lassi. Die cremigen Safran-Lassis (die’s nur hier in Jodhpur gibt) sind
so dick, dass man einen Löffel benutzen muss und schmeckten ähnlich wie
Quarkkuchenfüllung vor dem Backen. Haben die Mama’s früher nicht immer
erzählt, man bekäme vom Teignaschen Bauchschmerzen??? Dabei scheinen
Erik selbst drei randgefüllte Gläser von dem Zeug nichts auszumachen...
PS: Die Frage des Tages lautete heute: „Excuse me Sir, what happened to
your eye?“ Nachdem Eriks rechte Augenpartie nach einem gestrigen
Bienenstich ins offene Visir auf beträchtliche Größe angeschwollen ist,
könnte man meinen, er habe gerade als Boxer 12 Runden im Ring gestanden.
Die Inder sind nun mal extrem neugierig, aber das auf eine so direkte
Art, dass man es einfach lustig und sympatisch finden muss! Erik musste
immer wieder lachen, wenn Hanka ein Foto schoss. Dann standen hinter ihr
oft ein oder mehrere Männer und schauten (auf Zehenspitzen) über Ihre
Schulter, was es auf dem Display der Kamera zu sehen gab. Schade, dass
wir nur eine Kamera haben! Genauso lustig ist es, wenn Inder als Antwort
auf eine Frage so witzig ihren Kopf nach links und rechts schaukeln. Wir
denken dann jedesmal an Ken und Carol aus Brisbane und Carol‘s wirklich
authentischen Nachahmung dieser typisch indischen Kopfbewegung.
13. März 2005, Jodhpur – Udaipur
73.970 km, leider keine GPS-Daten
Nach einem ausgiebigen Frühstück über den Dächern der Stadt ging’s wie
gewöhnlich ans Packen. Langsam aber sicher füllten sich unsere Taschen
mit Souvenirs und die Frage lautete, wohin damit? Beim gestrigen Bummel
durch die abenteuerlichen Gassen ist Hanka mehr als einmal schwach
geworden. Aber hey - Gunni wird sich mit Sicherheit über die
rajasthanischen Kamellederschlappen freuen! Irgendwann hatte Hanka
unseren Krempel so umgeschichtet, dass die Krims-Krams-Tasche irgendwie
wieder in den Seitenkoffer hineinpasste. Eriks Gesichtausdruck dabei war
nicht zu beschreiben.
Über die Nebenstraßen ging’s weiter Richtung Süden. Wüste, Wüste und
heiße 38˚C sorgten für permanent trockene Kehlen. Ab Pali wurde es
richtig anstrengend. Offenbar waren wir auf einer LKW-Verbindungsroute
nach Ahmedabad gelandet und die Brummer zogen ohne Ankündigung bei jeder
Gelegenheit heraus, um sich gegenseitig im Schneckentempo zu überholen.
Sehnsüchtig hangelten wir uns von einem Laster zum anderen dem Abzweig
nach Sadri entgegen, anschließend wurde die Straße deutlich
verkehrsärmer.
Zufällig führte unsere heutige Route an einem der größten und
wichtigsten Jain-Tempel Indiens vorbei: Ranakpur. (Jainismus ist eine
ca. 2500 Jahre alte Religion die auf der Anschauung basiert, nur durch
Entbehrungungen und Kasteiungen eine absolut reine Seele und damit
Erlösung zu erlangen. Eigentlich darf man einen Jai-Tempel weder mit
Schuhen noch mit Lederartikeln am Körper betreten. Obwohl wir uns
innerlich darauf einstellten, unsere kompletten Hüllen fallen lassen zu
müssen, schien sich niemand im geringsten an unseren Motorradhosen zu
stören. Beeindruckt besichtigten wir den Haupttempel, kunstvoll
gefertigt und verziert aus Mamor. Obwohl die Anlage im Ganzen absolut
symmetrisch wirkt, liegen die Unterschiede im Detail. Von 1444 Säulen
gleicht keine der anderen. Mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht,
lockte uns einer der Aufpasser sogar in einen versteckten Winkel, wo
Szenen aus dem Kamasutra in eine der Marmorsäulen gemeiselt waren. Wir
grinsten anschließend nicht weniger...
