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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Das „wahre“ Indien

20. März 2005, Jaipur – Agra
74.712 km, N 27-10-03 / E 78-03-03 

Noch halb müde quälten wir uns um halb sieben aus den Federn. Was war das nur für ein Höllenlärm? Offenbar lief die Nachtparty gerade zum abschließenden Höhepunkt auf. Warum waren wir bloß nicht wieder im „Diggi’s Palace“ abgestiegen, ärgerten wir uns nach dieser schlaflosen Nacht! Das Evergreen zählte jedenfalls zu den Bettenburgen, wo es genug Klischees gab, um sich als „Indien-Hippie“ unter seinesgleichen heimisch zu fühlen. Angefangen von alternativen Schmuckverkäufern, Weltrettern und Weltverbesserern, Rasta-Haarigen und Flower-Power-Freaks rannten hier die interessantesten und durchgeknalltesten Leute herum. Manche lebten im Evergreen Guesthouse schon seit Monaten, hatten ihre Zimmer mittlerweile schon mit bunten Flickenteppichen und großblumigen Gardinen im Hippie-Style der 60er ausgestattet. Es stank auf jedem Gang nach einer anderen widerlichen Marke Räucherstächen – ein Studentenwohnheim erschien beinahe nüchtern und langweilig gegen das hier. Jedenfalls durften wir letzte Nacht als „Neuankömmlinge“ gleich eine Lektion lernen, wer hier die Musik machte.    

Natürlich kamen wir morgens nicht am „Lassiwalla“ vorbei – die leckeren Joghurtshakes mussten wir uns einfach noch einmal geben, bevor wir Jaipur hinter uns ließen. Auch die Amber Festung zog uns erneut in ihren Bann, zumal vor der herrlichen Kulisse gerade ein paar Elefanten im See badeten und ein Fakir für die Touristen eine taumelnde Schlange aus dem Korb tanzen ließ. 

Anschließend stürmten wir endlich auf den Highway 11, der uns nach Agra bringen sollte. Die Fahrerei lief besser als erwartet und entlang der Schatten spendenden Alleenstraße durch die ländliche Gegend gab es links und rechts genug zu sehen. (Für Erik allerdings zunehmend weniger, denn nach einem erneuten Bienenstich genau unter dem Auge schwoll die Wange und sein Augenlid zusehends an.) Da waren zunächst Kamelkarren unterwegs, die ziemlich abrupt an der Grenze von Rajasthan nach Uttar Pradesh von Ochsengespannen und Lasteseln abgelöst wurden. Hin und wieder trabte ein Kamel brav im wiegenden Schritt den Straßenrand entlang, während sein Führer auf dem Karren dahinter unbekümmert ein Nickerchen hielt. Man konnte nur immer wieder staunen, wieviel Kraft diese Tiere haben müssen. Angefangen von schweren Mamorblöcken, gigantischen Ladungen von Ziegelsteinen, sperrigen Laternenpfosten und massiven Holzstämmen karrten die Kamele so einige Zentner durch die Gegend. Die mit klimpernden Schmuck und farbigen Pommeln behangenen, hin- und herschwenkenden Riesen mit ihren großen Füßen (man stelle sich ungefähr 2,50 m Schulterhöhe vor) faszinierten uns einfach immer wieder aufs Neue. 

Leider gehört es zu Indiens widerlichen Seiten, dass überfahrene Tierkadaver einfach liegengelassen werden, egal ob es einen Hund, eine Kuh oder ein Kamel erwischt hat. Entweder werden die Überreste von den Hunden gefressen (die dabei wiederum überfahren werden) oder der Verkehr erledigt sein übriges und walzt sich so lange über die Kadaver, bis sie platt wie eine Briefmarke sind. An den in der Sonne vergammelnden, aufgeblähten, meilenweit stinkenden Tierkadavern schien sich jedenfalls niemand zu stören. Bei dem Gedanken an die unzähligen Fliegen ekelte einem! 

Kein Wunder, dass wir angesichts der lästigen Fliegen am Tisch unser Mittagessen nicht recht genießen konnten, obwohl die Thali-Spezialitäten absolut lecker waren – unsere erste Mahlzeit an einer dieser Rastplätze für Lasterfahrer. Mit Lederstreifen bespannte Eisenliegen vor einer schwarzgerußten Bretterküche dienten als Sitz-, Schlaf- und Essgelegenheit zugeich; ein quer gelegtes, von Essensresten versifftes Brett als Tisch, eine Blechdose als Trink- und Waschgefäß. Nebenbei konnte man ein wahres Exampel indischer Tischgewohnheiten studieren. Es wurde geschmatzt, gespuckt und gerotzt was das Zeug hielt. Nicht zu vergessen, dass die Inder ihre Mahlzeit mit den Fingern einnehmen – selbst für unsereins ist dieser Anblick noch immer ungewohnt und nicht zuletzt unhygienisch. Nichtsdestotrotz schmeckte es vorzüglich und das Publikum führte uns beherzt vor, dass man ordentlich Salz auf die Tomaten und eine gute Portion Zucker unter den Curd (Joghurt) geben sollte. Von letzterem brauchten wir reichlich, um die tränentreibende Schärfe auf unseren Zungen zu neutraisieren! 

Da es nahezu auf dem Weg lag, machten wir einen Abstecher nach Fatehpur Sikri. Die von einer Festungsmauer umgebene Geisterstadt war einst die Hauptstadt der Mughals (16. Jh.) und kann heute für stolze 260 Rupies besichtigt werden (6 USD ist wohlbemerkt viel in Indien). Viel sehenswerter dagegen soll die angeschlossene, rote Sandstein-Moschee Jama Masjid und das filigrane Mamormausoleum sein, beides gratis zu besuchen (eigentlich wundersam in Indien, denn normalerweise zahlen gerade Ausländer immer). Dafür wimmelte es vor, in und um die Moschee nur so von lästigen Schleppertypen, die einem nicht mehr von der Pelle rückten. Wieso dachten die Leute eigentlich immer wieder, dass Touristen Geld zu verschenken hätten?  Das konnte einem ganz schön auf die Nerven gehen! Immerhin waren wir froh über das ehrliche Angebot eines Mannes, unser Motorrad abseits der Schusslinie in einem Grundstück zu parken und nicht weniger erstaunt darüber, dass sich der Eigentümer ohne Diskussion mit 5 Rupies zufrieden gab. Also, es ging doch!

