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Hanka und Eriks "World on 2 Wheels" - Reisetagebuch
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Pakistan – Karakorum Highway

10. April 2005, Amritsar – Lahore
76.257 km, N 31-34-34 / E 74-19-58 

Kühe kann man richtig vermissen! Seit der Grenze waren Indiens heilige Tiere von den Straßen verschwunden; ebenso die allgegenwärtigen Fahrräder und Fahrradrikschas, an die wir uns mittlerweile irgendwie gewöhnt hatten. Dafür schwirrten umso mehr Autorikschas durch den aufgewirbelten Staub – alle mit einer blauen Zweitakter-Abgasfahne hinter sich. Eine fürchterliche Abgaswolke nach der anderen zog uns in die Visire. Die Luftverschmutzung war unglaublich! Man konnte sich regelrecht ausmalen, wie die „Wessis“ die Trabi-verstopfte Grenzöffnung zur Wende erlebt haben müssen. Damals schien es uns völlig übertrieben zu behaupten, dass Zweitakter stinken würden. Mit etwas Abstand betrachtet, konnten wir heute tatsächlich nachvollziehen, wie eine nicht daran gewohnte Nase diesen Geruch aufnahm. Man mochte es kaum glauben, aber in den überfüllten, quirligen Millionenstädten Indiens verkehrte man um einiges umweltfreundlicher. Immerhin wurden dort die Rikschas bereits auf Erdgasantrieb umgestellt. Selbst gesetzlich ist die Abgaskontrolle in Indien geregelt, wie wir ja mit unserer Honda ausgetestet hatten.  

An der Grenze machten die indischen Schreibtischathleten ihrem Ruf jedoch noch einmal alle Ehre. Wir wussten ja bereits, dass die Mühlen indischer Bürokratie langsam mahlten. Dank englischer Kolonialvergangenheit musste das Ganze seine pingelige Ordnung haben, auch wenn wir nach der gestrigen Schließungszeremonie diese Grenze nicht unbedingt mehr allzu ernst zu nehmen vermochten. Erik arbeitete jedenfalls einen richtigen Laufzettel ab: dieses und jenes Formular musste ausgefüllt und von diversen Leuten abgesegnet werden, ein dickes Buch nach dem anderen wurde aufgeschlagen und am Ende kamen wir nur knapp umhin, auch noch unser ganzes Gepäck abzuladen und den neugierigen Nasen des indischen Zolls vorzuführen. 

Auf pakistanischer Seite ging alles fix und unkompliziert. Euphorisch wurden wir von dem ersten Grenzbeamten auf Englisch begrüßt: „Pakistan is totally safe – after the immigration office you can go wherever you want. We have a beautiful country and good roads.“ Na, nach diesem Empfang brauchte sich ja keiner Sorgen zu machen. Wir waren gespannt, was uns alles erwartet in diesem Land. 

Obwohl Lahore als kulturelles und künstlerisches Zentrum von Pakistan gilt, blieb bei unserer ersten „Stadtrundfahrt“ auf der Suche nach einer Unterkunft nicht gerade dieser Eindruck hängen. Zu sehr hinterließ der fürchterliche Abgasnebel der Zweitakter einen grauen, tristen Schleier, der irgendwie auch auf die Menschen abfärbte - zumindest schien es einem so, kam man gerade aus dem farbenprächtigen Indien, wo jedes noch so chaotische Gewimmel dennoch immer durch seine bunten Farben faszinierte. Anders als in Indien, wo sich vor allem die Frauen in den schillerndsten Regenbogenfarben kleideten, bevorzugten die Menschen in Pakistan eher unscheinbare Farbkombinationen aus grau, schwarz, dunkelblau, beige und weiß. Wir konnten uns sofort ausmalen, wie groß der „Farbschock“ sein musste, reiste man in entgegengesetzte Richtung von Pakistan nach Indien ein… Aber eine kulturelle Überraschung blieb nicht aus, und wir freuten uns wie die Kinder, als ganz unerwartet ein seltsam vertraut anmutendes, gelbes Schild mit dem überdimensionalen Buchstaben „M“ auftauchte: Mc Donalds! Im Gegensatz zu dem Reinfall in Delhi, wo die vegetarischen Burger mit indischer Masala-Würzmischung einfach widerlich schmeckten, gab es in Lahore wieder die „echten“ Rindfleisch-Burger! Wir kehrten spontan zum Mittag ein und schossen sogar Fotos – das muss man sich einmal vorstellen, denn wir sind daheim eigentlich überhaupt keine Mc Donalds Fans! 

Mitten im stickigen Verkehrschaos des Molochs von 5 Millionen Menschen trafen wir in Lahore zufällig auf einen älteren Mann, der sieben Jahre in Freiburg gelebt hatte. In einwandfrei süddeutschem Dialekt erklärte er uns die Richtung zum YWCA; ja setzte prompt noch einen drauf und lieferte uns kurzerhand vor der gewünschten Adresse ab. Leider waren die beiden verschlafenen Jungs dort völlig mit unserem Übernachtungswunsch überfordert. Es schien geradezu, als hätte der Laden schon lange keine Gäste mehr gesehen. Obendrein schluckten wir bitter angesichts der 725 Rupies (12 USD), die man uns tatsächlich für ein nacktes, mit Gurten bespanntes, eisernes Bettgestell ohne Matratze abknöpfen wollte.Decken, Kissen oder überhaupt irgendwelche Bettwäsche schien es nicht zu geben.. Nachdem dies auch der einzige Schlafsaal zu sein schien und wir es gar nicht erst wagten, nach einem Badezimmer zu fragen, fiel uns die Entscheidung nicht schwer, nach einer anderen Bleibe zu suchen. Wir fühlten uns, als hätten wir die beiden Schlafmützen gerade von ihrem Lager vertrieben und machten ohne großes Gerede kehrt. Leider wirkten die nächsten Hotels, die wir abklapperten, genauso wenig einladend. Hoffentlich war das nicht der pakistanische Standard! Es erinnerte verdammt an Indonesien! 

Ganz anders als in Indonesien schienen jedoch die Leute. Die meisten reagierten ausgesprochen nett und freundlich auf uns. Touristen sahen wir nirgendwo, aber uneingefordertstellte sich sofort das Gefühl von Gastfreundschaft ein. Selbst Hanka wunderte sich über die Offenheit – sogar ihr gegenüber – in einem Land, wo eindeutig das männliche Geschlecht dominierte. Verglichen mit Indien war der Anteil an Frauen auf den Straßen natürlich verschwindend gering. Dennoch waren die wenigsten der Damen konservativ verschleiert, wie es Hanka eigentlich erwartet hätte. Das schwarze „Sackkleid“ aus Indien über der Hose zu tragen, fühlte sich zunächst nicht so verkehrt an. (Immerhin war es etwas aufregend Neues!) Für ein Kopftuch gab es hingegen noch keine Notwendigkeit, wie Hanka mit Erleichterung feststellte. 

Neues Land – neue Eindrücke! Mit neugierigen Augen und leeren Mägen schlenderten wir nach beendeter Zimmersuche (leider auch keine Bleibe zum Weiterempfehlen, aber es zählt der Parkplatz!) am Abend durch das umliegende Viertel. Zunächst ergatterten wir eine Tüte saftiger Orangen und ließen uns an den Straßenständen Honigmelonen schmecken. Wir begegneten den Leuten so offen und unbefangen wie sie uns. Gespannt warteten die Händler unsere Reaktionen ab, nachdem sie uns eine Spezialität namens „Bulki“(?) zum Kosten angeboten oder uns am Kautabak schnuppern lassen hatten. Ein Polizist meinte es besonders gut und verriet uns die lokalen Preise für gute Orangen (wir hatten gut gehandelt). Spätestens jetzt wurde uns bewusst, wie sehr wir in Indien eigentlich frisches Obst vermisst hatten! Nun konnten wir unser Verlangen nach frischen Vitaminen endlich wieder ausleben. Über diese Freude konnte man schon fast vergessen, dass zuvor in unserem „schieren“ Zimmer eine Kakalake aus dem uralt vergilbten Telefonhörer über unserem Nachttisch gekrochen kam. Selbst nach so vielen Monaten des Low-Budget-Reisens lösten diese Viecher noch immer Panikattacken bei Hanka aus.