Übrigens hatten wir heute zum ersten Mal ein gutes Gefühl, die Honda mit
voller Gepäckbeladung irgendwo stehen zu lassen und ruhigen Gewissens
Sightseeing zu machen – unsere wunderbare Abdeckplane macht’s möglich!
Wie von Zauberhand wird unser Motorrad von einer Sekunde auf die andere
unsichtbar; die Anschaffung hätten wir schon viel früher machen sollen!
Die restlichen 80 km bis Udaipur brachten unerwarteten Fahrspaß.
Serpentinenartig ging es plötzlich in die Berge, anschließend vorbei an
herrlichen Dörfern und grünen Getreidefeldern. Aus dem Augenwinkel
entdeckte Erik ein Ochsengespann beim „Wasserpumpen“. Flugs gewendet
beobachteten wir neugierig, wie die Ochsen im Kreis marschierend über
hölzerne Zahnräder ein Schöpfwerk antrieben und Wasser aus einem tiefen
Brunnen förderten. Unzählige Tongefäße, die hintereinander an einer
langen Seilkette befestigt waren, schöpften literweise frisches Wasser,
mit dem die Felder bewässert werden konnten. Erstaunlich, wie gut solch
eine mittelalterliche Konstruktion auch heute noch funktioniert!
Müde und erschöpft erreichten wir nach einem langen Tag mit vielen
Eindrücken Udaipur. Wir hatten zwar einige Unterkunftsempfehlungen in
der Tasche, aber diesmal keine GPS-Koordinaten, die uns komfortabel
durch die Gassen lotsten. Wir landeten irgendwie auch so im Hotel
Mahendra Prakash, wo wir uns ohne langes Überlegen in ein umwerfendes
Palastzimmer mit Fernseher, Klimaanlage und Telefon einmieteten.
Obendrein gab’s einen verlockenden Swimmingpool – was für ein Deal für
gerade mal 300 Rupies (weniger als 6 EUR)!!!
14.-15. März 2005, Udaipur
74.010 km, lleider
keine GPS-Daten
Wer hätte je gedacht, dass wir ausgerechnet in Indien einige der
schönsten Unterkünfte unserer Reise erleben dürfen! Wie im Märchen
wurden wir von den Sonnenstrahlen geweckt, die als rote und gelbe
Lichtpunkte, gebrochen von dem bunten Glassteinfenster, über unser Bett
wanderten. Udaipur soll die romantischste Stadt in ganz Indien sein. Mit
den verträumt verwinkelten Gassen und steilen Hängen, bestückt mit
kleinen Krämerläden, aber vor allem wegen der spektakulären Paläste und
reich verzierten Residenzen könnte dieses Kompliment zutreffen.
Eingebettet zwischen malerische Hügel um einen See, zieht die Altstadt
Scharen von Touristen an – wir gehören dazu.
Es gibt so viel zu sehen, dass selbst zwei Tage viel zu kurz bemessen
sind. Am spektakulärsten ist natürlich der Lake Palace, mit seiner
fantastischen Lage in einem riesigen See und Blick auf die Berge sowie
die weiß getünchte Altstadt und ihre Paläste. Normalerweise ist die als
Luxushotel umfunktionierte königliche Sommerresidenz wie ein Floß von
Wasser umgeben. Doch dieses Jahr ist es anders: von dem riesigen See ist
nichts weiter als eine kleine Pfütze übrig geblieben. Die Einheimischen
erzählen uns, dass der See schon seit 14 Jahren nicht mehr so trocken
war – andere meinen sich daran zu erinnern, es wäre 20 Jahre her.
Jedenfalls konnte man leicht einen Spaziergang zum See unternehmen, wo
die flachen Jettyboote des Lake Palace Hotels noch immer Gäste über die
Pfütze chauffierten. Leider darf man als gewöhnlicher Tourist den
Luxuspalast nicht von innen besichtigen. Eisern scheuchten die
Sicherheitskräfte streunende Hunde, Kühe und neugierige Touristen aus
der Reichweite der Gäste, für die man gerade eine Minisafari auf
Elefanten und Kamelen organisiert hatte. Mit einem Ledersack voll Wasser
wurde ein Diener vorgeschickt, der den staubigen Untergrund besprenkeln
sollte. Anschließend hievten sich unter reichlich Aufregung ungelenke
Bleichgesichter auf die geschmückten Tiere und possierten zum
Fotografieren, bevor sich der seltsame Zug langsam in Bewegung setzte.