Die letzten 40 km vor dem Sonnenuntergang kosteten noch mal so richtig Anstrengung. Entlang der Straße wimmelte es nur so von Gemüsekarren, Ochsengespannen, Rikschas, Tanzbären und unberechenbaren Fußgängern – alles inmitten des rußschleudernen Verkehrs. Der erste Eindruck bestätigte bereits, dass die Beschreibung Agras als grässliche Stadt nicht untertrieben war. Die Stadt schien auf einer einzigen Müllkippe erbaut zu sein – wir hatten kaum anderswo so viele Fliegen herumschwirren sehen. Obwohl wir ja so einiges gewohnt sind, gibt es immer wieder Momente, die uns sprachlos machen. Heute beispielsweise wieder: Als Hanka an einer Bretterbude eine Flasche Wasser kaufte und mangels einer Abfalltonne mit der leeren Plastikflasche wieder vor dem Laden auftauchte, schaute sie der Verkäufer verständnislos an und gab ihr zu verstehen, dass sie die Flasche doch auf die Straße knallen soll. Juckt eh keinen. This is India...! 

Die Unterkunftssuche strapazierte unsere Nerven bis an die Grenzen. Leider funktionierte ausgerechnet in Agra unsere Indien-bewährte Methode nicht, blind den Richtungspfeilen der eingegeben GPS-Daten zu folgen und somit den Unterkunftstipp von Ralf und Caroline anzusteuern. Das Gerät führte uns stur in eine Gegend, in der es weder nach Zentrum aussah, geschweige denn irgendein Guesthouse auftauchte. Der Stadtplan im Lonely Planet brachte uns auch nicht wirklich weiter, denn wir hatten keine Ahnung, wo genau wir überhaupt waren und ob wir nicht noch in einem der Vororte Agras herumgeisterten. Einen Inder fragen...??? – das war garantiert die falsche Idee, denn die meisten wussten noch nicht mal, was ein Stadtplan überhaupt ist und starrten fasziniert auf unser Buch mit der komischen Zeichnung. Stellte man sich dann noch vor, was in den Köpfen der Inder vor sich ging, hätte man eigentlich schmunzeln müssen (nach dem Motto: was schauen die Ausländer dauernd in dieses geheimnisvolle Buch – und da soll drin stehen, wo man hin will???). Nach knapp zwei Stunden war uns allerdings selbst bei dieser skurrilen Vorstellung nicht mehr zum Schmunzeln zumute. Wir wollten eigentlich nur noch eine Dusche und ins Bett. Nachdem wir Agra offenbar komplett durchquert hatten und es bereits wieder ländlicher ausschaute, kehrten wir wütend um und fanden uns plötzlich wie durch ein Wunder vor dem Guesthouse „Sheela Inn“, das uns Greet und Jurgen damals in Bangkok empfohlen hatten. Es schaute alles sehr nett aus und wir jubelten bereits innerlich, aber leider Gottes war bis auf das letzte Bett alles belegt. Gerade wollten wir uns überlegen, unser Zelt evtl. in dem schön gepflegten Garten der Herberge auszubreiten, als der Besitzer unserer Enttäuschung gewahr wurde und die Chance sah, uns in seiner zweiten Herberge einzuquartieren. Es war ein richtiges Hotel und natürlich um einiges teurer. Skeptisch folgten wir dem Typ auf seinem klapprigen Moped und waren letztendlich zufrieden, einen halbwegs erschwinglichen Preis, einen „Parkplatz“ vor der Hintertür und ein nagelneu eingerichtetes Zimmer präsentiert zu bekommen. Aber wieso in aller Welt, durften wir all unsere Klamotten schweißgebadet bis in den 4. Stock schleppen? Das Haus stand halb leer und hatte nach wie vor das Flair einner just beendeten Baustelle! Wir waren an dem Punkt, wo uns alles egal war und wir keine Lust auf weiterführende Diskussionen verspürten. Wahrscheinlich wollte man uns einfach nur ein Zimmer geben, in dem es nicht so viele Mücken gab, redeten wir uns ein, denn von den Blutsaugern schwirrten reichlich überall herum!  

Nach dem Duschen fühlten wir uns schon besser. Manchmal hat man das Gefühl, am Ende eines Tages klebt der ganze Schmutz von Indiens Straßen an einem! Mit ordentlich Moskitospray eingenebelt sahen wir beim Abendbrot auf der Dachterasse des Hotels dann endlich Taj Mahal in der Abenddämmerung prunken. Obwohl Taj Mahal die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit Indiens ist, wird es nachts nicht beleuchted. Mystisch schwarz zeichneten sich die Silhouetten der Kuppeln und Minarette am Nachthimmel ab, während ein Stadtteil nach dem anderen wie auf der Eisenbahnplatte wegen Stromausfalls dunkel wurde. Vielleicht bliebe ja ganz Agra dunkel, würde man hier Scheinwerfer am Taj Mahal montieren...!!!  Stromversorgung ist halt so ein Problem in Indien...


21. März 2005, Agra

74.712 km, N 27-10-03 / E 78-03-03
 

Blauer Himmel – strahlender Sonnenschein – der Taj Mahal war unser! 750 Rupies Eintritt (ca. 18 USD) taten zwar echt weh; vor allem wenn man bedenkt, dass Inder den Bruchteil von 20 Rupies berappen müssen. Auf jeden zahlenden Ausländer kommen also 37 Inder! Sind Touristen eigentlich wandelnde Geldautomaten? Dabei „dürfen“ wir uns noch glücklich schätzen: vor wenigen Jahren lag der Preis noch bei happigen 960 Rupies, was dazu führte, dass immer mehr Touristen die Ticketcounter boykottierten und sich fleißig beschwerten – immerhin mit kleinem Erfolg, wie man sieht. 

Nun lässt sich über Geld hin und her streiten – wir waren schließlich extra nach Agra gefahren und wollten nun auch den Taj Mahal aus der Nähe sehen. Kein anderes Bauwerk in Indien ist auch nur annähernd so berühmt wie der Taj Mahal. Oder wer hat etwa noch keine Fotografien von dem faszinierend symmetrischen Mamorkunstwerk mit seinen vier Minaretten gesehen? 