11. April 2005, Lahore
76.257 km, N 31-34-34 / E 74-19-58 

Eigentlich bräuchte man Seiten, um die Ereignisse des heutigen Tages ausführlich zu beschreiben. Wie so oft waren es die kleinen Anekdoten, die uns in den Gassen der Altstadt von Lahore wiederfuhren, die wir sicher intensiver in Erinnerung behalten werden als das Sightseeing selbst. 

Auf dem Weg zur Stadtfestung mit der Badshahi Moschee riss sich Hanka zunächst ein riesiges Dreiangel in das neue „Sackkleid“. Der Stoff musste wohl irgendwo an der wackeligen Bank in der kleinen, trubeligen Lassi-Bude hängengeblieben sein. Schöne Bescherung – den Kittel hatten wir erst letzte Woche extra für Pakistan und Iran gekauft. Es war Hankas einziges Kleidungsstück, das einigermaßen der hiesigen Kleiderordnung für Frauen entsprach. Auf der Suche nach einem Schneider, sprach uns sofort ein netter Mann an (was uns übrigens in Pakistan ständig passieren sollte). Prompt schleppte er uns in ein kleines Nähgeschäft. Die drei Schneider dort wirkten zwar auf den ersten Blick kompetent genug, als könnten sie das Malheur beseitigen; dennoch schüttelten sie besorgniserregend mit den Köpfen. Nach einer Weile begriffen wir, dass das zerrissene Kleid nicht das wirkliche Problem war, sondern die Tatsache, dass Hanka es zum Nähen ausziehen musste. Oha, wir waren in Pakistan. Unser simples Anliegen war hier eine delikate Angelegenheit, die man allerdings schnell zu entschärfen verstand. Hanka wurde kurzerhand ins gegenüberliegende Wohnhaus zu drei Frauen geschickt, wo sie sich umziehen und warten sollte. Für die Mädchen schien es nichts Ungewöhnliches, für diesen Zweck einen ihrer Hidschabs auszuborgen. Dennoch wurde Hanka zum Umziehen bestimmt ins Badezimmer geschoben, obwohl ohnehin nur Frauen und ein kleiner Junge in dem Raum zugegen waren. Selbst ohne Kleid war Hanka ja nach wie vor passabel bekleidet mit T-Shirt und Hose. Das Ersatz-Gewand war zwar mehr als unbequem, viel zu eng und roch nach Schweiß (Wer ist nur auf die Idee gekommen, so etwas aus Polyester herzustellen?), aber es erfüllte vorübergehend seinen Zweck.

Kaum umgezogen, hatte Hanka eine Flasche Siam Cola in der Hand, ihr fein säuberlich ausgebessertes Kleid wieder und inzwischen einige Details über das Leben der Frauen mit Schleier erfahren. So konservativ, wie sich Hanka Pakistan vorgestellt hatte, schien es (zumindest in Lahore) nicht zuzugehen. Erik wurde unterdessen auf der Gasse in ein nicht minder interessantes Gespräch verwickelt – nämlich über Sex in der westlichen Gesellschaft! Unser neuer Freund kam ziemlich schnell zur Sache, erzählte unbefangen von seinem ersten Mal und interessierte sich brennend dafür, wieviele Frauen Erik schon vor der Ehe hatte, ob wir zwei verheiratet wären (wahrscheinlich mit der Frage gleichzustellen, ob wir Sex haben dürfen), usw. und so fort. Natürlich war ein wichtiges Thema, weshalb wir keine Kinder hätten und wieviele wir denn wollten. Die Schneider müssen dabei offenbar auch auf ihre Kosten gekommen sein, denn sie verweigerten strikt, für ihre Dienstleistung geschweige denn für die Cola Geld von uns anzunehmen. Es war eine nette Geste! Nach dem wir uns von unseren hilfsbereiten Freunden verabschiedet hatten, werteten wir anschließend natürlich aufgeregt unsere gegenseitigen Episoden aus, während wir weiter an toten Ziegenköpfen, Hühnerschlachtern und abgesägten Ziegenbeinen vorbeispazierten. Erst jetzt merkten wir, dass wir zufällig in der „Fleischgasse“ gelandet waren. Nachdem wir die vergangenen 6 Wochen in Indien vegetarisch gelebt hatten, konnte man nach diesem Anblick auch weiterhin freiwillig auf Fleischgerichte verzichten.

Am späten Vormittag landeten wir vor der gigantisch großen Badshahi Moschee aus rotem Sandstein. Aber wer will schon hören, dass das 350 Jahre alte Bauwerk eine der größten Moscheen der Welt ist, in deren Innenhof mehr als 60.000 Menschen Platz finden. Ganz so viele Leute waren heue nicht da, aber so wirklich spektakulär fanden wir die heiligen Hallen nun auch wieder nicht. Gegenüber im Fort verzichteten wir gleich auf eine Besichtigung, als wir das Schild mit den Eintrittsgebühren sahen: Erwachsene 10 Rupie, Ausländer 200!!!

Uns zog  es ehrlich gesagt ohnehin wieder zurück in die Altstadt mit ihren spannenden, interessanten Gassen. Dort gab es soviel zu sehen, z.B. wie Holztrommeln mit Ziegenhäuten bespannt, alt-exotische Instrumente repariert, Milchtee im hohen Bogen durch Siebe gegossen oder Wasserpfeifen gebaut wurden. Dem köstlichen Duft nach frisch gebackenem Chapati in der nächsten Gasse konnten wir nicht widerstehen. Mit Sesamkörnern und Joghurt war das herrliche Fladenbrot ein Hochgenuss, auch wenn wir uns über das Einpackpapier wunderten: herausgerissene Seiten aus einem New Yorker Telefonbuch...

Mitten im Gewühl der Altstadt fanden die herrlichsten Basare statt. Auf einem gab es farbenprächtige Stoffe, reich verzierte Gewänder, kunterbunte Schuhe und Schals zu kaufen. (Das mussten die Auslagen für besondere Anlässe sein, denn wir sahen in ganz Pakistan nicht eine Frau in solchen Stoffen oder Schuhen herumspazieren.) Gleich um die Ecke reihten sich kleine Geschäfte mit den verschiedensten Töpfen aneinander. Es folgten Schmuckläden mit ausladenden Vitrinen voller Gold. Schließlich schleppten wir uns absolut pflastermüde in einem kleinen Laden gegenüber der Wazir Khan Moschee und genossen je eine Schüssel Kheer (Reispudding) und Faluta (Vermicelli mit Eiscreme).

Anschließend landete Erik spontan auf dem Friseurstuhl eines Barbiers, dessen kleines Kabuff von oben bis unten mit holländischem Kaffeetütenpapier austapeziert war. Es gab nicht mal fließend Wasser, aber dafür jede Menge Publikum. Mit einer Hingabe machte sich der Meister an Eriks blonder Haarpracht zu schaffen, während man uns mit Cola, Eiscreme und Kartoffelchips bewirtete. Dass Hanka mit der Kamera einige Friseurszenen einfing, fand er absolut klasse; zumal die eben geschossenen Bilder immer wieder stolz jedem präsentiert werden mussten, der hereinspazierte – und das waren nicht gerade wenige. Die pakistanischen Männer schienen nicht weniger eitel als ihre indischen Nachbarn. Wir kicherten uns jedes Mal einen in den Bart, wenn wieder ein Typ in den Laden spazierte und sich ganz selbsverständlich vor der Spiegelwand postierte, sich einen Kamm schnappte um seine Frisur zu richten oder ganz ungeniert ein Pickel ausdrückte. Als es zum Thema Rasur kam, rollte der Barbier mit den Augen und zückte sein ganzes Sortiment an eingestaubten Fläschchen, Tuben und Tinkturen. Erik bekam nicht nur die gewünschte Rasur, sondern wurde mit Peeling, Lotion und Wässerchen verwöhnt, bis die Haut zart war wie ein Babypopo. Sogar die keinen Wangenhärchen wurden auf eine eigenwillig fingerfertige Methode mittels eines Bindfadens epiliert, den sich der Meister zwischen Zähne und Zeigefinger klemmte. Anfangs waren wir uns nicht so sicher, ob das Ganze zum Programm gehörte, aber nach über einer Stunde schwante uns, dass der Schönheits-Hokuspokus auch seinen Preis haben würde. Zumindest verstand es der Babier, Geschäfte zu machen und Erik hat die „Überholungskur“ mal gut getan. Mit einer tollen Fönfrisur ähnelte sein Spiegelbild jedenfalls irgendwie Arnold Schwarzenegger, stellten wir schmunzelnd fest. Vermutlich entsprach „Arni“ genau dem Bild, das der Barbier von einem blonden Westeuropäer hatte.