Das Schauspiel war einerseits belustigend, andererseits vermittelte es
vor der Kulisse der Stadt, im Licht der untergehenden Sonne und bei
orientalischer Musik ein Gefühl wie in einem Zaubermärchen.
Nicht nur der Lake Palace, sondern auch der Monsunpalast und der Shiv
Niwas Palast diente als Drehort für den antiquierten James Bond Streifen
„Octopussy“. Natürlich ist dieser Film in Udaipur Kult geworden und
zahlreiche Roof-Top-Restaurants locken abends Kundschaft mit Blick auf
die beleuchtete Stadtkulisse und einer kostenlosen Filmvorführung. Das
Vergnügen ließen wir uns nicht entgehen und wahrlich hätte es keine
bessere Gelegenheit gegeben, um Roger Moore in authentischer Umgebung
007 spielen zu sehen. Es war einfach köstlich!
Udaipur ist obendrein für seine lange Tradition an Kunsthandwerk
berühmt. Von überall winken und rufen Verkäufer und Künstler, um die
Aufmerksamkeit der Touristen zu erobern. Zwei der schönsten Sprüche
waren: „Come and see – small shop but many things“ und „Don't think
about it too long, it’s not good for your brain...“. Wir lagen vor
Lachen fast flach. Aber hauptsächlich die vielen Miniaturmaler sind in
Udaipur bemerkenswert. Wehmütig dachte Hanka gleich an ihren Künstler in
Pushkar zurück, der es ihr gleich bei der ersten Begegnung angetan
hatte. Es braucht etwa 4 Tage, um ein Bild in etwaiger Größe einer
Briefmarke zu vollenden. Die feinen Pinsel werden aus dem Fell der
Streifenhörnchen gefertigt und sind fast so dünn wie ein einziges Haar.
Für wenig Geld kann man die faszinierend detaillierten Mini-Kunstwerke
erwerben – hartes Verhandlungsgeschick vorausgesetzt. Endlich konnten
wir Ken und Carol einen lang ersehnten Wunsch erfüllen: die
Miniuatur-Parade aus Elefant (für Glück), Pferd (für Kraft) und Kamel
(für Liebe) geht demnächst auf die Reise nach Australien. Hoffentlich
gefällt’s den beiden.
16. März 2005, Udaipur – Pushkar
74.277 km, N 26-29-23 / E 74-33-30
Wir ließen die trockenen, sanften Hügel um Udaipur hinter uns;
düsten nordostwärts durch die karge Wüstenlandschaft. Kilometer für
Kilometer ratterten die weißen Meilensteine an uns vorbei: 257 km bis
nach Ajmer. Wir kamen gut voran, zumindest anfangs. Ab Beawar
verdichtete sich der LKW-Verkehr zu einer quälend langsamen Rußschlange
und wir erhielten unfreiwilligerweise eine Lektion im indischen
Straßennahkampf. Busse und Laster überholten, sobald irgendwo eine Lücke
auszumachen war. Die kleineren Autos klebten sich dabei unerschrocken
hinter die großen, überholten parallel mit und warteten wie die
Raubtiere auf ihre Chance, zwei Laster gleichzeitig zur Strecke zu
bringen. Es ging zu wie beim russischen Roulette. Außenspiegel
schleiften bei vollem Tempo haarscharf aneinander vorbei,
herumstreunende Kühe provozierten obendrein halsbrecherische Ausweich-,
Brems- und Überholmanöver. Bei all den Kuh- und Pferdestärken war
eigentlich kein Platz für mehr uns. So einige Male wurden wir per Hupe
und Lichthupe jenseits des Markierungsstreifens verwiesen, wenn auf der
zweispurigen Straße plötzlich 3 Fahrzeuge im Gegenverkehr gleichzeitig
ein Überholmanöver starteten. Wir haben halt nur zwei Räder und müssen
den Großen Platz machen. Jene Aktionen sind für uns mittlerweile auch
nichts Neues mehr, allerdings haben wir noch nicht die innere
Gelassenheit gefunden, um derartige Adrenalinstöße zu unterdrücken.
Vielleicht stehen die Inder ja ständig im Adrenalinrausch???