Nach der Sicherheitskontrolle ging es durch ein gigantisches Tor aus rotem Sandstein, in das kunstvoll arabische Verszeichen aus dem Koran gearbeitet sind. Selbst dieses Bauwerk hatte seine Faszination, auch wenn man noch nichts von dem eigentlichen Mamorkunstwerk zu sehen bekam. Doch gerade, als wir auf das Portal zusteuerten, tauchte in dem schattigen Torbogen schließlich die strahlend weiße Silhouette von Taj Mal auf – ein Wahnsinnsanblick, der uns die Gänsehaut über den Rücken jagte! Wahnsinn, was für eine Ausstrahlung dieses Bauwerk hatte! Das musste man einfach gesehen haben! Offenbar hatten wir uns mit der neunten Stunde eine gute Besuchszeit ausgesucht. Während sich zum Sonnenauf- und Untergang die Massen um ein gutes Foto drängelten (empfiehlt ja auch jeder Reiseführer, obwohl die Abgasglocke über Agra kaum einen schönen Sonnenaufgang abgeben dürfte), war der erste Schwung um diese Uhrzeit bereits vorbei, bis gegen Mittag die Tagesausflügler aus Delhi eintrafen. Entlang der schönen Gärten konnte man dennoch ein stilles Plätzchen finden, wo man den Taj Mahal nahezu ungestört auf sich wirken lassen konnte.  

Eigentlich dachten wir immer, der Taj Mahal verkörpere eine Moschee – falsch geraten. Das kunstvolle Bauwerk ist schlicht und einfach ein Mausoleum, was Shah Mahal 1631 seiner verstorbenen Frau Mumtaz Mahal widmete. 20.000 Menschen sollen mit dem Bau des Meisterwerkes beschäftigt gewesen sein und wir hörten Geschichten, dass einigen der Spezialisten Finger oder gar Hände amputiert worden sind, damit die Perfektion des Taj Mahal mit seinen extravaganten Detailarbeiten aus Halbedelsteinen und Marmor einzigartig auf der Welt bliebe. Um die Anlage in Schuss zu halten, werden sage und schreibe 30 „Halbkreisingenieure“ zum Fegen, 50 „Buddelflinke“ zum Gärtnern, 30 „Laborratten“ (die sich um die Marmorfassaden kümmern und aufpassen, dass die Luftverschmutzung das Gestein nicht angreift) und 25 Ticketverkäufer beschäftigt. So viel indische Betriebsamkeit bewirkt schon einige Resultate: die saftig grünen, kurz geschoren Rasenflächen taten schon regelrecht in den Augen weh, zumal Agra selbst extrem schmutzig ist. Das einzig ekelige hier war die Handhabe, dass man den weißen Marmor nur ohne Schuhe betreten durfte, was nicht nur eine Ansammlung von stinkenden Schuhen bedeutete. Der Käsegeruch zog sich penetrant über die nassen Teppiche, die dazu dienen sollten, sich die Fußsohlen auf dem heißen Gestein nicht zu verbrennen. Wir legten abseits der Teppiche lieber einen Katzentanz hin bzw. versuchten irgendwie gedanklich zu verdrängen, dass der Fußpilz hier auf jedem Meter lauern dürfte.  

Ein Tag Agra reichte uns völlig. Ohne die Hauptattraktion Indiens würde sicherlich niemand freiwillig hierher kommen. Natürlich wussten das die Einheimischen und nutzen jede Gelegenheit, um die Touris abzuzocken. Als wir uns am späten Nachmittag Richtung Ausgang bewegten, um ein Lokal mit Dachterasse und Blick auf Taj Mahal für eine Stärkung zu finden, wurden wir ununterbrochen belegt: „Yes Sir, please come and look“, „Yes, one minute please“, „Rupies, Rupies“, „Where are you going, Sir?“ Die Typen trotzten jeglicher Ignoranz und waren überhaupt nicht abzuwimmeln. Einer dieser Hardcore-Schlepper trottete fast den ganzen Weg zu unserem Hotel neben uns her, ununterbrochen auf uns einredend. In Agra erlebten wir jedenfalls die aggressivsten Souvenirverkäufer und die penetrantesten Rikscha-Fahrer, die uns je untergekommen sind. Es konnte einem jede Lust vergehen, sich außerhalb des Hotels aufzuhalten, so dass wir abends wieder auf die Dachterasse unseres Hotels flüchteten, wo traurig und allein ein angeschlagener Affe hinter einem der Schornsteine kauerte. Der arme Kerl war schlecht beisammen und knubbelte wie ein kranker Patient an einer Banane, die ihm jemand aus der Küche zugeworfen hatte. Im Angesicht der Ruhe, die wir endlich spürten, freuten wir uns nach der schmutzigen Agra-Erfahrung schon regelrecht auf das quirlige Delhi. Taj Mahal war dennoch fantastisch!


22. März 2005, Agra – Delhi

74.971 km, N 28-38-30 / E 77-12-53

Der Yamuna River ist einer der drei heiligen Flüsse Indiens. Entsprechend trüb mit Öl- und Abwasserschleiern sah das Wasser aus. Der Fluss glich mehr oder weniger einer offenen Kloake, in der keine Lebensform mehr existieren dürfte. Dennoch wuschen und färbten unzählige Männer und Frauen entlang der Uferbänke. Waschen heißt in Indien, dass die Kleidungsstücke erst im Dreckwasser gewalkt und anschließend im hohen Bogen auf eine Holzrampe oder Steine geklatscht wrrden. Umgeben von Bergen aus Müll lagen die schönsten Teppichmuster aus bunt schillernden Saris zum Trocknen in der Sonne – was für eine sagenhafte Farbpalette! Uns verblüffte in Indien immer wieder, wie dicht beieinander Hässliches und Schönes, Lustiges und Trauriges, arm und reich existieren. Es ist ein Land der extremsten Gegensätze! 