Obwohl schon ziemlich pflastermüde, wollten wir uns wenigstens eine der für Lahore berühmten Food Streets abends noch anschauen. Immerhin war Erik nun schon mal so chic zugerechtgemacht – da musste man einfach ausgehen. Mechanisch schleppten uns unsere müden Beine nach Gowal Mandi. Trotz dass vor manchen Restaurants lebende Ziegen oder Hühner angebunden waren, die nur auf den Kochtopf warteten, erlagen wir prompt dem Duft des Ziegenschaschliks und genehmigten uns entgegen der vegetarischen Vorsätze des Vormittages eine “kleine“ Kostprobe. Lahore soll für gutes Essen berühmt sein – daran bestanden nach diesem Festmahl keinerlei Zweifel mehr.

12. April 2005, Lahore - Islamabad
76.561 km, N 33-42-19 / E 73-05-17 

Mangels Alternativen entschieden wir uns kurzerhand für Orangen und frisches Sesam-Chapati mit Joghurt zum Frühstück. Das warme Fladenbrot schmeckte so lecker, dass man sich glatt daran gewöhnen konnte. Zumindest schlägt das ofenfrische Brot in Lahore Indiens z.T. trockene Fladen um Längen!

Was nach wie vor der Gewöhnung bedufte, war die Tatsache, dass morgens sämtliche Knöpfe und Hebel am Motorrad verstellt waren, sobald wir die Honda mal nicht unter der Plane verschwinden ließen. Trotz dass die Honda gut versteckt im Hausflur ihren Platz gefunden hatte, zeigte der Tageskilometerzähler prompt wieder Null an, die Gänge waren bis in den fünften hochgeschaltet, der Kettenöler auf Maximalstellung gedreht. Ganz zu schweigen von den Spiegeln, die in alle Himmelsrichtungen ragten. Da hatte wohl die ganze Hotelbelegschaft mal wieder Probe gesessen und anschließend die eigene Haarpracht gerichtet...

Motorräder dürfen leider nicht den Highway benutzen, also wurstelten wir uns wohl oder übel die GT-Road gen Norden. Eine Szene versetzte uns dabei einen Stich ins Herz: Wir sahen einen Esel vor einem Holzkarren gespannt, der meterhoch mit Lehmsteinen beladen war. Die Fuhre war dabei so schwer, dass es das arme Tier regelrecht aus den Angeln hob, hätten ein paar Männer nicht nachgeholfen und mit ihrem eigenen Gewicht das Gespann nach unten gedrückt! Das arme Vieh konnte einem nur leid tun! Wir wollten uns lieber nicht ausmalen, wie der Esel den Karren auch noch ziehen sollte – es musste die reinste Tierquälerei sein.

Mit einem Kloß im Hals ließen wir das quirlige Lahore hinter uns. Danach kamen wir auf der vierspurig ausgebauten Nebenstraße erstaunlich gut voran – ganz anders als im Nachbarland Indien, wo der Stundenkilometerschnitt oft nicht höher als bei 30 lag. Die meiste Zeit mussten wir mit geschlossenen Visieren fahren. Immer wieder fegte der Wind derartig den Staub auf, dass die ganze Landschaft braun und trüb wirkte, als tauchte man in ein altes, vergilbtes Foto ein. Es gab ohnehin nichts Bemerkenswertes entlang der Piste zu sehen. Die qualmenden Schornsteine verpesteten die Luft mit ihren ungefilterten, tiefschwarzen Rauchfahnen. Woimmer es Lehm gab, gab es eine Ziegelei – uns war dieses Bild schon aus Indien vertraut. Zwangsläufig dachten wir wieder an den armen Esel von heute morgen.

Kurz vor Rawalpindi tauchte plötzlich ein Polizeimotorrad mit Sirene neben uns auf. Die Aufmerksamkeit galt ganz offensichtlich uns – und instinktiv erwarteten wir Probleme. In den Sekunden bis wir angehalten hatten, fiel uns beiden nichts ein, was wir falsch gemacht haben konnten. Also musste der „Bulle“ auf Schmiergeld aus sein, so unsere Überlegung. Doch damit lagen wir völlig daneben. Freundlich schüttelte der Typ uns die Hände und legte ein breites Lächeln auf. Wir müssen wohl ziemlich verunsichert drein geschaut haben. Jedenfalls gab er uns schnell zu verstehen, dass wir keine Verkehrssünde begangen hätten. Lediglich das Motorrad interessierte ihn und wo wir herkamen. Auf den vergangenen Kilometern hatte sich schon die gesamte Verkehrspolizei per Funk über unser Gefährt gewundert, so dass er endlich die Initiative ergriff und uns stoppte. Schon etwas gelassener, ließen wir uns auf einen netten Plausch ein. Dabei erfuhren wir, dass Touristen in Pakistan besonderen Schutz genossen, denn der Staat wollte sich keinesfalls erlauben, dass irgend ein Ausländer zu Schaden kam. Man war sich bewusst, dass man von Pakistan ohnehin bereits ein völlig falsches Bild im Ausland zeichnete. Zum Schluss versicherte er uns noch ganz euphorisch, dass die pakistanische Polizei uns jederzeit helfen würde, wenn wir irgendwelche Fragen oder Probleme hätten. Am liebsten wollte er uns gleich ein Stück begleiteten, doch wir lehnten dankend ab. Das war wohl die netteste Verkehrskontrolle, die wir je erlebt hatten!

Bevor wir DEN LEGENDÄRSTEN OVERLANDER- CAMPINGPLATZ im Mittleren Osten erreichen sollten, durchlebten wir noch eine gewaltige Schrecksekunde. Kurz vor Islamabad sprang uns ohne Vorwarnung plötzlich ein kleiner Junge vor die Honda. Das Ganze sollte wohl so eine Art Mutprobe darstellen, denn er wurde dabei von einer Truppe etwa gleichaltriger Stepkes angefeuert. Für uns war der Streich alles andere als lustig. Es hätte nämlich nicht viel gefehlt und der waghalsige Bengel wäre uns unter die Räder gekommen. Wenigstens ging dieses Spiel noch einmal glimpflich aus.

Zielsicher führte uns das GPS anschließend zum Campingplatz in Islamabad, wo wir schon von weitem die ersten Overlander-Trucks stehen sahen. Offenbar hatte man uns also nicht zu viel versprochen, denn hier traf sich jeder, der auf der Route von und nach Indien unterwegs war. Das Gelände wurde von einem Wächter mit einem uralten Gewehr über der Schulter bewacht – an den Anblick musste man sich erst einmal gewöhnen. Dennoch fühlten wir uns gleich wie in einer großen Familie aufgenommen. Jeder der Overlander begegnete uns neugierig und aufgeschlossen. Natürlich hatte jeder seine eigene, spannende Reisestory zu erzählen, so dass wir nach unserer Ankunft Stunden dazu benötigten, nebenbei unser Zelt aufzubauen.

Witzigerweise entdeckten wir unter unseren Campingnachbarn auch ein bekanntes Gesicht: Mit dem Schweizer Thomas hatten wir schon in Delhi vor der Pakistan-Botschaft geplaudert. Heute lernten wir den Rest der Familie kennen: Christie, die vierjährige Anna und den zweijährige Alex – alle vier passten auch irgendwie in das dreiachsige „Amphibienfahrzeug“ namens „Pinzgauer“, das in Wirklichkeit nicht mehr als ein Geländefahrzeug der österreichischen Armee gewesen war. Vor anderthalb Jahren starteten die vier in Australien und waren nun auf dem Rückweg nach Europa. Alex war damals gerade erst ein Baby von 6 Monaten und lernte krabbeln und laufen auf Australiens Buschcampingplätzen. Echt super! Eriks Begeisterung galt jedoch mehr dem IFA L60, den zwei Holländer in ein luxuriöses Wohnmobil verwandelt hatten. Mal abgesehen davon, dass wir noch nie solch eine komfortable mobile Küche bestaunt hatten (alle Geräte waren flexibel eingebaut und auf Schwankungen angepasst wie auf einem Boot – der Holländer war Yachtbauer!!!), faszinierte auch das Äußere des Gefährtes. Der Clou an der der Sache war nämlich ein farblich passendes Motorrad (Honda XL 650), dass einfach so zwischen Fahrerzelle und Wohnaufsatz mitfuhr. Bei Bedarf konnte die Geländemaschine mit einem selbstgebauten Kranarm herabgelassen werden – keine schlechte Idee, wenn man bedachte, dass allein das Ersatzrad des LKW’s mit gut 200 Kilo auch nicht ganz einfach herunter zu hieven sein musste.