Verkehrstechnisch sind sie jedenfalls ein verrücktes Völkchen. Heute
durften wir abgesehen von den Nahkampfszenen auch eine schildbürgerliche
Episode erleben: Bahnschranken. Die Bahnübergänge selbst scheinen in
Indien nahezu dem europäischen Standard zu entsprechen: Warnzeichen,
Schranken, rotes Warnsignal, selbst fiese Bremshuckel zur
Geschwindigkeitsregulierung kleben auf dem Asphalt. Was allerdings
komplett anders funktioniert, ist das Wartesystem. Die Inder wollen
nämlich alle in der ersten Reihe stehen und so drängelt sich ein
Fahrzeug neben das andere bis vor die Schranke. Wohlgemerkt findet das
gleiche Phänomen auf der gegenüberliegenden Seite statt, so dass das
Chaos auf den Schienen nach Öffnen der Schranken vorprogrammiert ist.
Offenbar gibt es im Verkehr ein zwanghaftes Streben, immer Erster sein
zu wollen.
Eins muss man den Indern allerdings lassen – wir sind noch nie in die
falsche Richtung geschickt worden! Im Gegensatz zu anderen Mentalitäten
hat man es hier echt drauf, halbwegs vernünftige Wegauskünfte zu
erteilen. Bisher erlebten wir weder die Scheu, einen Kumpel um Hilfe zu
fragen, geschweige denn uns nach einem falschen Abzweig auch tatsächlich
wieder zurückzuschicken. Ohne Auskunfts-Stopps hätten wir jedenfalls
wohl kaum den richtigen Weg durch Ajmer gefunden, um am Ende in Pushkar
zu landen. Zum zweiten Mal sollte das Pilgerörtchen in der Wüste unser
Ziel sein. Manchmal ist es richtig schön, wieder in eine vertraute
Umgebung zurückzukehren. Auf das reichhaltige Abendbuffet im „Om Shiva
Garden Restaurant“ hatten wir uns jedenfalls schon den ganzen Tag
gefreut!
17. März 2005, Pushkar
74.277 km, N 26-29-23 / E 74-33-30
In Pushkar lässt es sich immer wieder gut aushalten.
Erstaunlicherweise schienen uns die selbsternannten Priester und
Blumenverteiler an den Ghats diesmal auch anzusehen, dass wir
mittlerweile zum zweiten Mal in Pushkar waren und die Nummer mit der
Abzockerei bereits kannten. Anders als beim ersten Besuch ließen uns die
Leute absolut in Ruhe und uns unsere Sachen erledigen. Man sagt den
Indern eine ungeheuer gute Menschenkenntnis nach – kein Wunder – wer den
lieben langen Tag Zeit hat, Leute zu beobachten...
Während Erik seine Zeit der schwächelnden Batterie widmete und ein paar
Kleinigkeiten am Motorrad nachprüfte, brachte Hanka zwei lustige Stunden
in einem winzigen Schneidershop zu. Pushkar ist eine Einkaufsoase für
die vielen „Backpacker-Umgestülpten“, von denen die meisten mittlerweile
völlig im Indien-Look herumrennen. So ganz ist die Bezeichnung
Indien-Look allerdings nicht zutreffend, denn diese farbigen, leichten
Seiden-/Baumwollhosen, -röcke und -shirts in diesem ganz bestimmten
Schlabberlook trägt gewiss kein einziger Inder. Vor allem die Israelis
lieben den schlabbrigen Alternativstil, der zudem prima zu den wildesten
Schmuckkombinationen und Rastalocken passt. Hippiefeeling im 21.
Jahrhundert! Die Sachen werden auf alten „Trampel-Nähmaschinen“ (wegen
des Problems des ständigen Stromausfalls) größtenteils aus gebrauchten
Saris hergestellt und Pushkar ist genau der Ort, wo in jeder Nische eine
Nähmaschine rattert. Also nichts wie ran, dachte sich Hanka: wir
schleppten nämlich noch immer 8 Meter Baumwollstoff aus Bangkok mit uns
herum, aus dem endlich unser längst kreiertes und 10mal in Gedanken
überarbeitetes Schlafsackinlett entstehen soll.