Vom nördlichen Ufer des Flusses hat man einen freien Blick auf Taj Mahal und die Gelegenheit, das Bauwerk samt Motorrad zu fotografieren. In der Vergangenheit war das Nordufer aufgrund der hohen Eintrittspreise für viele Touristen sogar die Alternativ-Location, um Taj Mahal überhaupt zu sehen. Scheint so, als wären die Protestler mittlerweile in der Minderheit, denn außer uns lungerten lediglich ein paar Ziegen und Kinder dort herum. Nach den obligatorischen Fotos zerrten wir die Honda mit ziemlicher Anstrengung wieder aus der Sandbank des Flussufers und kehrten Taj Mahal endgültig den Rücken zu. 

Vierspurig ging’s anschließend Richtung Delhi, nachdem wir uns durch das wüste Durcheinander an den Ampelkreuzungen mit Stromausfall gekämpft hatten. Die Fahrerei lief ganz gut, bis wir in den Schmelztigel der Hauptstadt eintauchten. Zuerst knallte uns ein Auto beim U-Turn beinahe in die Seite. Den zweiten Adrenalinschub verursachte ein Fußgänger, der wie aus heiterem Himmel plötzlich vor unserem Vorderrad auftauchte. Uns ist ein Rätsel, wie er es bei dem Verkehr aus sechs Spuren LKW’s, Bussen, Rikschafahrern und Mopeds überhaupt bis zur Straßenmitte geschafft hatte, aber unbeirrt und ohne einen Blick auf den Verkehr lief er weiter, als wandele er soeben durch den Garten Eden... – diese Inder!!! Während Erik mit Hupkonzert die schwere Fuhre von einer Kreuzung zur nächsten ruderte, half Hanka kräftig dabei mit, die umliegenden Fahrzeuge nach indischer Art mit Winkzeichen und Zurufen zu verständigen, das wir auch noch im Verkehr mitschwimmen wollten. Irgendwann tauchte schließlich endlich das Indian Gate vor uns auf – von dort aus kannten wir den Weg und kamen wohlbehalten in Pahar Ganj an. So anstrengend hatten wir die Fahrerei durch Delhi bei weitem nicht in Erinnerung! 

Freudestrahlend begrüßte uns der Hotelbesitzer vom „Spot“, als wären wir alte Stammgäste. Allerdings gab es diesmal ein Problem. Unser alter Parkplatz um die Ecke (nichts weiter als ein abschließbarer Verschlag voller Gerümpel zwischen zwei Häuserreihen) stand uns nicht mehr zur Verfügung. Ins Parkhaus am Bahnhof wollten wir nicht. Also blieb uns wohl nichts anderes übrig, als die Honda abgedeckt auf der Straße stehen zu lassen. Ein gutes Gefühl hatten wir dabei nicht – zumal die widerlichen Tauben hier alles vollkackten. 

Für den Rest des Nachmittags verschwand Erik mit 38,5 Grad Fieber schwächelnd im Schlafsack. Schon seit dem Morgen war ihm unwohl – irgendwas musste er sich scheinendbar doch in Agra eingefangen haben. Ein Wunder, dass er die Fahrerei heute überhaupt gepackt hat.


23.-24. März 2005, Delhi

74.971 km, N 28-38-30 / E 77-12-53

Hanka wusste gar nicht, dass Ihr Erik so viel schlafen konnte... Das Fieber ging rauf und runter und weiter als zum Badezimmer und zurück ins Bett schien Erik sich nicht bewegen zu wollen. An solchen Tagen ist einem alles zu viel, selbst Fernsehen. Dennoch rappelte er sich abends tapfer von seinem Lager auf – es hatte sich Besuch aus Hamburg angekündigt und wir freuten uns schließlich seit einiger Zeit darauf, Eriks Nachfolger in seiner alten Firma kennenzulernen. Zufällig startete er gerade eine Indien-Rundreise in Delhi und hatte sich netterweise per E-Mail als „Kurier“ für unsere Wünsche aus der Heimat angeboten. Der dringlichste davon war ein neues Kettenritzel für die Honda.

Wir trafen Olaf am Main Bazar und verquatschten einen netten Abend. Es tat total gut, mal mit jemanden über gemeinsame Bekannte und den ganz normalen Arbeitsalltag zu quatschen, als immer nur über unsere Reise. Solche Stunden machen bewusst, wie sehr wir eigentlich die gemütlichen Abende mit unseren Freunden vermissen! Natürlich war es spannend, den neusten Klatsch und Tratsch aus dem Büro zu hören, aber Erik bekam auch das Gefühl, erst gestern gegangen zu sein. Plötzlich war alles wieder ganz nah! Zum Gag hatte uns Olaf zwei Flaschen Radeberger mitgebracht – als Geschenkpapier dienten die Gewährleistungs- und Aufzugslisten, die Erik nur allzu vertraut vorkamen. Wir waren echt gerührt! Vielen Dank auch für des Kettenritzel, das wir wirklich dringend brauchten. Olaf hatte sogar den kompletten Kettensatz mitgeschleppt, das werden wir ihm nie vergessen! Jedenfalls bewirkt eine Übersetzung von 15 statt 16 Zähnen auf die Kette regelrecht Wunder - vor allem im Stop and Go durch Indien. Erik freute sich schon jetzt auf das neue Fahrgefühl, auch wenn er immer noch fieberte. 

Auch wenn wir uns mittlerweile in Pahar Ganj und am Main Bazar sehr vertraut fühlten und uns das Zimmer im „Spot“ mit HBO Fernsehen wie eine Oase vom alltäglichen Wahnsinn da draußen vorkam, riss das Band an Entdeckungen nicht ab. Allein die indische Fernsehwerbung ist schon sehr speziell und besonders der Werbespot der Coca Cola Compay für eine indische Speziallimonade analog zu 7up ließ uns so lange mitsingen und swingen, bis wir endlich auch das indische Kopfschütteln drauf hatten. Manchmal war es regelrecht schade, dass wir keine Videokamera als Begleiter hatten. Natürlich bot auch Delhis Main Bazar nach wie vor jede Menge an Skurrilem, auch wenn Hanka mittlerweile fast jedes Geschäft und sogar einige Leute vom Sehen kannte. Nur an die stinkenden Pissoirs am Straßenrand, wo Männer einfach unter freiem Himmel gegen eine Fliesenwand mit Abflussrinne pinkeln konnten, wollte man sich einfach nicht gewöhnen. Und wohin gehen eigentlich die Frauen pinkeln?