Der Campingplatz erwies sich allein schon deshalb als gute Adresse, weil beinahe sämtliche Leute hier das gleiche Problem teilten wie wir: die schwierige Beschaffung eines Iran-Visums. [Entgegen unserer Erwartungen waren gerade alle auf dem Rückweg nach Europa – wer hätte das gedacht. Schien so, als sei die nächste Truppe Overlander gen Indien noch nicht allzu weit gekommen.] Jedenfalls bekamen wir gleich brühwarm die neusten Informationen erzählt, wie ein solches am besten zu bekommen sei. Am aussichtsreichsten schien wohl der Weg über eine iranische Agentur im Internet (www.key2persia.com), die wohl für 35 USD Bearbeiungsgebühr pro Visa gute Chancen in Ausischt stellte, wenigstens 3 Wochen Aufenthalt genehmigt zu bekommen. Der offizielle Weg über die iranische Botschaft in Islamabad sollte dagegen ungeheuer zeit- und nervaufreibend sein. Am Ende passierte es dennoch vielen, mit einem 7-Tage-Transit-Visum abgespeist zu werden. Eigentlich würden wir am liebsten einen Monat im Iran verbringen. Wir werden also unser Glück versuchen, das Maximum an Tagen herauszuholen.

PS: Während wir friedlich in unseren eigenen vier Wänden lagen und dem Rauschen des Windes in den Bäumen lauschten, wurde uns bewusst, dass wir schon seit 8 Monaten nicht mehr gecampt hatten. Unser kleines Zuhause hatten wir schon richtig vermisst – was wiederum zeigte, dass das eigene Zelt zwar kein essentielles Reiseequipment ist, „but really nice to have“!
 

13. April 2005, Islamabad
76.561 km, N 33-42-19 / E 73-05-17

Trotz des leichten Schlafs, den man quasi unter freiem Himmel immer hat, fühlte sich die Nacht im Zelt fantastisch an. Jedoch nur so lange, bis uns morgens um fünf ein Muezzin nach dem anderen aus dem Schlaf riss. Der Campingplatz lag ausgerechnet in direkter Schallschneise dreier Moscheen. Man konnte meinen, die standen untereinander im Wettbewerb...

Das frühe Aufstehen hatte dennoch etwas für sich. Zwar war es hier ein Leichtes, den lieben langen Tag mit unseren Campingplatznachbarn zu verplaudern, aber es hatte sich mittlerweile auch wieder eine To-Do-Liste angesammelt: Wäsche musste gewaschen, Campingkocher, Zeltlampe und Hankas Uhrenglas repariert werden. Außerdem wollten wir den Antrag für unser Iran-Visum ins Rollen bringen und mit Sicherheit warteten schon einige Leute daheim auf ein Lebenszeichen von uns. Es war also notwendig, auch mal wieder ein paar Stunden im Internetcafe zu verbringen. Wie wir erfuhren, sollte es ein recht annehmbares gleich schräg über die Straße geben. Pakistans Internet-Cafes kamen uns nämlich sehr speziell vor: Erst durften wir in Lahore das wohl schmierigste unserer Reise kennenlernen. Man mochte dort kaum die Tastatur anfassen, nachdem unter dem dreckigen Holztisch eine leere Kondomverpackung hervorlukte... Die Computerstationen waren auch hier wie bereits in Lahore in kleine Kabuffs abgetrennt (teilweise sogar mit schweren Vorhängen). Diese Art von „Privatsphäre“ diente offensichtlich einem unverkennbaren Zweck. Denn auch hier passierte es uns, beim Tippen von www.worldon2wheels.de mit der automatischen Schreiberkennung gleich auf die Seite von „world....sex“ zu gelangen...


14. April 2005, Islamabad – Besham
76.838 km, N 34-55-45 / E 72-52-41 

Es wurde bereits 10 Uhr, als wir uns endlich von den anderen losrissen. Die beiden Oldenburger Rüdiger und Gisela hatten ihre Visa für den Iran von „key2persia“ bestätigt bekommen und mussten diese nur noch auf der Botschaft abholen. Also packte uns die Zuversicht, mit unseren Anträgen über die iranische Agentur eine richtige Entscheidung getroffen zu haben. Jetzt hieß es erstmal abwarten, ob auch wir in etwa 2 Wochen unsere Referenznummer in der Tasche hatten.

Bis dahin ließ sich die Zeit wunderbar nutzen, um einen lang ersehnten Traum zu verwirklichen: per Motorrad den Karakorum Highway hinauf zu fahren. Wie oft klang dieser legendäre Name schon in unseren Ohren! Ausnahmslos bei jeder Schilderung zu dieser wilden, unvergleichlichen Strecke entdeckten wir immer dieses gewisse Leuchten in den Augen der Erzähler. Der Karakorum Highway zählt zu den höchsten Straßen der Welt und zieht sich an über 8.000 m hohen Schneeriesen vorbei bis nach Kashgar in China. Drei gewaltige Gebirgsketten verschmelzen an diesem Fleckchen Erde miteinander: der Himalaya, der Hindukush und der Karakorum. „Die Straße der Freundschaft“, wie sie genannt wird, gilt als ein ultimatives Motorrad-Abenteuer.

In den letzten Monaten hatten wir uns mit unserer Zeitplanung schon fast von diesem Traum verabschiedet. Im April dürften die meisten Pässe auf dem Karakorum Highway wohl noch tief verschneit sein, aber mittlerweile gab es mehr als ein Fünkchen Hoffnung. Schon vor ein paar Wochen erhielten wir im Horizons Unlimited Forum grünes Licht von einem Holländer. Er war selbst im Januar den Karakorum Highway mit seinem Motorrad gefahren und schwärmte per E-Mail von 18˚C in Gilgit, während wir noch in Indien steckten. Offenbar wurde zumindest der Schnee auf der Hauptroute vom Militär geräumt – genauso wie die Erdrutsche, die immer wieder für Tage die Straße blockierten. Auch auf dem Campingplatz machte man uns Hoffnung, dass dieses Unterfangen kein Traum bleiben müsste. Lediglich hatte man derzeit von schweren Erdrutschen und der einen oder anderen Sperrung gehört, aber wir wollten selbst sehen.

Mit dem Tipp, über Taxila statt über Murree nordwärts zu fahren (spart einen halben Tag), hangelten wir uns über schlechte Straßen dem KKH entgegen. Hinter Manshera tauchten die ersten Schneeberge am Horizont auf – leider auch die Wolken, die uns schon in den frühen Morgenstunden beim Zelteinpacken mit Regengüssen geärgert hatten. (Da der Benzinkocher immer noch nicht richtig funktionierte, gab es ein stressiges Campingfrühstück mit verbranntem bzw. regennassen Toastbrot – aber das neu erstandene Glas Nutella riss mal wieder alles raus.)

Wir nutzten das einzige Wolkenloch weit und breit, um ein sonniges Lunch-Picknick einzulegen. Eine ausgedehnte Kurve, umsäumt von einer Handvoll Bäumen, schien uns hierfür der geeignete Platz. Doch kaum hatten wir unsere Gurke geschält und bissen genüsslich in das frische Fladenbrot, das wir als Reiseproviant gekauft hatten, gesellte sich bereits ein neugieriges Publikum zu uns. Aus sicherer Distand beobachteten uns kichernd beobachteten mindestens 20 neugierige Augenpaare.

Den Kurven eines Flusslaufes folgend, ging es weiter – vorbei an Terassenfeldern und abgelegenen Dörfern, die teilweise nur mit einer abenteuerlichen Seilbahn zu erreichen waren. Schon jetzt sah die Straße ganz schön mitgenommen aus: Steinschläge und Erdrutsche hatten Narben hinterlassen, die unser Sitzfleisch deutlich zu spüren bekam. Aber nicht nur Piste und Landschaft, sondern auch die Menschen hatten sich mittlerweile verändert. Man bekam so gut wie keine Frauen mehr zu Gesicht und wenn, dann gespenstig streng in schwarze Schleier eingehüllt, die selbst ihre Gesichter verbargen. Sogar kleine Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, waren züchtig verhüllt und wuchsen von Annbeginn in die Rolle der Frauen hinein. Nur mit etwas Glück erhaschte man einen kurzen Moment lang ein Kindergesicht unter der Parda hervorblitzen; vor allem dann, wenn die kleinen Damen aufgeregt mit wedelndem Gewand davonrannten. Wie konservativ die Gegend war, ließ auch das Schulprinzip erahnen. Während die Jungen heiter und munter mit Büchern oder Ranzen umherhopsten, sah man nicht ein einziges Mädchen mit diesen Schulutensilien. Wir wussten davon, dass vielerorts im Norden Pakistans den Mädchen die Schule verwehrt blieb. Den heranwachsenden Männern stand jedoch nicht nur die Schule offen, sondern sie durften (anders als die Mädchen) im Freien spielen und draußen umherlümmeln. Witzigerweise steckten auch die Jungs in haargenau denselben Gewändern wie die erwachsenen Männer, nur eben in miniatura. Es war schon recht auffällig, dass in den kleinen, quirligen Ortschaften überhaupt fast nur männliche Bewohner auszumachen waren. Ein ungewohntes Bild, das sehr traditionelle Wurzeln erahnen ließ.