Step by Step näherte der junge Kerl die Einzelteile zusammen und nutzte
dabei die Gelegenheit, Hanka in ein unverfängliches Gespräch über Sex
und Beziehungen nach westlichen Ansichten zu verwickeln. Natürlich kam
auch Hanka dabei auf ihre Kosten und amüsierte sich innerlich über die
verklemmte Naivität, mit der die Jugendlichen hier aufwachsen. Die
Medien tun ihr übriges, um den Leuten ein völlig verklärtes Bild von
Sexualität im Westen zu vermitteln! Kein Wunder, dass die jungen Männer
sich zum Teil ziemlich triebgesteuert verhalten und jedem Rock mit
aufgeklappter Kinnlade hinterher schauen, wenn Sex im eigenen Land ein
Tabuthema bis zur Ehe bleibt.
Als Hanka mit einem Grinsen im Gesicht und dem fertigen Schlafsack zum
Hotel zurückkehrte, empfing sie im Zimmer ein blonder Inder. Erik war
zwischenzeitlich beim Friseur, wo sie ihm den indischen Einheitsschnitt
verpasst hatten: ein linealgeschnittener, gerade Nacken mit schräg
abrasierten Seiten, oben und vorn dagegen war das Deckhaar kaum
abgeschnitten – das Ganze sah echt albern aus, doch Erik trägt’s mit
Humor.
18. März 2005, Pushkar – Jaipur
74.426 km, N 26-54-58 / E 75-48-13
Wie eine Gewehrsalve riss uns ein ungeheuerliches Donnern aus den
Betten. Was war das? Es dauerte einige Sekunden, bis wir darauf kamen:
die Affen waren los! Ob die schwarzgesichtigen Primatenbanden
Revierkämpfe austrugen oder einfach nur Spaß daran hatten, im
„Affenzahn“ polternd über die Wellblechdächer zu jagen, blieb uns ein
Rätsel. Jedenfalls schien heute etwas in der Luft zu liegen... Beim
Frühstücksbuffet beobachten wir eine wilde Meute Affen über die Stadt
turnen – einer davon war sogar dreist genug und schnappte sich fix eine
Banane von unserem Tisch, bevor wir uns versehen konnten. Das Schauspiel
war äußerst erheiternd. Selbst der frisch mit Blumengirlanden dekorierte
Markt blieb von den Biestern nicht verschont und die ersten Blütenketten
waren bereits am Morgen in Einzelteile zerpflückt. (Heute startet
übrigens das Pushkarma Festival – fragt sich also, wieviele Girlanden
wohl die kommenden 3 Tage überstehen. So viele Affen wie in Pushkar
haben wir noch nirgenwo gesehen.)
Ganz gemütlich und in Ruhe, machten wir uns auf den Weg nach Jaipur,
nachdem wir einen verzweifelten Israeli mit seiner kaputten Royal
Enfield zur nächsten Werkstatt gelotst hatten. Die antiquierten
Einzylinder-Motorräder made in India sind mittlerweile auch unter
Travellern ein beliebtes Fortbewegungsmittel, um durch Indien zu touren.
Unsere erste Anlaufstelle in Jaipur wurde natürlich – wie könnte es
anders sein - „Lassiwalla“! Hmmm, diese Lassis mit Kruste waren einfach
die besten!!! Die 140 km von Pushkar zu fahren, lohnten allein schon
deswegen.
Zum heutigen Abenteuer indischen Straßenverkehrs nur eine kurze
Anekdote: seit heute wissen wir nämlich, dass auch Mumien Moped fahren
können. Oder anders ausgedrückt: ein Turban lässt sich auch prima als
Gesichtsbedeckung verwenden (natürlich mit Augenschlitz). Das spart
einerseits Sonnencreme (hier legt man wohlbemerkt Wert auf möglichst
weiße Haut), aber schützt auch vor einer Rußmaske aus Abgaspartikeln.
Nebenbei ist der Wiedererkennungseffekt entsprechend banditenfreundlich,
dass man sich ruhig einige Verkehrswidrigkeiten leisten kann...
Vielleicht sollten wir uns auch einen Turban zulegen?