25./26. März 2005, Delhi - Varanasi

74.971 km, N 25-20-20 / E 82-58-47

Per Nachtzug sollte es heute in die heiligste Stadt Indiens gehen, nach Varanasi. 600 km, die wir nicht per Motorrad zurücklegen müssen. Bunny half uns, die Honda für die kommenden 5 Tage in einer alten Fabrikhalle sicher unterzustellen. Wieder einmal ging es über einen Freund eines Freundes, aber wir waren sehr dankbar über Bunnys Angebot. Wie sich nämlich herausstellte, war es keine clevere Idee, unser Motorrad einfach abgedeckt auf der Straße stehen zu lassen. Irgendwie waren die Rikschas in der engen Gasse zwar an dem parkenden Verkehrshindernis vorbeigekommen und schenkten diesem auch keinerlei Beachtung, aber die ollen Tauben hatten die schöne, neue Plane in den vergangenen beiden Tagen nahezu flächendeckend vollgekotet. Eine ekelige Schweinerei, die Erik gelassen mit den Worten abtat: „Dafür ist es ja יne Abdeckplane“... Das Fieber hatte er jedenfalls überstanden und seinen alten Humor wieder. 

Zum Bahnhof zu kommen, wurde gar nicht so einfach. Seit dem Morgen waren die Straßenverkäufer fleißig dabei, knallbunte Farbpulver und Spritzpistolen zu verkaufen. Es erübrigt sich zu schildern, was die Leute damit vorhatten. Immer wieder klatschten die Wasser- und Farbbomben von den Dächern auf die Straße, wobei die bevorzugten Zielscheiben Fahrradrikschas und natürlich Touristen waren. Offenbar hatte der ganze Zauber mit dem Holi Festival zu tun, das ausgerechnet heute begann. Vorsichthalber zogen  wir unsere ältesten Klamotten an (wenn man dabei überhaupt von einer Auswahl sprechen konnte), doch mit dem Computer und der Kamera im Rucksack verspürten wir wenig Lust auf eine Farbdusche. Wie durch ein Wunder gelang es uns, den Spießrutenlauf durch den Main Bazar trocken zu überstehen und in aller Hektik nebenbei noch einen kleinen Reiseproviant einzukaufen. Am Bahnhof war der Spuk Gott sei Dank erstmal vorbei, doch einige der Fahrgäste sahen aus, als kämen sie gerade von einer Karnevalparade. 

Als erstes galt es, den richtigen Schlafwagen zu finden. So hilflos, wie wir gewirkt haben müssen, griff uns gleich jemand unter die Arme und führte uns vor eine lange Zetteltafel. Was war das denn? Die indische Bahn muss die Bürokratie erfunden haben! Bei dieser flatternden Zettelwirtschaft bedurfte es jedenfalls einiger Übung, um durch den Zahlendschungel zu steigen. Sämtliche Passagiere waren namentlich genannt und wir grinsten, als wir „Hanka“ und „Rik“ auf einem der angeschlagenen Wische wiederfanden. Jetzt wussten wir schon mal unsere Wagonnummer, die Sitzplatznummern fanden sich dagegen auf dem Ticket wieder. 

Mit einer knappen dreiviertel Stunde Verspätung setzte sich der Zug aus Delhi endlich in Bewegung und die letzten Fahrgäste sprangen noch auf (übrigens ein beliebter Stunt bei den Indern). Plötzlich kam Leben in die Bude, als ein dicker Wasserstrahl den langsam vorbeirollenden Zug voll erwischte und das eiskalte Nass durch die offenen Fenster spritzte. Happy Holi! Schnell legte sich die Aufregung wieder. Die offenen Abteile waren brechend voll. Leute saßen auf den Gängen oder hatten sich irgendwo mit auf die Sitzbank gequetscht, die eigentlich für 6 Leute pro Abteil vorgesehen war. Auch bei uns hatte sich ein „blinder Passagier“ eingeschlichen, der es auf Eriks Flip-Flops abgesehen hatte und die Nacht schnarchend auf dem blanken Fußboden verbrachte. Wann immer er für kurze Momente verschwand, verschwanden mit ihm auch Eriks Flip Flops und er bangte bereits darum, sie nie wieder zu sehen. Einen Ersatz in Gr. 45 aufzutreiben, dürfte in Indien eine Herausforderung werden. Jedenfalls blieb es nur beim „Ausborgen“, aber der Mann ahnte nicht, wie seltsam uns das anmutete. 

Morgens wurde man von dem würgenden Gerotze der Männer und dem Geschrei der Teejungen wach, die mit einer Blechkanne durch den Zug liefen: Cai, Cai, Cai. Erik hatte in der Nacht kaum ein Auge zugemacht und Hanka schlief zwar besser, war aber ständig in der Sorge um’s Gepäck. In indischen Zügen gibt es weder Gepäckfächer noch Mülleimer. Letzteres Probelm löst sich von selbst, denn bei jedem Stopp kamen arme Kinder durch den Zug und schnappten sich eifrig Plastikflaschen und Abfälle. 