Kurz vor Besham, unserem Tagesziel, kamen uns plötzlich zwei Motorräder mit Alukisten entgegen gefahren. Kaum, dass wir die Helme abgenommen hatten, hörten wir schon unsere Namen. Das gab’s doch gar nicht! Die Mexikaner! Seit Kambodscha waren wir per E-Mail im Kontakt miteinander; hatten uns in Delhi nur knapp verpasst und nun standen sie vor uns. „The Boys“, wie Cheryl and David die beiden Lebenskünstler aus Mexiko liebevoll getauft hatten. Die zwei ließen sogleich einige Stories vom Stapel, die uns an Ort und Stelle vor Lachen die Tränen in die Augen trieben. Mit uns freute sich das halbe Dorf, dass sich mittlerweile am Straßenrand neben den drei Hondas neugierig eingefunden hatte. Es war schon beinahe wieder lustig, wie der „Dorfhäuptling“ dabei hartnäckig versuchte, uns immer wieder in ein Gespräch über Religion zu verwickeln, an dem keiner von uns interessiert war. Es ist für die Leute nur schwer nachvollziehbar, dass sich für unsereins das Leben nicht um den Glauben dreht. Natürlich haben wir dennoch unsere Hausaufgaben gemacht und wussten entsprechend zu antworten.

Jesus und Tachi („The Boys“) brachten keine guten Nachrichten. Nach dem Erdrutsch letzte Woche, von dem man uns in Islamabad schon berichtete, war die Straße hinter Dassu seit drei Tagen erneut verschüttet. Momentan ist dies leider die einzige Verbindungsstraße in den Norden nach Gilgit. 4 m hohe Felsbrocken hatten den KKH im wahrsten Sinne des Wortes unter sich begraben. Des Wartens leid, waren die Mexikaner nun auf dem Rückweg nach Islamabad, um sich um ihre Visa für den Iran zu kümmern. Das leidige Thema Iran-Visum verfolgte hier anscheinend jeden Traveller.

In Besham erwartete uns dann die zweite Überraschung: Als wir auf dem Parkplatz des Hotels einbogen, stand dort ein grüner Laster, der uns verdammt vertraut vorkam. Prompt ging die Tür auf uns es gab eine große Wiedersehensfreude mit Stephanie, Matthias und der Hündin Paula. Die Miesbacher waren bis vorgestern noch unsere Campingnachbarn in Islamabad gewesen.


15. April 2005, Besham – Madyan
76.939 km, N 35-08-43 / E 72-32-10

Einer stürmischen Nacht folgte ein Morgen mit frühlingshaften Temperaturen und Sonnenschein. Wir waren erleichtert, dass uns die Böen nicht länger vom Motorrad zu fegen drohten und freuten uns über einen angenehm warmen Fahrtwind.

Beim gemeinsamen Frühstück mit Stephanie und Matthias erzählte uns einer der Angestellten, dass die Straße nach Gilgit wohl doch offen sei. So ganz wollten wir der Aussage jedoch nicht trauen, zumal noch immer eine ganze Zahl von Trucks wartend entlang des Flußbetts standen. Also fuhren wir schnurstracks ins Dorf zurück, um uns schlau zu machen. ‚Die Polizei müsste doch wissen, was Sache sei,’ dachten wir uns. Leider waren die Jungs gerade in eine Schlägerei verwickelt, die die Taxifahrer ausgelöst hatten. Eine Meute brüllender Männer mit wutverzerrten Gesichtern legte die gesamte Kreuzung lahm. Mussten die sich ausgrechnet hier und jetzt kloppen? Erik wagte sich schließlich vorsichtig an das Handgemenge heran, um immerhin von den Polizisten zu erfahren, dass wir die Taxifahrer fragen sollte. Nachdem wir den gut getarnten Taxistand endlich gefunden hatten (die meisten der Taxifahrer wollten offenbar die Schlägerei nicht verpassen), erfuhren wir, dass der KKH die nächsten 2-3 Tage noch immer etwa 220 km vor Gilgit gesperrt sei. Nun hatten wir zwar zwei verschiedene Auskünfte, aber alle Anzeichen sprachen dagegen, dass sich in Dassu schon etwas getan hatte.

Also zogen wir Plan B durch und starteten zum Shangla-Pass, der ins benachbarte Swat-Valley führt. Dort ließen sich die nächsten Tage sicherlich ganz gut verbringen. Der Ritt ging über eine Schlaglochpiste übelster Sorte. Obendrein stürzten überall wasserfallartige Rinnsale auf die Piste, die diese in eine schmierige Schlamm-Rutschbahn verwandelte. Mühsam quälten wir die Honda auf 2.134 m hinauf und rollten nach dem Checkpoint auf dem verschneiten Bergsattel in ein staubiges Tal hinab. Fette Wolken warteten dort schon auf uns. Während wir in Mingoara eine Mittagspause einlegten, öffnete der Himmel endgültig seine Schleußen über dem Swat-Valley. Schemenhaft blieben die schneebedeckten Berge hinter der langsam ziehenden Wolkendecke verborgen. Entsprechend langsam kamen auch wir nur noch voran; mussten wir uns immer wieder vor dem Regen unterstellen. Wannimmer wir uns unter einem Unterschlupf retteten, fand sich neugierig das halbe Dorf ein und bestaunte uns mit großen und kleinen Augen. Es dauerte nie lange, bis irgend jemand mit süßem Milchtee und Tassen aufkreuzte – eine total liebe Geste, wie wir fanden; zumal wir langsam nasse Füße hatten und die Regenkälte auf die Haut kroch. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass wir es heute nicht mehr nach Kalam schaffen würden. Die Leute sprachen sogar davon, dass in Kalam derzeit noch Schnee liegen würde. Prost Mahlzeit! Uns kamen die 18˚C jetzt schon reichlich kalt vor – waren wir morgens noch bei 26˚C gestartet.

Madyan schien uns in der Not ein einigermaßen netter Ort, um auf Quartiersuche zu gehen – schließlich gab es genügend Auswahl an kleineren Hotels. Erik managte sogar, ein Zimmer inklusive Heizstrahler zu kriegen. Das war Hankas Rettung, um wieder aufzutauen! Die Dusche sollte nämlich erst morgen wieder warmes Wasser geben. Uns schwante bereits, dass dieses Versprechen nicht einzulösen war, aber was soll’s. Vielmehr bekamen wir einen Stapel dicker Wolldecken, was zwangsläufig eine eisige Nacht befürchten ließ.

Einigermaßen warm in unsere Decken eingemummelt, kam uns der Abstecher angesichts des miesen Wetters plötzlich wie eine Schnapsidee vor, zumal uns der gleiche Rückweg noch bevorstand! Gerade mal 100 km brachten wir heute auf den Tacho. Dabei fühlten wir uns nach dieser Schlamm- und Polterfahrt fix und fertig. Hoffentlich wurde das Wetter morgen besser!


16. April 2005, Madyan – Ushu – Madyan
77.052 km, N 35-08-43 / E 72-32-10

Morgens klopfte der Nachwächter und brachte Hanka eine Blume aus der Hotelrabatte vorbei. Als einzige Gäste kam uns die volle Aufmerksamkeit der drei Angestellten zu, die sich uns gegenüber beinahe überschlugen. Das mit der versprochenen warmen Dusche kriegten sie allerdings nicht so ganz hin, so dass sich unsere Vermutung bestätigte. Wer weiß, was die für eine Maschine für uns als einzige Gäste anwerfen mussten, um warmes Wasser zu bekommen. Unsere Enttäuschung über die entgangene Dusche hielt sich daher in Grenzen.