Wir leisten uns heute maleine kulturelle Abwechslung: den Besuch eines
indischen Kinos. Das „Raj Mandir“ in Jaipur soll eins der feudalsten im
Lande sein. Einen originalen Bollywood-Streifen sollte sich jeder
Indienbesucher mal reingezogen haben. Wie Recht der Lonely Planet damit
hat! „Bewafaa“ hieß der heutige Streifen. Obwohl wir lediglich englische
Wortfetzen aufschnappten, die Inder aus irgendeinem Grund gerne mal mit
der eigenen Sprache vermixen, war die Handlung ziemlich banal und
eindeutig zu verstehen. Wir amüsierten uns köstlich über die
übertriebenen Mimiken, die steifen Statisten, herzzerreißend kitschigen
Szenen und natürlich über das, was einen Bollywood ausmacht: Gesangs-
und Tanzeinlagen. Kinobesuche sind nicht nur für die Einheimischen ein
wahres gesellschaftliches Ereignis – sie mögen sich noch so darüber
wundern, weshalb „Westler“ für einen Film bezahlen und kein Wort
verstehen – nein, auch für uns war dieses Erlebnis ein kultureller
Hochgenuss!
Hier spielt die Musik
19. März 2005, Jaipur
74.426 km, N 26-54-58 / E 75-48-13
Der Tag verging wie im Fluge. Allein der Kauf von Zugtickets
entpuppte sich als aufwändiger Akt, den wir als Biker wohl unterschätzt
hatten. Um uns zwei Monstertage per Motorrad durch Indiens dicht
besiedelte Gangesebene zu ersparen, schien uns ein Schlafplatz im
Nachtzug eine gute Alternative, um von Agra nach Varanasi zu kommen. Für
viele ist Varanasi DAS WAHRE INDIEN und trotz des „kleinen“ Abstechers
von mehr als 600 km waren wir neugierig darauf, was die heilige Stadt am
Ganges an Eindrücken zu bieten hat.
Also schnurstracks zum Bahnhof, wo wir zumindest schon mal auf den
Trichter kamen, dass es einen separaten Schalter für Touristen und
Gehandikapte gab. Als nächstes fiel uns auf, dass die Leute vor uns alle
einen Zettel in der Hand hielten. So einen brauchten wir anscheinend
auch. Es war ein Formular, auf dem man ausführlichst seinen
Fahrtroutenwunsch angeben musste, inklusive Adress-, Alters- und
Geschlechtsangaben (fehlte eigentlich nur noch, dass man den väterlichen
Namen preisgeben sollte). Als wir dann endlich an der Reihe waren, ließ
uns der Bahnbeamte eiskalt mit der Auskunft abblitzten, dass der
Nachtzug ausgebucht sei. Punkt aus. Alternativverbindungen müssten wir
dann schon an einem anderen Schalter erfragen, denn er selbst wäre ja
nur für Buchungen zuständig. Wohl oder übel reihten wir uns also in die
längste Schlange der ganzen Wartehalle ein und quetschten die mundfaule
Dame am Computer nach allen möglichen Zugverbindungen nach Varanasi aus.
Wie wir in der Zwischenzeit von einigen anderen Touris in der
Warteschlange erfuhren, findet in der kommenden Woche das Holy Festival
statt, bei dem Varanasi als heiliger Ort ein ganz besonderer
Anziehungsmagnet sein wird. Vor allem Einheimische dürften zu diesem
Fest in ganz Indien unterwegs sein. Jedenfalls waren alle Züge
ausgebucht. Was nun? Binnen Sekunden mussten wir uns entscheiden, ob wir
vielleicht statt von Agra von Delhi aus fahren wollten. Am 25.3. gab es
noch Plätze, wenn auch die Rückfahrt am 29.3. nur auf Warteliste zu
buchen ging. Buchen mussten wir natürlich wieder am anderen Schalter,
der gerade für 20 Minuten vorübergehend geschlossen war. Wie gut, dass
wir normalerweise nicht darauf angewiesen sind, mit öffentlichen
Verkehrsmitteln zu fahren! Wie stehen das bloß die armen Backpacker
durch??? Eine halbe Stunde später hatten wir unser Hinfahrtticket von
Delhi in der Tasche, scheiterten aber beinahe an dem Versuch zu
verstehen, was mit dem auf Warteliste gebuchten Ticket passieren würde.
Lassen wir uns einfach mal überraschen, ob wir von Varanasi
zurückkommen...
Für die nächsten Stunden versackte Hanka in der „Schmuckmeile“ um die
Ecke, während Erik brav im Gästehaus blieb. Was soll man als Frau auch
dazu sagen, wenn der Ehemann jedes Glied eines glitzernden Armbands wie
das einer Motorradkette auf seine Leichtgängigkeit und Längung
untersucht??? Ein paar schöne Geschenke für Familie und Freunde daheim
sprangen dabei dennoch heraus. |