Irgendwann am späten Morgen hielt der Zug mal wieder und es schienen alle Leute auszusteigen. Das musste ja dann Varanasi sein, oder? Kein Schild, keine Ansage, aber wir waren da. Natürlich rückten uns schnurstracks die ersten Rikschafhrer auf die Pelle: „Where you stay?“, „Need hotel?“, „Yes, Sir, Rikscha?“. Es war unmöglich, die Jungs abzuwimmeln, zumal wegen des Feiertags der Prepaid-Ticketschalter geschlossen hatte. Wir mussten wohl oder übel direkt mit den Geldgeiern verhandeln, die heute freie Tarifwahl hatten. In der Stadt schien die Hölle los zu sein. Man erzählte uns, dass wir binnen Kürze mit Farbe beschmiert sein würden, betrunkene Inder den Leuten die Klamotten vom Leibe rissen und deuteten dabei verheißungsvoll auf einen ziemlich verstört wirkenden Japaner mit Rucksack, der eben aus der Stadt ankam. Angesichts der farbverschmierten Rikschas und dem Gefühl, dass im Moment selbst die Geldgeier nicht scharf darauf war, in die Altstadt zu fahren, änderten wir spontan unsere Planung. Nach etlichen Diskussionen fand sich schließlich jemand, der uns für 20 Rupies in die Nähe des Surya Hotels bringen würde, etwa 2 km vom Bahnhof entfernt. Es durfte weit genug vom Zentrum entfernt sein, um das Ärgste vielleicht zu vermeiden. Schnell sackte er noch einen Kumpel mit ein und dann begannen die Typen erstmal eifrig darüber zu diskutieren, wie sie uns dennoch am besten über den Tisch ziehen konnten. Nach 100 m hielten sie wieder an und meinten, dass die Hotels in der Gegend für uns doch viel zu teuer seien. Das konnte doch nicht wahr sein! Wir ließen uns gar nicht erst auf die Diskussion ein, stiegen genervt aus und stoppten die nächste Autorikscha. Heute schienen wirklich nur die fiesesten Rikschfahrer im Dienst zu sein, denn wann immer Kinder und Jugendliche mit Farbbomben unterwegs waren, fuhr der Typ besonders langsam und deutete immer wieder nach hinten, damit auch jeder mitbekäme, dass er zwei „jungfräuliche“ Touristen an Bord hätte. Uns gelang es fast, ohne Farbangriffe zum Hotel Surya zu laufen, doch an einem kleinen Jungen kamen wir letztendlich nicht vorbei. Das Grinsen in seinem Gesicht war größer als der Respekt vor unserem Gepäck und schon spritzte uns die blaue Farbe aus einer Wasserflasche entgegen. Happy Holi! 

Das Hotel Surya sollte zumindest für eine Nacht unsere farbsichere Bleibe sein, auch wenn am Mittag im Garten unter den Angestellten ebenso eine Farb- und Schlammschlacht abging. Einige der Gäste wagten sogar das Risiko, die nächsten Wochen mit grünen oder blauen Haaren herumzulaufen und mischten kräftig mit. Für Hanka war es viel interessanter, dem Treiben aus sicherer Entfernung vom Balkon beizuwohnen, obwohl sie am Ende doch noch gerne mitgemacht hätte, wäre Erik nicht im selben Moment unter den Kissen verkrochen, um ein paar Stunden Schlaf nachzuholen.  

Hoffentlich sind morgen alle wieder nüchtern. Wir hatten uns unter dem Holi Festival (übrigens ein hinduistischer Feiertag) jedenfalls etwas ganz anderes vorgstellt. Statt der Mischung aus Neptunfest und Karneval mit anschließendem Massenbesäufnis sind uns bunte Ostereier doch lieber! Also, Happy Easter und Happy Birthday an den Osterhasen Gunnar!


27-28. März 2005, Varanasi

74.971 km, N 25-18-32 / E 83-00-44 

Als wir am nächsten Morgen per Autorikscha in die Altstadt kutschierten, bestätigte sich das Gefühl, gestern eine weise Entscheidung getroffen zu haben. Die Spuren des Holi Festivals waren nicht zu übersehen. In der Stadt muss die Hölle losgewesen sein! Ganze Häuserfassaden und Straßenzüge waren mit schreiend bunten Farbflatschen versehen und selbst Kühe und Hunde hatten manch schrille Farbbombe kassiert. Zerissene Kleidungsstücke lagen zwischen Bergen von Müll und niemand schien sich sonderlich an dem hinterlassenen Chaos zu stören. Ja, viele der Leute in der wuseligen Altstadt waren noch immer von oben bis unten mit Farbpulver beschmiert. Unter den Backpackern gab es zudem welche, die ihre versauten Klamotten bereits zum Kultsymbol erklärt hatten und wohl noch Jahre lang ihr individuelles Holi-T-Shirt zur Schau tragen und in den nächsten 6 Wochen auch keine Haare waschen werden. 

In den engen Gassen und entlang der weiten Ghats von Varanasi überrollte uns eine wahre Flut von Eindrücken, die sich kaum in Worte fassen lässt. Wir fühlten uns genauso neu und überwältigt von Indien wie bei unserer Ankunft in Delhi vor vier Wochen... Wie oft schon hatten wir von dieser Stadt gehört: Varanasi ist das WAHRE INDIEN! 

Die Stadt ist der heiligste Ort für gläubige Hindus, so dass man zahllosen Pilgern, den sogenannten Sadhus, begegnet. Die meisten findet man an den Ghats: betend, meditierend, schlafend, zeremonielle Waschungen und sonstige „Hygiene“ vollziehend, oder einfach nur Zeitung lesend. Wann immer sie gerade ansprechbar sind, tragen sie ein helles Lächeln im Gesicht und eine klimpernde Geldbüchse unterm Gewand. Mit langen Haaren, Rastazöpfen und rauschenden Bärten sowie ihren orange- oder weißfarbenen Gewändern, dem Pilgerstab und der heiligen Gesichtsbemalung wirken diese Typen wie Gestalten aus einer Mythenwelt. 

Aber auch ganz normale Hindus pilgern möglichst einmal im Leben nach Varanasi (sofern es die finanzielle Situation erlaubt). Für viele ist es außerdem der Ort, um zu sterben. Wer hier stirbt und am heiligen Verbrennungsort des Gottes Shiva eingeäschert wird, erlöst die Seele aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten. Es mag makaber klingen, aber an diesem Ghat warten tatsächlich viele Menschen geduldig auf ihren Tod, um anschließend verbrannt und damit erlöst zu werden... 

Wir hatten eigentlich erwartet, die Verbrennungsghats am Ganges als einen Ort des Grauens zu erleben. Stattdessen strahlten die Open-Air-Krematorien entlang des heiligen Flusses eine eigenartige Faszination aus. Man konnte soviel lernen, wenn man aufmerksam die Zeremonien beobachtete. Zunächst waren bei einer solchen nur Männer zugegen. Man erklärte uns später, dass Frauen zu emotional seien und es schon einige Zwischenfälle mit verwitweten Ehefrauen gegeben hätte, die sich auf den brennenden Haufen ihres Mannes warfen. Außerdem darf an diesem heiligen Ort keine Träne vergossen werden, damit die Seele des Toten vom Kreislauf der Wiedergeburten erlöst wird. 