Dem gestrigen Regen folgte eine eiskalte Nacht bei klarem Himmel. Dafür begrüßte uns anschliessend ein schöner, sonniger Morgen. So fackelten wir nicht lange, ließen unsere Sachen im Hotel stehen (denn den elektrischen Heizstrahler in unserem Zimmer hatten wir bereits so richtig lieb gewonnen) und schwangen uns gut gelaunt auf die Honda. Die letzten 45 km bis Kalam sollten uns einen Tagesausflug wert sein.

Wenn wir uns gestern schon auf einer fürchterlichen Schlaglochpiste wähnten, so erlebten wir heute die Krönung. Je mehr sich das Tal verengte, desto heftiger wurden die Straßenschäden. Steinschläge und Erdrutsche hatten kaum noch etwas vom Asphalt übrig gelassen. Obendrein erfreuten sich offenbar auch die Pakistaner der uns unverständlichen Vorliebe für „Topes“ (Bremsbuckel), die immer wieder unverhofft zwischen die Schlaglöchern quer über die Piste betoniert waren. Die Wirbelsäule ließ grüßen!

Plötzlich tauchte ein grüner Fleck vor den Schneebergen auf, der sich langsam vorwärts bewegte. Hey, das waren doch Matthias und Stephanie! Wir hatten schon befürchtet, die Miesbacher hätten mit ihrem Truck schon auf der gestrigen Holperpiste das Handtuch geworfen. Wie sich herausstellte, hatten die beiden jedoch ganz in unserer Nähe übernachtet.

Mit dem grünen Laster im Schlepptau gruben wir uns gemeinsam weiter Richtung Kalam. Die Straße wurde immer schlimmer. Ein halbes Dutzend Schnee- und Steinlawinen hatten meterhohe Schneewände im Tal hinterlassen, durch die sich mühsam die Piste schnitt. Es sah hier aus wie nach einem Angriff: Strommasten und selbst meterhohe Kiefern waren wie Streichhölzer abgeknickt und steckten überall in den Schneemassen. Tonnenschwere Steine drohten sich aus der langsam tauenden Schneeschicht zu lösen und wir wurden Zeuge, wie ein „kleinerer“ Felsbrocken etwa 100 m vor uns auf die Straße plumpste.

Als wir endlich Kalam erreichten, fanden wir einen verträumten Urlaubsort vor, in dem noch Winterschlaf herrschte. Es hatte in den vergangenen Wochen hier so viel geschneit, dass noch immer die letzten der riesigen Schneewehen in der Sonne vor sich dahinschmolzen. Einige der Hotels müssen regelrecht im Schnee versunken sein, wie die haushohen, tropfenden Schneehaufen erahnen ließen. Um diese Jahreszeit verirrten sich jedenfalls noch keine Gäste hierher. Der Ort könnte eigentlich ein Wintersportparadies abgeben.

Wir jagten die Honda noch ein letztes Stückchen den Hang hinauf nach Ushu. Der Name war uns irgendwie hängen geblieben und wir wurden mit atemberaubenden Aussichten auf die umliegenden Schneegipfel belohnt, während im Tale der Frühling alles zum Grünen und Blühen brachte. Unser Ausflug endete im Dorf, wo wir noch einmal unsere Augen über die 6.000 m hohen Schneewände schweifen ließen und vergnügt die Jungs beim heiß beliebten Cricket-Spielen auf der Straße beobachteten. Eigentlich liefen die Kinder immer schreiend vor uns weg, wannimmer wir stoppten um Fotos zu schießen, doch diese rotbackigen Kerlchen waren ganz wild darauf, uns zu umzingeln und anzufassen. Am Ende gaben sie uns sogar stolz eine Vorstellung ihrer Cricket-Spielkünste! Fortgefegt waren die gestrigen Zweifel, ob es nun eine gute Idee war, hierher zu kommen oder nicht.


17. April 2005, Madyan – Besham
77.147 km, N 34-55-45 / E 72-52-41 

Hanka war gerührt, als der alte Nachtwächter am Morgen gar mit einem ganzen Blumenstrauß aufkreuzte. Er sprach kein Wort Englisch, verstand aber jede Geste und strahlte mit seinem zahnlosen Lächeln eine derartige Wärme aus, dass man ihm am liebsten in den Arm genommen hätte. Mit seiner uralten Schrotflinte wirkte er ohnehin vielmehr wie eine liebe Märchenfigur als dass man ihn als Wachmann ernst nehmen konnte.

Den Blumenstrauß hinter die Windschutzscheibe geklemmt, machten wir uns bei traumhaftem Wetter auf den Rückweg nach Besham. Da die Blumen den Trip nicht überleben würden, beschloss Hanka, den Strauß der nächstbesten Frau zu schenken – vorausgesetzt, wir begegneten einer. Überraschenderweise kreuzte auch gleich eine junge Mutter des Weges mit einem etwa fünfjährigen Jungen an der Hand. Als dieser merkte, dass sich ein unbekanntes Wesen in Motorradkluft auf ihn zubewegte, fing er panisch an zu schreien und suchte nach einem sicheren Versteck. Zum Glück reagierte die Mutter keineswegs hysterisch und zog den Halbwüchsigen schmunzelnd unter ihrer Tschador wieder hervor, wo er sich ängstlich verkrochen hatte. Schüchtern und ohne ein Wort zu sagen, nahm die Frau den Blumenstrauß mit einem Ausdruck der Überraschung von Hanka an. Wir hofften ein bisschen, dass sie nicht mit unserem Nachtwächter verheiratet oder verschwägert war. Ein Missverständnis wäre uns peinlich gewesen.

Obwohl wir zwangsläufig denselben Weg zurück nach Besham nehmen mussten, genossen wir die Fahrt trotz der Rüttelei. Diesmal enthielt uns der Himmel den Blick auf die Berge nicht vor. Bei strahlendem Sonnenschein ließ sich die Piste sogar besser fahren als noch vor zwei Tagen – ob der Gewöhnung an die vielen Schlaglöcher wegen oder des wesentlich trockneren Untergrundes, sei dahingestellt. Beim zweiten Versuch erhielt man die Gelegenheit, aufmerksam auf jedes Detail zu achten, das auf dem Herweg unbeachtet blieb. Hier mal ein kleiner Exkurs:

Auffällig in Pakistan war natürlich nicht nur die Tatsache, dass man es fast ausschließlich nur mit Männern zu tun hatte. Interessanterweise praktizierten diese untereinander ein ganz spezielles Begrüßungszeremonial: Mit ausgestrecktem Arm wurden zunächst (wie bei uns) die Hände geschüttelt. Dabei umarmte man sich steif (immer noch Hände schüttelnd) und klopfte sich gegenseitig mit der linken Hand auf die Schultern. Desöfteren gehörte es hier zum Bild, dass man Männer auch Händchen haltend durch die Straßen gehen sah. Ansatzweise war uns dieses Verhalten schon in Indien aufgefallen, jedoch maßen wir dem damals noch keine weitere Bedeutung zu. Hier schien das ganz offenbar eine weit verbreitete Geste der Brüderschaft unter Männern zu sein. Da jeder Körperkontakt zum anderen Geschlecht in der Öffentlichkeit tabu ist, galt diese Art der Begrüßungen nur unter Männern. Hanka machte die Erfahrung, dass man sie nur sehr selten überhaupt mit einem Handschlag bedachte. Dieser war dann lediglich lasch und ohne Augenkontakt. Ganz klar, dass Erik alle öffentliche Aufmerksamkeit zuteil kam. Sprach uns jemand mit den üblichen Floskeln nach dem Woher und dem Wohin an, so wurde genauer gesagt Erik angesprochen. Dass man dann natürlich ausschließlich nur mit ihm das Gespräch führte, war für Hanka äußerst gewöhnungsbedürftig, zumal Erik nicht gerade ein gesprächiger Typ ist und Hanka normalerweise schnell mal das Drauflosplappern übernimmt. Mehr als einmal biss sie sich daher auf die Lippen, wenn wir von den Leuten (Männern) in Pakistan angesprochen wurden. Als Frau fühlte man sich schnell wie Luft behandelt; vor allem dann, wenn man im Beisein des eigenen Mannes von ihm wissen wollte, wie denn seine Frau hieße oder was sie arbeitete. Das mochte einem zunächst unhöflich erscheinen, beurteilte man dieses Verhalten mit unseren Maßstäben. Tatsächlich jedoch zeugte es nur von Respekt, den man einer fremden Frau gegenüber brachte. Hanka lernte auch diese Lektion, denn etwas Gutes brachte das Ganze ja auch: bis auf weiteres fiel nämlich Erik die leidige Aufgabe zu, die Unterkunftssuche zu übernehmen und Zimmerpreise zu verhandeln. Dafür durfte Hanka manchmal einen Blumenstrauß verschenken :-)

An dieser Stelle sollten auch endlich mal die pakistanischen Lastwagen erwähnt werden. Denn diese Brummis sind schon sehr speziell und daher der ganze Stolz seiner Besitzer: Fahrerkabine und Ladeaufsatz werden derartig kunstvoll geschnitzt, bunt bemalt und mit Glöckchen, Fransen, Kettchen, Kunstblümchen oder Bommeln behangen (oder alles gleichzeitig), dass jedes Gefährt ein einzigartiges Kunstwerk für sich ist. An Schönheit sind die pakistanischen Klimpergebimperbrummis wohl nicht zu schlagen – wir haben jedenfalls nirgendwo spektakulärere gesehen!

Dass die vorgestrige Straßenschlägerei in Besham nichts ungewöhnliches war, glaubten wir schnell nach dem nächsten Vorkommnis. Verwundert über den mörderischen Stau, der die ganze Hauptstraße durch Kwazakhela verstopfte, schlängelten wir uns langsam durch das Chaos – nur um zu sehen, dass wieder eine Prügelei der Auslöser des ganzen Schlamassels war. Wütend schrien sich die Männer an und gestikulierten aufgebracht durcheinander. Das Ganze war beängstigend und belustigend zugleich.

Zurück in Besham, freuten wir uns mit einem Anflug von „Heimkehrfreude“ auf unser altes Zimmer. Doch als wir den Schlüssel drehten, fanden wir einen der Angestellten quer auf dem (frischen) Bett ausgestreckt. Erschrocken sammelte er seine Knochen zusammen und wir bekamen ein anderes Zimmer. Es bleibt zu erwähnen, dass es endlich eine heiße Dusche gab und wir erneut über das Klopapier im Bad jubelten, das wie selbstverständlich auf der Toilette zu finden war. Schon längst hatten wir uns daran gewöhnt, nicht ohne die eigene Rolle Klopapier zu reisen!

Der Abend wurde regelrecht perfekt, als später noch der vertraute, grüne Truck auf dem Parkplatz eintrudelte: Wiedersehensfreude mit Matthias und Stephanie! Zur Krönung lud uns der junge Hotelbesitzer in sein Haus ein, wo wir ins Internet konnten. Juhu – es gab gute Nachrichten aus Iran. Unsere Anträge für die Iran-Visa samt fiktiver Routen- und Hotelplanung wurden für vollständig erklärt und lagen nun dem Ministerium vor. Jetzt ging hoffentlich nichts mehr schief.


18. April 2005, Besham – Chilas
77.357 km, N 35-25-52 / E 74-06-00

Der Holper-Ausflug ins Swat-Valley sollte uns nicht nur einen defekten Kettenöler kosten (ein Riss in der Leitung sorgte für staubtrockene Kettenglieder), sondern obendrein einen gebrochenen Kofferträger. Anstatt früh am Morgen aufzubrechen, musste Erik erstmal einen Schweißer finden. Zum Glück waren derartige Zwischenfälle in solchen Ländern wie Pakistan keine große Sache. Im Nu hatte er eine kleine Werkstatt gefunden, wo die Jungs alles stehen und liegen ließen, um zwei wunderschöne Schweißnähte zu setzen. Natürlich fand sich gleich eine ganze Schar an Zuschauern  ein, die sich begeistert für die Honda interessierten. Erik durfte am Ende nicht einmal das Portemonaie zücken – einer der Männer bestand darauf, die Rechnung zu übernehmen. Wir hätten nie erwartet, dass die Leute in Pakistan so gastfreundschaftlich sind!

Ziemlich freundlich kamen uns heute auch die Menschen entlang der Strecke vor. Im Gegensatz zu den Geschichten anderer Traveller, die von Kindern mit Steinen beworfen wurden und kein gutes Gefühl entlang des Karakorum Highways hatten. Begeistert winkte uns jung und alt zu (Frauen natürlich ausgenommen).

Dem Indus folgend schraubte sich der KKH entlang steiler Hänge, die von den Spuren zahlreicher Erdrutsche und Steinlawinen gezeichnet waren. Immer wieder tauchten hinter den Felswänden weiße Schneegipfel auf. Dazu gaben die frisch-grünen Bäume im Tal einen wunderschönen Kontrast ab.

Man konnte sich kaum vorstellen, wie der KKH gebaut worden war. Insgesamt 12 Jahre dauerte es (1966-1978), um ein kurviges Asphaltband zwischen die Hänge zu zaubern, das Pakistan mit China verband. Die Landschaft, die es dabei durchschnitt, war fantastisch. Unzählige Wasserfälle stürzten in die Tiefe, um sich mit dem Indus zu vereinen. Uns schien es, als hätten wir noch nie an einem Tag so viele Wasserfälle gesehen. Manche ergossen sich direkt über einen Felsvorsprung über die Fahrbahn und hinterließen den Eindruck, hinter einem Wasservorhang zu fahren. Wasser konnte so einige Steine ins Rollen bringen, vor allem bei solch steilen Hängen. Aber uns entging auch nicht, wie Ibex-Böcke ihren Teil zu kleinen Lawinen beitrugen, die immer wieder die Straße verschütteten. Mit Schneepflügen und Baggern muss die Bergpiste instand gehalten werden – ein schier aussichtlsoses Unterfangen.

30 km vor Dassu passierten wir den jüngsten Erdrutsch, der uns drei Tage aufgehalten und Tachi und Jesus zum Umkehren gezwungen hatte. Noch immer schaufelten die Arbeiter dort Steine weg, die erneut nachrutschten.

Schließlich öffnete sich das enge Tal in eine weite, karge Geröllebene. Endlich konnten wir  eine Stange Kilometer auf den Tacho bringen, so dass wir am späten Nachmittag die ersten Häuser von Chilas erreichten. Dahinter thronten 7.000 m hohe Schneegipfel und vermittelten ein bisschen ein Gefühl wie in Südamerika.

Der Gewohnheit halber hatten wir abends mit Stephanie und Matthias gerechnet, aber irgendwie kam und kam der grüne Laster heute nicht. Vielleicht standen sie irgendwo in der weiten Hocheben und grillten gerade frische Forellen, die die Kinder entlang der Straße verkauften. Mit Kühlschrank und Truck ließ es sich ja doch irgendwie anders reisen.


19. April 2005, Chilas – Sost
77.666 km, N 36-41-22 / E 74-49-14

Ein Monstertag liegt hinter uns, aber einerseits wollten wir das herrliche Wetter nutzen und andererseits mahnte ein Blick auf den Kalender langsam aber sicher zu Eile. In drei Monaten müssen wir schließlich zu Hause sein – welcher Teufel hat uns nur geritten, solch ein Versprechen abzugeben...

Schon kurz hinter Chilas begrüßte uns ein weißer Gigant in seiner vollen Pracht und Schönheit: der Nanga Parbat ist mit 8.126 m der neunthöchste Gipfel der Welt! Kaum vorstellbar, wenn man bei angenehmen 24˚ Celsius einfach so an einem Achttausender vorkurvt. Obendrein liegt die Baumgrenze hier wesentlich höher als in unseren Breiten, so dass man sich die tatsächliche Höhe kaum vorstellen kann. „Killer Mountain“ wird der Nanga Parbat auch genannt, denn hier hatten schon unzählige Expeditionen einen dramatischen Verlauf genommen. Unter anderem verlor auch Reinhold Messner an diesem Berg seinen Bruder.

Zwei Stunden später fuhren wir in Aliabad am ebenfalls wolkenfreien Rakaposhi (7.788 m) vorbei. Der Campingplatz direkt mit Blick auf den verschneiten Riesen schien uns verlockend, doch vielleicht bleiben wir hier auf dem Rückweg. Für heute sollte es noch ein Stück weiter den Karakorum Highway hinauf gehen, so dass wir vielleicht schon morgen den Khunjerab Pass, das Tor zu China, erreichen würden.