Jeweils der Ehemann oder der älteste Sohn eines Verstorbenen wird an den Stufen des Ganges mit einem Rasiermesser bis auf eine winzige Strähne am Hinterkopf kahl geschoren, rasiert und in ein weißes Gewand gehüllt. Auf einer Bambustrage wird der in orange- und goldfarbene Tücher gehüllte Tote anschließend ans Flußufer getragen und mit dem heiligen Wasser des Ganges übergossen. Nach der heiligen Waschung bettet man den Körper auf einen massiven Holzstapel, nimmt die Blumengirlanden ab (diese werden später dem heiligen Fluss geopfert) und bedeckt den Toten mit weiteren Holzscheiten. Alle Angehörigen umkreisen dann genau fünf mal den Scheiterhaufen, wobei derjenige, der dem Verstorbenen am nächsten stand (im weißen Gewand) den Haufen mit einem brennenden Strohbündel entfacht, gezündet vom ewigen Feuer des Gottes Shiva. Sandelholz spielt bei der Einäscherung eine wichtige Rolle. Je nach Wohlstand wird das teure Holz als Wurzel oder in Pulverform unter das Feuer gemischt, um einerseits den Verbrennungsprozess zu beschleunigen und andererseits den Geruch des brennenden Fleisches zu überdecken. Nach spätestens 3 Stunden entnimmt man dem Scheiterhaufen die letzten menschlichen Überreste (bei Frauen ist das der Beckenknochen, bei Männern das Brustbein), welche anschließend in den Ganges geworfen werden. Danach ist es Zeit, die verbleibenden Holzscheite abzulöschen – auch eine Aufgabe des nächsten Angehörigen. Mit einem Tongefäß muss dieser zunächst fünf mal Wasser aus dem Ganges schöpfen und über der glühenden Holzkohle ausgießen, bevor man die restlichen Scheite endgültig löscht. Die Asche wird schließlich zusammengekehrt und landet ebenfalls im Ganges, wo sich einige Arbeiter des Krematoriums daran schicken, nach verbliebenen Goldzähnen und Schmuck zu fischen. Nachdem sich die Trauergemeinde später im Ganges gewaschen hat, ist die Zeremonie vollendet. Wohlbemerkt werden nicht alle Verstorbenen verbrannt: Kinder, Schwangere, Leprakranke, Opfer von Schlangenbissen und Sadhus werden mit Steinen beschwert in ein weißes Tuch gewickelt und anschließend von der Flussmitte aus ins Wasser geworfen. Zufällig sehen wir ein Boot, aus dem tatsächlich eine Leiche in den Ganges geschoben wird. 

Diese Schilderung mag sich nüchtern und emotionslos anhören, kann für den Beobachter mit fremden Kulturhintergrund allerdings sehr bewegende Eindrücke hinterlassen. Obwohl eine hinduistische Verbrennungszeremonie rein äußerlich nach einem ziemlich nüchternem Schema abläuft, begreift man, dass in dieser Religion der Tod eine ganz besondere Rolle einnimmt.  

Nun ist der Tod selbst in Indien nicht umsonst. 200 kg Holz werden pro Einäscherung benötigt. Holz ist in dieser Gegend rar und zwar so rar, dass man die massiven Stämme aus dem Regenwald 500 km durch Indien karrt, auf Boote verlädt und Stück um Stück entlang des Manikarnika Ghats zu riesigen Türmen aufstapelt, auf denen die Ziegen herumturnten. Je nach finanziellem Spielraum kostet eine Verbrennung an jenem heiligen Ort mindestens 10.000 Rupies (175 EUR) – viel Geld für einen Inder, das sich mancher über lange Zeit schwer ersparen muss. Verbrennungen werden am Manikarnika Ghat ohne Pause im 24-Stunden-Akkord durchgeführt; das können bis zu 200 Tote täglich sein. Uns erschreckte diese Zahl zunächst, andererseits ist nicht zu vergessen, dass Indien an zweiter Stelle der bevölkerungsreichsten Länder der Welt steht! 

Wie gut das Leben trotz Überbevölkerung auf wundersame Weise irgendwie funktioniert, könnte nirgendwo deutlicher werden als in Varanasi. Die Stadt ist sowas von dreckig, dass uns Agra im Nachhinein sauber vorkommt! Überall in den engen Gassen türmt sich der Siff und steht stinkendes Brackwasser, wo die Fliegen ein wahres Paradies vorfinden. Wir mögen uns nicht ausmalen, wie ekelig es sein muss, die wuselig vollen Gassen bei Regenwetter entlang zu waten... 

Natürlich gibt’s auch Kühe en gros – wir hätten nie geglaubt, wie zielsicher Kühe Treppen steigen können –, Affen, die jede Gelegenheit zum Stibitzen abpassen und den Dreck von den Dächern stieben und halb verhungerte Hunde (was fressen eigentlich Hunde in einem Land von Vegetariern). Etliche Tierkadaver treiben auch immer wieder den Ganges flussabwärts. Tiere dürfen nach hinduistischem Glauben nicht verbrannt werden, vielmehr überlässt man die Kadaver sich selbst, wie wir schon häufiger im Straßenverkehr erlebt haben. 

Dennoch ist Varanassi Indien pur. Hier findet irgendwie alles nebeneinander, miteinander, übereinander und vor allem gleichzeitig statt: Das Leben wie auch der Tod. Per Boot lässt sich dieses Phänomen vor allem in den frühen Morgenstunden am besten einfangen. Entlang der berühmten Ghats kann man die Menschen  beim Abhalten ihrer irdischen und geistigen Rituale beobachten: Menschen baden in heiliger Ehrfurcht und waschen sich von ihren Sünden frei, andere vollziehen Gebete, Yoga oder sind in Meditation versunken. Wieder andere waschen Wäsche oder putzen sich einfach nur die Zähne. Nebenan wird bereits die nächste Leiche auf einem der vielen Scheiterhaufen verbrannt. Ein riesiges Abflussrohr endet freizügig am Flussufer, verseucht das heilige Wasser mit ungefiltertem Ballast. Der Kadaver eines Wasserbüffels schwimmt vorbei; wieder ein Boot voller Holzstämme auf dem Weg zu einem der Verbrennungsghats. Boote voller Souvenire werben um Käufer. Der Ganges ist und bleibt das Zentrum für all jenes Geschehens, was uns absolut fasziniert aber auch ziemlich erschreckt. Über hygienische und ökologische Zustände darf man sich dabei jedenfalls keine Gedanken machen.