Nach einer netten Einladung zu Chai und Schwarz-Weißgebäck (hmmm, das übrigens ganz an das von Omi erinnerte), ließen wir die Rakaposhi Range hinter uns. Seit Aliabad sahen wir erstmals auch wieder häufiger Frauen, erstaunlicherweise kaum verschleiert. Noch mehr wunderten wir uns über die vielen Schulmädchen, die mit ihren Büchern entlang der Straße spazierten. Wir erfuhren, dass die Schulquote hier im starken Gegensatz zum restlichen Pakistan bei 95% liegen sollte.

Langsam aber sicher wurde die Luft immer kälter. Die blühenden Aprikosenbäume des Hunza-Valleys wurden von dürren Pappeln abgelöst, deren Knospen nach wie vor auf wärmende Sonnenstrahlen warteten. Obwohl der Frühling unten im Tale bereits Einzug gehalten hatte, schien er in der kargen Steinwüste noch in weiter Ferne. Wir zogen die Kragen höher, als wir die ersten Spitzen des Passu-Gebirges entdeckten. Mit ihren spitzen Zipfelmützen wirkten die Berge wie die Dolomiten – zumindest was wir so von Bildern kannten. In der gleisenden Abendsonne tauchte schließlich der Passu-Gletscher neben seinem mehr als 7.500 m hohen „Bruder“ und Namensgeber „Passu-Gipfel“ auf. Wir hatten übrigens gelesen, dass fünf der 14 weltweiten Achttausender in Pakistan thronen. 29 Gipfel in Pakistan erreichen immerhin mehr als 7.500 m und 108 kommen auf mehr als 7.000 m Höhe. Von den kleineren Giganten zwischen 4.000 m und 7.000 m gibt es so viele, dass sie nicht mehr namentlich erwähnt werden... (Im Vergleich dazu die Zugspitze: läppige 2.962 m.)

Wir übernachten auf 2.801 m in Sost, dem letzten nennenswerten Ot vor der chinesischen Grenze. In dem eiskalten Nest war der Hund begraben und wir hatten Mühe, überhaupt eine Unterkunft zu finden, die um diese Jahreszeit schon geöffnet war. Überall wirkten die kleinen Läden und Häuser noch verriegelt und verrammelt – vor zwei Tagen hatte es hier oben noch bitter geschneit. Wir fühlten uns dermaßen fix und fertig, dass wir kaum über das schiere Zimmer maulen können. Die dreckige Bude stank nach abgestandenem Zigarettenqualm. Gleich als erstes warfen wir die müffelnden Decken in die Ecke – die  Bettbezüge waren sogar noch von der letzten Saison aufgezogen. Natürlich gab es kein fließend Wasser, aber einen funktionierenden Heizstrahler (welch Wunder) und einen Eimer Schmelzwasser mit יnem Tauchsieder, der wohl die heiße Dusche ersetzen sollte. Uns schossen so lustige Gedanken durch den Kopf, wie: „wenn uns jetzt unsere Eltern sehen könnten“. Eigentlich war klar, dass wir hier keinesfalls noch eine zweite Nacht blieben. So wie es aussah, konnten wir ohnehin den Khunjerab-Pass vergessen. Die Straße zum Pass war 40 km nach Sost von einer Schneelawine verschüttet; vier bis fünf weitere waren weiter nördlich noch zu räumen. Obwohl man angeblich auch von chinesischer Seite daran arbeitete, dürfte es noch mindestens 4 oder 5 Tage dauern, bis die Straße wieder einigermaßen passierbar wäre. Keine guten Neuigkeiten! Wenn doch nur das pakistanische Informationssystem ein bisschen besser funktionieren würde! In Aliabad sagte man uns heute noch, dass der Pass natürlich frei sei.

Verdriest schlürften wir den wärmenden Chai hinunter, während sich nach und nach ein dutzend chinesischer Truckfahrer in die einzige Straßenküche gesellte, die schon offen hatte. Es gab nur Chapati und Dhal – der Wirt erzählte uns, dass es in ganz Sost nicht eine Zwiebel mehr gäbe, ganz abgesehen von Obst oder gar Benzin... Das Wunderwort, was wir immer wieder hören, hieß „1. Mai“ – angeblich sollte dann die Grenze garantiert offen sein und auch die „Touristen“ kommen. Wir glaubten’s gern.


20. April 2005, Sost – Gilgit
77.861 km, N 35-55-22 / E 74-18-51

Auch am frühen Morgen gab es keine besseren Neuigkeiten. Die chinesischen Truckfahrer fanden sich gemütlich einer nach dem anderen wieder zum dürftigen Frühstück in der Straßenküche ein und schienen nicht in Eile – der Khunjerab-Pass blieb wohl auch heute dicht. Schade, wir sollten wohl nicht zu der Elite gehören, die den Kharakorum-Highway mit dem eigenen Fahrzeug bis zum letzten Kilometer an die Grenze fuhren – ein Stück der alten Seidenstraße nach China. Keine Fotos von einem der höchstgelegenen Grenzübergänge, aber hey – wir hatten doch niemandem etwas zu beweisen! Die Honda war vermutlich ganz froh, dass ihr der Kletterakt bis auf 4.733 m erspart blieb. Uns war noch gut in Erinnerung, wie unser Maschinchen am La Cumbre Pass (Bolivien) auf 4.725 m hustete, qualmte und spuckte.

Bei herrlichem Wetter machten wir uns auf den Rückweg; fotografierten noch einen netten Alten, der mit seinen beiden wuscheligen Yak-Rindern wie im Film durch die Landschaft zog, und ehe wir uns versahen, baute sich die „Dolomitenwand“ des Passu-Gebirges erneut vor uns auf. 100 km weiter klebten fette Wolken am Fuße des Rakaposhis. Was hatten wir doch für ein Glück mit dem Wetter! Jetzt wurde uns bewusst, dass wir Glückskinder gestern auf der langen Fahrt sämtliche Gipfel in voller Pracht und ohne Wolkenvorhang präsentiert bekommen hatten! Das war in diesen Höhen nicht selbstverständlich.

Das mittlerweile trübe Wetter ließ uns schnell und ohne Zwischenstopps voran kommen. Es ging ja ohnehin nur noch bergab und alle Fotos waren eh im Kasten. Schnell landeten wir in Gilgit, wo wir ein klasse Guesthouse fanden – die erste wahre Backpacker-Absteige in Pakistan mit gemütlichen Sitzecken, Wäscheplatz, Garten und Spaghettis auf der Speisekarte.

Nach Gilgit reinzufahren, hinterließ jedoch ein mulmiges Gefühl. Entlang der Hauptstraße wimmelte es nur so von Polizei und Militär. Alle paar hundert Meter wieder eine Straßensperre mit ausgerolltem Stacheldraht und schweren Geschützen hinter Bergen aus Sandsäcken. Man durchsuchte alle Fahrzeuge nach Waffen. Gilgit steht immer wieder im Brennpunkt von Unruhen zwischen Schiiten, Sunniten und Ismailen. Anfang des Jahres wurde einer der extremistischen Führer in Gilgit ermordet, was vor nicht mal fünf Wochen zu einem Vergeltungsschlag führte, bei dem 34 Menschen um’s Leben kamen. Gegen Touristen habe man hier nichts’, wurde uns versichert. Es geht bei den Auseinandersetzungen einzig um Machtverteilung. Dennoch waren kaum Ausländer in der Stadt; die Sache schien nach wie vor zu brodeln.

In Gilgit fanden wir endlich öffentliches Internet, auch wenn der Strom gleich dreimal alle Lichter ausgehen ließ. Die tagtäglichen Stromausfälle kannten wir bereits aus Indien, aber dennoch regte uns dieses Disaster jedes Mal wieder auf. Immerhin lasen wir zwischen zwei Abstürzen, dass unsere Iran-Visa bereits abgeholt werden konnten. Kaum zu glauben; wir hatten mit einer Nachricht frühestens am Montag gerechnet. Nun müssen wir aber Gas geben, sonst war die Mühe umsonst!

PS: Was schon gestern unerwähnt blieb, sind die ungewohnt europäisch aussehenden Menschen. Eigentlich hätten wir eher einen chinesischen Einschlag erwartet, aber stattdessen strahlten uns grünäugige, dunkelblonde Kinder entgegen und Erik wollte gar nicht glauben, dass die braunen Haare mancher Männer nicht etwa gefärbt waren. Manche Frauen dagegen erinnerten uns mit ihren rotbackigen, runden Gesichtern wiederum an tibetische Frauen, wie wir sie in Nordindien gesehen hatten. Wäre mal interessant, die Hintergründe dieses Kulturmixes zu erfahren.

 

 

Hanka und Erik
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