29./30. März 2005, Varanasi - Delhi

74.971 km, N 28-38-30 / E 77-12-53

Per Zug ging’s am Abend zurück nach Delhi. Es war kaum zu fassen, aber oh Wunder – unsere Tickets waren von der Warteliste bestätigt worden und wir fanden unsere Namen auf den Reservierungsaushängen wieder. Damals in Jaipur standen wir an 122. Stelle auf der Warteliste!!! In Indien ist alles, was eine Menschenanzahl betrifft, wirklich relativ. 

Da sich das Zugfahren mittlerweile vertrauter anfühlte als bei der Herfahrt, vergingen die Stunden bei sanftem Gerumpel und der üblichen Geräuschkulisse aus Schnarchen, wilden Diskussionen, Verkaufsangeboten und Fahrkartenkontrolle wie im Fluge. Selbst schlafen konnten wir entspannter, wobei Erik seine Flip Flops diesmal von Anfang an in den Rucksack einsperrte. 

Der quirlige Bahnhof von Delhi empfing uns am Morgen mit seinen Menschenmassen. Wir kannten uns mittlerweile bestens aus, wussten genau, was eine Mopedrikscha zum Hotel kosten durfte und checkten zielstrebig – nun schon zum dritten Male – in unsere angestammte Bleibe „The Spot“ ein. Wir waren dankbar dafür, unser restliches Gepäck unversehrt zurück zu bekommen und wieder in die vertrauten vier Wände einzuziehen. Hier hatte Indien für uns begonnen, hier hatten wir unsere ersten Eindrücke verarbeitet, sind dem Trubel entflohen, hier hütete Erik zwei Tage lang mit Fieber das Bett – hierher kamen wir mittlerweile schon zum dritten Mal zurück. Irgendwie fühlten wir uns fast ein bisschen heimisch. 

Während sich Erik mit Bunny verabredete, um die Honda aus der Fabrikhalle zu holen, machte sich Hanka über einen Stapel Wäsche her. Der Abschied von Bunny sollte uns wirklich schwerfallen. Er hatte so viel für uns getan, sich immer wieder Zeit genommen und träumte selbst davon, bald wieder einmal mit seinen Jungs eine Bikertour zu unternehmen. Um uns wenigstens ein bisschen für seine Hilfe erkenntlich zu zeigen, hatten wir ihm aus Varanasi eine Schachtel süßer Leckereien mitgebracht. Wie wir selbst bestätigen können, waren die kleinen Köstlichkeiten dort besonders lecker, ohne dass eine europäische Zunge gleich einen Zuckerschock bekam. Er versorgte uns noch mit Routentipps für den Norden, kramte selbst Fotos von seiner eigenen letzten Tour heraus – danach sagten wir einander mit einem kecken Augenzwinkern „Namaste“. 

Die Honda sprang sofort an, als hätte sie auf ein Wiedersehen nur gewartet. Was sind wir aber auch froh, ein eigenes und zuverlässiges Fortbewegungsmittel unser eigen nennen zu können. Fehlte nur noch ein voller Tank und das nächste Indien-Abenteuer konnte beginnen. Wider Erwarten stellte sich jedoch heraus, dass Sprit heute zur Mangelware werden sollte. Besorgt quälte sich Erik von einer Tankstelle zur nächsten durch den Verkehr – Fehlanzeige! Wie sich herausstellte, streikten die Tankstellen und die Zufahrten waren mit einer fetten Kette abgeriegelt. Da es keinen Mangel an Passanten gab, die man fragen konnte, schnappte Erik eine Wegbeschreibung zu einer Tankstelle auf, wo es tatsächlich noch Sprit geben sollte. Nieman wusste genau, wie lange die Streiks noch anhielten und wo überall gestreikt wurde. Man musste einfach vom schlimmsten ausgehen und zusehen, wo man schnellstmöglich noch Treibstoff herkriegen konnte. Das dachte sich natürlich auch eine viertel Million Inder. An der einzig geöffneten Tankstelle war ein Treiben und Drängeln, dass sogar schon die Polizei den Andrang regelte und die ärgsten Vordrängler schimpfend verwarnte. So gut es ging, kämpfte sich Erik mit den Massen durch die Massen, bis man ihn als Ausländer erkannte und völlig überraschend nach vorn winkte. Es war ein beruhigendes Gefühl, nach diesem schweißtreibenden Akt den Tank endlich voll zu wissen! 

Bevor wir unseren ganzen Krempel morgen wieder in Sack und Pack auf der Honda verstauen mussten, war es an der Zeit, mal wieder ein paar Dinge loszuwerden. Da waren die Kamellederschuhe für Hankas Bruder aus Jodhpur, ein besticktes Hemd und diverser Kleinkram, der zur Post gebracht werden musste. Post aufzugeben muss man sich in Indien allerdings ganz anders vorstellen: Man nimmt nämlich seinen ganzen Krempel einfach in einer Tüte in ein kleines Geschäft mit (von wegen Postamt), wo nichts als Kisten und Paketchen herumliegen. Anschließend muss man die Ware vor dem Ladenbesitzer ausbreiten, denn indische Neugier hat nicht nur etwas mit Zollbestimmungen oder so zu tun. Dann kommt das Maßband um den Hals zum Einsatz, ritsch, ratsch wird ein Stück Baumwollstoff von einer großen Rolle abgeschnitten, an der Seite mit einer ratternden Nähmaschine zusammengenäht und an den Enden mit einer gigantischen Nadel und einer Art Seemannsgarn in seltsamen Stichen zusammengenäht. Alle Nähte werden anschließend mit heißem Wachs mehrfach versiegelt, man kritzelt die Adresse mit einem Stift auf den Stoff, trägt sich in eine Liste ein, bekommt eine Nummer, die man gut aufheben soll und das war’s. Sofern das Paket ankommt, ist man gebeten, eine Postkarte zurück nach Indien zu schreiben, wo man mit der erhaltenen Nummer angibt, dass das Paket sein Ziel erreicht hat und die Nummer von der Liste gestrichen werden kann. Stolz blätterte der Typ ein paar Wochen zurück, um uns zu demonstrieren, dass das System offenbar funktionierte und dass er schon viele Pakete von der Liste gestrichen hatte. Dann sind wir ja mal gespannt! 

 

Hanka und Erik
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